My Chinese Leprechaun

GeschichteDrama, Romanze / P16
OC (Own Charakter) Samon Gokuu
08.07.2019
20.08.2019
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Ich lag am Boden. Mein Blick klammerte sich seit Stunden an der Decke. Sie war aufgeteilt in einzelne Quadrate. 74 gleichseitige Vierecke reihten sich nebeneinander und gegenüber auf, sodass es aus der Entfernung ein grosses Gebilde ergab.
«Glaubst du, diese Kacheln hören uns zu?» – «Hören sie zu, diese Kacheln?»
Schon die ganze Nacht redeten die Stimmen wirres Zeug. Nichts ergab Sinn. Kein Wort von ihnen. Die Decke hatte ich neben mich gelegt. Die Temperatur war angenehm.
Mein nicht vorhandenes Zeitgefühl sagte mir, es sei etwa sechs Uhr in der Früh. Müde rappelte ich mich auf. Ich linste durch das Fenster, konnte aber noch keine Sonnenstrahlen entdecken.
Diese Nacht war der Horror. Einige Male hoffte ich, endlich schlafen zu können. Doch sie hörten nicht auf zu reden. Reinste Tortur. Bisher hatte ich mich nie dafürgehalten, ihnen Namen zu geben. Nach dieser Nacht entschloss ich mich, sie einfach Wurm 1 und Wurm 2 zu nennen. «Du kennst uns nicht.» – «Uns kennst du nicht.»
Wurm 2 war nicht sehr einfallsreich, er sprach Wurm 1 alles nach. Ich hörte, wie leise Schritte näherkamen. Die Würmer machten sich aus dem Staub, das spürte ich. Es klopfte. Ich bat die Person herein. Zu meiner Überraschung stand weder Kiji noch Julia vor mir.
Ich schluckte. Meine Augen scannten den Körper vor mir und blieben an den smaragdgrünen Iris hängen.
«Es ist bereits sieben Uhr. Du solltest angezogen sein», bemerkte Samon Gokuu scharf. Mir entging nicht, dass auch er mich musterte. In diesem Moment fiel mir ein, dass ich ausser kurzen Hosen und ein Oberteil mit Spaghettiträgern nichts anhatte. Meine Stimmbänder waren unfähig, einen Ton zu produzieren. Als er merkte, wie er mich mit seinem Blick zu durchbohren schien, sah er schlagartig zur Seite und hielt mir einen Papiersack hin. Ich bildete mir ein, dass seine Wangen einen leicht roten Ton annahmen.
«Samon,», begann ich vorsichtig, «was tust du hier?»
Kiji sei krank, weswegen er zur heutigen Aufsichtsperson erklärt wurde. Julia musste zum Büro der Direktorin, um einen Lagebericht abzuliefern. Ohne weitere Worte trat er hinaus und liess mich alleine. «Endlich ist er weg!», zischte Wurm 1. «Weg ist er, endlich!»

Ich betrachtete mich im Spiegel. Mein Oberteil war nun nicht mehr schwarz-weiss, sondern ein dunkelrotes, bauchfreies Tanktop. Die Hosen waren jetzt breit, ähnlich von Militärhosen, mit einer einheitlichen, dunkelgrauen Färbung. Dazu einen schwarzen Gurt. Meine Schuhe hatte ich durch abgetragene Lederboots ersetzt. Meine Haare, die seit meiner Ankunft zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden waren, öffnete ich. Die langen, schwarzroten Locken fielen mir über die Schultern. Ich wollte weder arrogant wirken noch kleinlich. Ich war glücklich mit meinem Aussehen. Selbst mit meinem Souvenir. Unter dem Kinn zierte eine Narbe das Bild. War als Kind hingefallen und hatte mir diese Stelle aufgeschlagen. Nur etwas fehlte mir für das perfekte Bild. Meine heissgeliebte Lederjacke.

