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Die Zauberflöte - Königin der Nacht

OneshotFreundschaft, Schmerz/Trost / P12 / Gen
04.07.2019
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Die Nacht legte sich über das Land wie ein großes, schwarzes Laken. Sie bedeckte die Wälder, die Städte und Dörfer, die riesigen Seen und kleinen Teiche. Tausende Sterne erleuchteten den Himmel, begleitet von der Mondsichel, die wie eine Drohung über dem Palast der Königin der Nacht prangte.
Sarastro verspürte keinerlei Angst. Er hatte sich schon früher mit der Macht der Königin konfrontiert gesehen – ganz besonders zu jenen Zeiten, in welchen er unter der Hand ihres Mannes noble Taten vollbracht und ihm gedient hatte. Jetzt, da er entschlafen war, gab es für die Königin keinerlei Freuden, allein das Streben nach Macht und dem unendlichen Kreisen aus Tag und Nacht, nach dessen Befehlsgewalt sie lechzte.
Natürlich wusste sie, dass er kommen würde. Sie war eine Gestalt der Nacht – geübt darin, sich zu verstecken und plötzlich aus dem Schatten zu erscheinen wie ein Trugbild. Vermutlich beobachtete sie ihn bereits.
Vor dem Palast erstreckte sich ein Garten, in dem allein Nachtschattengewächse Unterschlupf fanden. In der Dunkelheit leuchteten ihre Blätter als würden sie das Mondlicht einfangen. Große Blüten in den unterschiedlichsten Farben beteten den Nahthimmel an wie einen Gott.
Ein Torbogen, der von Efeu bekränzt war, führte zu einem offenen Platz, in dessen Mitte ein Springbrunnen stand. Silbern leuchtendes Wasser plätscherte beinahe lautlos aus den Mündern fein ziselierter Statuen. Fische und Wassermänner, die sich in einem Becken räkelten.
Die Königin erschien in ihrem Schatten. Zuerst erkannte Sarastro ihren weißen Kopfschmuck und ihr blasses, leuchtendes Gesicht. Sie war wahrlich eine Schönheit, doch bei Tageslicht mochte sie sich nicht zeigen. Es war eine Schande, ihre Anmut allein von den Gespenstern der Nacht gezeichnet zu sehen. Die dunkel untermalten Augen, die sie so unheimlich wirken ließen, als wolle sie ihm jeden Moment einen Dolch zwischen die Schulterblätter rammen. Und vielleicht würde sie das, wenn er nicht etwas besonders Interessantes vorzubringen hatte.
„Weshalb wagt Ihr Euch in meinen Garten?“, fragte sie und ihre Stimme wurde von der Nacht getragen. Sie ließ sie herrlicher, bald männlich wirken. Mit ihrer Stimme hätte man die Wälder um sie herum roden können.
„Ich meinte, der Tag stünde Euch nicht gut zu Gesicht“, versuchte Sarastro ihre Skepsis zu besiegen. „Ihr traut Euch gar zu selten in mein Sonnenreich. Ich nahm an, es wäre wohl einfacher, wenn ich stattdessen Eures betrete. Sodass Eure Haut nicht in der Sonne verbrenne.“
Ihre Augen versprühten den Argwohn, den sie empfand. Sie glaubte eine List zu erkennen, aber Sarastro hatte keine bösen Absichten. Er hatte die Königin als liebreizende, achtbare Frau kennengelernt. An der Seite ihres Mannes hatte man stets angenommen, sie sei die wahre Herrscherin über dieses Reich. Und nach seinem Tod hatte sie es an sich gerissen und übergestreift wie eine zweite Haut.
All ihre Leichtherzigkeit war mit ihrem Gatten verblichen. Als wäre sie ein Gerüst aus dicht geflochtenen Stämmen stand sie stramm, hochgewachsen. Ihre Statur glich der eines schlanken Knaben, so sehr fügte sie sich in die Rolle des Königs. Vielmehr noch, in die Rolle des unbarmherzigen Rächers.
„Soll ich Euren Edelmut etwa zu schätzen wissen?“, fragte sie spöttisch. Sarastro hatte sich beinahe entschuldigen wollen, ihren Schlaf gestört zu haben, doch natürlich schlief die Königin der Nacht nicht zu einer so späten Stunde.
„Ich komme nicht in böser Absicht“, versicherte er schnell. In der Nacht musste seine Haut wie das Gold der Sonne wirken. Vermutlich behielt sie deshalb den Abstand bei. Der Brunnen bildete eine Barriere zwischen ihnen, die er wohl so bald nicht überwinden würde.
„Tatsächlich komme ich als Freund. Als alter Freund. Ihr erinnert Euch sicher, wie ich als unbedarfter Knabe in den Diensten Eures Mannes stand.“
„Ihr habt ihn um den Finger gewickelt“, zischte die Königin. Ihre Lippen, die von einem unnatürlich dunklen Blauton waren, kräuselten sich vor Abscheu und entblößten ihre weißen Zähne, zwei von ihnen spitz und scharf, als wolle sie ihm damit den Garaus machen.
