What if I told you?

SongficRomanze, Angst / P12
Lijanas Mordan
07.07.2019
07.07.2019
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Disclaimer: Das wunderbare Lied What if I told you? gehört Jason Walker. Außerdem hab ich insgesamt sechs Sätze aus dem Original entwendet.
Fun Fact: Diese Songfic ist ganze sechs Jahre alt. Sie geht fast schon zur Schule.

Wir befinden uns im Cavallin der Seite 265. Nachdem es Mordan und Lijanas gelungen ist, den Ursprung der Seuche in einem der Brunnen zu lokalisieren und den Kadaver des Seelenfressers zu bergen (wobei natürlich nicht sie das übernommen haben sondern Hauptmann Uladh und seine Männer). Als sie sich auf dem Heimweg befinden, begegnen sie Peider, einem der Helfer im Seuchenhaus, der sie bittet, ihm und seiner in den Wehen liegenden Frau Beelah beizustehen.
Lijanas sagt zu und sie begeben sich in Peiders Haus. Die Geburt wird von Seelenfressern gestört, die zahlenmäßig so weit überlegen sind, dass Hauptmann Uladh und Mordan sie nicht aufhalten können. Peider und Beelah versterben, Lijanas ist aufgrund der Nähe der Seelenfresser bewusstlos geworden.
Hauptmann Uladh verlässt den Ort des Geschehens, um seine Männer zusammenzutrommeln und lässt Mordan und Lijanas zurück. Der Abschnitt endet mit den Worten:

Behutsam hielt Mordan die Heilerin im Arm, legte sacht die Wange auf ihren Scheitel.
Ich weiß, es ist Wahnsinn! Und Träume sind etwas für Narren...
Er schloss das Auge, versuchte nicht mehr zu denken. Lange Zeit saß er so völlig reglos.





What if I told you..?



Behutsam hielt Mordan die Heilerin im Arm, legte sacht die Wange auf ihren Scheitel.
Ich weiß, es ist Wahnsinn! Und Träume sind etwas für Narren...
Er schloss das Auge, versuchte nicht mehr zu denken, aber es wollte ihm nicht gelingen. Seine Gedanken waren ruhelos und ließen sich nicht zum Verstummen bringen.

~What if I told you who I really was?~

Wie so oft seit ihrer Ankunft in Cavallin fragte er sich, was geschehen würde, wenn Lijanas erfuhr, dass er der Blutwolf war. Haffrens erster Heerführer. Die Bestie von Sajidarrah.
Der Augenblick, in dem sie herausgefunden hat, dass es sich bei den Fremden im ›Schwarzen Lamm‹ um Kjer handelt, wäre nichts im Vergleich dazu, dachte er bitter.
Unbewusst zog er die Heilerin noch ein wenig enger an sich. Er mochte sich die Abscheu in ihrem Blick nicht vorstellen. Der Gedanke an die Verachtung, die wieder in ihre Haltung zurückkehren würde, tat ihm weh und ihm wurde klar, wieviel Macht Lijanas über ihn hatte. Macht, von der sie nicht einmal etwas wusste. Macht, ihn auf eine Art und Weise zu verletzen, wie es kein Schwert vermochte, gegen die kein Schild der Welt schützen und deren Wunden keine Heilsalbe erreichen konnte.
Aber Lijanas würde niemals jemandem absichtlich Schmerzen zufügen.
Nein, absichtlich sicher nicht. Aber wie sollte sie wissen, was ihre Ablehnung für Folgen hatte? Und wie sollte sie etwas anderes als Ablehnung für den Blutwolf empfinden?
Lijanas hat auch geglaubt, wir Kjer seien wilde Tiere und Nivard würden nicht foltern. Sie hat nur erfahren, was sie erfahren sollte.
Dementsprechend würde sie ihn auch beurteilen, wenn sie wusste, wer er war.

