Remember me

GeschichteRomanze, Fantasy / P12
04.07.2019
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Remember me



Seit er bei seinem Meister gewesen war und Jona die Unterwelt verlassen hatte, hatte er nur selten Zeit gehabt nachzudenken. Und wenn doch, war er oft von einer unendlichen Traurigkeit umhüllt gewesen.
Erinnerungsfetzten jagten ihn, doch wenn er versuchte sie zu greifen, waren sie fort. Und er blieb zurück, verwirrt, allein und von einer Leere gequält, die sich in seiner Brust breit machte.

Früher hatte er sich irgendwann nicht mehr gefragt was dies zu bedeuten hatte. Früher war alles was er wollte seinem Meister dienen und seine Anerkennung erlangen. Doch nun war hier nichts. Er war mit seinen Gedanken allein.

Von Zeit zu Zeit kam einer der Wächter um zu überprüfen ob sie noch waren wo sie, sie zurückgelassen hatten. Doch je mehr Zeit ins Land zog umso seltener wurden auch ihre Besuche und seine Gedanken wanderten. Frei von Aufgaben, von Ablenkung, frei…



„Weißt du noch was glücklich sein bedeutet?“


Jonas Frage hallte immer öfter in seinem Kopf wieder, ließ ihn mit einem beklemmenden Gefühl in der Brust zurück.


„Weißt du es noch?“



Er konnte sich nur schwammig an seine Kindheit, vor seiner Zeit bei seinem Meister erinnern. Er erinnerte sich an die Wärme, Geborgenheit, das Gesicht seiner Tante. Er erinnerte sich an Jonas Lachen.

„Ich habe dich aus der Trave gezogen, sonst wärst du ertrunken.“



Er konnte sich noch an die Kälte erinnern, die ihn umgeben, seine Glieder gelähmt hatte. Die Dunkelheit, die Angst.
Angst.


„Erinnerst du dich?“


Die Bilder die vor seinem Auge auftauchten ließen ihn unbefriedigt zurück. Die Frage brannte weiter auf seinem Herzen. Ließ seine Gedanken rasen. Tief in ihm sagte ihm eine Stimme er würde etwas vergessen. Etwas so wichtiges, dass sich etwas in seiner Brust zusammenzog.

„Woran? Woran soll ich mich denn noch erinnern?“


Er versuchte sich zu konzentrieren. Tiefer in seine Gedanken vorzudringen. Versuchte sich zu erinnern, was sein Cousin gemeint haben könnte, vor all dieser Zeit…


————

„Matreus.“ Er würde die Stimme seines Cousin unter tausenden erkennen.

Jona der für ihn solange er denken konnte ein Bruder gewesen war, Jona der sich geweigert hatte, ohne ihn zu seinem Vater zu gehen.
Jona, der sich geweigert hatte dem Meister den Schwur zu leisten und ihnen den Rücken gekehrt hatte. Seinen Meister, ihn verraten hatte.

Es war schon ein paar Jahre her. Doch der Verrat brannte Matreus noch immer in der Brust.

„Matreus.“ Jonas Stimme klang flehend. „Bleib nicht bei ihm.“ Der junge Mann lachte freudlos auf. Die Menschen um sich herum nahm er kaum war. Er drehte sich mit einem Seufzen langsam um, betrachtete den Mann, den er einst Bruder genannt hatte. Er sah aus wie früher. Das gleiche dunkle Haar, das ihm in die Stirn hing. Doch dennoch schien sein Cousin völlig verändert. Nur noch ein Schatten, eine Erinnerung an den Mann, der er einst war.

Jona hatte dem Meister und ihm den Rücken gekehrt. Jona arbeitete gegen ihn. Er hatte sie verraten. Ihn verraten

"Matreus. Weißt du noch was Liebe ist?" Er sah ihn fragend an. Was war so besonders an dieser ‚Liebe‘, dass Jona glauben könnte ihn damit von seinem Weg abzubringen? Seit dem Tod seiner Tante hatte Zanrelot sich gut um ihn gekümmert. Seit Jona fort war, lehrte der Meister ihm Magie. Wieso sollte er etwas wie Liebe schätzen, wenn Macht ihm so viel mehr brachte.

"Liebe." Spie er also als Antwort hervor und trug ein angewidertes Gesicht zu Schau. "Ich werde Macht haben. Wieso sollte ich mich auf diese Art nach einem Weib sehnen?" Wieder lachte er bitter auf. Jona und Liebe. Jona und Amalie.

Die Hüterin des ewigen Feuers, war die Frau an der Seite seines Cousin. Sie war schön. Und auch er war ihr verfallen gewesen. Doch bald würde ihn solche Gefühle nicht mehr belasten. Bald wäre er von dieser Abscheulichkeit, die sich Liebe schimpfte befreit. Bald wäre er von dieser Schwäche befreit.

"Weißt du noch als wir Kinder waren? Ich habe dich aus der Trave gezogen, weil du sonst ertrunken wärst." Jonas Stimme war sanft und ruhig, als würde er versuchen ein aufgescheuchtes Tier zu beruhigen. Er machte einen Schritt auf ihn zu. Doch Matreus zeigte sich wenig beeindruckt. "Und?" Jona stand nun direkt vor ihm. "Ich habe dich gerettet, weil du wie ein Bruder für mich warst. Mein bester Freund." "Und für Liebe hast du mich verraten.“ Wieder spie er ihm das Wort mit angewidertem Gesicht förmlich vor die Füße. „Ohne Liebe, wärst du nicht mehr am Leben!“ Die Ruhe war aus seiner Stimme gewichen doch Matreus zuckte nur unbeeindruckt mit den Schultern, wusste er doch, dass er sich jeden Augenblick zurück in die Unterwelt drehen konnte. „Du schuldest mit etwas.“ Bevor Jona ihn mit seiner ausgestreckten Hand berühren konnte hatte er einen Schritt zurück gemacht und sich gedreht. Die Sonne wich der Dunkelheit seines Zuhauses.


