Die grüne Flucht

von Racussa
GeschichteSci-Fi / P16
Weyoun
10.07.2019
05.08.2019
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„Cubanatischer Sheba ist eine Spezialität meiner Heimatprovinz. Zerbrechen Sie mit dem Skalar die Chitinhülle, dann können Sie das saftige Fleisch dieses herrlichen Tierchens herauslöffeln.“, erklärte die stellvertretende Kapitänin, bei deren Anblick Weyoun seit Beginn des Abendessens ständig gleichzeitig der unwillkürliche Drang überkam, wegzulaufen und ihr angoraweiches, weißes Fell zu streicheln. Stattdessen griff er wie sein Gegenüber zu dem Besteckteil, das aussah wie eine fünfgliedrige Zange. Doch während die Caitianerin grazil die vier Greifarme um das röhrenförmige Objekt auf ihrem Teller montierte und das fünfte Glied so aufbog, dass die Hülle nach vier Seiten aufklappte und den Blick auf lachsfarbenes Fleisch freigab, zerquetschte Weyouns Versuch, mit dem Werkzeug umzugehen, die Chitinhülle und ließ unzählige Splitter in das Fleisch eindringen. Weyouns Blick ging in die schweigende Runde, dann brachen alle in schallendes Gelächter aus, alle mit Ausnahme des düsteren E’Mek.

Mit ihrer zu hohen Stimme trällerte Botschafterin Tematra, die erhöht an einem eigenen Tischteil am Kopfende der Tafel saß und auf die Gäste zu ihrer Rechten und Linken hinunterschaute: „Perfekt, Sie hätten uns zutiefst enttäuscht, wenn Sie gewusst hätten, wie dieses Ding funktioniert. Sie können die Splitter auch mitessen, schmeckt zwar ekelhaft, aber sie herauszusuchen würde solange dauern, dass das Fleisch kalt wird. Jeder von uns wurde von Subcommander Mietze auf diese Weise vorgeführt.“

Nun konnte auch Weyoun mitlachen, nahm einen großen Bissen und steckte ihn in den Mund. Gut, dass wir keine Geschmacksnerven mehr haben, denn die Konsistenz dieses Fleisches ist wie gekochtes Hirn mit Walnussschalensplittern darin. Lacht nur über mich, dann bin ich in Sicherheit!

„Subcommander, ich bewundere die Caitianische Küche. Ich habe so etwas noch nie gegessen!“

„Cubanatischen Sheba mit dem Chitin zu essen, ist wie warmes Ale zu trinken: Barbarisch! Aber es soll Ihnen verziehen sein.“

E’Mek knurrte: „Kommen wir zur Sache, Botschafterin, wie lange soll diese Farce noch dauern. Wir wissen, wer er ist. Warum warten?“

Weyouns Gabel sank mit dem glibbrigen Sheba-Fleisch. Botschafterin Tematra nahm verärgert ihre grüne Serviette vom Schoß, wischte sich den Mund ab und trank aus einem Kristallglas etwas Wasser: „Wären Sie ein Romulaner, Subcommander E’Mek, würde ich Sie jetzt auspeitschen lassen. Das Essen einer Botschafterin zu stören und sich nicht an die Etikette des Romulanischen Reiches zu halten, ist ein Verbrechen. Kein Wunder, dass es auf Remus nur Minen gibt!“

Doktor Nhlox und der Wissenschaftler, Professor Nelen, dessen schuppiger Kopf von einem nach hinten gebogenen Horn gekrönt wurde, sahen sich betreten an. E’Mek legte den Löffel weg, mit dem er eben noch eine grüngelbe Suppe gelöffelt hatte:

„Botschafterin, ich erinnere daran – auch wenn jetzt der fremde Verbrecher mit uns am Tisch sitzt – dass wir in dieser Mission zusammenarbeiten, aber ich nicht Ihr Schoßhündchen bin wie dieser mittelmäßige Trottel, der überbezahlt nichts tut, um die Sicherheit unserer Mission zu gewährleisten.“ Mit diesen Worten warf er lustlos eine längliche, violette Frucht, die auf einem Obstteller in der Mitte des Tisches gelegen hatte, nach Subcommander Rivil. Die Frucht platze auf und ergoss ihren klebrigen Inhalt über die Uniform und das silbern glänzende Tal’Shiar-Abzeichen an Rivils Brustkette.

Das wird ja jetzt spannend.

Rivil blickte zur Botschafterin, die demonstrativ entspannt nach einem Stück Gebäck in einem Korb vor ihrem Teller griff. Seine Hand schloss sich fester um das Messer, mit dem er bis jetzt ein Steak geschnitten hatte. „Botschafterin, dieser Proletarier sollte nicht gewürdigt werden, mit uns an einem Tisch zu sitzen! Gestatten Sie mir, ihn hinauszubegleiten?“

Ist das der Rest des so gefürchteten Tal’Shiar? Ich bin erstaunt.