Ohne zu fragen trat Samon wieder herein. Sarkastisch meinte ich, während ich meine Haare bürstete: «Komm doch herein.» – «Bist du bereit?»
Sieht es denn so aus? Ich seufzte und fing kommentarlos an meine Zähne zu putzen. Er schien sich zu ärgern. «Willst du mir nicht antworten?» Ich zuckte mit den Schultern. Meine Reaktion war dumm. Er war immerhin ein Chefwärter. Aber nach seinem Verhalten gestern und auch heute, schien es mir angemessen.
Nach regelkonformen drei Minuten spuckte ich die Zahnpasta ins Waschbecken und spülte den Mund aus.
«Bin bereit.»
Er seufzte erleichtert, sarkastisch. Hatte er mein Spiel etwa schon durchschaut? Er wies mich an, ihm zu folgen. Zu meiner Überraschung liefen wir an der Kantine vorbei, direkt zum Sportplatz. Ich spürte leise, wie mein Magen gegen diese Ungerechtigkeit rebellierte.
«Du trainierst heute mit mir. Deine Betreuerin meinte, du bräuchtest tägliches Training. Ich habe später noch andere Dinge zu tun.»
Also war Julia Schuld. Wir begaben uns zu den Trainingsräume. Er bereitete die Ausrüstung vor, während ich mich bereit machte. Gerade als ich die Handschuhe anziehen wollte, schüttelte er den Kopf. «Zuerst kommt das Warm-up.»

Warm-up bei Samon Gokuu bedeutete nicht, einige Male den Hampelmann zu machen oder sich zu dehnen. 12 Minuten joggen. Er machte mit. Wir beide wussten, wer am Ende dieses Laufes am Boden lag. Es war nicht Samon.
Er grinste belustigt. Meine sportlichen Leistungen mussten urkomisch sein. Die hätten mich an einem Konzert sehen müssen, da hatte ich Ausdauer. Er zog mich ohne zu fragen hoch und lief zurück zu den Räumen. Ich folgte ihm gehorsam. Mein Körper war bereits durch die schlaflose Nacht total erschöpft, der Lauf setzte noch eine Scheibe drauf. Jetzt noch das Boxtraining.
Ich fing an, lust- und kraftlos auf die Punch Mitts zu schlagen. Nach etwa 10 kleinen, feinen Schlägen verschränkte er seine Arme. Genervt sah er mich an. «Sollen das etwa Schläge sein?», provozierte er. Er zog sich die Mitts aus und stellte sich neben mich.
«Auch wenn du müde bist, darfst du deine Haltung nie aufgeben», erklärte er überraschend ruhig und drückte seine Hand auf meinen Rücken. Meine Haltung veränderte sich nach seinen Wünschen und ich hob meine Arme an. Er hatte recht. Ich musste mich zusammenreissen. «Wenn du deine Deckung und deine Haltung aufgibst, hast du den Kampf in jedem Fall schon verloren.»
Das Training ging weiter. Diese Aktion machte ihn um einiges sympathischer. Er gab mir Tipps und erteilte konstruktive Kritik nach jeder Trainingseinheit. Selbst einige lobende Worte brachte er hervor. Wie aus dem Nichts knurrte mein Magen lautstark. Es war mittlerweile halb neun und ich hatte noch keinen Bissen gegessen.
Verlegen blickte ich weg. Im nächsten Moment hörte ich etwas rascheln. Als sich mein Blick wieder ihm zuwandte, hielt er mir ein in Klarsichtfolie gewickeltes Sandwich hin. «Iss.»
Dankbar nahm ich es an. Schinken und Käse, ein wenig Salat. Essiggurken. Als ich in diese grüne, stinkende Abscheulichkeit hineinbiss, verzog sich mein Gesicht. Er schnaubte amüsiert. Er sass derweilen am Boden und verspeiste das zweite Sandwich. Ich setzte mich ihm gegenüber. Wir schwiegen. Als wir beide fertig waren, schloss er seine Augen und lehnte sich an die Wand hinter ihm.
Er war schräg. Gestern reagierte er hochnäsig und heute teilte er mit mir ein Sandwich. Mir kamen Kijis Worte wieder in den Sinn: «Halte dich von ihm fern.» Wie meinte er das? Mein Blick schweifte zum Fenster rüber. Noch immer war es still. «Das Brötchen wären besser mit Melone.» – «Mit Melone wäre es besser!», stimmte Wurm 2 zu. Guter Geschmack war anders.