Nie würde er es zugeben. Doch die Worte seines Cousin, hallten durch seinen Kopf, während er sich dabei ertappte wie er einen kurzen Moment, die Sonne auf seiner Haut vermisste.


~ ~ ~ ~ ~ ~
„Du schuldest mir etwas.“


Wieder hallten die Worte seines Cousin durch seinen Kopf.

Er befand sich in der Oberwelt. Hatte für seinen Meister in den letzten Tagen Erledigungen zu verrichten gehabt und nun erlaubte er sich länger als es nötig war an der Oberfläche zu sein. Hatte sich erlaubt die letzten Stahlen der Sonne zu genießen, die langsam von der Nacht geschluckt wurden.

Es herrschte Unruhe in Lübeck. Und dieses Mal ohne sein zu tun.

Vor wenigen Tagen war ein reicher Kaufmann auf rätselhafte weise um sein Leben gekommen. Die Menschen beschuldigten Magie für seinen plötzlichen Tod.

Während er an der Trave entlang schritt hörte er laute Stimmen. „Nein! Bitte nicht.“ „Kleine Hexe.“  Neugierig sah er auf. Zwei Männer hatten eine junge Frau an den Armen gefasst, zogen sie mit sich. Sie hatte blaue Flecken, ihre Lippe blutete und sie flehte und weinte während sie mit den Männern sprach. „Eigentlich sollten wir dich der Inquisition übergeben. Aber…“ Der Mann der gesprochen hatte zog ein Seil hervor, gab seinem Begleiter ein Zeichen, der dem Mädchen die Hände zusammen zog. Sie wehrte sich. Doch das Seil war schnell um ihre Handgelenke gewickelt.    „Wir können das auch schneller lösen.“ Sein Begleiter schob sie Lachend weiter, während sie versuchte aus seinem Griff frei zu kommen. „Nein. Bitte nicht. Nein!“ Er beugte sich zu ihr herab flüsterte ihr etwas ins Ohr, nickte dann seinem Freund zu und dieser gab ihr einen Stoß.

„Du schuldest mir etwas.“


Die junge Frau war schnell untergegangen. Und die Männer blieben noch ein paar Augenblicke bevor sie den Schauplatz ihrer Missetat verließen. Niemand hatte sie gesehen. Nur er.

„Du schuldest mir etwas.“

Noch während er seinen Umhang abstriff, fragte er sich was in ihn gefahren war. Und schon als er ihr hinterher sprang wusste er, dass er es bereuen würde.

Die Frau schnappte nach Luft. Hustete und spie einen Schwall Wasser aus, ließ sich auf ihren Rücken zurück fallen und schnappte weiter gierig nach Luft. Matreus betrachtete sie wie sie desorientiert ihre Umgebung aufnahm. Sie hatte ein hübsches rundes Gesicht. Auch wenn ihre Nase etwas zu sehr in die Luft ragte. Ihr Haar klebte ihr dunkel an der blassen Haut und ihr Kleid klebte an ihrem Körper.

Bevor er glaubte, dass sie ihn von seinem Versteck aus gesehen haben könnte, drehte er sich zurück in die Unterwelt.


~ ~ ~ ~ ~ ~



Als er sich am nächsten Tag in der Oberwelt bewegte tat er es wieder im Auftrag seines Meisters. Er sollte aus dem Haus des verstorbenen Kaufmannes ein Buch für ihn in die Unterwelt bringen.

Er verschmolz geübt mit den Schatten, verweilte hinter einer Hauswand nahe eines Fensters zu dem Haus.

„Seine eigene Tochter?“ Hörte er die Stimme einer Frau entsetzt aufschreien. „Die Tochter des Metzgers hat es mir erzählt.“ Versicherte die Stimme einer anderen. „Aber wir sollen uns nicht ängstigen. Ihr Bruder und der Sohn des Wundarztes haben sich um die Hexe gekümmert.“

Er kam nicht umhin, seine Gedanken dabei zu ertappen, wie sie an das Mädchen dachten, welches er aus der Trave gezogen hatte.


Im Haus musste er eine, für ihn äußerst missliche Feststellung machen. Jemand war ihm zuvorgekommen. Das Buch fehlte. Der Zorn seines Meisters würde ihn in voller Härte treffen.




~ ~ ~ ~ ~ ~

Um einer erneuten Strafe zu entgehen, vermied Matreus es so lange er konnte zu Zanrelot zurück zukehren.

Er lief über den Markt und auch wenn er es sich selbst nie eigestanden hätte, so genoss er doch die Frühlings Sonne auf seiner Haut, das bunte Treiben um ihn herum, das Leben.

Als er aus dem Augenwinkel einen der Wächter sah, schlüpfte er in eine der dunklen, feuchten Seitengassen um ungesehen in die Unterwelt zurückkehren zu können. Doch er sollte an diesem Vorhaben gehindert werden. In der hintersten dunklen Ecke kauerte jemand und als die Gestalt ihn entdeckt hatte, versuchte sie sich kleiner zu machen und hob abwehrend die Arme. Das Mädchen.

Mit dem Weg zurück auf den Marktplatz, durch den Wächter versperrt und der Weg in die Unterwelt, durch die Anwesenheit der jungen Frau verwehrt, starrte er auf die zitternde Gestalt vor ihm.
Sie schien noch das selbe Kleid zu tragen wie am Vortag, es war Stellenweise noch feucht, was ihm die dunklen Stellen verrieten. Neben ihr lag eine Tasche, sonst hatte sie nichts bei sich.
Er konnte nicht sagen ob sie vor Kälte oder vor Angst vor ihm zitterte.