„Ihn dazu gebracht, Euch die Macht anzuvertrauen, das Universum zu beherrschen. Den Zyklus aus Tag und Nacht, die Möglichkeit, niemals ruhen zu müssen.“
„Und Euch überließ er genug Land und Reichtümer, um Eurer Tochter ein nobles Leben zu bieten.“
Sie spuckte auf den Boden. So kannte er sie.
„Was will ich mit dem verrotteten Land, das am Tage blüht und nicht zur Nacht, wenn ich erwache? Was soll meine Tochter mit dieser Staubwüste? Sie ist so leichtsinnig. Sie könnte nicht einmal einen Topf voll Land regieren, selbst, wenn sie es wöllte.“
Sie so sprechen zu hören überraschte Sarastro nicht. Die Königin hatte nie einen Hehl daraus gemacht, dass sie ihrer Tochter wenig beimaß. Seit ihr Mann gestorben war, sah sie seine Züge in Paminas. Vermutlich hegte das ihren Zorn.
„Euer Mann war ein gütiger Mensch“, sagte er und machte eine entsprechende Handgeste, sodass die Königin kaum sichtbar zusammenzuckte. Sie rechnete tatsächlich damit, dass er sie anfallen würde. Ein Attentäter in ihrem geliebten Garten. Vermutlich versteckten sich ihre Kriegerinnen in den hohen Büschen und zwischen den wilden Blumen.
„Er wollte nur das Beste für seine Familie.“
Jetzt lächelte sie. Es jagte einen Schauer seinen Rücken hinab. Dieses Lächeln vermochte einen Bullen zu töten. Sein Herz ließ es schneller schlagen. Sie würde ihn mit einem Fingerzeig töten können und noch schrecklicher war: sie würde nicht zögern, es sofort zu tun.
„Habt Ihr jemals einen Gedanken daran verschwendet, dass er eine Verbindung zwischen uns beiden gesehen hat? Eine Freundschaft unserer Reiche, die auch Euch Macht geschenkt hätte?“
Sie lachte leise. „Macht“, wiederholte sie in einem zischenden Flüsterton, der die Luft zerteilte. „Freundschaft. Sicher habt Ihr meiner Tochter damit den Kopf verdreht. Mit Eurer … Vergebung.“ Sie schenkte dem letzten Wort ganz besondere Aufmerksamkeit in Form von tiefer, klebriger Abscheu. „Vermutlich glaubt sie tatsächlich, dass man einem Mann vertrauen könnte. Einer giftigen Schlange wie Ihr eine seid.“
Er hatte nie verstanden wie sie so von seiner Art denken konnte, wo sie doch Paminas Vater geliebt hatte, ganz offenkundig. Obwohl sie seine Macht ehrte – viel mehr als seinen Charakter – hatte sie ihn doch auf eine besondere Art und Weise liebgewonnen. Und nach seinem Tod war das Land für drei Tage und drei Nächte in tiefschwarze Dunkelheit getaucht. Kein Stern hatte den Himmel erleuchtet, kein Mond und keine Sonne waren auf- oder untergegangen.
Eine gebührende Verabschiedung für einen so gerechten, feinsinnigen Herrscher.
„Wie kann es sein, dass Ihr mir nicht vertraut, obwohl ich jahrelang in Euren Diensten stand und auch jetzt keinen Groll gegen Euch hege? Woher kommt dieser Hass? Diese … Wut auf meinesgleichen.“
„Euresgleichen ist einer Antwort unwürdig“, zischte sie. Ihr Kleid raschelte wie Blattwerk als sie einige Schritt um den Brunnen herumging, sodass er sie in ihrer ganzen Pracht betrachten konnte. Das Kleid schmeichelte ihrer Statur. Ein weiter Rock war mit funkelnden Steinen verziert und goldene Fäden webten sich in den blauen Stoff. Er hatte dieselbe Farbe wie ihre schmalen Lippen.
„Es gibt nichts auf derer Welt, das ich mehr verachte als Männer.“ Sie reckte ihr Kinn in die Höhe wie es eine Herrscherin zu tun pflegte und Sarastro musste zugeben, dass sie die geborene Königin war. Sie würde das Volk nicht knechten. Vermutlich wäre sie gerechter als ihr Ehemann es gewesen war. Doch sie würde den Männern keine gute Freundin sein. Und keine Ehefrau. Niemals wieder.
„Aber was haben wir Euch bloß angetan, um diesen Hass zu verdienen?“, fragte er und versuchte nicht allzu anklagend dabei zu klingen. Er wollte sie nicht unnötig aufregen, denn ihr Temperament war zu reizbar, eine schlafende Raubkatze und er piekte sie mit einem Stock.
„Genug“, flüsterte sie bitter und ballte die Fäuste um den Stoff ihres Kleides. Es war hochgeschlossen und verbarg jeden möglichen Flecken Haut. Bloß Hände und Gesicht sparte es aus, sodass sie in der Dunkelheit weiß leuchteten. Ihre Finger waren lang und dünn, wie die Beine einer Spinne. Es stieß ihn nicht ab, denn er wusste wie grazil sie wirken konnten, wenn sich die Königin nur genug Mühe gab.
