Der Junge im Glockenturm

von Kura Sayo
GeschichteAngst, Schmerz/Trost / P16
Chuya Nakahara Dazai Osamu Kunikida Doppo Mori Ougai Ranpo Edogawa Yukichi Fukuzawa
03.07.2019
09.11.2019
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„Steh auf.“

Dazai zuckte unter der Decke zusammen, die auf seiner Matratze lag. Er konnte die Kühle des Steinbodens durch die dünne Matratze fühlen und die verschneiten Straßen sorgten dafür dass das Innere der Kirche genauso kalt war wie das Äußere.

Er war immer noch nicht ganz wach, doch ein Tritt gegen seine Seite warf ihn von seinem Schlafplatz und änderte das. Der Schmerz weckte ihn schlagartig und erschwerte ihm das atmen.

„S-sorry, Vater.“, stotterte er, als er versuchte aufzustehen. Es tat weh zu stehen, aber mittlerweile konnte er sich nicht mehr daran erinnern, ob es jemals anders war.

Der Priester schnaubte abfällig, als er den dürren Jungen ansah. Sein Körper war voller blauer und grüner Flecke, dünn und schmal. Er war kein würdiger Nachfolger für ihn.

Er hatte gehofft das der ständige psychologische und körperliche Druck den er auf seinen einzigen Sohn ausübte dafür sorgen würde, dass dieser endlich einen starken Charakter entwickelte. Unglücklicherweise kam er eindeutig mehr nach seiner sünderischen Hexe von Mutter. Langsam zeigte sich, auch wenn es mit seinen 10 Jahren bereits klar war, dass er seine eigene körperliche Überlegenheit nicht geerbt hatte.

Solch eine Platzverschwendung. Solch eine Zeitverschwendung. Solch eine Verschwendung an Leben.

Allerdings, was der Junge von ihm geerbt hatte, war seine spezielle Fähigkeit. Nun ja, eine davon. Nicht die Nützlichere. Nicht die, die er nutzte um den Jungen zu quälen. Sondern die, die den Jungen nützlich machte, unabhängig von seinem talentlosen Dasein.

„Es wird Zeit zu gehen.“, sagte der Priester grimmig, ein nervöses Nicken als Antwort erhaltend.

Dazais wacklige Beine trugen ihn aus dem Raum, wo sein dunkler Anzug lag, achtlos zurückgelassen auf einem Stuhl.





Das Auto, gefahren vom Priester, stoppte vor dem Tor eines großen Metallzauns der von zwei Männern bewacht wurde.

Es wurden ein paar Worte mit den Wachen gewechselt, bevor diese den Gästen das Tor öffneten und sie so herein ließen.

Die Straße brachte sie zu einer riesigen Villa, welche Dazai jetzt noch unbekannt war. Bald schon aber würde sie ihm sehr vertraut sein. Er befand sich auf der Rückbank, starrte ängstlich aus dem Fenster mit seinem einem Auge, dass nicht von Verbänden bedeckt wurde. Ein Souvenir der harschen Bestrafung die ihn einige Tage zuvor ereilt hatte.

Ein großer, schlanker Mann stand vor der Eingangstür. Er lächelte als das Auto anhielt und der große Mann in der religiösen Kleidung und der kleine, bandagierte, anzugtragende Junge ausstiegen.

„Willkommen, Vater. Ich bin Dr. Ougai Mori. Und wer könnte dieser junge Mann sein?“ Die Augen des älteren Mannes blitzten auf als er Dazai lächelnd ansah.

„Das ist mein Sohn, Osamu Dazai.“, sagte der Priester in seiner tiefen Stimme, Dazai auf den Rücken klopfend. Dazai versuchte bei der Berührung nicht zusammen zu zucken, war aber nur zur Hälfte erfolgreich. Er wusste, dass würde er später noch bereuen.

Falls der großgewachsene Arzt es bemerkt hatte, zeigte er es nicht. Das Grinsen noch immer in seinem Gesicht wank er sie ins Innere.

„Der Boss ist gespannt darauf deine Fähigkeit zu sehen, Vater. Ein Mann mit der Macht Gott selbst auf die Erde zu bringen…“ Mori seufzte. „Das hört sich zu gut an um wahr zu sein.“

Das Trio betrat einen großen Raum in dem sich mehrere Personen befanden. Ein alter Mann saß ausdruckslos auf einem roten Sessel. Er schien sie kaum zu beachten. Neben ihm auf einem breiten Sofa, saßen zwei andere Personen. Eine Dame in einem rot-weißen Kimono und ein kleiner, rothaariger Junge.

Dazai sah das Kind neugierig an. Er traf nur selten jemanden in seinem Alter. Der Rotschopf erwiderte seinen Blick, bevor er schüchtern wieder weg sah.

„Vielleicht möchten die Kinder lieben nach draußen…“, begann Mori zu sagen, wurde aber schnell vom Priester unterbrochen.

