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Die Zauberflöte - Der Mutter Schwur

OneshotTragödie, Liebesgeschichte / P12 / Gen
09.07.2019
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Die Königin stand etwas abseits der Versammlung, noch immer begleitet von ihren treuen Dienerinnen, die ihr, seit Sarastro sie kannte, nicht mehr von der Seite gewichen waren. Selbst jetzt, als sie ihre Niederlage eingestehen musste, hatte die Königin der Nacht nichts von ihrem Stolz und ihrer Anmut eingebüßt. Das Kinn erhoben, den Dolch noch immer in der Hand und der schwarze Stoff des Kleides ergriffen von der unsichtbaren Hand des Windes stand sie dort, im Schatten eines Torbogens.
Die Sonne hätte ihr nichts getan, denn Sarastro beabsichtigte nicht, ihr Schmerzen zuzufügen. Tatsächlich hoffte er auf eine baldige Versöhnung, denn Tag und Nacht waren trotz aller Unterschiede und Widrigkeiten zwei Naturgewalten, die im Einklang geschehen mussten und die man schwerlich trennen konnte. Obwohl genau das die Absicht der Königin gewesen war.
Er trat auf sie zu, während das Volk Pamina und Tamino feierte. Seine Diener folgten ihm, mit Speeren bewaffnet, die allein der Zierde dienen sollten. Natürlich konnten sie Feinde fernhalten, doch das war bisher kaum notwendig gewesen, denn niemand wollte dem Sonnenkönig Böses.
„Ihr habt verloren, ehrenwerte Königin“, sprach er aus, was ersichtlich war. Sie sah ihn an, das Gesicht blass wie der Mond, die Augen von Zorn und Rachegelüsten entflammt. Ihre Gestalt war schon immer von düsterer Grazie gewesen. Schatten bargen sich in ihrem Gesicht, ließen es kantig und furchterregend wirken, doch Sarastro hatte schon immer eine gewisse Schönheit darin gesehen, die auch ihr verblichener Gemahl – sein enger Freund – erkannt hatte. Die dunklen, schmal geschwungenen Lippen, so blau wie der Nachthimmel, und die mandelförmigen, großen Augen, die das Firmament spiegelten. Die Nacht musste nicht zwangsläufig ein dunkler, gefährlicher Ort sein.
„Ich biete Euch den Waffenstillstand an.“ Er bat seine Diener mit einer Handbewegung, die Speere sinken zu lassen. Niemand sollte der Königin Schmerz beibringen und er hatte bereits zuvor mit seinem Gefolge darüber gesprochen. Vergebung war seine Devise und daran würde er festhalten.
„Gebt mir Euer Wort, keine Mordgedanken mehr zu hegen, und ich werde keine Konsequenzen erlassen. Ihr müsst mit dem Spott leben, der sich nun über Euch breitet, doch von mir habt Ihr keine Rache zu erwarten. Mein Herz ist frei von Niedertracht.“
Ihre Brust bebte ob des schnellen Atems. Sie trug ein schwarzes Kleid aus feinster Seide mit eingeflochtenen Goldfäden, die an die Sterne am nächtlichen Himmel erinnerten. Ein Schleier verbarg einen Teil ihres dunklen Haares, das so schwarz war, dass es wie von unendlicher Tiefe wirkte.
Er wollte sie um sich wissen, obwohl er sich eine solche Zuneigung nicht einzugestehen wagte. Sie war das Sinnbild der Anmut. Niemand könnte die Nacht und ihre Wunder besser wirken als diese Frau. Noch dazu war sie von so bezaubernder Schönheit, dass er seinen Blick nicht von ihr abwenden konnte. In ihrem Licht wurde selbst Pamina zu einem Schatten.
„Ich kann Euch dieses Wort nicht geben“, sagte sie jetzt, ihre Stimme klar und gefasst, als habe sich nichts an der Situation geändert. „Ihr habt mir genommen, was mir rechtmäßig zusteht. Mein Gatte legte es in Eure Hände, in dem Glauben, eine Frau könne mit solcher Macht nichts anfangen. Er war ein Narr und Ihr seid es ebenso, zu glauben, ich könne von meinen Gedanken ablassen!“
Ihre Hände ballten sich zu Fäusten um den feinen Stoff des Kleides. Der Stahl des Dolches blitzte auf. „Gebt mir den Sonnenkreis und ich werde dieser Heirat nicht im Wege stehen. Auch Eurem Leben nicht, wenn es sein muss. Ich will nur, was Ihr mir genommen habt.“
Er lächelte schwach. „Es wurde mir rechtmäßig übergeben und ich kann darüber verwalten wie es mir beliebt. Doch ich kann nicht zulassen, dass Ihr den Sonnenkreis allein besitzt. Ihr würdet Unrecht damit säen, selbst, wenn Ihr es zum heutigen Tage noch nicht beabsichtigt. Befreit Euer Herz von Rache und Tobsucht. Ich kenne einen Weg, unser beider Last zu mindern.“
Sie neigte den Kopf und ein Teil des Schleiers fiel vor ihr weißes Gesicht. Sarastro wollte niederknien vor dieser Schönheit, dieser Ästhetik. Er hatte nicht vor, sie zu verärgern, und fürchtete dennoch, es mit seinem Vorschlag zu tun.
„Lasst uns unsere Leben vereinen. Mit einem Bündnis könnten wir gemeinsam über dieses Reich herrschen und unser beider Wille sei Genüge getan. Schenkt mir Eure Hand. Nach einer Heirat könnten wir beide auf gleicher Stufe stehen. Ich würde Euch nicht aufgrund Eures Geschlechts für minderwertig befinden. Ihr habt mein Wort.“
Tatsächlich schien sie darüber nachzudenken, wenngleich der Schock in ihren Augen zu sehen war. Ein seltener Anflug von Emotion. In all den Jahren war sie so versiert darin geworden, ihre Gefühle zu verbergen. Es kam ihm hart vor, schier unerreichbar, stets all seine Sinnesreize unterdrücken zu müssen. In ihrem Herzen mussten die Schmerzen der Selbstversklavung unerträglich sein.