Die Botschafterin schnitt das Mohnflesserl, das sie genommen hatte, mit ihrem Buttermesser auf und blickte zuerst schweigend auf E’Mek, der grimmig den Löffel in der Hand hielt, dann auf Rivil, der in ähnlicher Weise das Messer hielt. Bevor sie etwas sagen konnte, ergriff Mietze das Wort: „Der Umgang der Besatzung untereinander ist nicht Angelegenheit der Botschafterin. Subcommander E‘Mek und Subcommander Rivil haben wichtige dienstliche Aufgaben, weshalb sie uns jetzt verlassen werden.“
Während Tematra erleichtert nickte und begann, einen grünen Aufstrich auf die untere Hälfte ihres Flesserls zu streichen, erhob sich Subcommander Rivil, verneigte sich tief vor der Botschafterin und nickte Subcommander Mietze zu. E’Mek blieb sitzen: „Es kommt nicht in Frage, dass ich gehe. Schlimm genug, dass der Verbrecher im Krankenrevier unbewacht blieb, ich werde nicht zusehen, wie die Botschafterin und wichtige Teile der Besatzung hier ungeschützt mit ihm zurückbleiben. Ich bin der Verantwortliche für die Innere Sicherheit!“

Was ist hier los? Warum nennt er mich Verbrecher und was läuft hier?

Weyoun hatte den Gedanken noch nicht zu Ende gedacht, als Mietze mit einer unglaublich schnellen Bewegung ihre rechte Hand über das Gesicht E’Meks zog. Erst Sekunden später bemerkte er die Tropfen feinen grünen Blutes, die ihm über Nase und Lippen tropften, während Mietze bereits die Krallen an der Serviette reinigte und in ihre samtigen Ballen zurückzog: „Ich bin nicht nur stellvertretende Kapitänin, ich teile auch die Dienste ein. Und – wie Sie gerade gesehen habe – bin ich durchaus schnell genug in der Lage, die Sicherheit der Botschafterin zu gewährleisten.“
Rivil grinste, während E’Mek aufstand und scheppernd den Löffel auf den Boden warf. „Ihr wisst ja nicht, was ihr tut! Keine von euch ist seiner Telepathie überlegen, nur ich kann ihm widerstehen. Ihr werdet es schon noch merken.“ Er stieß den Sessel hinter sich um, schubste Rivil an der Tür zur Seite und ging hinaus. Rivil folgte ihm.

Peinliche Stille erfüllte den Raum.

Botschafterin Tematra biss in ihr fertig bestrichenes Flesserl. Doktor Nhlox führte sein Messer wie ein Skalpell durch die Chitinhülle des Shebas auf seinem Teller.

Der bisher schweigsame Wissenschaftler erhob das Wort, wobei seine Stimme durch das hohle Horn auf seinem Kopf ein eigenartiges Echo erzeugte: „Im Herzen der Remaner brennt das Feuer der Minen von Remus, Minen, in denen all die Erze gefördert werden, die Romulus reich machen.“

Mietze legte ihr Skalar weg. „Ich denke nicht, dass die Diskussion innerromulanischer Materien uns hier weiterbringt.“

Weyoun nützte die neue Stille: „Es tut mir leid, Botschafterin, dass ich zum Anlass solchen Streites wurde. Ich versichere Eurer Exzellenz, dass meine telepathischen Fähigkeiten sehr rudimentär sind, kaum stark genug, einem einfachen Säugetier meinen Willen aufzuzwingen. Und mit einer so großen Gruppe wie hier wäre selbst ein Psi-Vorta überfordert.“

Nelen nickte: „Und da die Vorta keine Erfahrung mit Reptilianergehirnen haben, würde er an mir auf jeden Fall scheitern.“

„Ganz zu schweigen von mir!“, mischte sich nun der unmittelbar neben Weyoun sitzende Gast ein, der bisher nur an einem heißen Getränk genippt hatte.

Ja, du bist wirklich ein Rätsel, denn ich kann weder deinen Herzschlag noch deinen Atem hören, was mir bei allen anderen hier leicht gelingt. Was bist du?

„Bei einer so inhomogenen Gruppe ist es wahrscheinlich, dass jede weitere Fremdheit zur Eskalation des Zusammenlebens führt.“

Botschafterin Tematra nickte resigniert. „Wie gut, dass wir einen Philosophen an Bord haben, noch dazu so einen Idealisten!“

Ich komme nicht darauf, was hier los ist. Wozu dieses Essen, was wollen sie von mir erfahren? Ist es schon Zeit, um meine Rückkehr ins Dominion zu bitten?

