Nebelgeflüster

von Vilandel
OneshotRomanze, Schmerz/Trost / P16
03.07.2019
03.07.2019
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Puh, nach langer Zeit kommt endlich wieder etwas von mir. Und wie feiert man besser das Ende einer Schreibblockade als mit einem schönen OS zu einem OTP?
In diesem Fall ist es Monderi (dieses Pair verdient mehr FFs). Als Inspiration half mir ein wenig dieses Bild und vor allem diese Musik, die euch empfehle während dem Lesen zu hören.

Und wie immer, viel Spass beim Lesen!





Nebelgeflüster




Als Derieri die Augen aufschlug, war ihre Sicht nicht klar. Schwarz, Dunkelblau und ein silbrig schimmerndes Weiss formten sich in wage Konturen, die sie noch nicht identifizieren konnte. Sie wollte sich aufsetzen, doch der Boden unter ihrem Rücken fühlte sich so angenehm weich an, dass sie lieber noch eine kleine Weile liegen bleiben wollte.

Moment mal, weich?

Abrupt setzte Derieri sich auf. Zu ihrem Erstaunen befand sie sich nicht im Fegefeuer. Stattdessen sah sie auf ein nebeldurchflutetes Tal, welches irgendwie verschwommen wirkte. Als ob es nicht wirklich real war. Um der Dämonin hoben sich eher kleine Bäume im Halbkreis, deren Äste fast wie ein Dach über ihren Kopf bildeten. Auch sie wirkten verschwommen. Nur der Mond und die unzähligen Sterne am Nachthimmel sowie der übernatürlich hell leuchtende Nebel, der sich majestätisch durch das Tal zog und dennoch beruhigend wirkte, konnte Derieri scharf erkennen.

War… war sie etwa aus irgendeinem Grund wieder lebendig geworden? Beinahe instinktiv fasste sie sich an die Brust. Mit gemischten Gefühlen musste sie jedoch erkennen, dass unter ihrer Hand kein Herzschlag zu spüren war. Trotzdem hatte sie fast das Gefühl lebendig zu sein. Fast…

Derieri verstand nichts mehr. Nach Maels Todesschlag, nach dieser Erinnerung von ihr und Monspeet… hätte sie definitiv tot sein sollen. Und mit ihren Verbrechen, ihren riesigen Schuldgefühlen hätte sie im Fegefeuer landen sollen. Warum war sie also hier gelandet? Konnte das die Stadt der Toten sein? Nein, irgendwie bezweifelte sie das.

Dann wo war sie bloss? Was wollte das Schicksal noch von ihr? Welche Rechnung hatte sie noch offen? Trotz der friedlichen Atmosphäre bekam Derieri Angst. Angst vor der Ungewissheit, Angst dieses Mal endgültig alleine zu sein… Ohne Rajine, ihrer geliebten Schwester, die viel zu früh von ihr weggerissen wurde. Ohne Elizabeth, die viel zu gütig für diese Welt war, die fast so wie eine Freundin geworden war. Ohne Monspeet… ohne den Mann, den sie seit so langer Zeit liebte. Warum? Warum gab sie erst jetzt zu, wenn es doch sowieso zu spät war? Langsam zog sie ihre Beine gegen sich und begann leise zu weinen.

„Derieri?“

Diese Stimme… das konnte doch nicht sein! Oder doch? Derieri traute sich nicht umzudrehen, sie fürchtete dass es sich bloss um eine Illusion handelte. Und doch, zwischen der Angst, der Trauer und der Unsicherheit glühte ein winziges Fünkchen Hoffnung. Erst als eine grosse Hand sanft ihre Schulter berührte, fast zögerlich, blickte sie nach hinten.

Und da sass er… Monspeet.

Er trug bloss eine zerrissene Hose, die etwas angebrannt war, doch sonst sah er völlig unverwundet aus, als ob der Kampf gegen Estarossa – falsch, es war Mael – nie stattgefunden hätte. Doch, sein Blick schien verloren, unsicher, überrascht… und etwas anderes, welches Derieri nicht definieren konnten. Sie hätte sowieso nicht die Kraft dazu gehabt.

