Outta Control

von Reno VII
OneshotAllgemein / P12
Beast / Henry "Hank" Philip McCoy Cyclops / Scott Summers Phoenix / (Doktor) Jean Elaine Grey Professor X / (Professor) Charles Francis Xavier Storm / Ororo Munroe
06.07.2019
06.07.2019
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Hallo zusammen!
Hier habe ich einen weiteren, etwas älteren X-Men Oneshot ausgegraben, der sich vorzugsweise mit Scotts Fähigkeiten und ihren möglichen Problemen beschäftigt. Lasst mir gerne eure Meinung da, lobend wie kritisch, denn vielleicht lässt sich der Text ja noch verbessern. ;)
Viel Spaß beim Lesen. :)

Disclaimer: Natürlich gehören alle vorkommenden Charaktere nur ihrem Schöpfer/ihrer Schöpferin und nicht mir, ich leihe sie mir lediglich für diese Geschichte aus und verdiene auch kein Geld damit.

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Outta Control


„Wie fühlst du dich, Scott?“
Obwohl Charles' Stimme so ruhig wie immer klang, schien sie in seinem Kopf zu dröhnen, als würde irgendwo ein Presslufthammer arbeiten.
Er hob die Hand an die Schläfe, im Wissen, dass das auch nicht helfen würde. Dabei hatte er nicht einmal die Frage richtig verstanden.
Seine Konzentration ließ zu wünschen übrig und er konnte den Älteren nicht einmal verzweifelt ansehen. Konnte er schon. Er konnte jedem in die Augen sehen, aber niemand sah in seine. Zumindest nicht, wenn derjenige nicht sterben wollte.

„Was?“, kam es ihm angestrengt über die Lippen, während er versuchte, das Brennen in seinen Augen zu ignorieren.
Es war lange her, dass sie so geschmerzt hatten. Er schob die Brille ein Stück hoch, als er seine Augen ganz sicher fest geschlossen hatte, versuchte den Schmerz weg zu reiben, was ebenso wenig effektiv war, wie sich an den Kopf zu fassen. Es war frustrierend.
Glücklicherweise war Charles, wie üblich, geduldig mit ihm, beugte sich in seinem Rollstuhl ein Stück vor und wiederholte ruhig: „Wie du dich fühlst, habe ich dich gefragt.“

Er ließ die Hand wieder sinken und versuchte wenigstens den Eindruck zu erwecken, als wäre er jetzt besser bei der Sache. Er überlegte, wie er anfangen sollte.
Seit er hier war, gab es nie wieder Probleme mit seinen Fähigkeiten und nun...
Er atmete einmal tief durch und wandte sich dann Charles zu.
„Nicht so gut, um ehrlich zu sein“, antwortete er nun. „Seit kurzem habe ich häufig Kopfschmerzen und...“
Ein dezentes Schmunzeln auf Charles' Zügen unterbrach ihn für einen Moment. Selbst, wenn der Professor der Gedankenleser von ihnen war, wusste er dennoch, was jetzt kommen würde.
„Für gewöhnlich war das immer eine Ausrede von dir“, erinnerte Charles und was den Älteren so sympathisch machte war, dass man sich trotz amüsiertem Unterton nie wirklich ausgelacht fühlte.

Im Gegenteil. Er musste selbst über sein früheres Ich schmunzeln. Als er noch auf die High-School ging, hatte er das jeden Tag behauptet, um das Tragen seiner Sonnenbrille zu rechtfertigen. Selbst an den Tagen, an denen er keine hatte, denn anfangs war das Ganze doch sehr unberechenbar gewesen.
Später, als er hierherkam, hatte er diese Behauptung beibehalten, wenn ihm der Unterricht zu langweilig war und er nicht folgen konnte.
Aber er war keiner von Charles' Schülern mehr. Er war siebenundzwanzig und hatte solche Ausreden längst nicht mehr nötig. Und es wurde schlimmer. So schlimm, dass er nachts nicht mehr schlafen konnte. Der Schlafmangel verschlimmerte die Kopfschmerzen und senkte sein Konzentrationsvermögen, was ihn dann noch schlechter schlafen ließ...