„Du schuldest mir etwas.“


In diesem Moment verspürte er einen fürchterlichen Zorn auf seinen Cousin. Ohne ihn wäre er nicht in dieser misslichen Lage. Ohne Jonas Worte hätte er sie ertrinken lassen und er müsste nicht fürchten jeden Moment von dem Wächter entdeckt zu werden. Er müsste nicht fürchten den Zorn seines Meisters noch mehr anzufachen…
„Du…“ Mit hochgezogener Augenbraue blickte er auf das Mädchen vor sich, diese hatte die Arme sinken lassen und stattdessen um ihre Mitte geschlungen, sie versuchte wohl sich irgendwie warm zu halten während sie ihn ansah. „Du hast mich gerettet.“ Sie wurde von einem Husten unterbrochen und er kam nicht umhin den Zorn in seiner Brust wachsen zu spüren. Jona sollte jetzt an seiner Stelle sein und…
Seine Gedanken stolperten, er hörte Stimmen, die immer näher an die Gasse kamen, in der er sich befand. Er schluckte kurz. Er konnte die Stimmen unter dem Stimmengewirr gleich zwei Wächtern zu ordnen.

Er musste einen Weg finden, doch es gab nur den Weg zurück und dann würde er erkannt werden…
In diesem Moment kam ihm die rettende Idee. Er ging in die Knie, und sah dem Mädchen ins Gesicht. Mit einer für ihn ungewöhnlich sanften Stimme begann er zu sprechen:
„Wie heißt du?“ langsam hob sie ihren Blick und ihre haselnussbraune Augen suchten seinen Blick. „Victoria“ Matreus gab sich Mühe, dass sein Lächeln ehrlich wirkte. „Ich möchte dir helfen Victoria. Sie suchen dich nicht wahr?“ Er merkte wie sie sich noch etwas kleiner zumachen schien. Sie hustete wieder, senkte den Blick. Als sie ihn wieder hob nickte sie zögerlich. „Ich kann dir helfen. Dich zu jemandem bringen bei dem du sicher bist. Aber dafür musst du tun was ich dir sage, ja?“ Wieder nickte sie zögerlich. „Kannst du gehen?“ Victoria biss sich auf ihre Unterlippe, die wieder zu bluten begann und schüttelte den Kopf. Der junge Mann musste ein seufzen unterdrücken. „Ich werde dich jetzt hochheben Victoria und während ich dich trage, musst du dich an mir festhalten, die Leute müssen glauben ich würde dich kennen.“ Victoria nickte wieder und ließ sich protestlos von ihm auf seine Arme heben, nicht ohne vorher ihre Tasche genommen zu haben. Auch sie schien zu wissen, dass sie nicht erkannt werden würden, wenn man dachte sie wären ein besorgter Mann, der seine kranke Frau zu jemandem tragen musste der ihr helfen konnte.


So kalt Victorias Körper sich in seinen Armen auch anfühlte, ihre Stirn, die sie gegen seine Brust gelehnt hatte, fühlte sich seltsam warm an. Und während er mit ihr auf dem Arm an den Wächtern vorbei lief musterte er sie deswegen.

Jona würde schon noch sehen, was er sich durch seine eigenen Worte beschert hatte.


Er hatte die junge Frau abgesetzt und klopfte energisch gegen die Tür, bis diese tatsächlich von Jona geöffnet wurde, welcher ihn verblüfft ansah „Matreus…“ „Damit sind wir quitt.“ Mit diesen Worten nickte er in die Richtung des Mädchens, welches inzwischen in sich zusammengesunken war und noch ehe Jona eine weitere Frage stellen konnte war sein Cousin bereits verschwunden.




~ ~ ~ ~ ~ ~


Der Zorn seines Meisters war enorm gewesen. Matreus hatte die Sonne tagelang nicht mehr gesehen. Auch von der Unterweisung in die Magie hatte sein Meister abgesehen. Seine Bestrafung hatte zunächst im Abstauben und Polieren jeder einzelnen Fiole in der Seelenhalle seines Meisters bestanden. Er hasste die Seelenhalle. Er hasste das Jammern und Flehen, dass ihn dort Tag ein Tag aus umgab.

Um so mehr war er froh darüber, dass er dieses Mal den Auftrag seines Meisters erfüllen konnte. Auch wenn er sich dabei ertappt hatte den Plan seines Meisters in diesem Fall sehr kritisch zu hinterfragen..

„Ich mache mir Gedanken um Vivi. Sie ist noch sehr schwach.“ Matreus lugte hinter einer der Mauern hervor. Amalie und Jona hatten ihm den Rücken zugedreht und betrachteten eine Gestalt die etwas weiterentfernt am Brunnen stand und einen Eimer hinunterließ. „Wenigstens ist ihr Fieber verschwunden.“ Als Matreus die Gestalt genauer betrachtete erkannte er Victoria.

Es ging ihr also gut.




~ ~ ~ ~ ~ ~


Vivi war immer noch sehr dünn als er sie das nächste Mal sah. In seinem Umhang hatte er den von den Wächtern gestohlenen Schlüssel verborgen.Er hätte direkt zu seinem Meister zurückkehren sollen, doch er hatte sich dabei ertappt, wie es ihn zu Jonas und Amalies aktuellem Zuhause gezogen hatte.

