Noch nie vom Zaubereiministerium gehört?

GeschichteAbenteuer / P12
08.07.2019
28.08.2019
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Viel Spaß bei Kapitel Nummer 2!

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Als Allison aufwachte, hatte sie keine Ahnung, wo sie war. Ein scharfer Schmerz schoss durch ihren Kopf und hinderte sie daran, aufzustehen.
Instinktiv wollte sie nach ihrem Zauberstab und ihrer Tasche greifen, um einen Trank herbei zu beschwören, der Linderung verschaffen würde, aber sie fand nichts von beidem.
Panik überkam sie in dem Wissen, dass sie unbewaffnet an einem unbekannten Ort war. Die Erinnerungen an den gestrigen Tag kamen in ihr auf: Harry Potter war in Hogwarts aufgetaucht und plötzlich hatte McGonagall den gesamten Orden ins Schloss gerufen, um gegen den Dunklen Lord zu kämpfen. Und was geschah danach?
Sie wurde von einem Riesen verfolgt, welcher mit seiner eisernen Waffe das Schloss zertrümmerte. Irgendwie musste er sie getroffen haben, denn der Schmerz in ihrem Rücken und die Erinnerung, durch die Luft geschleudert zu werden, ließen keinen Zweifel daran. Allerdings war sie nicht auf dem steinernen Boden von Hogwarts aufgekommen. Wie war sie in das entlegene Büro dieser „Gilde“ geraten?

Wut flammte in ihr auf, als sie daran dachte, dass man ihr ihre Besitztümer abgenommen hatte. Wenn sie ihr nicht helfen wollten, dann hätten sie sie gleich verbluten lassen sollen! Sie würde Beschwerde für dieses Verhalten einreichen, sobald das Ministerium wieder unter rechtmäßiger Kontrolle der Zauberergemeinschaft, nicht der Todesser, war.
Ihre Wut gab ihr die nötige Kraft aufzustehen. Sie tat drei Schritte von ihrem Bett, da bereute sie es. Gestern noch hatte sie sich besser gefühlt, als sie den Blutbildenden Trank zu sich genommen hatte, aber seine Wirkung musste bereits nachlassen. Wenn sie nur ihre Tasche hätte…
Wie war sie eigentlich so schnell eingeschlafen? Es war ihr nicht ähnlich, in einer solch unberechenbaren Situation und mit der Gewissheit, dass gerade ihre Freunde und Kameraden im Kampf starben, einfach zu schlafen. Die Frau hatte doch sicher nicht nachgeholfen?
Allison erinnerte sich an das Kräutergemisch, dass die Frau ihr gegeben hatte und sie ärgerte sich, ihr vertraut zu haben. Moody hatte recht, man musste immer wachsam sein und niemandem vertrauen, den man nicht kannte! Eigentlich dachte sie, die Absichten der Heilerin wären klar gewesen, als sie ihr das Leben rettete, aber offenbar hatte sie sich getäuscht. Kein aufrichtiger Heiler verabreichte seinen Patienten Mittel, mit denen sie nicht einverstanden waren.

Der Raum, in dem sie sich befand, war nur spärlich eingerichtet. Einzig die Liege, auf der sie zuvor geschlafen hatte, sowie ein kleiner Tisch mit zwei Stühlen befand sich hier. Die Tür des Raumes lag an der gegenüberliegenden Wand eines großen Fensters.
Langsam zwang sich Allison, auf die Tür zuzugehen. Ihr Bein schmerzte noch immer, wo sie zersplintert war, aber es war nicht mehr annähernd so schlimm, wie am vorherigen Tag. Auch das war ihr ein Rätsel: Wie war sie zersplintert, wenn sie doch gar nicht appariert war? Allerdings musste sie irgendwie an diesen entlegenen Ort gelangt sein, denn sie befand sich mit Gewissheit nicht auf Schloss Hogwarts.
Sie rüttelte an dem Griff der Tür, doch sie bewegte sich keinen Millimeter. Man hatte sie eingesperrt.
Wenn sie nicht bereits solche Schmerzen gehabt hätte, wäre die Tür um einen Fußabdruck reicher. So musste sie sich allerdings mit ihrer Situation arrangieren.
Noch nie war sie in eine Situation wie diese geraten, aber man hatte sie darauf vorbereitet. Mad-Eye meinte immer, dass stablose Magie vielleicht der schwierigste Zweig der Magie war, aber auch der wichtigste, wenn eine Hexe oder ein Zauberer erst entwaffnet wurde.
Zugegebenermaßen war es nicht ihre beste Disziplin, sie bevorzugte Zaubertränke, aber es half ja nicht. Sie konzentrierte sich auf ihre Hände und nahm ihren Zeigefinger als Ventil ihrer Magie, wie ihren Zauberstab. Einige Minuten später hörte sie sich „Alohomora“ murmeln und die Tür sprang auf.

