Geschichten einer Prinzessin - Der Held

KurzgeschichteAllgemein / P12
Link Zelda
07.07.2019
07.07.2019
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Zelda war fünfzehn, als sie Link das erste Mal gesehen hat. Nein, das stimmte nicht ganz, sie hatte ihn schon früher gesehen, draußen, auf dem Hof bei all den anderen Schlosswachen. Er war der Sohn des Kapitäns der Garde von Hyrule, ein aufgeweckter, kleiner Junge, den die Prinzessin oft aus den Fenstern des Schlosses sah, als er, als Kind noch tollpatschig, ein Schwert in den kleinen Händen schwang. Sie hatte ihm nie mehr Beachtung geschenkt als jedem anderen Kind eines Bediensteten. Warum sollte sie? Nein, es war erst an diesem Tag, knappe zwei Wochen nach ihrem fünfzehnten Geburtstag, als sie ihn das erste Mal wahrgenommen hatte. Es geschah an einem sonnigen Tag in der Arena. Sie saß neben ihrem Vater, dem König, auf der ersten Ebene der Arena auf einem Thron und alles was sie wusste war, dass der künftige Held von Hyrule heute seine letzte Prüfung ablegen wird, bevor er sich auf die Suche nach dem Masterschwert macht. Die junge Prinzessin wusste nicht so recht, was sie erwartete, sie hatte keinen der Kandidaten je zu Gesicht bekommen. Der Held war ein lebendiger Mythos, eine Sagengestalt. Zelda stellte ihn sich als einen Riesen vor, größer noch als ihr Vater mit breiten Schultern und Oberarmen so dick wie ihre Taille. Sie musste noch einmal hinsehen, als der Junge durch den Eingang hindurchritt. Er war kaum älter als sie und, würden sie sich neben einander stellen, wohl keinen halben Kopf größer. Er war schon fast schmal mit dünnen Armen und sehr wenig Rüstung. Das sonnengeküsste Haar war kurz mit einem dichten Pony, das ihm tief in die Augen hing. Er sah nicht aus wie ein Held.

„Wer ist das?“, fragte Zelda den König leise, doch ihr Vater schenkte ihr keine Beachtung. Der Junge ritt auf die  Königsfamilie zu und blieb unter ihnen stehen.

„Link“, sprach der König mit seiner tiefen, lauten Stimme, „du hast dich bis jetzt als würdig erwiesen. Bist du bereit, dich nun in der letzten der Prüfungen zu beweisen?“

„Das bin ich, eure Majestät“, die Antwort war so leise, dass Zelda sie kaum gehört hatte. Er konnte es nicht sein, er konnte nicht der Held aus den Legenden sein. Er konnte unmöglich gegen das Böse bestehen.

„Meine Tochter, Prinzessin Zelda, betet um deinen Sieg“, sprach der König und als Zelda sich nicht rührte, griff er sachte nach ihrer Hand. Richtig, das Taschentuch. Es war weiß mit der goldenen Stickerei des Wappens von Hyrule in einer Ecke. Sie ließ es zu ihm heruntersegeln. Er fing es, etwas unbeholfen und schenkte ihr ein freundliches, offenes Lächeln. Sie zwang ihre Lippen, es ihm gleich zu tun. Er konnte unmöglich der Held sein. Der König nickte Link zu und der Junge stieg von seinem Pferd. Er machte sich kampfbereit, das Schwert, einfaches Stahl ohne jegliche Verzierungen, lag in seiner Linken und der runde Schild in seiner Rechten. Dann wurden sie hineingebracht und Zelda hatte für einen Augenblick das Gefühl, ihr Herz würde aufhören zu schlagen. Es waren zwei Leunen, zwei riesige, goldene Leunen, denen Link gerade mal bis zu Gürtellinie reichte, wenn diese Biester einen Gürtel getragen hätten. Er würde sterben, er konnte unmöglich gegen einen Leunen gewinnen und erst recht nicht gegen zwei.

„Vater!“, rief die Prinzessin aus, die Stimme etwas höher als gewohnt, „du kannst unmöglich verlangen…er wird sterben!“

„Sei still, Mädchen“, raunte ihr der König zu, „der Junge weiß ganz genau, worauf er sich einlässt, falls er tatsächlich der legendäre Held ist, wird er bestehen“

„Und falls nicht!?“, gab Zelda zurück und sprang, einer Prinzessin nicht gerade gebührlich, von ihrem Sitz auf, „ich kann nicht seelenruhig dabei zusehen, wie jemand stirbt!“

„Du kannst und du wirst“, sprach der König entschieden und zog seine Tochter zurück auf ihren Sitz, „du bist die Prinzessin und du wirst zusehen“.

