Some Broken Hearts Never Mend

GeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P18
OC (Own Character)
10.07.2019
20.07.2019
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Mit der Zeit geriet die Sache zunehmend in Vergessenheit und ich dachte nicht mehr über diese Frau nach, sondern vertiefte mich voll und ganz in meine Arbeit in der Praxis. Ich nahm meine üblichen Termine wahr, kümmerte mich zwischendurch um die Pferde des Fünf-Sterne-Hotels „Fürstenhof“ und hatte schon fast ausgeblendet, dass ich dieser umwerfenden Frau begegnet war.
Wer auch immer sie war und wo sie auch herkam – ich würde sie vermutlich ohnehin nie wiedersehen. Weshalb also noch länger meine Zeit damit verschwenden, einem Phantom hinterherzujagen?
Ich schüttelte alles, was mit ihr zu tun hatte einfach ab und löschte sie aus meinem Gedächtnis, denn ich wusste, dass das das Beste für mich war. Stattdessen ging ich wieder öfter aus, traf mich mit Freunden und Bekannten, so unter anderem auch mit meinem besten Freund Joshua, der mich eines Abends spontan ins „Bräustüberl“ einlud, um dort den Tag ideal ausklingen zu lassen und sich mal wieder unbeschwert über alles mögliche auszutauschen.
Und natürlich nahm ich seine Einladung gerne an, besonders, nachdem ich an diesem Tag zwei etwas stressige Termine gehabt hatte und mir aus diesem Grund ein wenig Ablenkung mehr als nur gelegen kam.
So machte ich mich nach Feierabend schließlich auf den Weg, natürlich nicht ahnend, wie folgenreich sich dieser Abend für mich entwickeln würde. Joshua erwartete mich bereits und hatte sich auch schon ein Bier bestellt, was mal wieder ganz typisch für ihn war.
Als ich reinkam, winkte er mir kurz zu und ich lächelte zurück, bevor ich zu seinem Tisch hinüberging und mich auf einen der freien Stühle fallen ließ.
Sofort streckte er seine Hand hoch und ich schlug ein – eines unserer typischen Begrüßungsrituale, das sich mit der Zeit so bei uns eingespielt hatte. „Na, alles klar?“, wollte er dann wissen und schmunzelte mich an, was ich mit einem kurzen Nicken beantwortete.
„Ja“, sagte ich dann. „Alles okay. Heute war nur ziemlich viel los. Kurz bevor ich Feierabend machen wollte, kam noch eine junge Frau mit ihrem Kätzchen in die Praxis gerumpelt, das sich seine rechte Vorderpfote verstaucht hat. Sie war vollkommen außer sich deswegen, obwohl es wirklich nichts Gravierendes oder gar Schlimmes gewesen ist. Aber ich konnte sie ja schlecht wieder nach Hause schicken. Also hab ich mich dem kleinen Patienten noch angenommen und ihn entsprechend versorgt. Ich hab ihr gesagt, dass sie in ein paar Tagen noch einmal vorbeischauen soll. Aber so wie ich das sehe, besteht da kein wirklicher Anlass zur Besorgnis. Die Kleine, Feli ist übrigens ihr Name, wird wieder. Sie muss sich nur gut erholen und darf die Pfote vorerst nicht belasten“.
Joshua musste daraufhin schmunzeln, während er eine Hand um sein Glas legte und mir einen kurzen Blick zuwarf.
„Naja“, meinte er dann schließlich. „Sieh es so: Du bist eben ziemlich gefragt“. „Offensichtlich“, antwortete ich, ehe ich mir ebenfalls etwas zu trinken bestellte und dann meine beiden Arme auf dem Tisch verschränkte.
„Und bei dir?“, wollte ich danach von ihm wissen. „Wie war dein Tag so? Irgendetwas besonderes?“. „Tatsächlich, ja“, gab er mir zur Antwort und sein Lächeln wurde dabei noch breiter. „Denise und ich waren heute wieder bei einem Flohmarkt. Und jetzt rate mal, was wir dort gefunden haben“.
Ahnungslos zuckte ich die Schultern und schaute ihn dann gespannt an. „Ich weiß es nicht“, meinte ich dann. „Sag es mir“. „Eine antike Spieluhr“, erklärte er und fing dabei an, bis über beide Ohren zu lächeln. „Ein richtiges Sammlerstück. Und noch dazu in beinahe hervorragendem Zustand. Wenn wir uns richtig reinhängen, können wir daraus mit Sicherheit eine Menge hervorholen“.
„Okay“, erwiderte ich, obwohl ich zugegebenermaßen nicht viel von Antiquitäten verstand. Aber ich war ja schließlich auch Tierarzt – und kein Restaurator, so wie Joshuas Freundin Denise.
Die beiden arbeiteten regelmäßig zusammen an diversen Kunstwerken und Sammlergegenständen, welche sie meistens auf Flohmärkten oder bei diversen Haushaltsauflösungen ausfindig machten oder ergatterten. Da war es freilich kein Wunder, dass sie in Bichlheim als das ideale Paar gesehen wurden. Sie passten nicht nur perfekt zusammen, sondern teilten darüber hinaus auch noch dieselbe Leidenschaft: Kunst und Krempel.
„Die könnte bestimmt so einiges wert sein“, erzählte Joshua mir weiter. „So ein Modell findet man heutzutage gar nicht mehr. Und abgesehen davon, dass der Aufziehmechanismus nicht mehr richtig funktioniert, ist sie wirklich in einem sehr guten Zustand. Aber ich bin sicher, dass wir das wieder hinbekommen werden“.
„Schön“, antwortete ich und bemühte mich dabei, möglichst interessiert und erfreut zu klingen, auch wenn ich offen und ehrlich zugab, dass ich Joshua ein kleines bisschen beneidete. Nicht etwa wegen seines Verständnisses für Antiquitäten, sondern vor allem um seine Beziehung zu Denise, auf die ich offen gestanden auch mal ein Auge geworfen gehabt hatte.
Das, was die beiden hatten und miteinander teilten, diese besondere Nähe zueinander, vermisste ich in meinem Leben inzwischen schon seit längerem. Meine letzte Beziehung war so einige Jahre her – ich konnte mich beinahe schon nicht mehr richtig daran erinnern.
Und auch wenn ich mit meiner Arbeit eigentlich voll ausgelastet und im Großen und Ganzen mit meinem Leben zufrieden war: Hin und wieder fehlte mir dann doch die Nähe eines vertrauten Menschen, eines Partners, der ein wenig Abwechslung in meinen immergleichen Alltagstrott bringen konnte. Hinzu kam noch die Tatsache, dass ich grundsätzlich jemand war, der sich nur äußerst selten verliebte und mit Beziehungen und zwischenmenschlicher Nähe nur sehr geringe Erfahrungen hatte.
