Das Geheimnis von Tschernobyl

GeschichteDrama, Suspense / P18 Slash
02.07.2019
02.07.2019
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Leise wurde der Regen gegen die Fensterscheiben geweht, der inzwischen seit zwei oder drei Stunden unablässig fiel. Aufgrund dieses Witterungsumstandes hatte ich es mir im Wohnzimmer gemütlich gemacht, gemeinsam mit ein paar Snacks und Leckereien, sowie einer großen Flasche Limonade, welche ich mir zum optimalen Entspannungsabend vorbereitet hatte.
Bei diesem Wetter ließ sich ohnehin nichts anderes anstellen, weshalb ich mich dazu entschlossen hatte, die Zeit, bis mein Freund nach Hause kam, mit ein wenig Fernsehen zu überbrücken.
Das bedeutete natürlich, sofern ich innerhalb der knapp zweihundert verschiedenen Kanäle eine halbwegs sehenswerte Sendung ausmachen konnte. Die Fernbedienung in der einen, sowie einen Riegel Vollmilchschokolade in der anderen Hand, zappte ich halbherzig durch das Programm, auf der Suche nach irgendetwas, mit dem ich mir die Zeit vertreiben konnte.
Das verfügbare Angebot reichte von Daily Soaps über aktuelle Nachrichten, Verkaufs- und Gameshows, Talksendungen – bis hin zu Mysteryserien und Sitcoms, welche jedoch allesamt keine sonderliche Begeisterung in mir erweckten, geschweige denn, die Lust darauf, das Programm noch länger zu verfolgen.
Gelangweilt ließ ich mir ein Stückchen Schokolade auf der Zunge zergehen, während ich weiter herumzappte und beinahe im Sekundentakt von einem Programm zum nächsten schaltete.
Zumindest so lange, bis ich auf einmal bei einem ziemlich skurrilen Bild hängenblieb, welches mich aus irgendeinem Grund zum Innehalten und Verweilen veranlasste. Bei diesem Bild handelte es sich um einen Tierkadaver, ein Wolf um genau zu sein, der zuerst aus der Entfernung, sowie im Anschluss als Nahaufnahme eingeblendet wurde.
Ekel und Faszination mischten sich zu gleichen Teilen in mir, während ich noch eine Weile hinsah, bis die Einblendung schließlich von einer anderen ersetzt wurde.
Sie zeigte ein kleines Gelände, möglicherweise von einer Fabrik oder etwas ähnlichem, welches einen äußerst maroden, zerfallenen Eindruck machte. Die ganze Szene wirkte leer und verwaist, so als hätte schon seit Jahrzehnten kein Mensch mehr einen Fuß auf dieses Gelände gesetzt.
Und wie ich nur ein paar Augenblicke später erfuhr, war dies auch tatsächlich der Fall. Bei der gezeigten Einblendung handelte es sich tatsächlich um ein Fabrikgelände, genauer gesagt, um die verlassene Ruine einer Chemiefabrik in Indien.
Bhopal hieß der Ort, wie mir mitgeteilt wurde, an welchem sich im Dezember des Jahres 1984 das wahrscheinlich größte und folgenreichste Chemieunglück der Geschichte ereignet hatte. Mehrere tausend Menschen waren an den Folgen dieses Vorfalls ums Leben gekommen, als sich Tonnen von giftigen Gasen und Stoffen in der Atmosphäre ausgebreitet und dem einst friedlichen Leben an diesem Ort ein jähes Ende bereitet hatten.
Auch wenn ich von diesem Ereignis bislang noch nie etwas gehört hatte – die gezeigten Bilder und Informationen fesselten mich aus irgendeinem Grund so stark, dass ich nicht in der Lage war, auf einen anderen Sender umzuschalten.
Stattdessen hörte ich zu, was darüber berichtet wurde, erfuhr von den Folgen dieses Unfalls und seinen Auswirkungen auf die Umwelt. Ich bekam mitgeteilt, dass es bis heute keine konkreten Eindämmungs- und Aufbereitungsmaßnahmen gegeben habe und das Gelände der Fabrik in Bhopal noch immer hochgradig verseucht und giftig sei. Ich erfuhr von den Opfern dieser Katastrophe, von den unzähligen Menschenleben, die sie gefordert hatte – und je länger ich zuhörte, desto stärker zog mich die ganze Geschichte in ihren Bann.
Statt also wie geplant umzuschalten, rief ich die Programminfo des Senders auf, bei welchem es sich im Übrigen um einen Dokumentations- und Nachrichtenkanal handelte, um mehr über die entsprechende Sendung in Erfahrung zu bringen.
Ihr Titel lautete >Die größten Katastrophen der Geschichte< und – wie der Name mich schon vermuten ließ – behandelte sie diverse Unglücke und schwerwiegende Vorfälle, die sich im Laufe der Zeit auf der ganzen Welt ereignet hatten. Insgesamt zwölf Stück hatte man zusammengetragen, was mir offen gestanden ein äußerst mulmiges und beklemmendes Gefühl bereitete, wenn ich mir das vor Augen hielt.
Zwölf Ereignisse mit verheerendem Ausmaß, zwölf Umweltkatastrophen, an deren Folgen die Menschheit auf der gesamten Welt bis heute zu leiden hatte. Zwölf Zerstörungen einer einst friedlichen und idyllischen Natur, die teilweise durch unvorhergesehene Umstände, teilweise aber auch durch menschliche Fehler und außer Kontrolle geratene Experimente herbeigeführt worden waren. Zwölf Male, in denen die Menschheit schutz- und hilflos Dingen ausgeliefert war, die sie nicht oder nicht mehr beherrschen konnte. Und in denen sich mehr als deutlich offenbarte, dass es Kräfte gab, die sich weit jeder Art von menschlicher Kontrolle entzogen.
Ich hatte keine Ahnung, weswegen, aber irgendwie übte diese Art der Berichterstattung nicht nur eine immense Faszination, sondern vor allem auch Ehrfurcht und teilweise auch Angst auf mich aus.
Ich verfolgte die Sendung weiter, die sich nach dem Unglück von Bhopal mit einem der bekanntesten, sowie zugleich auch unheilvollsten Vorfälle überhaupt befasste, durch welche der Name eines Ortes für alle Zeiten traurige Berühmtheit erlangt hatte: Die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl, welche am 26. April des Jahres 1986 ihren verhängnisvollen Lauf genommen hatte.
Dieser Unfall mit der angeblich so fortschrittlichen und sicheren Kernenergie war selbst mir ein Begriff, denn in meiner Schulzeit, genauer gesagt, in meiner Abschlussklasse, hatte ich einmal einen Vortrag darüber halten müssen.
Bereits damals hatte sich dieses Unglück irgendwie in mein Gedächtnis eingebrannt, sowie vermutlich auch in die Köpfe und das Bewusstsein des Großteils der Bevölkerung. Die Folgen dieses Super-GAUs waren unvorstellbar – und die Tatsache, dass er einzig und allein auf einen gescheiterten, außer Kontrolle geratenen Versuch zurückzuführen war, umso trauriger und bedrückender.
Wie viele Todesopfer er gefordert hatte, vermochte bis heute niemand konkret zu sagen, denn trotz aller auftauchenden Statistiken und bekannter Quellen war die Dunkelziffer wahrscheinlich extrem hoch. Ganz zu schweigen von den Suiziden, die es aufgrund dessen gegeben hatte, sowie den fatalen, bis heute nachweisbaren Auswirkungen für die Umwelt.
Dieses Ereignis hatte mehrere, einst wahrscheinlich sehr belebte und fröhliche Orte von einem Augenblick zum nächsten in Geisterstädte und Ruinen verwandelt. Es hatte die Welt verändert, die sich bis dahin den von Atomenergie ausgehenden Gefahren wahrscheinlich überhaupt nicht bewusst gewesen war. Es hatte Familien zerstört und auseinandergerissen, eine Spur von Chaos und Verwüstung hinterlassen und war zu einem furchterregenden Stück Geschichte geworden, zu einem gefährlichen Erbe der Menschheit.
Denn ganz gleich, wie viel Zeit auch verging oder ob der Mensch die Sache eines Tages vergessen würde – die Erinnerungen und Relikte aus dieser Katastrophe würden immer vorhanden sein. Sie waren wie eine Spur, die man nicht ausradieren konnte, ein unauslöschlicher Teil menschlicher Existenz.
Und wie weitreichend die Folgen und Auswirkungen letztendlich waren, das vermochte selbst heute, über zwanzig Jahre nach dem GAU immer noch niemand mit Gewissheit zu sagen.
Auch wenn inzwischen andere Vorfälle und Ereignisse gekommen und gegangen waren, auch wenn die Leute aufgehört hatten, darüber zu reden und sich davon zu erzählen – die Existenz von Tschernobyl war trotzdem immer noch allgegenwärtig. Und das würde sie auch immer sein, ganz gleich, wie viel Zeit auch verstrich.
Ich konnte nicht wirklich sagen, woran es lag, aber die traurige Geschichte dieses Ortes hatte mich schon damals während der Vorbereitung für mein Referat immens fasziniert. Und genau daher hatte ich mich auch noch lange danach damit auseinandergesetzt, hatte Infos eingeholt, Berichte gelesen und Dokumentationen darüber angeschaut.
Möglicherweise war es ein bisschen verrückt, zumal ich selbst bis zu meinem Vortrag in der Schule keine Ahnung von dem Thema gehabt hatte. Aber irgendetwas an der ganzen Sache zog mich an, berührte mich und weckte zum Teil auch die Neugier und das Interesse daran, diesen Ort und seine dunkle Geschichte näher zu erkunden.
Tschernobyl und seine Vergangenheit strahlten aus irgendeinem Grund eine Anziehung auf mich aus, beinahe im wahrsten Sinne des Wortes, sowohl die tatsächlich dokumentierte Geschichte, als auch die zahlreichen Sagen, Mythen und Legenden, die sich seit der Katastrophe um diesen Ort rankten und effektiver waren als jede Gruselgeschichte und jeder Horrorfilm.
Keine Ahnung, weshalb mich diese Sache immer mal wieder so beschäftigte, zumal ich es erstens gar nicht miterlebt und zweitens eigentlich überhaupt keinen Bezug dazu hatte. Das mag nun bestimmt freakig klingen – aber anders lässt sich das einfach nicht erklären. Das Schicksal dieses Ortes zieht mich irgendwie an, und jedes Mal, wenn ich etwas darüber sehe oder lese, werde ich hellhörig und richte meine ganze Konzentration darauf.
Manchmal kam es mir so vor, als würde mich irgendetwas mit dieser Geschichte verbinden, als wäre ich ein Teil davon oder hätte es selbst miterlebt, auch wenn ich natürlich haargenau wusste, dass das absoluter Quatsch war.
Zur Zeit des Unglücks war ich noch nicht einmal geboren worden und hatte daher weder etwas von der Berichterstattung in den Medien mitbekommen, noch von den Vorgängen von damals.
Ich war niemals dort gewesen, kannte diesen Ort lediglich von Bildern oder aus dem Fernsehen, sowie aus Geschichten und Erzählungen. Und was ich mir da oft für Gedanken machte, war einfach nur absurd und lächerlich.
Und dennoch: Auch wenn man mich deshalb vielleicht für verrückt hält und ich es mir selbst nicht erklären kann – auf irgendeine Art und Weise fühle ich mich zu dieser Geschichte hingezogen, zu diesem Ort des Unglücks und der Katastrophe.
Die ganze Sache fesselt mich und zieht mich an – auch wenn ich mir schon etliche Male geschworen habe, dieses Thema endgültig aus meinem Leben zu streichen. Wie absurd das auch klingen mag, aber ich komme einfach nicht davon los. Und manchmal reicht nur ein Wort oder, wie in diesem Fall, ein kleiner Bericht – und schon ist das alles wieder präsent und ich entwickle erneut den Drang danach, mehr darüber herauszufinden. Mehr über die Hintergründe der Stadt, mehr über das Kernkraftwerk, mehr über die Auswirkungen der Katastrophe. Vor allem aber versuche ich zu ergründen, warum ich dieses eigenartige Gefühl der Verbindung nicht abschütteln kann.
