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Die Reise durch ein Tagebuch

von KiraCat
OneshotFamilie / P12
07.07.2019
07.07.2019
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Hallo :D
Ähm ja, wo fange ich denn an... Diesen Oneshot hab ich schon vor längerer Zeit geschrieben, aber nicht mit dem Computer abgetippt. Ich hab vor einer ganzen Weile Professor Layton und die Schatulle der Pandora durchgespielt. Nicht zum ersten Mal, ich hab es nämlich schon mal in der Grundschule durchgespielt bzw. jedes zweite Rätsel meine Eltern lösen lassen, weil ich zu doof war. Damals habe ich nicht viel von der Story verstanden, aber jetzt, mit meinen 14 Jahren... Nun ja, diese todtraurige Story hat mich umgehauen. Ich hatte das Gefühl gehabt, an einer Überdosis von Emotionen zu ersticken. Vielleicht hätte ich mir nicht die ganze Zeit die Spieluhrenversion von „Iris“ anhören sollen. Jedenfalls musste ich einfach irgendetwas schreiben, um die aufgestauten Gefühle rauszulassen, und das ist das Endprodukt. Ich halte es für eher fragwürdig, zumal ich mich gegen Ende vermutlich ETWAS zu sehr reingesteigert habe (wobei ich das sogar erklären könnte), aber was soll's. Viel Spaß beim Lesen!

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Außer Atem öffnete Katia leise die Tür und betrat Anthonys Zimmer, ein kleines Paket in den Händen. „Ich bin wieder da, Großvater“, begrüßte sie ihn und schloss ebenso leise die Tür. In Anbetracht des Zustandes ihres Großvaters scheute sie sich seltsamerweise davor, zu laute Geräusche zu machen. „Hallo, mein liebes Enkelkind“, krächzte Anthony heiser und lächelte glücklich. Katia lächelte zurück. Während sie sich einen Stuhl zum Bett ihres Großvaters schob, versuchte sie, nicht zu offensichtlich nach Luft zu schnappen, damit ihr Großvater nicht bemerkte, dass sie hierher gerannt war. Doch es fiel ihm trotzdem auf, weshalb er sie prompt darauf ansprach: „Sag, warum keuchst du so, Katia? Warst du in Eile? Du weißt doch, dass du mich nicht besuchen musst, wenn es dir Stress bereitet.“ Energisch schüttelte die junge Frau den Kopf, als sie sich auf den Stuhl setzte. „Sag doch so etwas nicht, Großvater! Ich liebe es, dich zu besuchen. Ich bin nur so atemlos, weil... ich aufgeregt bin“, erklärte sie hastig und hatte augenblicklich ein schlechtes Gewissen. Das war zwar nicht gelogen – sie war nämlich wirklich neugierig, was das Päckchen enthielt – aber es war auch nicht die ganze Wahrheit. Denn entgegen ihrer Behauptung war sie in Eile gewesen, sehr sogar. In den letzten Tagen fühlte sie sich einfach unter Druck. Zeitdruck, um genau zu sein. Ihr war klar, dass die Momente, die sie mit Anthony teilte, nicht ewig währen werden und deshalb war jede freie Sekunde mit ihm von unschätzbarem Wert für sie. Man konnte ja nie wissen, wann es endete. „Also bin ich dir keine Last?“, fragte ihr Großvater. „Selbstverständlich nicht! Das könntest du niemals sein“, beruhigte sie ihn. „Dann ist ja gut. Ich habe Sophia bereits so viel Kummer bereitet. Da will ich nicht auch noch meiner Enkelin zur Last fallen.“ Katias Puls beschleunigte sich. Sophia. Sie liebte ihre Großmutter und trotzdem mochte sie es nicht, wenn Anthony diesen Namen erwähnte. Er sprach ihn immer so liebevoll, so sehnsüchtig, so traurig aus, dass Katia fürchtete, er könne es gar nicht mehr erwarten, endlich aus dieser Welt zu scheiden. Aber das wollte sie nicht. Sie wollte, dass ihr Großvater so lange bei ihr blieb wie nur irgend möglich. Was für ein selbstsüchtiger Wunsch.