Das lag nicht etwa daran, dass es keine potentiellen Interessenten gab – nein, das war bei weitem nicht der Grund. Mir war es sogar schon einige Male passiert, dass weibliche Tierbesitzer während eines Termins versucht hatten, ein wenig mit mir zu flirten. Jedoch war ich viel zu professionell, als dass ich je darauf eingegangen wäre oder es gar zugelassen hätte. Außerdem waren, ohne damit irgendjemanden beleidigen zu wollen, die meisten Kandidaten schlicht und ergreifend nicht mein Typ.
Aus ging ich nur relativ selten, weshalb ich auf diesem Wege natürlich auch keine neuen Leute kennenlernte – zum einen, weil mir dafür meistens die Zeit fehlte, zum anderen, weil Clubs oder Bars, in denen andere Leute potentielle Beziehungspartner klarmachten, überhaupt nicht meine Welt waren.
Falls ich in meinem bisherigen Leben mal zwei oder drei Clubs von innen gesehen hatte, dann war das schon eine ganze Menge. Es reizte und interessierte mich schlicht und ergreifend nicht. Und meistens war mir die Atmosphäre dort auch viel zu überspannt und aufgedreht, denn ich war nun einmal grundsätzlich ein Mensch, der die ruhigen und entspannten Momente im Leben bevorzugte.
Außerdem gehörte ich zu den Leuten, die sich nur äußerst selten in jemanden verliebten und für die rein oberflächliche Kontakte, wie man sie meist in Clubs knüpfte, ganz einfach nichts waren. Ich brauchte eine Bindung, Nähe und Emotion, sowie vor allen Dingen Zeit, um mich voll und ganz auf jemanden einlassen zu können. Und solch halbherzige Flirts oder gar einmalige Bettgeschichten waren für mich seit jeher ein Graus.
Eine Person, die ich nicht kannte und für die ich vor allen Dingen nichts empfand, konnte sich bei mir auf den Kopf stellen und würde trotzdem nicht bei mir landen. Möglicherweise war es altmodisch – aber mich musste man zuerst wirklich berühren und ansprechen, bevor ich dazu in der Lage war, eine Bindung aufzubauen und auch mehr Nähe zuzulassen.
Und ja, das schloss auch das Thema Sex mit ein. Ich war niemand, der sich für den schnellen Rausch einer Nacht an jemand x-beliebigen verschenkte, der mir im Grunde genommen rein gar nichts bedeutete. Bevor auf diesem Wege etwas passierte und ich in der Lage war, mit jemandem ins Bett zu gehen, musste derjenige zuallererst einmal mein Herz erreichen.
Reine Trieb- oder Lustbefriedigung, einfach nur so zum Spaß und ohne jeden Funken an Emotion waren für mich ein absolutes Ding der Unmöglichkeit. Das hieß natürlich nicht, dass es keine Menschen gab, die ich attraktiv fand. Selbstverständlich gab es sie – und ich hatte auch ab und an schon einmal versucht, ebendiese Nähe, die ich brauchte, irgendwie herzustellen.
Jedoch hatte das bislang nicht wirklich auf Gegenseitigkeit beruht, geschweige denn, war es zu mehr gekommen als maximal einem zweiten Date. Irgendwie hatte sich immer herausgestellt, dass es der betreffenden Frau eben doch nur darum ging und sie nicht bereit war, eine ernste Beziehung mit mir aufzubauen, sondern lediglich nach ein bisschen Spaß suchte.
Und das war eben ganz einfach nichts für mich. Solange ich eine Person nicht liebte, wirklich aufrichtig liebte, konnte ich auch keinen Sex mit ihr haben. Schon gar nicht, wenn es sich dabei nur um eine einmalige Sache ohne jegliche Bedeutung handelte.
So war ich nicht – und so würde ich vermutlich auch nie sein. Anziehung und Attraktivität waren schön und gut, sowie natürlich auch wichtig. Aber solang da eben nicht wenigstens ein Funke an Verliebtheit in mir glimmte, lief auf sexueller Ebene rein gar nichts.
Ich war, wie man es wahrscheinlich bezeichnen würde, einfach ein Herzmensch. Und solang mein Herz nicht zumindest ein bisschen in Flammen stand, war jegliche Art von Nähe und Zärtlichkeit unvorstellbar für mich.
Daraus resultierte, dass ich im Vergleich zu anderen Männern meines Alters, so wie etwa zum Beispiel Joshua, nur relativ geringe Erfahrungen mit dem weiblichen Geschlecht hatte. Und auch, dass das, was man gemeinhin als den Höhepunkt der Erotik verstand, in dieser Form bei mir bisher noch nicht stattgefunden hatte.
Ich hatte noch nie wirklich mit einer Frau geschlafen – lediglich mit meiner Ex-Partnerin, mit der ich so in etwa drei Monate zusammen gewesen war, hatte es den ein oder anderen Austausch kleinerer Zärtlichkeiten gegeben.
Doch mehr war bei mir bisher noch nicht passiert. Weil bislang einfach immer das Herz gefehlt hatte, das nötige Vertrauen – und vor allen Dingen die Gefühle. Aber auch wenn ich mir hin und wieder etwas blöd vorkam mit meiner Unerfahrenheit und mir auch ab und zu wünschte, es endlich zu ändern, an meinem Grundsatz zweifelte ich nicht einen einzigen Augenblick.
Solange ich nicht verliebt war, gab es auch keine Nähe. Und solange es keine Nähe gab, konnte ich mich auch nicht auf jemanden einlassen. Erst, wenn jemand mich wirklich berührt hatte, dann war ich dazu bereit, der Person zu vertrauen und auch weiter mit ihr zu gehen. Nur hatte das bislang eben noch niemand so wirklich geschafft.
Unweigerlich musste ich bei diesen Überlegungen wieder an Alexandra denken und mir offen eingestehen, dass sie eine der wenigen war, die tatsächlich einen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen hatten.
Obwohl ich sie nicht kannte, nichts von ihr wusste, noch nicht einmal, woher sie genau kam oder wie alt sie überhaupt war, wurde ich trotzdem das Gefühl dieser Faszination nicht los. Ihre ganze Ausstrahlung, ihre Art und vor allem ihr Lächeln – all das hatte mich gleich vom ersten Moment unserer Begegnung an angesprochen.
Sie hatte irgendetwas Besonderes an sich gehabt, irgendetwas Außergewöhnliches, das ich in dieser Form bisher noch bei niemand anderem erlebt hatte. Und auch wenn es ungewiss war, ob ich sie überhaupt jemals wiedersehen würde oder nicht – so ganz losgelassen hatte sie mich noch immer nicht. Auch wenn ich vehement versuchte, nicht mehr daran zu denken und es abzuhaken, wollte mir das einfach nicht so richtig gelingen.
