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The Games we play

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16 / MaleSlash
10.07.2019
02.09.2021
54
317.099
153
Alle Kapitel
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Dieses Kapitel
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10.07.2019 1.892
 
Für alle Neuleser - Kommentare enthalten Spoiler, also wenn ihr unvoreingenommen an die Story rangehen wollt, ist es nicht verkehrt, sich da eine Weile fernzuhalten ^^
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„Ich bin müde.“ Die Worte kamen als Flüstern über seine Lippen.

Ace hatte den Kopf in den Nacken gelegt und blinzelte der Sonne entgegen, die ihm Schultern und Nasenrücken bereits angebrannt hatte. Er schmeckte Salz in seinen Mundwinkeln und fühlte es in seinen Augenlidern, die ihm schwer und träge vorkamen. Irgendwo in seiner Nähe ertönte ein Möwenkreischen. Als wäre das eine Antwort auf seinen halbherzogen Konversationsversuch ins Nichts, murmelte er weiter: „Kennst du das, wenn du das Gefühl hast, du wärst nicht fürs Spaßhaben gemacht?“ Der Vogel verweigerte ihm die Antwort.

Er ließ den Kopf wieder sinken und fuhr sich mit einer Hand durch die Haare, die sich vom Wasser kraus und lockig anfühlten. Seine Zehen waren tief in den Sand eingegraben, bis zu den Schichten hin, wo die angenehme Kühle begann, und ab und zu schwappte eine Welle nah genug, um seine Beine und seinen Hintern zu umspielen.



Verantwortlich für die Reise waren seine Eltern. Sie hatten einen letzten wundervollen, entspannten Familienurlaub angesetzt, ehe John sich endgültig aus ihrem heimischen Nest begeben und sie zu dritt zurücklassen würde. Ein halbes Jahr lang wurde geplant und gespart, damit sich die zwei Wochen so perfekt wie möglich gestalteten – menschenleere, malerische Strände, klares blaues Wasser, strahlend weißer Sand und weit und breit keine Stadt, die größer war als idyllische kleine Touristenorte. Ace hatte sich fest vorgenommen, dass er mitfahren und die Zeit genießen wollte, aber ganz gelingen wollte es ihm nicht.

Wenn du gehst, bin ich allein.

Er hatte sich Mühe gegeben, ehrlich. Aber wenn Ace abends die Fotos durchsah, die seine Mutter ihn begeistert am Laptop zeigte, dann sah er drei strahlende Erwachsene und hinter ihnen den schmächtigen Jungen, der sich trotz der Hitze tief im Kapuzenpullover vergraben hatte und vermutlich gerade vor Wärme erstickte – zumindest zog er eine entsprechend mürrische Miene. Die einzige Ausnahme waren die Bilder, in denen John ihn zu sich gezogen hatte, mit ihm herumalberte und ihn ärgerte, bis sie beide Grimassen schnitten. In solchen Momenten hatte seine Mutter es sogar geschafft, ihn mit einem seltenen Grinsen im Gesicht zu knipsen.

… Aber du willst gehen, und dann habe ich niemanden mehr.

„Jetzt lass den Jungen doch mal. Kein Wunder, dass er so guckt, wenn wir ihn mitten in den Sommerferien wochenlang ans Ende der Welt entführen, während all seine Freunde zuhause bleiben müssen“, hatte sein Vater noch gescherzt, jedes Mal, wenn Carla versuchte, ein Foto-Lächeln bei Ace hervorzuzaubern. „Als ich in seinem Alter war, hätt‘ ich da auch geschmollt.“ Ace hatte ein Grinsen erzwungen, und sein Vater hatte gelacht und ihm die Schulter getätschelt, als würden sie einander genau verstehen. Aber was hätte er auch sagen sollen? Welche Freunde? Das klang traurig, und erbärmlich, und Ace war mit siebzehn zu alt, um diesen Umstand noch in die Welt hinausschreien zu wollen. Lieber benahm er sich, als wäre es die furchtbarste Sache der Welt, den Sommer über aus Montana zu verschwinden und dort alle seine Bekannten zurückzulassen.



Irgendwo in ihm schlug der Wunsch, aufzustehen und weiterzugehen, hinein in das verlockend blaue Wasser, bis es ihn verschluckte und alles Ace-artige auf dieser Welt mit sich riss. Der Gedanke hatte nichts Suizidales, glaubte er. Sicher, er hatte diese Phasen gehabt, aber inzwischen war Ace älter. Inzwischen wollte er sich selbst verachten, wenn er zu lange in Selbstmitleid versank, und dann verachtete er sich für die Verachtung, die er sich entgegenbrachte, und dann lachte er manchmal, oder heulte, oder schaltete seinen Computer an und guckte, womit er der Realität denn diesmal entfliehen würde.