„Damit hätte ich besser nicht scherzen sollen“, räumte er also ein und wandte sich dann wieder dem eigentlichen Thema zu. „Jedenfalls werden sie schlimmer, meine Augen brennen und ich bin nicht bei der Sache.“
„Das ist mir aufgefallen“, bestätigte Charles und sein Gesicht wirkte nun selbst ein wenig nachdenklich.
„Ich dachte, es geht irgendwann von alleine wieder weg, aber es wird langsam unerträglich. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, was ich noch dagegen tun kann“, fuhr er etwas ratlos fort. „Schon die leisesten Geräusche kommen mir unfassbar laut vor.“

Diesmal machte Charles für einen Moment große Augen. Er wusste von seiner Vorliebe für etwas lautere Musik und das erklärte natürlich, warum man davon schon eine Weile nichts mehr gehört hatte.
Es war ungewöhnlich, dass es zu erneuten Schwierigkeiten mit der Mutation kam, wenn man das Erwachsenenalter erreicht hatte, aber das war schon vorgekommen. Über dieses Thema war noch so wenig bekannt, dass man ohnehin nichts ausschließen sollte. Sie mussten daran noch weiter forschen.
Aber das war ein anderes Thema, denn nun ging es erst einmal darum, wie der Professor ihm am besten helfen könnte. Er war zwar mit vielen Dingen vertraut, doch den medizinischen Hintergrund hatte eigentlich eine andere Person und es wunderte ihn ein wenig, dass er sie scheinbar noch nicht aufgesucht hatte. Er könnte die Antwort darauf in seinem Kopf finden, hielt es aber für anständiger, danach zu fragen.

„Hast du Jean mal gefragt, was los sein könnte?“, wollte Charles also wissen, doch er schüttelte fast augenblicklich den Kopf. „Warum nicht? Sie ist doch der erste Ansprechpartner bei sowas und ihr seid doch eng befreundet.“
Das stimmte schon. Allerdings... „Sie macht sich immer so schnell Sorgen und ich... Ich weiß auch nicht“, erklärte er umständlich, dass er da so seine Hemmungen hatte. Er vertraute seiner guten Freundin ja, aber er wollte auch nicht jedes Mal diesen mitleidigen Blick zugeworfen bekommen. Sie konnte ihm schließlich auch in den Kopf blicken und da fand sie ständig etwas, was sie ihn so ansehen ließ.
Er wollte nicht, dass sie das falsch verstand. Er schätzte ihre Fürsorge ja, aber sie konnte ihr Gesicht dabei nicht so unbewegt lassen wie Charles es tat, wenn er etwas in seinen Gedanken fand. Das machte es immer so schwierig...
Jean war ein Mensch, der es nur schwer ertragen konnte, wenn er keine Möglichkeit fand, um zu helfen. Ihm war klar, dass sie das mehr beschäftigen würde und dass sie unbewusst in seinem Kopf nach weiteren Antworten suchen würde. Er vertraute ihr. Aber er wollte nicht, dass sie wirklich alles über ihn wusste. Dieser Gedanke gefiel ihm gar nicht.

Charles folgte seinen Bedenken einen Moment stumm, nickte schließlich verstehend, denn das leuchtete auch ihm ein. Da er selbst diese Fähigkeit besaß, wusste er nur zu genau, welche Schwierigkeiten seine Mitmenschen damit haben konnten und…
Auch, wenn er es an dieser Stelle für sich behielt, war ihm natürlich ebenfalls bewusst, dass genau das der Grund war, weshalb die Beiden nie eine Beziehung miteinander eingegangen waren, obwohl sie oft den Eindruck erweckten, mehr als Freunde zu sein. Sie waren fast so etwas wie Seelenverwandte und ohne sie zu kennen, hatte Charles damals vermutet, dass sie füreinander geschaffen sein müssten. Aber so war es eben nie gekommen.
Als Mutant hatte man eben nicht nur die Hürde, mit dem Charakter des anderen zurechtzukommen, sondern man musste auch mit seinen Fähigkeiten, mit seiner Mutation leben können und Charles war durchaus bewusst, dass es Mutationen gab, bei denen das nicht so ohne weiteres möglich sein konnte.

