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GeschichteDrama / P12
Kakashi Hatake Yamato (Tenzo)
08.07.2019
10.10.2019
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„Du solltest mal eine Pause machen. Wie wäre es mit etwas zu Essen? Essen kann dir neue Energie verleihen, die-“
„Nein, danke, Gai.“ Kakashi unterbrach den Anderen, ohne auch nur von den Papieren auf seinem Schreibtisch aufzusehen. Er wusste, dass Gai nicht so schnell aufgeben würde, auch wenn er komplett auf stur schaltete. Mittlerweile spielten sie dieses Theater beinahe jeden Tag. Gai kam in sein Büro, versuchte ihn zu irgendetwas zu bewegen und Kakashi lehnte in neun von zehn Fällen ab. Bei der einen Ausnahme hatte Kakashi gehofft, der Andere würde ihn dann für eine Weile in Ruhe lassen. Was hatte er sich eigentlich gedacht? Schließlich handelte es sich hier um Gai. Wann hatte Gai ihn schon mal in Ruhe gelassen?
Kakashi seufzte innerlich. Er wollte nicht unfair sein. Vielmehr hatte Gai ihn nie aufgegeben, das war die richtige Art, es auszudrücken. Ihm war allerdings nicht danach, Gai sein Leid zu klagen. Dies würde sich genauso wenig ändern, wie Gais Versuche, ihn aufzubauen.  
„Dann warte ich, bis du Zeit hast.“
Nun endlich blickte Kakashi auf und sah zu seinem Kameraden. Dieser saß in seinem Rollstuhl, verschränkte die Arme vor der Brust und starrte unablässig seinen „Rivalen“ an. Der Hokage seufzte laut.
„Gai, du hast doch bestimmt etwas Besseres zu tun.“
„Nein.“
„Was ist mit Lee oder Tenten?“
„Das solltest du doch wissen. Die sind auf einer Mission.“
Verdammt. Das hatte er vergessen. „Kurenai! Kurenai ist da. Sie freut sich bestimmt über Besuch.“
„Hat heute ihren Frauenabend.“
„Gai“, stöhnte Kakashi, während er sich durch seine müden Augen rieb. „Ich muss arbeiten.“
„Wie gesagt. Ich warte, bis du fertig bist“, entgegnete Gai grinsend und mit einer Daumen-hoch-Geste.
Den Kopf schüttelnd wandte Kakashi sich wieder seiner Arbeit zu. Die er so langsam erledigte, wie es ihm nur möglich war. Ob Gai ihn durchschaut hatte? Der Grund für seine langen Arbeitszeiten lag schließlich weniger daran, dass es tatsächlich viel zu tun gab, sondern mehr daran, dass Kakashi sich ausgedehnt Zeit damit ließ. Mit einem unauffälligem Blick besah er sich den kleinen Papierstapel, den es zu bearbeiten galt. Tsunade hatte gerne Arbeit auflaufen lassen, bis die Dokumentenstapel bis unter die Decke reichten. Sie war aber quasi nebenbei noch als Ärztin tätig. Kakashi hätte sehr wohl ein wenig Freizeit zwischendurch haben können, aber er zog es vor, beschäftigt zu bleiben. Solange er sich auf die Arbeit konzentrierte, konnte er alles, was geschehen war, auf Abstand halten. Tsunade hatte dies gewusst. Es war einer der Gründe gewesen, warum sie ihn dazu gedrängt hatte, Hokage zu werden. Der andere war, so dachte es sich Kakashi, dass es ihm zeigen sollte, gebraucht zu werden. Er hatte ihr nie gesagt, dass er sie durchschaut hatte, denn er wollte ihr die Freude an dem Glauben lassen, dass ihr Plan funktionierte.
Es verging kein Tag, an dem er nicht an alles dachte, was passiert war.
Zwar war dies kein ungewohntes Gefühl - sein ganzes Leben bestand immerhin aus Schuldgefühlen – aber der vergangene Krieg hatte alles so viel schlimmer gemacht. Obito, der Krieg, die vielen Toten, er war dafür mitverantwortlich. Und selbst wenn er es schaffte, diese Schuldgefühle auszublenden, wanderten seine Gedanken dann zu demjenigen, den er im Stich gelassen hatte.