Beinah automatisch streckte sie eine Hand aus. Im nächsten Augenblick befand sie sich in Monspeets starker Umarmung wieder. Dieses Mal konnte Derieri die Tränen in ihren Augen nicht mehr zurückhalten und sie fing laut an zu weinen.

Wann hatte sie sich das letzte Mal die Seele aus dem Leib geweint? Sie wusste es nicht. Selbst nach dem Tod ihrer Schwester hatte sie trotz ihrer Trauer nicht richtig weinen können, ihre Wut war einfach zu stark gewesen. Doch jetzt… sie schluchzte und weinte, die Tränen rannen wie zwei Wasserfälle über ihre Wangen. Als ob all die Trauer, die sie seit schon so langer Zeit zurückhielt, endlich einen Damm brach und mit Gewalt alles überschwemmte.

Monspeets Umarmung tat gut. Er presste sie stark gegen sich und obwohl es etwas schmerzte keinen Herzschlag in seiner Brust zu hören, war sie einfach viel zu glücklich ihn wiederzusehen um diese Tatsache im Moment zu beachten. Sie hatte doch gerade vorhin gedacht, dass sie ihn nie wieder sehen würde. Und jetzt war er hier und umarmte sie so stark wie noch nie zuvor.

Derieri presste ihre Wange gegen seine Brust, machte sie nass mit ihren Tränen und schluchzte glücklich auf, als sie spürte wie Monspeet seine Nase in ihr Haar vergrub. Für einen Moment genoss sie einfach seine Nähe, mehr als sie es je zuvor getan hatte.

„Ich… hatte ehrlich gehofft, dich nicht so schnell wiederzusehen“, murmelte Monspeet schliesslich sanft, ohne sie jedoch loszulassen. Im Gegenteil, er presste sie sogar kurz noch fester gegen sich. „Vergib mir, dass ich doch im Nachhinein nicht beschützen konnte, Derieri.“

„Da… da gibt es nichts zu vergeben…“, schluchzte die Dämonin, voller Schuldgefühle. „Es ist meine Schuld. Wenn… wenn ich mich nicht genähert hätte…“

„Du konntest doch nicht wissen, dass… dass er noch nicht ohnmächtig war. Und da er so getan hat, als ob er es war… ich hätte dich warnen sollen.“

„Ändert nichts an der Tatsache, dass es mein doofer Arsch-Fehler war“, protestierte Derieri, heftiger als beabsichtigt. Sie löste sich von Monspeet, blieb aber vor ihm sitzen. Sie getraute sich nicht ihn anzusehen. Es gab so viel, was sie zu sagen hatten. So viel, was sie ihm schon seit langer Zeit sagen wollte, sagen sollte. Sie wollte sich bedanken für alles was er für sie getan hatte. Sie wollte sich entschuldigen, dass sie ihm nichts von all dem zurückgeben konnte.

Wie konnte sie all dies bloss in Worte fassen? Warum war es schwer?

„Derieri…“

Seine Stimme war so sanft, dass sie es fast nicht hatte hören können. Bevor sie es merken konnte, lag seine Hand auf ihre Wange. Ausgerechnet der Wange, wo einst das Symbol ihres Gebot lag. Nun sah sie doch auf… und hätte fast wieder weggesehen, als sie seinen intensiven Blick sah.

Trauer, Erleichterung, Nostalgie, etwas Hoffnung lag in seinen nachtblauen Augen… und noch etwas, welches sie sich nicht getraute zu nennen. Etwas, was schon immer da gewesen war, doch sie erst jetzt wirklich erkannte. Etwas, was sie lange Zeit geglaubt hatte, es würde ihrer Schwester gelten. Doch… war dies wirklich der Fall gewesen?

Sie musste ihn ziemlich intensiv angestarrt haben, denn Monspeet hob fragend eine Augenbraue hoch.

„Was ist?“

„Ich, äh… ich hatte vergessen, dass du in Wirklichkeit nachtblaue Augen hast.“

Toll, wirklich toll, Derieri du Dummkopf!

Bei allen fünf Clans von Britannia, klang das lahm. So lahm, so scheisse. Warum kam ihr bloss eine solch arsch-blöde Ausrede? Bevor sie ein Mitglied der Zehn Gebote wurde hatte sie Monspeet nur ein-, zweimal getroffen und da war sie noch ein Kind gewesen. Richtig kennen gelernt hatte sie ihn nur viele Jahre später, eben als Mitglied der Zehn Gebote. Wie hätte sie bloss jemals wissen können, welche Augenfarbe Monspeet wirklich hatte?

