Der Traum vom Anderssein

GeschichteAbenteuer / P12
OC (Own Character)
05.07.2019
14.09.2019
9
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Alles auf Anfang – oder: Zurück zu den Wurzeln


Lupina drehte noch eine letzte ausgelassene Runde durch das Wäldchen. Zum Glück trieb sich hier gerade kein Jäger herum.
Die Wölfin ließ es sich nicht nehmen, einen letzten Sprint einzulegen. Zurück zu dem Mädchen. Dort angekommen, blieb sie zögernd stehen. Vorsichtig sah sie sich um. Als das Mädchen ihr ein Zeichen gab, richtete sich die Wölfin langsam auf. Ihre Gliedmaßen und ihr Körper streckten und verformten sich. Lupina wurde wieder zu dem, was sie eigentlich war – ein Mensch. Anna – das war ihr menschlicher Name, oder zumindest einer ihrer Namen – ging zu dem Mädchen.
„Na, das wird auch höchste Zeit“, meinte das Mädchen, „ich warte hier schon ganz schön lange!“
„Entschuldige, Sascha. Ich habe völlig die Zeit vergessen.“
Sascha schmunzelte. „Na das kenne ich ja schon von dir. Ich weiß doch, wie sehr du ‚Lupina’ magst. Aber so langsam wird es wirklich Zeit für den Rückweg, findest du nicht?“
Anna nickte. „Ja, also dann los.“
Gemeinsam gingen sie den Weg entlang bis zu der Stelle, wo sie ihre Pferde angebunden hatten und ritten heim zu Anna, wo Sascha derzeit Urlaub machte.

***

Beinahe einstimmig hatten sich die Mitglieder des „Circus Fantasy“ dazu entschlossen, den Circus dieses Jahr bis auf wenige Sondervorstellungen pausieren zu lassen. So hatten endlich einmal wieder alle mehr Zeit für sich, ihre Familien, Freunde und andere Dinge. Die ersten Monate des Jahres verbrachten die meisten daher daheim bei ihren Familien.

Während Anna in ihrem Heimatort eine Zeit lang wieder ihrem eigentlichen Beruf nachging, befand sich ihr Freund Benjamin in seiner Heimat England. Allerdings blieb er dort nicht lange. Genau wie früher, bevor es den Circus gegeben hatte, reiste er danach wieder mit Cassiopeia, einer Kalderash, als deren „Beschützer“ und guter Freund durch Irland. Anna vermisste ihn und überlegte, ob sie ihr Versprechen, welches sie ihm gegeben hatte, nun endlich einlösen sollte: einmal nach England zu reisen und sich seine Heimat von ihm zeigen zu lassen. Doch noch konnte und wollte sie nicht von hier weg.

Auch die anderen Circusmitglieder vermisste sie. Da war zum Beispiel Svenja, die sich oft um eines von Annas Pferden kümmerte. Svenja war nach Island zurückgekehrt, um sich wieder ein wenig mehr selbst um ihre dortige Pferdezucht zu kümmern. Die strengen Gesetze Islands bereiteten ihr einige Probleme: Wenn sie beim Circus war, konnte sie nicht wie die anderen ihre eigenen Pferde mitnehmen und danach mit ihnen nach Island zurückkehren. Umgekehrt konnte sie auch nie ihr Pflegepferd mit zu sich nehmen. Es fiel ihr daher nicht immer leicht, ihre eigenen Tiere oder ihre Pflegepferd zurücklassen zu müssen.
Dann gab es da noch Adriane, die zusammen mit Ben nach England gereist war, um sich von da aus in ihre Wahlheimat Schottland zu begeben. Dort wollte sie sich mit einem alten – sehr, sehr alten – Freund im schottischen Hochland treffen, worauf sie sich sehr freute. Mit seiner Hilfe wollte sie nebenbei ein wenig ihre Schwertkampfkünste auffrischen.
Von Johanna und Julius, die nur ab und zu beim Circus dabei waren, weil sie sich um ihren Gnadenhof kümmern mussten, hatte Anna gehört, dass sie derzeit eine neue Aushilfe anlernten. Bei dem Mädchen sollte es sich um eine Hexe mit großem Gespür für Tiere handeln.
Und all die anderen Hexen und Nichthexen nicht zu vergessen, die ebenfalls zum Circus gehörten.