Um das Thema zu wechseln, hielt die junge Frau das Paket etwas hoch und meinte: „Schau, wir haben Post aus London. Es ist an uns beide adressiert, also wollte ich es zusammen mit dir öffnen.“ Überrascht zog Anthony die buschigen, weißen Augenbrauen in die Höhe. „Aus London? Von wem denn?“
„Von dem Professor und seinem Lehrling. Erinnerst du dich noch an die zwei?“
„Ach, richtig. Layton und Luke, oder? Der kleine Junge war ein ganz aufgeweckter, das weiß ich noch. Er hat das Rätsel schnell gelöst. Fast schon zu schnell“, gab er zu und lachte, was sich allerdings schnell in ein trockenes Husten wandelte. Erschrocken unterbrach Katia das Auspacken. „Ist alles in Ordnung? Brauchst du etwas zu trinken?“ „Schon gut, mein Mädchen. Das liegt nur am Alter.“ Trotz seines Versuches, sie zu beruhigen, pochte ihr Herz wie wild. Es war die Angst, die ihr Herz in solch einen Aufruhr versetzte. Angst und schon wieder Zeitdruck. Wie viel Zeit uns wohl noch bleibt?, fragte sie sich besorgt, während ihre zitternden Finger den Papierumschlag entfernten und ein violettes Buch zum Vorschein brachten. Irritiert musterte die junge Frau den Einband. „Das ist doch das Wappen der Familie Herzen... Wie kommt so etwas nach London?“, murmelte sie verwirrt. „Das Familienwappen, sagst du? Dürfte ich das Buch kurz haben?“, bat ihr Großvater, ein aufgeregtes Beben in der Stimme. „Selbstverständlich. Hier.“ Als sie ihm das Buch aushändigte, sah sie, wie etwas zwischen den Seiten herausfiel und zu Boden plumpste. Es hatte die Größe einer Postkarte. Schnell hob sie es auf. Wie sie feststellte, war es keine Postkarte, sondern ein Foto. Darauf zu sehen waren der Professor mit einem galanten Lächeln und sein Lehrling Luke mit einem fröhlichen Grinsen. Beim Anblick der beiden glücklichen Gesichter musste auch Katia lächeln. Auffordernd hielt sie es ihrem Großvater hin. „Sieh mal. Ein hübsches Foto, oder?“ Anthony sah von den Seiten auf, die er eilig überflogen hatte und kniff die Augen zusammen. „Ich kann kaum etwas erkennen... Aber das müssten Layton und Luke sein, nicht wahr? Ich glaube, sie sehen recht glücklich aus.“
„Ja, sie lächeln beide... Moment mal, da steht ja was auf der Rückseite. Soll ich es vorlesen?“
„Ich bitte darum.“
Und so las Katia laut die geschwungene Handschrift des Professors vor:

„Lieber Anthony, liebe Katia,
dieses Tagebuch haben Luke und ich während unseres Aufenthalts in Folsense gefunden. Wie es bei Tagebüchern so üblich ist, war auch dieses mit diversen Schlössern vor fremden Blicken geschützt gewesen. Allerdings haben wir durch unsere Ermittlungen tatsächlich einige der Schlüssel ausfindig gemacht. Die Neugier trieb uns letztendlich dazu, besagte Schlüssel zu nutzen und das Tagebuch zu lesen – kein Verhalten, dass sich für einen Gentleman gehört, wie ich selbst zugeben muss. Jedenfalls sehe ich keinen Sinn darin, das Buch weiterhin in meinem Büro verstauben zu lassen, weshalb Luke und ich uns schnell einig waren, dass man es seinem rechtmäßigen Besitzer zurückgeben sollte. Vielleicht bereitet es euch beiden ja etwas Freude.
Beste Grüße aus London
Hershel Layton und Luke Triton“

Katias Augen weiteten sich vor Erstaunen. „Also ist das dein Tagebuch, Großvater?“ Er nickte wehmütig. „Ja. Ich habe es bereits in dem Augenblick gewusst, als meine Finger den Einband berührt haben. Es erinnert mich an all die Abende, an denen ich mit den unterschiedlichsten Gefühlen im Herzen meine Gedanken niedergeschrieben habe. Niemals hätte ich gedacht, es noch einmal zu Gesicht zu bekommen.“
„Verstehe...“
Dann war dieses Tagebuch also eine geballte Ladung an Emotionen und Erinnerungen. Bestimmt drehten sich viele der Einträge um Sophia. Übelnehmen konnte Katia es ihm nicht und trotzdem stimmte es sie traurig. Sie hoffte, dass dieses bedrückende Gefühl in ihrem Herzen keine Eifersucht war. Das hätte ihre Großmutter nicht verdient. Langsam stand die junge Frau auf. „Du möchtest das Tagebuch sicher lesen, oder? Dann lasse ich dich wohl besser alleine.“ „Warte bitte, Katia. Du weißt doch, dass ich fast nichts mehr sehe. Ich habe also eine Bitte.“ Während sie wieder auf dem Stuhl Platz nahm, reichte Anthony ihr mit vor Anstrengung zitterndem Arm das Tagebuch. „Nimm es. Ich möchte, dass du mir daraus vorliest.“ „Was? Das kann ich nicht machen!“, lehnte Katia entsetzt ab. „Dieses Tagebuch ist sicher voller schmerzhafter Erinnerungen. Ich kann, ich will dir nicht wehtun, indem ich sie alle wachrufe, Großvater!“ „Aber es ist auch voller schöner Erinnerungen. Ich will sie alle noch einmal neu erleben, die guten und die schlechten. Bitte, meine liebe Enkelin, wenn ich jemanden fragen kann, dann dich.“ Ihr Großvater blickte sie aus flehenden, milchig-trüben Augen an. Zögerlich nahm Katia das Buch wieder an sich. Sie konnte das nicht tun. Sie wollte das nicht tun. Aber Anthony lächelte sie voller Dankbarkeit und Vorfreude an. „Ich danke dir, Katia“, meinte er. Wenn es ihn so glücklich machte, wie konnte sie ihm da diesen Wunsch verwehren? Aus Liebe zu ihrem Großvater würde Katia ihren eigenen Willen hintanstellen und ihm den Gefallen tun. Sie würde vorlesen und Anthony auf dieser Reise und durch diese Tortur begleiten. Mit gemischten Gefühlen schlug Katia die erste Seite auf und hole tief Luft. Sie war nun bereit, sich den letzten Geheimnissen der Vergangenheit ihres Großvaters zu stellen.