Kurz schielte sie zu ihm rüber… und war überrascht, als Monspeet verlegen zur Seite blickte, die Wangen leicht errötet. Das war so neu ihn verlegen zu sehen!

„Danke… ähm… und deine Augen sind noch schöner als in meiner Erinnerung. Dieses Jadegrün habe ich schon immer geliebt.“

Derieri murmelte ein Danke. Es war ein liebes Kompliment und sie wusste, dass Monspeet es ernst meinte. Doch sie kam damit einfach nicht klar. Er war eigentlich der Einzige gewesen, mit Rajine, der ihr je lieb- und ernstgemeinte Komplimente gemacht hatte, soweit sein verdammtes Gebot es erlaubte. Nie hatte sie wirklich darauf geachtet, weil sie nicht glaubte diese wirklich zu verdienen. Und weil sie überzeugt war, Rajine würde sie eher verdienen.

Rajine… Derieri spürte wieder diese verdammte Schuldgefühl, als sie an ihre Schwester und deren Liebe zu Monspeet dachte. Wie lange hatte sie ihre eigenen Gefühle verdrängt, nur damit Rajine nach all ihren Opfern wenigstens die grosse Liebe kennen konnte? Wie lange hatte sie geglaubt, Monspeet hätte ihre Schwester auch geliebt?

Wie lange hatte sie geglaubt, dass… dass es keine Möglichkeit gab, dass Monspeet eigentlich in SIE verliebt sein könnte?

Diese Erkenntnis traf Derieri wie ein Schlag. Obwohl, jetzt wo sie aufhörte diese Hoffnung, dieses Gefühl zu verdrängen, konnte sie vieles aus einem anderen Blickwinkel betrachten. Seine liebevollen Gesten, seine Sorge, sein Drang sie zu beschützen und immer an ihrer Seite zu bleiben, einfach für sie da zu sein. Die Erinnerung nach ihrem Tod unterstrich das Ganze noch… und nun dachte sie an seine Worte während dem Kampf gegen Mael.

Wenn ich endlich von meiner Stille befreit sein kann, könnte ich dir endlich die Worte sagen, die ich all diese Zeit in meinem Herzen versteckt halte…

Völlig überfordert schlug Derieri die Hände vors Gesicht. Das war einfach zu viel. Die Befreiung des Dämonenclans, die Eroberung Britannias, ihre und Monspeets Niederlage gegenüber Meliodas, ihre Zeit in diesem Menschendorf, der Kampf gegen Estarossa-Mael, Monspeets Tod um sie zu beschützen, ihre schrecklich tiefe Trauer, ihren Seitenwechsel, die Rettung von Elizabeth, die Erkenntnis dass Estarossa eigentlich Mael war, ihren Entschluss Mael zu retten, ihren Tod… und jetzt dieses Erkenntnis! Was verlangte das Schicksal denn noch von ihr?

„Derieri, was hast du?“

Wieder blickte sie Monspeet an. Seine nachtblauen Augen glänzten voller Sorge, während er Tränen von ihren Wangen wegwischte.

Scheisse, hatte sie etwa zu weinen angefangen? Fast wollte sie sich dafür schämen, aber dafür hatte sie keine Kraft mehr. Ausserdem hatte sie Angst ihm ihre Gedanken zu offenbaren. Sie fürchtete sich davor, dass sie am Ende doch falsch lag… oder, dass es tatsächlich die Wahrheit war.

„Nichts… es ist… es ist einfach so viel passiert. Sag mal, wo sind wir hier eigentlich?“

Fast hätte Derieri sich gegen die Stirn geschlagen. Warum handelte sie so feige? Warum konnte sie nicht den Tatsachen in die Augen blicken? Sie war als Kriegerin stark gewesen, aber was die eigenen Gefühle angehen… da war sie selbst nach dem Tod ein Angsthase.

