SinfullSinner666

GeschichteHumor, Romanze / P16 Slash
Anthony J. Crowley Erziraphael
03.07.2019
28.08.2019
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Prolog – From Eden


Schon seit Eden hatte Crowley damit angefangen, seiner Gefühlswelt Ausdruck zu verleihen und nieder zu schreiben. Kleine Gedichte, Lobeshymnen gar. Erst auf Pergament, dann auf Papier, zuletzt auf einem eigenen Blog, welchem er liebevoll den Namen „SinfullSinner666“ verlieh. Sein eigentliches Ziel aber war es, sie direkt auf Aziraphales Haut niederzubringen. Jedes einzelne Gedicht zu memorieren und gegen die sanften, weichen Stellen Aziraphales Haut zu flüstern – ein Vers würde in seinem verzogenen Mundwinkel untergehen, ein weiterer direkt in seinem Ohr, die neu angestimmte Strophe würde er gegen die empfindliche Haut seines Halses flüstern und mit einem tiefen Atemzug brächte er den letzten Vers gegen die vollen Lippen zu Ende.

Und Crowley konnte sie alle auswendig. Egal ob das Gedicht erst eine Woche alt war, oder von vor 6000 Jahren stammt – jedes einzelne Wort wirrte in Crowleys Gedächtnis herum, waberte um seinen Verstand und drängte ihn dazu, sie endlich laut auszusprechen. Doch er ging lieber den sichereren Weg, den leiseren Weg. Den Weg, den ihn weniger die Scham aufzwingen würde, mit einer möglichen Abfuhr rechnen zu müssen, oder eventuell, ein peinlich berührtes Lachen erhören zu müssen. Er wusste, wie sehr sein Engel die Literatur liebte und die Angst davor damit nicht mithalten zu können, vor allem nicht mit Oscar Wilde, zwang seinen Mut jedes Mal erneut in die Knie.

Shakespeare hätte ihn vermutlich mit einem Lachen gestraft, wenn er ihm erzählt hätte, dass er an seinen enthusiastischen Begleiter, welcher nur zu gern lieb gemeinte Kommentare zur Bühne hinaufrief, Gedichte verfasste und nie daran dachte, diese vorzutragen. Obwohl der Gedanke daran, auf einer großen Bühne zu stehen und mit einem großen Scheinwerferstrahl auf ihn gerichtet, diese Worte auszusprechen und direkt an den Engel im Publikum zu richten, die innere Drama-Queen in Crowley ansprach. Ganz egal wie kitschig oder qualvoll romantisch diese Gedichte vielleicht sein mögen, Shakespeare wäre mit Sicherheit der letzte, welcher ihm für die Wahl seiner Worte ein Kopfschütteln zukommen lassen würde. Für einen kurzen Moment dachte Crowley damals sogar, dass Aziraphale die Gedichte vielleicht gar nicht schlimm finden würde. Dieser Gedanke verflog jedoch so schnell wieder, wie Crowleys Begeisterung für Shakespeare.

Am Schlimmsten war jedoch Crowleys Bekanntschaft mit der Moderne. Das Internet war so eine große Plattform für einen armen, missverstandenen Künstler wie ihn und neben einer Möglichkeit sich Gehör zu verschaffen, bot es ihm auch Inspiration an. Jedoch war Inspiration nie eines von Crowleys Problemen mit der Schriftstellerei gewesen. Aziraphale musste lediglich einen Blick in seine Richtung werfen, oder aufgrund einer seiner dummen Witze einen seiner Mundwinkel so liebevoll nach oben verziehen, und schon war es um Crowley und seine literarische Gewandtheit geschehen. Allerdings nahm Crowley liebend gern die Möglichkeit für ein Publikum an. Vorerst zunächst. Es war schön zu wissen, dass seine Gedichte mit gierig lesenden Augen verschlungen wurden, dass sein Geschreibsel seit tausenden von Jahren nicht umsonst vergingen und wenigstens jemand sie las – auch wenn diese Leute nicht Aziraphale waren. Schlimm waren jedoch all diese ermutigenden Kommentare, kleine Versuche den Autor doch bitte dazu zu bringen, es seiner geliebten Person doch endlich zu sagen. Manche bösen Zungen schlugen auch vor, ihm endlich alles zu beichten, damit die Menschheit von diesem schlimmen Kitsch befreit wurde. Crowley würde sich irgendwann in Zukunft noch einmal persönlich um die Person kümmern, die diesen Kommentar verfasst hatte. Und dennoch war nichts davon genug, um Crowley dazu zu bringen, jemals eines dieser Schriftstücke vor Aziraphales Augen zu setzen. Meist schloss er lediglich mit einem Kopfschütteln seinen Laptop und nahm sich seinen Schreibblock zur Hand. Vielleicht löschte er seinen Blog auch, die Bestätigung eben jener Leute war vielleicht doch nicht das, was er sich erhoffte.