Vivi hatte die Tür geöffnet und er verbarg sich hinter dem Mauerwerk vor dem Lichtkegel. Als er wieder hervor lugte lief das Mädchen wieder in Richtung des Brunnen doch hielt plötzlich inne. „Ich weiß, dass du da bist.“ Sie drehte sich um und sah direkt in seine Richtung. „Matreus?“ Sie machte einige Schritte auf ihn zu, bis sie vor ihm stand und ihre Hand nach ihm ausstreckte. Er wich einen Schritt zurück und sie ließ ihre Hand wieder sinken, sah zu ihm auf und schenkte ihm ein warmes und ehrliches Lächeln. „Ich bin dir zu großem Dank verpflichtet.“ Im dämmerigen Licht der letzten Sonnenstrahlen nahm Matreus sich zum ersten Mal einen Moment sie genau anzusehen. Sie erschien ihm dünner als sie es gewesen war als er sie hergebracht hatte. Doch sie war nicht mehr so blass. Ein rosiger Schimmer zierte die Wangen ihres runden Gesichts und ihre braunen wilden Locken wurden von Spangen aus der Stirn gehalten. Ihre Lippen waren nicht so voll wie Amalies. Sie waren schmaler, heller und zu einem ehrlichen Lächeln, nur für ihn geformt.

„Ich danke dir von ganzem Herzen Matreus.“ Er nickte nur und wandte sich zu gehen, ließ die junge Frau allein zurück.

Erst als er sich wieder in der Unterwelt befand erkannte er, dass sich auch auf seine Lippen ein Lächeln gestohlen hatte.



~ ~ ~ ~ ~ ~

Matreus hatte sich in den nächsten Tagen eingeredet, dass es keine Bedeutung hatte, wenn er bei seinen Aufträgen länger in der Oberwelt blieb und Vivi beobachtete. Schließlich sollte man wissen wo sich einer seiner Schuldner befand.
Er hatte sich jedes Mal wenn er sie betrachtete eingeredet, sie würde ihn nicht bemerken, doch er wusste tief in sich, dass sie es tat. Doch dennoch trat er nie aus den Schatten. Bis zum Maifest.

Sein Meister hatte ihn gesandt um ein Auge auf die Wächter zuhaben, denn diese schienen einen Weg gefunden zuhaben seinem Meister in der Unterwelt gefährlich zu werden.

Mit sicherem Abstand folgte er ihnen, darauf bedacht nicht von ihnen entdeckt zu werden. Einer von ihnen lungerte am Rand der Tanzenden und er blieb in etwas Abstand zu ihm stehen, musterte sein Profil, fragte sich was sie nur vorhatten… „Matreus.“ Er wandte sich in die Richtung aus der die Stimme gekommen war. „Victoria“ Vivi schenkte ihm wieder ein warmes Lächeln, was das Muttermal über ihrer Oberlippe zum tanzen brachte. Sie hatte ihre Haare in einem Zopf gebändigt, in welchen sie ein blaues Band eingeflochten hatte. Nur einige Strähne, lockten sich widerspenstig um ihre Stirn. Er beugte sich leicht zu ihr. „Hast du keine Angst erkannt zu werden Liebes?“ Sein Lächeln hatte etwas süffisantes während er sprach, doch die brünette schüttelte den Kopf, musterte ihn eindringlich. Ehe sie ihm mit seltsam ruhiger Stimme antwortete: „Nein… Jetzt nicht mehr.“ Er hob eine Augenbraue, unschlüssig was sie damit meinte. Vivi hob erneut zum sprechen an, als sie angerempelt wurde und gegen seine Brust fiel. „Oh.“ Drang aus ihren Lippen und Matreus kam nicht umhin festzustellen, dass sie länger so verweilte als sie gemusst hätte und das es ihm nicht so unangenehm war, wie er es sich erhofft hätte
„Ich…“ Doch ehe sie den Satz vollenden konnte, drehte er sich um und folgte dem Wächter, der sich in Bewegung gesetzt hatte.


~ ~ ~ ~ ~ ~

In der darauf folgenden Nacht hatte er das erste mal von ihr geträumt. Es war der erste Traum gewesen, den er seit langem in der Unterwelt gehabt hatte. Im ersten Moment war er so verwirrt gewesen, dass er nicht wusste was real und was Traum gewesen war.

Er hatte sich auf sein Nachtlager zurückfallen lassen und an die dunkle Decke gestarrt. Sich gefragt weshalb er von diesem Mädchen geträumt hatte. Sie gefragt weshalb er an ihr Lächeln, ihre Stimme, ihren Auft denken musste.Kräuter, Lavendel und… Vivi

In Gedanken schallte er sich für diesen törichten Traum. Er würde seinen Meister stolz machen! Er würde die dunklen Künste erlernen, würde Macht haben, bei seinem Meister sein, wenn dieser endlich siegreich sein würde… Macht

Er würde nicht mehr brauchen.

Und doch, seine Lippen kribbelten, als wäre der Traum nicht nur ein törichter Schatten seines Geistes, sondern Wirklichkeit gewesen.


~ ~ ~ ~ ~ ~

Als er das Mädchen das nächste Mal sah während sie mit einem Korb aus dem Wald zurückkehrte, war er nicht er selbst. Zumindest würde er es sich später einreden.

Zwar hatte er die Wächter davon abhalten können die Seelenhalle seines Meisters zu zerstören, doch etwas war schief gelaufen.

Schon länger experimentierten die Wächter mit magischen Kristallen um ihre Kräfte zu verstärken. Dies war für ihn nichts neues gewesen, dass sie es jedoch schaffen würden seinen
Zauber, um ein vielfaches verstärkt, auf ihn zurück zu werfen…

Er gab einen schmerzerfüllten Laut von sich und presste seine Hand auf die Seite, an der er getroffen worden war. Er hatte sich nicht in die Unterwelt zurück drehen können. Er war schutzlos in der Oberwelt festgesetzt und konnte nichts tun außer warten. Warten, dass die Wirkung des Zaubers nachließ…

Die nächste Welle von Schmerz raubte ihm die Luft aus den Lungen. Und ließ dunkle Punkte in seinem Blickfeld tanzen und dann wurde es schwarz.

„Matreus!“

Weißt du noch was Liebe ist?