Sie wollte nicht zusehen, sie wollte nicht sehen, wie ein Unschuldiger sein Leben ließ aber sie konnte dennoch ihren Blick nicht von seinem Rücken abwenden. Es war seltsam, doch Links schmaler Rücken war vollkommen entspannt, so als würde er sich nicht alleine zwei Leunen gegenüber stehen. Zelda konnte ihrem eigenen, panischen Herzschlag in ihren Ohren hören, der jedes andere Geräusch zu verschlucken schien. Ihr wurde schwindelig und der Atem stockte in ihrer Kehle. Es war unausweichlich, das Entsetzen, das nun folgen wird.

Die Biester scharten mit den Hufen und einer von ihnen galoppierte auf den Jungen zu. Zelda wollte schon die Augen vor dem Grauen, das nun folgen würde, verschließen als Link mit einem gezielten Sprung beiseite sprang. Der Leunen lief an ihm vorbei und ehe es sich umdrehen konnte, hatte Link ihm schon einige Hiebe versetzt. Er war so schnell gewesen, wie ein kleiner Blitz und Zelda atmete die Luft wieder aus, die sich in ihren Lungen angesammelt hatte. So lief es einige Zeit lang ab: einer der Leunen lief auf den Jungen zu, Zelda hielt erschrocken ihren Atem und Link wich aus und schlug mit dem Schwert zu. Die Menge auf den höheren Ebenen der Arena jubelte laut und mit jedem Mal wuchs die Hoffnung der Prinzessin, dass der Junge überleben würde. Es hätte ihr klar sein müssen, dass es nicht ewig so weitergehen würde, sie hätte es besser wissen müssen. Es geschah so schnell, dass Zelda kaum etwas mitbekommen hatte. In einem Augenblick sprang Link noch zur Seite und im anderen lag er schon auf dem Boden. Einer der Leunen stampfte mit dem Huf auf Links linken Arm und sie hätte schwören können, sie hätte es knacksen gehört. Der Leune hob den Huf und ließ es erneut niedersausen, doch der Junge schaffte es, sich im letzten Augenblick zur Seite zu rollen. Zelda wollte die Augen schließen, als Link sich mühselig aufrappelte, der linke Arm in einem unnatürlichen Winkel, sie wollte wegsehen, als er den Schild zur Seite warf und das Schwert mit seiner Rechten hochhob. Sie konnte nicht wegsehen, sie war es ihm schuldig, hinzusehen, sie war es ihm schuldig, zur Göttin Hylia zu beten, dessen Nachfahre sie war. Wenn sie jetzt an diesen Augenblick zurückdachte, so hatte sie Link schon abgeschrieben. Sie war sich so sicher, dass sie ihm beim sterben zusehen wird. Es geschah alles so schnell. Beide Leunen rasten auf Link zu, einer unbändigen Donnergewalt gleich. Der Junge sprang zur Seite und schwang sich auf den Rücken des ersten Ungeheuers und durchbrach seine Kehle von hinten mit dem Schwert. Noch in der Bewegung schwang er sich über die Schulter des Monsters, stieß sich von dessen Brust ab und jagte sein Schwert in die Brust des zweiten Leunen. Für einige Herzschläge war es still in der Arena, erst als Link sich von der Leiche des zweiten Leunen herunterrollte und auf wackelige Beine kam, brach der Jubel wie ein Donnergrollen aus. Er hatte gewonnen, stellte Zelda erleichtert fest, er hatte überlebt. Ihr Herz machte einen kurzen, nervösen Hüpfer und sie konnte geradezu spüren, wie das Adrenalin in ihr zur Ruhe kam, so als hätte sie selbst dort unten gekämpft.

Link ließ sein Schwert in die Scheide auf seinem Rücken gleiten, ehe er, leicht humpelnd, über den Platz ging. Er blieb vor der Königsfamilie stehen, sein linker Arm nutzlos an seiner Seite, und ließ sich auf ein Knie fallen.

„Du hast die Prüfung bestanden“, donnerte die Stimme des Königs durch die Luft, „Du bist wahrlich der außerwählte Held. Erhebe dich“.

Als Link wieder auf die Beine kam, trafen sich ihre Blicke für einen Augenblick. Es war nicht der Blick von jemanden, der gerade auf Leben und Tod gekämpft hat. Er war klar und hell und furchtlos. Sein Mund verzog sich zu einem sanften Lächeln, so als würde er sie aufmuntern wollen. Sie lächelte etwas gequält zurück. Die Zeit schien stillzustehen, ruhig und langsam und die beiden waren der Mittelpunkt der Welt. Sie suchte nach einer Antwort in seinem Gesicht, nach einer Erklärung, wie jemand so viel Mut in sich tragen konnte, um gegen zwei Leunen zu kämpfen. Sie fand keines.