„Ich weiss es nicht. Nach meinem… Tod… bin ich hier gelandet. Das Fegefeuer kann es wohl kaum sein, doch ich bezweifle auch, dass dies Necropolis ist, die Stadt der Toten. Vielleicht eine Art Zwischenwelt? Es kam mir vor im Nebel immer wieder Gestalten zu sehen, aber sie waren viel zu verschwommen. Genauso wie die ganze Landschaft hier“, antwortete Monspeet.

Derieri seufzte. Nicht im Fegefeuer, wahrscheinlich auch nicht in der Stadt der Toten, von der sie überhaupt wenig gehört hatte. Wie viele Jenseits gab es überhaupt?

Wieder drehte sich zu Monspeet um. Er hatte einen Arm um sie gelegt und starrte nachdenklich in die Ferne, besser gesagt in den Nebel. Als ob er darin nach einer Antwort suchte.

Die Dämonin konnte es seltsamerweise nicht anders, als ihn anzustarren. Dabei kannte sie sein Gesicht in und auswendig. Doch sie konnte nicht anders. Gerade vor wenigen Momenten hatte sie geglaubt ihn nie wieder zu sehen. Und jetzt konnte sie die Augen nicht von diesem stolzen Gesicht lassen. Es war… beruhigend, vertraut, irgendwie warm sogar.

„Wie lange bist du schon hier?“, hörte sie sich fragen, wie von weit entfernt.

„Keine Ahnung. Nicht lange, würde ich sagen. Aber die Zeit scheint hier nicht den gewohnten Gesetzten zu folgen. Ich wusste nur, dass ich noch auf irgendetwas wartete. Aber auf was? Ich wusste es nicht. Während ich meinen Gedanken nachging und die Umgebung beobachtete, kam der Nebel ganz nah zu mir. Und als er sich zurückzog, liess er dich zurück.“

Auf einmal blickte Monspeet traurig drein. Traurig und resigniert und… schuldig. Derieri konnte es nicht aushalten ihn so zu sehen. Monspeet war immer so ehrenhaft gewesen, liebevoller als sonst irgendeiner von den Zehn Gebote. Es passte einfach nicht ihn so zu sehen.

Sie legte eine Hand auf seine Brust und sah ihn fragend an. Er blickte auf, schien überrascht von ihrer Geste und doch legte seine Hand auf ihre. Wenn Derieri noch ein lebendiges Herz gehabt hätte, hätte es jetzt bestimmt wie wild geklopft.

„Monspeet… was…?“

„Ach, Derieri. Ich hatte dich retten wollen. Ich… ich konnte es einfach aushalten dich sterben zu sehen. Doch ich habe versagt… denn deine Anwesenheit bedeutet, dass du auch gestorben bist. Wahrscheinlich sogar nicht lange nach mir. Es tut mir so leid, Derieri, vergib mir.“

„Es… es gibt nichts zu vergeben“, erwiderte sie, wieder mit Tränen in den Augen. „Es ist nicht deine Schuld, dass ich nur ebenfalls hier bin. Ich… Wenn es jemanden Leid tun sollte, dann mir. Du hast so viel für mich getan und ich habe nicht dasselbe für dich tun können.“

„Derieri…“

Energisch unterbrach sie Monspeet. Sie kannte ihn, er hätte sicher protestiert. Aber es war die Wahrheit und sie würde es nicht zulassen, dass er es ihretwegen verneinte. Bevor er überhaupt noch fragen konnte, erzählte sie ihm alles, was passiert war nach seinem Tod. Er verdiente es zu erfahren. Sie wollte, dass er verstand, dass ihr Tod nicht seine Schuld war.

Ihre Ankunft bei den Rittern der Menschen, Elizabeth Trost und Schutz, deren Entführung durch Estarossa, die Rettungsgruppe bestehend aus Tarmiel, Sariel, dem jetzigen Feenkönig King und sie selbst, Estarossas wahre Identität als Mael, sein verzweifelter Versuch die Gebote aufzunehmen, ihren Entschluss Mael zu retten, ihren Plan und ihren Tod… nichts liess sie aus und Monspeet hörte ihr zu ohne einmal zu unterbrechen. Die Tatsache, dass Estarossa eigentlich die ganze Zeit der Erzengel Mael gewesen war, schockierte ihn und in seinem Blick erkannte Derieri auch etwas Mitleid. Das konnte sie ihm nicht verübeln, Maels Schicksal würde niemand beneiden.

