Front Doors

von Worsewo
KurzgeschichteRomanze / P12 Slash
Lay / Zhang Yixing Xiumin / Kim Min-seok
04.07.2019
13.08.2019
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„Ich glaube, mein Nachbar hasst mich", sagt Yixing am nächsten Morgen niedergeschlagen zu Chanyeol. „Er hasst mich wirklich..."

„Ach, Yixing", meint Chanyeol gut gelaunt. „Niemand könnte dich je hassen. Du bist viel zu lieb."

Traurig schaut Yixing auf seine Kaffeetasse hinab. Er weiß ja selbst nicht, warum er so furchtbar verletzt ist. Minseok ist schließlich nur sein Nachbar. - Und potentiell ein Genie, das die faszinierenden Geschichten entwirft, die er auf der Arbeit durchgeht. Yixing stößt einen langen Seufzer aus. Was hat er nur falsch gemacht?

„Er ist einfach weggelaufen... Was habe ich ihm getan?", murmelt Yixing.

„Vielleicht hatte er einen schlechten Tag oder...", hilfesuchend fuchtelt Chanyeol mit den Händen in der Luft herum, scheint jedoch nicht die passenden Worte zu finden. Dass nicht mal Chanyeol eine überzeugende Ausrede findet, macht Yixing nur noch niedergeschlagener.

„Vielleicht", wiederholt er wenig überzeugt.



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Am Abend sitzt Yixing mit Kim Minseoks Comic in seiner kleinen Küche und blättert mit schwerem Herzen das Heft durch. Er mag die Geschichte wirklich sehr. Sie ist vielleicht ein wenig klischeehaft, zumal sie von zwei sehr unterschiedlichen Personen handelt, die sich verlieben, wie so viele andere Liebesgeschichten auch, aber trotzdem... Yixing fühlt so sehr mit dem jungen Busfahrer, dem es jedes Mal die Sprache verschlägt, wenn die Schauspielerin abends nach ihren Auftritten einsteigt; das Gesicht noch immer schwer vom Bühnen-Make-Up.

Er vergisst vollkommen die Zeit, während er immer und immer wieder durch das Heft blättert. Als er den Blick hebt und auf sein Handy schaut, merkt er erst, dass es schon 23 Uhr ist. Er will sich gerade von seinem Stuhl erheben, als er ein leises Klopfen vernimmt. Verwundert zieht er die Augenbrauen zusammen und lauscht angestrengt. Doch da ist nichts.

„Ich habe es mir sicherlich nur eingebildet", murmelt er leise vor sich hin, schließlich hat seine Wohnung eine Klingel, die jeder normale Mensch auch betätigen würde.

Doch gerade als er die Küche verlässt, klopft es wieder.

„Na schön", sagt Yixing und nähert sich der Eingangstür. Neugierig schaut er durch den Späher und entdeckt blaue Haare und ein blasses, müdes Gesicht. Minseok. Sofort beschleunigt sich sein Puls, doch er zwingt sich trotz Nervosität aufzuschließen.

Minseoks Augen weiten sich erstaunt, als sich die Tür öffnet.

„Ich... I-ich dachte, du würdest schon schlafen", sagt er und macht einen Schritt zurück.

„Warum klopfst du dann?", fragt Yixing verwirrt.

„Oh, Ich... A-also... Es ist so...", stammelt Minseok, nur um letztendlich frustriert mit dem Kopf zu schütteln. „Ich wollte mich entschuldigen. Ich wollte nicht so harsch sein letztens, es... Es war nur einfach zu viel." Er zupft nervös an den Ärmeln seines Shirts.

„Du bist Xiumin, oder?", fragt Yixing langsam. „Und... du willst nicht erkannt werden? Oder was habe ich falsch gemacht?"

Minseok schüttelt energisch mit dem Kopf.

„Du hast nichts falsch gemacht, es ist nur so...", er holt tief Luft. „Ich bin einfach lieber für mich. Ich spreche nicht gerne mit fremden Leuten, es... Es erschöpft mich. Und gestern, mein Comic, deine Arbeit... Ich höre mich sicherlich an wie ein Arschloch, aber ich dachte, dass du jetzt ständig bei mir klingeln wirst. Dass du erwartest, dass wir Freunde sind..."

Auf der einen Seite ist Yixing erleichtert, endlich eine Erklärung zu bekommen, auf der anderen Seite fühlt er sich durch Minseoks Worte nicht gerade besser. Vielmehr fühlt es sich an, als wäre er die größte Nervensäge überhaupt, denn irgendwie möchte er doch mit Minseok befreundet sein. Es kostet Anstrengung, seinen Nachbar anzulächeln.

