Es war so klar gewesen

von Rainbow
GeschichteDrama, Romanze / P16 Slash
03.07.2019
29.10.2019
17
73047
24
Alle Kapitel
68 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
 
 
Ich traue mich mal wieder mit Originalfiction hierher. Gruselig. :D

Einige Anmerkungen im Voraus:

BEENDET: Wie bereits in der Kurzbezeichnung angemerkt, ist die Geschichte bereits zu Ende geschrieben. Ich will das Risiko nicht mehr eingehen, Dinge zu posten, die nicht beendet sind und vielleicht nicht beendet werden. Daher freut euch auf 17 hoffentlich interessante Kapitel mit Sebastian und Martin!

FACHWÖRTER: Ich verwende immer mal wieder Fachwörter, um darzustellen, wie sich meine Charaktere so richtig geil in ihrer kleinen Welt vorkommen. Größtenteils braucht ihr sie nicht zu googlen, da sie aus dem Kontext erkennbar sind oder einfach irrelevant für die Storyline. Aber falls ihr neugierig seid, hilft Google sicher gern.

ENGLISCH: Wenn Leute hin und wieder mal Englisch reden, schreibe ich das auf Englisch. Passiert nicht so oft, nichts Aufregendes oder Kompliziertes, aber fühlt sich für mich so irgendwie richtiger an, als wenn ich’s in Deutsch schreibe. Sollte notfalls alles Google Translate -fähig sein.

FEEDBACK: Auch wenn die Geschichte beendet ist, ist mir euer Feedback extrem wichtig, egal in welcher Form, aber natürlich gibt es mir am meisten Weiterentwicklungsmöglichkeiten, wenn ihr mir sagt, was ihr gut findet und was nicht. :)

Nun aber viel Spaß beim Lesen!

____

Kapitel 1 (ca. 3500 Wörter) – Verdammte Bierwerbung

Es war so klar gewesen.

Die Bewerbung für die Beförderung war eh nicht seine Idee gewesen. Maria hatte es vorgeschlagen, als er erzählt hatte, wie verrückt es war, dass man überhaupt intern nach Bewerbern für die neue Position gesucht hatte.

Als ob jemand, der länger als zwei Monate hier arbeitete, so dumm war, freiwillig in die Geschäftsführung zu wechseln!

Laurenz war gerade geboren gewesen, lag sabbernd auf seiner Brust, während Maria ihn vorwurfsvoll ansah und die drei Großen anfingen, auf dem Boden herumzurutschen. Manchmal fühlte er sich schlecht dafür, dass seine Kinder so gut darin trainiert waren, zu spüren, wenn sie sich streiten würden. Seine eigenen Eltern hatten nie so viel geschrien wie er und Maria.

Es war ein richtiger Haufen Geld, es war ein Firmenwagen. Was kümmerte es da schon, dass Sebastian keine Ahnung hatte, was er tat?

Das war in Start-Ups nun einmal so – wenn man sie nach den paar Jahren und fast vierzig Mitarbeitern noch so nennen durfte. Man machte neue Sachen, probierte sich aus. Es ging manchmal eben schnell, vom Teamleiter zum stellvertretenden Geschäftsführer. Vom klopfenden Coder-Herzen im ersten Kundentermin zu Anzug und Krawatte und Verantwortung.

Er wollte kotzen.

Als er damals die Teamleitung übernommen hatte waren sie gerade einmal vier Softwaredeveloper gewesen. Zwei davon neu im Unternehmen. Ihr Senior Developer hatte gekündigt und es war klar gewesen, dass nur Sebastian die damals neu eingeführte Führungsrolle übernehmen konnte. Und sein Team zu führen hatte er gelernt, mit allen Ups und Downs.

Ihm war jedoch von der ersten Minute an klar gewesen, dass man ihn als stellvertretenden Geschäftsführer nicht akzeptieren würde, weder von oben noch von unten. Seine Kollegen aus der Software-Entwicklung nahmen ihm die Beförderung übel, die anderen Teamleiter nahmen ihm die Beförderung noch übler und Paul nahm ihm übel, dass er nicht nach zwei Minuten die Firma leiten konnte.

