Männlich, weiß, Mitte zwanzig

von Idris1707
GeschichteAngst, Familie / P12
Detective Eudora Patch Diego Hargreeves / Nr.2 / The Kraken Klaus Hargreeves / Nr.4 / The Séance
04.07.2019
15.07.2019
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04.07.2019 1.123
 
Charaktere/Pairings: [Diego + Klaus] Diego Hargreeves, Eudora Patch  

Vorwort: Wurde maßgeblich inspiriert von diesem Gedanken: (https://ealeczander.tumblr.com/post/182954208930/you-cannot-convince-me-that-diegos-heart-doesnt) You cannot convince me that Diego’s heart doesn’t stop every time they announce on the police radio that they’ve found a dead junkie - weil autsch ... break my heart, why don't you? Demenstprechend ist das ganze pre-series.

Äh ja, Klaus hat mir das HERZ gebrochen. Die Serie war ja wohl mal ALL HURT und null Comfort und das halte ich einfach nicht aus. Gott sei Dank gab es wenigstens Diego und wenigstens ein Mensch war mal nett zu ihm! (Srsly, sie sind entzückend, seht euch das an: https://www.youtube.com/watch?v=SpyMcNNksgE)
Diego: Polizeiakademiehinschmeißer, der nachts als Rächer in schwarzem Leder herumläuft und Leute rettet
Klaus: Sieht Geister und nimmt die ganze Zeit Drogen dagegen, ziemlich traumatisiert  
Eudora: Polizistin, hat was Besseres verdient als die Serie




„Wo ist er?“

Diego sagt nicht „Hallo“. Und nicht „Es tut mir leid, dass ich durch deinen Tatort trampele wie ein Rhinozeros, Eudora.“  
Er sagt nichts von alle dem, was er sagen sollte. So wie er es nie tut.  

Nur das.
Wo ist er?  

„Verschwinde“, befiehlt sie, schärfer als beabsichtigt. Aber es ist drei Uhr morgens, ihr fehlen locker acht Stunden Schlaf und sie hat viel zu lange zwischen Müllcontainern gehockt und auf die Überreste eines toten Junkies gestarrt, um jetzt noch höflich zu bleiben. „Du hast hier nichts zu suchen.“

„Eudora…“

„Du hast absolut kein Recht mehr hier zu sein. Wenn du Polizeiarbeit leisten willst, hättest du nicht von der Polizeiakademie fliegen dürfen.“  

„Ich muss ihn sehen. Wo ist er?“

„Wer?" Und nun fragt sie doch. Verdammt.

„Der Junkie." Eine Hand greift nach ihrem Arm.

Eine Sekunde lang ist sie in Versuchung. Er bringt sie immer in Versuchung. Sie möchte ihm den Arm auf den Rücken zu drehen, sie möchte ihn auf den Boden drücken und ihn verhaften. Ihm Handschellen anlegen.
Aber dann erwischt sie einen Blick auf sein Gesicht.

Regen glitzert auf dem Asphalt und Regentropfen hängen silbern in seinen Wimpern. Er sieht blass aus in dem grellen, weißen Licht der Straßenlaterne, atemlos, als sei er gerannt. Er ist ganz und gar in schwarz gekleidet, Leder und Nieten, und zum ersten Mal seit sie ihn kennt sieht er nicht nach Sex auf zwei Beinen aus, sondern nach Tod und Begräbnis. Er hat sogar die alberne, schwarze Maske von seinen Augen gezerrt, sie baumelt achtlos zwischen zittrigen Fingern.
„Eudora…“

„Nenn mich nicht so.“

„Detektive Patch“, korrigiert er leise, überraschend nachgiebig. „Ich muss ihn sehen.“

„Wozu? Das war kein Gewaltverbrechen. Es war eine Überdosis. Es gibt hier nichts und niemanden, den du noch retten kannst.“ Sie verkneift sich die sarkastischen Gänsefüßchen, um das Wort „retten“, auch wenn er es vermutlich trotzdem hört. Es zuckt schmerzhaft um seinen Mund, als habe sie einen wunden Punkt berührt.  

„Nur ein Blick.“ Er macht Anstalten sich an ihr vorbei zu schieben.  