Auf einmal fühlte er sich verpflichtet, ihr Leiden zu mildern.
„Ihr könntet mich nicht wie Euresgleichen behandeln“, sagte sie jetzt, das Kinn stolz erhoben wie es einer Königin gebührte. „Niemals wäre es einem Manne möglich, dem eigenen Weib Respekt zu erweisen. Ihr habt meinen Gemahl nicht so gekannt wie ich ihn kennenlernen durfte – Ihr wisst nicht, wozu er tatsächlich imstande war. Aber Ihr würdet es herausfinden und ich will nicht Teil dieser Erkenntnis sein! Ich bin auserkoren zu leiden, und eine Heirat mit Euch würde meinen Kummer nicht beruhigen. Ihr seid ein Kurpfuscher und ein Gauner, Sarastro!“
Seine Diener wurden unruhig. Den König zu beleidigen kam Rufmord gleich und beider Verbrechen hatte sie sich schuldig gemacht. Er gebot ihnen mit einer Handbewegung, nicht einzuschreiten und sie nahmen ihn beim Wort. Seine Diener waren treu. Niemals würden sie sich seinem Willen widersetzen.
„Gebt mir zumindest den Dolch“, verlangte er jetzt. „Als Zeichen Eurer Niederlage. Das Volk muss sehen, dass Ihr Euch ergeben habt. Dann wird die Schande nicht zu groß sein.“
„Ich werde für immer in Schande leben“, zischte sie und hob den Dolch, sodass die Klinge auf seine Brust zeigte. „Nichts könnte meine Taten ungeschehen machen. Aber ich bereue sie nicht. Ich habe jede Entscheidung aus einem Grund getroffen und ich werde sie nicht widerrufen!“
Sarastro nickte bedächtig. „Das verstehe ich“, sagte er ruhig. „Doch wäre es nicht möglich, ein Friedensangebot auszuhandeln? Jetzt, da Eure Tochter Euch auf ewig genommen wurde und in Taminos Armen leben wird, wäret Ihr nicht glücklicher in ihrer Nähe? Würdet Ihr mich ehelichen und bei den Eingeweihten leben, würde Euch der Sonnenkreis ebenso gehören wie mir.“
Sie raste vor Zorn, doch er erkannte es nur an ihren geballten Fäusten. Ihre Fingernägel bohrten sich in ihre Handfläche und der Dolch, der noch immer auf seine Brust zeigte, begann zu zittern.
Sarastro streckte die Hand aus. „Gebt ihn mir. Seid einsichtig.“
Die Königin schnappte nach Luft. Er spürte den Blick ihrer Dienerinnen auf sich. Sie waren ihr ebenso treu ergeben wie seine und würden handeln, wenn es nötig wäre. Der Dolch war eine Bedrohung und noch hatte niemand eingegriffen, doch wenn sie ihn nicht bald übergab, würden sie die Geduld verlieren.
Sarastro bemerkte ihre Zweifel. Ihr Blick wanderte zu den Speeren, die spitz geschliffen waren und töten konnten, wenn es notwendig wäre. Fürchtete sie sich oder verzehrte es sie gar nach einer solchen Waffe? Wäre dies nicht ein edlerer Tod als der der Verzweiflung?
Sarastro wollte den Gedanken nicht beenden, doch er erkannte ihn in ihren Augen. „Meine Königin“, begann er, „Ihr müsst es nicht so enden lassen. Seid einsichtig.“ Doch sie wollte nicht auf ihn hören. Natürlich, das hatte sie noch nie. Als sich ihre Blicke jetzt trafen, meinte er einen Anflug von Reue zu erkennen. Vielleicht war es Einbildung, doch für einen Moment glaubte er, jede erdenkliche Emotion in ihren Iriden auszumachen. All die Trauer und der Schmerz, der in ihrem Herzen verborgen lag.
„Ich bin des Hasses Leid. Des Argwohns und der Vertrauensbrüche“, flüsterte sie. Sarastro ließ für einen Moment die Lider sinken, wissend, dass es nichts gab, das er tun konnte.  
Dann tat sie einen Schritt vorwärts, den Dolch auf seine Brust gerichtet. Natürlich erreichte er ihn nicht. Sarastro rief: „Haltet ein!“, doch es war zu spät. Eine Speerspitze, die des Dieners, der direkt neben ihm gestanden, durchbohrte ihren Oberkörper dort, wo er ihre Rippen brechen hörte. Der Dolch entglitt ihrer Hand, doch ihr Arm war noch immer nach ihm ausgestreckt. Sarastro hörte nicht, wie der Stahl auf dem Boden aufschlug. Stattdessen eilte er voran, um sie aufzufangen, als sie nach hinten stolperte und sich der Speer aus ihrer Brust löste. Sie fiel in seine Arme, leicht ob ihrer schmächtigen Gestalt. Dunkles Blut tränkte ihr Korsett und ihre Hand, die sie jetzt auf die Wunde presste. Tränen standen in ihren Augen und für einige Atemzüge sah sie ihn nicht an, obwohl sie es versuchte.
Er wischte den Schleier aus ihrer Stirn. „Ihr hättet es nicht tun dürfen“, flüsterte er und obwohl dem nicht so sein sollte, war er den Tränen nahe. Er hätte sie geehelicht, darin bestand kein Zweifel. Schon damals, als er noch in den Diensten ihres Gatten gestanden, hatte es ihn nach ihr verzehrt. Die ehrenwerte Königin der Nacht, die Mutter der wunderschönen Pamina. Jeder hatte stets ihre Tochter bewundert, doch Sarastro hatte nur Augen für sie gehabt.
Das dunkle Haar rahmte ihr schmales, wohlgeformtes Gesicht und ihre grazilen Gliedmaßen bewegten sich langsam, als würde sie durch das Leben tanzen. Ganz anders als all die anderen Frauen, die sich hastig fortbewegten, schien es, als lebte die Königin in einer anderen Zeit.