„Nein. Ich brauche meinen Sohn hier.“

Der grauhaarige Mann sah den Priester skeptisch an, legte seinen Kopf ungeduldig auf eine Hand.

„Na gut. Sind wir dann bereit anzufangen?“ fragte Mori mit erzwungener Vorfreude, von seinem Boss zu dem Priester sehend.

„Fahrt fort.“, sagte der Grauhaarige, seine Hand abweisend in die Richtung der Männer vor ihm bewegend. Er traute dem Ganzen nicht, doch sollte dieser Mann wirklich die Kräfte besessen von denen gesprochen wurde, könnte er ein gutes Werkzeug sein welches er sich nicht entgehen lassen wollte.

Ein schiefes Grinsen legte sich auf die Lippen des Priesters, während er dem zweifelnden Anführer der Port Mafia ins Gesicht sah. Mit einer Handbewegung zeigte er Dazai an in Position zu gehen. Dazai kam dem nach, ging ein paar Schritte und blieb dann vor seinem Vater stehen.

„Mein Lord, bitte zeige dich… Ich bitte dich, als dein ergebener Diener. Hilf mir die Menschen zu erretten. Beehre uns mit deiner herrlichen Präsenz…“ Der Priester breitete beim Sprechen seine Arme aus. „Bade mich in deinem Licht. Ich bin dein Diener. Bitte, lausche des Sünders Klagelied.“

Das Licht im Raum flackerte. Die drei Sitzenden zuckten leicht zurück und Mori sah sich mit weiten Augen um.

Dazai entschlüpfte ein leises Wimmern, als schwarzer Rauch seinen Körper umgab.

„Bitte, allmächtiger Gott, zeige dich!“, rief der Priester als sein Sohn zu Boden fiel und begann zu zucken. Ein schmerzerfüllter Schrei war zu hören, ehe die Zuckungen schlimmer wurden. Gerade als das Zittern endlich stoppte erloschen die Lichter und Dazai blieb reglos liegen.

Nach einer Weile stand Dazai langsam wieder auf. Der Raum war in Stille getaucht. Der Priester trat zurück und schnippte mit den Fingern.

Der kleine Rotschopf beobachtete mit großen Augen wie der schwarze Rauch sich erneut um Dazai verdichtete und langsam Form annahm. Eine Form die beinahe menschlich wirkte. Könnte das wirklich Gott sein?

Der Priester lächelte triumphierend, beim Anblick der erstaunten Gesichter vor ihm.

Die Gestalt stand hinter seinem Sohn, lila leuchtend, die Hände auf den Schultern des Jungen liegend, ihn beschützend gegen seinen leicht durchsichtigen Körper drückend.

Dazais Augen waren geschlossen, doch sein Gesichtsausdruck zeigte leichte Panik. Er hielt es nicht mehr aus. Das wusste er. Er schaffte es sonst länger durchzuhalten, aber sein Körper war zu schwach. Er schien mit jedem Mal schwächer zu werden.

„V-Vater…“, flüsterte er flehend, die Augen langsam öffnend.

Der Priester warf ihm einen kurzen Blick zu, hörte aber nicht auf.

„Dir gnädiger Herr. Bitte vergib mir. Ich bin ein Sünder…“, sprach Dazai kläglich. Der Griff um seine Schultern verstärkte sich, er stöhnte vor Schmerz auf und Schweiß tropfte ihm vom Kinn. „Hilf mir den Schmerz zu vergessen… und… ngh!“

Etwas stimmte nicht.

Ein Keuchen war zu hören und sein Vater rief etwas, doch es war ihm nicht möglich die Worte zu verstehen. Er wusste nur, er hatte etwas falsch gemacht.

Alles um ihn herum wurde schwarz und er schlug auf dem Boden auf.





Dazai wachte auf, eine unbekannte Decke über ihm. Sein Körper fühlte sich schwer an, aber er hatte nicht die gleichen starken Schmerzen wie zuvor.

Er drehte den Kopf und entdeckte die schlafende Gestalt seines jüngeren Kollegen.

Atsushis Kopf lehnte an der Stuhllehne und eine Spur Sabber lief von seinem Mund über seine Wange.

Großartig, dachte Dazai, als er realisierte das er wieder im Krankenhaus war.

Er sah zu einer Wanduhr, konnte aber nicht erkennen was sie anzeigte. Sie hing zu weit weg und die Sehkraft seines rechten Auges hatte sich nie ganz von einer alten Verletzung erholt.

„Atsushi?“, versuchte er zu sagen, aber seinem Mund entkam kein Ton. Er räusperte sich. „Atsushi?“ Dieses Mal war es etwas besser, aber noch immer viel zu schwach. Glücklicherweise reichte es um Atsushi zu wecken.

Der junge Mann wischte sich zuerst eilig über sein Kinn.