„Wann wird es möglich sein, dass ich meine Verwandten benachrichtige. Ich möchte ein angemessenes Geschenk für meine Rettung an Sie übergeben können, um dem Romulanischen Reich meine Dankbarkeit auszudrücken. Ein einfacher Vorta hat es in diesen Tagen nicht leicht im Alphaquadranten. Und ich möchte Ihre Gastfreundschaft nicht über Gebühr strapazieren.“

Die Botschafterin begann, Butter auf den zweiten Teil ihres Flesserls aufzutragen: „Ich teile nicht Subcommander E’Meks pessimistische Sicht. Grundsätzlich fand ich die geglückte Begegnung mit dem orionischen Schiff erleichternd, aber Sie sollten uns nicht für dumm verkaufen. Ich biete Ihnen eine einzige Chance: Wer sind Sie wirklich?“ Sie legte das Buttermesser zur Seite, sah Weyoun eindringlich an und biss von ihrem Gebäck ab.

Was kann sie wissen? Wenn sie die Föderationsdatenbanken durchgesehen hat…oder auch die romulanischen? Sie ist eine Botschafterin, dort muss ich ansetzen.

„Ich bin ein einfacher Vorta, Exzellenz, aber meine Namensvorgänger waren in einer ähnlichen Funktion tätig wie Ihr. Es ist sicher bekannt, dass mehrere Weyouns als Botschafter des Dominion hier im Alphaquadranten tätig waren. Nach unserer Zählung bin ich Weyoun 9.“

Um den Anschein der Gelassenheit zu erwecken, spießte Weyoun noch ein Stück des Sheba auf und steckte es in den Mund. Die Botschafterin nickte zufrieden, blickte zuerst zu Mietze, dann zu Doktor Nhlox, Professor Nelen und schließlich zu Philosoph Miquel. „Es ehrt Sie, zumindest größtenteils die Wahrheit zu sagen. Subcommander E’Mek war sicher, dass Sie lügen würden, wenn wir Sie direkt auf Ihren Namen ansprechen. Er ist der Meinung, dass der größte Kriegsverbrecher des Dominionkrieges es nicht wagen würde, sich ehrlich vorzustellen. Er meinte, Sie wüssten, was das Romulanische Reich mit Ihnen tun wird, sobald Ihre wahre Identität offen liegt. Was Sie als ‚Botschaftstätigkeit‘ bezeichnen, ist in Wahrheit die Anbahnung der Eingliederung des Cardassianischen Imperiums in das Dominion, der Bündnisvertrag mit den Breen, die Planung und in einem nicht geringen Teil auch die direkte Leitung zahlreicher großer Schlachten, nicht zuletzt der direkte Befehl zur vergeltenden Vernichtung der gesamten cardassianischen Bevölkerung. Ich bin gespannt, welches Argument Sie anführen werden, um der sofortigen Inhaftierung und anschließenden Exekution als Kriegsverbrecher zu entgehen.“

Nun gut, ändern wir die Taktik.

„Exzellenz, meine Damen und Herren. Es wäre leicht, sich auf den Befehlsnotstand zu berufen, denn was meine Vorgänger getan haben, das taten sie – zumindest implizit – im Auftrag der Gründer, unserer Götter. Ich muss einem Romulaner nicht erklären, dass Ungehorsam gegenüber den Göttern schon aus philosophischer Sicht zugleich Ungehorsam gegen sich selbst und damit die Ursache von staatszerstörendem Chaos bedeutet. Ich könnte mich zugleich darauf ausreden, dass nicht ich in dieser Person, sondern meine Vorgängerklone die von Euch genannten Taten – und weitere darüber hinaus, die noch nicht bekannt zu sein scheinen – begangen haben, aber auch das ist nur bedingt entschuldigend, denn ich trage das Bewusstsein meiner Vorgänger, ihre Verdienste und ihre Verbrechen unauslöschlich an mir. Ich bin, wie meine damaligen Kriegsgegner, Schuld am Tod von Millionen Lebewesen, wenngleich ich kein einziges persönlich getötet habe. Und wäre ich heute in derselben Lage wie damals, würde ich in den meisten Fällen genauso handeln, mit vielleicht einer Ausnahme: Ich würde niemandem aus dem Alphaquadranten trauen, der dem Dominion seine Gefolgschaft zusagt, denn ich habe – mit Ausnahme der Breen – nur Verrat und Opportunismus erlebt.“, Weyoun schluckte, aber das riskante Spiel, dass er begonnen hatte, musste nun zu Ende geführt werden.

Lasst sie nur wenigstens meine Leiche zurück in den Gammaquadranten schicken.