Sein Chef hätte ihn mit seiner Entscheidung zu seinem Partner machen müssen. Er hätte sein Baby, die Verantwortung für ihr Unternehmen, in das auch Sebastian all sein Herzblut in den letzten viereinhalb Jahren gesteckt hatte, in die Hände eines anderen geben müssen. Jeder, der Paul kannte, wusste, dass das nicht passieren würde. Seine Idee war bis heute grandios – eine Gaming App mit kontinuierlicher Storyline, in die Unternehmen sich einkaufen konnten, um Mitarbeitern oder Kunden exklusive Inhalte zu bieten. Sie waren abgehoben, ohne nach den ersten Flügelschlägen wieder abzustürzen und es schien noch heute, als ob sie jeden Monat einen neuen Mitarbeiter einstellen mussten, um nachzukommen. Die Idee war grandios und sie war ganz Pauls, genauso wie seine Firma, auch mit Sebastian in seinem viel zu pompösen neuen Chefsessel.

Er war von Anfang an zum Scheitern verurteilt gewesen und es machte es alles nur schlimmer, dass er es wusste, es schon immer gewusst hatte.

„Du siehst ziemlich beschissen aus.“

Er fuhr fast aus seiner Haut vor Schreck. Martin lachte nur.

“Penny for your thoughts?”

Er wäre noch viel reicher als er es eh schon mit jedem Monat wurde, wenn er für jeden seiner Panikgedanken auch nur einen Cent bekam.

„Ich habe darüber nachgedacht, ob wir stärker in die Kaltakquise einsteigen sollten. Unsere Pipeline ist zwar stark, aber so passiv. Wenn es mal weniger gut aussieht, haben wir keinerlei Stellschrauben“, sog er sich aus seinen Fingern, um Martin ja nicht spüren zu lassen, dass er in Wirklichkeit gerade an allem zweifelte, von seiner Kompetenz als Geschäftsführer bis hin zu seiner Fähigkeit, jemals eine glücklichere Ehe mit seiner Frau zu führen.

„Ich hätte nicht gedacht, dass du jemals sowas wie „Kaltakquise“ oder „Pipeline“ sagen würdest. Zumindest nicht in einem zusammenhängenden Satz“, lachte Martin nur und Sebastian versuchte, unauffällig tief durchzuatmen. Martin hatte nicht bemerkt, aus welchem gedanklichen Morast er ihn tatsächlich herausgezogen hatte.

„Naja, immerhin soll ich euch allen ja sagen können, wie ihr euren Job zu machen habt“, konterte er ironisch, froh darüber, dass er zumindest mit einem ehemaligen Kollegen einigermaßen locker sprechen konnte.

Von Marketing über HR und Sales bis hin zu seinem eigenen Team sprach kaum mehr jemand mit ihm, ohne angespannt zu sein. Martin war ihr Head of Content Development und hatte ihn auch in seinem neuen Büro nicht ein einziges Mal überzogen respektvoll behandelt und Sebastian liebte es.

Sie hatten sich in der Vergangenheit, als sie beide noch Teamleiter gewesen waren, bis aufs Äußerste gestritten. Hatten sich im wöchentlichen Teamleiter-Meeting sogar ein paar Mal angeschrien, aber irgendwie hatte es immer einen doppelten Boden, ein gegenseitiges Verständnis gegeben. Sie wussten beide, dass es manchmal mit Paul unmöglich war. Und manchmal war Sebastian das Opferlamm gewesen, wenn ein Release nicht stand und Martin davon ablenken musste, dass sein Team zu spät geliefert hatte. Und manchmal hatte Martin den Mund gehalten, wenn Sebastian ihm Vorwürfe machte, nichts von ihrem Geschäft zu verstehen, weil er wusste, dass Sebastian sich außerhalb des Codes seinerseits nicht besonders gut auskannte. Und manchmal hatten sie sich solange gestritten, bis es Paul unangenehm geworden war und ihr leicht exzentrischer Chef sich zurückzog.

Sebastian hatte Martin schon immer sehr respektiert und ehrlich gesagt auch schon immer gemocht.