„Henry?“. Joshua riss mich schließlich aus meinen Gedanken, als er mir kurz auf die Hand tippte und mich dann einen langen Moment musterte. „Hm?“, erwiderte ich und schüttelte kurz meinen Kopf, ehe ich mich wieder auf ihn konzentrierte. „Tschuldigung, Josh. Hast du irgendetwas gesagt?“.
„Wo warst du denn mit deinen Gedanken?“, entgegnete er und schmunzelte. „Ich hab dich jetzt schon zweimal gefragt, ob du Lust auf ne Runde Dart hast“. „Entschuldige“, wiederholte ich und klopfte kurz mit der Handfläche auf den Tisch. „Ich... ähm... ich hab nur gerade über etwas nachgedacht“.
„Was Wichtiges?“, fragte er und sah mich gespannt an, was ich jedoch kopfschüttelnd ablehnte. „Hm – nein, nein. Nichts. Wirklich nichts“, antwortete ich und versuchte dann, ein Lächeln aufzulegen und das Thema zu wechseln.
„Eine Runde Dart?“, wiederholte ich dann seinen Vorschlag und grinste. „Von mir aus gerne. Wenn du unbedingt wieder verlieren willst, Josh“. „Träum weiter“, grinste er zurück und schlug mir dabei freundschaftlich auf die Schulter. „Du hast doch eh keine Chance gegen mich“.
„Ach nein?“, neckte ich ihn glucksend. „Meinst du nicht? Ich glaube schon“. „Na gut“, meinte er, während er sich von seinem Platz erhob. „Ich wette eine Runde. Der Verlierer zahlt. Einverstanden?“. „Ja“, stimmte ich ihm rasch zu und schlug in seine ausgestreckte Hand ein. „Einverstanden“.

Etwa eine Viertelstunde später hatte Joshua die Wette gewonnen. Aber das war auch nicht besonders verwunderlich, denn ich war ein miserabler Dartspieler – was er natürlich auch ganz genau wusste. Trotzdem ließ ich es mir nie nehmen, ihn mit meinem angeblichen Können zu provozieren und damit anzugeben, dass er gegen mich keine Chance hatte. Auch das war schon seit langem zu einem quasi festen Ritual zwischen uns geworden. Ich forderte ihn heraus, verlor – und bezahlte. So lief das schon, seit ich denken konnte.
Aber wir wussten natürlich beide, dass es sich dabei nicht um einen Wettkampf in dem Sinne, sondern lediglich um einen kleinen Spaß unter Freunden handelte. Zumal ohnehin jedes mal von Anfang an klar war, dass ich gegen ihn haushoch verlor. Joshua war ein ausgezeichneter Dartspieler – und selbst seine Freundin Denise, die auch ein sehr gutes Händchen dafür hatte, konnte sich meistens nicht gegen ihn behaupten. Dafür war er schlicht und ergreifend zu gut.
Deshalb blieb mir auch an diesem Abend nichts anderes übrig als meinen Wetteinsatz einzulösen und ihm eine Runde zu spendieren, als wir wenige Zeit später wieder zusammen an unserem Tisch saßen und angeregt über dies und jenes quatschten. So erzählte er mir unter anderem von einer geplanten Wanderung, zu der er Denise eingeladen hatte – und bei der Gelegenheit fragte er mich auch, ob ich denn nicht Lust hätte, sie beide zu begleiten.
Eigentlich wollte ich diesem Vorschlag gerade zustimmen, als eine junge Frau an unserem Tisch vorüberging und sich direkt hinter uns ein Plätzchen suchte. Zuerst nahm ich nur ganz beiläufig Notiz von ihr, bis sie sich ihre dunkelbraunen Haare aus dem Gesicht strich und es mir möglich war, einen kurzen Blick in selbiges zu werfen.
Und als ich sie genauer betrachtete, fiel ich beinahe vom Stuhl und mein Atem begann, ein ganzes Stück schneller zu gehen.
Unmöglich, dachte ich, während ich die junge Frau ausgiebig fixierte und musterte. Nein, das konnte einfach nicht sein. Das da drüben am Tisch – war das wirklich SIE? Ohne mich irgendwie dagegen wehren zu können, starrte ich zu ihr hinüber, beobachtete sie dabei, wie sie ihre kleine Tasche über die Stuhllehne hing und sich dann etwas zögernd im Raum umsah.
Und spätestens, als ich ein weiteres Mal in ihr Gesicht blickte, als ich dieses unverwechselbare Funkeln in ihren Augen wiedererkannte, da wusste ich sicher, dass meine Sinne mich nicht täuschten.
Das da drüben am Tisch – das war tatsächlich Alexandra Weidenhardt. Das war die Frau, die mich seit der ersten Begegnung in meiner Praxis nicht mehr losließ. Die Frau, über die ich vergeblich versucht hatte, irgendetwas herauszufinden. Und von der ich niemals gedacht hatte, sie je im Leben wiederzusehen.
Und jetzt saß sie direkt nebenan, quasi zum Greifen nah – nur einen einzigen Tisch weit von mir entfernt. War das wirklich real? Oder spielte meine Fantasie mir nur einen ausgeflippten Streich?
Joshua bemerkte natürlich, dass ich an ihm vorbeistarrte und zog verwundert eine Augenbraue hoch, bevor er sich kurz herumdrehte, um herauszufinden, wer oder was meine Aufmerksamkeit so stark in seinen Bann zog.
„Henry?“, fragte er dann, als er sich wieder umdrehte, und musterte mich. „Alles in Ordnung?“. „Ich...“, antwortete ich abwesend, meinen Blick noch immer auf die junge, braunhaarige Frau am Nachbartisch gerichtet.
„Kennst du sie?“, wollte er dann wissen, verwundert darüber, weshalb ich mich plötzlich so seltsam verhielt. Aber das überraschte mich nicht. Ich konnte es mir schließlich selbst kaum erklären. Ich wusste nur, dass dieser Moment hier gerade Realität war. Am Nachbartisch saß tatsächlich die Frau, die vor einiger Zeit in meine Tierarztpraxis gekommen und mich mit ihrer Schönheit total geblendet hatte. Und jetzt tat sie es schon wieder.
„Ich...“, wollte ich Joshuas Frage beantworten, bekam jedoch nicht ein einziges, halbwegs vernünftiges Wort über meine Lippen, während ich kurz meinen Kopf schüttelte. „Ich... glaube, ich träume“.