„Ach so. Okay", sagt er. „Dann... Dann klingle ich jetzt nicht mehr und...", er überlegt. „Und was kann ich noch tun?"

„Oh, äh... Das... das ist schon okay", bestätigt Minseok. „Danke..."

„Gut...", murmelt Yixing.

„Okay, dann... Gehe ich zurück", Minseok deutet auf seine eigene Wohnungstür.

„Okay."

„Gute Nacht."

„Gute Nacht", erwidert Yixing, als ihm plötzlich noch etwas Wichtiges einfällt. „Minseok?"

„Ja?"

„Dein Comic... Dein Comic ist echt gut. Ich... Ich liebe ihn. Wirklich. Ich werde mein Bestes bei der chinesischen Übersetzung geben", sagt Yixing und triumphiert innerlich, als sich ein zögerliches Lächeln auf Minseoks Gesicht ausbreitet.

„Danke", sagt der blauhaarige Junge leise, ehe er in seiner dunklen Wohnung verschwindet.



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Irgendwie beschäftigt die ganze Sache Yixing mehr als sie sollte. Immer wenn er an Minseoks Tür vorbeikommt, kann er nicht anders, als ein paar Sekunden stehen zu bleiben und sie sehnsüchtig anzustarren. Doch so sehr Minseoks Worte ihn auch beschäftigen, so ist sein Gesicht doch irgendwie präsenter in Yixings Gedanken. Seine großen, braunen Augen, seine runden Wangen und seine rosa Lippen. Yixings Herzschlag erreicht schließlich die Höchstgeschwindigkeit, wenn er dann noch daran denkt, dass sein Nachbar die wunderschöne Geschichte ausgetüftelt hat, die mittlerweile auf seinem Nachttisch neben seinem Bett liegt.

Er ist nicht selten versucht, bei dem anderen Mann zu klingeln, doch er hält sich jedes Mal zurück. Er will nicht, dass Minseok sich unwohl fühlt.

Ein paar Mal begegnen sie sich im Treppenhaus, doch sie grüßen einander nur und gehen dann ihrer Wege. Aber zumindest scheint Minseoks Lächeln jetzt ehrlicher als die vorigen Male, und fällt nicht gleich wieder, wenn er sich abwendet.

Aber das ist nicht genug für Yixing.



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„Xingggg", quengelt Baekhyun und stützt sein Kinn auf Yixings Schulter. „Warum bist du so still? Es macht keinen Spaß, wenn du so still bist."

„Tut mir Leid", erwidert Yixing und schaut seufzend auf Minseoks neuesten Comic. Diesmal handelt die Geschichte von einem Mädchen, das mit ihren Pflanzen spricht, weil sie sonst niemanden zum Reden hat. Die Handlung ist traurig und endet nach einigem auf und ab wieder so, wie sie angefangen hat: Das Mädchen sitzt an einem verregneten Abend vor ihren Pflanzen und träumt davon, in irgendeinem Nachtclub mit ihren imaginären Freunden zu tanzen.

„Die Story ist traurig, nicht wahr?", meint Baekhyun. „Bist du deswegen so still?"

„Vielleicht."

„Jetzt sag schon!"

„Mein Nachbar..."

„Kim Minseok?"

„Hm."

„Was ist mit ihm?"

„Er will mich nicht kennenlernen."

„Echt? Er hat wohl keinen Geschmack", sagt Baekhyun abfällig.

„Was meinst du?"

„Na, du bist ein ziemlicher Hingucker, Xing. Wenn du dir halb so viele Gedanken über mich machen würdest, würde ich nicht lange zögern mit dem Heiratsantrag."

Yixing spürt, wie seine Wangen warm werden und beschließt, den Kommentar zu ignorieren, schließlich ist Baekhyun theoretisch sein Vorgesetzter.

„Vielleicht interessiert er sich ja gar nicht für Männer..."

„Du hast dich also wirklich in Kim Minseok verliebt?", fragt Baekhyun neugierig und rutscht mit dem Kinn noch etwas näher an Yixings Gesicht. „Berichte mir alle Details."

„Er will mich einfach nicht näher kennenlernen", sagt Yixing knapp, denn er weiß nicht, ob Minseok sich hintergangen fühlen würde, würde er all das wiederholen, was er ihm in jener Nacht gesagt hat.

„Hm... Dann hast du zwei Möglichkeiten. Entweder du vergisst ihn oder du gehst in die Offensive", meint Baekhyun.

„In die Offensive?"