Was er wirklich und tief im Inneren wollte, war Verschwinden. Von einen Wimpernschlag auf den anderen, und ohne Spuren zu hinterlassen, die jemandem wehtun konnten. Von Existenz zu Nicht-Existenz, einfach so. Und es gab mit Sicherheit weit schlimmere Orte zum Vergessen werden als weiße Sandstrände in Florida.



„Hey! Hey, Zwerg! Fang!“ Ace stolperte beinahe über die eigenen Glieder, als er gleichzeitig aufstehen, herumwirbeln und die Arme ausstrecken wollte. Der Wasserball glitt knapp an seinen Fingerspitzen vorbei und landete mit einem traurigen ‚Ploof‘ auf den Wellen neben ihm.

„Ich hab nen Namen!“, schimpfte Ace, ohne es wirklich so zu meinen. Er konnte bereits spüren, wie das Lächeln an seinen Mundwinkeln zupfte. John strahlte ihm entgegen und joggte durch die Wellen zu ihm, und die ungetrübte Freude im Gesicht seines Bruders verjagte Melancholie und düstere Gedanken. Ace fühlte sich unerklärlich dankbar. Dann schloss sein Bruder zu ihm auf. Er ließ sich bäuchlings fallen und einen Wasserschwall auf Ace niederregnen, der seinem Lächeln eine säuerliche Note verlieh.

„Bastard!“ Ace kickte einen Sprühregen aus Sand und feinen Tropfen gen John, der feixend auswich. Bevor Ace sich versah, hatte sein Bruder ihn schon gepackt, hievte ihn empor und warf ihn ein paar Schritte weiter in die Fluten. Ace tauchte prustend wieder auf und musterte seinen Bruder mit zusammengekniffenen Augen.

„…Okay. Das bedeutet Krieg.“ John lachte, fuchtelte mit seinen Armen in der Luft und endete in einer furchtbar unsauberen Karate-Kid-Position.

„Na dann, Kurzer, zeig, was du drauf hast!“



„Jetzt guck mal nicht so doof.“

„Sorry, wenn ich dich sehe, kann ich nicht anders als Grimassen schneiden.“ John hatte einen Arm um Aces Schultern gelegt, und gemeinsam grinsten sie seiner Handykamera entgegen. Am anderen Ende des Tisches schimpfte ihre Mutter.

„Jungs, seid nett zueinander!“

„Wir sind ein Herz und eine Seele!“, warf Ace empört ein, während er die Gunst der Stunde nutzte, um den Keks vom unbewachten Eisbecher seines Bruders zu klauen. Sein Vater schmunzelte nur.

„Was wird das? Fotos für Jolie?“ John nickte, während seine Finger noch über den Bildschirm fuhren.

„Ja. Ich muss ihr zeigen, dass ich die Anstandsdame noch dabei habe, damit sie nicht glaubt, ich würde hier irgendwelche Mädels anziehen.“ Ace und sein Vater grinsten, während Carla tief seufzte.

„Jetzt red doch nicht so über deinen Bruder … Ace ist so ein hübscher Kerl, die Mädchen in der Schule laufen ihm doch sicher auch in Scharen nach. Und früher oder später wird er nicht drum herumkommen, sie mir vorzustellen…“ Zu Aces Glück hatte er gerade begonnen, am Keks zu mümmeln. So war es ihm erlaubt, sich in einen strategisch günstigen Hustenanfall zu retten, statt irgendwas zur Konversation beizutragen.

„Wenn ich sowas höre, würde ich sie an Aces Stelle auch nicht heimbringen. Ist ja peinlich! … Außerdem wurde er schon traumatisiert, als er gesehen hat, wie du mich dauernd vor Jolie in Verlegenheit gebracht hast. Sowas hat für schwere Risse in eurer gesunden Mutter-Kind-Beziehung gesorgt und verstört ihn jetzt womöglich fürs Leben.“ John hatte seine ernste gelernter-Pädagoge-Stimme aufgesetzt, und während sein Vater ihn durchschaute und in seinen Milchshake gluckste, schien ihre Mutter verstimmt.

„Als ob! … Ace, du bist nicht verstört, oder?“ Ace, der immer noch so angestrengt seinen Husten gefaked hatte, dass sein Hals allmählich wirklich wehtat, räusperte sich und sah auf.

„Also… du hättest ein oder zwei von den peinlichen Kindheitsgeschichten weglassen können“, ergänzte er vorsichtig. Glücklicherweise schien das Thema ‚Ace und Freundin‘ schon wieder unterzugehen. Um ihm noch den letzten Schubser gen Abgrund zu verpassen, fügte er hinzu: „Es war echt nicht notwendig, dass sie erfahren hat, dass er als Kleinkind unbedingt in einen Legostein pinkeln wollte…“ John stieß ihn gegen die Schulter, Ace stieß zurück, und innerhalb weniger Momente entwickelte sich eine Rauferei, die mit Ace im Schwitzkasten endete.