Ich weiß, dass ich noch niemals in Tschernobyl war, dass ich nichts mit all dem zu tun habe und erst durch mein Schulreferat von damals damit in Berührung gekommen bin. Ich bin in Deutschland geboren und aufgewachsen, habe weder Vorfahren aus der Ukraine, noch sonst irgendeinen konkreten Bezug dazu.
Und trotzdem lässt es mich nie ganz los, auch wenn ich es oft ganz gut schaffe, alle Gedanken und Überlegungen für längere Zeit abzustellen und aus meinem Alltag zu verbannen. Irgendwann und irgendwie komme ich trotzdem immer wieder damit in Berührung – und das völlig ungewollt. Ich sehe etwas, höre etwas, lese etwas, das irgendwie damit zu tun hat – und schon muss ich wieder daran denken.
Es kommt mir fast so vor, als würde irgendwer oder irgendwas nicht wollen, dass das Thema Tschernobyl aus meinem Leben verschwindet. Und wie sehr ich mich auch bemühe, es zu vergessen und mich nicht länger damit auseinanderzusetzen – irgendwann passiert etwas, das mich wieder daran erinnert und meine Gedanken erneut zum Kreisen bringt.
Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich glatt denken, dieser vermaledeite Ort hat mich verhext und will geradezu, dass ich nicht aufhöre, an ihn zu denken. Und ganz ehrlich: Wenn ich mir das vor Augen halte, habe ich manchmal das Gefühl, dass an den Sagen und Mythen, sowie an dem Gerücht, dieser Ort sei verflucht, tatsächlich etwas Wahres dran ist.
Wie konnte man sich sonst erklären, dass ich immer und immer wieder unabsichtlich damit in Berührung kam? Wie konnte man sich erklären, dass immer wieder Dinge auftauchten und passierten, die meine Gedanken darauf zurückbrachten?
Vor ein paar Monaten zum Beispiel war ich gerade mit meinem Freund in der Stadt unterwegs beim Einkaufen. Nichts Besonderes oder Außergewöhnliches, lediglich ein paar kleine Besorgungen für einen geplanten Grillabend mit Bekannten.
Irgendwann kamen wir schließlich an einem Buchladen vorbei, in den er kurz reinschauen wollte, um sich den neuesten Roman von Nora Roberts zu besorgen. Und ich bin natürlich mit reingegangen und habe mich auch ein wenig umgeschaut. Zuerst war auch nichts Aufregendes daran: Ich stöberte mich durch ein paar Bücher, während er nach dem Roman gefragt hat – als mir ganz plötzlich und ohne jegliche Vorwarnung ein Buch mit dem Titel >Chernobyl Diaries< auffiel. Und das Ungewöhnliche daran war: Es war vollkommen falsch einsortiert, in einem völlig anderen Genre und unter ganz anderem Autor.
Aber damit nicht genug: Als wir einmal mit unserem Wagen raus an den See fuhren, hatten wir wie üblich das Radio an. An sich auch nichts Auffälliges, möchte man meinen. Aber: Während unserer Fahrt wurde, ebenfalls wieder ohne Vorwarnung, ein Song mit dem Namen >Rose Of Chernobyl<, zu Deutsch >Rose von Tschernobyl< gespielt, zum Gedenken an die Opfer der Nuklearkatastrophe.
Na gut, denkt man sich vielleicht. Das waren eben zwei blöde Zufälle. Kann ja mal vorkommen. Und wie will man sich dann erklären, dass ich genau dieses Lied, das eigentlich eher unbekannt ist und im Radio äußerst selten läuft, bereits dreimal gehört habe? Und zwar immer – und ich betone IMMER – rein zufällig?
Und um dem ganzen noch die Krone aufzusetzen: Es ist inzwischen zwar schon länger her, aber als ich eines Abends im Netz gesurft bin, erschien auf irgendeiner Seite ein Banner, mit welchem um Spenden für die Kinder von Prypjat gebeten wurde.
Auch nur reiner Zufall? Alles einfach eine Laune des Lebens? Dazu sei noch erwähnt, dass all diese Vorfälle sich in einem Zeitraum von nicht einmal einem Jahr zugetragen haben. Im Abstand von weniger als zwölf Monaten bin ich gleich fünfmal mit dem Thema in Berührung gekommen – und nicht ein einziges Mal davon habe ich es bewusst provoziert. Und heute, ungefähr sieben Wochen seit meiner letzten Begegnung mit dem Namen dieses Ortes, passierte es schon wieder. Konnte das alles tatsächlich ein bloßer Zufall sein? Und wenn ja, gab es wirklich so viele Zufälle auf einmal?
Offen gesagt: Ich glaubte schon lange nicht mehr daran. Dieses stetige Auftauchen des Ortsnamens in meinem Leben glich fast schon einer Heimsuchung. Sicherlich kannte bestimmt jeder die Geschichte, die dahintersteckte und war auch mit dem Namen Tschernobyl vertraut. Aber ohne mich zu weit aus dem Fenster zu lehnen: Ich war mir sicher, dass kein anderer Mensch so oft mit diesem Thema in Berührung kam wie ich. Und das immer völlig ungewollt und unerwartet.
Nein, ich war überzeugt: Das konnte alles nicht auf bloßem Zufall beruhen. Da steckte mehr dahinter. Viel mehr. Auch wenn ich keinen Bezug zu der ganzen Geschichte hatte, ich war mir sicher: Dieser Ort wollte irgendetwas von mir. Auf irgendeine Art und Weise verband mich etwas mit ihm, auch wenn ich weder wusste, was das war, noch, warum das so war.
Möglicherweise war ich auch einfach nur plemplem und hatte schon zu viel darüber gehört, gesehen und gelesen – und vielleicht waren auch die Geschichten von dem angeblichen Fluch, der darauf lastete schuld daran, dass ich immer wieder nachgrübelte und recherchierte. Natürlich mit dem immergleichen Ergebnis, dass es da nichts gab, was auf eine Verbindung zwischen mir und Tschernobyl schließen ließ.
Möglicherweise steckte aber doch wesentlich mehr hinter all dem. Möglicherweise gab es da irgendetwas, von dem ich nichts wusste, irgendein Zeichen, eine Verbindung, eine Anekdote, die ich noch nicht bedacht hatte. Möglicherweise verbarg sich hinter dieser Geschichte noch ein ganz anderes, vielleicht sogar dunkles Geheimnis – und es war einzig und allein an mir, es zu lösen.
Auf alle Fälle wusste ich genau, dass ich mit diesem Kapitel nicht abschließen konnte, bis ich nicht endgültig herausgefunden hatte, was dahintersteckte. Es würde mich immer wieder einholen und verfolgen, wenn ich nicht endlich ein für alle Mal klärte, was es mit der ganzen Sache auf sich hatte.
Und genau deshalb beschloss ich auch, es endlich zu tun. Ich, Elias Marquardt, würde der Geschichte auf den Grund gehen und herausfinden, warum ich mich diesem Ort so verbunden fühlte. Denn ich spürte, dass es da ein Geheimnis gab.
Und ich würde es lösen. Ganz gleich, wie lang das auch dauern mochte.

Als mein Freund Robbie einige Zeit später nach Hause kam, saß ich gerade vor meinem Laptop und las mir einige Artikel zum Thema Tschernobyl durch, unter anderem auch über den angeblichen Fluch, der den Ort seit dem Reaktorunglück angeblich in seinen Fängen hielt. Ich las von Gottlosigkeit und verseuchter Erde, von unheilvollen Prophezeiungen, sowie auch von den ruhelosen Seelen der Todesopfer und den angeblich durch die radioaktive Strahlung entstellten Mutanten und Kreaturen, die sich dort in der Nacht herumtreiben sollten.
Ehemalige Bewohner und Neugeborene, welche sich durch die Strahlung abnormal entwickelt hatten und zu hässlichen Monstern geworden waren. Mutierte Tiere und Lebensformen, welche als blutrünstige Bestien Jagd auf Eindringlinge machen sollten, am häufigsten im Schutz der Dunkelheit.
Entstellte Menschen ohne oder nur mit halbem Gesicht, mit drei statt zwei Armen, ohne Beine oder Augen. Fleischfressende Ausgeburten der Hölle, die jeden, der unbefugt in ihr Gebiet eindrang, auf der Stelle hinrichteten – sofern ihn zuvor die hohe Strahlung nicht umbrachte oder ebenfalls mutieren ließ.
All das und noch viel mehr, so unter anderem auch werwolfartige Wesen, sollte angeblich in der sogenannten „verbotenen Zone“, bei welcher es sich um das Sperrgebiet rund um den Reaktor handelte, ganz besonders in der Nacht sein Unwesen treiben.
Sogar Bilder konnte man sehen, wie diese Kreaturen angeblich aussahen, sowie auch ein paar Berichte von wahrscheinlich selbsternannten Augenzeugen, welche sowohl die Begegnung mit diesen Bestien, als auch die Verstrahlung vor Ort überlebt hatten.
Wirklich glauben tat ich zwar nicht, dass es solche monströsen Gestalten tatsächlich gab – aber andererseits wusste ich genau und war es auch erwiesen, dass ganz besonders Neugeborene, deren Mütter mit der Strahlung in Kontakt gekommen waren, Entstellungen und Mutationen aufwiesen, wie etwa verformte oder fehlende Gliedmaßen. Das war Tatsache, das gab es tatsächlich – also war die Theorie mit den monströsen Kreaturen doch gar nicht so weit hergeholt. Vielleicht hatten wirklich einige Menschen in der Sperrzone überlebt und waren mit der Zeit mutiert. Und Tiere natürlich sowieso.
Seltsam war es, dieses Gefühl, das mich während meiner ausführlichen Recherchearbeiten beschlich. Einerseits Unbehagen und Angst, sowie teilweise auch Ekelgefühle, andererseits aber auch Faszination und diese seit langem bestehende Anziehung zu dem kontaminierten Ort.
Ich wusste nicht, ob ich davon eingenommen war – oder schlicht und ergreifend durchgeknallt. Aber ich wusste, dass ich dieses Geheimnis mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln lösen musste. Denn dass es ein Geheimnis gab, das war so sicher wie das Amen in der Kirche. Ich musste nur noch herausfinden, welches.
Mein Freund Robbie trat schließlich ins Zimmer, während ich mir aufmerksam einen weiteren Bericht über den Hergang des Unglücks, sowie verfügbare Namen und Daten von bekannten Beteiligten zu Gemüte führte.
Ich sah kurz auf und warf ihm zur Begrüßung ein Lächeln zu, welches er wie immer erwiderte und sich, nachdem er die Schuhe ausgezogen hatte, zu mir setzte. Ich stellte kurz mein Laptop beiseite, um ihn angemessen in Empfang zu nehmen und darüber hinaus auch zu verhindern, dass er direkt etwas von meinen Recherchearbeiten mitbekam.
Innerhalb der letzten Zeit, ganz besonders des vergangenen Jahres, hatten wir das Thema Tschernobyl schon ziemlich oft gehabt, weshalb es auch kein Wunder war, dass er sich manchmal ein wenig gestört und genervt davon fühlte.
Er konnte nicht verstehen, was mich so an diesem Ereignis fesselte und hatte mir einmal sogar eine richtige Besessenheit angedichtet, womit er, zumindest meiner persönlichen Einschätzung nach, gar nicht mal so Unrecht hatte. Aber ehrlich gesagt war das kein Wunder. Ich verstand ja selbst nicht, warum mich das so anzog und nicht losließ. Aber um genau das herauszufinden, musste ich noch einmal recherchieren, musste mir endgültige Klarheit darüber verschaffen, weshalb ich so fixiert darauf war.