Langsamen Schrittes verließ sie das Zimmer und betrat einen langen Flur, der von vielen Menschen in grünen Roben gefüllt war. Sie alle waren mit ihren Aufgaben beschäftigt und hetzten von einem Zimmer ins nächste. Eine Frau schien sie zu bemerken, denn ihre Augen weiteten sich und sie kam hastig auf Allison zugelaufen.
„Ihr solltet euch schonen! Lady Vinara hat Bettruhe für Euch angeordnet!“, meinte sie mit hoher Stimme. Sie konnte nicht älter sein als 20.
„Mir ist egal, was Lady Was-weiß-ich angeordnet hat, wo sind meine Sachen?“, knurrte Allison genervt. Vielleicht würde die junge Frau einknicken und ihr alles geben, was sie brauchte. Im Moment konnte sie nur an schmerzlindernde Tränke denken.
Die Frau vor ihr zog scharf Luft ein und plusterte ihre Wangen sichtlich empört auf, fand offenbar aber nicht die richtigen Worte, um ihrem Ärger Luft zu lassen, ohne dabei ihren guten Ton zu verlieren.
„Hören Sie, ich wurde von Ihrer Lady mit irgendetwas zum schlafen gebracht und meine Sachen sind weg. Sie verstehen doch sicher, dass ich nicht allzu glücklich bin?“, fragte Allison du zwang sich zu einem Lächeln. „Außerdem habe ich Schmerzen, in meiner Tasche sind Heilmittel, ich BRAUCHE sie. Wenn sie also so freundlich wären, mich zu meinem Hab und Gut zu geleiten, wäre ich Ihnen sehr verbunden.“, schnaufte sie und lehnte sich gegen die Wand, um ihr Bein zu entlasten.

Die junge Heilerin war offenbar überfordert.
„Vielleicht solltet Ihr euch erst einmal setzen, dann kann ich schauen, was ich tun kann. Soll ich Ihnen Schmerzmittel bringen?“, fragte sie, ihre Stimme noch immer aufgeregt.
„Meine Tasche würde reichen.“, sagte Allison und versuchte, sich diplomatisch zu geben, indem sie sich auf einen der Besucherstühle im Gang setzte. Die Heilerin nickte und entfernte sich schnellen Schrittes.
Allison zog den zerrissenen Stoff ihrer Hose beiseite und betrachtete ihr Bein. Als sie sich bückte, schoss jedoch ein stechender Schmerz durch ihren Rücken und sie richtete sich wieder auf. Sie war schon in verschiedenen schlimmen Situationen gewesen, das Leben als Aurorin war kein einfaches und sie fand sich bereits das eine oder andere Mal im St. Mungos Hospital wieder, aber noch nie war sie so zugerichtet, wie in diesem Moment. Auch steckte sie noch immer in ihrer Kleidung von der Schlacht, die teilweise angesengt, staubig und zerrissen war, in ihrem blonden Haar hatte sich Blut von ihrer Platzwunde an der Stirn verklebt und von weitem betrachtet sah sie einige hässliche Narben auf dem entblößten Teil ihres Beines. Ein schmerzlindernder Trank, eine Dusche und frische Kleidung waren alles, was sie jetzt brauchte. Mit geschlossenen Augen lehnte sie sich zurück, um den Blicken der anderen Menschen nicht begegnen zu müssen. Sie alle waren selbstverständlich in sauberen, gepflegten Roben, aber auch die behandelten Menschen waren allesamt gut angezogen. Für den Kampf in Hogwarts hatte sie zudem nicht ihren feinsten Umhang genommen, sie war nur froh, dass ihre Tasche von den vielen Reisen in andere Länder noch mit Notfalltränken, genügend Kleidung und Büchern, sowie anderen wichtigen Dingen gefüllt war. Sie hatte befürchtet, dass sie den einen oder anderen Trank in der Schlacht brauchen würde, aber diese Situation konnte sie nicht vorhersehen.
Sobald sie wieder einigermaßen laufen konnte, würde sie sich zum dem zuständigen Außenbeauftragten führen lassen, um die Dinge zu klären. Entweder, die Männer vom gestrigen Tag waren zu schockiert von ihrem plötzlichen Auftauchen, oder sie waren einfach zu blöd, um ihr zu helfen.
Wie konnte man Großbritannien nicht kennen? Oder das Zaubereiministerium?