„Also gut…“, schloss Charles schließlich, denn er wusste, dass es keinen Sinn machte, ihn dazu bringen zu wollen, doch zu Jean zu gehen. Ebenso war ihm bewusst, dass das Finden der Ursache seine Kompetenzen übersteigen würde. „Ich werde versuchen, Hank zu erreichen und ihn fragen, ob er uns da weiterhelfen kann.“
Etwas Besseres wollte ihm momentan nicht einfallen. Aber Hank hatte viele Studien über ihre Mutationen gemacht. Vielleicht könnte er tatsächlich etwas wissen.
Er nickte nur etwas abwesend. Er war mit so gut wie allem einverstanden, so lange das endlich ein Ende nahm. Er danke es Charles, dass er sich die Zeit für ihn genommen hatte und legte all seine Hoffnungen in Hank und seine Fähigkeiten.

  


Irgendwie hatte er das Gefühl, als wären seine Kopfschmerzen jetzt noch um ein Vielfaches schlimmer geworden und er hatte nicht einmal im Geringsten damit gerechnet, dass das noch im Bereich des Möglichen war. Sie waren vorher schon unerträglich gewesen und inzwischen hielt er es kaum mehr aus. Was sollte er tun?
Er musste jetzt ohnehin abwarten, bis Hank mit irgendwelchen Untersuchungsergebnissen kam und das konnte dauern. Wenn er etwas auswertete, dann war er dabei äußerst gründlich, kontrollierte alles mehrfach und wollte sich kein Detail entgehen lassen.
Nicht, dass an dieser Vorgehensweise irgendetwas schlecht wäre, aber das Warten und die Tatsache, dass alles immer schlimmer wurde, machte es eben auch nicht besser. Jean ahnte inzwischen vermutlich auch etwas. Sie stand ständig bei ihm auf der Matte und erkundigte sich nach seinem Befinden. Vielleicht hatte sie bei Charles auch Hinweise gefunden…

Was auch immer dafür gesorgt hatte, er war alles andere als glücklich damit. Er hatte nicht gewollt, dass Jean etwas davon erfahren musste und nun hatte er ihren mitleidigen Blick doch wieder ständig vor Augen und sie versuchte krampfhaft einen Weg zu finden, um ihm zu helfen. Was sollte er bloß machen?
Jetzt wusste er sich einmal mehr nicht anders zu helfen, als ihr bewusst aus dem Weg zu gehen. Er wollte nicht, dass sie versuchte, seine Gedanken zu lesen, um herauszufinden, was los war. Er hasste das. Dass er sich nie sicher sein konnte, wann sie den Punkt überschritt, wann sie selbst anfing, sich Antworten zu holen. Eigentlich wusste er, dass er ihr vertrauen konnte, aber in Ausnahmesituationen wie dieser fürchtete er, dass Jean eben genau damit rechtfertigen würde, sich über gewisse Grenzen hinwegzusetzen und das gefiel ihm nicht.
Als es mitten in diesen Gedanken an der Tür klopfte, war er sich fast sicher, dass es schon wieder Jean sein musste. Das Geräusch schien ihm unnatürlich laut zu sein und brachte ihn dazu, angestrengt das Gesicht zu verziehen. Er wünschte, dass diese Überempfindlichkeit endlich aufhören würde. Und er hatte große Lust, Jean zu sagen, dass sie sich diese Mühe endlich sparen konnte.

Das wäre aber doch ziemlich unfreundlich gewesen und immerhin hatten sie sich immer gut verstanden. Sie waren schon seit zehn Jahren die engsten Freunde, hatten so viel gemeinsam geschafft und waren füreinander da gewesen. Sie verdiente es nicht, dass er wütend war.
Langsam quälte er sich wieder hoch. Er kam sich um zwanzig Jahre gealtert vor, seit die Kopfschmerzen und das Brennen in seinen Augen ihn so einschränkten.
Doch als er im Glauben, dass er es mit Jean zu tun haben würde, die Tür aufzog, blickte er in ein Gesicht, mit dem er überhaupt nicht gerechnet hatte. Vielleicht kam sein etwas überraschtes „Ororo?“ deswegen auch mit reichlicher Verzögerung.
Diese sah ihn bereits etwas besorgt an, hatte eine Augenbraue hochgezogen und entspannte sich erst wieder, als endlich eine Reaktion von ihm kam.

