Der Dreiviertelgott

von Peran
GeschichteFantasy, Übernatürlich / P16 Slash
Fabeltiere & mythologische Geschöpfe
10.07.2019
10.10.2019
17
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Der König der Friesen

Am ersten Tag im Mai fühlen meine Friesen einen unwiderstehlichen Drang, Friesland zu besuchen, denn der Zauberer und Druide Calatin besuche zu dieser Jahreszeit Bentum, eine friesisches Großdorf, was immer man unter letzerem zu verstehen hat. Es hat wohl mit dem Fundplatz Bentumersiel zusammen. Er befindet sich in der Nähe der Emsmündung am linken Ufer des Flusses Die Borig Leerort, der Sitz des Königs, ist eine Wallburg von einem halben Kilometer Umfang. Sie liegt ein paar Meter erhaben über der ebenen Landschaft. Ich gehe davon aus, sie ist mit dem heutigen Leerort bei Leer im Ostfriesland identisch, das am Zusammenfluss von Leda und Ems liegt und so die Binnenschiffart überwacht. Die Flüsse werden von Sumpfigen Auenlandschaften flankiert, die mit Stegen und Holzbrücken durchquert werden. Neben etlichen germanischen Gehöften, gibt es in der Landschaft auch Torfplaggenhäusern verstreut in Richtung der Küste, die selbst aber weit weg liegt, eine ausgedehnte Moorlandschaft trennt die See von Dorf und dem fruchtbaren Ackerland. Auf der linken Seite der Ems, vier Kilometer flussabwärts von der Borig Leerort, steht das Großdorf, eine ausgedehnte Ansammlung von umzäunten Gehöften, gegen den römischen Flottenstützpunkt hin verdichten sich die Häuser auf einer Wurt. Dort muss es auch Handwerker geben. Viele Gehöfte stehen aber ebenerdig im Auen- und Marschland.

Die Wallburg Leerort schützt einige große Häuser, Stallungen und Schmieden und wohl Unterkünfte für die bewaffneten Männer. Ein  mit allerlei geschnitzten Pfählen gesäumter Weg führt zu Kult- und Hinrichtungsstätten an einem Totwasserarm der Leda, aus dem viel später der Hafen von Leer werden sollte. Der Zeremonienweg und die Kultstätten sind mit eine Mischung aus keltischen und germanischen Symbolen ausgestattet.

Entlang des Geestrückens nach Nordosten führt ein dreizehn Kilometer langer Zeremonienweg zu einer Kultstätte bei einem Waldsee unter riesigen alten Trauerweiden. Dort stehen drei Sarsensteinen im Dreieck. Sie sind von doppelter Mannshöhe, auf ihnen liegt eine Felsenplatte wie ein Dach. Das ist eindeutig eine rein keltische Stätte. Nach Wikipedia liegt man hier zwar knapp außerhalb des Verbreitungsgebiets, aber den Archäologen kann ja mal was entgangen sein, besonders, wenn die Steine im Mittelalter anderweitig, vielleicht für den Burgenbau, verwendet wurden.

Das Gehöft in der Wallburg erinnert mich nicht wenig an Edoras und König Theodems Halle aus Herr der Ringe. Die Archäologen haben das irgendwie übersehen. Womöglich wurden durch den Bau der Festung Leerort im 15. Jahrhundert die Spuren aus der Eisenzeit zerstört.

Die Ems ist schiffbar, das nützen nicht nur Römer, sondern auch die Friesen, so dass dieses Siedlungsgebiet einen Zugang zum Meer hat. Sowas wie Wikingerboote liegen in einem seeartigen Hafenbecken. Die Boote sind noch nicht so elegant wie tausend Jahre später, aber fast. Die Wikingerzeit beginnt hier wohl bereits. Ein Karrenweg führt über eine Brücke über die Leda und weiter nach Süden und durch die Flussauen, Felder und einen Wald. Dort könnten Uwes Friesen und ich erscheinen.

Uwe ist sehr still als wir uns alle im Shadowhunter-Outfit so quasi zum Beamen versammelten. Ich hab den einen oder anderen mit meinen Kräften schöner gemacht, sie sind jetzt alle hübsche, körperlich achtzehnjährige, unternehmungslustige Twinks mit BMI 19 und 5¾ Fuß Körpergröße, nur Uwe gebe ich das Alter 21, damit er sich als Anführer von Rudel abhebt. Ich selbst trete hier wie immer mit meiner maximal möglichen Größe von 6 Fuß auf.  

