The Games we play

GeschichteDrama, Romanze / P16 Slash
10.07.2019
17.11.2019
37
197658
57
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Für alle Neuleser - Kommentare enthalten Spoiler, also wenn ihr unvoreingenommen an die Story rangehen wollt, ist es nicht verkehrt, sich da eine Weile fernzuhalten ^^

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Die Hitze brannte seine schmalen Schulterblätter entlang, legte ihm feinen Schweißfilm auf die Schläfen und ließ ihn müde blinzeln. Ace grub seine Füße tiefer in den nassen Sand, verrieb ihn zwischen seinen Zehen und legte seinen Kopf auf seinen verschränkten Armen ab. Manchmal hatte er das Gefühl, er sei nicht für das Spaßhaben geschaffen.

Eigentlich sollte das ein netter, entspannter Familienurlaub werden, ein letztes gemeinsames Zusammensein, ehe John ausziehen und den Rest der Familie alleinlassen würde. Und eigentlich versuchte Ace sein Bestes, um sich für ihn zu freuen und die Zeit mit seiner Familie zu genießen, aber… ganz wollte es nicht gelingen.

Wenn du gehst, bin ich allein.

Er biss sich auf die Lippe, stand auf und watete durch den zerlaufenden Sand ein wenig weiter in die Wellen hinein. Das Wasser war von einem unheimlich klaren Blau, der Sand unter seinen Füßen weiß und strahlend. Florida, fast wie in den Hollywood-Filmen, nur ohne überfüllte Strände – darauf hatten seine Eltern bei der Buchung ganz besonders gut achtgegeben.

„Ich weiß, das muss langweilig sein für dich, so ohne Gleichaltrige… aber es ist ja nur eine Woche, danach sind wir wieder zuhause und du kannst mit deinen Freunden was unternehmen.“ Seine Mutter hatte ihm noch zugezwinkert und gelacht, und ihr zuliebe hatte auch Ace sich ein Lächeln aufgezwungen. Was hätte er auch sagen sollen? Welche Freunde? Ace war keine dreizehn mehr, er wusste selbst, dass das selbstmitleidig und erbärmlich klang. Stattdessen benahm er sich, als wäre es ganz, ganz schrecklich, den Sommer über aus Montana zu verschwinden und dort all seine Bekannten zurückzulassen. Er spürte tief vergrabene, selbstmitleidige Bitterkeit, wenn er daran dachte, und versuchte sie regelmäßig zu verdrängen, wenn sie aufkam. Ace wollte keiner dieser Menschen sein, die immer nur jammerten, auch wenn er ab und an eigentlich Grund dazu hatte.

Ein Teil von ihm wollte weitergehen, in das verlockend klare blaue Wasser, bis es ihn verschluckte und mit sich riss, gemeinsam mit allem, was an seine Person erinnerte. Der Gedanke hatte nichts suizidales – er hatte so eine Phase gehabt, wie genug andere 14jährige, aber inzwischen konnte Ace dem Gedanken daran wenig abgewinnen. Was ein Teil von ihm eigentlich ersehnte, war Nicht-Existenz. Wenn er jetzt blinzeln könnte und von einer Sekunde auf die andere ausgelöscht wäre, schmerzlos für ihn und alle anderen, dann würde er es wahrscheinlich tun. Es gab schlimmere Orte zum Verschwinden als einen sonnigen Sandstrand in Florida.

„Hey! Hey, Kleiner! Fang!“ Ace wirbelte herum und streckte die Arme aus, und der Wasserball glitt knapp an seinen Fingerspitzen vorbei, ehe er mit einem traurigen ‚Ploof‘ auf den Wellen landete, die ihm mittlerweile an die Knöchel reichten.

„Du sollst mich nicht so nennen!“, murrte Ace, während sein Bruder ihm entgegenstrahlte und begann, über den Strand zu ihm hinzujoggen. Er verjagte die Melancholie, verjagte seine Gedanken und spürte sich Lächeln, als er die ungetrübte Freude von John sah. Dann ließ sein Bruder sich fallen, und der Wasserschwall, der Ace entgegenspritze, verlieh seinem Lächeln etwas Säuerliches.

„Bastard!“ Ace kickte seinerseits durch Sand und Meer nach John, der den funkelnden Tropfen feixend auswich, ein paar Schritte nach hinten lief, bis ihm die Wellen die Knie umspülten, und sich wieder direkt ins Nass stürzen ließ. Ace versuchte noch sich abzuschirmen, ehe auch schon der Sprühregen auf ihn niederging. Fluchend und lachend folgte er. Solange John in seiner Nähe war, sah die Welt eigentlich gar nicht so schlimm aus.


„Versuch mal, nicht ganz so doof zu gucken.“

„Tut mir leid, wenn ich dich sehe, kann ich nur Grimassen ziehen.“ John legte ihn einen Arm um die Schultern, strahlte dem Handy entgegen, und Ace versuchte sich an seinem schönsten Grinsen, während ihre Mutter vom anderen Ende des Tisches schimpfte. „Jungs, seid nett zueinander.“ Sein Vater schmunzelte nur. „Ach, so zeigen die sich ihre Liebe. Ist doch nichts Neues. Was wird das eigentlich, Fotos für Jolie?“ John nickte, als er das Handy wieder sinken ließ und die Finger über den Bildschirm wischen ließ.

„Ja. Nicht, dass sie denkt, dass ich hier noch anderen Frauen nachjage oder so.“ Ihr Vater lachte tief, Carla kicherte, und Ace rette sich ins Schweigen, während er an seinem Milchshake nuckelte.

