My Chinese Leprechaun

GeschichteDrama, Romanze / P16
OC (Own Charakter) Samon Gokuu
08.07.2019
20.08.2019
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Diese Flure schienen mir wieder endlos.
«Wie du weisst, hat Nanba 13 Gefängnistrakte. 3 Trakte teilen sich gemeinsam einen Sportplatz. Bis auf unseren. Diesen Platz benutzen Trakt 3, 4, 5 und 13 gemeinsam.»
Diese Aufstellung gab keinen Sinn. Langsam dämmerte mir, dass Nanba kein normales Gefängnis war. Ein Wunder, dass noch keine Reality-TV-Show darüber gedreht wurde.

Ich musste zugeben, dass mir das Gebäude bisher gut gefiel. Das Gefängnis war eine angenehme Mischung aus Moderne und vergangener Zeit. Während der Innenraum meist mit Beton gefüllt war, konnte ich einen schönen, chinesischen Garten erkennen, als ich aus einem Fenster blicken konnte.
Kiji stoss eine grosse Holztüre auf und der Flur wurde vom Aussenlicht geflutet. Der Platz war leer. «Ich wollte es dir erst zeigen, ohne dich neugierigen Blicken auszusetzen.»
Kiji war sehr freundlich, das musste ich zugeben. Ich nickte als Zeichen meiner Dankbarkeit. Dann musterte ich den Platz. Er war wie eine Arena aufgebaut. In der Mitte wurde ein grosser Kreis mit Sägespänen ausgelegt. Rundherum verlief eine Sprintbahn. Der restliche Boden war mit Kopfsteinpflaster verlegt. An den Wänden des Platzes standen noch einige Sportgeräte zur Verfügung. Ausserdem gab es da noch ein Haus. Sein Dach ragte ein wenig über seine Wände hinaus. Ein paar Stühle wurden in den überdachten Bereich gestellt. Was wohl in diesem Gebäude drin war?

«Trainieren die Insassen oft?», fragte ich den Chefwärter. Er nickte.
«Wir haben die obligatorischen Sportstunden für alle. Einige Insassen trainieren aber auch in ihrer Freizeit gerne.»
Er erklärte mir, dass die Trainingseinheiten stark von den zuständigen Chefwärtern abhingen. Er sei nicht so streng, also müsste ich mir keine Sorgen machen. Die fähigsten Sportler brachte aber jedes Jahr Trakt 5 heraus.
«In Trakt 5 sind einige Kämpfernaturen vertreten. Das Training von Körper und Geist wird bei ihnen grossgeschrieben. Das auch dank ihrem Chefwärter.»
Ich wurde zunehmend neugieriger, die anderen Insassen kennenzulernen. Bisher durfte ich nur Honey und Trois aus unserem Trakt kennenlernen. Ein leider kurzes Vergnügen.

Langsam machte ich mir Gedanken um Sport. Ich war schlank. Mit Klamotten sah er sogar sportlich aus. Aber meine Muskeln waren weich, schwach. In einem Kampf könnte ich nie bestehen, geschweige denn etwas wirklich ausrichten. Dieser Aufenthalt war meine Chance, meine langjährigen Fitnessziele umzusetzen.
«Darf ich dich was fragen?» – «Na klar.»
Ich überlegte mir, wie ich meinen Wunsch formulieren sollte. Es könnte sein, dass ich mit meiner Wortwahl aufpassen musste. Wer weiss, wem ich dann zugeteilt werden würde.
«Kannst du mich trainieren?»
Kiji sah mich erst verwundert an, schüttelte dann aber den Kopf. Sein Blick ging hoch zum Himmel. Er schien über etwas nachzudenken. «Vielleicht würde Gokuu…», murmelte er, verwarf aber anscheinend seine Idee gleich wieder. Schliesslich erklärte er, dass er von Sport nicht viel hielt. Seine Erklärung war, Make-up während schweisstreibenden Aktivitäten zu tragen, sei schlecht für die Haut.

Kiji fing an mit Julia zu diskutieren. Julia wäre eine optimale Trainerin, liess sich aus dem Gespräch herausfiltern. Wieder lächelte Julia. Was war sie für ein Mensch? Ständig lächelte sie, sprach ruhig und freundlich. Sie fragte oft nach, gab jedoch nichts von ihrem Leben preis.
Lange musterte ich Julia. Ich versuchte sie zu begreifen, jedoch gelang es mir nicht. Irgendwann würde ich es vielleicht.