Katia wusste nicht, wie lange sie schon vorlas. Sie hatte ihr Zeitgefühl komplett verloren. Sie wusste auch nicht, was die Sätze, die sie vorlas, überhaupt bedeuteten. Ihre Augen sahen die tiefschwarze Tinte auf dem Papier, ihre Stimmbänder ließen die Töne entstehen, ihre Lippen formten die Buchstaben daraus. Die junge Frau war sich sicher, laut und deutlich zu sprechen, aber obwohl sie ihre Stimme vermeintlich klar hörte, ergaben die Wörter keinen Sinn, als würde ihr Gehirn sie nicht richtig zusammensetzen können. Doch um ehrlich zu sein war das auch gar nicht nötig. Die Schrift reichte vollkommen aus, um die Emotionen des Schreibers erfassen zu können. Zu Beginn waren die Linien sauber und geschwungen. Sie lösten in Katia etwas Beruhigendes, etwas Aufheiterndes aus, gleichsam den weichen, bauschigen Wolken an einem Frühlingshimmel. Doch es dauerte nicht lange, bis sie von harten, kantigen Linien abgelöst wurden. In ihnen lag eine Intensität, eine Aggressivität, die einen mühelos ansteckten und das Herz in lodernden Flammen aufgehen ließen. Dieses Unbarmherzige, dieses Schroffe war es, das Katia an ein geschliffenes Schwert erinnerte, welches man vor lauter Wut über die Ungerechtigkeit wild um sich schwingen möchte. Manchmal war das Papier gewellt und die Schrift verschwommen, als wären Tränen darauf getropft. Manchmal zierten dunkle Tintenflecke die Seiten, als hätte man vor lauter Hast, vor lauter Panik unachtsam gearbeitet.

Das alles erfuhr Katia beim bloßen Anblick der Buchstaben. Ihr Hals schmerzte, ihr Mund war trocken, jedoch konnte sie nicht aufhören. Sie fühlte sich dem Wahnsinn der Worte verfallen, war besessen vom immensen Ausmaß dieser Wahrnehmungen. Fieberhaft schlug sie die Seite um, wollte sich der nächsten widmen und schöpfte schon neuen Atem, aber da war nichts. Leer. Die Seite war leer. Das war das Ende des Tagebuchs. Das Ende der Reise. Perplex starrte Katia die Seite an. Dann klappte sie das Buch zu und schloss die Augen. Ihr Kopf war ganz wirr, alles drehte sich in ihm. Sie fühlte sich, als wäre sie in einem Strudel gefangen gewesen, aus dem es scheinbar kein Entrinnen gegeben hatte, in dem sie beinahe erstickt wäre. Aber schließlich hatte man sie doch zurück ans Land, in die Realität geschleudert. Es war beängstigend gewesen, aber das war es Katia wert gewesen. Jetzt verstand sie endlich alles. Alles, was ihren Großvater über die Jahre hinweg getrieben, gegeißelt und geplagt hatte, hatte sie nun selbst durchlebt und kann es vollends nachvollziehen.

Erschöpft öffnete die junge Frau die Augen und betrachtete Anthony. Er war wohl eingeschlafen. Seine Haut wirkte blasser denn je. Ganz ruhig lag er da, fast schon reglos. Zu reglos. Katia musste sich gar nicht zu ihm beugen, um es zu realisieren. Ihr Großvater schlief jetzt tief und fest. Doch aufwachen würde er nicht mehr.
Die Reise durch das Tagebuch, die er zusammen mit seiner Enkeltochter bestritten hatte, war seine letzte hier auf Erden gewesen.
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