Das war bis Crowley eines Tages in Aziraphales Buchladen die Zeit tot schlug. Er hatte es sich in einem seiner Ohrensessel bequem gemacht und, selbst nach erneutem Bitten von seitens Aziraphale, seine Füße auf den kleinen Tisch vor ihm gelegt. Wenigstens hatte der Engel ihn dazu bewegen können, seine schweren Schuhe auszuziehen, damit das Holz nicht beschädigt wurde. Crowleys Blick war auf ein Buch gesenkt, er versuche seit kurzer Zeit den Anschein zu erwecken, sich belesen zu wollen. Aziraphale war begeistert von Crowleys neuer Lesewut und hatte ihm angetan von seinen Lieblingswerken erzählt, ihm zu anderen Büchern geraten und hier und da bestimmte Autoren empfohlen. Der einzige Grund für Crowleys neues Interesse an Büchern war jedoch lediglich eben jene Leidenschaft seitens Aziraphale und die Möglichkeit, eine kleine Tarnung zu besitzen, um öfter im Buchladen vorbeizusehen und seinen Engel beobachten zu können. So hörte Crowley auch das angeregte Gespräch zwischen Aziraphale und einem seiner Kunden mit. Anscheinend ging es um die Liebesgedichte von Brecht und ob der Engel in seiner großen Sammlung nicht vielleicht einen Sammelband zu verkaufen hätte. Natürlich hatte er das, aber Aziraphale war der letzte, der das zugeben würde. Die kleine Enttäuschung des Kunden endete in einer fachspezifischen Diskussion über romantische Literatur, und Crowley konnte von seinem kleinen Aussichtspunkt die Augen seines Engels begeistert aufblitzen sehen – er versuchte sein Lächeln so gut es ging hinter dem Buch zu verstecken.

„Wissen Sie, damals da hatte die Liebe noch eine Bedeutung! Ja, wenn Liebe und Natur verbunden wurden, wenn die Mädchen zu Blumen wurden und sich alles reimte!“, gab der Kunde nickend von sich.

„Hach, die Reime. Manchmal vermisse ich sie doch tatsächlich, seit der Trümmerliteratur gibt es kaum mehr ein Munster in der Literatur und ich kann nicht ganz einen Finger darauflegen, ob ich daran Gefallen finden soll. Ich mochte all diese Schemen, sie verliehen Gedichten immer ein gewisses etwas. Vielleicht habe ich mich da allerdings noch nicht alt zu gut hineingelesen, das muss ich zugeben. Ich spreche mich selbst schuldig ein Fanatiker der Klassiker zu sein“, lächelte Aziraphale, während er gewissenhaft abgelegte Bücher wieder in die Regale einräumte.

Der Kunde folgte ihm bei dieser Tätigkeit und stieß lachend Luft aus seiner Nase aus. „Sicherlich. Ich kann mich mit der Moderne nicht anfreunden. Jetzt wo alle dazu in der Lage sind ihr Geschreibsel online zu stellen und dafür Anerkennung haben wollen.“

Fragend zog der Engel eine Augenbraue in die Höhe. „Wie meinen?“

„Sie haben doch sicherlich schon mal literarische Blogs im Internet besucht.“

Aziraphale schüttelte den Kopf. „Da muss ich Sie leider enttäuschen, nein. Ich bin allerdings auch nicht die technikaffinste Person, die auf Erden wandelt.“

Verständnisvoll klopfte der Kunde ihm auf die Schulter. „Das kommt wohl noch. Irgendwann ist das auch unvermeidlich. Leider. Ich habe bis jetzt noch kein Stück an Literatur dort gefunden, was lesenswert ist. Wenn sie einmal etwas zum Lachen haben wollen, dann kann ich Ihnen gerne ein paar Sachen empfehlen.“

„Nichts liegt mir ferner, als mich über Literatur anderer zu amüsieren“, sprach Aziraphale und kehre zu der kleinen Verkaufstheke zurück, seinen Kunden im Schlepptau.

„Das hier liegt weit entfernter als die Diskussion darüber, ob Franz Kafka ein guter Schriftsteller war oder nicht“, lachte der Kunde und griff nach dem leeren Verkaufsblog auf der Theke. „Hier, ich schreibe Ihnen ein paar Sachen auf. Literaturbegeisterte Leute wie wir dürfen uns über sowas schon mal aufregen, glauben Sie mir.“

Aziraphale verfolgte den schnellen Schriftzügen auf dem Papier und konnte nicht verleugnen, dass er schon etwas neugierig war. „Das sind Autoren?“, fragte er verwirrt, als er sich die Notiz durchlas.

„Möchtegerne“, berichtigte der Kund und verabschiedete sich mit einem Kopfnicken.

Crowley hatte die Szene vor sich mit stillen Blicken beobachtet, und konnte nicht verleugnen, dass sein Herz ihm etwas schwer in seiner Brust lag. Er setzte einen kritischen Blick auf, als Aziraphale in seine Richtung kam um sich einen neuen Kakao einzuschenken und wollte irgendeinen Kommentar abgeben, irgendwas um Franz Kafka zu verteidigen oder um zu zeigen, dass er das Buch in seinen Händen wirklich gelesen hatte, aber seine Stimme versagte ihm, als er Aziraphale im Vorbeigehen leise „Sinfullsinner666? Wie nennen die Menschen heutzutage denn ihre Kinder?“ sagen hörte.

Mit einem lauten Knall schlug Crowley sein Buch zu und war in seine Wohnung verschwunden und hatte sich auf seinen Laptop gestürzt.



& ich denke bei mir
mit dir stirbt die schönheit
& mit cupids pfeil durchbohrt
fall ich vor dir auf die knie.
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