„Nun, ich will Euch nichts Böses“, versicherte er und hob beide Hände, um zu demonstrieren, dass er keine Waffen bei sich trug. „Ich bin gekommen, um Euren Frieden zu erbitten. Mir ist zu Ohren gekommen, dass Euer Hass gegen mich anschwillt und Eure Wut zu kochen beginnt, sodass sie bald über den Rand treten wird. Ich will verhindern, dass Ihr eine unbedachte Tat verübt, die Ihr vermutlich bereuen werdet.“
Die Königin lächelte und er wusste, dass sie nicht überrascht war, dass er ihre Pläne erahnte. Sie plante stets voraus und ihre Worte waren wie immer weise gewählt, als hätte sie diese Unterredung vorhergesehen.
„Ich bereue niemals eine Entscheidung, denn sie hat ihre Gründe.“ Er nickte langsam und faltete die Hände vor seiner Brust. Die helle Farbe seiner Haut verschmolz mit dem Gold seines Gewandes.
„Dessen bin ich sicher“, sagte er und senkte den Blick, um sie nicht unnötig zu provozieren. „Doch ich fürchte, Ihr glaubt, es wäre uns verboten, einander anzunähern. Ihr nehmt womöglich an, die Sonne würde die Nacht zerstören – oder umgekehrt. Doch die Mächte müssen sich nicht bekriegen. Es gibt kein Gesetz, dass uns eine Vereinigung verbietet.“
Er sah auf und war überrascht, den Schock für einen Sekundenbruchteil in ihren Zügen zu erkennen. „Ihr sprecht nicht etwa von einer Heirat, Sarastro?“, entkam es ihr, bevor sie den Gedanken beendet hatte. Er richtete sich auf. „Nicht zwangsläufig. Allein eine Versöhnung würde ausreichen, um uns allen Frieden zu bringen.“
„Tag und Nacht könnten niemals Frieden ineinander finden“, zischte sie. „Das Wasser würde das Feuer löschen und meine Hand Eure erfrieren, so wie Eure meine verbrennen würde.“
„Seid Ihr Euch dessen sicher?“, fragte er, obwohl er es in ihren Zügen lesen konnte. Ihre Abscheu wuchs, als er seine Hand hob. „Kommt her und ich werde Euch beweisen, dass dem nicht so ist. Legt Eure Hand an meine. Nichts wird geschehen.“
„Alles würde geschehen“, protestierte sie und brach den Blickkontakt als erste. Sarastro hatte einen wunden Punkt entdeckt und obwohl er sich vorgenommen hatte, feinfühlig zu sein, streute er Salz in die Wunde. „Wollt Ihr mir nicht zu nahe kommen? Fürchtet Ihr, ich könnte Böses wollen? Ich trage keine Waffen bei mir und komme allein. Erkennt Ihr eine Lüge in meinen Worten?“
Sie blinzelte langsam und richtete sich zur altbekannter Größe auf. Wie die Züge einer Statue erstarrte ihr Gesicht zu jener Ausdruckslosigkeit, sodass er nichts mehr in ihren Augen lesen konnte. Es betrübte ihn, dass es ihr so leicht fiel, ihre Gefühle zu verbergen.
„Ich kann nicht wissen, wie viele Messer Ihr unter Euren Gewändern versteckt“, sagte sie langsam und Sarastro musste ein Lächeln unterdrücken. „Und ich kenne nicht die Euren. Wir wollen zumindest für diesen Moment annehmen, allein zu sein. In Eurem Garten, nicht einmal in meinem. Wollt Ihr nicht zumindest etwas näherkommen. Ich verspreche, dass nichts geschehen wird.“
„Woher wollt Ihr das wissen?“, fragte sie und ihre Stimme klang tonlos, als würde der Wind sie forttragen, bevor ihn ihre Worte erreichten. „Viele Männer machten mir Versprechen, die gebrochen wurden. Es wunderte mich nicht, wenn Ihr einer von ihnen wärt.“
„Es betrübt mich zu hören, dass man Euch so häufig enttäuschte“, beeilte er sich zu sagen und die Königin lächelte süffisant. „Sicher betrübt es Euch.“ Sie machte sich über ihn lustig. Nicht nur mit ihrer amüsierten Stimmlage, doch auch mit der abwehrenden Handgeste.