Auch jetzt, als das Blut bereits eine Lache auf dem Boden bildete, wirkte sie anmutig, graziös. Ihre Lippen teilten sich ein wenig, ihr Atem beruhigte sich. Erst jetzt trafen sich ihre Blicke.
„Ist das nicht ein schönerer Tod?“, hauchte sie und ihr Körper erschauderte vor Schmerz. Trotzdem gab sie keinen Laut von sich, als könne sie ihn nicht spüren. Es kostete sie viel Kraft, eine zitternde, blutverschmierte Hand zu heben, um sie an seine Wange zu legen.
„Seid mir nicht böse“, flüsterte sie. Ihre Lider flackerten, doch noch ging es nicht mit ihr zu Ende.
„Mutter!“ Das war Pamina. Sie hatte den Trubel bemerkt und kam herübergeeilt, dicht gefolgt von Tamino, ihrem neuen Gemahl. Er hielt ihre Hand, um sie von der Königin fernzuhalten, doch Pamina riss sich los. Obwohl ihre Mutter stets eine unerklärliche Abneigung gegen ihr eigen Fleisch und Blut empfunden hatte, liebte Pamina sie trotzdem unendlich, sodass sie sich jetzt in die Blutlache kniete, um ihrer Mutter nah zu sein.
Tränen liefen über die Wangen der Prinzessin und sie presste beide Hände auf die blutende Wunde.
„Wir müssen ihr helfen“, sagte sie zu Sarastro, der die Königin noch immer hielt und spürte, dass das Bestreben ihrer Tochter ihr Schmerzen zufügte. „Lasst“, bat er deshalb und griff nach den Händen der Prinzessin. „Eine solche Wunde kann nicht geheilt werden. Nicht einmal der beste Arzt unserer Gefilde könnte jetzt etwas für Eure Mutter tun. Verabschiedet Euch, liebste Pamina.“
Sie ergriff die Hand ihrer Mutter, die schwach zu Boden gegangen war, nachdem sie Blutflecken an Sarastros Wange hinterlassen hatte. „Warum habt Ihr das getan?“, fragte die Prinzessin erstickt. „Wolltet Ihr nicht bei mir bleiben? Bei uns?“
Die Königin lächelte schwach und ihre Lider sanken herab, sodass ihre Augen nurmehr halb geöffnet waren. „Mein liebes Kind“, hauchte sie, ihre Finger zitternd in Paminas hohlen Händen, „ergib dich nicht der Illusion, er wäre immer für dich da. Sie ändern sich, Pamina! Du musst für dich selbst einstehen. Er wird dich nicht beschützen, wenn du einmal allein bist. Er wird nicht immer deine Lasten tragen.“ Sie holte Luft und ihre Lunge rasselte dabei.
„Versprich mir, dass du niemals vergisst, dir selbst am meisten zu vertrauen. Versprich mir, dass du niemals an dir zweifeln wirst. Dein Weg ist anders als seiner. Er ist schwieriger. Aber er wird dich stärker hervorbringen, als er jemals sein könnte.“
Sarastro war überrascht von diesen Worten, hatte die Königin Pamina doch nie zugetraut, eine starke Frau zu sein, so wie sie selbst. Doch die Prinzessin nickte eifrig und flüsterte schließlich: „Ich verspreche es… Aber Mutter, du darfst nicht in Schande sterben! Ich könnte es nicht ertragen, den Hass in den Augen des Volkes zu sehen, wann immer dein Name fiele!“
Die Königin schluckte schwer und ihre Augen wanderten erneut zu Sarastro, der sie festhielt. Ihr Körper bebte vor Schmerz, jetzt noch heftiger als zuvor, und sie wagte für einen Moment nicht zu sprechen, bevor sie flüsterte: „Heiratet mich. Jetzt, solange ich noch lebe. Gebt mir Euer Wort, meinen Namen reinzuwaschen.“
Sie suchte seine Hand mit ihrer und er ergriff sie. „Ich habe gesündigt. Ich muss für meine Taten büßen.“ „Aber meine Königin“, er drückte ihre kalten Finger, „das tut Ihr bereits.“ Er hob den Kopf und sah in die Augen der gaffenden Menge. „Bringt einen Priester! Jemanden, der uns traut! Sofort!“
Schon bald taumelte ein Mann aus der Menge, in einem weißen Gewand mit religiösen Stickereien. „Ich, ich bin Pfarrer, König Sarastro.“ Und er verbeugte sich tief. Der König wedelte mit der Hand. „Gut ist’s, kommt her, um uns zu trauen, solange der Königin Atem noch lebt. Kommt näher!“ Der Priester ging vor ihnen in die Kniee. „Als dann… Wollt Ihr, K-Königin der Nacht…“ Er hielt inne, verwirrt. „Euren Namen, werte Königin. Ich brauche Euren Namen für eine gültige Trauung.“
Sie blinzelte langsam – ihre Kräfte schwanden. Sarastro winkte einem der Diener, er solle etwas Brandwein holen. „Marinka“, flüsterte sie und der Priester musste sich herunterbeugen, um sie zu hören.
„Als dann, wollt Ihr, Marinka, Königin des Reiches der Nacht, den hier anwesenden König der Sonne, Sarastro, zu Eurem rechtlich angetrauten Gemahl nehmen?“ Sie sah zu ihm auf und auf ihren Lippen lag tatsächlich so etwas wie ein Lächeln. Der Anflug eines Vertrauensbeweises, auf den er so lange gehofft hatte. „Ich will“, hauchte sie und eine rote Linie zog sich von ihrem Mundwinkel ihren Hals hinab. Das Blut hatte ihren Mund erreicht.
Jetzt kam er Diener mit dem Brandwein in einem bronzenen Becher und Saratsro nahm ihn an sich, um ihn der Königin einzuflößen. Er hob ihren Kopf mit einer Hand, während ihr Oberkörper auf seinen Knieen ruhte.
Als sie getrunken hatte, fuhr der Priester fort.