„Dazai! Du bist wach!“, rief er erfreut.

„Wie lange war ich bewusstlos?“

„Du wurdest vor zwei Tagen hierher gebracht.“, antwortete Atsushi und erhielt dafür eine genervte Grimasse als Antwort.

„Oh Gott, dafür habe ich keine Zeit.“, murmelte Dazai und versuchte aufzustehen.

Die Hände die ihn nur Sekunden später zurück hielten, waren komplett unnötig. Sein Rücken erlaubte es ihm nicht sich aufzusetzen und sein Bein schrie schmerzhaft auf bei der kleinsten Bewegung. Oder vielleicht war das auch er selbst.

„Scheiße.“, murmelte Dazai und gab sich geschlagen.

„Nein! Du gehst nirgendwo hin. Der Doktor sagte du hattest Glück das du nicht…“ Atsushi wollte sagen „gestorben bist“, aber er kannte bereits die Antwort darauf. „…das du dir nicht noch mehr gebrochen hast.“

Dazai verdrehte die Augen.

„Dein Bein musste noch einmal notoperiert werden. Bitte Dazai, bitte, ruh dich einfach aus.“, bat ihn Atsushi.

Dummes, sympathisches, liebenswürdiges Kind.

„Fein…“, murrte Dazai. Er wusste, es gab gerade sowieso nichts das er tun konnte, in seinem nutzlosen Zustand. Er könnte also einfach versuchen so viel wie möglich zu heilen.

Atsushi ließ sich wieder auf den Stuhl fallen und seufzte erleichtert.





Klar, er befand sich nicht mehr unter Suizid-Verdacht. Aber das war fast schon schlimmer.

Während der nächsten Woche passte die Agentur ununterbrochen auf ihn auf. Sein Doktor war über seinen Ausbruch noch immer verärgert und anscheinend hatte man ihm die Süße-Krankenschwester-Karte entzogen. Die Schwester die er meistens zu sehen bekam war eine ältere, kleine, kräftigere Dame. Sie sprach nicht mit ihm, sie brummte.

Um das noch zu toppen, hatte er auch keine Gelegenheit bekommen mit Chuuya zu sprechen, seit er im Krankenhaus war. Nicht einmal ein Anruf oder eine SMS.

Nun, um ehrlich zu sein konnte Dazai das nicht wissen, nachdem die wütende Krankenschwester ihm sein Handy während eines mitternächtlichen Scherzanrufes an Kunikida abgenommen hatte.

Er konnte den groben Austausch seiner Verbände und die bissigen Kommentare verzeihen. Doch zu offenbaren das er Kunikidas Scherzanrufer war, war einfach unverzeihlich.

Mit einem überdramatisierten Seufzer drehte Dazai den Kopf in Kunikidas Richtung, sein Aufpasser für den Tag.

„Kunikida… mein lieber Freund.“, fing Dazai an und erregte so die Aufmerksamkeit des Blonden. Mit gerunzelter Stirn blickte dieser zu dem verletzten Mann an seiner Seite. „Wenn ich dir verspreche, dich nie - niemals - wieder nach Mitternacht anzurufen… außer es ist ein Notfall (oder ich bin betrunken und brauche jemanden der mich nach Hause fährt) würdest du mir dann bitte helfen mein Handy zurück zu bekommen?“

Kunikida zögerte. „Das schwörst du?“, fragte er streng.

Dazai zeichnete mit dem Zeigefinger ein Kreuz über die Stelle an der sein Herz schlug. „Bei meinem Leben!“

Kunikida entließ einen langen Atemzug und holte Dazais Handy aus seiner Tasche.

„Du hattest es die ganze Zeit?“, fragte Dazai mit großen Augen und einem betrogenen Ausdruck auf dem Gesicht.

Kunikida zuckte mit den Schultern und begann wieder etwas in seinem Notizbuch aufzuschreiben.

Dazai entsperrte sein Handy und stellte überrascht fest, dass er noch mehr als die Hälfte des Akkus übrig hatte.  Aber es gab keine SMS und auch keinen verpassten Anruf von Chuuya. Für einen Moment dachte er nach, ehe er anfing zu tippen.





Chuuya befand sich mitten in einem Meeting als sein Handy klingelte. Sich entschuldigend blickte er schnell unter dem Tisch auf das Display. Makrele.

Erleichterung durchflutete ihn, ob des Lebenszeichens seines einstigen Partners, welchen er in einem ziemlich angeschlagenen Zustand vor einer Woche im Krankenhaus zurückgelassen hatte. Er hatte der Agentur keinen Grund geben wollen, seine Anwesenheit dort in Frage zu stelle. Dieser seltsame blonde Kerl war da mehr als genug gewesen.

Er öffnete Dazais Nachricht um zu antworten und fluchte laut, als der Klang der Handytastatur das laufende Gespräch unterbrach.
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