„Aber selbst eine Königin scheint vor den Trölereien der Männer nicht gefeit. Intrigen, Lügen, Gewalt… Es lauert alles in Eurem Herzen wie in dem eines jeden anderen Eurer Art. Und das ist kein Geheimnis.“
Sarastro krümmte seine Brauen in Unglauben und Zweifel. „Was haben Euch jene Männer bloß angetan? Es muss eine Grausamkeit ungemeinen Ausmaßes gewesen sein, um Euer Vertrauen in diesem Maße zu untergraben.“
Sie zuckte mit den Schultern und es war eine so unbedarfte Geste, dass er sie für ein Trugbild hielt. „Eine Grausamkeit fürwahr. Aber es ist nicht Euer Anliegen. Ich verlange, dass Ihr meinen Garten verlasst. Hier einzudringen allein ist eine Straftat. Ich will Euch nicht in meinem Reich und auch Eure Hand will ich nicht. Ihr habt mich bereits meiner Tochter beraubt, was wollt Ihr mehr?“
Sie kam nun doch einen Schritt auf ihn zu, das Gewand ihre Schritte verschluckend, sodass es wirkte als würde sie schweben. „Wollt Ihr mich töten? Mich erstechen? Seid Ihr deshalb gekommen? Oder ist es etwas ganz anderes?“ Sie neigte den Kopf etwas und das Lächeln auf ihren Lippen erstarb. „Wollt Ihr mir das Kleid vom Leib reißen? Meine Haut zerfetzen, mit Euren grobschlächtigen Händen? Ist es das? Ihr wollt mich nehmen wie eine Dirne, eine gefallene Frau. Ein Objekt der Lust, das allein bin ich für Euch, wie für alle anderen Männer. Mein verschiedener Mann selbst sah nicht mehr in mir, als das Weib, den Körper, die blasse Haut mit den tiefen Narben, die man doch nicht sehen kann. Was könnte eine Frau schneller brechen, als ein solcher Akt des Verlangens? Nur zu.“
Sie öffnete ihre Arme in einer einladenden Geste und ihre Lippen bebten vor Abscheu. „Bedient Euch ruhig, es macht mir nichts. Schließlich existiere ich allein, um den Männern zu dienen.“
Sarastro schwieg für eine ganze Weile. Mehrere Atemzüge der Stille verstrichen, bevor er sagte: „Das ist keinesfalls meine Absicht, werte Königin. Wie könnt Ihr so von der Welt denken, über die Ihr herrscht? Von Eurem eigenen Ehemann.“
„Meine Aussagen basieren nicht auf Annahmen“, zischte sie bloß und wandte sich ab. „Ihr könnt nicht anders sein als sie alle. Und ich werde Euren Lügen keine Sekunde länger zuhören. Verschwindet aus meinem Garten oder ich muss Euch zwingen!“
Als sie jetzt zu ihm aufsah, hatten sich ihre Augen um einige Nuancen verdunkelt, als wären Wolken vor den Sternenhimmel gezogen, der sich bisher in ihnen gespiegelt hatte.
Sarastro räusperte sich und das Geräusch zerteilte die Stille. „Ich versichere Euch, nicht in einer solchen Absicht gekommen zu sein. Und es ist eine Grausamkeit, dass Eure Annahmen wohl gerechtfertigt sind. Das sollten sie nicht sein… Glaubt Ihr mir, wenn ich schwöre, Euch kein Leid zufügen zu wollen? Nicht einmal in meinen Träumen würde ich über etwas dergleichen nachdenken wollen.“
„Aber Ihr tut es“, zischte sie. „Ihr könnt Euch dessen nicht erwehren, denn es liegt in Eurem Blut. Es ist kein Trugschluss, leugnet es nicht!“
Sarastro richtete sich zu voller Größe auf, doch er wollte die Königin nicht erschrecken, weshalb er liebevoll lächelte. „Wenn ich an Euch denke, denke ich allein an die gerechte, liebevolle Frau, die Ihr an der Seite Eures Mannes gewesen seid. An das engelsgleiche Wesen, das durch die Nacht wandelt, von den Sternen begleitet. Niemals könnte ich anders von Euch denken.“
Die Königin lachte tonlos. „Ihr könnt Euch nicht selbst täuschen, Sarastro.“ Sein Name aus ihrem Mund klang wie eine Drohung.
„Gebt mir Eure Hand“, verlangte er erneut. „Legt sie in meine und Ihr werdet sehen, dass die Welt nicht in zwei Hälften zerbricht. Auch nicht in tausende. Nichts wird geschehen, denn es gibt so viele Dinge, die uns verbinden. Viel mehr als uns zu trennen vermögen. Denkt bloß an die Sonnen- und Mondfinsternisse, die wir bereits erlebten. Die Tage, an denen sich Wolken vor die Sonne schoben und Licht und Dunkelheit vereinten. Die Grenzen unseres Reiches müssen keine Mauern sein. Allein ein Bächlein würde ausreichen, sodass wir sie leicht übertreten können.“
Die Königin sah zu ihm auf und er erkannte die rasenden Gedanken, die sich in ihrem klugen Kopf anbahnten und verschwanden, flackerten wie Glühwürmchen. Sie schluckte – das einzige Indiz ihrer Einsicht.
„Werdet Ihr verschwinden, wenn ich getan habe, wie Ihr verlangt?“
Sarastro blinzelte langsam. „Natürlich“, versicherte er. „Ich werde niemals wieder unangekündigt in Euer Land eindringen. Das verspreche ich. Wenn Ihr mir dieselbe Ehre erweisen könntet…“
Er beendete seine Rede nicht, in der Hoffnung, sie wüsste, worauf er hinauswollte. Die Königin entblößte ihre Zähne, die wie Perlmutt in der Nacht glitzerten. „Ich habe jeden Grund Euch zu verabscheuen. Ihr entführtet meine Tochter, in der Annahme, sie wäre in meinen Armen nicht sicher. Ihr habt sie mir entrissen, wo sie doch die einzige Frau ist, der ich restlos vertrauen würde. Und jetzt verfiel sie selbst diesem Prinzen. Einem Mann wie jedem anderen. Sie hat nichts aus meinen Lehren gelernt… Aber sie wird ihre Narben davontragen, da bin ich sicher.“
Wieder ballte sie die Fäuste um den Stoff ihres Kleides.