Als sie geendet hatte, schwiegen sie beide eine Weile. Monspeet wirkte traurig und nachdenklich zugleich. Er hatte ihre Hände in seine genommen, hielt sie fest. Derieri liess es zu. Diese Geste war neu, merkwürdig, aber nicht unangenehm. Dennoch wusste sie nicht, wie sie damit umgehen sollte.

Sie war seit ihrer Kindheit als Kriegerin aufgewachsen, der Krieg, die Wut gegenüber der vier anderen Völker nach Rajines Tod, ihr eigener Charakter… nie hatte man wirklich Zeit gehabt für solche Zärtlichkeiten. Die schwesterliche Zuneigung von Rajine schien so lange her, dass Derieri sich schlecht daran erinnern konnte. Das machte sie traurig. Sie konnte zärtliche Gesten nicht wirklich erkennen.

Wie oft hatte Monspeet sich sanft mit ihr gezeigt, ohne dass sie es wirklich wahrgenommen hatte? Er hatte sie auf seinem Schoss schlafen lassen, ihren Kopf gestreichelt, ihre Haare geschnitten und gebürstet (er war lange sogar der Einzige gewesen, der ihr Haar anfassen konnte ohne mindestens einen Schlag zu bekommen)… kleine Gesten, die jedoch so viel aussagen konnten. Wie hatte sie nur so blind sein können!

Ohne ihre Hände loszulassen beugte sich Monspeet schliesslich vor und legte seinen leichten, sanften Kuss auf ihre Stirn. Derieri erstarrte. Das war noch viel ungewohnter als das Händchen halten. War es normal, dass ein so sanfter Kuss sich so stark einbrennen konnte?

„Ich weiss nicht, wo ich anfangen soll. Du hast so viel durchgemacht in so kurzer Zeit. Aber… ich bin unheimlich stolz auf dich.“

„Da… danke…“, murmelte Derieri. Sie hätte protestieren wollen, dass er kein Grund hätte auf sie stolz zu sein. Doch sein Lob rührte sie so sehr, dass sie einfach nicht widersprechen konnte.

Monspeet lächelte sanft, während er ihre Wange berührte.

„Ich… ich bereue so viel, Monspeet“, murmelte sie. Sie konnte es nicht in Worte fassen, wie tief ihre Reue ging. Auge um Auge, Zahn um Zahn, so war in etwa ihre Einstellung gewesen. Rache und Wut hatten sie so weit gemacht, dass sie nie im richtigen Augenblick stoppen konnte und viele Unschuldige waren dabei draufgegangen.

War sie überhaupt besser als der Clan der Göttinnen, als dieser Bastard von Ludociel? Irgendwie war die Sache zu komplex, um darauf eine klare Antwort zu finden. Kurz schniefte Derieri. Sie war zumindest froh, dass sie wenigstens mit Elizabeth noch hatte reden können. Diese Göttin war ein Trost gewesen in ihrer aufgewühlten Gefühlswelt.

„Ich genauso, Derieri“, erwiderte Monspeet, seine Hand nicht von ihrer Wange lassend. Derieri lachte traurig: „Musst du nicht, meistens habe ich dich in Situationen hinein gezogen habe, die einfach… grausam waren. Dabei hast du dich nie vor Rache blind werden lassen.“

„Das ändert nichts an der Tatsache, dass ich genauso so viel du auf dem Gewissen habe. Du hast mich nicht in Sachen mit reingezogen, das alles war auch meine eigene Entscheidungen. Du darfst dich nicht allein schuldig machen und mir alles vergeben, Derieri.“

„Aber im Gegensatz zu mir war es dir schon lange klar, dass… dass wir nicht richtig handelten. Erinnerst du dich an damals, als du mich vorgeschlagen hast, Meliodas zu folgen? Du hattest es eigentlich ernst gemeint und wärst ihm vielleicht sogar gefolgt.“

Monspeet seufzte. Auch er erinnerte an diesem Tag. Eine weitere Sache, die Derieri bereute. Wenn sie Monspeet bloss richtig zugehört hätte und nicht so nach einer dummen Rache gewesen wäre. Damals hatte sie nicht mal einen persönlichen Grund gehabt auf Meliodas wütend zu sein, es war nur ihr verdammter Stolz als Dämonin, als Mitglied der Elite gewesen!