„Sei aggressiver", erklärt Baekhyun und hebt bedeutungsvoll einen Zeigefinger. „Zieh weit ausgeschnittene, enge T-Shirts in seiner Nähe an. Halte Augenkontakt mit ihm. Mach deutlich, dass er alles ist, was du willst."

Yixing verzieht das Gesicht.

„Das hört sich nach keiner guten Idee an, Baekhyun", sagt er. „Ich glaube, damit würde ich ihn nur noch mehr verschrecken."

„Pff. Ist er eine heilige Jungfrau, die sich für die Ehe aufhebt und bis sie den Richtigen gefunden hat, jeglichen Kontakt zu Männern meidet, oder was?", grummelt Baekhyun.

„Ich weiß nicht...", seufzt Yixing und schaut auf die Uhr. „Wir sollten weitermachen. Sonst werden wir nicht mehr fertig."

„Na schön. Aber setz dich wenigstens ein wenig gerader hin, sonst werde ich auch ganz niedergeschlagen", sagt Baekhyun, ehe er sich an die Arbeit macht.



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Eine Woche später klopft es nachts wieder an Yixings Tür. Und wieder einmal ist es Minseok, der nervös im Flur von einem Bein auf das andere tritt. Seine blauen Haare sind mittlerweile eher ins Grünliche ausgeblichen.

„Hey, kann ich dir helfen?", fragt Yixing freundlich.

„Ja... Äh, nein, ich... Ich wollte mich nur bedanken."

Yixing runzelt verwirrt die Stirn.

„Wofür?"

„Dafür, dass dir meine Comics so gut gefallen", antwortet Minseok leise.

„Oh, dafür musst du dich nicht bedanken! Ich sollte mich eher bei dir bedanken!", widerspricht ihm Yixing hartnäckig.

„Es... Das ist nett von dir", murmelt Minseok.

„Oh, kein Problem", sagt Yixing verlegen.

„Also... Ähm...", Minseok macht eine hilflose Handbewegung. „Ich schaue gerade einen Film. Ich... Ich habe etwas aufgeräumt. Wollen wir ihn zusammen schauen?"

Überrascht öffnet Yixing den Mund. Minseok will mit ihm Zeit verbringen? Ist das ein Scherz? Oder ein Traum? Oder... doch Realität? Yixing braucht eine Weile, um zu antworten.

„O-okay", stottert er völlig überrumpelt, woraufhin Minseok nervös lächelt.

Und so sitzt er wenige Minuten später neben dem anderen Mann auf einer etwas zu weichen Couch in einem etwas zu spärlich beleuchteten Wohnzimmer. Trotzdem könnte Yixing nicht glücklicher sein, hier neben der Person zu sitzen, die seit so vielen Wochen das Zentrum seiner Gedanken bildet.

Der Film, den sie schauen, ist irgendein Anime, dessen Handlung sehr langsam voranschreitet und Yixing schläfrig macht. Angestrengt versucht er, seine Augen offen zu halten, doch letztendlich verliert er den Kampf und sein Kopf landet auf Minseoks Schulter.



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„... weißt du... Ich bin einfach lieber für mich. Manchmal ist es sehr einsam und ich möchte wirklich rausgehen und neue Leute treffen. Aber ich kann einfach keine Freundschaften halten. Es kostet mich schon Energie, online mit Leuten zu schreiben. Die Vorstellung, dass sie eine Antwort erwarten, raubt mir einfach Kraft. Ich weiß, dass das egoistisch ist, aber so bin ich einfach. Ich meine es nicht böse..."

Träge öffnet Yixing die Augen, nur um den flimmernden Bildschirm des Fernsehers zu erblicken, auf dem gerade der Abspann läuft.

„Aber wenn ich höre, wie gut dir meine Comics gefallen, dann... Dann macht mich das wirklich glücklich. Es ist, als würde jemand verstehen, was für eine Person ich bin. Mich bewundern, obwohl ich es eigentlich nicht verdient habe. Ich... Ich habe das Gefühl, ich muss dir nichts beweisen... Wenn das Sinn ergibt..."

„Du musst niemandem was beweisen", murmelt Yixing müde, woraufhin Minseok prompt verstummt.

„O-oh... D-du bist wach", stottert er.

„Hm...", Yixing kann sich nicht dazu überwinden, den Kopf von Minseoks warmer Schulter zu heben.

Eine ganze Weile ist es still zwischen ihnen und Yixing zwingt sich beharrlich, nicht wieder einzuschlafen.