„Und wollt Ihr, König der Sonne, Sarastro, die hier anwesende Marinka, Königin des Reiches der Nacht, zu Eurer rechtlich angetrauten Gemahlin nehmen?“ Er lächelte nun ebenfalls und für einen Moment wirkte es, als seien sie allein auf der Welt. Ihr weißes Gesicht leuchtete im Schatten des Torbogens und ihre Hand in seiner fühlte sich plötzlich etwas wärmer an.
„Ich will“, antwortete er mit fester Stimme und derweil lösten sich ihre Blicke nicht voneinander.
„Hiermit erkläre ich Euch zu König und Königin des Sonnenkreises, Gemahl und Gemahlin. Ihr dürft die Braut jetzt küssen.“
Obwohl ihre Lippen vom Blut benetzt waren, neigte er sich hinab, um ihre Ehe zu besiegeln. Ihre Lider senkten sich als sich ihre Lippen trafen, doch er bemerkte es nicht und jede Angst um ihr Leben wich für einen Sekundenbruchteil aus seinem Herzen. Sie war seine Ehefrau. In einem besseren Leben hätte sie ihm den Dolch gegeben und die Ehe ohne derlei Strapazen besiegeln können. Doch es war anders gekommen und er musste sie gehen lassen. Nicht jedoch ohne sie zumindest einmal zu küssen, wie er sie schon längst hatte küssen wollen.
Stets hatte er mit Neid beobachtet, wie sein enger Freund und Vertrauter, ihr verschiedener Gemahl, sie hatte küssen dürfen, und dabei stets flüchtig vorgegangen war und die Gelegenheit hatte verstreichen lassen. Er tat das nicht.
Er küsste sie innig und schmeckte das Blut, das in ihren Mund getreten war. Es schmeckte nicht metallisch, wie seins. Er wusste nicht recht, wie es schmeckte, doch es hinderte ihn nicht daran, sie weiterhin festzuhalten und noch für einen Moment diese besondere Bindung bestehen zu lassen, wie sie sonst liebende Partner teilten, um ihr Leben miteinander zu verbringen.
Dann setzte er sich auf. Das Blut war um ihre Lippen verschmiert und er nahm seinen Ärmel, um es fortzuwischen. Sie öffnete ihre Augen noch einmal und nur leicht ob der Anstrengung, die es sie kostete. Ihr Körper zitterte als würde sie frieren und ihre Gliedmaßen wurden schwächer. Ihre Hand lag nurmehr schwach in seiner, wie ein Vogel, der aus dem Nest gestürzt war und sich die Flügel gebrochen hatte.
Sarastro berührte mit der anderen Hand ihr Haar, als er ihren Kopf hielt. „Nun seid Ihr meine Frau“, sagte er, so leise, dass nur sie es würde hören können, denn das Volk unterhielt sich lautstark in einem Kreis um sie herum. Die Diener mussten sie zurückhalten, sodass niemand der sterbenden Königin zu nahe kommen konnte. Der blutige Speer lag noch immer neben ihnen.
„Ihr werdet nicht in Schande sterben“, versicherte er und sie lächelte so sanft wie er es ihr nicht zugetraut hätte. Vielleicht lag es an ihrem Zustand. „Ich bin Euch zu Dank verpflichtet“, flüsterte sie und ihre Haut wurde kälter.
„Vergesst mich nicht.“
Dann fielen ihre Lider und ihr Körper erschlaffte in seinen Armen. Pamina schrie auf und Tamino nahm sie in seine Arme, um sie von einer Unbedachtheit abzuhalten. Sarastro hielt die Königin in seinen Armen und drückte sie nun an sich, ihren erschlafften Körper an seiner Brust. Er spürte das Blut, das nun auch sein Gewand tränkte. Sie hatte aufgehört zu zittern und ihr bebender Atem war verblasst. Niemals würden sie das Leben teilen, das er sich für sie gewünscht hatte. Fern des Hasses und der Missgunst. Das Volk hätte sie akzeptieren müssen, denn sie wäre seine Gemahlin gewesen. So war sie es auch jetzt, doch niemand würde ihre tatsächliche Güte kennenlernen.
Auch er nicht, obwohl er von ihr wusste.
Noch eine ganze Weile hielt er sie so, bevor er von ihr abließ und sie auf den Boden legte, vorsichtig, als wäre sie aus Glas. Ihr Kopf fiel zur Seite und Blut lief auf den Boden. Ihr Kleid wirkte noch ein wenig dunkler ob der Lache.
Noch immer hielt er ihre Hand und auf einmal herrschte Stille auf dem Hof. Niemand sagte ein Wort, bis ein kleiner Junge, der die Szenerie aus nächster Nähe hatte betrachten können, fragte: „Was geschieht mit ihrem Kleid?“ Er zeigte mit ausgestrecktem Finger auf die Königin und seine Mutter schlug ihm auf den Arm und zerrte ihn zurück. Sarastro achtete nicht auf den Jungen, sondern sah auf die Königin hinab.
Tatsächlich veränderte sich etwas an der Erscheinung der toten Königin. Sie sah noch immer lebendig aus, dem Umstand geschuldet, dass ihre Haut auch zu Lebzeiten von unnatürlicher Blässe gewesen war. Die Wunde, die der Speer gestochen hatte, schien auf einmal ein Eigenleben zu entwickeln. Sie begann zu leuchten, als würden Flammen im Inneren der Königin lodern, die auf wundersame Weise an die Oberfläche traten. Sie stachen aus ihrem leblosen Körper hervor wie lange, fingerdicke Nadeln und sorgten für ein wundersames, ungewöhnliches Schauspiel. So bald wie sie erschienen waren, verschwanden sie wieder und die Königin lag reglos. Sarastro und auch das Volk mitsamt Pamina, Tamino und Papageno mit seiner Begleiterin starrten auf die Herrscherin der Nacht hinab. Er wollte ihr das Korsett vom Leib reißen, um die Wunde zu begutachten, doch dann hätte er sie vor der Welt entblößt und das wollte er ihr nicht antun. Stattdessen kroch er auf Knieen neben sie, um eine Hand auf die Wunde zu legen. Sie war noch immer feucht von ihrem Blut, doch dort klaffte nicht mehr das Loch, das er zuvor gespürt hatte.