„Leider, und ich bitte das nicht als Unhöflichkeit aufzunehmen, hat auch das Romulanische Reich nach dem anfänglichen, von uns niemals gebrochenen Waffenstillstand, die Seite gewechselt und die Föderation mit ihren klingonischen Vasallen unterstützt, jene heuchlerischen Freunde, die nicht nur zuerst in den Gammaquadranten eingedrungen sind, um bei ihren angeblichen Forschungsreisen bis in das Herz des Dominion zur Großen Vereinigung vorzudringen und jenen heiligen Ort zu entweihen, den nicht einmal die höchsten Vorta betreten dürfen, nein, die nicht davor zurückgescheut sind, die Gründer selbst durch eine Biowaffe völlig ermorden zu wollen. Es mag keine Entschuldigung für mein konsequentes Handeln sein, aber in diesem Krieg bin ich vieles gewesen, aber nie ein Lügner; und nie ein Heuchler.“

In die betretene Stille trötete die seltsame Doppelstimme von Professor Nelen: „Gut, dass E’Mek und Rivil nicht hier sind, denn für uns Ausländer ist diese Beleidigung des Romulanischen Imperiums als eidbrüchig wahrscheinlich weniger heftig. Botschafterin Tematra?“

Die Angesprochene presste ihre Lippen aufeinander.

Miquel brach das Schweigen: „Jeder Regierende ist seinem Volk verantwortlich, und der Tradition seines Reiches. Der romulanische Senat hat gemäß seiner Bestimmung gehandelt, das Reich zu schützen. Ein romulanischer Botschafter wurde ermordet.“

„Von uns? Haben wir je einen Diplomaten oder einen Unterhändler getötet? Wir haben Spione gefasst, Saboteure und Deserteure, aber wer als offizieller Gesandter der gegnerischen Partei zu uns kam, ist von uns entsprechend behandelt worden.“

Tematra nahm ein Schluck aus ihrem versilberten Becher. „Wären Sie auf einem Schiff der Föderation, würden Sie dann um Gnade flehen, ihre Schuld eingestehen und schlechtes Gewissen heucheln, weil Sie gelernt haben, dass der Föderation das so sehr gefällt wie uns die Loyalität zum Staat und zur Inneren Ordnung?“

„Was ich von der Föderation halte, ist hier nicht Thema. Exzellenz, Ihr seid Diplomatin, daher vertraut mit der Aufgabe, Konflikte friedlich und durch vernünftiges Gespräch zu lösen.“

Mietze gab ein leises Schnurren von sich: „Ich bin in die internen Angelegenheiten des Reiches nicht besonders eingeweiht, aber die Verluste des Krieges waren schrecklich. Den Verantwortlichen…oder zumindest einen Hauptverantwortlichen nach Romulus zu bringen und dort in einem öffentlichen Prozess für seine Taten zur Verantwortung zu ziehen, könnte ein großer Prestigegewinn für eine Senatorin sein.“

Senatorin? Was hat ein Mitglied des Senats mit diesem seltsamen Schiff zu tun? Wenn ich nach Romulus gebracht werde, dann muss ich einen Weg finden, mit der Heimat anders in Kontakt zu treten. Wenn ich nur wüsste, ob Sethi’Klan noch lebt. Dann könnte er den Plan zu Ende führen; und ich in Würde auf Romulus sterben.

„Die ehrenwerte Senatorin wurde noch nicht über die Anwesenheit unseres Gastes informiert. Aber ich werde ihr davon berichten, denn…“

Ein massiver Ruck ging durch das Schiff. Becher fielen um, Doktor Nhlox kippte mit seinem Sessel nach hinten und die Schalen mit Obst und Speisen fielen klirrend zu Boden. Mietze fauchte und fuhr instinktiv ihre Krallen aus. „Dieses Schiff ist die reinste Katastrophe!“

„Ich habe genug für heute Abend. Weyoun, Sie bleiben bis auf weiteres unser Gast. Sie verstehen, dass Sie zu ihrer eigenen Sicherheit Ihr Quartier nicht allein verlassen werden. Subcommander Mietze, ich vertraue Ihnen Weyoun an. Er soll ehrenvoll behandelt und in einer angemessenen Suite untergebracht werden. Und sorgen Sie dafür, dass dieses Schiff endlich funktioniert!“, Tematra blickte auf die Flecken, die die Speisen auf ihrer Robe hinterlassen hatten, stand auf und ging zur Türe. Sie wandte sich noch einmal an Weyoun: „Zu gegebener Zeit werde ich Ihnen mitteilen, wie wir mit Ihrem Ansinnen, in den Gammaquadranten zurückzukehren, umgehen werden.“
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