„Ich gebe zu, ich habe Meliodas schon irgendwie verstanden. Dieser ganze Zwist zwischen Göttinnen und Dämonen… ich habe es nie wirklich verstehen können. Doch ich konnte dich nicht alleine lassen. Ich habe einerseits Rajine versprochen auf dich aufzupassen, als du Mitglied der Zehn Gebote wurdest. Und selbst wenn ich es nicht getan hätte, so konnte ich es einfach nicht über mich bringen Meliodas zu folgen und dich zu verlassen“, erklärte Monspeet traurig. „Ausserdem… nach allem was Stigma getan hat… das Massaker der Geiseln zum Beispiel… hatte ich meine Zweifel, ob Meliodas sich überhaupt richtig entschieden hatte. Eigentlich war keine Seite die Richtige.“

Derieri wischte sich rasch eine Träne fort. Sie wusste nicht, dass Monspeet solche Zweifel hatte, dass er sich solche Gedanke um den Krieg gemacht hatte. Wieder eine Reue mehr… wenn sie nur für hätte da sein können, statt ihn alleine mit seinen Gefühlen zu lassen!

„Gibt es… gibt es überhaupt, was du nie bereut hast, Monspeet?“, fragte sie zaghaft. Der Dämon seufzte kurz und nahm ihre Hand bevor er antwortete: „Ich bereue noch viel mehr als meine Verbrechen, Derieri. Aber wenn es etwas gibt, welches ich nie bereuen könnte… dann ist es meine Liebe zu dir.“

Es war raus…

Derieri war gleichzeitig überrascht und überrumpelt. Sie wusste einfach nicht, wie sie reagieren sollte. Wie sollte sie auch? Jahrelang, jahrhundertelang sogar, hatte sie Rajine zuliebe ihre eigene Gefühle für Monspeet unterdrückt. Sie war sogar weit gegangen zu glauben, dass er die Zuneigung ihrer Schwester wahrscheinlich erwiderte. Warum hätte er sich überhaupt in sie verlieben sollen? Rajine war liebevoller, eleganter, schöner, sanfter, schüchterner, einfach besser!

Doch Monspeet liebte SIE… Derieri konnte es nicht mehr verschweigen, geschweige denn vom Gegenteil überzeugt sein. Es machte doch so viel Sinn! All seine Gesten, jedes Mal wenn er sie beschützte… es war ihretwegen gewesen!

Monspeet seufzte, bevor er traurig weiterfuhr: „Ich liebe dich, Derieri. Du ahnst gar nicht wie stark. Schon so lange, dass ich gar nicht weiss wann es genau angefangen hatte. Mir war es eines Tages einfach klar gewesen. Als du Mitglied der Zehn Gebote wurdest, hat Rajine mich gebeten auf dich aufzupassen. Sie hat sich grosse Sorgen um dich gemacht. Und je mehr Zeit ich mit dir verbrachte… Für mich wurde es mit der Zeit nicht nur ein Versprechen, ich WOLLTE dich beschützen und an deiner Seite sein. Wenn ich nicht das Gebot der Stille gewesen wäre… ich habe es so sehr gehasst und verflucht. Dein Glück und dein Leben wurden mir so viel wichtiger als alles andere. Ich…“

Er unterbrach seine Rede, als schien er unsicher zu sein, was er noch sagen konnte. Noch nie hatte Derieri Monspeet so viel reden hören. Konnte es sein, dass er nicht wusste seine Gefühle in Worte zu fassen, nachdem er so lange das Gebot der Stille gewesen war?

„Ich wollte, dass du es weiss, Derieri“, sagte Monspeet schliesslich wieder, während er sanft ihre Wange streichelte. Sein trauriger Blick schmerzte Derieri mehr als sie erwartet hätte, vor allem weil sie sich diese Trauer in seinen Augen nicht erklären konnte. Aus dem Impuls heraus warf sie sich an seinem Hals und schluchzte auf.