„Und ich dachte schon, du wärst blind geworden, Scott“, gab sie nur halb belustigt zurück. Scheinbar machte sie sich Gedanken um ihn und er begriff erst einmal nicht so genau, warum eigentlich. Gut, ihr mochte bestimmt aufgefallen sein, dass er sich in den vergangenen Wochen ein bisschen rargemacht hatte, aber war das gleich ein Grund dafür?
„Ich ähm…“, kam es ihm zunächst ein bisschen verwirrt über die Lippen. Was sollte er darauf antworten? Er war noch zu sehr mit der Frage danach beschäftigt, warum Ororo eigentlich hier war. Oder hatte Jean etwas bemerkt, mit ihr gesprochen und sie nun vorgeschickt? Das könnte es zumindest erklären.
Ororo sah ihn einen Moment unentschlossen an. Ihr schien etwas auf der Zunge zu brennen, von dem sie sich nicht sicher war, ob sie es nun einfach sagen sollte oder nicht. Schließlich entschied sie sich aber doch dazu und es platzte förmlich aus ihr heraus. „Es ist anders als sonst, oder? Es ist nur so ein Gefühl und weder Charles noch Hank lassen irgendwas durchblicken. Aber Jean ist nicht die Einzige, die dich gut kennt und ich brauche keine telepathischen Fähigkeiten, um zu merken, dass etwas nicht stimmt.“

Sie überforderte ihn eindeutig. Was sollte er dazu sagen? Sie hatte schließlich recht. Und Jean hatte er es eben aus diesem Grund nicht sagen können. Weil sie einfach alles zu wissen schien und er wusste, dass sie die richtigen Antworten jeder Zeit in seinem Kopf finden konnte. Sogar mehr als das. Aber natürlich hatte Ororo recht.
Manchmal brauchte es solche Fähigkeiten auch gar nicht, um zu wissen, dass etwas nicht in Ordnung war und schließlich würden sie sich hier alle Gedanken um einander machen, wenn plötzlich etwas nicht stimmte. Er konnte ihr das nicht verdenken und…
Zumindest würde sie nicht direkt in seine Gedanken sehen können. Vielleicht war es ein bisschen einfacher, wenn er mit ihr redete. Über diese Möglichkeit hatte er vorher schließlich noch gar nicht nachgedacht. Dabei war er mit Ororo fast ebenso lange befreundet, wie mit Jean. Er bekam ihr gegenüber fast schon ein schlechtes Gewissen.

Einen Moment haderte er trotzdem mit sich, bevor er widerwillig einen Schritt zur Seite machte, um ihr zu signalisieren, dass sie besser reinkommen sollte, statt das hier draußen auf dem Flur zu besprechen. Sie folgte der stummen Aufforderung und warf ihm dann wieder einen fragenden Blick zu. Sie wollte Antworten. Nicht, weil sie diese direkt einforderte, aber sie machte sich wirklich Sorgen, was eigentlich los war.
Es wäre vielleicht ein bisschen einfacher, wenn Hank dazu schon etwas sagen könnte. Wenn sich das nur erklären ließe. Er wollte sie ja nicht noch mehr beunruhigen, aber wenn sie schon etwas ahnte, dann machte es wenig Sinn, weiter so zu tun, als seien es die üblichen Schwierigkeiten.
Ororo sah ihn abwartend an, bis er anfing ihr das zu erklären, was er Charles bereits vor ein paar Tagen erzählt hatte. Wie es angefangen hatte und dass es immer schlimmer wurde. Und natürlich auch, dass bislang niemand so richtig wusste, wie das eigentlich sein konnte.

  


„Ich kann dir wirklich nichts sagen“, versuchte sie ihrer Freundin deutlich zu machen, aber wie sollte man einer Telepathin etwas vormachen? Sie hatte geahnt, dass Jean irgendwann auf sie zukommen würde. Natürlich. Allerdings hatte sie gehofft, dass es soweit nicht kommen musste, dass Hank bis dahin mehr wusste oder sich sonst etwas ergeben würde.
Dem war allerdings nicht so und nun stand sie genau zwischen allen, wie sie es befürchtet hatte. Wenn sie Jean etwas verriet, dann würde Scott ihr nie wieder irgendwas erzählen.
„Aber du warst doch bei ihm“, stellte Jean fest und da sie wusste, dass sie ihrer Freundin davon nichts erzählt hatte, war klar, dass sie in ihrer Verzweiflung bereits ihre Fähigkeit nutzte. Ihr war bewusst, dass sie dafür nichts konnte, dass es nicht immer komplett möglich war, diese Mutationen zu kontrollieren.

