Front Doors

von Worsewo
KurzgeschichteRomanze / P12 Slash
Lay / Zhang Yixing Xiumin / Kim Min-seok
04.07.2019
13.08.2019
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Yixing steht bestimmt schon seit fünfzehn Minuten vor der Tür seines Nachbarn. Alle paar Sekunden hebt er die Hand an die kleine Klingel unter dem Namensschild, nur um sie dann wieder sinken zu lassen.

Er weiß selbst nicht genau, warum es ihm solche Schwierigkeiten bereitet, bei Kim Minseok zu läuten. Eigentlich ist er keine schüchterne Person, aber Minseok ist irgendwie eine Herausforderung. Krampfhaft hat Yixing letzte Woche versucht, ein Gespräch mit dem kleineren Mann anzufangen, doch er war dabei auf Granit gestoßen. Minseok hat nur müde gelächelt und als sie sich schließlich verabschiedet hatten, fühlte Yixing sich, als hätte er die Zeit seines Nachbarn verschwendet. Die eigenartig düstere Wohnung hat auch nicht gerade dazu beigetragen, dass er sich sonderlich wohl gefühlt hat.

Yixing ist vor einer Woche von China nach Südkorea gezogen, da ihm ein Freund einen guten Job hier vermittelt hat. Yixing hat in der Schule ein paar Jahre lang Koreanisch gelernt und auch wenn er noch immer einen recht starken Akzent hat, können die meisten Koreaner ihn gut verstehen, deswegen war es für ihn keine übermäßig große Herausforderung. Vielleicht zählt Minseok aber einfach nicht zu den meisten Koreanern und hat nicht den blassesten Schimmer, was er sagt...

Yixing schüttelt mit dem Kopf. Es bringt nichts, sich noch länger den Kopf zu zerbrechen.

Letztendlich gibt er sich einen Ruck und drückt auf die so harmlos aussehende Klingel, die ihm zugleich so sehr Bauchschmerzen bereitet. Es dauert eine Weile bis Schritte von drinnen zu vernehmen sind und die Tür aufgeschlossen wird. Und dann steht auch schon Kim Minseok in Jogginghose und schwarzweiß gestreiftem T-Shirt vor ihm, die blauen Haare wild durcheinander.

„Hallo", grüßt er Yixing kurz angebunden und hebt fragend die Augenbrauen.

„Hey...", macht Yixing. „Ähm...", sein Blick wandert in das Dunkel hinter Minseok. Er meint, weiter hinten einen Fernseher flimmern zu sehen.

„Was gibt's?", fragt Minseok, als er nicht weiterspricht.

„Oh... äh. Bei mir wurde ein Paket für dich abgegeben", sagt Yixing hastig und deutet auf seine eigene Wohnungstür, die gegenüber liegt. „Ich... Ich hole es am besten; ich wusste nicht, ob du da bist."

„Du kannst es später holen", sagt Minseok, ehe Yixing sich umdrehen kann.

„A-ah, du hast gerade keine Zeit, was?", stottert Yixing. „Ja, dann komme ich nachher wieder."

Minseok nickt daraufhin.

„Vielleicht um 18 Uhr", sagt er.

„Okay, gut", erwidert Yixing und schiebt seine Hände in seine Hosentaschen. „Bis später dann?"

„Bis dann", sagt Minseok mit einem knappen Lächeln, ehe er die Tür wieder schließt und einen verwirrten Yixing zurücklässt.



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So steht Yixing also um 18 Uhr wieder vor Minseoks Tür, diesmal mit dem Paket unterm Arm. Es ist ziemlich schwer, aber was genau sich darin befindet, kann Yixing sich nicht vorstellen.

Es dauert wieder ein wenig bis Minseok die Tür öffnet. Er ist immer noch in Jogginghose, sein Apartment ist immer noch düster und seine Haare immer noch zerzaust. Yixing versteht nicht recht, warum er ihn am Mittag weggeschickt hat, wo es doch so scheint, als hätte Minseok die Wohnung in der Zwischenzeit nicht verlassen.