Schnipp!

Wir stehen auf dem Karrenweg. Es ist noch recht frisch jetzt am Vormittag, aber wir haben einen ordentlich schönen Tag erwischt mit von der Küste landeinwärts driftenden einzelnen Quellwolken in einem stahlblauen Himmel. Es riecht nach Wald. Die Laubbäume zeigen ihr noch zartes helles Grün, die Wiesen in kleinen Rodungen sind von einer bunten Mischung aus Blumen übersaht wie man sie im 21. Jahrhundert kaum noch sieht. Wir nähern uns der Leda. Stege führen nun über Sumpflöcher und Seitenarme. Auf einer trockenen Insel liegt ein Bauernhof. Ziegen meckerten und der Bauer bestellte mit einem Ackergaul sein Feld. Es ist aber kein echter Pflug. Er ritzte mehr den Boden, als er ihn wendet, soweit ich das erkennen kann. Gibt es damals im Friesland Pferde? Anscheinend.

"Wie werden sie reagieren?"

"Ich weiß es nicht", meint Uwe unsicher.

Ich fühle mich zugegebenermaßen etwas seltsam mit dem Regenbogen-Stirnreif auf dem Kopf und meiner Shadowhunter-Eskorte. Ein dreißig Schritt breiter Arm muss wohl der eigentliche Fluss sein. Die Brücke ist hier  mannshoch über dem Wasser damit ein Boot unten durch schlüpfen kann.  

Von hier ist auch die Burg zu sehen, die ein paar Meter erhöht auf einem Ausläufer eines Geestrückens liegt.

Am andern Ende der Brücke über den breitesten Arm der Leda schieben zwei Mann Wache. Die im Vergleich zu meinen friesischen Twinks kleinen grimmigen Typen sind mit Speer und Wurfaxt bewaffnet. Einen Helm tragen sie nicht. Sie starren uns misstrauisch an.

"Was guckt du Ole. Wirfst du noch immer auf der Wache die Axt nach den hohlen Ast der Eiche da drüben?"

"Es ist Uwe, es ist der verwegene Uwe, Sibe und die ganze Bande", platze er plötzlich raus. Der andere stoße in ein Horn und der Ruf wird weitergegeben, das Städtchen erwachte. Wir schritten über den etwas matschigen Boden an den Häusern vorbei, an den zusammenlaufenden Bronzezeitmenschen und viel Kleinvieh, das hier mehr oder weniger unkontrolliert unterwegs ist, hie und da ein Gaul. Man hält respektvollen Abstand, guckte erstaunt bis freundlich. wir erreichen einen etwas breiteren Platz mit einem leicht ansteigenden Kiesweg zu des Königs Halle.

Ein bulliger Kerl dunkelblonder Bart mit einem Goldreif auf dem Kopf tritt vor die Halle auf einen mit Steinen ausgelegten Vorplatz. Neben ihm steht einer im weißen langen Gewand, das muss ein Druide sein. Der keltische Druide hat einen Wanderstab mit allerlei Krimskram dran. Eichhörnchenschwanz, Bärenzahn, und so kultiges Zeug eben. An seinem Gürtel hängt eine Art Marmelade-Glas, das mit einem Silbergeflecht umgeben ist. Im Glas drin befinden sich rote haselnussgroße, runde Edelsteine, vielleicht Smaragde? Er und nicht der König hat die stärkste Präsenz in der Audienzhalle.

"Das ist mein Vater Gustav, der König. Andogynos, Sohn der griechischen Göttin Iris und des zum Halbgott erhobenen Helden Hermodrs, Ganimedes, Adoptivsohn des griechischen Gottes Zeus", stellt Uwe vor.

"Der Zauberer und Heiler Calatin hier hat euer Kommen vorausgesehen."

Der Druide Calatin und ich tauschen ein Kopfnicken zur Begrüßung.

"Die Sterne haben ihre Position verändert, sind erblasst oder neu erschienen", orakelte der Drude. "Und der Himmel hat drei neue Lichter, die grellen bilden ein Paar das neben Sonne und Mond anerkannt werden möchten."

Ich lasse für den König ein massiv goldenes Zepter erscheinen, mit blauen Brillanten besetzt, direkt in seine Hände. Der Hofstaat scheut einen Schritt weg. König Gustav wiegt den Pfund schweren Stab staunend in seiner Hand und antwortet: "Dann seien du und deine Männer unsere Gäste.