„Hey! Hey! Du kannst da nicht hin. Der Leichenbeschauer ist da. Du kontaminierst meinen Tatort!“

Er bleibt stehen. „Tatort? Ich dachte, es war kein Gewaltverbrechen?“

Sie presst die Lippen zusammen. „Eine Überdosis ist immer ein Gewaltverbrechen. Dafür ist immer jemand verantwortlich.“

Sein Blick wird sanft, warm wie Karamellsauce, so als habe sie ihm eine weiche, zarte Stelle ihrer Seele offenbart; und sie ärgert sich über sich selbst, denn das hat sie.
Es zuckt in seinem Gesicht und sein Blick flackert hinüber zu den Absperrbändern. Er lässt ihren Arm los, aber er sieht sie immer noch nicht an. „Männlich, weiß, Mitte zwanzig“, zitiert er. „Dunkle Haare. Etwa 1,80m.“

Scharf atmet sie ein. „Ich weiß nicht, woher du diese Informationen hast, aber ich schwöre, wenn du illegal den Polizeifunk abhörst, werde ich …!“

„Hat er eine Tätowierung?“ unterbricht er sie.

„Was für eine Tätowierung?“

„Am Handgelenk! Auf der Innenseite. Ein… ein K-k-kreis. Mit einem Regenschirm. Sag mir nur d-das.“

Es ist das winzige Stottern, was sie erweicht - mehr als die eindringliche Frage, mehr als sein bittender Gesichtsausdruck. Wenn Diego stottert, dann nur, wenn er kurz vorm Abgrund steht. Wenn es richtig tief unter die Haut geht, bis runter in die Eingeweide, dorthin wo es richtig wehtut. Als ob ihm die Worte, scharf wie Glasscherben mit Gewalt aus der Kehle gezerrt werden.
Er hat gestottert, als sie mit ihm Schluss gemacht hat.
Das erste Mal. Das einzige Mal.  
Vielleicht ist es diese Erinnerung, die sie erweicht.

„Er hat keine Tätowierung.“

Sie kann spüren wie er mit dem ganzen Körper die Luft anhält.
Er hat den Gesichtsausdruck von jemandem, der versucht resigniert und zynisch und abgehärtet zu sein, und der es doch nicht schafft, weil da immer noch das letzte bisschen Hoffnung schwelt tief in ihm, das sich einfach nicht abtöten lässt. „Bist du sicher?“

„Ja, ganz sicher.“ Sie hat die Arme nach Einstichstellen untersucht. Das wäre ihr aufgefallen. „Da war keine Tätowierung.“

Abrupt wendet er sich ab. Seine Schultern krümmen sich zusammen, als ob ihm seine gesamte Luft mit einem Schlag entweicht. Er gibt keinen Ton von sich.  

Überrascht hebt sie die Hand. Sie weiß nicht, mit was sie gerechnet hat, aber nicht damit. Nichts daran macht einen Sinn.
Sie hat hier zwei Puzzleteile, die nicht zusammengehören, und das macht sie fertig.
Der magere, zerstochene Junkie, an dem alles schreit: Beschaffungskriminalität, Prostitution, Überdosis, kollektives Versagen einer Gesellschaft und hier ist Diego-mein-Körper-ist-ein-Tempel-und-ich-bin-der-Rächer-der-Witwen-und-Waisen-Ramirez.
Das Puzzle ergibt keinen Sinn, es sieht aus wie ein abstraktes Gemälde in wilden Farben, wo oben unten ist und einem mitten drin die Randstücke ausgehen, und Eudora hasst es, wenn das passiert.  
„Diego…?“ sagt sie leise.

Er fährt sich rabiat durch die Haare und dreht sich wieder um. Er nickt, das Gesicht gefasst und ausdruckslos. „Okay.“

Okay? Das ist alles?“

„Ja, das ist alles.“

Sie starrt ihn an. „Entschuldige mal, du musst mir ein bisschen mehr geben als das! Was zum Teufel…?“

„Detektive Patch“, ruft es hinter ihr.

Sie hebt die Hand. „Jetzt nicht.“

„Der Leichenbeschauer will nur wissen, ob…“

„Einen Moment, ja?“

Als sie sich wieder umdreht, ist er verschwunden. Einfach weg.
Wie Batman in die Nacht geflattert. Sie lässt die Hände sinken.

Natürlich. Wie hat sie jemals etwas anderes von ihm erwarten können.
Diego.
Fucking Diego.
Sie seufzt.

Tätowierung am Handgelenk.
Kreis.
Regenschirm.
Männlich. Weiß. Mitte Zwanzig.
 

Etwas flackert in ihrem Kopf auf, Bruchstücke einer halb verschütteten Erinnerung. Aber sie bekommt sie nicht zu fassen.

„Detektive?“

„Ja.“

„War das ein Angehöriger? Haben wir schon eine Identifikation?“

„Nein“, sagt sie leise. „Nein, den vermisst niemand.“



Fortsetzung folgt: (Diesmal mit Klaus!)
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