„Mein Hass wird niemals versiegen, aber ich bin gewillt, Euch in Frieden zu lassen, wenn Ihr mir zusprecht, was rechtmäßig mir gehört. Mein Mann hat Euch im Delirium seiner Krankheit die Macht verliehen, alles zu beherrschen, das mein Erbe gewesen wäre. Ich will, was mir zusteht.“
Sarastro lächelte, denn mit dieser Aussage hatte er gerechnet. „Legt Eure Hand in meine und Ihr werdet es erhalten“, sagte er, wissend, dass er ein Risiko einging. Die Königin verengte skeptisch die Augen. Sie war eine vorsichtige Frau. Vermutlich war es das, was er besonders an ihr schätzte. Ihre Achtsamkeit.
„Ihr knüpft es an diese einzige Bedingung?“, fragte sie verwirrt. Sarastro nickte. „Aber natürlich.“ Sie neigte den Kopf ein wenig. „Das muss eine Falle sein“, sprach sie ihre Zweifel aus. „Ihr könnt unmöglich allein das verlangen und mir anschließend Eure Macht anvertrauen. Ich weiß, dass Ihr mir nicht zutraut, sie ausreichend zu würdigen.“
„Oh doch, das tue ich“, versicherte er. „Ich bin sicher, dass Ihr die einzige seid, die dieser Macht würdig ist. Euer Ehemann vertraute sie mir an, vermutlich in dem Glauben, Eure Trauer um seinen Tod und die Sorge um Eure Tochter könne Euch blenden. Aber Ihr seid eine bestimmte Frau, getrieben von Eurem Pflichtgefühl. Ihr seid dieser Verantwortung zweifellos gewachsen.“
Vermutlich hatte er zu viel gesagt, denn er sah die Zweifel der Königin ganz deutlich in ihren Zügen und sie gab sich außerdem keine Mühe, sie zu verbergen. „Das ist doch Unsinn! Wie könnt Ihr so leichtsinnig sein zu glauben, ich würde allein aufgrund Eurer bodenlosen Schmeicheleien einem Hinterhalt verfallen!“
Sarastro neigte den Kopf etwas. „Welchen Hinterhalt vermutet Ihr, Königin? Glaubt Ihr wirklich, in diesen Gefilden, die mir völlig fremd sind, würde ich es mir erlauben, Euch zu überfallen?“
„Aber natürlich“, zischte sie. „Was sonst könnte Euch um diese Zeit in meinen Garten verschlagen?“
Er streckte seinen Arm aus, die Handfläche dem Mond zugekehrt. „Eure Hand, meine Königin. Ich will sie bloß berühren, um Euch zu beweisen, wie ernst mir meine guten Absichten sind. Ich habe nicht vor, Ihnen Schmerzen zuzufügen. Ich bin nicht wie alle anderen Männer, die Ihr so treffend beschrieben habt. Mein Motiv ist ein ganz anderes.“
„Und welches sollte das sein?“ Sie blieb neben dem Brunnen stehen, zwei Schrittlängen von ihm entfernt. Ihre Hände lagen offen auf ihrem Kleid, als würde sie tatsächlich mit dem Gedanken spielen, ihn zu berühren.
„Ich möchte Euch von Unschuld und Frieden überzeugen. Von einem Zusammenleben der Gewalten im Einklang der Natur. Nichts könnte uns im Weg stehen, wenn wir nur gemeinsam dieses Land regierten. In Einigkeit, wie euer Mann es einst allein vertrat. Ihr könntet Eure Tochter erziehen wie es Euch beliebt. Ihr den Prinzen rauben oder lassen – es liegt ganz bei euch.“
Die Königin rümpfte die Nase und Sarastro hatte nie einen menschlicheren Ausdruck in ihrem Gesicht gesehen. Er würde sich wohl auf ewig damit rühmen können, ihn ausgelöst zu haben.
„Tamino ist ein guter Mann“, fuhr er fort. „Er würde Eurer Tochter die Ehre erweisen, die sie verdient.“
„Sie verdient es, zurechtgewiesen zu werden! Sie verhält sich töricht, nicht ihrem Alter entsprechend! Eine Prinzessin hat nicht das Recht zu wählen.“
Sarastro streckte die Schultern. „Das mochte für Euch gelten, doch die Zeiten haben sich geändert. Die Prinzessin hat jedes Recht, Tamino zu ehelichen. Zumal Ihr ihm selbst versprochen habt, er könne sie für sich gewinnen, sollte er sie nur befreien.“
Sie wirkte müde, seiner Ausführungen überdrüssig. Trotzdem wagte sie es noch immer nicht, ihre Hand in seine zu legen. Was ihr auch immer zugestoßen war, es musste sie belasten. So sehr, dass allein dieser Händedruck sie ängstigte.
Aber natürlich konnte man die Angst nicht in ihrem Gesicht erkennen. Allein den Überdruss, den er in ihr auslöste.