„Ist auch besser so, du musst ja auch noch welche für deinen Bruder übriglassen. Ich warte immer noch darauf, dass er endlich das erste Mädchen mit nach Hause bringt.“ Ace verschluckte sich um ein Haar, hustete zweimal in seine Hand, bis seine Kehle ihm Milchshake-frei erschien, und hielt dann inne, den Kopf gesenkt. Er betete, dass keine Antwort von ihm verlangt wurde, und John rettete ihn aus der peinlichen Gesprächspause, indem er schnaubte.

„So versessen, wie du darauf bist, würd ich an Aces Stelle auch dafür sorgen, dass ich sie mindestens hundert Meter von dir fernhalte. Ist ja gruselig. Außerdem hat er gesehen, wie du Jolie meine Fotoalben gezeigt hast, sowas traumatisiert fürs Leben.“ Ihre Mutter lachte und winkte ab.

„So ein Unsinn! Bist du denn traumatisiert?“, fragte sie John mit heiter blitzenden Augen, und John meinte mit einem Hauch gerechter Empörung: „Ja!“

„Vielleicht hättest du die Kindheitsgeschichten weglassen sollen.“, ergänzte jetzt auch Ace, der sich in der entbrennenden Kabbelei wieder sicher wähnte. „Ich meine, musste Jolie wirklich wissen, dass er als Kleinkind versucht hat, in nen Legostein zu pinkeln-“ John schubste Aces Stuhl, der schubste zurück, als er sich gefangen hatte, und nach kurzer Rauferei hatte John ihn im Schwitzkasten und streckte spielerisch die Hand nach den Resten von Aces Milchshake aus. Als er dessen Panik sah, lachte er und ließ ihn wieder los. Auf der anderen Seite des Tisches ließ Carla den Kopf in die Hände sinken.

„Eigentlich haben sie mir ja alle gesagt, dass der Altersunterschied für weniger Spannungen zuhause sorgen soll…“

„Da sind überhaupt keine Spannungen, wir sind ein Herz und eine Seele.“, stellte John klar und stieß kurz die Fäuste mit Ace zusammen, wie um seine Worte zu beweisen. Tatsächlich bewunderte Ace seinen großen Bruder, der schon immer Helfer und Unterstützer für ihn gewesen war und gleichzeitig noch all das, was Ace gerne sein wollte. In der Schule war John beliebt gewesen, die Universität hatte er erfolgreich abgeschlossen, und jetzt stand er kurz vor davor, seine erste Stelle als Schulpädagoge in Great Falls anzutreten. Und das waren immerhin nur 4 Stunden Fahrtzeit, genug, um das Wochenende mal eben rüberzufahren und John in seiner neuen Wohnung zu besuchen… Ace fühlte sich schlucken. Er war nicht einsam. Er doch nicht. John, der von seinem Dilemma nichts ahnte, beugte sich verschwörerisch zu ihm herüber. „Und überhaupt… wenn Ace mal eine Freundin kriegt, bin ich ja wohl der erste, der es erfährt.“

„-Klar…“ Aus dem Konzept gerissen lächelte Ace und hoffte, dass es nicht zynisch war.

Eigentlich wusste er nicht, warum er solche Angst vor der Reaktion seiner Eltern hatte. Sicher, sie rechneten nicht damit, aber sie würden ihn auch nicht dafür hassen, dass er homosexuell war – also, zumindest wüsste er nicht, wieso. Seine Mutter unternahm normalerweise gerne Anstrengungen, um zu zeigen, dass sie für jede benachteiligte Minderheitengruppe dieser Welt in den Ring springen würde –  zumindest solange der ‚Ring‘ die Kommentarspalte irgendeiner Social-Media-Seite war – und sein Vater betrachtete die Welt zwar eher konservativ, aber war selbst schon in einem Alter, in dem er nicht glaubte, man könnte irgendwem aufzwingen, wie derjenige zu leben hatte. Es war nur, dass Ace Dinge vor ihnen geheimhielt, viel zu viele und schon viel zu lange. Wenn er jetzt anfing, über seine Privatangelegenheiten zu reden, wer wusste, ob es dann bei seiner Sexualität blieb? Oder ob noch mehr herausströmen würde – über die Gerüchte, die man zu Beginn der Junior High über ihn verbreitet hatte, über die Jungen, die begonnen hatten, ihn in Spinde zu stopfen, und Mülltonnen, die seine Brille zerbrochen hatten, sein Schulzeug versteckt hatten, Videos drehten, auf denen er halbnackt im Schutt saß und auf seiner eigenen Unterhose kaute, und Bilder machten, die tags darauf die ganze Schule kannte… Nein. Ace ballte die Faust einen Moment. Nichts davon. Sie würden niemals irgendwas davon erfahren, genausowenig wie John. Denn Ace würde es in einem Jahr hinter sich haben, aber er hatte Angst, dass sein Bruder es sich noch viel länger zum Vorwurf machen würde. Außerdem fühlte er eine irritierende Art von Schuld – Schuld dafür, geschwiegen zu haben, und Schuld, nicht eingegriffen zu haben, ehe es eskalierte.

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Ich freu mich, dass du hergefunden hast ^^ Vorneweg noch einmal - in der Geschichte werden explizite und gewalttätige Szenen auftauchen, genauso wie Schilderungen von Mobbing. Wenn so etwas nichts für dich ist, dann ist jetzt der passende Moment umzukehren.
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