Die Hexe wurde je aus ihren Gedanken gerissen, als zwei Frauen auf sie zustürmten. Es waren die junge Heilerin und die Frau, die sie gestern behandelt hatte.
Allison wusste nicht, ob die wütend oder dankbar sein sollte, also beschloss sie, erst einmal nichts zu sagen.
„Ihr solltet das Bett hüten!“, meinte Lady Vinara und besah sie genau. Die Aurorin runzelte die Stirn.
„Sie haben mir meine Habseligkeiten weggenommen und mich in diesem Raum eingesperrt.“, war alles, was Allison sagen konnte. Die Wut gewann offenbar die Oberhand. Lady Vinara sah sich erst um, ob jemand zu ihnen sah und half Allison dann, aufzustehen.
„Kommt mit, ich werde Euch alles in dem Raum erklären.“, sagte sie und führte die Hexe in das Zimmer, in dem sie aufgewacht war. „Ihr könnt gehen, Lia.“, fügte die ältere Heilerin hinzu und sah, wie die junge und neugierige Heilerin sich zurückzog, nachdem sie sich verneigt hatte.

„Wie geht es euch?“, fragte Lady Vinara, als Allison auf der Pritsche saß.
„Mir geht es furchtbar, ich brauche einen Stärkungstrank, etwas gegen Schmerzen, sowie einen Abschwelltrank für mein Bein und ein wenig Murtlap Essenz, sonst bleiben hässliche Narben zurück. Ich habe all diese Dinge in meiner Tasche, wieso ist sie nicht bei mir?“, fragte Allison mit Nachdruck. Diese schroffe Art war eigentlich nicht ihr Stil, aber man hatte sie ihres Zauberstabes entledigt, was normalerweise nur mit Verbrechern getan wurde. Es war eine Frechheit, eine Hexe ihres Zauberstabes zu berauben.
„Es war die Anordnung des Hohen Lords, diese Dinge zur sicheren Verwahrung wegzulegen, bis wir uns Eurer Intentionen sicher sein können. Sicher versteht Ihr, dass wir gewisse… Vorsichtsmaßnahmen ergreifen müssen, um unsere eigenen Magier zu schützen.“, sagte Vinara streng und besah die junge Frau vor sich. Ihr Blick wurde weicher.
„Wo habt Ihr Schmerzen?“, fragte sie und trat einen Schritt auf die Autorin zu.
„So gut wie überall, aber vor allem mein Rücken, wenn ich mich vorbeuge und mein Bein beim auftreten.“, antwortete sie ruhig. Sie konnte die Frau verstehen, trotzdem war es nicht vertrauenserweckend, so behandelt zu werden. Sie würde später um eine Anhörung bei dem Anführer oder anderen Verantwortlichen bitten.
„Darf ich?“, fragte Vinara und hielt Allison ihre Hand entgegen. Diese nickte. Vielleicht würde sie ihr ja auch so helfen.
Vinara nahm ihre Hand und schickte heilende Magie in ihren Körper. Sofort fühlte Allison sich besser. Die Müdigkeit entwich aus ihren Knochen und ihr Bein schien langsam abzuschwellen.
„Ihr solltet vielleicht ein Entzündungshemmendes Mittel nehmen, euer Bein mag zwar geheilt sein, aber die Schwellung deutet auf eine Infektion hin.“, sagte Vinara und trat einen Schritt zurück. Allison schüttelte den Kopf.
„Bei allem Respekt, aber als ich das letzte Mal etwas von ihnen angenommen habe, haben Sie mir ein Schlafmittel untergejubelt. Sie werden verstehen, dass ich Vorbehalte habe?“, fragte sie und sah die ertappt aussehende Vinara durchdringend an.
„Ihr wart nicht ruhig zu kriegen, habt ständig von einem Kampf gesprochen und dass ihr euch nicht ausruhen wolltet. Als Heilerin ist es meine Pflicht, für das Wohlbefinden meiner Patienten zu garantieren.“, sagte sie kurzangebunden. „Falls ihr mich entschuldigen würdet, ich habe noch zu tun. Außerdem wartet Lord Osen vor der Tür und würde Euch gern zum Administrator bringen, dort könnt ihr dann eine eurer überlegenen Tinkturen benutzen.“, sagte sie schnippisch und erhob sich.
„Lady Vinara, richtig?“, rief Allison noch einmal, bevor die Heilerin die Tür erreicht hat. Diese drehte sich um und nickte.
„Danke.“, sagte die Hexe und lächelte. Vinara erwiderte es, ehe sie den Raum verließ.
Allison stand auf und streckte sich. Die Schmerzen waren tatsächlich besser geworden, aber noch lange nicht weg. Langsam ging sie zur Tür, um die Belastbarkeit ihres Beines auszutesten, doch fürs erste schien es in Ordnung zu sein.