„Gebt mir Eure Hand“, verlangte er erneut und streckte seinen Arm aus. Das Mondlicht beschien sein goldenes Gewand. Die Königin erbarmte sich mit einem müden Seufzen, das er bisher noch nie gehört hatte. In der Öffentlichkeit würde ihr ein solches Geräusch wohl nie über die Lippen kommen, doch unter diesen Umständen…
Sie kam näher, bis sie nur noch eine halbe Schrittlänge von seinem ausgestreckten Arm entfernt war. „Das Universum ist bereits in Tag und Nacht gespalten“, sagte sie. „Niemals könnte es eine Verbindung zwischen beidem geben. Ebenso wenig wie man Wasser und Feuer kreuzen könnte. Es ist unmöglich.“
„Nichts ist unmöglich“, versicherte er. „Es gibt fragile Prinzessinnen, die eiskalten Königinnen entsprangen. Wie könnt Ihr da an einer Verbindung wie dieser zweifeln? Aus Kälte entsteht Güte und Herzlichkeit.“
Sie fletschte die Zähne. „Wie vorteilhaft, dass Ihr mich auf diese Art und Weise in Erinnerung behaltet.“ „Ich erinnere mich an Euch als herzensgute Frau, Königin der Nacht. Ihr wandeltet unter der Sonne wie keine andere, aber jetzt habt Ihr Euch dem Mond zugewandt, der Euch nicht weniger gut zu Gesicht steht.“
Sie holte tief Atem und ihre Brust weitete sich wie die eines Kriegers unter einer Rüstung, wenngleich ihr Brustpanzer ein Korsett zu sein schien, das ihrem Körper eine schmale, kantige Form verlieh.
Sie faltete die Hände vor eben jenem Gebilde tadelloser Schönheit, bevor sie ihre Hand ausstreckte. Sarastro konnte nicht recht begreifen, dass er sie nun endlich überredet hatte. Die Königin zögerte einen Moment, bevor ihre Finger endlich seine Handfläche berührten und ihre Hände schließlich ineinander lagen. Ihre Haut war kalt, als würde sie ihn tatsächlich vereisen, und je länger ihre Hand in seiner lag desto deutlicher spürte er die Kälte, die von ihrem Körper ausging. Der Frost der Nacht, der sich über ihn legte. Spürte sie die Wärme der Sonne gleichermaßen auf ihrer Haut? Er konnte nichts in ihrem Gesicht ablesen als sich ihre Blicke trafen.
„Seht Ihr“, sagte er. „Nichts ist geschehen. Wir können uns berühren ohne dem anderen ein Leid zuzufügen. Wie die Nacht neben dem Tage existiert und das Feuer neben dem Wasser. Wenn das eine dem anderen keinen Anlass gibt, muss es nicht zu einer Auseinandersetzung kommen.“
„Spart Euch Eure Metaphern“, sagte sie und wollte ihre Hand zurückziehen, doch er umfasste sie fest. Für einen Moment sah er die Überraschung und Angst in ihrem Blick, doch sie beherrschte sich. „Meine Königin“, begann er und spürte die Eiseskälte, die seine Haut erfasste. Ihr Zorn begann ihn zu erklimmen wie einen Wall.
„Ihr müsst mich nicht fürchten. Ich werde Euch in Frieden lassen, wenn Ihr mir Frieden versprecht. Das ist alles, was ich verlange. Ein friedvolles Miteinander. Glaubt Ihr denn nicht, dass dies möglich wäre?“
Sie bebte vor Wut, das konnte er erkennen. Ihr Körper erzitterte unter ihrer Kraft. Sie besaß Macht, darin bestand kein Zweifel, doch er könnte sie verbrennen, wenn er wollte. Ihr Ehemann hatte ihr ihre Verteidigung genommen. Es gab keine schützende Mauer um ihren Körper, die es ihm verbat, zu tun, wovor sie sich fürchtete. Er könnte sie hier und jetzt überfallen und sie müsste es geschehen lassen.
Aber natürlich hegte er keine solchen Absichten. Vermutlich wollte sie das nicht wahrhaben.
„Ihr könntet niemals friedlich mit mir ein Land regieren“, sagte sie was er erwartet hatte. „Wir würden uns nur im Weg stehen wie wir es bereits tun. Also macht Euch nicht lächerlich. Tut, weshalb Ihr gekommen seid und verschwindet.“
Sie nahm wirklich an, er wolle sie entehren. Sie hier und jetzt ihres Stolzes berauben, wie es offenbar bereits geschehen war. Die Vorstellung, dass jemand Hand an sie angelegt hatte, schmerzte ihm. Wie könnte er nur all diesen Hass aus ihrem Herzen lösen?