„Wenigstens war ich nicht überzeugt, dass Mum geheime Sprengstofffläschchen im Parfümschrank versteckt!“

„Ich konnte nicht wissen, dass es der Parfümschrank war! Ich konnte noch nichtmal lesen!“ Auf der anderen Seite des Tisches ließ Carla den Kopf in die Hände sinken. Nur ihr Vater schien bestens unterhalten. Ace wurde losgelassen, als ihm die Luft auszugehen begann, und sank ächzend auf seinen Platz zurück. Seine Mutter seufzte.

„So. Alle wieder ruhig?“

„Na sicher. Wir haben uns lieb.“ Ace verzog den Mund schmollend, als John ihm den Kopf tätschelte, aber sah keinen Grund zu wiedersprechen. Trotz aller Kabbeleien gab es niemanden, der ihm so viel bedeutete wie sein großer Bruder. Er war Aces bester Freund, sein Vorbild, derjenige, der ihm half und ihn unterstützte und sich mit spielerischer Leichtigkeit durch sein eigenes Leben zu finden schien. Außerdem war er zu seiner eigenen Highschool-Zeit Mitglied des Footballteams und Promkönig gewesen, beliebt und selbstbewusst und bewundert, und Ace hätte alles dafür gegeben, den Alltag aus seiner Perspektive erleben zu dürfen.

Anders als bei John fanden Aces beste Momente nur in seiner Fantasie statt.

Jetzt stand John kurz davor, mit seiner Verlobten zusammenzuziehen und seine erste Stelle in Great Falls anzutreten. Das waren vielleicht vier Stunden Fahrtzeit, genug, um sich das Auto seines Vaters zu erbetteln und mal eben rüberzufahren, um das glückliche Paar in ihrer neuen Wohnung zu nerven… Ace schluckte schwer. Er war nicht einsam. Er doch nicht. Während seine Gedanken ihn wieder zu vereinnahmen drohten, schlürfte John an den Resten seines Milchshakes und meinte: „Überhaupt, wenn Ace mal eine Freundin kriegt, bin ich ja wohl der Erste, der von ihr erfährt.“

„…Klar.“ Ace lächelte, aus dem Konzept gerissen, und hoffte, dass nicht allzu viel Zynismus mitschwang.

Es war nicht, dass er große Angst vor seinem Outing hatte. Seine Familie war nicht einmal religiös genug für regelmäßigen Kirchbesuch, und seit John aufs College ging, war auch er komplett offen gegenüber allen abweichenden Lebensstilen. Seine Mutter nutzte jede Gelegenheit, um sich auf sozialen Medien für benachteiligte Minderheitengruppen einzusetzen, und seinem Vater war generell alles egal, solange man ihn nicht aktiv nervte. Dennoch spürte er, wie sein Magen sich zusammenzog, wenn er auch nur daran dachte.

Ace hatte ein sehr, sehr großes Problem damit, offen und ehrlich zu sich zu stehen. Wo sollte diese Ehrlichkeit anfangen und wo aufhören? Reichte es, wenn man mal eben in den Raum warf, dass man eigentlich mehr mit Kerlen als mit Mädchen anzufangen wusste? Oder würde mehr aus ihm herausströmen? Wenn er einmal anfing mit Reden, würde dann auch alles andere hervorbrechen? Über die Probleme in seiner Schule, darüber, dass er außer seinem großen Bruder nicht einen einzigen Freund hatte, über die Gerüchte, die man seit der Middle School über ihn verbreitete, und über die Jungen, die ihn in Spinde gestopft und seine Brille zerbrochen hatten, die ihn schlugen, und herumschubsten, und seine Schulsachen zerstörten, und Videos drehten, auf denen er halbnackt im Schutt saß und heulend auf seiner eigenen Unterhose kaute … Nein. Er spürte, wie sein Mund zu zucken begann, und zwang sich zu einem schmallippigen Lächeln, damit der Rest seiner Gesichtsmuskeln nicht einmal auf die Idee kam, traurig zu wirken. Nichts davon. Er ballte die Fäuste und atmete tief, als könnte frischer Sauerstoff die Traurigkeit aus seinem Gehirn spülen.

Sie würden niemals davon erfahren. Seine Eltern nicht, und John auch nicht. Denn Ace würde es in einem Jahr hinter sich haben, aber wie viel länger würden sie sich Vorwürfe machen? Oder – und Ace hoffte, dass das nur ein unrealistischer Worst Case war, den ihm seine deprimierten Gedanken aufzwangen – wie lange würden sie ihm Vorwürfe machen? Dafür, dass er geschwiegen hatte, nichts unternommen hatte, während es nach und nach eskalierte, dafür, dass er niemals wirklich versucht hatte, etwas anderes als ein Opfer zu sein, dafür, dass-

Ein Möwenschrei ertönte und riss ihn aus seinen Überlegungen. Ace fragte sich, ob es derselbe Vogel war, den er zuvor zugetextet hatte. …Vielleicht hast du Recht, antwortete er ihm in Gedanken.
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