Abermals wandte Joshua sich um und folgte meinem Blick, hatte noch immer nicht begriffen, was überhaupt mit mir los war. „Wer ist diese Frau?“, wollte er dann wissen und sah mich gespannt an. „Kennst du sie, Henry?“.
„Das... das ist...“, antwortete ich stotternd und fühlte, dass nun auch mein Herzschlag um einiges schneller ging. „Ja?“, hakte Joshua noch einmal nach. „Wer denn?“. „Alexandra“, antwortete ich, zu einhundert Prozent sicher, dass ich mich damit nicht irrte. Ich konnte mich gar nicht irren. So eine faszinierende Ausstrahlung gab es nur ein einziges Mal auf dieser Welt.
„Alexandra?“, wiederholte Joshua irritiert und zog eine Augenbraue hoch. „Die junge Frau, die vor kurzem bei dir war?“. „Ja“, antwortete ich und nickte rasch zur Bestätigung. „Ja, genau die“.
Auf diese Bekanntgabe hin drehte Joshua sich erneut um und betrachtete sie sich, vermutlich neugierig darauf, weshalb gerade diese Frau seinen besten Freund so sehr beschäftigte. „Hm“, meinte er dann, als er sich wieder an mich wandte. „Sieht eigentlich ganz unauffällig aus. Bist du dir wirklich sicher, dass sie es ist, Henry?“.
„Ja“, stimmte ich ihm nickend zu, noch immer ein bisschen wie in Trance. „Ja, absolut. Das ist sie. Irrtum ausgeschlossen“.
„Und was genau ist so besonders an ihr?“, wollte Joshua daraufhin wissen. „Wie gesagt: Sieht eigentlich ganz durchschnittlich aus. Was fasziniert dich so an dieser Frau?“.
„Ich weiß es nicht“, musste ich offen gestehen. „Ich habe keine Ahnung. Aber genau das muss ich herausfinden“.
Mit diesen Worten nahm ich einen tiefen Schluck aus meinem Glas und überlegte mir, was genau ich jetzt tun sollte. Direkt am Nebentisch saß die wahrscheinlich umwerfendste Frau der Welt und ich hatte tatsächlich die Chance dazu bekommen, sie wiederzusehen. Aber wie sollte ich diese Chance nutzen? Was sollte ich machen? Wie ging ich weiter vor?
Um ehrlich zu sein: Ich wusste es nicht. Sollte ich jetzt einfach zu ihr rübergehen und sie ansprechen? Oder sollte ich abwarten und hoffen, dass sie vielleicht mich sah und möglicherweise wiedererkannte?
„Na dann“, riss Joshua mich schließlich aus meinen Gedanken und legte ein breites Grinsen auf. „Hm?“, entgegnete ich leicht abwesend und schüttelte den Kopf. „Was?“. „Du hast gesagt, du willst es herausfinden“, antwortete und beugte sich ein Stück über den Tisch. „Worauf wartest du dann noch? Geh doch rüber zu ihr und sprich sie an“.
„Was?“, fragte ich und spürte mein Herz schneller schlagen bei diesem Gedanken. „Ich soll zu ihr...?“. „Na, willst du etwa warten, bis sie wieder geht?“, entgegnete er leicht neckend und stupste mich an. „Oder bis sich ein anderer zu ihr setzt und es tut? Du denkst doch die ganze Zeit nur an sie und hast so gehofft, dass du sie wiedersiehst. Jetzt hast du die einmalige Gelegenheit, sie näher kennenzulernen. Willst du dir die wirklich durch die Lappen gehen lassen, Henry?“.
„Nun...“, antwortete ich, nachdem ich einen Moment darüber nachgedacht hatte. „Nein. Aber... aber ich...“. „Also dann“, insistierte Joshua noch einmal. „Worauf wartest du? Geh halt rüber und sprich sie an. Oder meinst du, sie kommt auf unsichtbaren Schienen zu dir hergeschwebt?“.
Er stupste mich mit seiner Hand, drängte mich dazu, diesen Schritt zu machen und auf sie zuzugehen. Aber ich wusste ehrlich nicht, ob ich den Mut dazu aufbringen konnte, geschweige denn, ob es mir gelingen würde, überhaupt etwas zu ihr zu sagen, ohne mich dabei vollkommen zu blamieren.
Was genau sollte ich auch sagen? „Hi, wie geht's? Waren Sie nicht vor kurzem in meiner Praxis?“. Ein zugegeben recht einfallsloser Gesprächseinstieg, noch dazu, weil ich überhaupt nicht wusste, ob sie mich denn wiedererkennen würde.
„Jetzt mach schon“, forderte Joshua mich erneut auf und grinste. „Du bist doch sonst auch nicht so schüchtern. Geh einfach hin und rede mit ihr. Dann findest du ganz schnell raus, ob sie Interesse hat oder nicht“.
„Hm...“, überlegte ich laut vor mich hin und nahm noch einen Schluck, während ich mir vor Augen hielt, dass er mit dem, was er sagte, wahrscheinlich Recht hatte. So eine einmalige Chance bekam ich möglicherweise niemals wieder. Und wenn ich sie jetzt nicht nutzte, würde ich das vielleicht für alle Zeiten bitter bereuen.
„Also schön“, sagte ich schließlich und atmete tief durch, während ich all meinen verfügbaren Mut zusammenkrempelte. „Gut, ich mach es. Ich geh zu ihr rüber“. Und mit diesen Worten erhob ich mich schließlich von meinem Platz, auch wenn ich offen gestanden immer noch nicht wirklich wusste, was ich eigentlich sagen sollte.
„Hol sie dir, Tiger“, rief Joshua mir noch nach und ich hörte ihn lachen, schenkte diesem Kommentar jedoch keine weitere Beachtung.
Stattdessen ging ich zielstrebig auf den Nachbartisch zu und hatte ihn auch schon fast erreicht, als die junge Frau ihren Blick hob und er erneut dem meinen begegnete. Sie musterte mich kurz und legte ihren Kopf leicht zur Seite, während ich versuchte, möglichst lässig und cool rüberzukommen – wenngleich ich in diesem Augenblick das exakte Gegenteil davon war.
Dieses Mal jedoch wurde ihr Gesicht nicht von einem Lächeln geschmückt. Stattdessen starrte sie mich einfach nur an, so als fragte sie sich, was ich denn wohl vorhatte oder von ihr wollte.
Mit jedem Schritt, den ich ihr näherkam, wurde mein Herzschlag schneller und auch meine Atmung beschleunigte sich, sodass ich regelrecht Mühe damit hatte, meine Aufregung auch nur halbwegs zu verbergen oder gar zu überspielen.
Ich probierte ein kleines Lächeln, welches sie jedoch nicht erwiderte, sondern mich stattdessen nur weiterhin musterte, völlig ohne jegliche emotionale Regung auf ihrem Gesicht.
