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Geister der Vergangenheit

GeschichteAllgemein / P12
04.07.2019
04.07.2019
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Schreibsünden. Ich kann mich von ihnen distanzieren, sie in die hinterste Ecke verbannen und sie leugnen, aber vergessen kann ich sie nicht.

Mein Beitrag zu Madaras Projekt "Mein OC und ich".

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Verdrängung


„Arav Wächter, ja?“, faucht eine zornige Stimme in meinem Rücken. „So nennt Ihr ihn jetzt also, so als hätte ich nie existiert?“ Nein. Nein, unmöglich. Die Joghurtschüssel droht mir aus den Händen zu gleiten und nur ein beherzter Griff verhindert, dass sie ihr unglückseliges Ende auf dem Linoleum meiner Küche erleben darf.
Ruhig, ganz ruhig. Tief durchatmen. „Johannes*, was machst Du hier?“ Verdammt klingt meine Stimme zittrig. „Das ist nicht witzig! Normale Leute klingen!“ Ich wirble wutentbrannt herum. Wo zum Teufel hat er überhaupt den Haustürschlüssel her? Wenn Elisabeth* ihn ihm gegeben hat, dann kann sie etwas erleben! Ich …
Verdutzt starre ich auf mein Gegenüber. Er klingt wie Johannes, aber … er ist nicht er. Oder? Ich blinzle. Doch, dieses bartlose Gesicht ist definitiv das Gesicht meines Bruders. Nur … nur eben gut und gerne sechs bis sieben Jahre jünger.
Langsam registriere ich seine vollständige Aufmachung – die dunkelgrüne etwas abgewetzte Tunika, die aus dem Fundus für mittelalterlich angehauchte Kostüme eines Theaters hätte stammen können, die staubigen Lederstiefel, der abgetragene Mantel aus grobem Wollstoff. „Das ist nicht wahr“, murmle ich. Ich träume, ja so muss es sein. „Das ist nicht real.“
„Wie es scheint leider doch! Ihr glaubt also, Ihr könntet mich einfach so ersetzen?“ Wild fuchtelt er mit ein paar Seiten dicht beschrieben Papiers vor meiner Nase herum.
Ich kann ihn nur mit vor Erstaunen und Überraschung weit aufgerissenen Augen anstarren, während hinter mir mit einem lauten Klicken der Wasserkocher ausgeht und meine Beine dank der halbgeöffneten Kühlschranktür zu Eisklötzen erstarren.
„Ersetzen! Mit diesem Arav Wächter! Versteht Ihr mich überhaupt? Ich rede mit Euch!“
„Ich … nein, nicht wirklich“, stottere ich.
Arav. Arav Wächter. Das ist ein Charakter aus meinem neueren Fantasyroman, aber irgendwie schafft mein Gehirn es nicht, eine Verbindung zwischen diesem Namen und meinen obskuren Besucher zu ziehen. „Wirklich, ich habe keinerlei Ahnung. Ihr müsst mir glauben!“
„Ach ja?“, faucht er ungeduldig. Seine Hand zuckt Richtung Gürtel. Dort steckt ein Messer! Wollte er es gerade ziehen? Mich damit erstechen? Er wirkt sehr zornig, um es mal Milde auszudrücken. Ein leicht panisch klingendes Keuchen entfleucht mir. Bin ich etwas in die Hände eines Verrückten geraten?

Eine Hand legt sich auf meinen Arm. „Verehrte Dame?“ Ich stoße einen schrillen Schrei aus. Mit einem lauten Klirren landet die Schale auf dem Boden und schleudert den Vanillejoghurt in alle Richtungen. Verdammt! Der Boden wird selbst nach dem Wischen noch tagelang kleben und es ist schade um das hübsche Blümchenmuster.
Wartet? Hier sind noch mehr?

Eine weitere Person schiebt sich in meine winzige Küche, die dank der Waschmaschine, mit zwei Personen ohnehin schon überfüllt ist, ohne sich an den Scherben und klebrigem Boden zu stören. Es ist ein älterer Herr mit schlohweißem schulterlangen Haar, dessen kunstvoll bestickten Gewänder aus blauer und weißer Seide genauso mittelalterlich anmuten, wie die Tunika des anderen.
„Bittet entschuldigt das durch und durch ungebührliche Verhalten Aravs“, sagt er ruhig. Sein bärtiges Gesicht trägt einen gütigen Ausdruck. „Es lag nicht in unserer Absicht, Euch zu ängstigen, wir hätten nur gerne ein paar Antworten.“
Der Ältere macht eine beschwichtigende Geste in die Richtung meines aufgebrachten Gegenübers, der daraufhin beschämt dreinblickt und etwas murmelt, dass wie „Entschuldigt, mein König“ klingt.
König? Ungläubig wandert mein Blick zu dem älteren Herrn zurück. Nun gut, der schmale goldene Reif, den er im Haar trägt, könnte wirklich so eine Art Königskrone darstellen. Aber was hat irgendein König in meiner Küche zu suchen? Mein Verstand versucht noch immer mühsam, dem Ganzen einen Sinn abzuringen, aber vergeblich. Ich bin verrückt geworden, das muss es sein. Ich bin verrückt.
(Natürlich hindert mich dies nicht daran, weitere Fragen zu stellen.)
„Wer seid Ihr?“ Langsam weiche ich zurück und trete prompt in eine Joghurtpfütze. „Nein, wartet. Die Frage ist doch eher, was macht Ihr hier in meiner Küche? Ihr und Euer … Gefährte.“ Ich gehe noch einen Schritt und stoße mir mit voller Wucht mein Schienbein an der offenen Kühlschranktür, weil ich es nicht wage, diese beiden Gestalten aus den Augen zu lassen. Verdammt, das wird einen dicken blauen Fleck hinterlassen.
Der alte Mann öffnet schon den Mund, doch ich unterbreche ihn rasch. „Wisst Ihr was, im Grunde ist es mir ehrlich gesagt egal. Verschwindet einfach, ja. Sofort.“

„Sie erkennt uns nicht Armus, wie vorauszusehen war. Sie hat doch jetzt neue Freunde.“
Die spöttische Stimme, die hinter mir ertönt, veranlasst mich, einen erneuten Schrei, der den vorherigen an Lautstärke sicher übertrifft, auszustoßen.
Noch jemand? Ich wirble herum und starre fassungslos auf meinen dritten Besucher, der lässig am Türrahmen lehnt. Wo kommt der denn jetzt her?


* Echte Namen geändert
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