Ihre Züge waren reglos als er jetzt eine Hand an ihren Wange legte und dabei ihr eigenes Blut auf ihrer blütenweißen Haut verteilte. Ihre Augen waren noch immer geschlossen und doch regte sich Hoffnung in seinem Herzen. Was hatte dieses wundersame Schauspiel zu bedeuten?
Als hätte die Sonne den Körper der Königin erfasst… Aber wie war das möglich?
Noch während er mit diesen Gedanken ganz eingenommen war und ihr Gesicht mit angespannter Nachdenklichkeit musterte, erbebte ihr Körper als hätte er ihn bewegt und ihre Brust wölbte sich zu einem schmerzhaften Bogen, als sie tief Luft holte, obwohl ihre Lunge doch eben von Blut erfüllt gewesen war. Die Menge stöhnte und schrie vor Entsetzen und Verwunderung.
Der Königin Mund war weit geöffnet und ihr Körper verkrampft. Ihre Fingernägel bohrten sich in das aufgeworfene Pflaster unter ihrem Körper, bevor sie eine Hand auf ihre Brust presste und endlich zum zweiten Mal Atem holte.
Ihre Augen öffnete sich wie in einer Schockstarre und ihre Brust hob und senkte sich heftig, sodass ihre Lunge zu neuem Leben erwachte. Sie wollte aufspringen, denn offenbar ergriff neues Leben ihre schwachen Züge, doch er hielt sie zurück, indem er eine Hand auf ihre Brust presste.
„Nicht doch! Ihr solltet Euch nicht bewegen… Ein, ein Wunder ist geschehen!“ Er selbst konnte nicht recht begreifen, was er eben gesehen hatte. In seinen Augen standen noch immer Tränen der Trauer um die Königin, die er in aller Eile geehelicht hatte, um ihr die letzte Ehre zu erweisen, doch jetzt lag sie erneut in seinen Armen, von Blut umrandet, atmend und offenkundig quicklebendig.
Sie blinzelte mehrmals, als könne sie nicht begreifen, was sie sah – und vermutlich konnte sie das auch nicht. „Wo bin ich?“, flüsterte sie, wandte den Blick jedoch nicht von seinem ab. Ihre Hand lag noch immer auf ihrer Brust und ihre Fingernägel bohrten sich in den Stoff ihres zerrissenen Korsetts.
„Ihr seid in meinem Tempel. Dort, wo Ihr Euren Tod akzeptiertet, werte Königin“, antwortete er unter einem Lächeln und nun endlich liefen die Tränen über seine Wangen. Er war ein gestandener Mann, doch angesichts eines solchen Wunders konnte er sich nicht beherrschen.
Auch Pamina fiel erneut neben ihrer Mutter auf die Kniee. „Aber wie…“, begann sie, setzte ihre Worte jedoch nicht fort. Die Königin stützte sich mit einer Hand auf dem Pflaster ab, um sich zumindest aufzusetzen und er ließ sie gewähren. Ihr Gesicht verzog sich vor Schmerz und sie hielt inne. Sarastro nahm sie bei der Schulter und half ihr in eine aufrecht sitzende Position.
Als sie den Kopf hob bemerkte sie das Volk, das still vor Erstaunen auf sie herabstarrte, als wäre sie ein seltsames Tier, das vor ihren Augen zur Welt gekommen war.
„Tretet zurück!“, verlangte Sarastro mit barscher Stimme und das Volk gehorchte erschrocken und wich einige Schritte zurück, sodass der Kreis um ihn und die Königin ein wenig größer wurde.
„Ihr seid auf diesem Boden verstorben, erinnert Ihr Euch?“, fragte er und die Königin musterte ihn so erschrocken als habe er ihr eben offenbart, sie sei die Sonnenscheibe selbst. Sie fasste sich an die Stirn und nun waren in ihrem Gesicht eine ganze Schar von roten Fingerabdrücken zu verzeichnen. Doch natürlich hinderte es ihn nicht daran, sie weiterhin anzusehen.
„Ja, ja ich erinnere mich…“, flüsterte sie und sah hinab auf den Stoff ihres Rockes, in Gedanken versunken. „Ich habe, ich habe…“ Sie betrachtete ihre blutverschmierten Hände. „Einer Eurer Diener hat mich erstochen, weil ich versuchte, Euch zu töten.“ Ein Schaudern durchfuhr ihren Körper und sie wäre zur Seite gestürzt, hätte er sie nicht gehalten. So nah waren sie sich niemals gewesen, doch er wollte, konnte sich nicht beschweren.
„Ihr wolltet mich nicht töten“, versicherte er und strich erneut den Schleier aus ihrem Gesicht, denn der feine Stoff fand allzu oft Gelegenheit, ihr hübsches Antlitz zu verdecken.
„Bloß Euch selbst wolltet Ihr Gerechtigkeit zukommen lassen. Und das habt Ihr getan. Doch jetzt ist es Zeit, zu vergeben. Erinnert Ihr Euch auch, mich geehelicht zu haben?“
Sie sah auf und für einen Moment befürchtete er, sie hätte es vergessen. Dann lächelte sie schwach. „Aber natürlich. Ich habe es vorgeschlagen. Oh bitte!“ Sie griff eilig nach seiner Hand, ihre Haut wie Eis auf seiner eigenen. „Nehmt es mir nicht übel! Ich habe meine Schulden begleichen wollen vor dem Gericht der Götter! Ich habe Euch nicht beleidigen wollen!“
Sarastro musterte sie verwirrt. Natürlich hatte er nicht mit dieser Art von Einsicht gerechnet. Nie hatte er die Königin so fromm und leichtherzig gesehen, so verzweifelt und angstvoll vor seiner Gestalt gebeugt. Die Situation war zu albern. Sie saß noch immer auf seinem Schoß, als hätten sie nichts besseres zutun, als wie Kinder auf dem Boden zu sitzen und ihre Hände zu halten.