Es ging ihr selbst ganz genauso. Wenn sie emotional wurde und dabei abgelenkt war, dann geriet das Wetter um sie herum ein wenig außer Kontrolle. Jean konnte dann nicht mehr verhindern, dass sie in die Köpfe ihrer Mitmenschen eindrang, um sich Gewissheit zu verschaffen oder löste sogar schwere Erschütterungen aus, wenn etwas sie ängstigte und Scott… Das war eben ein permanentes Problem und nur Hanks Erfindungsreichtum zu verdanken, dass er überhaupt wieder jemanden ansehen konnte.
Wenn sie so darüber nachdachte, dann war es ja kein Wunder, dass die ganze Welt Angst vor ihnen hatte. Manchmal hatten sie doch Angst vor sich selbst und davor, wozu sie fähig sein könnten. Aber was sollte sie jetzt tun?
Sie wollte Jean nicht verletzen, indem sie ihr sagte, dass eben genau darin das Problem lag, dass sie einfach immer viel zu viel wusste. Scott hatte ihr ja erklärt, warum er nicht mit Jean geredet hatte, aber siefürchtete, dass diese Wahrheit sie kränken könnte. Wenn sie allerdings weiterhin nichts dazu sagte, würde sie diese Antwort sowieso ihren Gedanken entnehmen können und vielleicht ahnte sie es ohnehin schon.

Sie seufzte leise, bevor sie meinte: „Soweit ich weiß, will Hank ihn heute noch einmal sehen und dann wird man mehr wissen. Vielleicht wäre es besser, das abzuwarten, bevor wir uns verrückt machen und uns die Köpfe zerbrechen.“ Sie hoffte, dass Jean das einsehen würde, bevor sie doch noch irgendwas begründen musste.
Sie sah, wie ihre Freundin mit sich rang. Es schien ihr nicht zu gefallen. Ganz und gar nicht. Aber welche Wahl würde sie schon haben? Ihr musste auch klar sein, dass sie nichts gewann, wenn sie versuchte, ihre Freunde zu antworten zu zwingen, also nickte sie schließlich.
Vielleicht war das die größte Herausforderung an ihrem ständigen Zusammenleben. Dass man kaum die Möglichkeit hatte, sich von Ängsten und Sorgen um einander zu distanzieren, dass man sich nur aneinander klammern konnte und sonst nicht viel hatte, dass einem die Welt da draußen nicht offen lag und sich alles auf diesem engen Raum abspielte. So erschien es ihr im Augenblick zumindest.

Sie konnte sehen, wie schwer es Jean fiel, dieses Thema fallen zu lassen. Manchmal vermutete sie schon, dass da mehr Gefühle im Spiel sein könnten, als sie zugeben wollte. Scott schien ihr viel zu bedeuten, anderenfalls würde sie wohl nicht immer sofort in solche Aufregung verfallen. Und diese Blicke immer…
Vielleicht verstand sie selbst nicht so viel davon. Auch nach gut zehn Jahren, die sie hier verbrachte, erschien ihr diese Welt manchmal noch ziemlich fremd im Gegensatz zu ihrer früheren Heimat. Aber es gab Verhaltensweisen, die waren scheinbar überall auf der Welt dieselben und Verliebtheit gehörte scheinbar dazu.
Allerdings nahm sie sich auch diesmal zurück, Jean darauf anzusprechen. Vielleicht, weil ihr nach und nach klar wurde, dass ein gewisser Teil in ihr das nicht wollte. Weil sie immer ganz unterschwellige Anzeichen von Eifersucht bemerkte, wenn sie die Zwei zusammen sah.
Glücklicherweise hatte sie nie besonders viel Zeit, um darüber nachzudenken. Inzwischen war sie selbst Lehrkraft an dieser Schule und Charles schickte sie andauernd irgendwo in die Welt, um anderen Mutanten zu helfen. Ein Full-Time-Job und dafür war sie ziemlich dankbar. Romantische Gefühle waren eigentlich auch nie ihre Welt gewesen.