„Und wie sieht Steffen es, wenn du ihm von deinen Ideen über Kaltakquise erzählst?“, riss Martin ihn schon wieder aus den Gedanken. Der zwei Jahre ältere hatte es sich auf seinem Besprechungstisch bequem gemacht, saß mit baumelnden, verschränkten Beinen dort und sah ihn amüsiert hinter seinem Schreibtisch an.

„Ich glaube, Steffen würde mir aktuell am liebsten eine reinhauen.“

Martins Augenbrauen zogen sich zusammen, sein Blick diese komische Art von fragend, die auf Sebastian immer mehr zweifelnd wirkte und ihn etwas verunsicherte.

„Ich hatte heute Quartalsgespräch mit ihm. Paul will zu den Umsatzzielen zusätzlichen Ausbau unserer Positionierung. Ich habe Steffen für nächstes Quartal eine Zielmarke für Neukunden gesetzt. Er hält mich für einen völligen Idioten, was Verkauf angeht, da war er heute ziemlich deutlich.“

Martins Augenbrauen hoben sich, er verschränkte die Arme.

„Das kann ich mir gut vorstellen. Du weißt, dass er ab jetzt die Sache mit dem Counting per User noch mehr pressen wird, damit er magically an die Zahlen rankommt?“

„Eh. Bringt ihm halt langfristig nichts. Aber wer denkt schon an langfristig“, konterte Sebastian und zuckte mit den Achseln.

Er dachte manchmal langfristig. Fragte sich, ob er langfristig jedermanns Prügelknabe bleiben wollte. Fragte sich, ob er sich das im Studium für seine Zukunft ausgemalt hatte. Fragte sich, ob er jemals seine so sehr gewünschte Familie mehr wertschätzen würde. Fragte sich, ob mit ihm alles in Ordnung war, dass er in einem krassen Job, mit einer geilen Familie und einer ziemlich heißen Frau nicht glücklich war.

„Wie geht es Anna?“, fügte er hinzu, nachdem Martin nicht geantwortet hatte. Mit einem leichten Knacken in seinem unteren Rücken erhob er sich von seinem Schreibtischstuhl und trat zu seiner Terrassentür.

Jetzt in den Sommermonaten liebte er das neue Büro mit Terrassenzugang. Und wenn abends niemand mehr im Haus war, inklusive Paul, dessen Büro direkt nebenan lag, ging er hin und wieder barfuß nach draußen und setzte sich auf die Brüstung. Manchmal rauchte er, wenn er wusste, dass Maria eh schon schlafen würde, wenn er heimkam, und er unauffällig duschen konnte, bevor er ins Bett kam.

Martins Anwesenheit machte ihm heute einen Strich durch die Rechnung, derartige Eigenarten konnte er auch vor seinem Verbündeten nicht zeigen. Aber das war okay. Er mochte diese seltenen abendlichen Gespräche sehr.

„Anna geht’s super. Der Kleine macht mit jedem Tag weniger Stress, die Große ist glücklich, Ferien zu haben. Anna geht wieder drei Tage die Woche arbeiten, seitdem macht sie auch mir weniger Stress“, erzählte Martin von seiner Familie, während Sebastian die Terrassentür öffnete und die frische, warme Abendluft einatmete. Er liebte Sommer.

„Hört sich gut an.“

Martin klang immer glücklich. Auch wenn er von Streit mit Anna sprach, er klang nie als ob er unglücklich war, sogar, wenn Anna ihn auf die Couch verbannte.

Sebastian war eben einfach ein undankbarer Drecksack, der sein Glück nicht schätzte.

„Hast du von Pauls neuster Idee für den nächsten Storysprint gehört?“

„Welche Idee?“

Sein Herzt klopfte ein wenig schneller.

„Er will den nächsten Teil antriggern. So ein looking back two years later Ding, was jetzt niemandem auffällt.“

„Ach, die Sache mal wieder“, log Sebastian, der die Idee das erste Mal hörte.