Kaum spürte sie, wie Monspeet in ihrer Umarmung erstarrte. Sie selber spürte nicht mal mehr die Tränen, die wie Wasserfälle auf ihre Wangen hinabflossen. War es Freude oder Trauer, die sie gerade fühlte? Nein, es war eine Mischung aus beiden. Freude, weil Monspeet sie liebte, LIEBTE! Trauer, weil er tot war, sie beide tot waren und somit nie als Liebespaar glücklich leben konnten.

„Deri?“

Monspeet war aus seiner Erstarrung gekommen und hatte Derieri an ihre Wangen gefasst, um sie besser anzusehen. Er schien so überrascht zu sein, voller Sorge. Derieri hätte am liebsten geschrieen, dass sie ihn ebenfalls liebte. Doch sie fand keine Worte dazu, wusste nicht wie sie ihm klar machen konnte, dass seine Gefühle nicht einseitig waren.

Ach, wenn sie es nicht sagen konnte, dann würde sie es zeigen! Schliesslich war sie nicht mehr vom Gebot der Reinheit gefangen. Bevor Monspeet weitere Fragen stellen konnte, schlang Derieri abermals ihre Arm um seinen Hals und presste stürmisch ihre Lippen auf seine.

Monspeet war zuerst wie erstarrt, doch Derieri liess ihn nicht los. Es fühlte sich komisch an, da er sich nicht bewegte und sie einfach verzweifelt ihren Mund auf seinen presste. Doch Derieri fand es dennoch schön. Es war wie eine Befreiung, als ob eine schwere Last von ihren Schultern genommen wurde. Scheisse, wie sehr sie ihn doch liebte, ihr war nie klar gewesen wie stark ihre Gefühle waren.

Schliesslich löste sich Monspeet von seiner Erstarrung und erwiderte den Kuss. Seine Hand vergrub sich in Derieris Haar und den anderen Arm schlang er um ihre Taille, um sie näher an sich zu ziehen. Er legte so viel Leidenschaft in diesen Kuss, als ob er all die Jahre voller Treue, Sehnsucht, Hingabe und stiller Liebe hinein legen wollte.

Derieri wusste nicht, wie lange dieser heftige Kuss dauerte, doch als ihre Lippen sich schliesslich trennten lag sie auf Monspeet, genauso heftig atmend wie er.

„Hast du etwa wirklich gedacht, ich hätte mich nicht in dich verlieben können?“, fragte Derieri. Es hätte scherzhaft klingen sollen, doch nur Erleichterung und Freude schwang in ihrer Stimme. Monspeet erwiderte nichts darauf, lächelte sie nur an. Noch nie hatte sie ihn so erleichtert, so glücklich gesehen. Hätte sie bloss diesen Glanz in seinen Augen während ihrer Lebzeiten erleben können.

Monspeet setzte sich auf, um sie wieder zu küssen, dieses Mal viel sanfter. Auch dieses Mal wusste Derieri nicht wie lange dieser Kuss dauerte, doch das war eigentlich auch unwichtig. Sie lag in seinen Armen, liebte ihn genauso wie er sie liebte. Im Moment wollte ihr nichts anderes wichtig sein als das hier…





Monspeet konnte irgendwie nicht die Hände von ihr lassen, doch er blieb sanft. Er legte eine Hand auf ihrer Wange oder ihr Haar, streichelte ihre Nacken, umarmte sie immer wieder. Viele dieser Gesten waren ihr vertraut, Monspeet hatte sie zu Lebzeiten schon so oft getan. Doch dieses Mal fühlte sich irgendwie anders an, wie befreit. Derieri dachte nicht mal mehr darüber nach, sie genoss es einfach.

Es verging viel Zeit, doch Derieri konnte es nicht genau definieren. War Zeit überhaupt wichtig nach dem Tod? Wahrscheinlich nicht. Doch sie und Monspeet redeten noch lange, über Dinge die eigentlich schon lange hatten gesagt werden sollen, doch die damals zu Lebzeiten nicht ausgesprochen werden konnten. Über Kindheit, über Reue und Zehn Gebote, über ihr Leben dafür, über Rajine… Derieri war nie klar gewesen, über wie viele Dinge sie eigentlich hatte reden wollen. Hatte sie all das so sehr zurückgedrängt, dass sie es schlussendlich irgendwie vergessen hatte?