Und entweder, dieses undefinierbare Gefühl, diese Ahnung, dass es da tatsächlich ein Geheimnis gab, eine Verbindung zwischen mir und diesem Ort, bestätigte sich und ich fand die Wahrheit heraus – oder aber ich musste mir am Ende eingestehen, dass ich wirklich einem Wahn hinterhergejagt war und konnte endgültig damit abschließen.
So oder so – einmal musste ich mich noch damit auseinandersetzen und alle mir bekannten Fakten und Daten aneinanderreihen. Ich musste bis in die Tiefen der Geschichte eintauchen und jedes noch so unwichtige Detail daraus hervorholen. Denn ich spürte, dass es da etwas gab, etwas, das ich bislang übersehen hatte, das ich nicht beachtet hatte und was mir letztendlich dabei helfen würde, endlich Klarheit zu bekommen.
Zwar wusste ich nicht genau, wonach ich eigentlich suchen musste – aber ich war mir sicher, dass ich es finden würde. Irgendwie und irgendwo. Es war da. Ich musste es nur noch zum Vorschein bringen.
„Hey“, meinte Robbie unterdessen und drückte mir mit einem Lächeln einen Kuss auf die Wange. „Na, wie war denn dein Abend, Schnecke?“. Zur Antwort stieß ich ein leichtes Grummeln aus, denn ich verabscheute nichts mehr, als wenn er mich 'Schnecke' nannte. Aber natürlich machte er es genau aus diesem Grund immer extra, um mich zu provozieren und zu ärgern.
Er grinste amüsiert, als sich mein Blick kurz verfinsterte und ich die Augen zusammenkniff. „Wie oft...“, fragte ich ihn dann gespielt genervt, „habe ich dir eigentlich schon gesagt, dass du das lassen sollst?“. „Keine Ahnung“, antwortete er und zuckte kurz die Schultern. „Zweitausendmal? Dreitausendmal? Ich hab irgendwann aufgehört zu zählen“.
Er lachte über seinen eigenen Witz und wollte mich eigentlich küssen, was ich jedoch bestimmt abblockte. „Nicht komisch, Rob“, mahnte ich ihn und gab mich ernst, woraufhin er nur entschuldigend mit den Schultern zuckte.
„Muss ich auch erst wieder anfangen, dich 'Robbe' zu nennen?“, wollte ich neckend wissen, was ihn jedoch nur noch breiter grinsen ließ. „Von mir aus“, antwortete er und strich sich mit der Hand eine schwarze Haarsträhne aus der Stirn. „Mir macht das nichts aus. Ich bin nicht so empfindlich wie du“. „Ich bin auch nicht empfindlich“, wehrte ich mich sofort und sah ihm ernst in die Augen. „Aber ich mag es halt einfach nicht, wenn du mich so nennst. Kannst du das denn nicht bitte einfach akzeptieren?“.
„Doch“, antwortete er verständnisvoll. „Doch, kann ich“. Dann verwandelte sich sein Schmunzeln wieder in ein breites Grinsen und er beugte sich dicht an mein Ohr heran. „Aber ich will es nicht“, flüsterte er mir leise zu und kicherte, woraufhin ich ihm einen Klaps verpasste und den Kopf schüttelte.
„Ich geb es auf“, murrte ich und seufzte. „Du lernst es nie“. „Da hast du Recht, Schnecke“, antwortete er und grinste mich wieder an. „Das lerne ich wirklich nie. Aber genau für diese Marotten liebst du mich ja letztendlich auch, stimmt's?“.
Ich spielte noch einen Moment lang den Frustrierten, bevor ich mich schließlich wieder an ihn wandte und dicht mit ihm zusammenrutschte. „Stimmt“, musste ich ihm dann Recht geben und gab ihm lächelnd noch einen Kuss.
Als wir uns wieder voneinander lösten, fiel sein Blick hinüber zum Laptop und er schaute mich interessiert an. „Was machst du denn schönes?“, erkundigte er sich neugierig und beugte sich über mich, um auf den Bildschirm sehen zu können. „Schreibst du Mails?“.
„Nun... nicht direkt...“, antwortete ich, mit dem sicheren Wissen, dass es ihm alles andere als Recht sein würde, dass ich schon wieder nach diesem Thema gesucht hatte.
„>Reaktorkatastrophe in Tschernobyl<“, las er die Überschrift eines Artikels, den ich gerade durchgesehen hatte. „>Geisterstadt Prypjat: Ist der Ort wirklich verflucht?<“.
Sofort wandte er sich vom PC ab und wieder mir zu, ehe er mich mit einem prüfenden Blick musterte. „Schon wieder?“, fragte er dann und starrte mich ganz ernst an. „Was war es denn diesmal? Hast du wieder dieses blöde Lied gehört?“.
„Nein“, antwortete ich rasch und schaute verlegen zu Boden, ehe ich zusätzlich den Kopf schüttelte. „Nein, wirklich nicht. Es ist nur...“. „Was?“, fragte er neutral und verschränkte seine Arme vor der Brust. „Was war es diesmal? Warum beschäftigst du dich schon wieder damit?“.
„Ich...“, begann ich ihm schließlich zu erklären. „Ich habe vorhin zufällig ferngesehen. Und da wurde etwas über die größten Katastrophen der Geschichte gezeigt. Und als dann Tschernobyl kam...“.
„Oh nee, nicht schon wieder“, entgegnete Robbie und schüttelte in Unverständnis seinen Kopf. „Wir hatten das doch vor ein paar Wochen erst wieder. Als du dieses Banner entdeckt hast. Und jetzt schon wieder? Ehrlich?“.
„Ich weiß es doch auch nicht“, versuchte ich, mich zu verteidigen und zuckte ratlos die Schultern. „Dieses Thema läuft mir einfach ständig über den Weg. Es ist fast so, als ob...“.
„Nein“, unterbrach er mich und hob seine Hand, um mich zum Schweigen zu bringen. „Nein, Eli. Fang nicht schon wieder damit an, dass du eine Anziehung zu dieser blöden Stadt hättest und dich irgendwas mit ihr verbindet. Langsam wird es ehrlich paranoid“.
„Aber Robbie...“, protestierte ich beharrlich und deutete auf den Artikel am PC. „Ich spüre es doch ganz genau. Da gibt es irgendetwas, das mit mir und dieser Katastrophe in Zusammenhang steht. Warum sonst sollte ich immer wieder zufällig über den Namen Tschernobyl stolpern? Das kann doch kein Zufall sein“.
„Das ist es aber“, meinte Robbie ernst und musterte mich. „Genau das ist es: Ein Zufall. Nicht mehr und nicht weniger. Und sei ehrlich. Du wartest doch förmlich darauf, dass wieder irgendetwas von dieser Geschichte in deinem Leben auftaucht. Du suchst förmlich danach. Das ist paranoid, Elias. Das ist wirklich paranoid“.
„Ja“, gab ich ehrlich zu, während ich kurz darüber nachdachte. „Ja, okay, vielleicht ist es das. Aber das ändert trotzdem nichts daran, dass mir immer wieder diese Geschichte begegnet. So viele Zufälle kann es doch nicht geben!“.
Bevor er etwas darauf erwidern konnte, fasste ich ihn an beiden Händen und sah ihm direkt ins Gesicht. „Ich weiß, dass es verrückt klingt“, räumte ich offen und ehrlich ein. „Ich weiß, dass du mich für bescheuert hältst deswegen. Aber dieser Ort, Robbie: Er ruft mich. Er will irgendetwas von mir. Ich weiß es ganz genau“.
„Er... ruft dich?“, fragte er und schüttelte den Kopf. „Ja“, antwortete ich fest überzeugt und nickte zustimmend. „Ich weiß, wie sich das anhört. Aber es ist so, Robbie. Dieser Ort ruft mich. Er sucht nach mir. Diese ganzen Zeichen sind kein Zufall, das weiß ich ganz genau“. „Elias...“, seufzte er daraufhin und verdrehte seine Augen, doch ich ließ ihn seinen Satz nicht beenden. „Bitte“, sagte ich eindringlich und drückte sanft seine Hände. „Bitte hör mir zu, Rob. Bitte hör mir nur ein einziges Mal zu. Lass mich dir erklären, was ich vorhabe. Nur noch einmal. Es ist sehr wichtig“.
„Aber Elias...“, wiederholte er, inzwischen leicht besorgt, so wie schon oftmals zuvor, wenn ich mich zu sehr in das Thema verbiss. „Bitte“, sagte ich erneut und streichelte ihm die Hand. „Nur noch einmal. Und ich verspreche dir: Wenn ich nichts herausfinde, werde ich diese Sache nie wieder ansprechen. Ich werde es auf sich beruhen lassen und dich nie mehr damit behelligen. Ich versprech's“.
„Wie oft hast du mir das schon versprochen?“, entgegnete er skeptisch und musterte mich. „Ich weiß“, antwortete ich zustimmend. „Ich weiß, Rob. Aber dieses Mal meine ich es wirklich ernst“.
„Auch das hast du schon oft gesagt“, meinte Robbie kopfschüttelnd. „Aber du gibst ja doch keine Ruhe. Irgendwann kommt wieder etwas, das du als Zeichen oder Hinweis interpretierst und meinst, du hättest eine Verbindung zu dieser Geschichte. Doch die hast du nicht, Elias. Du hast nichts damit zu tun. Begreif es doch bitte endlich“.
„Mir ist klar, dass das verrückt klingt“, wiederholte ich ernst. „Aber ich kann es nicht leugnen, Robbie. Da gibt es etwas, das spüre ich. Irgendeine Verbindung zwischen mir und Tschernobyl“.
„Elias...“, seufzte er, dieses Mal deutlich lauter. „Hör doch bitte endlich auf. Was soll das denn für eine Verbindung sein, hm? Du warst niemals dort, kennst nur Bilder und Berichte und bist erst Jahre nach dem Reaktorunfall geboren worden. Du hast keine Familie dort, keine Verwandten, nichts. Was willst du also für eine Verbindung haben? Was für eine, Elias? Sag es mir“.
„Ich weiß es nicht“, musste ich offen gestehen. „Noch nicht. Aber genau das will ich ja herausfinden. Ich muss es herausfinden. Ich muss noch einmal alles darüber recherchieren. Aber diesmal darf ich nichts auslassen. Und wenn sich dann herausstellt, dass es da wirklich nichts gibt, dann ist das eben so. Aber ich muss es noch einmal versuchen. Nur noch ein einziges Mal, Robbie. Ich fühle, dass es da etwas gibt. Etwas, das ich bisher nicht gesehen habe“.
Er wollte etwas darauf antworten, doch ich ließ ihn nicht zu Wort kommen. „Von mir aus nenn mich paranoid“, sagte ich mit ernstem Blick. „Von mir aus nenn mich besessen oder gestört. Aber ich muss mich noch einmal damit auseinandersetzen. Vielleicht finde ich, was ich suche. Und wenn nicht, dann ist das eben so. Und dann werde ich das auch nie wieder in Erwähnung bringen“.
Robbie stieß ein weiteres Seufzen aus, während er sich meine Worte durch den Kopf gehen ließ und warf dann einen Blick in meine Augen. „Nie wieder?“, wollte er wissen, was ich ihm mit einem offenen Schwur bestätigte. „Nie wieder“, gelobte ich aufrichtig und legte mir eine Hand auf die Brust. „Großes Ehrenwort, Robbie. Wenn ich nichts herausfinde, dann werde ich mich nie mehr damit beschäftigen. Ich verspreche es dir“.
Erneut dachte er ausführlich über meine Worte nach, bevor er sich schließlich geschlagen gab und einwilligte.
„Also schön“, meinte er und sah mich an. „Ich kann es dir ja sowieso nicht ausreden, egal, was ich sage. Wenn du unbedingt meinst, dass du das machen musst und es dir danach besser geht, dann tu es. Forsche weiter nach. Finde, was du glaubst, finden zu müssen. Aber sei nicht enttäuscht, wenn sich am Schluss herausstellt, dass das alles nur Einbildung war und es keinerlei Verbindung zwischen dir und Tschernobyl gibt. Und wehe dir, wenn du danach noch ein einziges Mal damit anfängst“.