„Mit seiner bisherigen Vorstellung wird’s halt super auffällig. Das kann man vergessen. Wie verhindern wir das, ohne dass er sich übergangen fühlt?“

Übergehen. Wunderbares Wort.

Hätte das nicht sein Job sein sollen? Pauls Ideen zu sammeln und effektiv an die Teams weiterzugeben? Als erster von allem zu erfahren und vernetztes Ideenmanagement zu bieten? Eine Gesamtvision zu entwickeln?

Paul vertraute ihm nicht. Anfangs hatte es sicher mit seiner fehlenden Erfahrung zu tun gehabt. Aber nun hatte er Erfahrung gesammelt und manchmal hatte er den Eindruck, dass Paul ihm noch weniger erzählte als zu Beginn.

Es machte ihn wütend, dass Paul noch immer direkt mit Martin sprach, ihn überging.

„Keine Ahnung. Sag du’s mir.“

Sebastian bereute seine Patzigkeit etwa zehn Millisekunden nachdem sein Mund begonnen hatte, sich zu bewegen, aber es war zu spät. Martin konnte nichts für all diesen Unsinn. Sebastian schloss seine Augen und atmete tief durch.

Als er seine Augen wieder öffnete stand Martin an der anderen Seite des Türrahmens und sah ihn ausdruckslos an.

„Sorry. Nicht mein Tag heute.“

„Alles gut.“

Und der scheiß Idiot lächelte, als wüsste er, dass kein einziger der letzten 318 Tage sein Tag gewesen war.

______

„Ich denke nicht, dass wir darüber sprechen müssen.“

Paul sah zu seinen Teamleitern und öffnete seine Mappe.

Sebastian wusste nicht, ob er wütend, traurig oder enttäuscht reagieren sollte. Er wollte explodieren, heulen und sich eine Knarre in den Mund stecken und was machte er? Er saß da und hörte Paul dabei zu, wie er sein Teamleiter-Meeting übernahm.

Er hatte all das in den letzten Monaten reibungslos gemanaged! Alles war effizienter gelaufen, ihre Teamleiter-Meetings dauerten nur mehr 45 Minuten statt zwei Stunden, er strukturierte ihre Themen, nahm die Bedarfe seiner Mitarbeiter auf und fragte nach ihrer Meinung, ihren Lösungen.

Und Paul? Paul wollte heute mit einem Mal wieder dabei sein. Aus dem Nichts. War einfach so in sein Büro gekommen und hatte sich an den Besprechungstisch gesetzt.

Sebastian hatte sich wochenlang damit beschäftigt, den neuen Release Prozess zu optimieren und in eine ausrollbare Form zu bringen. Sein Head of Sales, Steffen, würde zwar wütend sein, weil seine Kunden mit längeren Wartezeiten rechnen mussten, aber zugleich würden die Deadlines besser eingehalten werden, ihr Software Team weniger Bugs produzieren und Martin hätte sogar Zeit, sein Team vollständige Continuity Prüfungen machen zu lassen. Seit Beginn der Firma hatte das alles Probleme gemacht, nie hatte jemand sich einmal ein sinnvolles Konzept überlegt und er wusste, dass sein Plan gut war. Verdammt gut.

„Paul, wir hatten die Überarbeitung des Release Schedules schon länger eingeplant. Es wäre gut, wenn wir das Thema heute beenden könnten, da wir frühzeitig Anpassungen in den Prozessen machen müssen.“

Er konnte kaum glauben, dass er tatsächlich sein Wort erhoben hatte, dass er Paul offenbar auch noch unterbrochen hatte.

„Wir releasen am 30. September. Es braucht keine Überarbeitung. Wir müssen über unsere Sales Positionierung sprechen. Ich halte es für keine gute Idee, dass wir weiter Zeit in unnütze Akquise-Projekte stecken. Das ist nicht unsere Stärke…“

Paul ließ ihn kaum atmen, bevor er die Leitung aus seinen Händen geschnappt hatte und Steffen zu ekstatischem Nicken brachte. Selten hatte jemand gleichzeitig so viel seiner Arbeit zerstört und Paul schien es nicht einmal zu bemerken.