„Bitte“, er ließ ihre Hand los und sie nahm einen Schritt Abstand, „versteht, dass ich nicht deshalb gekommen bin. Ich will mich versöhnen. Nur das ist meine Absicht. Vergebung ist meine Devise und Eure Tochter hat sich mir angeschlossen. Wenn Ihr Euch weiterhin gegen mich und mein Gefolge stellt, werdet Ihr bald allein sein. Monostatos mag Euch ein Verbündeter sein, aber auch er wurde von Papageno in die Flucht geschlagen. Wenn der Vogelfänger ihn besiegen kann, wie wollt Ihr ihn dann gegen mich einsetzen? Er ist wertlos, wie alles das er berührt. Fürchtet Ihr Euch denn nicht vor ihm wie Ihr alle Männer fürchtet?“
„Ich fürchte sie schon lange nicht mehr“, behauptete sie. „Welches Leid könnte meines nun noch übertrumpfen? Mein Herz ist gebrochen. Welche Grausamkeit Ihr oder Eure Krieger auch immer gegen mich vorbringen wollen, ich habe sie bereits kennengelernt.“
„Das sind harte Worte“, meinte er und faltete die Hände. Die Kälte war noch immer deutlich zu spüren. Er fragte sich, wie lange ihre Finger wohl in seine Haut gebrannt wären.
„Aber ich werde Euch nicht bekämpfen. Solltet Ihr Euch entscheiden mich zu stürzen, dann muss ich es wohl geschehen lassen. Denn ich will mich nicht gegen Euch erheben. Ihr seid die Ehefrau meines verblichenen Freundes. Die Frau, der er am engsten verbunden war. Die Frau, die er liebte und der er vertraute. Genau das ist mein Antrieb. Ich möchte eine Versöhnung erreichen, wenn Ihr verstehen wollt. Eine Einigung. Die Macht zu halbieren, aufzuteilen zwischen uns beiden, könnte dem Land und ganz besonders Euch Frieden bereiten. Wollt Ihr denn nicht endlich zur Ruhe kommen? Diesen Mantel aus Hass und Abscheu ablegen und die Welt in ihrer Pracht sehen. Bei Tage wandeln wie bei Nacht. Und wenn der Schlaf Euch überkommt, ruhig zu liegen – ohne Sorgen und Angst?“
Die Königin holte tief Atem und tatsächlich hatte sich der Himmel unter ihrem Zorn verdunkelt, sodass die Sterne jetzt, da sie sich etwas beruhigt hatte, wieder zum Vorschien kamen. Sie beschienen das Wasser des Springbrunnens, sodass es erneut wie im Silberschien funkelte.
Sarastro hatte trotz dessen nur Augen für die Königin der Nacht. Ihr unbeirrtes Auftreten, als wäre sie selbst ein Krieger wie die Soldaten in seiner Armee. Vielleicht besaß sie doch die Macht ihn zu schlagen, entgegen aller Erwartungen. Vermutlich würde er vor ihr auf die Kniee sinken, wenn sie es nur verlangte.
„Ich weigere mich, Euch zu vertrauen“, sagte sie, doch er erkannte erneut Zweifeln in ihrer Stimme. „Ihr könnt nicht anders sein als die anderen. Ganz gleich ob es keinerlei Auswirkungen hat, wenn ich Euch berührte. Wir könnten niemals auf gleicher Stufe stehen. Es ist nicht genug Platz für uns beide.“
Ihre Haut wirkte plötzlich grau.
„Ich werde weichen“, sagte sie und obwohl die Worte schrecklich waren, brach ihre Stimme nicht. Sie verlor nicht einmal an Intensität.
„Ihr werdet mich nicht mehr in Eurem Wege wissen. Ich werde mich zurückziehen und um meinen Ehemann trauern, wie er es verdient. Regiert das Land im Licht der Sonne und gebt den Menschen, was sie verdienen. Aber kommt mir nicht mehr nahe. Niemals wieder. Ich will allein sein. Ich will schlafen. Vielleicht für immer.“
Er krümmte die Brauen. „Ihr meint … wie Euer Gemahl.“
„Er ist nicht mehr mein Gemahl!“, fuhr sie auf. „Seine Stunden sind gezählt wie es meine sein werden.“
„Aber Ihr könnt nicht von Entschlafen sprechen! Die Götter entsagen den Mord aus Verzweiflung! Der Stahl würde Euer Herz nicht brechen, Ihr würdet für immer in der Sünde gefangen sein! Meine Königin!“
Er trat so schnell voran, dass sie ihm nicht ausweichen konnte und ergriff ihre beiden Hände. Sie wollte sich entreißen, doch er hielt sie fest. „Sicher könnten wir gemeinsam regieren“, sagte er. „Ganz bestimmt würde es wunderbar funktionieren. Ihr seid eine große Herrscherin! Eine Kriegerin. Dieses Land braucht eine starke Frau wie Euch, doch allein könnte Euch das Volk nicht akzeptieren. Sie haben in Eure Seele geblickt als Ihr den Mord an mir in Auftrag gabt. Als Ihr Eurer eigenen Tochter den Stahl anvertraut, an den Ihr jetzt denkt und mit dem Ihr Eurem Leben ein Ende setzen wollt. Aber das müsst Ihr nicht.“
Er wagte es eine Hand an ihre Wange zu legen und die nächtliche Kälte versengte seine Handfläche.