„Ha-hallo“, brachte ich schließlich zögernd hervor, bemüht um einen halbwegs passablen Einstieg ins Gespräch. „Sind... ähm... sind Sie allein hier?“. „Ja“, gab sie mir zur Antwort und schaute mich nach wie vor ganz neutral an. „Ja, bin ich. Warum?“.
„Hätten... hätten Sie etwas dagegen, wenn ich Ihnen ein bisschen Gesellschaft leiste?“, erkundigte ich mich, auch wenn ich mir im Nachhinein ziemlich blöd mit dieser Frage vorkam.
Doch aus irgendeinem Grund schien ihr das zu gefallen, denn sie schmunzelte plötzlich und sah mich dann noch einmal einen Moment lang an. „Nein“, antwortete sie dann und strich sich lässig eine braune Strähne aus der Stirn. „Nein, habe ich nicht. Sie können sich gerne setzen, wenn Sie wollen“.
Ich erwiderte das Schmunzeln und nahm dann schließlich bei ihr am Tisch Platz, während ich irgendwie nach Worten suchte, um ins Gespräch mit ihr zu kommen. Doch zu meiner Überraschung, wie auch Erleichterung nahm sie mir diese Aufgabe ab.
„Bitte entschuldigen Sie...“, sagte sie und schmunzelte. „...wenn ich das so direkt frage, aber: Sind wir uns vielleicht schon einmal begegnet? Ich habe das Gefühl, Sie schon einmal irgendwo gesehen zu haben“.
„Ja“, erklärte ich und half ihrer Erinnerung damit auf die Sprünge. „Ja, das sind wir tatsächlich. Sie waren vor einiger Zeit in meiner Praxis. Mit Ihrem Dalmatiner, wenn ich mich nicht irre“.
„Ah“, rief sie, als der Groschen gefallen war, und ihr Lächeln wurde breiter. „Sie sind der Tierarzt aus Bichlheim. Genau, jetzt erinnere ich mich wieder“. „Ja“, stimmte ich ihr zu und nickte. „Ja, genau der bin ich“.
Dann streckte ich ihr die Hand entgegen, um mich noch einmal ihr vorzustellen. „Henry Achleitner“, sagte ich und wartete ab, jedoch dauerte es einige Augenblicke, bis sie schließlich zögernd auf meinen Handschlag einging. „Alexandra“, gab sie bekannt, auch wenn ich das ohnehin bereits wusste. „Alexandra Weidenhardt“. Ihre Haut fühlte sich zart an und weich an, als sie ganz flüchtig meine Hand berührte, und ein kleines Schmunzeln umspielte für einige Sekunden ihre Lippen.
„Wie geht es Ihrem Dalmatiner?“, erkundigte ich mich unterdessen, auch wenn es mit Sicherheit kreativere Gesprächsthemen gegeben hätte als dieses. Ich versuchte ganz einfach, irgendeine Gemeinsamkeit zu finden, irgendetwas, bei dem man ansetzen und worauf man aufbauen konnte. Und in dem Augenblick fiel mir einfach nichts Besseres ein.
„Gut“, antwortete sie mir, während sie eine Hand auf der Tischplatte ablegte. „Es geht ihm sehr gut. Er war zwar im Nachhinein ein bisschen bockig, weil ich ihn zu dieser Untersuchung geschleift habe, aber das hat sich mittlerweile wieder gelegt“.
„Ja“, erklärte ich zustimmend und lächelte. „Das kenne ich. Hunde sind da oft sehr eigen“. „Da haben Sie vermutlich Recht“, erwiderte Alexandra schmunzelnd und nahm einen kleinen Schluck von ihrem Wasser.
„Wie war noch gleich sein Name?“, fragte ich interessiert. „Austin“, antwortete sie und wich einen Moment lang meinem Blick aus. „Ja“, stimmte ich ihr zu. „Ja, richtig. Bitte entschuldigen Sie. Aber ich habe ein ganz schlechtes Namensgedächtnis“.
„Nun“, meinte sie und schmunzelte wieder. „Es wäre ja auch viel verlangt, wenn Sie sich die Namen all ihrer Patienten merken würden, oder nicht?“. „Ja“, gab ich zu und kam mir abermals ein wenig blöd vor mit meiner Aussage. „Ja, das stimmt wohl“.
„Und... darf ich fragen, was Sie hierher ins „Bräustüberl“ treibt?“, hakte ich nach einer kurzen Pause weiter nach. „Kommen Sie aus Bichlheim?“. „Ursprünglich, ja“, antwortete sie mir knapp. „Inzwischen lebe ich in Tölz in einer kleinen Eigentumswohnung. Aber geboren und aufgewachsen bin ich in Bichlheim. Deshalb zieht es mich manchmal noch hierher, verstehen Sie?“.
„Ja“, erklärte ich zustimmend. „Ja, das verstehe ich absolut. Ich bin auch hier in Bichlheim geboren und habe eine Weile in Tölz gelebt. Aber mittlerweile bin ich wieder hier. Nach dem Tod meines Vaters habe ich mich um dessen Nachlass gekümmert. Und so ergab sich kurzfristig die Möglichkeit, hier eine Tierarztpraxis zu eröffnen“.
„Oh“, erwiderte sie mit leicht bedrückter Stimme. „Mein aufrichtiges Beileid“. „Danke“, antwortete ich. „Eigentlich hätte ich nicht gedacht, dass ich noch einmal hierher kommen würde. Aber inzwischen bin ich sehr froh und glücklich über meine Entscheidung“.
„Ich überlege tatsächlich auch, ob ich nicht wieder hierher ziehe“, legte sie mir offen und ahnte vermutlich nicht, was allein diese Bekanntgabe bei mir auslöste. „Wirklich?“, fragte ich und tat möglichst neutral.
Sie nickte kurz und senkte dann abermals ihren Blick. „Es ist der Ort, an dem ich aufgewachsen bin“, erklärte sie mir dann. „Und auch wenn ich anfangs gedacht hatte, dass ich in Tölz meinen Weg finden werde – inzwischen kommt meine Sehnsucht nach der Heimat immer wieder mal durch. Deshalb bin ich heute Abend auch hier“.
„Haben Sie denn Familie in Bichlheim?“, erkundigte ich mich, woraufhin sie einen kleinen Seufzer ausstieß. „Nein“, antwortete sie dann kopfschüttelnd. „Nein, habe ich nicht. Meine Eltern leben im Ausland und wir haben kaum Kontakt“.
„Oh...“, entgegnete ich leicht betroffen. „Das tut mir sehr Leid“. „Kein Problem“, antwortete sie und auf ihrem Gesicht breitete sich sofort wieder ein Schmunzeln aus. „Ich komme sehr gut alleine zurecht. Ich bin es ja quasi gewohnt“.