Aus dem Nichts blickte Kiji an das andere Ende des Platzes. Er nuschelte etwas Unverständliches. Ich und Julia folgten seinem Blick. Zugegeben, ich spürte es erst, als ich ihn sah. Ich spürte eine aussergewöhnliche Präsenz. Zuletzt hatte ich eine solche bei Tyler Durden gespürt. Man konnte dies so interpretieren, wie man wollte.
Mein Blick konnte sich nicht lösen. Er trat aus dem noch-geheimnisvollen Haus des Platzes. Seine Haare fielen mir sofort auf. Die wuschelige Mähne war orange und floss in ein smaragdgrün in den Spitzen. Er war klein. Grösser als ich natürlich, aber klein gegenüber den anderen Wärtern, die ich bisher gesehen hatte.
«Wer ist das?», hörte ich mich plötzlich flüstern. Kiji musterte mich. Erst jetzt wurde mir bewusst, wie ich den Kerl anstarren musste. Schnell raffte ich mich zusammen. Diese unglaublich, interessante Präsenz hatte mich völlig aus der Bahn geworfen.
«Samon Gokuu, Chefwärter aus Trakt 5», meinte Kiji knapp. «Halte dich lieber von ihm fern.»
Diese Aussage überraschte mich. Er wirkte ganz nett. Mein Blick wandte sich wieder ihm zu. Er war uns nähergekommen und bewegte sich aktiv auf uns zu. Kiji trat ein paar Schritte vor, scheinbar um mich abzuschirmen.
«Samon, », begann Kiji, «warum bist du schon hier?»
Er musterte mich kritisch. Sein Blick schien an mir zu haften wie ein lästiger Sonnenbrand. Meine Augen blickten auf den Boden. Irgendwie traute ich mich nicht, ihm in die Augen zu sehen. Von Nahem wirkte er ein einschüchternd und bedrohlich.

«Liang und Upa kommen in ein paar Minuten. Heute ist ein Sparring mit ihnen geplant. Es wäre besser, würdest du hier ein anderes Mal deinen Rundgang fortführen», meinte der junge Chefwärter ruhig. Kijis Gesicht wurde rot vor Wut. Er baute sich vor Gokuu auf und sah auf ihn missbilligend herab.
«Dieser Tag wurde bereits letzte Woche nach dem Meeting durchgeplant. Du hattest Kenntnis davon! Warum handelst du dagegen?»
Seine Reaktion blieb aus.
«Mir sind die Bedürfnisse und die Ordnung meines Traktes wichtiger als irgendein dämliches Projekt der Regierung», stellte Gokuu klar. Seine Worte schockierten mich. Bisher wurde ich sehr nett behandelt. Er war der Erste, der so dachte, oder es zumindest zugab. Julia legte ihre Hand auf meine Schulter und sah mich aufmunternd an.

«Kiji, könntest du uns einen Trainingsraum zeigen? Wir wollen die Aktivitäten der anderen Insassen nicht stören. Ich werde Nessa unterrichten, keine Sorge», liess meine Betreuerin mit ihrer engelsgleichen Stimme verlauten. Kiji schien enttäuscht, nickte aber zustimmend. Er liess seine Haare in Gokuus Gesicht fliegen, als er sich zu uns umdrehte. Der junge Chefwärter zischte wütend.

Wir folgten Kiji in das geheimnisvolle Haus. Es hatte hier einige Trainingsräume, die unterschiedlich ausgestattet waren. «Bedient euch», meinte Kiji und liess uns alleine.
Ich blickte mich um. Mir stachen sofort Shuriken in die Augen. Voller Elan bewegte ich mich darauf zu. Julias Hand hielt mich am Arm fest.
«Wir beide stählern deinen Körper.»

Mittlerweile war ich voller Überzeugung, dass Julia mich töten wollte. Seit einer halben Stunde quälte sie mich mit diversen Kraftübungen. Als Pause durfte ich mich zwischen jedem Set 10 Sekunden hinsetzen. Meine Muskeln brannten. Das konnte doch nicht ihr Ernst sein.
«Gibst du schon auf?», fragte sie belustigt, als sie mich für eine neue Übung auffordern wollte. Bei ihrer Aufforderung schüttelte ich meinen tomatenroten Kopf. Sie lachte. Sie lachte herzhaft, kein falsches Lächeln wie sonst. Julia versuchte mich zu weiteren Einheiten zu überreden, aber ich blieb stur. Mein Überlebensinstinkt sprach aus mir.
«Weisst du Nessa, in der Armee ist dieses Training unser Morgenappell.»
Schön für euch.

Julia liess ihren Blick durch das kleine Holzfenster gleiten. Draussen schienen die Insassen ihr Training begonnen zu haben. Als ich selbst hinausblickte, konnte ich einen Kampf beobachten. Der Chefwärter, Samon Gokuu, kämpfte gegen einen kleinen Jungen. So etwas hatte ich noch nie gesehen. Der Kleine schien Lichtquellen oder ähnliches für den Kampf zu verwenden. Am Rücken des Chefwärters hing zwar ein Gùn*, jedoch benutzte er diesen nicht. Er benutzte lediglich seine rechte Hand, um die Angriffe zu parieren.