Als er in erwachte, fühlte er sich noch wie benebelt. Der Raum war klein und schien zu schwanken und an seiner Seite saß jemand tupfte seine Stirn mit einem Tuch ab. Summte, leise und beruhigende Melodien. Und da war wieder dieser Geruch von Kräutern, Lavendel und…
„Matreus?“ Die Stimme war sanft. Sie schien bemerkt zu haben, dass er nicht mehr schlief. „Was ist mit dir passiert?“ Ihre Stimme klang belegt und plötzlich so weit entfernt. Er wusste nicht ob er wieder in der Dunkelheit versunken war, doch als seine Sicht wieder klarer wurde, strich ihm jemand vorsichtig sein Haar aus der Stirn. Er versuchte zu sprechen, doch brachte er nur einen kratzigen Laut hervor.

Die junge Frau setzte ihm einen Becher an die Lippen, die Flüssigkeit war bitter und er musste sich darauf konzentrieren sich nicht zu verschlucken. „Matreus…“ Das Haar der jungen Frau fiel ihr in ungebändigten braunen Locken über die Schulter, als sie sich wieder über ihn beugte. Die Haselnussaugen musterten ihn eindringlich. „Graue Flecken inmitten von warmen Braun… Sterne in der Nacht“ dachte er bei dem Anblick.

„Weist du wer ich bin?“ In ihrer Stimme schwang etwas mit, etwas was er schon lange nicht mehr an sich gerichtet gehört hatte. Sorge. Sorge um ihn…

Weißt du noch was Liebe ist?



Er stütze sich mit einem Arm ab, die rechte Hand streckte er nach ihr aus, sie wich nicht vor ihm zurück.
Seine Finger legten sich an ihre Wange. Er spürte die weiche Haut, die Reste feuchter Spuren, die er nicht zuordnen konnte und ehe er oder sie wirklich wussten was geschehen war, wurde aus
einem törichter Schatten seines Geistes Wirklichkeit.


——————
„Weißt du noch was glücklich sein bedeutet?“




Ja. In diesem Moment, völlig allein in seinem Gefängnis wusste er es.
Er erinnerte sich an heimliche Treffen, allein in dem kleinen Haus in dem Vivi Unterschlupf gefunden hatte. Er erinnerte sich an gestohlene Küsse. Wie es sich angefühlt hatte wenn sich seine Finger mit ihren verschränkten. Der Klang ihres Lachens, ihre Stimme wenn sie seinen Namen sagte, ihn leise flüsterte, nur für ihr hörbar. Ihre weiche Haut an seiner, ihr Haar, dass ihn kitzelte, wenn sie ihn eng an sich gezogen hatte.
..
Gestohlene Momente von Glück.


——————-


„Du wirst dich entscheiden müssen.“ Er wusste dass Jona recht hatte und er hasste ihn dafür. „Sie wird es herausfinden. Sie ist klug.“ Auch bei dieser Aussage hatte sein Cousin recht.

"Ich würde gerne studieren." Hatte Vivi ihm einmal anvertraut. Doch auch wenn sie klug genug dazu gewesen war, war sie doch eine Frau. Und diese Welt würde es ihr nie erlauben.


„Glaubst du sie würde bei dir bleiben wenn sie es wüsste? Wenn sie wüsste wer dein Meister ist?“ Er spürte seine Nägel, wie sie sich in seine Handflächen gruben. „Glaubst du Zanrelot würde sie in frieden lassen wenn er von ihr wüsste? Glaubst du wirklich, dass…“ Doch da war er schon verschwunden.




~ ~ ~ ~ ~ ~

Jona sollte recht behalten.

Es war bereits spät, die Sonne war untergegangen und nur der Mond erhellte die Straße vor ihm. Er hatte seinen Auftrag ausgeführt. Seinem Meister Bericht erstattet und wie jedes Mal hatte er sich Zairelot gegenüber schuldig gefühlt. Doch auch, dass der Tag an dem er der Liebe endgültig abschwören sollte, immer näher rückte bereitete ihm Sorgen. Wusste er doch, dass er es wohl nicht mehr konnte. Doch was sollte dann aus ihm werden? Was würde aus Vivi werden wenn sie bei ihm blieb.

Als er die Tür hinter sich schloss, war etwas anders als sonst.

Der Raum war durch Kerzenschein erhellt, Kräuter hingen zum Trocknen von der Decke und Vivi saß an dem kleinen Tisch mit dem Rücken zu ihm.

Nichts davon war ungewöhnlich. Das Mädchen saß oft bis spät über Bücher und Texte gebeugt.

"Wenn mir schon das Studium verwehrt bleibt… Ich möchte irgendetwas tun Matreus verstehst du?" Sie hatte den Kopf zu ihm gedreht und ihn schon fast verlegen angeblickt. "Du wärst also gerne Heilkundig?" Sie hatte gelächelt und genickt. Und er hatte sie auf die Stirn geküsst, während die Sterne über ihnen schimmerten.


Doch nun… Vivis Schultern zuckten unkontrolliert und als er näher trat konnte er sie schluchzen hören. Es versetzte ihm einen Stich. „Victoria“
Sie drehte sich rückartig zu ihm. Ihre Augen waren rot, Tränen bahnten sich weiter ihren Weg. „Sag mir, dass es nicht wahr ist.“ brachte sie hervor ehe sie die Hand vor ihren Mund presste um ein weiteres Schluchzen zu unterdrücken.
Er ging vor ihr auf die Knie um ihr ins Gesicht sehen zu können. „Was soll nicht wahr sein? Sag es mir.“ Er steckte die Hand aus, wollte ihre Tränen fort wischen, doch zum ersten mal wich sie vor ihm zurück und gab den Blick auf den Tisch frei.
Matreus hatte ihr nie viele Fragen über die Bücher gestellt in der sie ihre Nase vergraben hatte.  Er hatte immer angenommen sie las darin über Heilkräuter. Er hatte sie nie gefragt wie sie es geschafft hatte eine eigene Bleibe zu finden. Er war davon ausgegangen, dass Jona oder Verwandte ihr geholfen hatten. Auch hatte er es nie hinterfragt, wieso sie noch so oft mit Jona sprach, er hatte angenommen es war weil sie außer ihm und seinem Cousin eigentlich hier niemanden mehr hatte.