„Gehe zum Feldarzt und lasse deine Wunden versorgen, morgen wirst du dich auf die Reise begeben und das Masterschwert zu uns bringen“, sprach der König weiter. Link nickte knapp und schenkte Zelda ein letztes, aufmunterndes Lächeln ehe er die Arena verließ. Als ob sie diejenige war, die Aufmunterung bedurfte, als hätte sie gerade um ihr Leben gekämpft. Für einen Augenblick fühlte sie sich erbärmlich. Wie konnte sie, die sie bis heute keinerlei Kräfte gezeigt hatte, ihm gerecht werden? Ihm mit seinem Mut und seiner Kraft? Was war sie schon? Eine unfähige, kleine Prinzessin, die es nicht schaffte, richtig zu beten.
„Und, wie findest du ihn?“, fragte der König plötzlich und legte ihr eine große Hand auf die Schulter, „ein fähiger Bursche, was?“

„Er hätte sterben können“, entgegnete Zelda knapp, die Stimme bar der Angst, die immer noch durch ihre Knochen sang wie ein finsterer Fluch.

„Aber er ist es nicht“, schüttelte der König den Kopf, „wir mussten doch sichergehen, bevor wir ihn losschickten“

„Ich will ihm meinen Segen geben, bevor er abreist“, fuhr Zelda unbeirrt fort.

„Das ist eine gute Idee, Tochter“, brummte der König zustimmend, „wir werden eine Zeremonie abhalten…“

„Keine Zeremonie“, unterbrach Zelda ihn, etwas, was sie sich zuvor noch nie getraut hatte, doch wenn ein Junge kaum älter als sie gegen zwei Leunen kämpfen konnte, so konnte sie den Mut aufbringen, ihrem Vater ins Wort zu fallen, „es soll vom Herzen kommen, etwas ehrliches sein, keine Zeremonie, weil es so Sitte ist“, der König sah einige Augenblicke lang zu ihr herunter und sie bereitete sich schon innerlich auf die Schelte vor, die für sie bereitstand, doch dann nickte der König.

„In Ordnung, Tochter, morgen, vor seiner Abreise kannst du deinen Segen aussprechen“, seine Stimme hatte dabei eine solche Sanftheit in sich, wie sie sie schon seit Jahren nicht mehr gehört hatte. Sie liebte ihren Vater, sie liebte ihn mit dem ganzen Herzen einer ergeben Tochter, doch manchmal verstand ihr Vater sie einfach nicht, machte sich noch nicht einmal die Mühe, es zu versuchen. Heute schien einer der seltenen Tage zu sein, an denen er sie tatsächlich verstand oder zumindest so tat, als würde er es.

Der Abend und die Nacht vergingen schnell und ehe Zelda sich versah fand sie sich schon auf dem staubigen Hof vor den Eingangstoren des Schlosses wieder. Sie waren noch geschlossen, die Wächter auf beiden Seiten schienen schläfriger zu sein, als es angebracht war, doch es war nun einmal so früh. Die Sonne küsste den Horizont zum Abschied und tauchte den Hof in einen warmen, rötlichen Schein. Link stand neben seinem Pferd, einer hübschen, braunen Stute mit heller Mähne. Er trug grüne, hylianische Reisekleidung mit zurückgeschlagener Kapuze. Zeldas Schritt war leise, dennoch bemerkte er sie und sah erstaunt auf. Seine linke Hand lag, von mehreren Lagen Bandagen umringt und zwei breiten Holzstücken geschient, in einer Schlinge, doch die Prinzessin konnte erleichtert feststellen, dass er seine Finger bewegen konnte. Er sah so verdammt jung aus, zu jung, um in der Stadtgarde zu dienen aber anscheinend alt genug, um die Welt zu retten. Er ließ sich hastig auf ein Knie fallen, die Bewegung so geschmeidig und locker, als hätte er nicht gestern noch einen Kamp auf Leben und Tod beschritten. Zelda trat an ihn heran und hielt ihre Hand über seinen Kopf, so wie ihre Mutter es ihr einst beigebracht hatte. Ein Segen muss vom Herzen kommen, hatte sie immer gesagt, sonst bedeutet es nicht das geringste.