*

Eigentlich hatte Anna am Abend eines ihrer Lieblingsbücher – Stephen King's ‚The Stand’ – weiterlesen wollen, doch weit kam sie nicht. Sie musste an Janine denken. Janine war schweren Herzens in ihre Heimatstadt Bangor in Maine/USA zurückgekehrt. Viel lieber wäre sie jedoch mit ihren Freundinnen und Freunden zusammengeblieben. Bei dem Gedanken daran musste Anna schmunzeln. Denn vor ein paar Jahren hatte das noch anders ausgesehen, da Janine sich wegen ihrer Erblindung anfangs sehr zurückgezogen hatte.

*

Hauptsächlich durch Briefe und E-Mails blieben die Circusmitglieder untereinander in Kontakt. Es war interessant zu sehen, wie sehr sich die Briefe und E-Mails in gewisser Weise ähnelten. Zu Beginn des Jahres schrieben die meisten noch, wie froh sie waren, einmal wieder länger daheim sein zu können. Sie berichteten stolz von ihren Erlebnissen fern des Circusses. Als es auf Sommer zuging, klangen die Briefe und E-Mails nicht mehr ganz so fröhlich. Die meisten vermissten so langsam den Circus, das Reisen und das Beisammensein. Jenny bedauerte zudem, dass sie keine Zeit mehr für Streiche hatte, da sie sich - genau wie Gina - auf ihren Schulabschluss vorbereiten musste.
So kam es, dass sich in den Sommerferien einige von ihnen wie früher, vor der Circusgründung, auf einer abgelegenen Wiese in Annas Heimatstadt trafen.

Anna, Sascha und Jenny ritten gemeinsam zu der Wiese. Sie waren die ersten, die dort ankamen. Überglücklich galoppierte Jenny auf ihrem Norwegerwallach über die Wiese. Endlich hatten zumindest die schulischen Prüfungen und die „normale“ Schule für sie ein Ende. An die Hexenprüfungen mochte sie noch nicht denken.
Als nächstes kam Gina zusammen mit ihrer Schwester angeritten. Auch Gina hatte nun die Schule hinter sich. Kurz danach tauchte Samantha mit Abigail, Jake, Sarah und den eineiigen Zwillingsschwestern Tina und Eve auf. Während die Zwillinge etwas verdrießlich drein schauten, schien Jake ziemlich aufgeregt. Die anderen konnten sich schon denken, was mit Tina und Eve war. Sicherlich hatten sie wieder einmal einen ihrer Streiche gespielt und dafür Ärger mit Sam bekommen. Doch was war mit Jake? Er hüpfte wie wild zwischen den anderen umher und fragte ständig nach Johanna.
Alle blickten fragend zu Sam, die leicht genervt erklärte: „Jake hat seine Liebe zum Lesen entdeckt. Er ist regelrecht süchtig nach diesen Büchern, die voller Halbwahrheiten über Leute unserer Art stecken.“
„Ich kann mir denken, was du meinst“, sagte Cassandra und blickte zu ihrer fünf Jahre jüngeren Schwester Gina.
Eve und Tina begannen zu kichern. „Wieso, die Bücher sind doch toll!“, riefen sie einstimmig.
„Das war ja klar. Wundert mich überhaupt nicht, dass ihr die toll findet, wo es in den Büchern auch ein immer zu Streichen aufgelegtes Zwillingspaar gibt“, erwiderte Gina lachend.
„Hey, wie wär’s, wenn wir unsere Pferde gegen Besen eintauschen? Das ist doch viel standesgemäßer!“, kam es von Sascha.
„Kennst du eine Hexe, die sich mit einem Besen fortbewegt?“, fragte Sam.
„Nein“, antwortete Sascha etwas kleinlaut.
„Noch so ein albernes Klischee, was man sich über uns erzählt.“