Am besten dachte sie auch jetzt nicht weiter darüber nach. Sie hatte heute noch Unterricht zu geben und da sollte sie ihren Kopf besser frei haben. Immerhin fragten die Schüler inzwischen auch schon nach und sie war froh, dass sie da zuweilen immer professionell genug gehandelt hatten, damit sie sich keine Sorgen machten.
Das sollte gerne so bleiben. Sie verabschiedete sich von Jean und schlug dann den Weg in Richtung ihres Klassenzimmers ein. Dann würde sie wenigstens noch genügend Zeit haben, um sich auf den Unterricht vorzubereiten. Sie hatte die Treppe gerade erreicht, als es plötzlich eine heftige Erschütterung gab, die sie fast zu Boden riss.
Sie konnte sich gerade noch so am Geländer festhalten, während ihr auch schon die ersten Trümmerteile um die Ohren flogen. Es war, wie eine Art Explosion gewesen. Nachdem sie den ersten Schreck darüber überwunden hatte, blickte sie sich hektisch um, versuchte herauszufinden, was geschehen war und aus welcher Richtung das gekommen war.
Ihr Herz schlug heftig gegen ihren Brustkorb, denn sie hatte bereits eine Ahnung. Sie wusste ziemlich genau, was so etwas auslösen konnte und sie hoffte inständig, dass sie sich irrte.

  


„Es ist alles in Ordnung. Niemand wurde verletzt“, erklärte Charles und wahrscheinlich sollte das beruhigend klingen. Der Haken war nur… Es beruhigte ihn nicht. Nicht mal ansatzweise.
Er schnaubte, als hätte er sich da eben verhört. „Gar nichts ist in Ordnung, Professor“, widersprach er ihm. Er war nicht wirklich wütend auf ihn, sondern auf das, was passiert war. Er verfluchte diese Mutation schließlich nicht zum ersten Mal.
Es war eine Sache, wenn man besondere Kräfte hatte, aber wenn sie so gefährlich für Menschen in der unmittelbaren Umgebung wurden, dann war es nichts Besonderes, sondern ein entsetzlicher Fluch und damit auf gar keinen Fall wieder so etwas passierte, presste er die Augen jetzt so fest zusammen, dass es schmerzte.
Was sollte er jetzt machen? Wenn nicht einmal mehr das Rubinquarz in der Lage war, die tödlichen Strahlen zu brechen, dann konnte er sich überhaupt nicht mehr unter Menschen wagen. Das Risiko konnte er unmöglich eingehen.

Charles holte zwar Luft, schien noch etwas sagen zu wollen, aber er beließ es dann doch dabei. Anscheinend wusste auch er sich gerade keinen Rat. Er konnte nicht sehen, dass er einen hilfesuchenden Blick in Richtung Hank warf, der den kläglichen Überrest der Brille in seinen Händen drehte.
Vielleicht war es ganz gut, dass er nichts von der Verwüstung sehen konnte, die er unbeabsichtigt verursacht hatte. Das würde ihm, was die Vorwürfe betraf, womöglich den Rest geben. Was, wenn er dabei Schüler verletzt hätte, Jean oder Ororo? Das könnte jeder Zeit passieren. Es war sowieso ein Wunder, dass er damit noch nie jemanden getroffen hatte, der ihm wichtig war und er hatte ständig Angst, dass sich das irgendwann änderte.
Eine Unachtsamkeit würde schon ausreichen und jetzt war es noch schwerer geworden. Am liebsten würde er sich auf der Stelle von ihnen allen zurückziehen, nur blöderweise konnte er so ja nichts sehen. Diese Mutation war so zerstörerisch wie hinderlich und nutzlos.

Hank seufzte hörbar auf und auch, wenn er ihn gerade nicht sah, wusste er, dass er sich gerade verlegen am Hinterkopf kratzte, weil er auf der Suche nach einer passenden Antwort war.
„Wie es aussieht, Scott, ist deine Mutation wohl dabei, stärker zu werden“, murmelte Hank vor sich hin, obwohl er ja direkt mit ihm sprach. Konnte er es nicht einfach ganz direkt sagen, ohne schonend klingen zu wollen? Was passiert war zeigte ja schon, dass es eine Katastrophe war und sicher keine Kleinigkeit werden würde.
„Toll und jetzt?“, fragte er, teils gereizt und teils verzweifelt. Es mochte Mutanten geben, die verrückt genug wären, sich über so eine Aussage zu freuen, aber er war der Meinung, dass seine ausreichend genug war. Er brauchte da sicher kein Update.
„Naja, augenscheinlich hat sich das Spektrum an Material, welches die Strahlen durchdringen können, nun vergrößert. Ich… ähm… also, ich werde erst einmal nachforschen müssen, was sich genau verändert hat und welche Maßnahmen wir ergreifen können“, druckste Hank ein wenig herum, aber er verstand schon.