Er hatte nie gefragt, damit auch sie nicht fragen würde. Sie hatte es versucht, doch er hatte nie wirklich geantwortet.

Sie hatte es akzeptiert. Ihm von ihrer Familie erzählt, dem Tod ihres Vaters, ihrer Mutter. Wovon sie träumte, was sie sich von diesem Leben erhoffte… Er dachte das würde reichen.

Aber er hätte sie fragen sollen. Denn das Buch, welches vor ihr aufgeschlagen lag und auf dessen Inhalt er nun einen Blick werfen konnte ließ sein Herz einen Schlag aussetzten und er spürte wie sich ein Kloß in seiner Kehle bildete.

„Die Dunkelheit lichtet sich. Zanrelot paktierte mit dem Schwarzen Abt um Rache zu nehmen an dem Herzog von Braunschweig. Doch das Mordkomplott schlug fehl und ein Fluch verdammte ihn in die Unterwelt. Gemeinsam mit seinem Helfershelfer Matreus kämpft er seitdem um die Herrschaft der Hansestadt, die Lübeck heißt…“


„Woher hast du das?“ Seine Stimme klang als würde sie gar nicht zu ihm gehören. Sie war laut, rau und kratzig. „Ist es wahr?“ Er schwieg, starrte auf die Seite als hätte diese ihn hypnotisiert.

„Matreus“ Sie steckte ihre Hand nach ihm aus und sein Blick schnellte zu ihrem Tränen nassen Gesicht. „Bitte… Ich liebe dich… bitte… Sag mir dass das nicht wahr ist. Dass du… dass du nicht…“

Grob schüttelte er ihre Hand ab. „Du hast keine Ahnung mit was du dich eingelassen hast!“ Er war aufgesprungen und blickte sie von oben herab an während er sie anschrie.

Ihr schmerzerfüllter Blick verriet ihm, was sie für Schlüsse aus seiner Antwort gezogen hatte. Wie weh er ihr getan hatte. Die Tränen rannen ihr wieder über die Wangen und er konnte nur schwer dem Drang widerstehen sie fort zu wischen, stattdessen verschwand er in die Nacht. Wut und Reue schienen ihn beide in verschiedene Richtungen ziehen zu wollen. Doch er glaubte für einen Moment die richtige Entscheidung getroffen zu haben.
Sie hatte ihn verraten und mit den Wächtern paktiert, ihm alles vorgespielt.

Während er sich dies in Gedanken immer wieder selbst vorgesagt hatte, versuchte er zu ignorieren wie weh es ihm tat zugehen.

~ ~ ~ ~ ~ ~

Es hatte unglaublich weh getan zu gehen. Es hatte auch weiterhin weh getan als er versuchte sie von weitem im Auge zu behalten. Während ihn Fragen quälten auf sie er keine Antwort wusste.

Er wusste, dass er eine Entscheidung treffen musste.

Konnte er wirklich weiterhin bei seinem Meister bleiben, wenn dies bedeutete sich nie wieder so fühlen zu dürfen wie er es getan hatte?

Konnte er wirklich für diese Frau alles aufgeben? Hatte sie ihn verraten?

Weißt du noch was Liebe ist?



~ ~ ~ ~ ~ ~


Selbst als er durch die Gassen lief, war es ihm immer noch unbegreiflich, dass sein Meister ihn einfach hatte gehen lassen. Auch wenn Zanrelot  ihm versichert hatte, dass er zurückkehren würde doch…

Matreus atmete die kühle Abendluft ein und hob zögerlich sie Hand um an die Tür zu klopfen. Er hatte sie so lange nicht mehr gesehen, mit ihr gesprochen. Wollte sie ihn überhaupt noch bei sich? Gehörte ihr Herz überhaupt noch ihm, nachdem er gegangen war?

Nie hätte er es sich anmerken lassen, doch diese Fragen hallten in seinem Kopf unaufhörlich wieder und verunsicherten ihn zutiefst.

Die Augen der Frau weiteten sich als sie ihn sah. „Matreus“ Unbeweglich stand sie in der Tür und starrte ihn an. Nicht sicher was das zu bedeuten hatte, warum er hier war… Ihre Unterlippe zitterte leicht, doch aus ihrem Mund kam kein Laut. Fast hätte ihn das entmutigt, doch sie schloss die Tür nicht, starrte ihn weiter an, als könnte sie in seinen Augen lesen. Sie verlagerte ihr Gewicht, kam ihm kaum merklich näher.

Auf die Lippen des jungen Mannes legte sich ein selbstgefälliges Lächeln, als er diese kleine Regung sah, ehe er sich vorbeugte und seine Lippen ihre trafen.  
Als er sich wieder aufrichtete öffnete Vivi langsam wieder ihre Augen, suchte erneut seinen Blick. „Guten Abend Victoria.“
Erst rollte eine Träne über ihre Wange, dann hoben sich ihre Mundwinkel und der Leberfleck über ihrer Oberlippe begann wieder zu tanzen. Und ehe er sich versah hatte sie ihre Arme um seinen Hals geworfen, zog ihn eng an sich, als wollte sie ihn nie wieder loslassen.
„Nicht so stürmisch Liebes.“ Flüsterte er und erntete dafür eine Mischung aus einem kleinen Lachen und einem kurzen Schniefen direkt an seinem Ohr.

Matreus vergrub sein Gesicht in ihren Locken, atmete ihren Duft ein, schlang seine Arme fester um ihre Mitte, nur bereit den Abstand zwischen ihnen zu vergrößern, um ihr zu erlauben ihn zu küssen.