„Hier ist das Paket", sagt er etwas angespannt, da Minseok ihn wortlos ansieht; zwar nicht unfreundlich, aber seine stille Art verunsichert Yixing. Vielleicht will der Mann nicht mit ihm sprechen, weil er annimmt, dass sein chinesischer Nachbar ohnehin nicht versteht, was er sagt.

„Danke", sagt Minseok höflich und nimmt das Paket entgegen. „Dann... Einen schönen Abend noch", er blickt Yixing kurz in die Augen, bevor er sich umdreht und die Tür zumacht.

„Kein Problem", murmelt Yixing zu der geschlossenen Tür.

Minseok ist ihm noch immer ein Rätsel.



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„Ist mein Koreanisch schlechter geworden?", fragt er am nächsten Tag Chanyeol, die Bedienung in einem Café nicht weit von seiner Wohnung entfernt, in dem er morgens immer seinen Kaffee trinkt. Der Junge ist groß und ziemlich tollpatschig, doch bis jetzt hat er es geschafft, trotz zahlreicher zerdepperter Teller nicht gefeuert zu werden. Wahrscheinlich hat sein Chef ihn einfach ins Herz geschlossen.

„Hey, mach dir nicht so viele Gedanken, Yixing", meint Chanyeol gutherzig. „Dein Koreanisch ist viel flüssiger geworden in der letzten Zeit."

„Und du sagst das nicht nur, weil du dich an meinen Akzent gewöhnt hast?", hakt Yixing misstrauisch nach.

„Nein, natürlich nicht", lacht Chanyeol und klopft ihm etwas zu kräftig auf die Schulter. „Aber warum fragst du? Gab es ein Problem?"

Yixing schüttelt langsam mit dem Kopf.

„Nicht wirklich, es ist nur... Mein Nachbar spricht einfach nicht, wenn ich ihn sehe", sagt er und tippt mit dem Zeigefinger gegen seine Kaffeetasse. „Vielleicht denkt er, ich verstehe ihn nicht."

„Einige Leute reden einfach nicht gern", meint Chanyeol schulterzuckend. „Er meint es bestimmt nicht böse."

„Aber er ist mein Nachbar", sagt Yixing nachdenklich. „Wäre es nicht gut, wenn wir uns besser verstehen? Dann könnte ich ihn fragen, wenn ich Probleme mit meiner Wohnung habe... Oder ich könnte auf seine Pflanzen aufpassen, wenn er mal nicht da ist..."

Chanyeol lacht etwas zu lauf auf, sodass sich einige Gäste pikiert nach ihm umdrehen.

„Wir beide ticken echt gleich, oder? Du kannst die Leute auch nicht in Ruhe lassen", sagt er.

„Du meinst, ich nerve ihn?", fragt Yixing erschrocken.

„Nein, dafür bist du viel zu höflich. Mach dir keine Gedanken. Es liegt sicherlich nicht an dir", versichert ihm Chanyeol. „Du, ich muss jetzt auch weiterarbeiten. War nett, mit dir geplaudert zu haben."

„Danke für deine Hilfe", lächelt Yixing, ehe er sich grübelnd wieder seinem halbleeren Kaffee widmet. Irgendwie kann er einfach nicht aufhören, darüber zu brüten, warum Minseok ständig so kurz angebunden ist. Ist Yixing wirklich so furchtbar?



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Nachdem er seinen morgendlichen Kaffee getrunken hat, macht er sich auf den Weg zu seiner neuen Arbeit. Er ist bei einer kleinen Firma angestellt, die sich um den Vertrieb von Comics kümmert. Yixing soll nach einer einmonatigen Einweisung für die Kooperation mit dem chinesischen Markt zuständig sein, weshalb er momentan von einem Kollegen beaufsichtigt wird. Besagter Kollege heißt Baekhyun und ist nicht im Ansatz so streng wie Yixing sich ihn vorgestellt hat. Um ehrlich zu sein ist Baekhyun praktisch das Gegenteil von streng.