Kakashi rieb sich erneut erschöpft durch die Augen, als er den Text vor sich zum dritten Mal Korrektur las. Konzentriere dich auf den Text, sagte er innerlich zu sich selbst. Wenn er seine Gedanken auch nur ein bisschen abschweifen ließ, dauerte es nicht lange, bis sie an einen bestimmten Punkt gelangten.
„Sempai, sind Sie sicher, dass es eine Regelung gibt, laut der ich Ihre Berichte schreiben muss?“
„Aber ja, Tenzou, ganz sicher.“
„Dann … wird das wohl so seine Richtigkeit haben.“

Er sah ihn vor sich. Das jugendliche Gesicht mit leicht fragender Miene, das kurz darauf strahlend lächelte, weil Kakashi Tenzou etwas davon erzählte, wie gut er die Berichte doch schreiben konnte.
Nein, das hätte nicht passieren dürfen. Diese Erinnerungen kamen ständig über ihn, sie wurden häufiger je mehr er versuchte, sie zu verdrängen. Kakashi wusste, dass er sich wegen seines Kohais schuldig fühlte. Er hatte ihm nicht helfen können, weder während, noch nach dem Krieg. Und nun wusste er nicht  einmal genau, wo Tenzou war, was er tat, wie es ihm ging. Es war ein Fehler gewesen, ihn gehen zu lassen. Er brauchte ihn hier.
Vor Wut über sich selbst schmiss er den Stift, den er in der Hand gehalten hatte, lautstark auf den Tisch.
„Kakashi?“
Ah, verdammt! Er hatte vergessen, dass Gai noch da war.
„Willst du mir jetzt vielleicht sagen, was dich beschäftigt?“
Der Hokage warf Gai einen musternden Blick zu. „Mich beschäftigt nichts.“
Nun war es Gai, der einen Seufzer ausstieß. „Und wieso bearbeitest du dann alles im Schneckentempo? Du versuchst, irgendetwas aus dem Weg zu gehen. Und ich denke, nicht nur mir.“
Sein Gegenüber hatte ihn also die ganze Zeit schon durchschaut. Kakashi drehte sich samt Stuhl um, sodass er nun aus dem großen Fenster hinter seinem Schreibtisch auf das nächtliche Konoha hinaus blickte. „Du glaubst mir nicht, wenn ich sage, dass nichts ist?“ In der Spiegelung der Fensterscheibe konnte er sehen, wie Gai den Kopf schüttelte. „Es ist nichts, mit dem du mir helfen kannst, Gai.“
„Es ist ja auch nicht so, dass du mich lässt“, erwiderte Gai und lachte leicht. „So wie immer halt. Ach, Kakashi, ich weiß, du quälst dich wegen Obito und allem, aber du musst nach vorne blicken. Du kannst nichts mehr daran ändern, was geschehen ist. Grüble nicht über die Vergangenheit nach, sondern denke an die Gegenwart und die Zukunft! Ich kann mich erinnern, dass du es schon oft geschafft hast, die Dinge wieder positiver wahrzunehmen. Als du Team Sieben übernommen hast, zum Beispiel. Oder damals nach dem dritten Krieg, als der Yondaime dich zu seinen Anbu berufen hat oder Jahre, nachdem Minato-sensei gestorben war, da warst du plötzlich auch wieder lebensfroher … warum weiß ich jetzt gar nicht ...“
Kakashi ließ seinen Blick von Gais Spiegelung aus über Konoha wandern, während er ihm zuhörte. Die Erinnerungen wurden aufdringlicher. Nun benutzten sie sogar schon Gai, um sich Kakashi aufzudrängen. Gai konnte nichts dafür, er wusste nicht, wer damals der Grund gewesen war. Kakashi hatte keine Ahnung, wie er dem Anderen erklären sollte, dass es Yamato gewesen war, der ihm damals geholfen hatte. Und dass er eben diesen nun so schrecklich vermisste. Tenzou hatte damals seine seelischen Qualen lindern können, ohne zu wissen, dass diese bestanden. Eventuell waren sie ihm auch bewusst gewesen, Tenzou war unglaublich empfänglich für so etwas gewesen. Ob bewusst oder unbewusst, er hatte Kakashi verändert. Vielleicht hätte es noch einmal funktioniert.

Kakashi hatte Gai versichert, dass es keinen Grund dafür gab, sich Gedanken um ihn zu machen, denn er würde schon zurecht kommen. Er hangelte sich von Tag zu Tag, von Aufgabe zu Aufgabe. Irgendwie schaffte er es, dass die Zeit verging. Alles andere aber blieb.