Sie lachte über diese wohl nicht ganz ernst gemeinte Aussage und warf im Anschluss einen kurzen Blick auf die Uhr an der Wand, woraufhin ihr ein flüchtiger Seufzer entkam. „Achje“, sagte sie und griff eilig nach ihrer kleinen Handtasche. „Ich hätte ja beinahe die Zeit vergessen“.
Eigentlich rechnete ich damit, dass sie aufstehen und sich verabschieden würde – doch stattdessen kramte sie nur kurz in ihrer Tasche herum und holte im Anschluss eine kleine Box daraus hervor, bei der es sich, zumindest soweit ich das einschätzen konnte, um eine Pillendose oder etwas ähnliches handelte.
Rasch klappte sie sie auf und beförderte zwei kleine, blaue Tabletten in ihre Handfläche, die sie eilig einnahm und im Anschluss einen Schluck von ihrem Wasser trank. Danach ließ sie die Dose wieder in ihrer Tasche verschwinden und zog den kleinen Reißverschluss zu, bevor sie sich zurück an mich wandte.
„Entschuldigung“, meinte sie dann, fast so, als müsse sie sich bei mir dafür in irgendeiner Art und Weise rechtfertigen. „Aber es ist wichtig, dass ich meine Tabletten immer zur selben Zeit einnehme“.
„Kein Problem“, antwortete ich, auch wenn es mich zugegebenermaßen doch ein wenig interessierte. „Darf ich denn fragen, wofür oder wogegen diese Medikamente sind? Oder ist Ihnen diese Frage zu persönlich?“.
„Ja“, antwortete sie und sah mich kurz an. „Ja, das ist sie. Nehmen Sie es mir nicht übel, aber ich möchte nichts dazu sagen“. „Nein“, erwiderte ich rasch und schüttelte den Kopf. „Nehmen Sie es mir nicht übel, wenn ich zu neugierig war. Ich wollte keinesfalls aufdringlich erscheinen. Es tut mir Leid“.
„Schon gut“, erklärte sie und begann wieder zu lächeln. „Ich rede einfach nicht gerne darüber. Seien Sie mir bitte nicht böse“. „Keine Sorge“, versicherte ich ihr, das Lächeln erwidernd. „Das bin ich ganz und gar nicht“.
Ich überlegte einen Moment lang, bevor ich ihr schließlich einen Vorschlag unterbreitete, der mir die ganze Zeit schon auf der Zunge brannte. „Was halten Sie davon, wenn ich Sie einlade?“, meinte ich. „Ein Gläschen zum Anstoßen? Darauf, dass wir uns hier zufällig wiedergetroffen haben? Würden Sie mir diese Freude machen?“.
Ja, das klang mit Sicherheit einfallslos und plump. Aber etwas Besseres fiel mir gerade nicht ein. Ich wollte einfach versuchen, irgendwie mit ihr zu flirten – doch ich hatte nicht den geringsten Schimmer, wie ich das anstellen sollte. Vermutlich, weil ich komplett aus der Übung war.
„Also...“, äußerte sie nach kurzem Überlegen und ihr Schmunzeln verschwand wieder. „Für gewöhnlich nehme ich solche Einladungen von Fremden ja nicht an“. Sie gab sich kurz ernst, dann kehrte das Lächeln auf ihre Lippen zurück, verlieh ihr abermals ein paar süße Lachfältchen rundum die Wangen. „Aber bei Ihnen, Herr Achleitner, mache ich gerne mal eine Ausnahme. Wenn Sie mich schon so charmant einladen, kann ich nur schlecht ablehnen“.
„Dann gestatten Sie mir also, dass ich Ihnen einen Drink ausgebe?“, fragte ich geschmeichelt und war bemüht, nicht allzu verlegen zu klingen. „Ja“, erklärte sie, offenbar ebenso geschmeichelt von meinem Angebot. „Aber nur, wenn Sie mir die Gelegenheit dazu geben, mich mal dafür zu revanchieren“.

Einige Zeit später, nachdem ich ihr wie versprochen einen ausgegeben hatte, saßen wir immer noch zusammen und unterhielten uns angeregt über dies und jenes. Nun, genau genommen unterhielt ich sie, indem ich ihr ziemlich viel von mir und meinem Leben erzählte, von meiner Vergangenheit, sowie auch den Gründen, die mich wieder hierher nach Bichlheim verschlagen hatten.
Sie dagegen gab sich eher ein bisschen verschlossen, erzählte lediglich auf meine Nachfrage hin ein paar Details über sich und hörte wesentlich mehr zu als sie selbst redete. Dabei hatte ich jedoch nicht das Gefühl, dass sie das aus Desinteresse tat. Nein, vielmehr, so glaubte ich jedenfalls, hatte das mit ihrer grundsätzlich wohl eher schüchternen und zurückhaltenden Art zu tun.
Möglicherweise deutete ich ihr Verhalten auch komplett falsch und sie war absolut nicht an einer Unterhaltung mit mir interessiert – immerhin musste ich offen zugeben, dass ich mich schwer damit tat, ihr Verhalten richtig einzuschätzen.
Ich gab mir Mühe, ihr mein Interesse zu vermitteln, ohne dabei jedoch zu aufdringlich oder gar unhöflich rüberzukommen – doch irgendwie hatte ich nicht das Gefühl, dass das auf Gegenseitigkeit beruhte. Entweder deutete ich ihre Signale völlig falsch – oder aber sie fand mich doch nicht so sympathisch wie sie vorgab.
Jedenfalls erfuhr ich im Zuge unseres Gesprächs nur recht wenig über sie, während ich quasi meinen ganzen Lebenslauf vor ihr ausbreitete, angefangen bei meinem Leben in Tölz, bis hin zu meiner Rückkehr hierher nach Bichlheim, sowie familiäre und freundschaftliche Beziehungen und Verhältnisse.
Von ihr dagegen kam nur wenig, das meiste lediglich auf meine Nachfrage hin. Aber zumindest erfuhr ich, dass sie Übersetzerin tätig war und neben Englisch auch fließend Französisch sprach. Darüber hinaus bekam ich noch Einblicke in ihre Beziehung zu Austin, welcher, wie sich unschwer feststellen ließ, ihr Ein und Alles war.
Aufgrund des Umstandes, dass sie zu ihren Eltern fast keinen Kontakt hatte, war er quasi ihre ganze Familie und so ziemlich der einzige, den sie in ihrem Leben hatte. Von Freunden oder Bekanntschaften erwähnte sie fast nichts, lediglich ein paar einzelne Kontakte waren wohl vorhanden, die sie jedoch nur ganz sporadisch pflegte.