Im Klartext bedeutete das also, dass sich die Strahlung seiner Augen verändert hatte, dass sie quasi erneut mutiert waren und er wieder am Anfang stand. Wenn er Pech hatte, dann würde Hank nicht einmal eine Möglichkeit finden. Und wenn so etwas möglich war, dann konnte das auch jeder Zeit wieder passieren.
Das waren in seinen Ohren keine guten Neuigkeiten. Das war sogar ziemlich beschissen. Das war ein endloses Warten darauf, dass Hank wieder so einen genialen Einfall haben würde, wie damals mit dem Rubinquarz. Jetzt würde er eine Menge Tests durchführen müssen und es konnte ewig dauern. Was sollte er also tun?
In diesem Moment hörte er Schritte näherkommen. Nein, sie rannten eher herbei und er konnte sich gleich denken, wer sie waren. Es hätte ihn auch gewundert, wenn sie nichts davon mitbekommen hätten, aber eigentlich wollte er gerade am liebsten alleine sein. Was sollte er ihnen denn sagen?

Keine drei Sekunden später vernahm er Jeans und Ororos aufgeregte Stimmen, die von Charles wissen wollten, was passiert war und der gab ihnen eine kurze Zusammenfassung. Seine Gedanken schweiften in der Zeit ab.
Über die Worte des Professors bekam er nicht mit, wie Jean zu ihm herüberkam. Er fuhr ein bisschen zusammen, als sie sich plötzlich neben ihn setzte. Und er zuckte noch einmal zusammen, als Ororo auf der anderen Seite auftauchte und ihn sofort umarmen musste.
Eigentlich war das gar nicht, was er in diesem Moment wollte, aber er wehrte sich auch nicht dagegen. Sie waren schließlich seine Freundinnen, auch, wenn es unerträglich war, sich ihre besorgten Mienen vorzustellen. Er hasste es, Mitleid zu bekommen.
Das war der Moment, in dem er sich nicht wie ein X-Men, sondern wie ein Behinderter vorkam. Es nervte! Aber was konnte er dagegen schon machen?

„Geht’s dir gut?“, wollte Jean von ihm wissen und er konnte nicht anders, als sofort das Gesicht zu verziehen. Das fragte sie doch nicht wirklich, nachdem er das halbe Schulgebäude in Schutt und Asche gelegt hatte…
„Ja, natürlich“, antwortete er und konnte den leichten Sarkasmus nicht aus seiner Stimme verbannen. Er wusste, dass sie sich nur Sorgen machte, aber das half ihm nicht.
„Hank kriegt das hin“, unternahm Ororo einen Versuch, zuversichtlich zu sein und vielleicht wollte sie auch dafür sorgen, dass Jean und er sich nicht über die Spitzfindigkeiten unnötiger Fragen stritten.
„Sicher tut er das.“ Es klang leider mutlos und immer noch zu sarkastisch, um überzeugend zu sein. Er wollte die Zwei sicher nicht anmachen, aber diese Situation gerade war ein Desaster.

Er konnte nicht sehen, dass die beiden Frauen einen etwas ratlosen Blick miteinander tauschten. Er war gerade sicher nicht einfach und es tat ihm ja auch leid, aber was sollte er denn machen? Er wusste gerade nicht, wie er einen positiven Blick darauf werfen sollte.
Jean und Ororo schienen ihm das allerdings nachzusehen. Zwar unternahmen sie keine weiteren Versuche der Aufmunterung, wofür er ihnen sehr dankbar war, aber sie verschwanden auch nicht einfach. Sicher. Er könnte auch keine von ihnen alleine lassen, wenn es ihr nicht gutgehen würde. Nur dummerweise war er immer der Sehbehinderte, den sie jetzt wieder einmal betüddeln mussten.