Ein Auto kam angefahren und hielt bei der Wiese. Johanna stieg aus, gefolgt von Jana und Jill – und einem Mädchen, das den anderen unbekannt war. Das Mädchen trug Kleidung, die aus einem längst vergangenen Jahrhundert zu stammen schien.
Johanna war noch nicht weit gekommen, als Jake zu ihr stürzte und immer wieder „Bitte, bitte, bitte“, flehte, worauf Johanna ein energisches „Nein“ erwiderte. Diesmal schauten alle leicht verwirrt zu Johanna.
Genervt erklärte sie: „Das geht so schon eine ganze Weile. Jake will unbedingt Rosalie geliehen haben. Er gibt einfach keine Ruhe und will nicht verstehen, dass Eulen kein Spielzeug und schon gar keine Postboten sind.“
Als Jake die Blicke der anderen auf sich spürte, zog er sich enttäuscht zurück.
Nun endlich hatte Johanna Zeit, das fremde Mädchen vorzustellen. Ihr Name lautete Merle und sie war die neue Aushilfe, welche Johanna derzeit auf ihrem Hof anlernte.

Anschließend fanden sich alle zu einem Picknick in der Mitte der Wiese ein. Fröhlich erzählten sie sich dabei von ihren Erlebnissen in der letzten Zeit. Merles warmherzige Art ließ dabei den Eindruck erwecken, als gehörte sie schon ewig dazu.
Als Anna von ihren Abenteuern als „Lupina“ erzählte, entging ihr nicht, wie Jake sie mit leuchtenden Augen anblickte.
„Lasst mich raten: Harry Potter?“, fragte sie in die Runde.
Gina und die Zwillinge nickten.
Doch noch jemand lauschte gebannt Annas Worten: Sascha. „Ich würde das auch so gerne nochmal ausprobieren“, meinte sie plötzlich.
Anna sah sich um. „Ok, hier ist gerade niemand außer uns. Du kannst es gerne probieren.“
Das ließ sich Sascha nicht zweimal sagen. Sie sprang auf, schloss die Augen und begann, sich auf die Verwandlung zu konzentrieren. Doch dann brach sie ab und fragte: „Was ist mit Lupina?“
„Heute nicht, sorry“, erwiderte Anna.
Sascha schloss erneut die Augen und konzentrierte sich nun völlig auf das Vorhaben. Es dauerte einige Zeit, bevor sich die Verwandlung in Gang setzte. Nach und nach wuchs ihr ein helles graubraunes Fell und langsam nahm auch ihr Körper immer mehr die Gestalt eines Wolfes an. Da sie noch nicht so viel Übung hatte, dauerte es bei ihr noch länger als bei Anna und wirkte auch noch etwas ungelenk.

Die Wölfin blickte sich neugierig um, begann zu schnuppern und lief dann plötzlich zielstrebig von der Wiese zu einem benachbarten Grundstück.
„Mist, ich habe vergessen, dass das ein Schafzuchtbetrieb ist!“, rief Anna und lief hinter Sascha her. Noch im Lauf verwandelte sie sich.
Aufgeregt sprang die Wölfin am Zaun hoch. Ein merkwürdiges, lautes Knurren neben ihr ließ sie jedoch innehalten. Sie sah sich um - und blickte direkt in die Augen einer großen Katze. Die Wölfin sträubte ihr Fell, legte die Ohren an und fletschte die Zähne. Der Berglöwe fauchte und drängte den Wolf von dem Zaun weg. Mit einem Mal schüttelte die Wölfin den Kopf, erstarrte und sah die Katze fragend an. Dann schien sie zu begreifen und fing an zu tänzeln und den Berglöwen zum Spiel aufzufordern. Beinahe schien es, als würde dieser lächeln. Die Wölfin sprintete los, zuerst über einen Weg, dann quer über eine angrenzende Wiese, immer nach der Katze Ausschau haltend. Der Berglöwe jagte ihr in gestrecktem Galopp hinterher. Von Zeit zu Zeit hielt die Wölfin an, wartete, bis sich die Katze ihr bedrohlich näherte, um dann wieder loszulaufen. Hinter einem großen Baum hielt sie erneut an. Die Katze duckte sich, ihr Schwanz zuckte vor Aufregung. Langsam schlich sie mit geschmeidigen Bewegungen, nah an den Boden gedrückt, näher an den Baum heran. Dann sprang sie auf und stürzte zu der Stelle, wo die Wölfin sein musste. Wieder standen sich die Beiden von Angesicht zu Angesicht gegenüber. Die Wölfin senkte ihren Oberkörper, streckte ihr Hinterteil in die Höhe und forderte so den Berglöwen erneut zum Spiel auf. So ging das noch eine ganze Weile. Schließlich trotteten beide Seite an Seite zurück zu der kleinen Gruppe, die noch immer auf der anderen Wiese beisammen saß. Anna verwandelte sich bereits im Gehen zurück, Sascha musste dafür anhalten und sich merkbar auf die Rückverwandlung konzentrieren. Doch es ging bereits ein wenig zügiger voran.