Als sie die Tür öffnete, stand ein junger und hochgewachsener Mann vor ihr. Seine langen dunklen Haare hatte er in seinem Nacken zusammengebunden. Er wipppte ungeduldig hin und her und schien unzufrieden mit dem langsamen Gang der Hexe. ‚Das ist aber ein übereifriger Assistent. Fast wie Weasley‘, überlegte Allison, als sie ihn sah. Sie stellte sich nicht einmal die Frage, woher die Heilerin von dem Erscheinen des jungen Mannes wusste.
„Mein Name ist Osen und ich bin der Assistent des Administrators. Ich wurde gebeten, Euch zu seinem Büro zu führen.“, sagte der Mann und blickte sie zum ersten Mal genau an. Das freundliche Lächeln in seinem Gesicht verblasste etwas, als er ihre Kleidung und das Blut in ihrem Haar besah. Er räusperte sich und machte eine Bewegung in die Richtung, in die sie nun gehen würden.
„Wenn Ihr mir folgen würdet.“, sagte er und ging voran.

Allison hatte Schwierigkeiten, dem eifrigen Mann zu folgen. Er versuchte wohl, die verlorene Zeit durch seine schnellen Schritte wieder wett zu machen. Mit der Zeit humpelte sie zunehmend, da ihr Bein noch lange nicht für die Belastung eines schnellen Marsches bereit war. Dennoch folgte sie dem Mann ohne einen Mucks.
Der Weg kam Allison viel länger vor, als er es am vorherigen Abend getan hatte.
Bald jedoch fanden sie sich vor einer Tür wieder, gegen die Osen klopfte. Keine Sekunde später schwang sie nach innen auf und ihr Begleiter trat in das Büro. Allison folgte ihm in den bekannten Raum.
Osen verneigte sich vor dem Administrator und dem anderen Mann im Raum. Allison kannte ihn: Es war der zweite Mann, der am vorigen Tag in dem Büro war. Er hatte ihr ein Taschentuch gegeben.
„Hoher Lord, Administrator.“, sagte Osen und richtete sich wieder auf. Allison war unschlüssig, ob sie es ihm gleichtun sollte, entschied sich jedoch dagegen. Woher sollte sie auch die Gepflogenheiten dieses Ortes kennen?
„Vielen Dank, Osen. Würdet ihr diese neuen Briefe bitte zu der Verteilerstelle bringen?“, fragte der braunhaarige Mann, der Allison zuerst geheilt hatte.
„Natürlich, Mylord.“, meinte er und nahm eine weiße Kiste entgegen, in der sich offenbar besagte Briefe befanden. Mit einer erneuten Verbeugung verließ der junge Mann den Raum.