"Uwe und seine Jungspunde sollen sich draußen, bereit halten", befiehlt Calatin.

Dann gehen Ganymed und ich mit dem Druiden und König Gustav hinein in die Halle des Königs. Sie ist eine Art hölzerne Basilika mit Seitenschiffen, römischen Teppichen, Fellen, ein paar nordischen Schnitzereien, Bronzeschilden an den Wänden, kulturell ein ziemliches Durcheinander, wohl eine Sammlung von Gastgeschenken.

Einen Thon steht zwar ganz hinten an der Wand, doch man versammelte sich um die Feuerstelle auf Fellen, zusammen mit dem Druiden und ein paar Ältesten. Einige Nordmänner und sogar Frauen beobachten in respektvollem Abstand die Versammlung um das königliche Lagerfeuer. Der König wirft zwei Scheiter in die Glut. Der Drude murmelt ein paar beschwörende Worte. Das ist wohl das Zeichen, das die Audienz eröffnet ist.

"Die Versammlung ist eröffnet. Welche Kunde bringt Ihr uns von fernem Land oder gar von den Göttern?"

"Zeus und Odin hat es gefallen, den Menschen auf dieser neuen Welt eine zweite Chance zu geben. Die Menschen in der alten Welt gehen allzu schlecht mit der Natur und mit sich selbst um. So nimmt er die Vergangenheit, also eure Zeit, und erweckte sie auf einer neuen Welt "Terra novum" zum Leben. Ich hat die Aufgabe die Menschen zu leiten."

"Der verwegene Uwe, wild geborener Sohn des Königs, trägt nun die Kriegsgewänder und Waffen einer fremden Welt?", fragt einer der Männer.

Ich vermute, mit dem Begriff "wild geboren" meint er, dass Uwe zwar den König als Vater hat, jedoch nicht die Königin als Mutter.

"Als mein Vater diese Wallburg der Chauken nahm, schwängerten wir erbberechtigten Prinzen deren Töchter", erklärt der König.

"Wenn diese daraus keimenden Spunde zwei mal sieben Jahre gelebt haben, übergeben wir sie den Göttern, als Dank für den Sieg."

Ich nehme an, sie verwenden das Wort Spund im Sinne eines Jungspunds, wohl im speziellen Sinn, dass es sich um einen unehelichen Jüngling handelt.

"Es ist meine Gabe, zwischen den Göttern und den Menschen vermitteln zu können. Die Spunde dienen mir 144 Vollmonde lang, bis sie den Göttern übergeben werden."

"Und Uwe und sein Rudel entzog sich dieser Plicht?", frage ich.

"Nicht direkt. Er stahl aus jugendlichem Tatendrang ein Boot, schloss sich den Piraten auf Sylt an und wurde aber schon auf seiner zweiten Kaperfahrt von den Römern gefangen. Spunde ohne einen erfahrenen Führer sind eben zu ungestüm und leichtsinnig."

Die Männer lachten Schadenfroh.

"Uwe und seine Gefährten wurden Gladiatoren in Rom. Sie haben in der Arena allen gezeigt, was für tapfere Männer die Friesen sind. Die Römer unterhalten ein Stützpunkt ganz in der Nähe, habe ich gesehen."

"Die Römer forderten Tribut von allen Friesen. Wir sollten für Heerzwecke Rinderhäute liefern, obwohl unsere Rinder klein sind, forderten die römischen Beamten Häute in der Größe von Auerochsen. Die Bedingung, die auch andere Völker nur schwer hätten erfüllen können, ist umso drückender für uns; denn wenn auch die Wälder unserer Leute auf dem Festland reich an mächtigen Ungetümen sind, sind unsere zahmen Rinder jedoch klein. Doch die Götter beschützen uns nun. Wenn Sie Handel treiben wollen, so sei es zu beider Seiten Vorteil, aber Tribut müssen wir nun nicht mehr bezahlen."

Auf was er jetzt anspielt verstehe ich nicht so genau.

"Ihr schuldet den Römern nichts", bestätige ich dem König.

Der König akzeptierte mit einem kurzen Heben der Mundwinkel, darf aber vor all den Leuten nicht zu viele Gefühle zeigen. Die Höflichkeit gebot es, ihm ein Schwert zu schenken, das etwa so lang ist wie Sibes. Der König musterte das Schwert mit großen Augen steht auf und schwang es ein paarmal und ist sichtlich fasziniert von der Klinge die selbst römische Qualität weit in den Schatten stellt. Der Droide ist nicht mehr anwesend, bemerke ich im Augenwinkel, aber ich muss mich auf den König konzentrieren.