Er war niemals derart ungezwungen gewesen – mit keiner Frau.
„Ihr müsst Euch nicht entschuldigen“, versicherte er und lächelte so warmherzig wie es ihm nur möglich war. „Ich habe selbst in dieser schrecklichen Stunde keinerlei Zweifel an unserer Verbindung gehegt. Und wenn Ihr, die Ihr von den Toten zurückgekehrt seid, nicht bereut was Ihr getan, dann wäre es in meinem Interesse, diese Verbindung nicht aufzulösen. Denn sie scheint von den Göttern gewollt.“ Er sah zum Himmel und sie folgte seinem Blick.
„Wie kommt Ihr darauf?“, fragte sie und er lachte leise. „Nun, die Kraft des Sonnenkreises, die Verbindung mit mir, rettete Euch offenkundig das Leben. Schließlich seid Ihr die Königin der Nacht und ich der König der Sonne. Diese Ehe muss eine ganz außergewöhnliche Naturgewalt sein. Und der Sonnenkreis befindet sich nun in unser beider Besitz. Es wäre mir eine Ehre, ihn mit Euch zu teilen.“
Die Königin sah zu ihrer Tochter hinüber und ihr Blick wirkte beinahe angstvoll, als sie erneut das Volk in ihrem Rücken bemerkte.
„Man würde mich niemals akzeptieren“, flüsterte sie und senkte den Blick. Sie löste ihren Griff aus Sarastros und rutschte von ihm fort, was sie ungemeine Kraft kostete, sodass sie bloß einen Schritt von ihm entfernt war als sie erschöpft zu Boden sank.
„Ich könnte niemals Eure Frau sein. Es wäre nicht recht.“
„Aber natürlich wäre es das!“, rief er aus und erhob sich. Das Volk wich erschrocken um einige Fuß zurück. Er trat vor die Königin der Nacht und reichte ihr seine Hand. Sie sah zu ihm auf, die Verwirrung spiegelte sich in ihren Augen. „Aber… Ihr könntet mich nicht heiraten! Nicht, nachdem ich Euren Tod wünschte!“
Sarastro lächelte glücklich. „Aber ich tat es. Und es rettete Euer heiliges Leben. Bitte, nehmt meine Hand.“
Sie zögerte, doch Pamina trat hinter Sarastro und nickte zustimmend. „Ihr habt es verdient, liebste Mutter. Ihr habt für Eure Taten gebüßt. Jetzt steht es Euch frei, glücklich zu sein. Das Leid ist von Euch gewichen.“
Die Königin schnappte nach Luft und für einen Moment noch schien sie zu zweifeln. Dann streckte seine zitternde Hand nach Sarastros aus und er half ihr auf die Beine. Sie konnte sich kaum halten, sodass er einen Arm um ihren schmalen Körper legte, um sie vor dem Fall zu bewahren.
Nachdem er sicher war sie würde nicht stürzen, wandte er sich an das Volk. „Die Königin der Nacht ist nun meine Gemahlin, die Königin des Sonnenkreises. Ihr gilt derselbe Respekt, der auch mir, ihrer Tochter und deren Gemahl gebührt. Mein Volk!“ Er hob den freien Arm gen Himmel. „Die Götter haben gesprochen und der Königin neues Leben geschenkt! Vergebung muss bejubelt werden! Diese Verbindung“, er ergriff die Hand der Königin, die nun ein wenig wärmer geworden war, von Leben durchströmt, „beweist, was ich predige.“
Er legte seine Hand an ihre Wange und bedeckte so die Blutflecke. „Vor den Göttern wollen wir dieses Versprechen in einer freudvollen Zeremonie erneuern. Gestattet mir, Euch zu meiner rechtmäßigen Gemahlin zu machen wie Ihr es verdient.“
Die Königin verbiss sich ein Lächeln. „Das kann ich nicht annehmen“, flüsterte sie. „Ich habe Euch Unrecht getan. Ich könnte nicht so viel Güte erfahren.“
„Aber das werdet Ihr.“ Er drückte ihre Finger. „Eure Schuld sei beglichen. Mit Eurem schmerzvollen Tod habt Ihr für Eure Gedanken bezahlt und gezeigt, dass Ihr bereut. Das allein ist ausreichend, um mir Eure Unschuld zu beweisen. Bitte.“ Er legte seine Hand an ihr Kinn, sodass sie zu ihm aufsehen musste, „nehmt mich. Ich habe Euch schon so lange für Eure Standhaftigkeit bewundert. Ich verspreche, dass Ihr in meiner Gegenwart niemals ob Eures Geschlechts falsch behandelt würdet. Ich achte Eure letzten Worte. Niemand wird Hand an Euch anlegen. Dafür werde ich selbst sorgen.“
Sie biss sich fest auf die Lippe, als wolle sie eine neue Wunde verursachen.
„Was sollte ich dagegen einwenden“, murmelte sie und wandte den Blick ab. Sarastro neigte sich hinab, um sie zu küssen. Er war noch nie in seinem Leben so mutig gewesen und sein Mut wurde mit ihrer Sprachlosigkeit belohnt, denn sie wehrte sich nicht, sondern schien tatsächlich gewillt, seinen Kuss zu erwidern.
„Nichts“, sagte er, als er von ihr abließ. „Jetzt müsst Ihr Euch ausruhen. Ein Arzt soll die Wunde betrachten. Ich muss wissen, ob es Euch tatsächlich bessergeht.“
Die Königin schluckte schwer. „Zumindest ließ der endlose Schlaf von mir ab“, flüsterte sie, nicht ohne einen Funken Angst ob des fremden Landes, in dem sie wohl für einen Augenblick gewesen war.