„Ich fürchte, ich kam gestern gar nicht dazu, mich vorzustellen. Mein Name ist Lorlen und ich bin Administrator der Gilde. Das hier ist Akkarin, der Hohe Lord der Gilde und damit unser Oberhaupt.“, lächelte der dunkelhaarige Mann. Lorlen hieß also der Heiler, der ihr den Blutbildenden Trank gegeben hatte.
Und Akkarin, der schwarzhaarige Mann, war es, der veranlasst hatte, dass man ihr ihren Zauberstab wegnahm. Allison runzelte die Stirn.
„Es freut mich, Sie kennen zu lernen Administrator, aber ich wünschte, es wäre unter anderen Umständen geschehen.“, begann sie und versuchte, ihre Gesichtsmuskeln zu entspannen. Nicht nur, weil ihre Stirn weh tat, sondern auch, weil sie freundlich erscheinen wollte. Ihre vielen Auslandsreisen als außenbeauftragte Aurorin hatten sie schon an die entlegensten Orte gebracht, in denen sie Verhandlungsgeschick beweisen musste, sowie Diplomatie in der einen oder anderen schwierigen Situationen an den Tag legen sollte. Auch, wenn sie noch nicht wusste, wo sie tatsächlich war, würde sie sich um des Ministeriums willen unauffällig verhalten müssen, besonders, da sie nicht um die aktuellen Zustände dort wusste. Hatten sie es schon geschafft, Voldemort zu besiegen?
„Auch wir haben uns diese unglückliche Begegnung nicht ausgesucht. Nehmt doch bitte Platz, dann können wir uns in Ruhe unterhalten.“, sagte Lorlen und zeigte auf den zweiten Sessel vor seinem Schreibtisch. Allison ließ sich nicht zwei Mal bitten und nahm dankend Platz.
Lorlen faltete seine Hände zusammen und lehnte sich auf seinem Platz nach vorn, um sich auf dem Tisch abzustützen.

„Ich fürchte, es gab gestern eine… Verwechslung. Lady Vinara hat uns versichert, dass Euer Gedächtnis nicht beeinträchtigt sein sollte, deswegen habe ich Euch nun noch einmal hergebeten, um über Eure Herkunft zu sprechen.“, sprach Lorlen und sah sie erwartungsvoll an. Allisons Augenbrauen schossen in die Höhe.
„Der Fehler lag bei mir? Dann habe ich mich wohl verhört, als ihr sagtet, ihr hättet keine Kenntnis vom Zaubereiministerium in Großbritannien?“, fragte sie skeptisch. Sie würde sich nicht für dumm verkaufen lassen: Sie hatte richtig gehört.
Der Mann ihr gegenüber runzelte die Stirn.
„Nun… Nein, ihr habt euch nicht verhört. Ihr befindet euch in Kyralia, genauer gesagt seiner Hauptstadt Imardin. Und wir haben tatsächlich noch nie von einem Ort wie dem… Zaubereiministerium? Gehört. Und auch nicht von Großbritannien. Ich habe unseren obersten Bibliothekar danach ausgefragt, aber keine der uns zur Verfügung stehenden Quellen der letzten 300 Jahre erwähnt diesen Ort. Wir müssen wohl annehmen, dass ihr lügt.“, sagte er mit hörbarer Verwirrung, die jedoch bald in einen strengen Ton umschwang.
Allison schüttelte den Kopf, bereute es jedoch sofort, als sich ein stechender Schmerz an ihren Schläfen breit machte. Sie war diejenige, die hier unfair behandelt wurde. Und dann maßen sie sich noch an, sie als Lügnerin zu bezeichnen?
„Wissen sie, ich finde noch viel verdächtiger, dass ich hier lande, obwohl man aus Hogwarts nicht apparieren kann. Ich bin mir sicher, dass ich keine der mir zur Verfügung stehenden Transportmöglichkeiten genutzt habe, also muss mein Erscheinen hier mit Ihnen in Verbindung stehen. Die Tatsache, dass man mich betäubt hat und dann meine Habseligkeiten und meinen Zauberstab entwendet hat ist nicht viel Vertrauenserweckender.“, sagte Allison und schaute den Mann vor sich scharf an.
Lorlen blickte hilfesuchend zu seinem Freund. Es war nicht seine Art, ein scharfes Verhör zu führen, aber Akkarin hatte darauf bestanden. Vermutlich war der einzige Grund, aus dem er jetzt in Lorlen Büro war, um zu sehen, wie er sich schlug und ob er die nötige Strenge der Frau gegenüber zeigte.
Akkarin erwiderte seinen Blick jedoch nicht und ließ die junge Frau nicht aus den Augen.