"Möget ihr mit Weisheit und Güte regieren und mit dem Schwert die Unabhängigkeit eures Volkes verteidigen, Gustav, König."

"So werde ich es tun."

Am Lagerfeuer der Ältesten wird nun über die Verarbeitung von Eisen geredet und auch über Goldschmiedearbeiten. Der König trägt einen Armreif mit keltischen Ornamenten, man redet über die Herkunft solch feiner Goldschmiedekunst, ich zeige ihm im Gegenzug eine Kopie des Collier mit dem Vierkrarat-Diamanten, das ich neulich bei Bares für Rares verkaufte.

Ich fühle eine Art kalte Welle durch mich hindurch laufen.

"Uwe!", trifft es mich wie ein Blitz. Der Droide ist auch weg. Ich versetze mich hundert Meter über die Königshalle. Tatsächlich, es gibt eine Kultstätte nur einen Kilometer entfernt an einem Totwasserarm hatte sich eine Art Prozession versammelt. Das Geplauder mit dem König war nur eine Ablenkung. Er hatte ja noch erwähnt, dass uneheliche Königskinder ganz oben auf der Opferliste stehen. Vielleicht bin ich zu sehr vom Kino beeinflusst, das die abergläubische brutale Seite der Kelten und Germanen immer ausblendet.

Der Druide ist mit ein paar Helfer und fast allen meinen Friesen unterwegs zur Felsenplatten-Kultstätte. Nur Uwe fehlt- an der anderen näheren Kultstätte am Totwasserarm der Leda stehen Männer auf dem Steg und drücke offenbar jemanden mit Stangen unter Wasser.

Ich erscheine am Anfang des Stegs.

"Darf man fragen, was das wird?"

"Wir haben eben den Dieb unseres Boots ersäuft!"  

Uwe treibt mit dem Gesicht nach unten im dunklen Wasser. Ich ziehe ihn mit meinen Kräften an Land und versorge ihn mit Lebensenergie. Er hustet Wasser aus der Lunge

"Mächtiger Herr, er ist ein Pirat und Bootsdieb, darauf steht der Tod durch das Wasser."  

"Ihr habt ja eure Hinrichtung gehabt und er war für ein paar Minuten tot."

"Hingerichtet werden ist Scheiße", brummt Uwe.

"Ein Boot stehlen auch!", kontere ich, packe ihn am Kragen, richte ihn auf und zaubere ihm trockene Kleider an den Leib.

"Wir springen jetzt zu eurem Hafen bei Jemgum."

Gesagt, getan!

Die Landungsstege der Friesen liegen nicht weit vom römischen Stützpunkt entfernt. Es befinden zurzeit nur kleinere Boote im Hafen, eine Corbita liegt bei den Römern, ein kleineres wikingerartiges Schiff bei den Friesen und Jollen-ähnliche Dinger und Ruderboote.    

Jiri hat ja eine seetaugliche Rekonstruktion  des Nydam-Schiffs – die "Nydam Tveir" –besucht, also zauberte ich den bestohlenen Seeleuten eine Kopie an den Steg und hoffe, die Sache damit erledigt zu haben. Nicht ganz, die Friesen wollten noch Ruder Taue und dergleichen. Uwe hatte das dringende verlangen zu seinen Burschen zurückzukehren. Ich versetzte uns auf die Borig zurück und ich musste nochmals dem König meine Aufwartung machen, da ich ja so plötzlich weggesprungen bin. Ohne Met wollte mich König Gustav aber nicht gehen lassen, wünschte und eine Führung durch die Werkstätten der Borig. Ein Goldschmied beeindruckte mich besonders. Er stellte keltischen, germanischen, aber auch für den Export römischen Schmuck her. Aber auch Schmiede sind hier bei der Arbeit und es wurde Tuch gewoben und Wein in Form römischer Amphoren stand dem König auch zur Verfügung. Weniger beeindruckt war ich vom allgegenwärtigen Hühnerkot. Sklaven würden hier gehandelt, Bastarde Fiesische, Chauken, Avionen, Angeln und Jüten.