„Das werde ich nicht“, gelobte ich felsenfest und konnte mir ein Lächeln nicht verkneifen. „Ich verspreche es dir, Rob“. „Also gut“, entgegnete er und nickte flüchtig. „Dann mache ich dir jetzt einen Vorschlag: Für heute machst du Schluss mit deiner Recherche, okay? Und morgen setzen wir uns zusammen hin und schauen, was wir herausfinden können“.
„Wir?“, fragte ich etwas verblüfft und musste gerührt lächeln. „Das heißt... du hilfst mir dabei?“. „Hab ich denn eine andere Wahl?“, wollte er seufzend wissen und zuckte die Schultern. „Du gibst ja vorher sowieso keine Ruhe. Und auch wenn ich glaube, dass du dir das alles nur einbildest und dieser Wahn nicht gut für dich ist, werde ich dich unterstützen. Wir können ja vielleicht mal zur Bibliothek gehen und uns alle verfügbaren Infos zum Thema holen. Und wir versuchen, noch mehr Hintergründe in Erfahrung zu bringen, zum Beispiel betroffene Personen oder deren Familien. Vielleicht bringt uns das ja auf irgendeine Spur. Und wenn das nichts bringt, schauen wir mal, ob wir Kontakt zu Leuten herstellen können, die mehr wissen. Vielleicht hilft dir das weiter“.
„Wirklich?“, fragte ich ganz bewegt. „Das würdest du tun?“. „Wie gesagt“, entgegnete er und schmunzelte ebenfalls. „Hab ich eine Wahl? Wenn es dir danach besser geht und du endlich die Klarheit hast, die du willst, dann machen wir das. Außerdem liebe ich dich nun einmal, Eli. Und deshalb werde ich auch alles tun, um dir zu helfen. Auch wenn das Ganze noch so verrückt und bescheuert ist“.
„Ach Robbie!“, rief ich euphorisch aus und fiel ihm glücklich um den Hals, bevor ich ihn mit mehreren, langen Küssen überflutete. „Ich weiß gar nicht, wie ich dir dafür danken soll“.
„Nun...“, antwortete er, während sich ein Schmunzeln über sein Gesicht zog. „Ich glaube, mir fällt da schon was ein. Deshalb mach Schluss für heute, okay? Und morgen setzen wir uns gemeinsam hin und schauen, ob wir was rauskriegen können“.
„Danke“, sagte ich aufrichtig und lächelte, als er meine Hand nahm. „Ich weiß, dass das alles verrückt ist. Und deshalb rechne ich es dir hoch an, dass du mir helfen möchtest“.
„Wenn es dir so wichtig ist und dich so beschäftigt“, gab er mir zur Antwort, während er dichter mit mir zusammenrückte. „Aber jetzt ist es erst einmal genug für heute. Lass uns rüber ins Schlafzimmer gehen, einverstanden? Ich habe da eine Idee, wie wir uns von dieser ganzen Sache ablenken können“.
Er zwinkerte mir zu und bedeutete mir, ihm rasch zu folgen, woraufhin ich zufrieden und glücklich lächelte. „Komisch“, sagte ich dann, während ich mich erhob und mit ihm ging. „Dieselbe Idee hatte ich gerade auch“.

Einige Zeit später, nachdem Robbie und ich ein paar sehr nahe Momente miteinander geteilt hatten, lag ich in seinen Armen noch wach und schmunzelte leise vor mich hin. Er war im Gegensatz zu mir bereits eingeschlafen – eigentlich typisch für ihn, da ihm das so gut wie jedes Mal passierte.
Doch ich nahm es ihm nicht übel. Kein bisschen. Vielmehr war ich glücklich darüber, dass er mir tatsächlich helfen wollte, mehr über die Sache herauszufinden und vielleicht endlich hinter das Geheimnis der damaligen Nuklearkatastrophe zu kommen. Möglicherweise – ja, möglicherweise hatte ich mich da tatsächlich in irgendetwas verrannt und meine Suche, wonach auch immer genau, würde am Ende zu keinem brauchbaren Ergebnis führen. Aber wenn mein Gefühl mich nicht trog, dann gab es da wirklich ein Geheimnis, etwas, das ich bislang noch nicht entdeckt hatte. Etwas, das mir eine Erklärung dafür lieferte, weshalb ich mich zu dieser schicksalhaften Stadt so sehr hingezogen fühlte. Weshalb ich darüber nachdachte und mich damit beschäftigte, obwohl ich noch nie in meinem Leben dort gewesen war. Eine Erklärung für dieses eigenartige Gefühl, das ich jedes Mal bekam, wenn es um Tschernobyl ging.
Zwar bedeutete das, dass ich ganz tief in die Geschichte eintauchen musste, noch wesentlich tiefer als bisher. Aber wenn es mir dadurch gelang, dieses Rätsel zu lösen, ganz gleich, mit welchem Ergebnis, dann war es das auf alle Fälle wert. Vielleicht konnte ich ja dann endlich mit all dem abschließen und mein Leben wieder auf andere Dinge ausrichten.
Denn auch wenn Robbie es so sah und mir immer wieder einredete, dass das alles nur pure Zufälle waren – ich glaubte nicht daran. Irgendetwas sagte mir, dass da mehr dahintersteckte und ich um jeden Preis herausfinden musste, was das war. Denn ob es nun verrückt war oder nicht – ich hatte eine Verbindung zu diesem Ort. Und solange ich nicht wusste, was es damit auf sich hatte, würde diese auch nicht abreißen und ich nie zur Ruhe kommen.
Letztendlich schüttelte ich all diese Überlegungen einfach ab und konzentrierte mich stattdessen voll und ganz auf Robbies Nähe, die mir in diesem Augenblick so gut tat wie schon lange nicht mehr.

Irgendwann musste ich schließlich doch noch eingeschlummert sein, auch wenn ich eigentlich viel zu aufgeregt dazu war – denn als ich meine Augen wieder öffnete, war es um mich herum taghell.
Ich brauchte einen Augenblick, um mich an das Licht zu gewöhnen, ehe ich schließlich meine Konzentration wiedererlangte und die Umgebung um mich herum zu realisieren begann.
Über mir erstreckte sich ein nahezu endlos weiter, trüber Himmel, in den ich einige Momente lang regungslos starrte, bis ich begriff, dass ich wohl irgendwo im Freien sein musste. Dies wurde mir auch dadurch bestätigt, dass ich mich nicht mehr in meinem Bett befand, sondern auf einem harten, kühlen Untergrund – möglicherweise eine Straße oder etwas ähnliches.
Augenblicklich warf sich mir die Frage auf, wie ich denn hierhergekommen war – und vor allen Dingen natürlich, wo genau ich mich überhaupt befand.
Bedächtig versuchte ich aufzustehen und suchte mit meinen Blicken die Umgebung ab, hoffte auf irgendetwas Vertrautes oder einen Anhaltspunkt, der mir sagen konnte, wo ich war.
Aber ganz egal, wohin ich auch blickte – überall um mich herum erschien mir alles fremd und neu. Nein, hier war ich definitiv noch nie gewesen. Diesen Ort hier hatte ich noch nie in meinem Leben gesehen. Doch... was genau war das eigentlich für ein Ort?
Ich versuchte, mich irgendwie an irgendetwas zu orientieren, suchte erneut die Umgebung ab, bis mir schließlich auffiel, dass sich direkt unter mir eine schier endlose Aussicht erstreckte.
Und es dauerte noch einmal ein paar Sekunden, bis ich begriff, dass ich mich gerade auf dem Dach eines Hauses befinden musste. Auf dem Dach eines Hochhauses, um ganz genau zu sein.
Ich drehte und wandte mich erneut nach allen Seiten, entdeckte weitere, unzählige Häuser und Bauten, die sich ringsherum ausbreiteten und vor mir eine Metropole entstehen ließen, die ich noch nie zuvor gesehen hatte.
Was genau war das hier für eine Stadt? Wo befand ich mich? Und vor allen Dingen: Wie war ich hier überhaupt gelandet?
Noch ehe ich jedoch die Gelegenheit dazu hatte, nach einer Antwort auf diese Fragen zu suchen, schweifte mein Blick ein Stückchen weiter und entdeckte schließlich etwas, das mir kurzzeitig den Atem stocken ließ.
Es handelte sich um ein riesiges Areal, aus dem ein Turm emporragte. Ein Turm, dessen Aufbau selbst von hier aus mehr als deutlich erkennbar war. Rundherum befanden sich weitere, große Gebäude und Blöcke, die ebenfalls klar zu sehen waren und aus irgendeinem Grund ein seltsames Gefühl in mir wachriefen.
Diese Szene hier – sie kam mir irgendwie so bekannt vor. Es war fast so, als hätte ich das alles schon einmal gesehen, als wäre ich irgendwann schon einmal hier gewesen. Aber wie konnte das sein? Dieser Ort hier war mir fremd – und dennoch bildete ich mir ein, ihn von irgendwo her zu kennen.
Ich war noch nie hier gewesen, da war ich ganz sicher. Aber trotzdem: Dieser Turm, diese Gebäude – das hatte ich schon einmal irgendwo gesehen. Ich kannte dieses Bild. Ich kannte es von irgendwoher. Der Blick von hier aus – das wirkte fast genauso wie...
Bevor ich den Gedanken zu Ende denken konnte, durchfuhr mich wie aus dem Nichts ein kalter Schauer und ich zuckte kurz zusammen. Eilig wollte ich die aufkeimende Überlegung wieder verwerfen, als mein Blick sich noch einmal an den Turm heftete, der mir aus irgendeinem Grund vertraut war.
Nein, dachte ich und fühlte, dass mein Herz anfing zu pochen. Nein, das konnte doch nicht möglich sein. Das da drüben, das war nicht das Kernkraftwerk von Tschernobyl. Und ich stand nicht gerade auf dem Hausdach, von welchem ich schon einmal ein Foto gesehen hatte. Das war unmöglich. Das war absolut und total unmöglich. Ausgeschlossen.
Ich blinzelte mehrfach, während mein Herz schneller raste, so als könnte ich dadurch die Umgebung verändern oder verschwinden lassen. Aber ganz gleich, wie oft ich es auch versuchte – es blieb erfolglos.
Ich stand immer noch auf demselben Hausdach und hatte immer noch denselben Ausblick vor Augen. Direkt unter mir erstreckte sich die Stadt – und in nur ein paar Kilometern Entfernung thronte das riesige Kernkraftwerk, über das ich so viel gelesen und gehört hatte.
Und es sah haargenau so aus wie auf den Bilden. Hatte haargenau denselben Aufbau und denselben Umfang. Erhob sich mächtig und majestätisch über die gesamte Umgebung und bildete ihr unmittelbares Zentrum.
Erneut blinzelte ich, dann zwickte ich mich – zuerst links, dann rechts. Dann biss ich mir auf die Lippe, im Anschluss kratzte ich meinen Arm, bis Blut floss – doch an meiner Umgebung veränderte das rein gar nichts.
Das bedeutete also, dass diese Situation echt war. Ich stand wirklich gerade hier oben und blickte auf das Kernkraftwerk. Aber wie? Wie um alles in der Welt konnte das sein? Wie war ich hierhergekommen? Wie nur?
Das Herz in meiner Brust hämmerte laut und ich taumelte ein paar Schritte rückwärts, fiel beinahe hin, konnte mich aber zum Glück noch abstützen. Ich war so geschockt von meiner Situation, dass ich noch nicht einmal bemerkte, wie die Wunde an meinem Arm quasi von selbst versiegte und sich regenerierte, als wäre überhaupt gar nichts gewesen.