Lorlen räusperte sich und sah wieder zu der Hexe.
„Nun, Ihr werdet sicher verstehen, dass es sich dabei um eine reine Vorsichtsmaßnahme handelt. Solange wir uns Eurer Intentionen nicht sicher sind, können wir euch eure… Waffen… nicht geben.“, meinte er, doch er klang dabei nicht halb so überzeugt, wie er es eigentlich wollte.
Allison platzte fast der Kragen.
„Ich verstehe. Ich darf also weder auf meine heilenden Tränke, noch frische Kleidung zurückgreifen, weil eine Handtasche zu gefährlich ist?“, fragte sie provokant und sah den Mann vor sich herausfordernd an. Lorlen wusste nicht, was er sagen sollte.
„Nun… Natürlich dürft Ihr das, ich bin mir sicher, dass wir da eine Lösung finden werden, Ihr seid schließlich keine Gefangene, aber-“, begann er, doch er wurde unterbrochen.
„Und wieso um alles auf der Welt werde ich dann wie eine behandelt? Man hat mir gesagt, Sie wären der oberste Lord oder so dieser Organisation. Ich verspreche Ihnen, ich werde meinen Vorgesetzten von diesem respektlosen Verhalten in Kenntnis setzen. Sobald Sie-Wissen-Schon-Wer besiegt ist, wird er handeln und die Situation klären. Es wird das Ministerium nicht freuen, dass Sie eine Aurorin vom Krieg fernhalten und ihr darüber hinaus den Zugang zu ihrem Hab und Gut verwehren. Sie nehmen mir die Möglichkeit zurückzukehren und unschuldiges Leben zu schützen, unter anderem das Leben von Kindern. Ich hoffe, Sie sind stolz auf sich.“, platzte es aus ihr hinaus, ehe sie darüber nachdenken konnte. Im Nachhinein betrachtet war es vermutlich keine gute Idee, sich unbewaffnet mit fremden Magiern in deren eigenen Haus anzulegen, aber sie hatte auch keine Zweifel, dass man nach ihr suchen würde und die Männer zur Rechenschaft ziehen würde, sollte ihr etwas passieren.

Zum ersten Mal erhob der Hohe Lord der Gilde seine Stimme.
„Ich fürchte, Ihr werdet mit keinem Vorgesetzten sprechen können, weil er nicht existiert. Zumindest nicht so, wie ihr es vorgibt. Es gibt allerdings eine Möglichkeit, Eure Geschichte zu bestätigen.“, sagte er mit einem Unterton in seiner Stimme, den Allison nicht zuordnen konnte.
„Ach und wie bitte?“, fragte sie ohne auf einen Hauch Freundlichkeit zu achten.
„Eine Wahrheitslesung.“, meinten er und der Administrator gleichzeitig. Allisons Augenbrauen schossen in die Höhe.
„Eine was?“, fragte sie.
„Eine Wahrheitslesung.“, wiederholte Lorlen ruhig, ohne sich von ihrem Ton aus der Ruhe bringen zu lassen. Sie rollte mit den Augen.
„Ich bin nicht taub, ich habe schon verstanden. Was soll eine Wahrheitslesung sein?“, fragte sie und sah skeptisch von einem Mann zum anderen.
„Nun, es ist wie Gedankenlesen. Man dringt in den Geist einer Person ein und kann ihre Erinnerungen betrachten.“, antwortete Lorlen, welcher im Gegensatz zu seinem Kollegen bemüht um Freundlichkeit war.
„Also Legilimentik?“, fragte Allison noch einmal nach. Sie würde doch niemanden in ihren Geist lassen! Eine der ersten Dinge, die sie als Aurorin gelernt hatte, war Okklumentik. Die Fähigkeit, seinen Geist vor dem Eindringen anderer zu schützen, war ein wichtiges Gut. Feinde könnten sonst etwas mit den sensiblen Informationen in ihrem Kopf anstellen und ihre größten Schwächen gegen sie verwenden.
Nun war es an ihrem Gegenüber, die Stirn zu runzeln.
„Und was soll das sein?“, fragte er und konnte sein Interesse nicht unterdrücken.
„Na die Fähigkeit, gewaltsam in den Geist einer anderen Person einzudringen und in ihrem Kopf herumstöbern zu können. Informationen, Erinnerungen, Geheimnisse und Schwächen liegen dem Meister der Legilimentik offen.“, antwortete sie und fühlte sich bereits viel besser, etwas zu wissen, das den anderen offenbar unbekannt war.