Der Rest des Meetings flog an ihm vorbei. Er versuchte, Steffens triumphierendem versteckten Lächeln zu entkommen, wich Martins bewusst neutralem Blick aus und tat sein bestes, nicht zu bemerken, dass Paul ihn nicht einmal mehr beachtete. Er blickte auf den Monitor mit Pauls unübersichtlichen KPIs der Teams, die er selbst eigentlich seit einigen Monaten aufbereitet für alle übersichtlich zur Verfügung stellte, und schaltete auf Durchzug.

Maria hatte am Vorabend geweint. Er wusste nicht mehr, was er falsch machte. Zu Beginn hatte er es auf die Nachwehen der Schwangerschaft geschoben. Es gab da doch lauter Sachen, die Frauen nach der Geburt depressiv machen konnten. Aber nun war Laurenz auch schon über ein Jahr alt und noch immer war es schwierig mit Maria, manchmal weinte sie ganze Abende durch und er saß mit den Kindern im Wohnzimmer, versuchte, normal zu sein.

Warum er Mama immer so traurig mache, hatte Maja letzte Nacht gefragt, als er sie ins Bett gebracht hatte und seine Älteste ihre Mutter im Nebenzimmer schluchzen gehört hatte. Am liebsten hätte er auch geheult.

Der Hausarzt hatte Medikamente verschrieben, aber wegen des Stillens hatte Maria nein gesagt. Seit drei Monaten stillte sie Laurenz jetzt nicht mehr und das Rezept lag noch immer unangetastet auf ihrem Schreibtisch. Sie wollte keine Pillen, keinen Therapeuten, nicht mit ihrer Schwester reden. Es sei ihre Sache. Er sei doch eh nie zuhause, was kümmere es ihn, ob sie glücklich sei oder nicht. Ihn interessiere doch eh nur noch die Arbeit.

Sebastian hatte angeboten, mehr mit den Kindern zu helfen, seine Stunden runterzuschrauben. Nein, warum habe er dann überhaupt den neuen Job angenommen. Sie hatte sich entschuldigt, geweint, sich entschuldigt, noch mehr geweint…

Der restliche Tag nach dem Teamleiter-Meeting war verschwommen in Sebastians Kopf. Er war am Ende des Meetings sitzen geblieben, hatte gewartet, ob Paul noch unter vier Augen mit ihm sprechen wollte, doch nichts. Den ganzen Tag nicht.

Er hatte ihn aus einer seiner Kernfunktionen herausgeworfen und nicht mal dabei geblinzelt. Es war nicht das erste Mal, dass sowas passierte, aber je weniger Aufgaben ganz seine waren, desto mehr tat jede weh, die Paul sich wieder unter den Nagel riss, desto deutlicher wurde das Misstrauen und der Zweifel.  

Antonia war heute da. Marias Schwester. Vielleicht würde sie Maria überzeugen können, sich Hilfe zu holen. Er solle lieber erst später heimkommen, damit sie in Ruhe reden konnten, hatte seine Schwägerin ihm auf WhatsApp geschrieben. Das war astreiner Code für „Ich will dich nicht sehen müssen“.

Es war 19:52 Uhr als er Pauls Schlüssel in der Tür des Nebenbüros hörte. Für einen letzten Moment war er angespannt, wartete, ob er doch noch vorbeikam, um darüber zu reden, weshalb er sein Meeting gekentert hatte.

Nichts.

Sebastian hörte den Motor am Parkplatz und verlor seine Hoffnung.

Es war Paul einfach scheißegal.

Ihre digitale Zeiterfassung zeigte ihm, dass niemand außer ihm mehr im Haus war. In der Büroküche war noch Bier von ihrer Feier zum letzten großen Auftrag und er würde eh heute mit der Bahn nachhause fahren.

Es dauerte nur Minuten, bis er barfuß auf der Brüstung der Terrasse saß, eine Dose Bier in der Hand. Die Sonne machte sich langsam ans Untergehen, es war warm und für ein paar Augenblicke fühlte er sich besser.

„Na, wenn das Paul sehen würde!“

Natürlich war es Martin. Wer sonst.