~What if I let you in on my charade?~

Aber er war nicht nur der Blutwolf, nicht wahr? Er war auch Mordan! Zählte das denn nichts?
War es egal, wie er war, wer er war, wegen der Taten, die er begangen hatte?
War er genauso hassenswert wie Jerdt, der es liebte, zu quälen und zu erniedrigen?
Ja, er selbst kannte keine Gnade mit seinen Feinden und er ließ ihnen angedeihen, was sie seinem Volk angetan hatten. Aber er war nicht grausam.
Er hatte in seinem Leben schon so viel Leid und Tod gesehen, von Kjer und Nivard gleichermaßen. Nichts, was die Kjer gegen die Nivard getan hatten, hatten die Nivard unbeantwortet gelassen und jeder Vergeltungsschlag war verheerender als sein Vorgänger.
Wer in diesem Krieg begonnen hatte, wusste Mordan nicht, aber das wusste sicher niemand mehr. Es gab nur noch Hass und Verbitterung auf beiden Seiten und Rachsucht, die mit jedem Tag wuchs.
Manchmal, in Momenten wie diesen, wollte Mordan wissen, warum all das nötig war.
Aber nach dem ›Warum‹ zu fragen, hatte man ihm gründlich ausgetrieben.
›Der Blutwolf‹ war vielleicht eine besonders schreckliche Figur in diesem Krieg, aber eigentlich war Mordan nicht besser oder schlechter als jeder Andere.

~What if I told you what was really going on?~

Mordans Gedanken wanderten wieder zurück zu der Heilerin in seinen Armen. Ihr Atem ging regelmäßig und obwohl sie vor Schmerz bewusstlos geworden war, sah sie beinah friedlich aus. Ihre Schreie klangen immer noch in Mordans Ohren nach, ebenso wie die gierigen Blicke der Seelenfresser, die sich auf sie gerichtet hatten.
Die Vermutung, dass zwischen Lijanas und diesen Kreaturen irgendeine Art der Verbindung bestand, ließ Mordan nicht los. Lijanas selbst ahnte nichts davon, dessen war Mordan sich sicher. Sie war ehrlich in allem was sie tat und etwas Derartiges zu verheimlichen passte nicht zu ihr.
Wenn ich nur wüsste, was es damit auf sich hat.

~No more masks and no more parts to play~

Was Lijanas wohl dazu sagen würde, wenn sie wüsste, dass es sich bei dem Kranken, den sie heilen soll, um den König der Kjer handelt?
Bestimmt wäre sie nach anfänglicher Überraschung bereit, sich darauf einzulassen. Das war eine der Eigenschaften an ihr, die Mordan besonders respektierte.
Keine Sache war zu aussichtslos, als dass sie sich ihrer nicht annehmen würde, kein Patient zu krank, als dass sie nicht auf seine Genesung hoffen würde.
Zunächst hatte er Sorge gehabt, dass die Nivard-Heilerin, die er nach Turas bringen sollte, es vorziehen würde, zu sterben statt dem König der Kjer zu helfen. Aber bei Lijanas hatte er keine Bedenken. Sie würde auch König Haffren helfen, wie sie jedem half. Ihre Arbeit im Seuchenhaus hatte ihm etwas gezeigt: Lijanas tat alles für die Kranken, was in ihrer Macht stand und Haffren würde da keine Ausnahme bilden.
Mordan würde ihr gerne sagen, wie sehr er sie dafür bewunderte.

~There’s so much I want to say but I’m so scared to give away every little secret that I hide behind~

Ich verschweige ihr nicht nur meine Bewunderung.
Mordan seufzte lautlos. Er hatte es nie als Nachteil gesehen, dass er meist seine Gefühle verbarg. Im Gegenteil – sein Gegenüber im Ungewissen über die Wirkung seiner Worte zu lassen, war meist von Vorteil.
Bei Lijanas wünschte er sich zum ersten Mal, es wäre anders. Er wollte nicht, dass sie ihn für kühl und berechnend hielt. Er wollte nicht, dass sie schlecht von ihm dachte. Das war auch der Grund, aus dem er sich vor dem Moment fürchtete, in dem sie herausfand, wer er war.

~Would you see me differently and would that be such a bad thing?~

Aber bestand nicht die Möglichkeit, dass Lijanas ihn trotz allem noch achten würde? Sie hatte immerhin die Gelegenheit gehabt, ihn unvoreingenommen kennenzulernen..
Nein. Abgesehen davon, dass er sich ihr gegenüber nur selten zuvorkommend verhalten hatte, konnte das in ihren Augen seine Taten gewiss nicht aufwiegen.

~I wonder what it would be like if I told you~

Sie würde ihn wieder verabscheuen.
Nein, sie würde mich noch mehr hassen als jemals zuvor.
Mordan atmete tief durch. Warum musste es ausgerechnet diese Frau sein? Warum eine Nivard? Warum nicht irgendeine Andere?
Aber er kannte die Antwort selbst. Keine Frau, die er kannte, war so wie Lijanas. Keine konnte an ihr Wesen oder ihre Erscheinung heranreichen.