Lorlen schluckte und hustete einmal.
„Nun, bei einer Wahrheitslesung passiert nichts mit Gewalt. Es tut auch nicht weh. Und die Informationen, die ihr vor uns geheim halten wollt, versteckt ihr einfach! Ihr würdet uns damit die Gelegenheit geben, euch Vertrauen zu schenken und auf Augenhöhe miteinander zu arbeiten.“
Allison runzelte die Stirn und atmete tief ein und aus.
„Und wer sagt mir, dass ich Ihnen vertrauen kann?“, fragte sie. „Im Moment bin ich unbewaffnet, ich kann mich also nicht verteidigen, wenn Sie ihre Macht ausnutzen. Welche Garantien habe ich?“. Allison wusste, dass sie nicht in der Position war, Forderungen zu stellen, aber sie musste es versuchen. Sie würde nicht freiwillig ihre Geheimnisse offenbaren, wenn, dann müssten sie sie davon überzeugen oder sie ihr gewaltsam entnehmen.
„Wir haben euch geheilt! Wenn wir feindliche Absichten hätten, dann hätten wir euch sterben lassen.“, meinte Lorlen. Da hatte er recht. Das war der einzige Grund, wieso Allison am Abend der Heilerin getraut hatte.
Allerdings hatten sie ihr Vertrauen auch missbraucht.

Die Aurorin überdachte ihre Situation. Ihr waren die Hände gebunden. Ohne ihren Zauberstab konnte sie sich nicht verteidigen, zumindest nicht gegen zwei Magier. Sie hatte Lorlen heilen gesehen, wer wusste, wozu sie noch fähig waren?
Wenn sie genauso wenig vom Ministerium wussten, müssten sie zusammenarbeiten.
Und wenn es Todesseer waren, die nur die Gunst der Stunde nutzten, um an Informationen des Ordens zu kommen?
Dann würde sie Okklumentik nutzen. Falls es dann nicht zu spät war.
Aber hätten Todesser ihr geholfen?
Wenn es schon im Vorhinein geplant gewesen war, dann hätten sie all dies einfädeln können.
Aber wie sollte sie dahinterkommen?

„Ich… denke, ich habe keine andere Wahl, als zu kooperieren. Aber ich möchte wissen, ob Sie Todesser sind. Wenn Sie zu Sie-Wissen-Schon-Wem gehören, dann haben Sie das Dunkle Mal.“
„Wem? Ich fürchte, ich weiß nicht, wovon Ihr sprecht. Was wollt ihr sehen?“, fragte Lorlen.
Nun wollten sie sie doch zum Narren halten. Nicht vom Dunklen Lord gehört zu haben! Die ganze Welt war in Angst und Schrecken versetzt, auch außerhalb der englischen Grenzen.
„Euren Unterarm.“, sagte Allison jedoch diplomatisch, schließlich wollte sie die ganze Prozedur so schnell wie möglich hinter sich bringen.

Lorlen hatte keine Ahnung, wovon die Frau sprach, aber er wollte ihr entgegenkommen, weshalb er die Ärmel seiner blauen Robe nach oben zog und seine Unterarme entblößte. Es war nichts zu sehen. Kein Totenkopf, keine Schlange, nicht einmal ein Hauch von Magie. Allison entspannte sich sichtlich. Voldemort würde keinen Todesser ohne das Dunkle Mal herumlaufen lassen, nicht einmal, wenn er ein Spion war.
Erwartungsvoll sah Allison zu dem anderen Mann im Raum. Dieser verschränkte die Arme vor der Brust.
Akkarin wollte zwar genauso wie Lorlen die Situation lösen, aber er würde niemandem seine vernarbten Arme zeigen. Es würde viel zu viele Fragen aufwerfen.
Er setzte seine übliche kalte und abweisende Miene auf.
Allison zog die Augenbrauen in die Höhe und wandte sich wieder dem Administrator zu. Er war sowieso wesentlich sympathischer.
„Nun, ich denke ich kann euch vertrauen. Ihm“, begann sie und sah zu Akkarin, „jedoch nicht. Ich werde keinen potentiellen Todesser in meinen Geist lassen.“. Ihr Blick wurde mindestens genauso kalt wie der des Hohen Lords.
„Was muss ich tun?“, fragte sie an Lorlen gerichtet, aber mit wesentlich wärmerer Stimme. Dieser nahm sich vor, später mit seinem Freund zu sprechen, konzentrierte sich jedoch erst einmal auf die Situation.
„Ich brauche nur eure Hände.“, sagte er mit einem Lächeln und sah, wie die Frau mit ihrem Sessel näher zu ihm rückte und ihre Hände auf den Tisch legte.

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Ich hoffe sehr, dass es euch gefallen hat und würde mich über ein Review oder eine Empfehlung freuen ^^
Bis zum nächsten mal!
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