Also: Noch einmal zum Mitschreiben. Ich war hier tatsächlich in Tschernobyl? Ich war mitten in der Ukraine? Aber wie in Gottes Namen war das möglich? Ich war doch gerade noch friedlich neben Robbie zu Bett gegangen.
Robbie! Ach, du meine Güte! War er auch hier? War er auch irgendwie hier gelandet? Befand er sich auch an diesem Ort, möglicherweise irgendwo unten in der Stadt? Und wenn ja: Hatte er das wie ich überlebt?
Bevor ich mir jedoch noch weitere Gedanken um ihn machen konnte, schoss mir etwas vollkommen anderes durch den Kopf, das mir das Blut in den Adern gefrieren ließ: Die Strahlung!
Ich befand mich hier in unmittelbarer Nähe des Katastrophenreaktors. Und das vollkommen ungeschützt. Die radioaktive Strahlung konnte völlig ungehindert auf mich einwirken und mich verseuchen.
Wie lange war ich wohl da rumgelegen? Wie viel davon hatte ich abbekommen? Reichte die Dosis aus, um mich auszulöschen? Hatte ich schon die Strahlenkrankheit? War ich vielleicht in wenigen Minuten tot?
Was oder wer hatte mich nur in diese lebensgefährliche Situation gebracht? Und warum hatte ich keinerlei Erinnerung daran, wie ich überhaupt hier gelandet war? Das war doch irre. Das war alles vollkommen irre. Ich musste hier weg. Ich musste schleunigst hier weg. Verseucht war ich mit Sicherheit ohnehin schon. Aber wenn ich mich beeilte, hier rauszukommen, würde es mir vielleicht gelingen, mit nicht ganz so schwerwiegenden Strahlenschäden davonzukommen und zu überleben.
Ohne noch weitere Zeit zu verlieren, drehte ich mich um und fing an zu laufen. Auch wenn ich keine Ahnung hatte, wohin ich überhaupt rannte, geschweige denn, wie ich hier weg und wieder nach Hause kam, so musste ich es trotzdem versuchen.
Also rannte ich einfach, bis zur anderen Seite des Daches – und stürzte nur ein paar Augenblicke später hinunter in die Tiefe.

Als ich wieder zu Bewusstsein kam, da war ich mir zuerst nicht sicher, ob ich tot war oder noch lebte. Abermals brauchte ich einige Zeit, um meine Orientierung zurückzuerlangen und festzustellen, wo ich war.
Allem Anschein nach befand ich mich auf einem Bürgersteig oder etwas ähnlichem, denn neben mir führte eine große Straße vorbei, die mit Schildern in fremder Sprache ausgekleidet war. Direkt hinter mir befand sich ein Lokal oder so etwas in der Art. Genau sagen konnte ich es nicht, aber das interessierte mich in diesem Moment auch nicht.
Ich wusste nur, dass ich schleunigst hier weg musste. Verzweifelt blickte ich mich nach allen Seiten um – und erst jetzt realisierte ich richtig, dass ich mich keineswegs in einer verlassenen Geisterstadt befand.
Nein: Die Kulisse um mich herum lebte. Ein Bus fuhr vorbei, Menschen tummelten sich in großen Mengen, Tische wurden eingedeckt und Ladentüren geöffnet. Aber wie konnte das sein? Wenn das hier wirklich Tschernobyl war – wieso gab es dann hier Menschen? Und wieso lebten sie in den Tag hinein als wäre nichts? Diese Gegend hier musste doch verseucht sein. Wie konnten Leute so tun, als gäbe es diese Gefahr nicht? Das war verrückt. Sogar noch verrückter als die Tatsache, dass ich aus irgendeinem Grund hier war.
Wieder fing ich an zu rennen, während mein Bewusstsein nach einer Erklärung für all das hier suchte. Irgendetwas in mir verspürte den Drang zu schreien, die Leute vor der vorherrschenden Gefahr zu warnen. Sie mussten weg. Wir alle mussten weg. Dieser Ort war verseucht und hochgiftig.
Ohne mir weiter Gedanken zu machen und die Tatsache ausblendend, dass mich ohnehin niemand verstehen würde, weil ich die Sprache nicht konnte, fing ich an, durch die befüllte Straße zu laufen und auf die Leute einzureden.
Ich warnte sie vor der Verstrahlung, vor der verseuchten Atmosphäre – aber niemand, nicht einmal ein einziger, achtete auf mich. Sie alle ignorierten mich und taten so, als wäre ich gar nicht da, nahmen noch nicht einmal die geringste Notiz von mir.
Ich schrie und tobte so laut ich konnte – aber bekam nicht den Hauch einer Reaktion darauf. Stattdessen lief das Leben munter weiter und alle gingen vergnüglich ihrer Wege, sich der großen Gefahr, in der sie sich befanden, wahrscheinlich noch nicht einmal bewusst.
Ich rannte wieder, rannte die Straße hinunter, schreiend und tobend, aber noch immer sah niemand auf, geschweige denn, fragte mich jemand, was denn los sei. Und so langsam aber sicher beschlich mich ein äußerst mulmiges Gefühl und ein schrecklicher Verdacht keimte in mir auf.
Waren alle Bewohner hier bereits tot? Handelte es sich bei den Menschen hier nur noch um die Seelen der einstigen Bürger, die sich mit ihrem Schicksal nicht abfinden konnten und dazu verdammt waren, hier festzusitzen?
Ja, dieser Gedanke war ausgeflippt. Aber ehrlich: Einfach ALLES an dieser Situation war ausgeflippt! Von Anfang bis Ende. Ich befand mich an einem Ort, den ich nur von Bildern kannte – und hatte weder eine Ahnung, noch Erinnerung daran, wie ich überhaupt hierhergekommen war. Verlorene Seelen und Geister waren da gerade wirklich mein geringstes Problem.
Ich rannte weiter die Straße entlang, keuchte und atmete schwer, bis mir ein paar Momente später schwarz vor Augen wurde und ich erneut einfach das Bewusstsein verlor.

Einige Zeit später – wobei ich genau genommen überhaupt nicht wusste, wie viel Zeit vergangen war, geschweige denn, ob so etwas wie Zeit an diesem Ort ÜBERHAUPT existierte – kam ich erneut zu mir, wieder einmal mitten auf einem flachen Untergrund liegend.
Ich rappelte mich hoch und versuchte mich zu orientieren, blickte mich nach allen Seiten um – als mir mit Schrecken und Ehrfurcht das gigantische Gebäude vor mir ins Auge fiel, das sich, einem Wolkenkratzer nicht unähnlich, direkt vor mir erhob.
Maximal ein oder zwei Kilometer konnten es sein, die zwischen mir und dem majestätisch anmutenden Bau lagen, der sich stolz gen Himmel erhob und mir für einen kurzen Moment die Beine zittern ließ. War es das? War es das tatsächlich?
Ich blinzelte mehrfach, so wie schon einmal auf dem Dach, doch abermals mit demselben Resultat. Das Bild vor mir verschwand nicht. Ich stand direkt vor dem gigantischen Kernkraftwerk von Tschernobyl. Und nur zwei läppische Kilometer lagen zwischen mir und der Zentrale allen Übels und aller Verwüstung.
Ehrfürchtig starrte ich zu dem riesigen Turm empor, der vor mir in den Himmel ragte, bevor mein Blick sich abwandte und den Rest der Umgebung unter die Lupe nahm. Das war es also tatsächlich. Das war die Hölle auf Erden. Die Hölle von Tschernobyl.
Aber das bedeutete auch, dass hier die Strahlung um ein zigfaches höher sein musste als an anderen Teilen des Ortes. Schließlich war hier ihr Zentrum und ihre Quelle. Lieber Gott, wie viel hatte ich wohl diesmal davon abbekommen?
Wenn ich mich nicht täuschte, dann war es inzwischen genug, um mich unter Garantie zu töten. Entweder langsam und schleichend – oder innerhalb der nächsten paar Stunden. Ich konnte nicht wirklich einschätzen, wie viel Strahlung ich letztendlich abgekriegt hatte und abkriegte, geschweige denn, welche Dosen zu welcher Art von Symptomen und Todesfällen führten.
Offenbar war es aber noch nicht genug, um spontane Symptome hervorzurufen, die bei einer gewissen Stärke innerhalb von Minuten eintreffen sollten. Und scheinbar war es auch zu wenig, um eine sofortige Desorientierung, Koma oder einen Hirntod heraufzubeschwören.
Denn ich lebte noch. Wobei die Betonung hier eindeutig auf NOCH lag. Diesmal musste ich aber so schnell wie möglich weg. Diesmal war die Gefahr x-mal so hoch wie an den beiden anderen Plätzen. Schließlich stand ich mehr oder weniger direkt vor dem Gebäude.
Doch gerade als ich meine Beine in die Hand nehmen wollte, ließ mich ein lautes, fast ohrenzerfetzendes Geräusch schlagartig innehalten. Der Boden unter mir bebte, doch sonderbarerweise verlor ich trotzdem das Gleichgewicht nicht. Ich stand weiterhin aufrecht und sah, wie Rauch aus einem Teil des Kraftwerks aufstieg. Zeitgleich schoss auch eine Art violett-blau gefärbtes Licht in die Höhe und verteilte Millionen oder gar Milliarden von kleinen Partikeln davon auf dem Kraftwerksgelände.
Was genau war das? War das etwa die radioaktive Strahlung? Konnte das sein? Aber, wenn dem so war – wieso konnte ich sie dann jetzt erst sehen? Und vor allem: Wieso konnte ich sie ÜBERHAUPT sehen?
Wenn es sich dabei tatsächlich um die Strahlenemissionen handelte – wieso waren sie mir dann nicht vorher schon aufgefallen? Die ganze Umgebung musste doch damit verseucht sein. Oder aber...
Die Nuklearkatastrophe ereignete sich erst jetzt in diesem Augenblick! War das möglich? War das wirklich möglich? Aber das musste bedeuten... dass ich mich im Jahre 1986 befand!
War ich nicht nur an einen anderen Ort, sondern auch in eine andere Zeit gelangt? In die Zeit, in der die Katastrophe sich ereignet hatte? Aber wie? Wie war das möglich? Ich konnte überhaupt nicht mehr klar denken. Lag das an der Strahleneinwirkung?
Angsterfüllt schloss ich tief und fest meine Augen, in der Hoffnung, dieses Chaos endlich verlassen zu können.
Und tatsächlich: Als ich sie Momente später wieder öffnete, befand ich mich abermals an einem anderen Ort. Und zwar direkt vor dem Gebäude des Reaktorblocks 4, dessen Explosion den eigentlichen Super-GAU verursacht hatte.
Aber noch schien dies nicht eingetreten zu sein, denn der Block war noch vollständig und größtenteils unbeschädigt. Ich schloss wieder die Augen – und als ich sie aufmachte, glaubte ich zuerst, ihnen nicht trauen zu können.
Ich befand mich immer noch an der gleichen Stelle. Allerdings mit dem Unterschied, dass ich direkt ins Innere des Blocks blicken konnte! Ich sah einfach so hinein, mitten durch das Gebäude hindurch, so als würden meine Augen es einfach durchdringen.
Und noch ehe ich es richtig realisierte, geschah auch schon das, was für die totale Verwüstung und den GAU des Kraftwerks verantwortlich war. Der Reaktor Nummer 4 explodierte.
Doch obwohl ich die Explosion sowohl sehen als auch fühlen, sowie die immens austretende Strahlung deutlich wahrnehmen konnte, blieb ich trotzdem aufrecht stehen und verlor weder das Gleichgewicht, noch war ich sofort tot. Es war fast so, als gingen sowohl die Erschütterung, als auch die komplette Strahlung einfach an mir vorbei, ohne mich auch nur im Ansatz zu berühren oder gar zu schädigen.
Ich sah unzählige Teilchen um mich herumschwirren und rechnete eigentlich damit, auf der Stelle zu verenden – aber gar nichts passierte. Ich sah nur, wie Explosionstrümmer und radioaktiver Müll herumgeschleudert wurden – doch das gesamte Szenario überstand ich gänzlich unbeschadet.