„Paul kann sich ins Knie ficken.“

Martin kam näher, legte sein Jackett ab und lockerte seine Krawatte. Sebastian sah ihn etwas fragend an und der Ältere verstand wortlos.

„War noch auf Kundentermin, hab das Auto aber hier stehen.“

„Wie war‘s?“

„Gut natürlich. Wollen Personalentwicklung gamifizieren. Lässt sich inhaltlich alles sehr gut alignen, haben aber eine eigene App mit Inhalten, für die wir eine Questschnittstelle brauchen.“

Sebastian nickte. Das war nicht mehr sein Problem, auch wenn der Entwickler in ihm sofort vor Neugier brannte, wie man das lösen könnte. Er versuchte sich abzugewöhnen, darüber nachzudenken, es kostete ihn zu viel Zeit und sein ehemaliges Team sah seine Vorschläge nur mehr als Vorschriften, feierte jede Schwachstelle. Das war nicht mehr sein Team.

„Das war ein hartes Teamleiter-Meeting heute.“

Martin hatte seinen Bier-Nachschub bemerkt und stahl sich eine Dose, bevor er sich ihm gegenüber auf der Brüstung niederließ. Die Selbstverständlichkeit, mit der Martin sein Bier für sich beanspruchte hatte ein eigenartiges Level an Vertrautheit, das er nicht von ihm kannte. Martin öffnete seine Dose und trank durstig gleich die Hälfte. Sebastian konnte seine Augen nicht abwenden, bis er das Bier absetzte.

„Gab’s einen Grund, dass Paul da war?“

Sebastian schwieg. Er wollte darüber nicht reden. Nicht wirklich. Aber gleichzeitig war er merkwürdig froh darüber, dass Martin da war.

„Nicht abgesehen vom Offensichtlichen.“

Martin sah ihn fragend an und Sebastian trank nun seinerseits einen Schluck Bier, mehr aus Hoffnung, Mut zu gewinnen, als aus Durst.

„Er vertraut mir nicht, dass ich meinen Job richtigmache. Und so wie das Meeting gelaufen ist, tue ich das auch offenbar nicht.“

„Er hat eine andere Perspektive. Die Firma ist halt sein Lebenswerk, wenn da irgendwas schiefgeht, dreht er durch. Wir kennen ihn doch. Das ist nichts Persönliches.“

„Nein, persönlich nicht. Ich glaube, dass niemand gut genug wäre, den Job zu seiner Zufriedenheit zu machen. Aber mir kommt’s schon so vor, als wäre ich extra schlecht drin.“

Er lachte, halb bitter, halb tatsächlich amüsiert.

„Du weißt, dass niemand sich auf den Job beworben hat, weil es verrückt ist, ihn zu machen. Du kriegst faktisch Geld dafür, eine Bärenmama von ihrem Jungen abzuhalten.“

„Ich glaube, mir wär‘ ein echter Bär lieber. Da gibt’s Betäubungsgewehre dagegen und so.“

„Hält auch nicht ewig. Und erschießen könntest du Paul auch, da hätte aber vermutlich Maria was dagegen, oder?“

Sebastian erstarb das Lachen im Hals, er spülte es mit Bier runter.

„Alles okay bei euch?“

„Maria geht’s nicht so gut. Heut Abend ist ihre Furie von Schwester da, vielleicht geht’s ihr danach besser. Ich kriege jedenfalls Bier dafür.“

Martin lächelte schief und stieß mit einem „Na dann, cheers“ gegen Sebastians Dose.

Sie schwiegen und Sebastian war froh, dass der Ältere bemerkt hatte, dass er weder über Paul, noch Maria sprechen wollte. An sich wollte er über gar nichts sprechen, sein ganzes Leben hatte sich im letzten Jahr zu einer No-go-Zone entwickelt.