Je mehr ich ihn beobachtete, desto mehr faszinierte er mich. Seine Bewegungen waren schnell, aber äusserst fliessend und sanft.
«Wie ein Halm, wieg dich sanft. Wie der Bambus, beuge dich im Wind…», flog mir durch den Kopf. Eine Liedstelle aus der Fortsetzung von Mulan. Natürlich verglich ich einen harten, realen Kampf mit einem Kinderfilm. Schliesslich schien der kleine Junge aufzugeben. Aber wieso war ein Kind hier in Nanba? Beeindruckend, dass er überhaupt eine Chance hatte.
Er sass schweratmend am Boden. Gokuu reichte ihm seine Hand, um ihn auf die Beine zu ziehen. Der Junge schien dankbar für diese Geste zu sein.

«Sag mal Nessa, kannst du kämpfen?», fragte mich Julia. Ich sah sie lange an. Ihre Frage war gut gestellt. In der Theorie kannte ich einige Selbstverteidigungstricks, aber bei der Anwendung harzte es noch. Ich hatte es einige Male bei aufdringlichen Typen nach Clubbesuchen versucht. Es war jedes Mal eine Abfolge von lächerlich schwachen Angriffen. So kam es, dass diese Machos dies noch als süss empfanden.
Meine bisher beste Verteidigungsstrategie war die Hilfe meiner beiden älteren Brüder. Sie waren nie weit von mir entfernt und halfen mir regelmässig aus solchen Situationen heraus. Jeweils im Nachhinein tadelten sie mich dafür.
«Nein. Flüchten wäre in meinem Fall eine bessere Option», bemerkte ich auf Julias Frage hin. Sie nickte verstehend. Ihr Rücken wandte sich mir zu und sie lief in eine Ecke des Trainingsraumes. Dort holte sie Boxhandschuhe und Punch Mitts aus einer Truhe. Die Handschuhe warf sie mir zu.
«Ich bringe dir bei, wie man richtig zuschlägt.»
Leicht verwirrt fragte ich: «Du willst, dass ich dich schlage?»
Julia nickte. Ich lockerte meine Schultern und atmete tief durch.
Dann los.

Alleine sass ich in meiner Zelle. Julia schaffte es, mich unbemerkt aus dem Trainingsgelände zu schleusen. Ich war noch nicht bereit, öffentlich aufzutreten. Meine Lust, auf Fragen zu antworten oder einfach nur angestarrt zu werden, sank nach jedem Kreuzen eines Insassen zunehmend.
Mein Körper schmerzte. Der Muskelkater meldete sich schon ein paar Stunden nach dem Training. Es war ruhig. Es gab keine Geräusche, weder von aussen noch von den Fluren.
Ich lehnte im Schneidersitz an der Wand und schloss die Augen. Langsam bereitete ich mich auf das Unausweichliche vor.

Leise fingen sie an zu murmeln. Diese Stimmen. Seit ich ein kleines Kind war, verfolgten mich diese lästigen, logikfremden Stimmen in die scheussliche Stille hinein. Wie ich Stille hasste. Als ich noch frei war, schlief ich immer mit Kopfhörern ein. Sobald Musik spielte oder sonstige Geräusche da waren, blieben die Stimmen ruhig. Aber nun war ich ihnen hoffnungslos ausgeliefert. Das Smartphone musste ich bei Eintritt abgeben.
Ich sprach schon mit einem Psychologen darüber. Der meinte, ich solle mit den Stimmen sprechen, fragen was sie wollten. Einmal hatte ich es versucht, ohne Erfolg. Sie murmelten einfach weiter. Sinnfreie Geschichten und Texte, die mir teilweise den Schlaf raubten.

Die erste Stimme meinte: «Hättest du den Tee nicht verschüttet, wäre Daddy nicht gegangen!» Die zweite stimmte der ersten zu. «Daddy wäre nicht gegangen, hättest du den Tee nicht verschüttet.»
Ich brauchte eine Lösung, sonst trieb mich das noch in den Wahnsinn. Es reichte nicht, dass sie böse Dinge sagten, nein. Ihre Stimmen waren nervig. Die Betonungen unpassend, hoch oder ganz tief, wie es ihnen gefiel.
Ich legte mein Gesicht in meine Hände. Leise betete ich, dass ich wenigstens ein wenig Schlaf bekommen konnte.

«Er hasst dich, weil du eine Frau bist!»

*Gùn: die chinesische Variante eines Bo (Kampfstocks). Samon Gokuus Charakter basiert auf der chinesischen Folklore des Sun Wukong, der mit einem magischen Gùn kämpfte. Aufgrund Samons chinesische Herkunft in der Hauptgeschichte entschied ich mich für einen Gùn.