————

„Weißt du noch was glücklich sein bedeutet?“


————

Als er aufwachte, lag Vivi eng an ihn geschmiegt, ihr Kopf ruhte auf seiner Brust und ihr rechter Arm lag auf seinem Bauch. Fast schon als wollte sie ihn festhalten, verhindern, dass er verschwand. Er musste bei diesem Anblick schmunzeln und strich ihr durch die braunen Locken. „Guten Morgen meine Schöne.“ Mein. Mit jedem Mal, dass er dieses Wort dachte, spürte er ein Gefühl der Zufriedenheit in seiner Brust. Ja diese Frau war sein. Nur sein.
Vivi hob ihren Kopf und sah ihn noch immer müde an. "Guten Morgen." Kam es leise von ihr. Wieder trug Matreus sein selbstzufriedenes Lächeln zur Schau, hauchte ihr einen kurzen Kuss auf den Scheitel, wand sich geschickt aus den Laken heraus und stand auf.

Der Blick der jungen Frau hing an ihm während er sich sein Hemd überzog. "Gehst du?" Hörte er sie leise und  mit einem Hauch von Traurigkeit fragen und drehte sich zu ihr. Sie hatte sich aufgesetzt und die Decke um sich geschlungen um der kühlen Morgenluft noch etwas zu entgehen. Ein zu schöner Anblick und wieder legte sich ein Lächeln auf seine Lippen. "Ja." Er streifte sich den Umhang über, bevor er wieder an das Bett trat und sich auf die Kante setzte um seine Stiefel besser überstreifen zu können.

Die junge Frau war näher an ihn herangerückt, hatte von hinten die Arme um ihn geschlungen und ihr Gesicht an seinem Rücken vergraben.

Es fiel ihm schwer, doch er löste ihre Arme von sich und wandte sich zu ihr um ihr besser in die Augen sehen zu können. "Aber ich komme wieder." Mit diesen Worten stand er auf und Vivi nickte. "Ich liebe dich."

Und Matreus reagierte wie so oft auf diese Worte aus dem Mund der jungen Frau. Zunächst schlich sich sein selbstzufriedenes Lächeln auf seine Lippen, ehe er sich hinunter beugte und er ihr einen sanften Kuss auf die Lippen und dann auf die Stirn hauchte.

"Ich werde heute Abend zurück sein" versprach er noch ehe er die Tür hinter sich schloss.

~ ~ ~ ~ ~ ~




Er hielt sein Versprechen. Doch als er die Tür hinter sich geschlossen hatte, war er allein.

Er wartete lange, bis die Sonne beinah untergegangen war. Doch Vivi kam nicht und er wurde unruhig.

Sorge legte sich beklemmend um seine Brust.

Er war ihrem üblichen Weg in den Wald gefolgt. Dort war sie oft. Um Kräuter zu sammeln oder nur um allein zu sein. Oft hatte sie dann eine große Tasche zusätzlich zu ihrem Korb bei sich. Er hatte einmal ein Buch darin gesehen und ging davon aus, dass sie es brauchte wenn sie ein seltenes Kraut identifizieren wollte.

Er wusste nicht wieso, doch mit jedem Schritt, den er in die Schatten der Bäume hinein machte, wurde er unruhiger und das Gefühl, dass etwas nicht stimmte ergriff mehr und mehr Besitz von ihm, ließ etwas in seiner Brust enger werden.
Er beschleunigte seine Schritte, rief ihren Namen, doch außer Stille kam kein Geräusch zurück. Und jeder Moment dieser ohrenbetäubenden Stille, war schlimmer als alles andere.


Das erste was er entdeckte war ihr Korb. Er lag auf der Seite, der Inhalt über den Boden der Lichtung verteilt. Sie hatte ihn nicht freiwillig so zurück gelassen. Und er wusste tief in sich, dass seine schlimmsten Befürchtungen wahr werden sollten, noch bevor sein Blick den Rest der Lichtung erfasst hatte.
Als sein Blick das Mädchen fand vergaß er für einen Moment zu atmen, wie man sich bewegte, wie man irgendetwas tat. Er war wie versteinert, fühlte das Blut aus seinem Gesicht weichen, spürte wie sich etwas noch schmerzhafter in ihm zusammen zog, bis endlich Regung in ihn kam. "Vivi!"

Sie lag unter der alten Eiche, die Tasche ein, zwei Meter von ihr entfernt, wie ein dunkles Stück Tuch auf dem Boden.

Als er sie fast erreicht hatte schien sie reden zu wollen, doch alles was aus ihren Lippen drang war ein kaum wahrnehmbares gurgelndes Geräusch und der Arm den sie versucht hatte anzuheben, fiel schwer neben ihren Körper.

"Vivi"

Er kniete sich neben sie. Strich ihr vorsichtig über die Wange, versuchte ihr die Angst zu nehmen. "Ich bin hier"

Der Stoff ihres blauen Kleides war an mehreren Stellen dunkel verfärbt, doch vor allem der Fleck auf ihrem Bauch erschien größer als die andern, dunkler… schwarz. Blut war in ihren Mund gedrungen und in dunklen Linien an der hellen Haut herab gelaufen. Vorsichtig hob er sie an. Sie musste weg von hier. Irgendwohin wo man ihr helfen konnte. Irgendwo.

Erst als er sie an seine Brust zog, und versuchte weiter beruhigend auf sie einzureden, merkte er, dass keinerlei Regung von ihr kam. Vorsichtig legte er sie wieder ab. War er zu hektisch gewesen? Sein Blick glitt panisch über sie, versuchte festzustellen was geschehen war, warum sie nicht mehr reagierte.