Er wusste, was in den nächsten Wochen auf ihn zukommen würde und das war ziemlich ätzend…

  


Der Schmerzenslaut war ihm über die Lippen gekommen, kurz bevor Jean und Ororo gleichzeitig ihre Warnung hinter ihm herriefen.
Großartig. Er verdrehte innerlich die Augen, wandte sich in ihre Richtung um, obwohl er sie sowieso nicht sehen konnte. Er brauchte keine Augen, mit denen er sie ansehen konnte, um ihnen zu zeigen, dass er genervt war und um ihnen ein schlechtes Gewissen zu machen.
„Entschuldige, Scott“, murmelte Jean sehr schuldbewusst und eilte sofort wieder an seine Seite, griff nach seinem Arm und versuchte ihn nun etwas umständlich wieder auf den richtigen Weg zu bringen. Also auf den, wo man nicht gegen irgendwelche Türen, Wände oder was da sonst so im Weg stand, rannte.
„Das kommt nicht wieder vor“, ließ ihn auch Ororo wissen und kam an seine andere Seite, um Jeans Vorhaben zu unterstützen. Wenigstens das Teamwork der beiden Frauen funktionierte ohne Worte einwandfrei. Dennoch…

„Ja, das habt ihr bei meinen letzten acht Zusammenstößen auch gesagt“, teilte er ihnen mit und es war zu schade, dass er ihre Gesichter in diesem Moment nicht sehen konnte.
„Es tut uns wirklich leid“, wiederholte Jean noch einmal. „Vielleicht sind wir ein bisschen aus der Übung.“ Früher hatten sie ihm schließlich auch schon geholfen, als Hank das erste Mal auf der Suche nach einer Lösung für das Problem mit seinen Augen gewesen war.
„Oder ihr wollt euch für all die Kleinigkeiten rächen“, schloss er etwas Anderes daraus und er könnte schwören, dass wenigstens Jean gerade ziemlich rot wurde.
„So ein Quatsch, wir sind doch keine Teenager mehr“, widersprach Ororo, aber so richtig überzeugend klang sie dabei auch nicht. Er schmunzelte ein wenig in sich hinein. Er konnte nicht leugnen, dass es ihm Spaß machte, die Beiden in Verlegenheit zu bringen.

Dennoch war es langsam nervig. Seit sechs Wochen hatte sich nichts getan. Hank versuchte alles, machte akribisch seine Versuche, aber bislang hatte nichts den bahnbrechenden Erfolg erzielt. Wenn das so weiterging, dann würde er ewig blind durch diese Schule stolpern.
Keine besonders guten Aussichten. Er kam sich nicht nur nutzlos vor, es machte ihm auch ziemlich zu schaffen. Er schlief kaum, weil er keinen adäquaten Schutz mehr hatte. Ständig fürchtete er, was er beim Aufwachen anrichten könnte und die Kopfschmerzen wollten auch nicht verschwinden. Es war mehr als lästig.
Vor ein paar Tagen, da hatte Hank zwar etwas gefunden, was die Strahlen seiner Augen nicht zerstören konnten, aber das Material war zum einen kaum zu verarbeiten und zum anderen war es nicht in eine durchsichtige Form zu bringen.

Trotzdem hatte Hank versprochen, dass er nicht aufhören würde, dass er weitersuchen und irgendwann schon etwas finden würde.
Und solange würde er wohl auf Jean und Ororo angewiesen sein und wohl noch einige Male irgendwo gegenrennen müssen, weil sie in ihrer Fürsorgepflicht nicht immer zu glänzen wussten. Da musste er dann wohl einfach das Beste draus machen. Oder es wenigstens versuchen.
Er spielte oft mit dem Gedanken, einfach fortzugehen. Vielleicht würde er Charles erklären können, dass es besser so wäre, aber er wusste, dass Jean und Ororo alles tun würden, um ihn nicht gehen zu lassen.

Er konnte es ihnen nicht verdenken. Er würde auch keine von ihnen gehen lassen, aber…
Was, wenn es doch schiefging. Wenn das wieder außer Kontrolle geriet und er eine von ihnen dabei verletzte? Gedanken, die er nicht so einfach ignorieren konnte und die ihm zu schaffen machten.

Alles was er tun konnte war, auf Hank zu hoffen.
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