Yamato war seit über einem Jahr weg.
Er hätte ihm damals direkt sagen sollen, was wirklich passiert war. Dass dies alles eher Kakashis Schuld und nicht Yamatos war. Und dann? Möglicherweise wäre Yamato wütend auf ihn gewesen, aber vielleicht wäre er geblieben. Vielleicht hätte dies auch gar nichts geändert und er wäre trotzdem gegangen. Vielleicht hätte es alles verändert und es hätte ihnen geholfen, weil sie füreinander da gewesen wären.
Wenn er doch nur für Tenzou da gewesen wäre.
Der Hokage vergrub, hinter seinem Schreibtisch sitzend, sein Gesicht in seine Hände. Es war schon spät und egal, wie oft er diese Gedanken durchging, es half ihm nichts.
„Was machst du da?“ Die eher schroff daherkommende Frage war von niemand anderem als Tsunade gestellt worden. Als er aufsah, betrat sie das Zimmer und ging auf ihn zu. In der einen Hand hielt sie zwei kleine Gläser, in der anderen eine Flasche Sake.
„Arbeiten.“ Kakashi beäugte die Flasche, die sie auf seinem Tisch abstellte.
„Gai hat gesagt, dass du das sagen würdest.“
Gai. Er hatte geahnt, dass dieser sich nicht so leicht abschütteln ließ. „Was machst du da?“, konterte der Rokudaime.
„Arbeiten“, erwiderte seine Vorgängerin grinsend, goss etwas vom Sake in die Gläser und schob eins Kakashi hin.
„Gai hat dich geschickt?“
Sie gab einen verächtlichen Ton von sich. „Du denkst, jemand müsste mich schicken? Weil du so unauffällig in Selbstmitleid badest?“ Sie leerte ihr Glas in einem Zug. „Ich will dir eine Geschichte erzählen. Du trinkst“, sie wartete ab, bis Kakashi tatsächlich getrunken hatte, „und hörst zu.“ Sie schüttete nach und leerte ihr Glas erneut. „Ich kannte mal zwei bezaubernde Menschen. Sie war brillant und hatte einen furchtbar eigensinnigen Humor. Er war brillant und naja, in sozialen Angelegenheiten etwas langsam, trotzdem fanden diese beiden sich und bekamen ein Kind. Das Kind war von Anfang an ein Problemfall. Wirklich, das reinste Problem. Alle anderen Kinder kommen zur Welt und schreien erst mal. Das hier … gibt keinen Ton von sich und versetzt alle in helle Aufregung. Die arme, doch geniale Ärztin kümmert sich sofort darum und behebt das Problem. Nur 32 Jahre später, stehen die großartige Ärztin und das Problemkind vor dem gleichen Problem. Und dieses Mal weiß die Ärztin keinen Rat mehr.“
„Hübsche Geschichte“, sagte Kakashi nach einer kurzen Stille. „Du solltest dich an einen Verlag wenden.“
„Kakashi“, sie funkelte ihn zornig an. „ob du willst oder nicht, du wirst jetzt mit mir über alles reden.“
Frustriert setzte er zu einer Antwort an: „Da gibt es nicht viel zu bereden, Tsunade. Obito hat einen Krieg angezettelt, Sasuke ist durchgedreht, mein Sharingan ist weg und ...“ Er brach ab, unsicher, ob er Yamato überhaupt erwähnen sollte.
„Und?“, hakte sie nach.
„Nichts weiter.“
Tsunade nickte, nahm ein Glas und schmiss es mit voller Kraft gegen eine Wand, an der es in tausend Stücke zerbrach. „Willst du der Nächste sein?“
Kakashi betrachtete die Glassplitter auf dem Boden. „Ungern.“
Die Godaime zuckte resigniert mit den Schultern. „Du willst nicht reden.“
Sie tauschten für einen langen Moment ernste Blicke aus, dann schüttelte Kakashi sachte den Kopf.
„Nein, noch nicht.“
Sie seufzte lang und tief. „Und wann, meinst du, wirst du soweit sein?“
„Das werde ich dann erst wissen.“
Erneut schwiegen sie sich an, ehe Tsunade nickte, dieses Mal jedoch mit sanfterem Gesichtsausdruck. „Ich wünschte wirklich, du würdest schreien, Kakashi.“