„Lasst mich Euer Retter sein. Lasst mich Euren Ruf retten und Euch in den Stand einer Kaiserin erheben. Die Welt könnte euch akzeptieren wie Ihr seid. Eisern und gerecht. Eine Schicksalsgöttin.“
Sie blinzelte langsam und ihre Emotionen blieben ihm verborgen. Schließlich sagte sie: „Was kümmert es Euch, was aus mir wird? Ich bedeute Euch nichts. Ich habe Euren Mord geplant. Und ich plane ihn noch. Wenn ich mir nicht zuvorkomme. Mein Leben ist ein Trauerspiel.“
„Das sollte es nicht sein“, sagte er sofort. Sie senkte den Blick auf ihrer beider Hände, die ineinander lagen. Jetzt wehrte sie sich nicht mehr. Vermutlich hatte sie erkannt, dass es nutzlos wäre. Trotzdem stand die Kälte zwischen ihnen.
„Ich will Euch nicht verärgern. Und ich will Euch nicht zu nahe treten. Ihr seid eine große Herrscherin. Eine starke Frau. Stärker als jeder Mann es sein könnte. Erlaubt mir, Euch als meine Verbündete vorzustellen. Herzlichkeit und Liebe sind stärker als Selbsthass und Zweifel. Ihr müsst Euch nicht in der Dunkelheit verstecken. Ihr könntet in Ihr erblühen wie die Pflanzen um uns herum. Bunt und hell leuchtend. Heller als der Mond. Heller als die Sonne.“
Auf einmal wirkte sie unsicher. Ihre Hand lag schwach in seiner eigenen, seine Finger noch immer an ihrer Wange, ihre Haut weiß wie der Knochen der darunter lag. In ihren Augen spiegelte sich der Himmel als sie zu ihm aufsah.
„Weshalb sagt Ihr das? Welchen Plan habt Ihr für mich erkoren? Werde ich sterben, durch Eure Hand, wenn nicht durch meine?“
„Ihr müsst nicht sterben“, versicherte er. „Ihr könntet mit Eurer Tochter vereint sein. Ihre Liebe erfahren, ihre Herzlichkeit. Tamino wird sie Euch nicht entreißen. Sie wird auf ewig Eure Tochter sein. Und ich würde sicherstellen, dass Ihr auf ewig die Königin der Nacht wäret. Die Königin der Sonnenfinsternis, in der sich der Mond vor die Sonnenscheibe bewegt und für einen Moment den Tag nur Nacht werden lässt. Das ist es, was Ihr bewirkt. Ihr spielt mit den Schatten.“
Er meinte den Anflug eines Lächelns auf ihren dunklen Lippen zu erkennen und ihm wurde bewusst wie Recht sie hatte. All diese Männer waren ihrer Schönheit verfallen, doch sie hatten nicht auf ihre Gefühle geachtet, nicht in ihr Herz geblickt. Sie hatten ihre Makellosigkeit als gegeben akzeptiert, waren unachtsam mit dieser seltenen Blume umgegangen.
Er würde das nicht tun. Er würde vorsichtig sein, um ihre Blätter nicht abzubrechen und sich nicht an ihren Dornen zu stechen.
„Lasst mich Euch helfen“, sagte er leise. „Lasst mich Euer Schutzpatron sein. Kein Mann wird Euch jemals wieder verärgern. Ihr werdet über ihnen stehen. Ihnen zeigen, dass eine Frau es wert ist, geachtet zu werden. Ihr werdet ihnen eine Lehre erteilen. All den falschen Schlangen dort draußen. Das ist es doch, was Euch am Herzen liegt. Sie zu bestrafen.“
„Ich habe sie bestraft“, sagte sie langsam. „Ich habe ihnen Schmerzen zugefügt. Unsagbare Schmerzen. So wie sie mir wehgetan haben, habe ich ihnen wehgetan. Sicher wollt Ihr verhindern, dass ich auch Euch nehme, was Euch am wichtigsten ist.“
Ihr Blick wanderte für einen Sekundenbruchteil hinab, bis unter seinen golden schimmernden Gürtel. Er schluckte. „Das habt Ihr getan?“, fragte er und sie lächelte triumphierend.
„Sie haben es nicht anders verdient.“ Er presste die Lippen fest aufeinander, bevor er meinte: „Ich wiederhole mich gern. Ich werde Euch kein Leid zufügen. Besonders nicht im Angesicht der Stärke, die Ihr bewiesen habt.“
Ihre Lippen teilten sich ein wenig, sodass er erkennen konnte, dass ihr Mund rot war, wie seiner. Die blauen Lippen waren bloß eine Tarnung. Eine Hülle, um sich vor Attacken wie den beschriebenen zu schützen. Es beruhigte ihn, das zu sehen.
Sie führte seine Hand zu ihren Lippen und küsste seine Handfläche. „Haltet Wort“, sagte sie leise und sah zu ihm auf. Dann löste sie sich aus seinem Griff und nahm einen Schritt Abstand. „Ich werde warten. Wenn Ihr mich enttäuscht, werde ich mich mit dem Stahl verbrüdern, der für Euch vorgesehen war, Sarastro.“
Er bemerkte nicht einmal wie sich die Trauer in seine Züge schlich. Die Königin lächelte so sanft wie er sie niemals zuvor hatte lächeln sehen. „Es wäre ein Leichtes, mein Herz zu durchstechen“, sagte sie, doch er war anderer Meinung.
„Nicht so leicht wie Ihr denkt, Majestät.“
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