«Ich dachte du wärst stärker», bemerkte Samon aus dem Nichts. Ausdruckslos sah ich ihn an. Ich antwortete nicht. «Und mutiger.» Woher kam das auf einmal? Hielt er mich etwa für feige?! «Wieso das?», fragte ich leicht zickig. Er grinste. «Du hast dich doch mit den Bullen angelegt. Normalerweise sind solche Typen, in deinem Fall Mädchen, krasser drauf als du.»
Ich schnaubte beleidigt. Daran war nur meine Müdigkeit Schuld. Wäre ich ausgeschlafen, dann würde ich ihm meine Meinung geigen. Möglicherweise jedenfalls. Ich lehnte mich an die Wand und schloss meine Augen. Auf einmal überrollte mich die Müdigkeit.
Er legte den Kopf schief und betrachtete mich. «Hast du schlecht geschlafen? Ist wohl normal, so in der ersten Nacht.»
Nickend stimmte ich ihm zu. Es gab keinen Grund, ihm von den Würmern zu erzählen. Er würde es sowieso nicht verstehen und mich für verrückt halten. Vielleicht war ich das sogar, wer weiss. Ich konzentrierte mich auf seinen Atem. So liessen mich die Idioten in Ruhe. Ich hörte, wie er aufstand und sich auf mich zubewegte. Er blieb vor mir stehen. Ich hob den Kopf und sah, wie er mir die Hand hinstreckte. Meine Hand stützte sich am Boden ab und ich kam ohne seine Hilfe auf die Beine. Er zuckte mit den Schultern.

Die Tür schwang auf. Ein grosser, kräftiger Mann mit langen, unteren Eckzähnen trat ins Haus. Er musterte mich. Auch er trug Wärterkleidung.
«Ist das die Frau?», fragte er Samon. Dieser nickte und wandte sich von mir ab. Seine nächste Aussage schockierte mich: «Kiji ist krank und hat mich mit der Nervensäge beauftragt. Mach mir einen Gefallen und betreue sie den restlichen Tag.» Seine Stimme war wieder herrisch, arrogant. Wie gestern.
Was war in ihn gefahren? Erst nett, dann Arschloch? Das kann ich auch.
Der Mann kaum auf mich zu und lächelte freundlich.
«Ich bin Inori, schön dich kennenzulernen, Nessa.»

Inoris Betreuung gefiel mir. Er lag meistens auf der Bank und döste vor sich hin. Ich genoss die angenehme Wärme der Sonne. Wohlige 22 Grad. Meine Haut kribbelte. Auf einmal hörte ich Getuschel. Als ich dem Geräusch folgte, sah ich drei Personen. Der Kleine Junge von gestern und daneben einen grösseren, jüngeren Mann mit schwarzem Haar und roter Kleidung. Der Dritte konnte ich wegen des gleissenden Sonnenlichtes nicht erkennen. Als sie näher traten, lüftete sich das Geheimnis. Freundlich meinte er: «Hallo Nessa, es ist eine Weile her.»
Qis freundliche Augen sahen mich an. Ich freute mich, ein bekanntes Gesicht zu sehen. Die anderen beiden schienen verwirrt. «Ihr kennt euch?», fragte der Junge. Qi nickte. Die beiden Fremden wandten sich zu mir. «Ich bin Upa und das ist Liang. Du gehörst du dem Pilotprojekt, stimmts?»
Ich nickte. Sie setzten sich neben mich. Zu meinem Glück durchlöcherten sie mich nicht mit Fragen. Wieder war es ruhig. Ich lauschte den Zikaden, die in den Bäumen, nicht weit von hier, ihr Revier markierten oder Weibchen anlockten. Als mir eines Nachts langweilig war, schaute ich mir diverse Tierdokus an. Unnützes Wissen war das schönste Wissen.
«Liang, wann wird unser Chefwärter mit dir kämpfen?», fragte Upa interessiert. Ich hörte unauffällig zu. Liang zuckte mit den Schultern. «Samon wird mich schon nicht vergessen haben. Er ist loyal!» Witzig, wie sich unsere Meinungen teilten.