Sarastro drückte sie ein wenig enger an sich. „Und dessen bin ich froh.“
Sie klammerte sich an sein Gewand, schwach aufgrund ihrer Pein. Die Augen des Volkes lagen noch immer auf ihr wie tausende Ferngläser und er erbarmte sich ihrer. „Erlaubt mir, Euch zu meinen Gemächern zu tragen, denn Ihr scheint zu schwach, um all diese Stufen zu erklimmen.“
Sie betrachtete ihn beinahe schockiert, doch schließlich musste sie sich eingestehen, dass sie tatsächlich nicht die nötige Kraft besaß, so weit zu laufen. „Ich werde Euch wohl nicht abhalten können“, gestand sie ein und er unterdrückte ein schelmisches Grinsen. Dieses Verhalten gebührte einem König nicht.
Vorsichtig nahm er sie auf den Arm und zu seiner Überraschung und Freude verneigte sich das Volk und machte einen Gang für sie frei, als er den ersten Schritt tat. Sie legte den Kopf auf seine Schulter und er roch den Duft der Nacht, den ihr Haar und ihre Haut verströmten. Wie der Tau, der morgens auf den Gräsern zurückblieb.

In seinen Gemächern bettete er sie vorsichtig auf das gemachte Bett und seine Mägde brachten bereits Schalen mit warmem Wasser und Lappen, um ihn von ihrem Blut zu befreien. Sie stellten sie auf den Nachtschränken ab und warteten, bis er von der Königin abließe. Auf dem goldenen Lagen wirkte sie wie ein Engel, der vom Himmel herabgestiegen war.
„Ihr seid zu gut zu mir“, sagte er und löste den Schleier aus ihrem Haar, um ihn einer der Mägde zu reichen.
„Wie kann das sein?“, fragte sie und neigte den Kopf etwas. Sarastro lächelte warmherzig. „Bitte“, er wandte sich zu den Mägden um, „kümmert Euch um die Königin. Reinigt sie von all dem Blut und bringt Ihr neue Kleider. Ich werde mich selbst um meine Bedürfnisse kümmern.“ Er drückte noch einmal ihre Finger, bevor er nach draußen verschwand.

Am Tage der Hochzeit, die erneuert werden sollte, trug sie ein Kleid von hellem Stoff. Er war nicht so weiß wie ihre Haut, doch von einem schwachen Gelb, das einen Kontrast zu ihrem dunklen Haar bildete, das kunstvoll gesteckt und mit goldenen Spangen verziert war, so wie die goldene Robe, die sie über das Kleid zog.
Man hatte ihre Wunde, die recht gut verheilt war, gereinigt, mit Salben behandelt und verbunden, sodass kaum mehr als eine kleine Narbe von dem schrecklichen Stoß geblieben war. Ihre Wangen hatten ein wenig an Farbe gewonnen und ihre Augen leuchteten umso mehr, als er neben sie trat.
„Ihr seht bezaubernd aus“, sagte er mit Stolz in seiner Stimme. Schon immer hatte er ihr so nah sein wollen wie jetzt. Ihre Hand halten dürfen, wie er es in diesem Moment tat. Sie war so leicht, doch diesmal voller Leben. Schmal, wie die Hand einer Jungfrau, und doch war sie die Witwe seines Freundes, die er nun erneut zum Altar führen würde.
Sie musste ihn nicht heiraten, um allmächtig zu sein, was wusste er. Sie hätte ihm den Sonnenkreis irgendwann entwendet und die Macht des Universums in ihren Händen gewusst, ohne ihm jemals in die Augen gesehen zu haben. Doch so glaubte sie, seien ihre Schulden beglichen.
„Liebste Königin“, flüsterte er jetzt, wo sie vor der hohen Flügeltür standen, die hinaus in den Saal führte, „tut Ihr all dies nur, weil Ihr fürchtet, es würde die Last der Schuld von Euren Schultern nehmen? Denn seid versichert, Ihr habt Euch nichts schuldig gemacht als Reue.“
Sie lächelte sanft und er war erleichtert ob dieser Geste.
„Oh Sarastro…“ Sie drückte seine Hand. „Ich mochte vielleicht verzweifelt sein, als ich dem Tode nahe war, doch jetzt… Jetzt bin ich bei klarem Verstand und ich wollte nichts sehnlicher, als endlich Frieden zu finden… Ich habe meine Tochter verraten und verkauft, Euren Mord geplant und mich in Euren Tempel geschlichen, um den Sonnenkreis zu stehlen. Es sind zu viele schreckliche Dinge vorgefallen und ich könnte sie vermutlich nie begleichen, doch…“ Sie hielt inne und senkte den Blick.
„Ich möchte mich nicht länger in den Schatten verstecken. Nicht länger einsam sein. Mein Gemahl glaubte, ich hätte nicht die Macht, sein Amt fortzuführen. Doch Ihr wisst, wozu ich fähig bin. Ihr unterschätzt mich nicht. Aber Ihr werdet wohl auch nie wissen, was in meinem Kopf vorgeht, nicht wahr?“
Sarastro lächelte noch immer beseelt, als könne nichts auf der Welt ihm ein Leid zufügen. Er war froh, sie gesund zu sehen und neben sich zu wissen. Zu wissen, dass sie seine Gemahlin sein würde – für immer an seiner Seite. Doch sie hatte recht. In diesen Zeiten Vertrauen zu schüren war schwer.
Er brachte ihre Hand an seine Lippen und küsste ihre Handfläche. Trotz der furchtbaren Gedanken, die bisher ihren Weg gepflastert hatten, und trotz der schrecklichen Tragödien, die sie ereilt hatten, wirkte sie noch immer rein und demütig, als könne nichts ihrer Gestalt etwas anhaben.
„Ich bin kein Narr“, sprach er, „denn ich werde niemals alle Zweifel verbannen können, die in mir ruhen. Doch ich erlaube es mir, Euch nun endlich entgegentreten zu können. Euer Lächeln kann kein Schauspiel sein, Euer neuerliches Leben kein Zufall. Die Götter hätten Euch dieses Leben nicht geschenkt, wenn sie nicht um Eure reinen Gedanken wüssten. Ich vertraue auf das Urteil der Osiris.“ Er zeigte gen Himmel und sie lächelte ein wenig freundlicher. Es kam ihm beinahe so vor, als wären Tränen in ihren Augen ersichtlich.
