Die grüne Flucht

von Racussa
GeschichteSci-Fi / P16
Weyoun
10.07.2019
05.08.2019
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„Botschafterin Tematra möchte Sie heute zum Abendessen in kleinem Rahmen einladen. Ich bin mir sicher, dass ich Sie bis dahin wieder richtig flott bekommen habe. Ich werde jetzt den Neuralinhibitor abschalten, das wird Ihnen ermöglichen, Ihre Muskeln wieder willentlich zu steuern. Erschrecken Sie nicht, am Beginn wird es ein starkes Kribbeln und wahrscheinlich einige unwillkürliche Zuckungen geben.“, erklärte Doktor Nhlox.

Hauptsache, ich kann mich endlich wieder bewegen. Diese Lähmung ist ja schrecklicher als die Zelle auf dem orionischen Schiff.

„Vielen Dank, Doktor. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie sehr ich Ihre Bemühungen mich zu heilen zu schätzen weiß. Für das Abendessen mit der verehrten Botschafterin – auf welche anderen Gäste soll ich mich vorbereiten?“

Der Doktor lachte, während er Weyoun in das rechte Ohr eine Injektion gab. „Subcommander E’Mek hat mich davor gewarnt, dass Sie versuchen werden, mich zur Preisgabe von Informationen zu bewegen, gegebenenfalls auch durch telepathische Zwangsmaßnahmen. Aber ich habe da keine Sorge. Die Hierarchie ist lange genug im Geschäft mit Informationsgewinnung und Informationsbewahrung, als dass Sie mich manipulieren könnten. Ich werde Ihnen freiwillig sagen, was Sie wissen müssen. Da Sie unser Gast sind – schließlich stehen das Romulanische Reich und das Dominion ja nicht mehr im Krieg – sehe ich da keine besonderen Gefahren.“

Hierarchie? Welche Hierarchie? Er ist kein Romulaner, soviel sehe ich, aber welche Hierarchie meint er? Ist er ein genetisches Experiment des Tal’Shiar? Ein umgedrehter Kriegsgefangener? Ein Überläufer der Föderation oder des Klingonischen Imperiums?

Während er auch in Weyouns linkes Ohr eine Injektion spritzte, fuhr er fort: „Neben Botschafterin Tematra werden auch die Ihnen schon bekannten Freunde E’Mek und Rivil anwesend sein, der remanische Sicherheitsoffizier und der romulanische Tal’Shiar-Vertreter. Sie werden – wie wir alle an Bord – Ihren Spaß an den Wortgefechten unserer beiden Ordnungshüter haben. Außerdem werden unser Schiffsphilosoph Miquel, der Leiter der wissenschaftlichen Sektion, Professor Nelen, und die Kapitänstellvertreterin am Essen teilnehmen. Und – lassen Sie sich gewarnt sein – fragen Sie auf keinen Fall, ob sie Subcommander Mietzes weiches Fell streicheln dürfen!“

„Weiches Fell?“, fragte Weyoun neugierig.

Was ist das für ein seltsames Romulanerschiff, auf dem so viele andere Rassen vertreten sind? Das passt doch überhaupt nicht zur Übervorsichtigkeit des Reiches? Irgendetwas ist hier nicht so gelaufen, wie ich es geplant hatte. Auf jeden Fall ist es gut zu wissen, dass der Tal’Shiar ebenfalls mit von der Partie ist. Deshalb hat sich dieser Typ so im Halbdunkel aufgehalten.

„Subcommander Mietze Schnurr Miau ist Caitianerin. Ihr ganzer Körper ist von einem weichen, wolligen Fell bedeckt, wie Sie es vielleicht von Zerranas oder Katzen kennen. Von unserer bunten Truppe ist sie neben Botschaftern Tematra sicher die attraktivste Wahl. Außer natürlich, Sie sind mehr an schuppigen Männern interessiert.“ Während der Doktor zwei feine Kabel aus Weyouns Genick zog, begannen seine Hände zu zucken, als würden sie über die Saiten einer Zither zupfen.

Sethi’Klan! Ich muss unbedingt nach ihm fragen. Ohne ihn wird diese Flucht ungleich schwerer.

„Darf ich fragen, Herr Doktor, wo sich mein Begleiter befindet. Der Jem’Hadar Sethi’Klan? Wir waren noch nie so lange getrennt, seit dieses große Unglück begann. Er hat mich aus manch gefährlicher Situation gerettet.“, als Weyoun das Stirnrunzeln des Doktors bemerkte, schwenkte er sofort um, „Nicht, dass ich mich jetzt in einer gefährlichen Situation befände. Ich kenne und schätze die Gastfreundschaft des Romulanischen Reiches. Aber ich bin diesem Leibwächter in großer Dankbarkeit verpflichtet.“ Das Zucken in Weyouns Händen legte sich. Zum ersten Mal seit er hier an Bord die Augen aufgeschlagen hatte, konnte er seine Finger wieder bewegen. Dafür begannen seine Füße zu zucken.