Daher bekam ich auch das Gefühl, dass sie wohl grundsätzlich ein eher zurückgezogener, ruhiger Mensch war, der intime Kreise dem überdrehten und lauten Partyleben deutlich vorzog.
In dieser Art fand ich irgendwie einen Teil von mir selbst wieder, denn ich konnte das nur allzu gut verstehen, da ich auch kein großer Partygänger war und einen Großteil meiner Zeit allein oder im ruhigen, vertrauten Rahmen mit Freunden verbrachte.
Ihre Wohnsituation war derzeit wohl etwas schwierig, weshalb sie auch mit der Überlegung spielte, zurück hierher nach Bichlheim zu kommen. Über weitere Angehörige oder Freunde gab sie auch nichts preis, wobei mir aus irgendeinem Grund plötzlich wieder der Name Robin Weidenhardt in den Sinn kam. Stand er irgendwie in Verbindung mit ihr? Oder handelte es sich dabei doch um zwei vollkommen verschiedene Familien, die nur rein zufällig denselben Nachnamen trugen? In einem kleinen Örtchen wie Bichlheim eigentlich nicht wirklich vorstellbar.
Um der Sache auf den Grund zu gehen und meine durchaus vorhandene Neugierde zu stillen, sprach ich sie schließlich bedächtig darauf an, ob sie denn Geschwister oder andere Verwandte hatte.
„Nein“, gab sie mir zur Antwort und schüttelte den Kopf. „Nur meine Eltern, die im Ausland leben. Sowie natürlich mein Goldstück Austin. Warum fragen Sie, Herr Achleitner?“.
„Ach, nur so“, antwortete ich möglichst beiläufig und lächelte. „Ein Bekannter von mir hat mir erzählt, dass es vor ein paar Jahren hier in Bichlheim mal jemanden mit dem Namen Weidenhardt gegeben hat. Da dachte ich, das könnte vielleicht ein Verwandter von Ihnen sein. Möglicherweise ein Bruder oder so. Entschuldigen Sie bitte, wenn ich zu neugierig bin“.
„Ein... Verwandter?“, erwiderte sie und schnappte einen Augenblick lang nach Luft. „Ja“, antwortete ich ihr und nickte. „Sein Name lautet Robin Weidenhardt. Er hat wohl bis vor einigen Jahren in Bichlheim gelebt und ist dann...“.
„Ich kenne keinen Robin“, unterbrach Alexandra mich rasch und schüttelte heftig ihren Kopf. „Und ich habe auch keine Geschwister. Ich bin Einzelkind. Diesen Namen gibt es in meiner Familie nicht“.
„Oh“, entgegnete ich, wobei mir jedoch nicht entging, dass sie plötzlich ein wenig unsicher wurde. „Dann habe ich das vermutlich verwechselt. Bitte entschuldigen Sie vielmals. Ich möchte in keiner Weise aufdringlich sein“.
„Ist schon in Ordnung“, erwiderte sie und begann dann wieder, leicht zu schmunzeln. „Aber wie gesagt, Herr Achleitner: Ich kenne niemanden mit diesem Namen. Ein Verwandter von mir ist das nicht“.
„Dann handelt es sich wohl einfach um einen Irrtum“, meinte ich und zuckte kurz die Schultern. „Es erschien mir nur komisch, dass dieser junge Mann denselben Nachnamen trägt. Aber Weidenhardts gibt es ja sicher doch mehrere“.
„Ja“, erklärte sie und zuckte ebenfalls die Schultern. „Es scheint so“. Dann warf sie einen erneuten Blick auf die Uhr und seufzte abermals leise auf. „Oh“, rief sie aus. „Ich habe völlig die Zeit vergessen. In einer halben Stunde habe ich einen wichtigen Termin“.
Sie griff rasch nach ihrer Tasche und erhob sich dann eilig von ihrem Platz.
„Danke für die Einladung, Herr Achleitner“, sagte sie und warf mir ein freundliches Schmunzeln zu. „Es war wirklich nett, mich mit Ihnen zu unterhalten. Ich hoffe, Sie nehmen es mir nicht übel, dass ich schon gehen muss“.
„Natürlich nicht“, versicherte ich ihr und stand dann ebenfalls auf. „Ich weiß genau, wie das ist, wenn ein dringender Termin ruft. Und es hat mich auch sehr gefreut, mich mit Ihnen zu unterhalten. Vielleicht können wir das ja bei Gelegenheit mal wiederholen. Was halten Sie davon?“.
„Ja“, antwortete sie mit einem leisen Schmunzeln auf den Lippen. „Ja, vielleicht“. Sie streckte mir ihre Hand entgegen und verabschiedete sich dann, jedoch ohne mir wie erhofft eine Kontaktmöglichkeit zu hinterlassen.
Stattdessen verließ sie einfach das Zimmer und winkte mir von der Tür aus noch einmal lächelnd zu, wobei ich ein weiteres Mal beinahe wie geblendet von ihrer Ausstrahlung und Eleganz war.
Diese Frau war schlicht und ergreifend umwerfend. Und eigentlich wollte ich ihr noch zurufen, ob sie Lust dazu hatte, sich bald noch einmal mit mir zu treffen. Bevor ich das jedoch umsetzen konnte, war sie auch schon aus der Tür und ließ mich zurück mit meinen Gedanken, sowie den Nachwirkungen der besonderen Faszination, die sie nach wie vor auf mich ausübte.
Wow, dachte ich dann und spürte noch immer ihre zarte Hand auf meiner eigenen. Was für eine Frau. Sie war so... so...
Mir fiel nicht einmal ein Wort ein, das auch nur im Ansatz beschreiben konnte, wie sie war. Umwerfend? Großartig? Einmalig? Um ganz ehrlich zu sein, passten davon alle drei auf sie. Und je länger ich darüber nachdachte, desto mehr breitete sich ein angenehmes, warmes Gefühl in mir aus, gefolgt von einem ziemlichen Flattern in der Magengegend.
Oh Gott, was war sie schön. So viel Anmut und Ausstrahlung hatte ich in meinem ganzen Leben noch nicht erlebt. So viel Sympathie und Herzlichkeit – und dennoch mit dieser geheimnisvollen, leicht verschlossenen Art, die sie jedoch nur umso interessanter für mich machte.
Hoffentlich sah ich sie ganz bald wieder. Hoffentlich hatte ich bald das Glück, ihr noch einmal über den Weg laufen zu dürfen. Denn auch wenn sie erst ein paar Momente lang aus der Tür war, freute ich mich jetzt schon unendlich auf die nächste Begegnung.