Sie redeten, liebkosten sich und gaben sich schliesslich dem anderen hin…

Nun lag Derieri auf Monspeets muskulöse Brust, fühlte Hitze fast als ob sie wieder lebendig war. Wenn dies der Fall gewesen wäre, hätten ihre Herzen bestimmt noch schneller geschlagen als jenes eines Induras. Monspeet streichelte ihren Rücken, was ihr half sich zu beruhigen.

„Ich… ich hätte nie gedacht, dass… dass es so schön sein konnte“, hauchte sie nach einer Weile. Wie gerne hätte sie etwas mit ihm noch zu Lebzeiten erleben können. Als Gebot der Reinheit war so ein Akt für sie natürlich tabu gewesen und Monspeet war einfach zu sehr ein Ehrenmann, um so etwas zu tun. Doch… das war so voll Liebe gewesen, dass sie es nicht richtig beschreiben konnte.

„Ich auch nicht, Deri“, lächelte Monspeet. „Wir sind ja nie dazugekommen. Und im Nachhinein finde es nicht so wichtig, dass ich es nie gekannt habe in meinem Leben. Lieber blieb ich meiner holden Dame treu, sie war mir viel wichtiger alles andere… wie du nun weisst.“

Derieri kicherte kurz, da sie sich einfach nicht als typische “holde Dame“ sehen konnte, geschweige denn schlicht Dame. Aber Monspeets Worte rührten sie fast noch mehr als jeder Kuss, denn sie nun ausgetauscht hatten. Sie hatte ja nie gewusst, welches Glück sie hatte, dass er sie so treu ergeben liebte. Noch einen Moment lang genoss sie einfach seine Nähe.

Doch als ihre Augen endlich mal wieder auf die Umgebung fiel, setzte sie sich auf und sagte: „Ähm… wir wissen immer noch nicht, was für ein Jenseits das ist. Und scheint es mir nur so, oder ist der Nebel irgendwie näher gekommen?“

Tatsächlich hatte sich der lichtdurchflutete Nebel sich in der Zwischenzeit bewegt, war näher an ihrem Standort bekommen. Es hätte eigentlich gruselig und irgendwie gefährlich aussehen sollen, alles andere als sicher. Doch dem war nicht so. Der Nebel, der sich durch die Bäume zog und immer näher kam, strömte eine Aura von Ruhe und Sicherheit aus, wie ein Versprechen von etwas, was Derieri nicht benennen konnte.

Im Nebel konnte sie zwei wage Silhouetten sehen. Sie konnte deren Züge nicht erkennen, doch sie konnte sehen, wie sie eng umschlungen waren, als sie sich nach langer Zeit endlich wieder sahen. Fast etwa wie sie und Monspeet…

Dieser Gedanke liess Derieri kurz erstarren. Konnte es sein, dass…? Bevor sie jedoch weiter nachdenken konnte, hatte sich Monspeet ebenfalls aufgesetzt und eine Hand auf ihre Schulter gesetzt.

„Keine Ahnung, Derieri. Es ist so anders als alles, was man sich immer erzählt hat. Doch ist es wirklich wichtig, dies zu wissen? Für mich zählt nur, dass wir uns wiedersehen konnten… dass uns schlussendlich das geschenkt wurde, was das Leben uns immer irgendwie verbieten hat.“

Mit diesen Worten küsste er Derieri und sie erwiderte den Kuss nur zu gern. Monspeet hatte Recht. Wichtig war nicht zu wissen, wo sie nun waren, sondern dass sie endlich wieder zusammen sein konnten.



Beide merkten nicht, wie der Nebel langsam umschlang und sich wieder entfernte. Doch als sie ihre Lippen voneinander trennten, befanden sie sich an einem anderen Ort, voller Kristalle wohin das Auge reichte. Dem wirklichen Jenseits…




Nur damit ihr es wisst, ich habe absichtlich nicht erklärt, was das für ein Ort ist wo Monspeet und Derieri sich befinden. Es schien mir unpassend das Geheimnisvolle drumherum aufzulösen und ausserdem ist es aus Derieris Sicht geschrieben, die es ja selber nicht weiss. Zudem ist den beiden etwas anderes wichtiger als zu wissen, wo sie hier sind, nicht wahr?
Was genau dieser Ort ist, überlasse ich euer Fantasie ;)
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