„Das ist interessant. Denn unser Jem’Hadar hat erzählt, dass er und seinesgleichen nur beliebig reproduzierbare und austauschbare Befehlsempfänger für die Vorta wären. Die Erpressung mit Ketracel Weiß und die epigenetische Programmierung zum Gehorsam verhinderten jede eigenständige Entwicklung einer eigenen Jem-Kultur.“

Unser Jem’Hadar? Hatten Sie Sethi’Klan irgendwie in ihre Gewalt bekommen? Hatte der Remaner ihn telepathisch manipuliert?

„Sie sind so schweigsam? Haben Sie gedacht, wir hätten uns nicht ausreichend informiert über die inneren Zusammenhänge des Dominion? Was möchten Sie heute Abend tragen? Soll ich ihnen einfache romulanische Kleidung replizieren? Oder wollen Sie wieder ihre ursprüngliche Kleidung, die nach der Untersuchung durch Subcommander E’Mek gereinigt und restauriert wurde.“

Die Kleidung? Vergiss die Kleidung, wo sind die Schuhe?

„Wo sind meine Schuhe?“

Der Doktor schüttelte den Kopf und ging zu einem Fach in der Wand, dessen Deckel er öffnete: „Die meisten Wesen haben mehr Interesse daran, ihre inneren Organe oder ihre Geschlechtsteile durch Kleidung oder Panzer zu verdecken, Schuhe sind kaum das Erste, wonach man frägt. Aber Sie sind unser Gast, hier sind Ihre Kleider und Ihre geliebten Schuhe.“

Weyoun wollte aufstehen, doch sein Fuß gab unter ihm nach, als er von der Liege stieg, sodass der Vorta bäuchlings auf den Boden fiel. Der Doktor kam eilig her und half ihm auf die Beine, setzte ihn auf die Liege und ging dann zurück, um das Gewand und die Schuhe aufzuheben, die er fallengelassen hatte.

„Ihre Muskulatur muss sich erst wieder an das geordnete Kontrahieren und Entspannen gewöhnen, aber in ein oder zwei Stunden werden sie wieder springen wie ein junges Eichhörnchen, wenn Sie diesen kleinen Scherz erlauben.“

Weyoun strich sein schlaffes Haar aus der Stirn und nickte bemüht freundlich: „Aber sicher, Herr Doktor, das ist ja auch wirklich witzig.“

Die Schuhe, gib mir endlich die Schuhe!

„Im Nebenraum haben Sie die Möglichkeit, sich zu reinigen und anzukleiden. Ich werde Sie dorthin stützen. Romulaner verwenden eine sehr effiziente Argonitstaubreinigungsapparatur, aber wenn Sie dagegen eine Unverträglichkeit haben, gibt es noch ein Jem’Hadar-Ultraviolettprogramm, eine Hierarchie-Oktanol-Dusche oder auch ein Voth-Polaronbad, aber das scheint mir außer unserem Wissenschaftler niemand von uns zu vertragen. Subcommander Mietze hat ihre ganz eigene Form sich zu reinigen, wenn Sie verstehen, was ich meine. Und ob Remaner sich überhaupt jemals waschen, kann ich nicht beantworten.“

Weyoun nickte und stützte sich auf den Doktor, der ihn zur Tür des Nebenraums begleitete.

Was ist ein Voth? Noch eine fremde Spezies auf diesem Schiff? Und wozu haben sie ein eigenes Jem’Hadar-Programm. Das werden sie doch nicht wegen Sethi’Klan eingerichtet haben. Bei seinen Entzugserscheinungen, unter denen er inzwischen leiden muss, wird Sauberkeit das geringste Problem sein. Der Doktor weicht mir aus, wenn ich nach ihm frage. Ich muss herausfinden, wo Sethi’Klan ist. Drei Knöpfe meines Hemdes werden ihm zwei Tage Ruhe verschaffen, aber irgendwann ist auch diese Ketracel-Notration erschöpft. Wie kann ich sie ihm zukommen lassen, ohne dass meine Wächter Verdacht schöpfen?