Ich wollte um jeden Preis noch mehr über sie erfahren. Sie näher kennenlernen, herausfinden, wie sie war. Denn sie hatte mich bereits vom ersten Augenblick an fasziniert. Und sogar noch wesentlich mehr.
Mein Herz schlug schneller, während ich darüber nachdachte und machte mir klar, dass diese Frau es tatsächlich geschafft hatte, irgendetwas in mir zu berühren. Ihre Art, ihr Lächeln, ihre Stimme – all das hatte mich viel mehr als einfach nur angesprochen.
Und auch wenn ich es eigentlich kaum für möglich hielt, ganz besonders, weil ich nicht an so etwas wie Liebe auf den ersten Blick glaubte – dieses deutliche Kribbeln, das ich jetzt in mir spürte, machte mir bewusst, dass da wesentlich mehr war als einfach nur bloße Sympathie. Und dass ich mir nichts mehr wünschte als diese interessante, geheimnisvolle Frau noch näher kennenzulernen.
Von meinen Gedanken vollständig erfasst, bemerkte ich zuerst gar nicht, wie Joshua von hinten auf mich zukam. Erst, als er mir mit seiner Hand auf die Schulter tippte, reagierte ich und drehte mich langsam zu ihm herum. „Alles okay?“, fragte er mich, während ich noch einmal hinüber zur Tür starrte, durch die der braunhaarige Engel vor wenigen Augenblicken verschwunden war.
„Ich... ich weiß es nicht“, antwortete ich und fühlte mich leicht benommen, weil ich meine Gedanken einfach nicht mehr in Zaum halten konnte. Joshua führte mich zurück an unseren Tisch und bat mich, Platz zu nehmen, doch ich konnte mich fast kaum darauf konzentrieren, hing immer noch an Alexandra und ihrer zweifellos vorhandenen, einzigartigen Ausstrahlung.
„Wie war es?“, fragte er mich schließlich und warf mir einen gespannten Blick zu. „Wie ist es gelaufen? Worüber habt ihr geredet? Hast du mit ihr geflirtet?“.
„Ich... ich hab es versucht“, erklärte ich ihm und zuckte die Schultern. „Aber ob das so richtig funktioniert hat, weiß ich nicht. Ich bin mir jetzt nur in einer Sache absolut sicher“.
„Und in welcher?“, erkundigte Joshua sich und musterte mich. „Ich muss sie unbedingt wiedersehen“, antwortete ich und begann, noch ehe ich etwas dagegen tun konnte, glücklich zu lächeln. „Sie ist eine umwerfende, großartige junge Frau. So herzlich, so zuvorkommend, so... wow“.
„Wow?“, wiederholte Joshua verwundert. „Sie ist... wow?“. „Ja“, bestätigte ich ihm und nickte. „Ja, das ist sie. Ich glaube nicht, dass mich je zuvor eine Frau so beeindruckt hat wie sie“.
Unbewusst fing ich an, bis über beide Ohren zu grinsen, während ich abermals an sie dachte, mir ihre langen, braunen Haare und die tiefgrünen, wunderschönen Augen vorstellte. Dass dabei mein Herz laut pochte, registrierte ich erst im Nachhinein, weil ich von ihrer Ausstrahlung noch immer wie gefesselt war.
„Henry?“, holte Joshua mich schließlich zurück in die Realität und fuchtelte kurz mit seiner Hand vor meinem Gesicht herum. „Hallo? Alles okay mit dir?“. „Ja“, antwortete ich glücklich und strahlte ihn an. „Mir ging es noch niemals besser“.
„Also...“, entgegnete er und zog etwas verwundert eine Augenbraue hoch. „Wenn ich es nicht besser wüsste, dann würde ich glatt denken, du hast dich in diese Alexandra verguckt“.
Einen Augenblick ließ ich mir diese Aussage von ihm durch den Kopf gehen und wollte dann eigentlich auflachen, überlegte es mir jedoch rasch wieder anders, als ich etwas ganz Entscheidendes realisierte: Er lag damit nämlich goldrichtig.
Warum sonst fühlte ich mich plötzlich so unbeschwert und leicht? Warum sonst klopfte mein Herz auf einmal schneller? Auch wenn ich es bislang nicht für möglich gehalten hatte – aber so wie es aussah, existierte diese sagenumwobene Liebe auf den ersten Blick tatsächlich. Denn Alexandra war wesentlich mehr für mich als eine Bekanntschaft. Sie war eine Frau, die mich so berührt hatte wie noch nie eine andere irgendwann zuvor. Und wenn das nicht zumindest Verliebtheit war – was denn dann?
„Ich...“, sagte ich schließlich, nachdem ich mir vor Augen geführt hatte, was diese erneute Begegnung mit ihr mit mir machte. „Ich glaube, du hast Recht“.
„Was?“, fragte Joshua nach, der bis eben noch über sein eigentlich scherzhaft gedachtes Argument geschmunzelt hatte. „Du hast Recht“, wiederholte ich und sah wie in Trance noch einmal rüber zur Tür. „Ich glaube, ich habe mich gerade wirklich ein bisschen in Alexandra verliebt“.
Kaum hatte ich das ausgesprochen, musterte Joshua mich ziemlich lange, so als könnte er gar nicht glauben, dass ich das wirklich gesagt hatte. „Wie jetzt?“, fragte er dann und wurde schlagartig todernst. „Wirklich?“.
„Ja“, bestätigte ich ihm, um ihm zu vergewissern, dass ich alles andere als einen Scherz machte. „Ich weiß, dass es sicher bescheuert klingt. Aber in mir flattert gerade einfach alles und ich komme mir so vor als würde ich fliegen. Verstehst du, was ich meine, Josh?“.
Auf diese Aussage hin befühlte er kurz meine Stirn, was ich jedoch eilig abwehrte. „Lass das“, sagte ich bestimmt und vollkommen ernst. „Also Fieber hast du definitiv keins“, erwiderte er und sah mich an. „Das kann dann wohl nur eines bedeuten“.
Er fing an, bis über beide Ohren zu grinsen und stieß ein vergnügtes Kichern aus. „Du hast dich echt verguckt“, sagte er dann und schlug mir freundschaftlich auf die Schulter. „Ach nein, wie goldig“.
„Und... was soll ich jetzt machen?“, fragte ich ratlos, noch immer nicht in der Lage, diese Hochgefühle in mir irgendwie zu unterdrücken. Joshua verzog einen Augenblick nachdenklich das Gesicht, bevor er mir seinen Arm um die Schulter legte und mir direkt in die Augen schaute. „Noch eine Runde?“, schlug er dann vor, woraufhin ich ein deutliches Seufzen ausstieß.
„Ja“, willigte ich dann schließlich ein. „Noch eine Runde“.
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