„Ihr könnt nun ein neues Leben beginnen“, versprach er jetzt und drückte ihre Hand an seine Brust. „An meiner Seite, an Eurer Tochter Seite. Es wird eine neue Ära sein, denn wir werden gemeinsam Gutes bewirken. Und ich werde Euch gut behandeln, das schwöre ich an diesem herrlichen Tage. Niemand soll Euch jemals wieder Leid zufügen, kein Mensch Euch zu nahe treten. Glaubt mir, dieser Bund ist mir heilig.“
Er ging vor ihr auf ein Knie hinab und küsste ihre Hand erneut. „Habt Ihr Zweifel, so sprecht jetzt. Ich will Euch nicht enttäuschen, Euch kein Zwang im Leben sein.“ Hoffnungsvoll zu ihr aufsehend bemerkte er die Wärme in ihren Augen, die dort so lange nicht mehr gewesen war.
Obwohl sie noch immer die Königin der Nacht war, die nicht scheute, sich mit Blut zu besudeln, erkannte er doch das Gute in ihr. Und sie wusste ebenso wie er, dass dieser Bund ein anständiges Begängnis war. Er würde sie beide erretten und sie wie einen Phönix aus der Asche erheben, die ihre alte Herrschaft war.
Sie ging auf die Kniee und nahm sein Gesicht in beide Hände. „Ich bin Euch zu tiefstem Dank verpflichtet“, flüsterte sie, denn ihre Stimme brach. „Ich könnte keinen Zweifel daran hegen, dass allein dieser Bund mich nun noch retten kann, doch…“
Er betrachtete sie nachdenklich. „Was ist es?“
Sie wandte den Blick ab. War das Scham? Wofür schämte sie sich? Noch nie hatte er so offen in ihren Zügen lesen können.
„Ich fürchte, ich könnte Euch nicht die Frau sein, die Ihr Euch erhofft. Ich könnte meine Pflichten nicht so erfüllen, wie ich es einst tat. Mein Gemahl forderte alles von mir und ich habe mich ergeben, weil ich schwach war. Ich glaubte, kein Schmerz könne stark genug sein, mich zu brechen, denn ich habe alles bereits erfahren. Aber nun fürchte ich doch, nicht standhaft zu sein…“
Sie bedeckte ihre Augen für einen Moment mit der Hand, bevor sie wieder aufsah und Tränen ihre Wangen benetzten.
„Worauf wollt Ihr hinaus?“, fragte er voll Unverständnis. „Ihr müsst keinerlei Schmerzen erfahren, das verspreche ich.“
Sie schüttelte den Kopf. „Ich spreche von dem, was ein jeder Mann von seiner Gattin erwartet. Nach dieser Zeremonie, so vermute ich, werdet Ihr es einfordern und ich kann es Euch nicht geben.“
„Aber…“, er neigte den Kopf, „weshalb fürchtet Ihr Euch davor? Euer Gemahl… War er nicht zärtlich, liebevoll? Ich kannte ihn als einen freundlichen, leichtherzigen Mann.“
„Und ein Mann der Tat“, setzte sie nach. „Er war ein Krieger. Ein Herrscher. Niemals liebevoll…“ Sie schluckte schwer. „Aber wenn das der Preis ist, den ich für die Begleichung meiner Schuld zahlen soll, so wird er es sein und ich werde mich Euch nicht verwehren, das verspreche ich.“
Er nahm sie bei den Schultern. „Das verlange ich nicht von Euch, liebste Königin. Gebt mir nur Euer Wort, mir zu vertrauen, und ich werde Euch Eure Angst nehmen. Ich werde all diese Erinnerungen ungeschehen machen, wenn Ihr es mir erlaubt.“
Sie überdachte seine Worte einige Zeit, denn sie beide schwiegen, vor den Toren kniend, durch die sie bald schreiten würden. Niemals hatte Sarastro vermutet, dass solche Schmerzen in der Königin lauerten, die er ehelichen würde. Die er bereits geehelicht hatte. Diese Furcht konnte nur von besondere Unachtsamkeit herrühren. Was hatte ihr Gemahl nur getan? Wie hatte er nicht liebevoll zu einer so zierlichen Frau sein können? War das der Grund, weshalb sie stets so unnahbar gewesen war? Weshalb sie Seinesgleichen derart verabscheute?
„Nun gut.“ Sie lächelte schwach. „Ich werde Euch vertrauen, denn Ihr habt Eure Achtsamkeit bewiesen.“ Sarastro lächelte sanft und fuhr mit dem Daumen über ihre Wange, um die Tränen fortzuwischen. „Seid nicht voller Angst, an diesem herrlichen Tag“, verlangte er.
„Herrlich“, lachte sie. „Ihr heiratet Eure Mörderin. Das Volk verabscheut mich umso mehr dafür, wie könnten sie an die Herrlichkeit eines solchen Tages glauben?“ „Nun“, er küsste ihre Stirn, „ich bin von seiner Schönheit überzeugt. Dieser Tag wird für immer in besonderer Erinnerung bleiben und ich bereue keine einzige Sekunde, die bis jetzt verstrich.“
Er half ihr auf und hielt ihre Hand noch immer. „Geht es Euch besser?“
Sie nickte. „Aber natürlich. Man hat sich ganz hervorragend um meine Verletzungen gekümmert. Ich hoffe nur, die Götter irren sich nicht.“
„Die Götter irren sich niemals“, versicherte er, als ein Diener den Flur entlanggeeilt kam. „Die Tore werden geöffnet“, verkündete er, als er sie erreichte. Sein Blick haftete für einen Moment auf der Königin, doch er wagte es nicht, ihr in die Augen zu sehen.
Sarastro drückte ihre Hand. „Wir sind bereit“, sagte er und sie wechselten einen langen Blick. Vertrauen, darauf kam es an. Er hatte es immer gepredigt. Neben der Vergebung zählte das allein am meisten.
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