"Der Zauberer und Heiler Calatin lässt Heilungen gerne mit Jungspunden bezahlen, die nur das eigene Geschlecht lieben. Er benötigt sie für seine Zeremonien. Aus ihrer Jugend schöpft er seine Heilkraft."  

Das klingt seltsam nach einem Opferkult, Ich bedankte mich für die Führung durch die Borig, nun sollte ich doch endlich erkunden, was es mit diesem Calatin auf sich hat und warum ihm die Twinks – Jungspunde heißt das hier – folgen wie die Lemminge.



Die Prozession inzwischen die von der Königsburg etwa acht Kilometer entfernte keltische Kultstädte erreicht. Sie liegt auf einer Halbinsel eines Waldsees, der nach Google Earth im 21. Jahrhundert durch Verlandung zu einem Teich geschrumpft ist.

Calatin deponiert gerade ein paar Utensilien auf einem Steinquader vor dem tischartigen Steinmonument.  befindet sich unterdrei großen, alten, von Orkanen gezeichneten Trauerweiden. Der keltische Felsentisch befindet sich direkt hinter ihm, rechts und links des Altars befinden sich Carnyx-Bläser – auch Jungspunde. Neben meinen Friesen haben sich doppelt so viele andere hier zu dieser Zeremonie versammelt. Ich beobachte vorerst. in meinem Tarnkappenmodus.

Er zeichnet mit seinem Zeremonienstab irgendwelche Linien in die Luft, während er Teutates beschwor, Dazu wurde ein Carnyx geblasen, das einen Brummenden Ton von sich gab, das zweite setzte ein und war röhrte eine Terz höher und daraufhin wuchs ein aus dem Boden Holzpfähle, zwischen denen keltische Ornamente wuchsen. Das verschlug mir nun doch die Sprache, denn eigentlich war ich davon ausgegangen, Ganymed und ich seien hier die einzigen mit Zauberkräften, ersterer hat sich sowieso inzwischen ins Antinoos verabschiedet. Mit der nächsten Handbewegung des Zauberers schrien die Jungs erschrocken auf. Ihre Hände wurden wie von unsichtbaren Händen auf den Rücken gezwungen und gefesselt.

Die Helfer holen den schmächtigen, aber sehr hübschen Burschen Siebe. Er muss sich ausziehen und auf einem Steg in den See hineingehen kurz untertauchen und dann zurück an Land gehen. nun muss sich nun auf den Altarstein legen. Die Helfer halten ihn fest, Der Druide zieht ihm den Hodensack lag und benützt eine Art kleiner Gurt zog mit der linken die Genitalien des Burschen aus dem Hosenladen und mit der rechten setzte er ein Messer an. Jetzt ist es für mich Zeit, aus der Schockstarre aufzuwachen und das zu beenden. Ich lasse das Messer des Druiden verschwinden. Dabei fühle ich einen seltsamen Widerstand, den ich erst überwinden muss, um das Messer von seiner Hand in meine zu zaubern.

"Lasst den Burschen los!". Die Hilfsdruiden lassen es nicht darauf ankommen und treten vom Altar zurück. Siebe ist aber noch mit Lederriemen festgebunden. Ich ziehe nun Uwe aus dem Wasser. Der Droide schlägt mit seinem Zeremonienstab auf den Boden und donnert: "Thrud, verscheuche diesen kleinen Dämon!"

Von dem roten Licht geht tatsächlich eine Kraft aus, die alle zu Boden wirft. Ich fühle es wie eine steife Brise, die mir um die Ohren weht. Zeus erlaubt sich offenbar erneut einen Scherz mit mir, wie die Sache mit dem Hindinnenblut. Der  Druide versucht mich zu verbrennen. Mit meinen Kräften reiße ich ihm seinen Zeremonienstab aus der Hand und lasse ihn zu mir herüber fliegen. Die Macht geht offenbar von dem Glas mit den haselnussgroßen Rubinen darin aus.

"Ich bin ein Dreiviertelgott, deshalb sind deine Kräfte für mich kaum ein Jucken. Erklär mir die Zeremonie!"

"Dann sehe her, junger Dämonenprinz! Ich transformiere die Kraft des jugendlichen Übermuts. Darf ich davon ausgehen, dass du aus diesem Jungspund eine solche Schönheit geformt hast, ausgestattet mit außerordentlicher Manneskraft?"

Das gebe ich zu.