Zu Beginn hat er Yixing immer noch geschockt mit ironischen Sprüchen wie: „Da müssen wir dich wohl feuern und nach China zurückschicken!", aber bald hat Yixing verstanden, dass der braunhaarige Junge nur Scherze machte.

Als Yixing an diesem Tag sein Büro betritt, rollt Baekhyun gerade mit seinem Drehstuhl quer durch den Raum.

„Schlechte Nachrichten...", beginnt er, ohne sich die Mühe zu machen, Yixing vorher zu begrüßen. „Wir haben eine Lieferung von einem neuen Comic bekommen und müssen sie auf Mäkel durchschauen. Du musst vor allem darauf achten, ob irgendwelche kritischen Themen behandelt werden, die die chinesische Regierung tendenziell verbieten würde, okay? Mach einfach nach Bauchgefühl, das sollte reichen."

„Okay, verstanden", erwidert Yixing eilig und deutet eine Verbeugung an.

„Hör auf, so ein überhöflicher Freak zu sein", lacht Baekhyun, ehe er zu seinem Schreibtisch rollt und einen Stapel Hefte in die Hand nimmt. „Es gibt drei Versionen des Comics. Die müssen wir durchschauen. Komm, setz dich zu mir."

Rasch zieht Yixing einen Stuhl zu Baekhyuns Schreibtisch und setzt sich neben den kleineren Mann.

„Wer ist der Autor?", fragt er und beäugt interessiert das Cover, auf dem nichts weiter als eine Denkblase zu sehen ist gefüllt mit koreanischen Buchstaben.

Baekhyuns schlanker Finger tippt auf den unteren Rand des Titelblatts, wo der Name geschrieben steht.

„Kim Minseok. Er arbeitet seit ein paar Monaten mit uns zusammen", sagt er.

Yixing öffnet erstaunt den Mund. Er kann nicht anders, als eine Weile mit großen Augen das Cover zu betrachten.

„Hey. Warum bist du plötzlich so still?", fragt Baekhyun und stupst ihm in die Seite.

„Ist... Kim Minseok ein sehr üblicher Name?"

„Nicht super unüblich", meint Baekhyun schulterzuckend. „Wieso, kennst du einen?"

„Mein Nachbar..."

„Hm... Fast all unsere Comic-Zeichner bevorzugen es, für sich zu bleiben, deswegen haben wir keine Fotos. Ich habe Kim Minseok auch noch nie gesehen. Er wirft die Comics immer in unseren Briefkasten."

„Ah, verstehe...", meint Yixing und nickt, den Blick noch immer auf das Cover gerichtet.

„Wie auch immer, lass uns anfangen. Wir müssen bis 15 Uhr ungefähr fertig sein", sagt Baekhyun und klappt das Comic auf, um den Inhalt durchzugehen.

Yixing schaut sich interessiert die Zeichnungen an. Der Stil des Zeichners ist verhältnismäßig fein, die Farben satt, aber nicht zu kraftvoll. Es passt zu der Handlung, die die Liebesgeschichte zwischen einem Busfahrer und einer Schauspielerin erzählt.

Sonst schauen sie oft Comics durch, die in die Richtung Action gehen, aber diese Geschichte ist anders...

„Sie gefällt mir bis jetzt von allen am besten", murmelt Yixing lächelnd, nachdem Baekhyun die vierte Seite mit ihm durchgegangen ist und streicht fasziniert über die dunklen Linien.

"Ich hoffe, du hast keine fettigen Finger. Sonst verpetze ich dich beim Chef", kommentiert Baekhyun mit tadelndem Blick. Yixing zieht hastig seine Hand weg, obwohl er eben noch die Hände gewaschen hat.



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Er begegnet Minseok noch am selben Abend auf dem Flur. Yixing öffnet den Mund, um seinen Nachbarn zu grüßen, doch irgendwie will kein Wort über seine Lippen kommen. Er muss an den Comic zurückdenken, den er mit Baekhyun durchgegangen ist, und der ihn so sehr berührt hat...

Was wenn Minseok sich das alles ausgedacht hat? Was wenn er der Autor ist?