Keine Übelkeit, kein Erbrechen, keine Desorientierung – nicht das geringste Anzeichen, dass die Strahlung irgendwie auf mich einwirkte oder meinen Körper zerstörte. Es war, als wäre ich unsichtbar, nicht vorhanden, ein Geist.
Moment, dachte ich und atmete auf. Konnte das vielleicht des Rätsels Lösung sein? Konnte ich deshalb einfach hier stehen und mir eine Katastrophe anschauen, die jeden Menschen mit seiner Krafteinwirkung eigentlich sofort umbrachte? Hatten mich deshalb möglicherweise auch die anderen Leute nicht gesehen? Hatten sie mich deshalb nicht gehört? Waren gar nicht sie die Geister – sondern ich?
Mein ganzer Kopf schwirrte und ich wusste überhaupt nicht mehr, was war und was nicht – als sich ein weiteres Mal die Dunkelheit über mich zog und alles um mich herum in tiefe Schwärze eintauchte.

Dieses Mal aber hatte ich nicht wie zuvor das Bewusstsein verloren, sondern erlebte alles haargenau mit. Ich fühlte, wie ich aufgesogen wurde, immer weiter in die Schwärze eintauchte, bis ich mich schließlich vor einem weiteren Gebäude wiederfand.
Diese Szene jedoch war anders als die, die ich zuvor erlebt hatte. Diesmal tummelten sich keine anderen Menschen um mich, sah ich keinen Bus vorbeifahren oder Türen sich öffnen und schließen.
Dieses Mal befand ich mich in einem toten, ausgestorbenen Ort – ich war mitten in der Geisterstadt Tschernobyl. Es handelte sich also vermutlich um die Zeit nach der Nuklearkatastrophe, wofür auch sprach, dass die ganze Umgebung um mich herum schillernd leuchtete.
Das war ganz eindeutig die Strahlung, die ich auch zuvor schon während der Reaktorexplosion hatte sehen können. Es war das für Menschen unsichtbare, tödliche Gift, die Seuche, die alles Leben an diesem Ort zunichte gemacht hatte.
Ich sah marode Häuser und verlassene Läden, teilweise schon eingestürzte Gebäuderuinen, kaputte Türen und Fenster, leere Parks und Spielplätze – und alles von Anfang bis Ende durchzogen von diesem schillernden, violett-blauen Licht. Ich befand mich inmitten der „verbotenen Zone“.
Ehe ich mich allerdings umsehen oder orientieren konnte, vernahm ich hinter mir ein leises, tiefes Dröhnen, das mich augenblicklich herumwirbeln ließ.
Doch was meine Augen dann erblickten, entzog sich jeder Vorstellungskraft, die ich aufbringen konnte. Mein Herz sprang in der Brust und ich bekam fast keine Luft mehr, während meine Augen sich auf die Abscheulichkeit richteten, die direkt vor mir kauerte und mich aus glühenden, wahnsinnigen Augen heraus fixierte.
Dieses... ich wusste noch nicht einmal genau, was es war – es hatte nur einen halb ausgeformten Kopf! Dazu einen völlig entstellten, krummen Rumpf und fünf statt nur vier Pfoten, auf denen es lief und die auch vollkommen verbogen und verrenkt waren.
Sein Maul war voll mit unzähligen, rasiermesserscharfen Zähnen, die es speicheltriefend bleckte und dabei die Ohren zurücklegte.
Ob das die Anomalie eines Wolfes war, konnte ich nicht mit Bestimmtheit sagen – aber auf alle Fälle sah die Kreatur einfach fürchterlich aus. Es stimmte also tatsächlich, was in den Sagen und Mythen um Tschernobyl immer behauptet wurde. Die nukleare Kraft veränderte alles. Sie entstellte und verunstaltete Mensch und Tier. Und aus diesen wurden wieder neue Abnormitäten geboren. Tschernobyl war die Hölle. Und ich war mittendrin.
Das wolfsartige Wesen bleckte die Zähne und setzte zum Sprung an, woraufhin mir mein Herz fast in die Hose rutschte und ich vor Entsetzen noch nicht einmal schreien konnte. Doch selbst wenn ich gekonnt hätte – an diesem verdammten Ort hätte mich sowieso niemand gehört.
Weglaufen konnte ich auch nicht, denn ich war wie gelähmt vor Schreck. Also verweilte ich leise betend in meiner Position und bereitete mich darauf vor, gleich in Stücke zerfetzt zu werden.
Ich schloss die Augen, hörte ein Knurren – und als ich sie wieder aufschlug, hatte die Szene um mich sich erneut verändert. Ich stand mitten in einem großen Raum, vermutlich einer Lagerhalle oder ähnlichem, in der sich nach einigen Seiten eine Menge verschiedener Utensilien türmte.
Das Wolfs-Mutantenwesen war verschwunden – und hatte mir noch nicht einmal den kleinsten Kratzer zugefügt. Stattdessen fand ich mich inmitten einer riesigen Halle wieder, die zu allen Seiten vollgestellt war mit maroden Trümmern und Gerätschaften, rostigen Fahrrädern, Tischen und etlichen anderen Dingen. Und auch hier war alles von schillernden Strahlen umgeben.
Ängstlich und unsicher machte ich ein paar Schritte in der großen Halle, die nur spärlich von ein paar alten Deckenlampen ausgeleuchtet wurde. Allerdings hielt ich augenblicklich inne, als ich ganz plötzlich Geräusche vernehmen konnte.
Zuerst war es nur ein Rumpeln, dann deutliches Getrappel, schnell und hektisch. „Hallo?“, rief ich mitten in die Leere hinein, augenblicklich wieder von Furcht gepackt. Aber ich bekam keine Antwort. Stattdessen nur weiteres Getrappel und ein Quietschen, als hätte gerade jemand eine rostige Tür geöffnet.
Wieder Schritte, dann ein Kichern, piepsig und schrill. „Hallo?“, rief ich wieder und versuchte, irgendetwas zu erkennen. „Ist da jemand?“.
Auf diese Frage hin ertönte ein noch schrilleres Lachen und ich sah, dass sich im Schatten etwas bewegte. „Hallo?“, wiederholte ich erneut, auch wenn ich mir im Nachhinein blöd dabei vorkam.
Denn selbst falls es hier wirklich einen Menschen gab, wovon ich nicht ausging, dann verstand er ganz sicher nicht meine Sprache. Nichtsdestotrotz versuchte ich, der Sache irgendwie auf den Grund zu gehen und rief deswegen noch einmal.
Und plötzlich traten aus dem Schatten zwei Gestalten hervor, die ich zuerst nicht richtig erkennen konnte. Bis sie sich mir ein Stückchen genähert hatten – und ich vor Entsetzen einen lauten Schrei ausstieß.
Was um Gottes Willen waren das für Kreaturen? Waren das früher einmal Menschen gewesen? Hatte die Strahlung sie so verändert und entstellt? Oh lieber Gott, das sah einfach grauenerregend aus.
Die eine Gestalt hatte nur ein halbes Gesicht, so wie das Wolfswesen, dem ich begegnet war. Darüber hinaus einen verkrümmten Rücken, eine Hand, die aus seiner Schulter wuchs und nur ein Bein.
Die andere hatte zwar ein halbwegs erkennbares Gesicht, dafür aber keine Beine und eine überlange, stachelig wirkende Zunge, die weit aus ihrem offenen Mund heraushing. Außerdem waren ihre Arme total verdreht und die Finger völlig gekrümmt.
„Oh mein Gott!“, stieß ich lautstark hervor, während ich die beiden auf mich zuwackeln sah.
Diese Schauermärchen waren also tatsächlich wahr. Es gab hier tatsächlich Mutanten. Ehemalige Bewohner, die durch die Strahlung völlig entstellt worden waren. Das waren nicht nur Mythen und Legenden. Das war echt.
Kichernd bewegten die beiden Wesen sich auf mich zu, wobei sie unablässig ihren gesamten Körper schüttelten, fast so, als würden sie tanzen. Es sah furchterregend aus – doch abermals war ich nicht in der Lage dazu, mich auch nur einen einzigen Millimeter vom Fleck zu bewegen. Was würden diese Kreaturen mit mir machen? Was würden sie mir antun?
Ich schloss wieder die Augen, in der Hoffnung, dass ich auch diesmal an einen anderen Ort kommen würde. Doch dieses Mal funktionierte es nicht. Drei Versuche unternahm ich und konzentrierte mich sogar darauf, hier wegzukommen – doch noch immer befand ich mich an derselben Stelle, im selben Raum, während die zwei Gestalten weiterhin näher kamen.
Sie hatten mich beinahe schon erreicht, als ganz plötzlich ein lauter Pfiff durch den Raum schallte, der mich beinahe zu Tode erschreckte. Das hieß, falls ich nicht ohnehin längst tot war, wofür meiner Wahrnehmung nach einiges sprach.
Kaum war der Pfiff verklungen, zogen die zwei Wesen sich wie auf Kommando in den Schatten zurück – und der Raum wurde ganz plötzlich heller, veränderte sich direkt vor meinen Augen.
Aus der dunklen Lagerhalle wurde zunehmend ein laborähnliches Zimmer, jedoch ebenso verfallen und marode wie der Rest dieser Geisterstadt. Und auf einmal tauchte vor mir ein Mensch auf.
Ein wirklicher Mensch, aus Fleisch und Blut – und ohne irgendwelche Anomalien oder Mutationen. Ein Mensch so wie ich, grob geschätzt etwa Anfang dreißig, mit pechschwarzen Haaren und stechenden, giftgrünen Augen.
Auch gekleidet war er ganz und gar typisch, nicht auffällig oder irgendwie ungewöhnlich. Er musterte mich einen Moment lang, als er mir gegenüberstand – und dann breitete sich auf seinem Gesicht plötzlich ein Lächeln aus. Ein echtes, menschliches Lächeln.
„Elias“. Als er meinen Namen aussprach, erschrak ich ein weiteres Mal unendlich und brachte mich dazu, einige Schritte rückwärts zu weichen. Wer um alles in der Welt war das? Und woher kannte er meinen Namen?
„Wer... wer sind... Sie?“, würgte ich mit erstickter Stimme hervor. „Wo kommen Sie her? Was soll das alles hier? Was hat das zu bedeuten?!“. Ich erlitt beinahe einen hysterischen Anfall, so aufgewühlt war ich von den Ereignissen, die ich hier durchlebt hatte – und so tief saß mir der Schrecken über all das Gesehene noch in den Gliedern.
„Fürchte dich nicht, Elias“, antwortete der Mann, noch immer mit einem Lächeln im Gesicht. „Dir wird nichts geschehen. Du wirst nur erfahren, was war. So wie du es schon immer wünschtest“.
„Was war?“, fragte ich verwirrt und schüttelte den Kopf. Noch nicht einmal die Tatsache, dass dieser Mann offensichtlich gut Deutsch sprach, irritierte mich in diesem Moment. „Was meinen Sie damit? Warum bin ich hier? Und wer sind Sie?!“.
„Du bist hier, um dein Schicksal zu erfüllen“, gab er mir daraufhin zur Antwort. „Dein Schicksal, die Wahrheit herauszufinden. Die Wahrheit über die Geschichte dieser Stadt“.
„Was für ein Schicksal?“, fragte ich verwirrt. „Wovon reden Sie? Wer sind Sie überhaupt?“.
„Ich, mein lieber Elias“, antwortete er und sein Lächeln wurde breiter. „Ich bin du. Und du bist ich“. „Was reden Sie da?“, rief ich aus und musterte ihn ungläubig. „Was wollen Sie von mir? Was soll das alles?“.