„Ich segne deine Reise, Held“, sprach sie mit ruhiger Stimme, „auf dass du siegreich und unversehrt zu uns zurückkehren mögest“

„Ich danke Euch, Prinzessin“, entgegnete er leise, die Stimme wie ein Windhauch, der unbemerkt in den Himmel entschwindet, ehe man ihn wahrnehmen kann.

„Du kannst dich erheben“, zog Zelda ihre Hand wieder zurück und Link sprang wieder auf die Füße. Er wollte schon auf sein Pferd steigen, als er inne hielt.

„Ich habe noch Euer…“, er brach ab und kramte Zeldas Taschentuch aus den Lagen seiner Kleidung hervor. Er blickte sie unschlüssig an, so als würde er nicht so recht wissen, was er mit dem Stück Stoff in seinen Fingern tun sollte.

„Behalte es“, schüttelte Zelda den Kopf, „gib es mir zurück, wenn du wieder hier bist“, er schenkte ihr eins seiner freundlichen, furchtlosen Lächeln, schwang sich aufs Pferd und ritt davon. Zelda sah ihm noch lange hinterher, wie sich seine Gestalt immer weiter entfernte bis sie schließlich gänzlich verschwand. Wie sollte sie einem solchen Helden bloß gerecht werden? Sie ballte schon fast hilflos die Fäuste. Wie konnte sie, die sie keine Kräfte zeigte, die Prophezeiung erfüllen? Wie konnte sie auch nur daran denken, ihn im Kampf zu unterstützen? Sie musste etwas tun, beschloss sie, sie musste selbst etwas tun. Sie musste selbst herausfinden, selbst entscheiden, was sie tun konnte. Wenn sie nicht das tun konnte, was das Schicksal für sie vorgesehen hatte, musste sie selbst herausfinden, was sie tun konnte. Ja, genau das wird sie tun! Sie wird nicht länger herumsitzen und beten und hoffen, sie wird ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen.

„Er ist hübsch“, trat ihre Zofe Impa zu ihr, die bis eben noch etwas beiseite ihre Herrin beobachtet hatte.

„Impa, geh bitte in die Schlossbibliothek und lass mir alle Bücher bringen, die sich mit der antiken Technologie beschäftigen“, meinte Zelda und zum ersten Mal in Jahren fühlte sie sich, als würde sie etwas tun können, nicht mehr die hilflose, kleine Prinzessin sein, die nur wartete und betete.

„Was habt Ihr vor, Prinzessin?“, fragte Impa.

„Ich werde mein Schicksal selbst in die Hand nehmen“.

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Phuu, diese Geschichte hat mir mindestens genauso viel Spaß gemacht, wie das Spiel selbst. Ich habe sie angefangen, als ich das Spiel zu Ende gespielt hatte, was recht lange her war, aber irgendwie habe ich mittendrin aufgehört. Ich weiß selbst nicht warum. Ich wollte hiermit eine Serie von Geschichten starten, die mehr oder weniger Geschichten zwischen den Erinnerungen, die wir bekommen haben, wiederspiegelt. Schließlich haben wir zwar viel, aber nicht alles bekommen. Ich weiß nicht, ob diese Serie zustande kommen wird, hängt von meiner Laune ab und ob ich keine Lust habe, meinen Roman weiterzuschreiben, was ich heute hätte tun müssen, es aber nicht getan habe. Stattdessen habe ich das hier zu Ende geschrieben. Bevor ich mich jetzt verabschiede möchte ich ein paar Sachen hier…keine Ahnung…rechtfertigen?

1. Link redet. Ich bin eigentlich jemand, der es gar nicht gut finden würde, wenn Link in einem Speil plötzlich anfangen würde zu reden, ich weiß auch nicht warum, ist halt so. Aber er ist nicht stumm, nur schüchtern, also habe ich ihn hier reden lassen, nur ein bisschen, aber es würde einfach komisch aussehen, wenn er gar nicht reden würde.

2. Impa. Wir haben Impa immer als eine erwachsene bis alte Frau in den Zelda-Spielen gesehen. Diese Geschichte spielt aber in der Vergangenheit und da Impa in der Gegenwart, also 100 Jahre später, noch am Leben ist und uns nirgendwo gesagt worden ist, dass Hylianer so langsam altern wie die Zora, muss man davon ausgehen, dass Impa in der Vergangenheit in etwa in Zeldas Alter gewesen sein muss. Also ist der logische Schluss sie nicht zu Zeldas Kindermädchen sondern Zofe zu machen.

Nun denn, das war’s von mir.  Jegliche Art von Feedback ist wie immer mehr als Willkommen.
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