„Hey", sagt Minseok knapp, als Yixing wie festgefroren auf der Stelle stehen bleibt. Dann wendet er sich auch schon ab und geht die Treppe hinunter.

„Hallo", erwidert Yixing verspätet. – Und realisiert erst, als er seine Wohnungstür aufschließt, dass er Chinesisch gesprochen hat.



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Über die nächsten Wochen bekommen sie noch zwei weitere Lieferungen von Kim Minseok. Yixing stürzt sich vor lauter Begeisterung jedes Mal auf die Arbeit, während Baekhyun weniger begeistert kritische Ausdrücke oder unverständliche Passagen rot markiert.

„Die erste Version ist jetzt bereit für den Vertrieb", sagt Baekhyun eines Abends und zieht ein buntes Comicheft aus seiner Schublade. Das Cover ist jetzt nicht mehr nur noch eine einfache Denkblase, sondern der Protagonist der Geschichte, der sehnsüchtig in den Rückspiegel des Busses schaut. Und unten auf der Seite steht nicht mehr 'Kim Minseok', sondern...

„Xiumin?", liest Yixing verwundert die chinesischen Schriftzeichen.

„Oh, ja... Das ist Minseoks Künstlername. Die meisten Comiczeichner bleiben lieber unerkannt. Deswegen wird die offizielle Ausgabe unter diesem Namen verkauft."

„Kann Minseok Chinesisch?", fragt Yixing interessiert.

„Wohl eher nicht... Sonst würden wir dich nicht brauchen für die Übersetzung", grinst Baekhyun und reicht Yixing das Heft, der es ehrfürchtig entgegen nimmt. „Keine Ahnung wie er auf den Namen gekommen ist."

Yixing nickt und blättert neugierig durch die fertige Druckversion. Die Seiten sind dicker und robuster, und die Farben kommen viel besser zur Geltung.

„Das habe ich für dich gezockt. Du kannst es behalten", meint Baekhyun und zwinkert ihm verschwörerisch zu.

„Wirklich?", staunt Yixing. „Danke Baekhyun", er deutet eine kleine Verbeugung an, wofür er einen Klaps auf den Kopf bekommt.



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Das Comicheft eng an die Brust gepresst macht Yixing sich später auf den Heimweg. Er schließt gerade seine Wohnungstür auf, als er hinter sich das Klimpern von Schlüsseln hört. Überrascht dreht er sich um, nur um Minseok zu erblicken, der mit einer großen Supermarkt-Tüte die Treppe hinaufsteigt.

„Oh, hey", lächelt Minseok kurz und wendet sich ab. - Nur um sich dann gleich wieder langsam umzudrehen.

„Hi", sagt Yixing, verunsichert von Minseoks eigenartiger Reaktion.

Sein Nachbar kneift die Augen zusammen, den Blick auf Yixings Brust gerichtet.

„Du...", beginnt er, spricht jedoch nicht weiter.

„Ich...?", sagt Yixing verwirrt.

Minseok beißt sich auf die Unterlippe. Es dauert eine Weile bis er wieder das Wort ergreift.

„Was ist das für ein Heft?", fragt er schließlich.

Überrascht schaut Yixing an sich hinunter. Er hat völlig vergessen, dass er das Comicheft noch immer in den Händen hält.

„V-von der Arbeit", erklärt er und merkt vor lauter Aufregung gar nicht, dass er Minseoks Frage nicht richtig beantwortet. Er weiß selbst nicht recht, warum, doch plötzlich beginnt sein Herz ganz wild in seiner Brust zu klopfen. Unbehaglich verstärkt er den Griff um das Heft.

„Das ist...", setzt Minseok an, scheint es sich jedoch auf halbem Wege anders zu überlegen und dreht sich hastig um. Yixing braucht eine Weile, um zu verstehen, was gerade passiert ist.

„Minseok, warte", sagt er schnell, als der blauhaarige Junge seine Tür aufschließt. „Bist du... Bist du Kim Minseok? Ich meine, nein! Natürlich bist du Kim Minseok. Aber bist du Xiumin?"

Statt einer Antwort bekommt er die Tür vor die Nase geknallt.
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