„Hast du dich nie gefragt...“, erwiderte er, „...warum du dich so für diese Sache interessierst? Hast du nie diese Anziehung zu diesem Ort hier gespürt? Hast du nie den Wunsch gehabt, das Geheimnis hinter dieser Geschichte aufzudecken?“.
Er machte eine kurze Pause, bevor er seine Fragen selbst beantwortete. „Doch“, sagte er. „Doch, natürlich hast du das. Du hast dich immer gewundert, wieso die Geschichte von Tschernobyl dich so fasziniert. Du wolltest ergründen, was dahintersteckt, wolltest wissen, warum du dich mit diesem Ort verbunden fühlst. Ist es nicht so, Elias?“.
„Aber... woher wissen Sie...?“, fragte ich perplex. „Ich sagte es dir schon“, erklärte er noch einmal. „Ich bin du. Und du bist ich. Du bist meine Reinkarnation“.
„Ich bin... was?“, wollte ich überfordert wissen. „Was bin ich?“. „Meine Reinkarnation“, wiederholte er und lächelte mich an. „Meine Wiedergeburt. Du bist ausgewählt worden, das Schicksal dieses Ortes zu ergründen, um zukünftige Vorfälle dieser Art zu verhindern. In deinen Händen liegt es, dass sich eine Katastrophe wie diese nicht noch einmal wiederholt“.
„Aber... ich... ich verstehe nicht...“, stotterte ich perplex, weil ich noch immer nicht glauben konnte, was mir da gerade erzählt wurde.
„Mein Name ist Dimitri“, fuhr der Mann schließlich fort. „Dimitri Jordanov. Ich war damals an den Rettungsarbeiten des Kernkraftwerks beteiligt. Ich habe mit vielen anderen Helfern dafür gesorgt, dass die Katastrophe wieder unter Kontrolle kommt. Und als ich kurz darauf an den Folgen der Strahlenkrankheit verstorben bin, hat man mir den Auftrag erteilt, die Welt vor weiteren Unglücken dieser Art zu schützen und sie zu warnen“.
„Warnen?“, hakte ich nach. „Wovor?“. „Vor den Gefahren der Kernenergie“, erklärte er mir und kam noch einen Schritt auf mich zu, woraufhin ich automatisch rückwärts wich. „Die Katastrophe, die sich hier an diesem Ort ereignet hat, war ein Weckruf für die Welt. Er sollte aufzeigen, dass die Menschheit nicht so kontrollfähig ist, wie sie gerne glaubt. Dass es Gewalten und Kräfte gibt, die sich nicht beherrschen lassen und die stärker sind als jede Form menschlichen Wissens“.
„Was... was meinen Sie?“, erwiderte ich, während ich ernsthaft versuchte, seinen Worten zu folgen. „Was wollen Sie damit sagen?“. „Kernenergie ist grundsätzlich etwas Natürliches“, gab er mir daraufhin zur Antwort. „Aber nur dann, wenn man sie dort belässt, wo sie herkommt: In der Natur unserer Welt. Sobald Menschen in diesen Kreislauf eindringen oder ihn stören, gerät alles aus dem Gleichgewicht. Und die Folgen, mein lieber Elias, siehst du überall um dich herum“.
Er machte eine kurze Pause, dann setzte er mit seiner Geschichte fort. „Die Menschheit glaubt, dass sie damit umgehen kann“, sagte er weiter. „Sie glaubt, es ließe sich beherrschen und kontrollieren. Es wird behauptet, dass genügend Forschung dazu ausreichen würde, die Zusammenhänge der Kernenergie zu begreifen. Und dass man sie sich zunutze machen und in Zaum halten könnte. Aber genau dieser hochmütige Irrtum von vermeintlicher Kontrolle ist es gewesen, der den Untergang dieser Stadt eingeläutet hat. Weil es sich eben nicht kontrollieren lässt. Weil es unberechenbar ist. Trotz aller Erforschung und allen Wissens“.
„Wie... wie meinen Sie das?“, bohrte ich nach, woraufhin sein Gesichtsausdruck einen Moment lang ernst wurde. „Es gibt Dinge...“, sagte er dann, „...von denen der Mensch besser die Finger lassen sollte. Dinge, die nicht für ihn vorgesehen sind und mit denen er sich nicht auseinandersetzen sollte. Dinge, die man nicht erforschen, sondern einfach lassen sollte, wie sie sind. Und Kernenergie gehört zu diesen Dingen dazu. Sie ist nicht dafür gedacht, vom Menschen genutzt zu werden. Ihre Kräfte sind einfach viel zu gefährlich“.
„Sie meinen... der Mensch hätte nie Kernkraftwerke bauen sollen?“, fragte ich, als ich langsam aber sicher begriff, was Dimitri mir sagen wollte. „Ganz genau“, stimmte er zu und lächelte erfreut. „Das hast du sehr gut verstanden, Elias“.
Er kam noch einen Schritt auf mich zu, woraufhin ich automatisch rückwärts wich, jedoch sofort wieder innehielt, als hinter mir etwas rumpelte und knurrte. Dimitri stieß einen kurzen Pfiff aus – und sofort herrschte hinter mir wieder völlige Stille.
„Das birgt eine zu große Gefahr“, führte er dann seine Erzählung fort. „Wir Menschen sind nicht bereit, verantwortungsvoll und sicher mit dieser Energieform umzugehen. Wir können sie nicht beherrschen, so wie wir das gerne wollen. Das glauben wir nur. Wir glauben, etwas über diese Kräfte zu wissen. In Wahrheit jedoch wissen wir im Grunde nichts. Und genau deshalb sollten wir auch damit aufhören, es weiter zu tun. Wir sollten erkennen, dass es zu riskant ist und auf andere Energiequellen umrüsten. Die Katastrophe, die hier passiert ist, sollte die Leute wachrütteln und dazu bringen, auf andere Energiequellen umzurüsten. Aber trotz der fatalen und bis in deine Zeit reichenden Auswirkungen haben wir nichts daraus gelernt. Es wird weiter herumgeforscht und experimentiert, weiter halbherzig mit Sicherheitsvorschriften umgegangen und mögliche Konsequenzen einfach ignoriert. Es wird so getan, als sei das alles sicher, als hätten die Menschen etwas aus diesem Unglück gelernt. Tatsächlich aber haben sie nichts gelernt. Und genau deshalb, Elias, habe ich dich ausgewählt“.
„Ausgewählt?“, wollte ich wissen. „Was... was meinen Sie?“. „Dir habe ich das notwendige Wissen in die Wiege gelegt, um bewusst mit den Gefahren dieser Kraft umzugehen und sie zu erkennen“, klärte er mich auf. „Als du geboren wurdest, habe ich dir einen Teil von mir mitgegeben, damit du später einmal dein Schicksal erfüllen kannst. Ich habe mich in dir wiedergeboren“.
„Aber... aber wie...?“, fragte ich durcheinander. „Wie soll das möglich sein? Ich bin doch nur ein einfacher Junge! Ich habe keine Ahnung von alledem!“. „Das ist nicht wahr, Elias“, lehnte er kopfschüttelnd ab. „Und du weißt auch, dass das nicht wahr ist. Du hast das Wissen und auch die Fähigkeit dazu, künftige Katastrophen zu erkennen, wenn du das, was ich dir mitgab, sinnvoll einsetzt. Dein Interesse für die Geschichte dieses Ortes – das war nicht nur mein Werk, sondern ging auch aus deiner eigenen Initiative hervor. Glaub mir: Wenn du nicht der Richtige wärst, hätte ich dich nicht ausgewählt“.
„Aber... wie? Und warum?“, wiederholte ich, noch immer nicht in der Lage, es zu verstehen. „Warum haben Sie mich hierhergeführt? Warum haben Sie mir all diese Dinge gezeigt?“.
„Damit du verstehst“, ließ Dimitri mich wissen. „Damit du siehst, was vorgefallen ist. Damit du die Auswirkungen erkennst. Und damit du dein Schicksal erfüllen kannst. Du weißt nun, was damals hier passiert ist. Und du weißt, welche Folgen es für die Welt hatte. Nur deshalb habe ich dir all das gezeigt, Elias. Damit du weise und bewusst damit umgehen und andere Unglücke verhindern kannst“.
„Ich?“, fragte ich und schüttelte den Kopf. „Wie soll ich denn das verhindern? Was soll ich dafür machen?“. „Das, Elias...“, antwortete er. „...wirst du merken, wenn es an der Zeit ist. Dann wird sich deine Aufgabe erfüllen“.
„Aber... was ist denn meine Aufgabe?“, fragte ich nach, noch immer nicht wissend, was ich von der ganzen Geschichte zu halten hatte.
Daraufhin wurde Dimitri sehr ernst und legte einen teilweise sehr bedrückten Blick auf. „Die Zukunft zu sichern“, sagte er dann und trat abermals einen Schritt an mich heran, sein Gesicht inzwischen fahler. „In der Zeit, aus der du kommst, schreiben wir das Jahr 2010. Und in baldiger Zukunft wird es ein Ereignis geben, das die Menschheit endgültig wachrütteln und ihr die Gefahren dieser Kraft bewusst machen wird“.
„Ein Ereignis?“, fragte ich nach. „Welches Ereignis denn?“. „Es wird noch ein großes Unglück geben“, antwortete er mir und schaute mir dabei direkt in die Augen. „Die Geschichte, die hier passiert ist, wird sich an einem anderen Ort wiederholen. Und es wird die Welt aus ihrem Schlaf erwecken und ihr bewusst machen, dass die Gefahr noch lange nicht vorüber ist. Und dass sie immer wiederkommt, solange die Menschheit nichts ändert“.
„Wiederholen?“, fragte ich leicht perplex. „So eine Katastrophe wie hier... wird sich wiederholen?“. „Nicht in diesem Ausmaß“, eröffnete Dimitri mir mit leiser Stimme. „Aber es wird noch ein Unglück geben in deiner baldigen Zukunft. Und dieses Ereignis wird der Anstoß sein, endlich aufzuwachen und den bisherigen Machenschaften der Menschheit ein Ende zu setzen“.
„Aber...“, wollte ich ansetzen, verstummte jedoch wieder. „Du wirst es nicht verhindern können“, sagte Dimitri ernst und sah mich an. „Das ist nicht deine Bestimmung, Elias. Dieses Ereignis muss passieren, damit Menschen endlich aus ihren Fehlern zu lernen beginnen. Aber dennoch sollst du gewarnt und darauf vorbereitet sein. Damit sich dein Schicksal erfüllen kann“.
„Mein Schicksal?“, fragte ich und warf ihm einen verwirrten Blick zu. „Wie meinen Sie das, Dimitri? Was ist mein Schicksal?“.
Doch anstatt mir eine Antwort darauf zu geben, lächelte er mich einfach nur an und drehte sich dann um, ehe er ganz langsam im Schatten verblasste.
„Hey, warten Sie!“, rief ich aufgeregt aus. „Warten Sie doch! Was meinen Sie denn damit? Was soll ich tun? Und wie komme ich wieder nach Hause?“.
Ich wiederholte meine Rufe noch einige Male, bis die Atmosphäre um mich sich schließlich auflöste und ich anfing zu fallen.

„Nein!“, schrie ich laut auf und rumpelte ruckartig in meinem Bett hoch, wodurch ich auch Robbie augenblicklich weckte. Meine Kehle fühlte sich trocken an und mein Körper war schweißnass, als ich langsam aber sicher zu realisieren begann, wo ich mich befand. Ich war zu Hause. Zu Hause in meinem Bett. Nicht in Tschernobyl. Nicht in einem maroden Labor. Nicht im Jahr 1986. Nein, zu Hause. Im Hier und Jetzt. Oh verdammt, was für ein gutes Gefühl!
„Hey... was... was ist denn?“, durchbrach Robbie schließlich meine Gedanken, als er sich aufrappelte und mich einen Moment musterte. „Was hast du, Eli? Schlecht geträumt?“. „Oh Robbie!“, antwortete ich vor lauter Freude und drückte ihm einen stürmischen Kuss auf die Lippen. Ich freute mich so sehr darüber, ihn zu sehen und hier bei ihm zu sein.