Ihre Augen hatten sich geschlossen. "Victoria!" Erstversuchte er sie zu wecken indem er ihre Wange tätschelte. "Du darfst nicht einschlafen!" Doch sie rührte sich nicht. Egal wie oft er ihren Namen sagte, egal was er tat, sie blieb regungslos liegen. Er drang nicht zu ihr durch. "Sie mich an!" Flehte er und führ mit dem Daumen über ihre Wange. "Bitte"
Erst jetzt sah er auf seine Hände. Sie waren beschmiert mit Blut. Ihrem Blut. Es hatte das Moos unter ihr getränkt.
"Nein!" Er wiederholte das Wort wie ein Mantra, als würde es wahr werden wenn er es nur oft genug wiederholte.

Er wusste nicht wann er das letzte Mal geweint hatte, doch hier auf der Lichtung im Wald, mit dem leblosen Körper der jungen Frau im Arm, bemerkte er kaum wie es geschah. Alles tat weh.
Er strich mit der einen Hand über ihre Wange, während er ihren Körper mit der anderen an sich presste. "Geh nicht. Ich liebe dich." Doch Vivi blieb stumm und tot in seinem Arm.

Er vergrub sein Gesicht an ihrem Hals und schrie. Schrie seine Wut, seine Verzweiflung und Trauer in die Nacht hinaus.

Er bereute, dass er es ihr nicht gesagt hatte und nun würde sie es nie erfahren. Während er sie hielt, sie wiegte, weinte und schrie, fühlte er sich machtlos wie noch nie zuvor in seinem Leben.

Das runde Stück Metall in seiner Tasche schien sich in seine Haut zu brennen und ihn noch schmerzhafter daran zu erinnern, dass sie allein gestorben war ohne, dass er ihr je wirklich gesagt hatte was er für sie empfand.

Dass er sie nicht hatte retten können.
Dass sie fort war, sie war fort und die Wärme die sie in sein Herz gebracht hatte mit ihr.



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„Weißt du noch was glücklich sein bedeutet?“


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Er wusste nicht wie lange er sie gehalten und gefleht hatte. Stunden? Tage? Hundert Jahre?
Alles was er wusste, war, dass er mit ihrem Blut beschmiert vor seinem Meister auf dem Boden kniete. Dass er immer noch unkontrolliert zwischen Schreien und Tränen wechselte.

Alles war zu viel. Alles war sinnlos geworden, völlig ohne Bedeutung, kalt. Kälter als es je gewesen war.
Sie war fort und er würde sie nie wieder sehen. Sie war allein gewesen. Völlig allein. Man hatte sie ihm entrissen…

„Matreus“ die Stimme seines Meisters war seltsam sanft. Wie benebelt nahm er war, wie Zanrelot ihm eine Hand auf die Schulter gelegt hatte. Eine Geste nach der er sich einst mehr gesehnt hatte als alles andere, doch nun bedeutete ihm nicht einmal sie etwas.

„Ich kann den Schmerz verschwinden lassen. Dich vergessen lassen. Du musst nur darum bitten.“

„Ich flehe euch an Meister, helft mir!“

~ ~ ~ ~ ~ ~

„Matreus!“ Wie jeden Tag eilte er auf das Rufen seines Meisters hin in die Zentrale.

Erst vor wenigen Tagen hatte er der Liebe endgültig abgeschworen. Ihm war unbegreiflich, was Jona an ihr so wichtig gefunden hatte. Es war wie er es seinem Cousin gesagt hatte. Er würde sich nie nach einem Weib auf diese Art verzehren. Dafür würde er Macht haben! Wahre Macht an der Seite des Meisters.
Zanrelot war äußerst zufrieden gewesen, als er seinen Eid geschworen hatte, der ihn nun für immer an seinen Meister binden sollte.

„Ihr habt mich gerufen Meister.“  Zanrelot hatte bis vor kurzem in einem Buch gelesen, dass er zuschlug als er die Zentrale betrat. „Matreus. Ich habe eine Aufgabe für dich.“


Als Matreus den Wächtern wie so oft in den Schatten folgte und sich hinter einer Mauer verbarg als sie die Jüngste sich nach ihm umdrehte, stieg ihm der Geruch von getrocknetem Lavendel in die Nase. Und für einen Moment war er von einer unendlichen Traurigkeit ergriffen, die ebenso schnell verschwand wie sie gekommen war.


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„Weißt du noch was glücklich sein bedeutet?“


„Graue Flecken inmitten von warmen Braun… Sterne in der Nacht“

Doch kaum, dass der letzte Fetzen seiner Erinnerungen vor seinem inneren Auge verschwunden war, so war Vivi wieder tot und kalt und er…

fühlte sich als jagten Erinnerungsfetzten ihn, doch wenn er versuchte sie zu greifen, waren sie fort. Und er blieb zurück, verwirrt, allein und von einer Leere gequält, die sich in seiner Brust breit machte.  Als hätte er etwas wichtiges vergessen, doch er konnte sich nicht erinnern was es gewesen sein sollte.


„Weißt du es noch?“




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Die Tür zum Laden öffnete sich und ließ das vertraute klingen der Glocke über der Tür erschallen.
Schritte die sich ihm näherten. Die Wächter schienen sich wohl vergewissern zu wollen, dass sie noch waren, wo sie sie zurück gelassen hatten.

Für einen kurzen Moment war ihm als würde er einen Geruch wahrnehmen. Von Kräutern, Lavendel…

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„Weißt du noch was glücklich sein bedeutet?“


„Weißt du es noch?“


















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Hallo ihr lieben,


ich hoffe die Geschichte hat euch gefallen. ^^

Das Konzept für diesen one shot hatte ich schon sehr lange im Kopf und wollte ihn nun mit euch teilen
:)
Ob es eventuell eine Fortsetzung geben wird möchte ich mir im Moment noch offen halten.



Lange Rede kurzer Sinn:

Ich würde mich über Kritik jeder Art freuen und hoffe ihr hattet Spaß beim lesen! :)




Lg :)
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