~What if I told you that it’s just a front to hide the insecurities I have?~

»Ich kann all das tun, was ein Mann auch kann.«
Mittlerweile glaubte Mordan ihr. Es kam nicht darauf an, ob sie genauso geschickt mit dem Kereshtai umgehen konnte wie er, sondern ob sie in der Lage war, denselben Mut zu beweisen. Dass es so war, bezweifelte er nicht mehr.
Ich hätte es nie für möglich gehalten, mal so von einer Frau zu denken.
Früher war er der Meinung gewesen, dass Frauen schwach waren. Seine Braut hatte ihn eines besseren belehrt. Sie hatte ihm bewiesen, dass Frauen schwach taten, während sie unbemerkt ihre Intrigen sponnen um ihm im entscheidenden Moment in den Rücken zu fallen.
Und Lijanas hatte ihm letztendlich gezeigt, dass die Ehre und Tapferkeit einer Frau der eines Mannes in nichts nachstand.
In vielerlei Hinsicht erinnerte Lijanas ihn an sich selbst. Lijanas war zielstrebig, halsstarrig und nie um eine bissige Antwort verlegen. Sie war unmöglich einzuschüchtern und bereit, für ihre Gesinnung Opfer zu bringen.
Er erkannte sich in einigen ihrer Taten wieder und doch war sie stärker als er in dem was sie tat.
Sie war mit Herz und Seele bei jeder ihrer Handlungen. Es waren Kleinigkeiten: Die Art, wie sie Levan gepflegt hatte. Sie war besorgt gewesen und trotzdem hatte sie im Angesicht des Schattens der weißen Kriegerin, die ihre Finger bereits nach Levans Leben ausgestreckt hatte, die Hoffnung nicht aufgegeben, während er keinen Ausweg mehr als einen Sarg für ihn gesehen hatte.
Es war diese Hingabe, die in allem lag, was Lijanas zur Hand nahm, die Mordan zeigte, dass er selbst ihre Stärke nicht hatte. Er hatte ihren Anschein, denn er wirkte unnachgiebig wie ein Fels, aber er war es nicht.

~What if I told you that I’m not as strong as I’d like to make believe I am?~

Er schaffte es problemlos, einschüchternd und furchteinflößend zu wirken und all seine Gefühle zu verbergen, das hatten ihn die Kessanan gelehrt. Aber niemand hatte ihm beigebracht, seine Gefühle nicht mehr zu haben.
Schmerz war irgendwie zu ertragen, egal ob er ihn zeigte oder nicht. Aber Angst war beklemmend und lähmend und raubte den Verstand.
Auch wenn es nie den Anschein hatte, auch Mordan hatte Angst.
Nur, weil er sie versteckten konnte, glaubte das niemand und so gab es auch niemanden, der sich um seine Ängste kümmerte.

~There’s so much I want to say but I’m so scared to give away every little secret that I hide behind~

Bei den Kessanan hatte er gelernt, so wenig wie möglich von sich selbst preiszugeben. Jeder noch so kleine Hinweis auf eine Schwäche konnte den alles entscheidenden Nachteil in einem Kampf bedeuten.
Und da sein ganzes Leben ein Kampf war, überlegte er es sich gut, bevor er jemanden an sich heranließ.
Was Lijanas betraf, war seine Entscheidung gefallen. Und doch gelang es ihm nicht so recht, seine abwehrende Haltung abzulegen.
Er wollte ihr zeigen, wie er wirklich war und empfand gleichzeitig Furcht, die ihm niemand nehmen konnte.
Vor allem, weil er Lijanas alles erzählen wollte. Nicht nur die schönen Dinge (sofern es die in seinem Leben überhaupt gab). Er wollte, dass sie ihn so kannte, wie er sich kannte.
Er wollt keine Geheimnisse vor ihr haben.
Und das jagte ihm Angst ein.

~Would you see me differently and would that be such a bad thing?~

Für den Augenblick erschien es ihm nicht unvorstellbar, das Lijanas Verständnis für ihn haben könnte. Aber momentan war er auch in ihre Wärme und Nähe gehüllt und ihm erschien selbst die unwahrscheinlich kleine Aussicht auf ihre Achtung möglich.
Auf ihre Achtung und vielleicht auch ein bisschen mehr...

~I wonder what it would be like if I told you~

Die Heilerin in seinen Armen regte sich. Kurz fürchtete Mordan, sie könnte erwachen, doch nachdem sie etwas Unverständliches gemurmelt hatte, schmiegte sie sich enger an ihn und schlief weiter. Mordan wagte es kaum, zu atmen.
Noch nie hatte er so etwas empfunden. Allein mit ihrer Nähe gelang es Lijanas, ihn um den Verstand zu bringen und sie wusste nicht einmal etwas von ihrer Wirkung auf ihn.
Die Vorstellung, Lijanas könnte das Gleiche für ihn fühlen wie er für sie war gleichzeitig atemberaubend und abwegig.