„Na hoffentlich hat das keiner gesehen. Ein Puma und ein Wolf, hier, in dieser Gegend und dann noch friedlich vereint!“, kam es von Johanna.
„Keine Sorge, es war niemand in der Nähe“, versicherte Gina.
Sascha setzte sich zufrieden lächelnd wieder auf ihren Platz. „Das war einfach toll“, berichtete sie noch etwas außer Atem. „Das müssen wir unbedingt irgendwann nochmal machen.“
„Gerne. Du wirst wirklich immer besser. Du hast den Wolf relativ schnell unter Kontrolle bekommen. Ich sehe da gute Chancen bei der nächsten Prüfung“, antwortete Anna stolz.
Sascha lief leicht rot an. Bisher hatte sie eher selten Lob bekommen, da sie bis vor einiger Zeit noch ähnlich wie Jenny und die Zwillinge ihre magischen Kräfte lieber für Streiche genutzt hatte - zum Missfallen der älteren Hexen. „Ja, aber so wie du bekomme ich die Verwandlung noch nicht hin.“
„Ich habe ja auch gut zehn Jahre mehr Übung als du. Und glaub mir, es hat lange gedauert, bis ich es so hinbekommen habe“, erwiderte Anna mit einem Schmunzeln.

Bald schon drehten sich die Gespräche darum, was sie denn einmal gemeinsam unternehmen könnten, außerhalb des Circusses.
„Irgendwo einmal wieder über weite Wiesen und Felder galoppieren wäre super“, meinte Sascha.
„In der Wildnis campen wäre auch genial“, sagte Jenny.
„Wie wäre es mit Schweden?“, fragten Jill und Jana.
„Oder Frankreich“, kam es von Gina.
Eine Idee nach der anderen wurde in die Runde geworfen...
„Irland wäre auch nicht schlecht.“
„England oder Schottland!“
„Australien!“
„In die Berge!“
„Ans Meer und dort schön am Strand liegen.“
„Oder am Meer entlang galoppieren.“
Wie sollte man sich da einig werden? In einem Punkt allerdings fiel es ihnen leicht. Die Pferde sollten auf jeden Fall mit. Doch das erschwerte die Sache natürlich.
Etliche Vorschläge später fasste Jenny noch einmal alles zusammen: „Wo finden wir also einen Ort, wo wir ohne Ende reiten, im Wald campen, mit den Pferden durchs Meer galoppieren und nicht nur die Pferde, sondern auch die Hunde mitnehmen können? Und ganz wichtig: vielleicht auch einmal unsere Fähigkeiten nutzen können?“
„Dass dir das wichtig ist, war ja klar“, erwiderte Gina lachend. „Aber ich hätte da vielleicht eine Idee. Was haltet ihr davon, wenn wir dorthin reisen, wo wir letztes Jahr schon einmal waren?“
„Also nicht nur eine Reise an einen anderen Ort, sondern in eine andere, parallele Welt?“, fragte Cassandra. „Na ob wir dafür die Erlaubnis erhalten?“
„Darum kümmere ich mich“, antwortete Sam.
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