Die Sonne ging weiter unter und Sebastian fühlte sich entspannter und entspannter, ob es nun das Bier, die anbrechende Dunkelheit oder Martins Anwesenheit war. Sein Tag war so richtig beschissen gewesen und sie hatten seit sicher fünf Minuten kein Wort gewechselt und trotzdem munterte Martin ihn auf. Wie er schon da saß im orangenen Sonnenlicht… Seine Krawatte gelockert, der oberste Hemdknopf geöffnet, die Ärmel etwas nach oben gekrempelt, seine gegeelte Frisur nicht mehr ganz perfekt nach einem zwölf Stunden Tag… Er sah aus wie aus einer verdammten Bierwerbung mit der Dose in der Hand.

Sebastian wusste, dass sein eigenes Erscheinungsbild nicht mal halb so viel hermachte. Er sah sicher viel zu müde aus, er fühlte sich im Hemd bis heute unwohl und wusste nicht, wie er die Ärmel hochkrempeln sollte, ohne unordentlich auszusehen. Er hatte früher nie Hemden getragen. Seine Haare schnitt er mittlerweile mit dem Langhaarschneider seiner Kinder, weil keine Zeit mehr für Friseure und derartigen Luxus in seinem Leben war. Wie Martin das alles nur so einfach hinbekam?

„Ich bin froh, dass du den Job damals genommen hast.“

Sebastian musste sich nicht mal anstrengen, den ungläubigsten Blick seines Lebens aufzusetzen.

„Auch wenn es für dich Horror ist, in Wirklichkeit läuft es besser seitdem. Das weiß sogar Steffen. Und auch wenn Paul es nicht sehen will, irgendwo ganz tief drin wird er es auch wissen und genau das lässt ihn nicht los. Dass es auch ohne ihn laufen könnte. Damit kommt er nicht zurecht.“

Sebastian lächelte.

„Danke. Das tut so ein bisschen gut.“

„Ein bisschen nur?“, empörte sich Martin und lachte. Sebastian machte mit.

„Was erwartest du nach so einem Tag? Ein bisschen ist schon ein Wunder, würde ich sagen.“

„Touché“, erwiderte Martin, bevor er seine Bierdose mit einer Hand zusammendrückte. „Ich sollte mich dann mal auf den Weg machen. Anna wartet.“

Sein Wunder war vorbei und seine Entspannung hatte sehr offensichtlich nichts mit dem Sonnenuntergang oder dem Bier zu tun gehabt.

„Versprich mir, dass du nicht die ganze Nacht hier verbringst. Du brauchst mal wieder acht Stunden Schlaf und ein Wochenende, wenn ich mir dich so anschaue.“

„Keine Sorge, ich geh dann eh auch gleich.“

„Soll ich dich mitnehmen?“

Von Martins Fingern baumelten seine Autoschlüssel.

„Nee, passt schon. Alles gut.“

Ihm fiel keine Ausrede ein, warum Martin ihn nicht mitnehmen konnte und er wollte noch ein Bier, bevor er Maria und Antonia unter die Augen trat.

„Dann mach’s gut, bis morgen, Sebastian.“

„Bis morgen.“

Während unten auf der Straße der Motor von Martins Auto ansprang, bückte Sebastian sich, um sein letztes Bier zu schnappen. Er hörte seinen Kollegen bereits abbiegen, als er sah, dass Martin sein Jackett liegen gelassen hatte. Mit einem Schulterzucken öffnete er sein Bier und ergab sich seinen Gedanken.

Als das Bier leer und er selbst wieder im festen Griff seiner Panikgedanken war, nahm er Martins Jackett und tapste barfuß nach drinnen, bis rüber in Martins Büro. Dort angekommen setzte er sich einen Moment auf den Schreibtischstuhl und blickte hinüber zum Bücherregal. Wie oft er dort schon gestanden und mit Martin diskutiert hatte, der auch im größten Streit noch immer bequem in seinem Stuhl gesessen und sich leicht hin und her gedreht hatte. Er beneidete den Älteren bitterlich, in jedem Teil seines Lebens und wünschte sich zurück in die Tage, in denen er Martin von dort drüben einen egozentrischen Blender genannt hatte, nur um darauf zu warten, was Martins vermutlich doppelt so kreativer Konter sein würde.

Seine Hand vergrub sich im weichen Material des Jacketts auf seinem Schoß. Er vermisste es.
Review schreiben