"Dann erfreuen wir uns an denselben Blüten. Der Sitz der jugendlichen Kraft und des Übermuts liegt in den Hoden, da platziere ich meinen Kollektorstein und hohle ihn mir nach einem Jahr zurück, voll mit dem Übermut der Jungspunde."

"Siebe war bei den Römern gefangen!"  

"Ja, dann ist wohl mein Stein längst gesättigt. Schauen wir nach."

Er rieb den Hodensack mit einer salbe ein. Sibe stöhnte auf und sein Penis wurde steif.

"Einen so langen hatte bisher keiner, du hast nachgeholfen, Dämonenprinz", stellt der Zauberer fest.

"Ich bevorzuge den Begriff Dreiviertelgott, ja ich habe nachgeholfen!"

Er nimmt das skalpellartige Messer wieder in die Hand. Die Klinge scheint ebenfalls aus rotem Smaragd  zu bestehen. Er schneidet etwa zwei Zentimeter, Sibe zuckte, Mit einer goldenen Pinzette spreizte er den Schnitt und mit einer zweiten holte er einen rot leuchtenden haselnussgroßen Stein raus legte ihn auf ein Tuch und steckte einen dunklen Smaragd in die Operationswunde. Er fuhr mit der flachen Klinge über den Schnitt der sich darauf wieder schloss. Siebe hat einen plötzlichen heftigen Orgasmus und darf dann vom Altar runterspringen und rennt einem langhaarigen namens Leif in die Arme. Während die beiden wild knutschen ist der nächste an der Reihe. Mit meiner Anwesenheit hat sich die Stimmung unter Uwes Jungspunden gelöst, die anderen sind erst noch scheu. Der Zauberer darf seinen Übermutskollektor zwischen den Hoden platzieren und ich übe mich als Schönheitschirurg und Arzt, der mit Röntgenblick anhand der Knochenfugen das Alter abschätzen kann. Die jüngsten sind wohl erst vierzehn, durchschnittlich werden die Jungs mit sechzehn an den Druiden verkauft. Wer schon erwachsen ist, also die Knochen nicht mehr wachsen können, setze ich auf das körperliche und geistige Alter achtzehn zurück, nur Uwe lasse ich einundzwanzig, er muss ja den Haufen führen. Damit fiel die Opferung der 28-jährigen aus. Calatin hält mich für einen seltsamen Gott, da ich keine Menschenopfer fordere. Dadurch wird aus der heiligen Zeremonie immer mehr eine eisenzeitliche Teenagerparty mit Met, mit der Leier vorgetragene schlüpfrige Lieder, Geschicklichkeitsspielen, Raufereien, Ringkämpfen, Sex und Erbrochenem, während am Altar die Behandlung der Jungs weitergeht.

Am Morgen sind die Kerle dann deutlich stiller. Jeder hat einen Kater. Ein Bad im kühlen See hilft, wach zu werden und der Marsch zurück zur Borig auch. Uwe gehört zu denen gehört, deren Mageninhalt auf der Strecke bleibt, aber wer saufen kann, kann auch marschieren. So lautet eine alte Bundeswehrweisheit, die ich von Jirí kenne.

Zu Mittag am Hafen der Borig kriegen die Jungspunde von Calatin einen passenden Kräutertee und von mir einen Haferbrei. Der Druide wird bald zu einer komplizierten Geburt gerufen. Nach dem Essen wurde es Zeit, den Kater zu vergessen. Ich zauberte einen zusätzlichen Landungssteg mit zwei Nydam-Schiffe her. Uwe soll nun seinen Haufen für eine Hochseefahrt organisieren, morgen früh bei Flut wird ausgelaufen. Wetterfeste Klamotten würden sie von mir kriegen, Ruder und so könnte ich verdoppeln. Ich gebe ihm Silber für die Einkäufe und übermorgen wiederkommen.

*



Im Antinoos trete ich lieber als Jirí auf. Die Twinks und auch die Männer vom Personal verhalten sich dann ungezwungener. Der Physiker Malte gilt hier als sowas wie ein megakluges Wunderkind, was Blödsinn ist, ich hab das Master-Diplom gerade mal knapp geschafft. Jirí hat in seinem Kunstgeschichte-Archäologiestudium sorgenfreier über die Bühne gekriegt als Malte. Jirí zu sein ist eben cooler.

Ich klopfe an Glaukos Büro, als wäre ich ein gut erzogener Twink. Nach dem strengen "Herrein!" ist er sofort freundlicher als normal. Nach kurzem Smalltalk über die Diamantenmine komme ich zur Sache.