„Ich danke für diese freundliche Auswahl. Wenn Sie keine Bedenken haben, probiere ich gerne Ihr Hierarchie-Modell, von dem ich noch nie gehört habe. In unserem Teil des Gammaquadranten ist die Hierarchie nicht sehr bekannt, obwohl sie doch im…wo war es doch gleich…so herrlich und mächtig regiert?“

„Sehr guter Versuch, aber ich werde Ihnen nicht sagen, wo die Hierarchie ihren Herrschaftsbereich im Alphaquadranten hat.“ Damit schob der Doktor ihn in den Raum, setzte ihn in der Mitte auf einen metallenen Hocker und ging, Kleider und Schuhe noch in der Hand haltend, zurück zur Tür. „Am Anfang fühlt es sich ein bisschen scharf und brennend auf der Haut an, in reinem Oktan-Alkohol eingesprüht zu werden, sie sollten Augen und Mund geschlossen halten, aber nach zwei, drei Minuten fühlen Sie sich nicht nur sauber, sondern auch höchst motiviert!“ Mit diesen Worten drückte er auf eine Taste neben der Tür, hüpfte hinaus und schloss die Tür von außen. Mit einem leisen Grummeln begann die Apparatur zu arbeiten. Kleine Oktanol-Wölkchen quollen aus den Schlitzen des Fußbodens.

Zumindest ist er aus dem Alpha-Quadranten. Wir wissen immer noch viel zu wenig über diesen Teil des Universums. Die schäbigen Cardassianischen Datenbanken haben uns auch nicht viel weitergebracht. Hätten wir doch noch mehr Zeit mit den Breen gehabt. Aber das wird ja, wenn wir nur Erfolg haben, bald kommen.

Der Raum war plötzlich fast vollständig von dem scharf riechenden Dampf eingehüllt. Schon spürte Weyoun das Brennen in den Augen und den Rippen seine Ohrmuscheln. Gerade noch rechtzeitig schloss er Augen und Mund, bevor aus sechshundertdreiundfünfzig Minidüsen lauwarmes Oktanol auf ihn gespritzt wurde. Weil sich gleichzeitig die Schlitze im Boden schlossen, stieg die Flüssigkeit schnell im Raum an.

Ist das richtig so? Oder hat der Doktor sich einen Scherz erlaubt und macht jetzt ein Experiment mit mir? Oder eine demütigende Folter?

Noch während Weyoun nachdachte, fuhr der metallene Hocker, auf dem er saß, vier Greifarme aus, die zwischen seinen Beinen nach oben griffen und ihn fixierten. Inzwischen stand die blaugraue Flüssigkeit bis zu seinen Hüften. Bevor er sich’s versehen konnte, begann der Hocker sich schnell und schneller zu drehen. Aufgrund der Greifarme konnte er nicht herunterfallen. Vor Schreck riss er die Augen auf, um kurz zu sehen, wie der drehende Hocker mit ihm darauf das Oktanol verwirbelte und an die Wände spritzte. Der stechende Schmerz in den Augen ließ ihn sie sofort wieder schließen. So gut als möglich hielt Weyoun sich an den Rändern des Hockers fest. Seine Haut fühlte sich an, als würde sie mit Schleifpaper abgerieben und von einer Mischung aus Kanar, Romulanischem Ale und Schwefelsäure zersetzt.

Fühlt sich so eine Fliege im Magen eines Chamäleons?

„Sie sind kurz ohnmächtig geworden. Wahrscheinlich hätte ich die Drehzahl nicht auf meinem Niveau halten sollen. Sie werden sehen, irgendwann macht ihnen das noch mehr Spaß, als ihre Ejakulation mir jetzt schon bewiesen hat.“

Weyoun blickte verwirrt auf den Doktor, der neben der Krankenliege stand. Er legte eine Haarbürste und eine kleine Dose zur Seite. „Ich hoffe, die replizierte Kavanussölpomade kommt an Ihr übliches Produkt heran. Wollen Sie sich einmal in neuem Glanz bewundern?“

Weyoun tastete mit den Fingern über die Haut seine Gesichtes: Sie war noch da, auch wenn jede Zelle seiner Körperoberfläche brannte. Der Doktor hatte die Wand über dem Krankenbett in einen Spiegel umgewandelt, indem er einige Felder der Konsole berührte.

Ich sehe aus wie immer. Mein Gewand, meine Haut, sogar meine Frisur…naja, fast…Und die Schuhe? Er hat mir die Schuhe angezogen. Den Gründern sei Dank, jetzt wird alles gut!

„Herr Doktor, an Ihnen ist ein Vorta-Coiffeur verloren gegangen. Ich trage zwar die Rundung sonst nach Links, aber dieser Aufwärtsdrall mit den schrägen Verstrebungen gibt mir ein Gefühl von Willkommensein, dass sich perfekt in Ihre bisherige Behandlungsmethode fügt, aber zeigt, dass Sie nicht nur ein hervorragender Arzt, sondern auch ein Philovort sind.“

Die Schuhe! Ich könnte ihn küssen!
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