~There’s so much I want to say but I’m so scared to give away every little secret that I hide behind~

Mordan hatte nie den Wunsch gehabt, sich jemandem zu erklären.
Die Möglichkeit, dass Lijanas von seinen Gefühlen erfuhr, war wie ein zweischneidiges Schwert: Auf der einen Seite gefährlich aber faszinierend und auf der Anderen einschüchternd und beunruhigend.

~Would you see me differently and would that be such a bad thing?~

Wie Lijanas reagieren würde?
Bestimmt würde sie mir nicht glauben.
Der Gedanke war auch unglaubwürdig. Warum sollte er, ein kaltblütiger Mörder, zu so etwas wie Gefühlen fähig sein? Er war ein brutaler Krieger, der ›Blutwolf‹, unnahbar, unberührbar und emotionslos.
So war es doch, oder?

~I wonder what it would be like if I told you~

Lijanas würde ihm keinen Glauben schenken. Und seine Gefühle teilen würde sie erst recht nicht.
Mordan machte sich daran, Seine in den hintersten Winkel seines Bewusstseins zu verbannen, doch das war gar nicht so einfach. Vor allem nicht mit Lijanas so dicht bei ihm.

~What if I told you?~

Als hätte sie seine innere Unruhe gespürt, bewegte sie sich erneut. Nach einigen Momenten schlug sie die Augen auf und machte Anstalten, den Kopf zu drehen, doch Mordan legte ihr hastig eine Hand ans Kinn, um das zu verhindern.
»Nicht.«
Das Bild von Peiders und Beelahs Leichnamen war kein Anblick für sie.
Er spürte, wie Lijanas tief durchatmete, als die Erinnerung zurückkehrte und sie begriff, wieso er ihre Bewegung unterbunden hatte.

~What would it be like?~

Der Drang, sie irgendwie zu trösten, traf ihn unvorbereitet, gab es doch nichts, was er tun konnte.
»Könnt Ihr aufstehen?«
Lijanas nickte zwar, aber Mordan hielt sie weiterhin stützend fest, als sie sich erhob.

~What would it be like?~

Mordan schob den Wunsch, sie in den Arm zu nehmen, beiseite.
Der Schreck stand ihr ins Gesicht geschrieben.
»Was ist geschehen?« Ihre Stimme klang zittrig.
»Ihr habt das Bewusstsein verloren.«
Seinen Verdacht über ihre Verbindung mit den Seelenfressern behielt er vorerst für sich.

~If I told you, oh what if I told you?~

»Und.. Peider und Beelah?«
Mordan schwieg einen Moment. »Ihr könnt nichts mehr für sie tun.«
Lijanas schluckte hörbar und Mordan kämpfte den Impuls nieder, ihr beschwichtigend durchs Haar zu streichen und sie an sich zu ziehen.
Seine Nähe würde wohl kaum dazu beitragen, dass Lijanas sich besser fühlte. Der Gedanke tat weh.

~Oh I wonder what it would be like if I told you~

Stattdessen ergriff er ihren Arm.
»Wir sollten gehen. Dies ist kein Ort für Euch«, murmelte Mordan. Lijanas ließ sich widerstandslos mitziehen. Vorsichtig stiegen sie über die Leichen der Seelenfresser, die den Boden bedeckten.
Lijanas gab sich Mühe, gefasst zu wirken, doch Mordan sah ihre zitternde Lippe und ihre feuchten Augen.
Lijanas kannte den Tod, sie war Heilerin, aber dieser Tod war etwas ganz anderes. Dies war der Tod, wie er Mordan vertraut war, unerwartet und gewaltsam.
Kühler Wind wehte ihnen entgegen, als sie aus der Tür in den Hof traten. Lijanas fröstelte leicht und zog die Schultern hoch.
In der Ferne hörten sie, wie Hauptmann Uladh mit seinen Männern zurückkehrte. Lijanas atmete erschöpft aus.
Ihr Haar tanzte in der leichten Brise wie Mitternachtsfeuer und Mordan bemerkte nicht zum ersten Mal, wie hübsch sie war.
Er seufzte lautlos und wandte den Blick ab.
Es ist Wahnsinn! Und Träume sind etwas für Narren...
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