"Als Jirí habe ich ja die Masterarbeit über Kunst am Langboot Aslak geschrieben zusammen mit Thomy. Hartwig schloss beim Nachbau Aslak II seine vor langer Zeit abgebrochene Bootsbauerlehre ab. Ich möchte meinen Friesen die Aslak II geben."

"Die ist aber ziemlich genau tausend Jahre jünger als deine Friesenbande."

"Ich weiß. Ich möchte auf der ersten Fahrt Thomy und Hartwig mitnehmen, aber die Zeiten sind brutal. Wie kann ich die beiden Twinks schützen?"

"Zunächst, die beiden sind nicht aus dem Fluch der Hera entlassen. Darum musst du deine Beziehungen deiner Mutter Iris spielen lassen. Es gäbe zwar die Möglichkeit, dass du ihn wiedererweckst, wenn der Fluch ihn tötet, aber mach es lieber offiziell."

Ich bedanke mich artig und versetzte mich in Ganymeds Refugium, genauer zum Tempel der Hera. Die Twinks müssen ihre Sprintriae im Hof eins bezahlen, Ganymed hingegen in diesem Tempel. Von außen gleicht er der Akropolis von Athen, innen glänzt er in Platten aus rötlichem Kristall.

"Hera! Ehrwürdige Mutter der Götter, der jüngste und unschuldigste unter ihnen möchte dich etwas fragen", rief ich und ging tiefer in diesen Kristallsaal hinein. Alles begann auf einmal zu fließen.

"Androgynos!", rief eine Stimme, dann schwebte ein mannsgroßes Plasma-Ei ein paar Schritte vor mir.

"Hohe Göttin, ich danke für die Audienz!"

"Dem Sohn der Iris schenke ich gehör! Stell die Frage, kindlicher Dreiviertelgott."

"Ihr habt bestimmt davon gehört, mir wurde eine neue Welt anvertraut."

"Du wurdest zu diesem Zweck geboren!", antwortet die Plasmakugel. Hera scheint Zeus' Spiel mit der altgriechischen Religion nicht mitmachen zu wollen.

"Ich möchte ein paar wenige Twinks mitnehmen, die aber Eurem Fluch gegen Ganymed unterstellt sind. Erlaubt ihr mir – in begrenztem Umfange selbstverständlich – selbst Spintriae-Münzen erscheinen zu lassen, damit sie die Schuld Euch gegenüber begleichen können?"

"Lieber unerfahrener Sohn meiner Freundin Iris. Als Dreiviertelgott musst du die Wahrheit erfahren. Vor langer Zeit waren Ganymed und Palaimon das hübscheste und süßeste Liebespaar weit und breit. Palaimons Mutter ertrug das nicht. Sie lockte die beiden auf eine Klippe über dem Meer und stürzte sie herunter. Zeus beobachtete dies und in Gestalt eines riesigen Adlers flog er das Paar in Sicherheit. Ihre Liebe sollte ewig halten und so wurden sie zu olympischen Epheben."

"Und das Antinoos?"

"Die beiden haben sich das von Zeus zu ihrem tausendsten Geburtstag von ihrem Mentor Glaukos gewünscht, der diesen Wunsch an Zeus weiterleitete. Doch die beiden müssen Verantwortung lernen und so wurde von meinem Gatten und mir der dir bekannte Fluch ausgesprochen."

"Palaimon schafft aber nicht an?"

"Ich entspreche deiner Bitte, für sechs Twinks selber Münzen erscheinen zu lassen", entscheidet Hera und verschwindet ohne eine Antwort auf meine Frage zu geben.

*


Ein Graupelschauer war eben niedergegangen, auf dem neuen Steg liegen noch die Eiskörner. Es ist zehn Grad kälter als noch gestern und der Wind hat aus West aufgefrischt. Für die Jungs habe ich Motorradfahrer-Regenschutzkleidung mitgebracht, die sie über ihre Shadowhunter-Klamotten anziehen können. Uwe hat schon einiges besorgen können, doch ein paar Taue, Ruder und Fässer muss ich ihm erscheinen lassen, ebenso je ein Mittschiffszelt. Er hatte zwei bärtige Bootsleute angeheuert: Ulfhednar und Oldhednar. Ohne autoritären Bootsmann, der auch einmal unangenehm sein kann, würden die Jungspunde zu undiszipliniert sein und die See würde kein Spaß verstehen.
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