„Weißt du? Ich habe versucht, nicht auf dich einzugehen", sagt Minseok irgendwann. „Ich... Ich fand dich interessant, aber ich hatte Angst, enttäuscht zu werden. Ich dachte, ich blocke dich einfach ab, damit du mich in Ruhe lässt und niemand von uns wird zu stark verletzt. Aber dann hat dieser eine Typ von deiner Firma, Baekhyun, angefangen, mir E-Mails zu schreiben, wie sehr du mich magst und all das..."

Baekyhun...?", fragt Yixing erstaunt.

„Du wusstest nichts davon, oder?"

Yixing schüttelt mit dem Kopf, so gut das eben geht, wenn man halb auf der Schulter einer anderen Person liegt. Er fragt sich, was Baekhyun alles geschrieben hat. Wobei, wenn er genauer darüber nachdenkt, will er es gar nicht wissen. Baekhyun ist unberechenbar.

„Ich hoffe, er hat mich nicht wie einen Vollidioten dastehen lassen", murmelt er.

„Nein, er... Er war sehr fordernd, aber er hat nichts Schlechtes über dich geschrieben. Er war vielmehr... überaus positiv."

Yixing gluckst belustigt.

„Jedenfalls... Haben seine E-Mails es unmöglich für mich gemacht, dich zu vergessen. Ich kann ja auch schlecht Mails von der Arbeit als Spam markieren", fährt Minseok fort. „Und – auf das Risiko, dass ich dich schnell langweilen werde – wollte ich dir sagen, dass ich versuchen möchte, dich kennenzulernen. Wenn du magst."

Nun richtet Yixing sich doch auf, um dem Anderen in die Augen schauen zu können. Es ist zwar recht düster, doch er kann trotzdem grob Minseoks Gesichtszüge ausmachen. Das Ganze wirkt noch immer so surreal auf Yixing, dass er ein paar Mal blinzeln muss, um sicherzugehen, dass er sich die Szene nicht einbildet.

„Das würde ich wirklich gerne, dich kennenlernen", sagt er langsam. „Und du wirst mich ganz sicher nicht langweilen."

„Sag das nicht zu früh", erwidert Minseok, doch Yixing kann ein Lächeln auf seinem Gesicht ausmachen.

„Sei nicht so pessimistisch", kichert Yixing und schaut den Anderen eine ganze Weile selig lächelnd an. „Kann ich auf deiner Schulter weiterschlafen...? Ich bin echt müde", sagt er irgendwann.

„O-okay", stottert Minseok und rutscht nervös auf der Stelle herum.

Zufrieden bettet Yixing also wieder seinen Kopf auf seine Schulter und schließt die Augen.

„Sollen wir einen anderen Film schauen...?", fragt Minseok unbeholfen.

„Mmmh", macht Yixing nur schwach, der schon halb im Land der Träume ist, und drückt seine Nase in das nach Waschpulver riechende Oberteil des kleineren Mannes.  



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(Baekhyun klammert sich breit lächelnd an Yixings Arm, als sie die Straße überqueren. Yixing versucht ihn abzuschütteln, doch sein Vorgesetzter verstärkt seinen Griff nur noch mehr und blinzelt ihn unschuldig dabei an. Vielleicht war es doch keine gute Idee, ihn zum Dank für die E-Mails an Minseok auf einen Kaffee einzuladen...

"Lass es nicht so aussehen, als würde ich Minseok betrügen", murmelt Yixing nervös, während er die Tür zu dem Café aufdrückt.

"Betrügen? Ihr seid also schon ein Paar?", fragt Baekhyun mit hochgezogenen Augenbrauen. "Dabei habt ihr euch doch erst vor drei Tagen ausgesprochen..."

"Hey, Yixing!", unterbricht ihn Chanyeols tiefe Stimme. Die hochgewachsene Bedienung kommt mit großen Schritten auf sie zu. Yixing bemerkt, dass er seinen bunt gestreiften Pullover falschherum trägt, aber er beschließt, nichts zu sagen. "Und du bist...?"

Sowohl Chanyeol als auch Yixing blicken Baekhyun erwartungsvoll an. Dieser löst langsam seinen Griff um Yixings Arm, zupft seine Jacke zurecht und richtet sich auf. Yixing runzelt die Stirn, nicht sicher, was das Ganze soll...

"Byun Baekhyun, 26 Jahre alt und single", grinst Baekhyun zwinkernd und tätschelt betont freundschaftlich Yixings Schulter.

Chanyeol klappt der Mund auf und irgendwie ist Yixing froh, dass er gerade kein Tablett beladen mit Tassen und Tellern in der Hand hält. - Das hätte diese Situation nämlich nicht überlebt.)
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