Heute war ein spannender Tag. Ich wurde dem Rudel ausgeliefert. Einige Insassen aus Trakt 13 besuchten das Gelände. Ich musterte sie. Der Erste, der mir auffiel, war gross. Seine Haare waren zu einem Irokesen geschnitten und sein Körper war sehr muskulös. Neben ihm stand ein vergleichsweise kleiner Junge mit giftgrünem Haar. Ein Auge war verdeckt. Als er Upa erblickte, sprang er fröhlich her.
Desinteressiert wirkte der Dritte. Klassische Sträflingskleidung, barfuss, kurze, schwarzrote Haare. Er schien nicht recht zu wissen, was er tun sollte. Der Letzte hatte mich wohl auch bemerkt. Selbstbewusst schritt er auf mich zu. Seine langen Haare hatte er zu einem Zopf gebunden. Er wirkte ziemlich nett.
Grinsend blieb er stehen. «Du bist also real! Trotz deiner Schönheit!»
Wie, noch ein Honey-Trois-Verschnitt? Zugegeben, er sah gut aus in meinen Augen. Ich lächelte ihn freundlich an. Er stellte sich vor; Nummer 1311, Uno. Sein Akzent verriet mir, dass er Brite war.
«Nessa, freut mich.» Seine Augen weiteten sich. «Du kommst aus Irland, stimmts?», meinte er begeistert. Ich nickte. Er setzte sich neben mich und erzählte mir von seiner Reise nach Dublin, die er vor einigen Jahren mal gemacht hatte. Er konnte kaum aufhören zu reden. Schliesslich stellte er mir seine Freunde vor; Rock, Nico und Jiyugo. Die Chemie zwischen uns passte auf Anhieb.
Schliesslich klinkten sich auch Qi, Upa und Liang ein ins Gespräch. «Sag mal Qi, woher kennt ihr euch eigentlich?», fragte Upa misstrauisch. Qi winkte ab und meinte: «Ach, das ist eine lange Geschichte.» Upas Blick wanderte zu mir.
«Als ich mal für eine Zeit lang in China war, war Qi mein Dealer», gab ich unverblümt zu. Was wollten die Wärter tun, uns ins Gefängnis stecken? Qi fasste sich angestrengt an die Stirn. Ein Schatten machte sich vor uns breit. Gokuu.

«Liang, los lass uns mit dem Sparring beginnen. Ihr anderen, sitzt nicht nur faul rum, tut etwas!» Bei seinem strengen Ton standen die anderen sofort auf und suchten sich eine Beschäftigung. Ich blieb sitzen.
«Hast du mich eben nicht verstanden?», fragte Gokuu gereizt. Ich blickte ihn stumm an. «Hör mal, du solltest mich lieber nicht reizen.» – «Ich bin bekannt dafür, reizend zu sein», konterte ich.
Er hatte scheinbar nicht mit dieser Antwort gerechnet. «Du willst dass ich deinen Befehlen gehorche? Dann behandle mich und die anderen anständig», stellte ich klar. Unter Umständen handelte ich mir jetzt ziemlichen Ärger ein.

Er grinste selbstgefällig. «Du willst dich meiner Befehle widersetzen? Schön.»
Überraschend packte er mein Handgelenk und zog mich hoch. Sein Griff war ziemlich fest. «Kein Wunder, greift bei dir niemand durch», meinte er mit einem feindseligen Ton. «Du bist schön, ohne Zweifel. Das ändert aber nichts an der Sache, dass du kriminell bist. Du bist nicht besser als die anderen. Glaub mir, ich behandle dich genau gleich wie die anderen. Mir egal ob du eine Frau bist oder nicht.»
Glaubte er, ich würde bevorzugt werden wollen wegen meines Geschlechtes? Sein Griff wurde fester. Es tat weh. Ich versuchte, mir den Schmerz nicht anmerken zu lassen. Er war ein Grobian. Mein Blick versuchte standhaft zu sein. Auch er schweifte nicht ab.
Plötzlich kam Liang und legte ihm sanft die Hand auf die Schulter. «Samon, das ist doch nicht nötig. Sie wird tun, was du sagst.»

Samons Griff lockerte sich. Wütend drehte er sich um und lief von uns weg. «In 5 Minuten beginnt das Sparring!» Liangs Blick kreuzte meinen. Betrübt hielt ich mir das schmerzende Handgelenk. «Ich habe noch nie erlebt dass Samon bei einem Insassen so weit geht. Er ist sonst ein ruhiger Typ. Was hat er bloss gegen dich?»
Das würde ich auch gerne wissen.

Ich war zu weit gegangen…