Dieser ganze Horror war nur geträumt gewesen. All das, was ich gesehen hatte, war mir nur in meinem Traum begegnet. Das Wolfswesen. Die Mutanten. Der explodierende Reaktor. Dimitri.
Alles nur ein Traum. Ich hatte mein Zuhause nie verlassen.
„Liebe Güte, du bist ja klitschnass“, meinte Robbie unterdessen, als er mich berührte und kurz meine Stirn befühlte. „Hast du Fieber, Eli? Wirst du krank? Geht es dir nicht gut?“.
„Doch“, antwortete ich überglücklich und weinte sogar, weil ich mich vor Erleichterung nicht zurückhalten konnte. „Doch, es geht mir gut. Und ich bin so froh, dass du da bist!“.
Robbie registrierte natürlich, wie aufgewühlt ich war, weshalb er seine Hand ganz bedächtig durch mein braunes Haar wandern ließ. „Hey Eli“, sagte er beinahe flüsternd und küsste mich sacht auf die Stirn. „Was ist denn los? Hast du so schlecht geträumt, hm?“.
Ich gab ihm keine Antwort darauf, sondern hielt mich bloß so eng es ging an ihm fest und ließ meinen freigesetzten Glückshormonen einfach freien Lauf. „Meine arme Schnecke“, sagte er leise – und noch nicht einmal das machte mir in diesem Augenblick etwas aus. Nein, zum ersten Mal war ich heilfroh darüber, von ihm 'Schnecke' genannt zu werden. Ich war froh darüber, zu Hause zu sein. All diese Schreckensbilder hatten sich nur in meinem Kopf abgespielt.
Aber wenn dem so war – wieso hatte es sich dann so real angefühlt? Warum hatte ich das Gefühl gehabt, wirklich dort und mit dabei zu sein? Und vor allen Dingen: Was war mit diesem Dimitri? Hatte das irgendetwas zu bedeuten? War das alles nur meinem Unterbewusstsein entsprungen? Oder steckte ein tieferer Sinn dahinter?
Ich ließ einzelne Szenen aus meinem Traum noch einmal Revue passieren, an die ich mich allesamt so klar und deutlich erinnern konnte, dass ich sogar in der Lage gewesen wäre, eine detailgetreue Beschreibung davon abzugeben.
Natürlich war mir wohl bekannt, dass es Menschen gab, die sehr realistisch träumen konnten. Aber das, was ich da gesehen hatte, war definitiv etwas völlig anderes gewesen. Das war nicht bloß eine Produktion meines Unterbewusstseins. Nein – dahinter steckte wesentlich mehr. Dass ich all diese Dinge vor mir gesehen hatte, war kein Zufall. Es war ein Zeichen. Möglicherweise sogar das Zeichen, das mir dabei helfen würde, das gesamte Mysterium Tschernobyl endgültig aufzuklären.
„Ganz ruhig, Elias“, hörte ich Robbie leise sagen, während er mich weiter beruhigend streichelte. „Was auch immer es war, jetzt ist es vorbei. Du bist zu Hause. In Sicherheit“.
Vorbei?, dachte ich und hätte am liebsten laut gelacht. War es tatsächlich vorbei? Oh nein, das glaubte ich nicht. Ich war mir sicher, dass mit diesem Traum alles erst so richtig angefangen hatte. Und dass ich nun endlich eine Erklärung dafür hatte, wieso ich mich der Geschichte dieses Ortes so nah und verbunden fühlte.
Ich war die Reinkarnation dieses Dimitri Jordanov. Ich hatte durch seine Augen das Unglück gesehen, da war ich mir ganz sicher. Er hatte gewollt, dass ich all das erfuhr. Dass ich herausfand, was es mit der Geschichte dieses dunklen Ortes auf sich hatte. Dass ich die Nuklearkatastrophe miterlebte. Weil ich ein Teil dieser Geschichte war. So wie ich es immer schon geahnt hatte.
Natürlich war das alles mehr als verrückt. Und natürlich musste ich mir eingestehen, wie geisteskrank sich das alles anhörte. Aber dennoch wusste ich genau, was ich gesehen und erlebt hatte. Mir war durch diesen Traum ein Zeichen geschickt worden. Eine Warnung. Und die konnte ich ganz einfach nicht ignorieren. Es war meine Bestimmung, mich damit auseinanderzusetzen.
Einen kurzen Moment schloss ich die Augen und dachte an das, was Dimitri mir erzählt hatte. Dachte an das friedliche Leben in Tschernobyl vor der Katastrophe. An die Explosion des Reaktors. An die mutierten Wesen, die seither dort hausten. Und an die Warnung, die er mir ausgesprochen hatte, dass sich in baldiger Zukunft etwas ähnliches ereignen würde.
War das wirklich die Wahrheit? Stand in der Zukunft wirklich eine weitere Nuklearkatastrophe bevor? Und wenn ja, an welchem Ort? Und wieso hatte er gesagt, dass es nicht meine Bestimmung war, sie zu verhindern?
Wenn er mich wirklich in die Vergangenheit geführt hatte, damit ich mein Schicksal erfüllen konnte – wieso hatte er dann so etwas gesagt? Falls es wirklich einen weiteren GAU gab und ich seine Reinkarnation war – wieso konnte ich es dann nicht verhindern? Wieso zeigte er mir all das, wenn es nicht an mir war, diese Katastrophe zu verhindern? Worin lag dann meine Bestimmung?
Dutzende Fragen schossen mir durch den Kopf, auf die ich jedoch keinerlei Antwort finden konnte. Ich wusste lediglich eine Sache mit absoluter Sicherheit: Dieser Traum war kein Zufall gewesen. Man hatte ihn für mich vorherbestimmt. Und nun lag es einzig und allein an mir, das Erfahrene zu nutzen und die Geschichte noch genauer zu ergründen. Das war mir vorherbestimmt. Genauso wie das Wissen, dass es ein weiteres Unglück geben würde. Und auch wenn ich nicht sagen konnte, weswegen, beschlich mich ganz plötzlich eine Ahnung, wo sich dieses Ereignis abspielen würde.
„Elias, was ist los?“. Robbie durchdrang meine wirbelnden Gedanken ein weiteres Mal und warf mir einen leicht besorgten Blick zu. „Was hast du, Schnecke? Worüber denkst du nach?“.
Sollte ich ihm das jetzt wirklich sagen? Sollte ich ihm sagen, was ich erlebt und gesehen hatte? Sollte ich ihm von meiner Reise durch Tschernobyl und der Begegnung mit Dimitri Jordanov berichten? Von dem Wissen, dass ich offensichtlich seine Reinkarnation war? Würde er mir zuhören? Würde er mir das glauben? Oder würde er mich danach auf der Stelle einweisen lassen?
Ich hatte keine Ahnung. Aber ich wusste, dass all das nicht umsonst passiert war. Es musste ein tieferer Sinn dahinterstecken, da war ich mir ganz sicher. Und genau aus diesem Grund entschied ich mich nach einigem Hin und Her schließlich dazu, Robbie einzuweihen und ihm alles, was ich gesehen hatte, anzuvertrauen.
„Rob...“, sagte ich und blickte ihm dabei todernst in die Augen, während ich fest seine Hand drückte. „Ich... ich muss dir etwas sagen. Etwas sehr Wichtiges, von dem möglicherweise eine Menge abhängt. In meinem Traum habe ich etwas gesehen. Aber wenn ich es dir sage, dann versprich mir bitte zwei Sachen“.
„Welche denn?“, erkundigte er sich und streichelte langsam meine Hand. „Lass mich dir zuerst alles erzählen, bevor du irgendetwas sagst“, bat ich ihn aufrichtig. „Und ganz egal, wie verrückt oder absurd es auch klingt, unterbrich mich bitte nicht, sondern hör einfach nur zu. Auch wenn du es lächerlich, albern oder verrückt findest, lass mich dir erst alles bis zum Ende erzählen. Und lach bitte nicht. Was ich dir gleich sage, ist nämlich in keiner Weise komisch“.
„Versprochen“, gelobte er und hob wie zum Schwur seine Hand, bevor er mich erneut anschaute und gespannt darauf wartete, was ich ihm sagen würde. „Auch wenn es bescheuert und gestört klingen wird“, sagte ich eindringlich. „Versuch bitte trotzdem, es ernst zu nehmen. Möglicherweise hängt von diesem Traum eine Menge ab“.
„Ich verspreche es, Eli“, wiederholte er erneut aufrichtig und nickte. „Ich werde dir zuhören, dich nicht unterbrechen und mich auf alles einlassen, was du sagst“.
„Okay“, entgegnete ich, während ich noch einmal ganz tief Luft holte und dann damit begann, ihm die ganze Geschichte, die ich erlebt hatte, von Anfang bis Ende zu schildern.
Ich erzählte ihm, wie ich auf dem Dach dieses Hochhauses wach geworden war, direkt gegenüber dem gigantischen Kernkraftwerk. Erzählte ihm von den belebten Straßen, die in Tschernobyl existiert hatten, bevor es zur Katastrophe gekommen war. Von meiner Expedition auf dem Kraftwerksgelände, von der nuklearen Explosion des Reaktors Nummer 4, sowie auch von der Tatsache, dass ich die radioaktive Strahlung hatte sehen können.
Ich erzählte von den kontaminierten und verlassenen Ortschaften, die ich gesehen hatte, von dem Wolfswesen, das mich fast angegriffen hatte, den beiden Mutanten in der Lagerhalle – und schließlich auch von meiner Begegnung mit Dimitri Jordanov.
Ich gab wieder, was er mir über Tschernobyl erzählt hatte, welche Gefahren Kernenergie mit sich brachte und dass er selbst an den Rettungsarbeiten beteiligt gewesen, sowie an den Folgen der Strahlenkrankheit verstorben war.
Und dann schließlich kam ich zu den beiden Punkten, die ich selbst noch nicht richtig begriffen hatte und die das vermutlich Unfassbarste an der ganzen Geschichte waren: Ich erklärte Robbie, dass ich wahrscheinlich die Reinkarnation dieses Dimitri Jordanov war und er mich ausgewählt hatte, die Geschichte der Stadt zu ergründen und die Menschheit vor den Gefahren der Kernenergie zu schützen.
Außerdem berichtete ich ihm von Dimitris Warnung, dass es in der Zukunft eine weitere Nuklearkatastrophe geben würde. Und aus irgendeinem Grund sah ich vor meinem geistigen Auge ganz plötzlich auch den Ort vor mir, an dem es sich zutragen würde, obwohl Dimitri ihn mit keinem Wort erwähnt hatte: Im Kernkraftwerk Fukushima I in Japan.
Woher ich das wusste, konnte ich mir nicht erklären. Ich wusste es einfach. Weil ich ganz einfach doch die Wiedergeburt von Dimitri Jordanov war.
Robbie hörte sich meine gesamte Geschichte geduldig an und unterbrach mich wie versprochen nicht ein einziges Mal – obwohl ich seiner gesamten Haltung deutlich ansehen konnte, dass er von dem, was ich sagte, noch nicht einmal im Ansatz überzeugt war.
„Ich weiß, dass das alles meschugge klingt“, beendete ich schließlich meine Geschichte, nachdem ich ihm jedes Detail haarklein geschildert hatte. „Aber ich schwöre, Robbie, bei meinem Leben: Genauso habe ich es gesehen. Und genauso hat dieser Dimitri es mir gesagt“.
Zuerst sah er mich nur eine Weile an, so als hätte ich nicht mehr alle Tassen im Schrank – was, zumindest aus seiner Perspektive, auch tatsächlich so wirken musste. Aber nichtsdestotrotz wusste ich genau, was ich gesehen und erlebt hatte. Und dass das alles nie und nimmer Zufall sein konnte.
„Hm...“, murmelte er dann schließlich, nachdem er eine lange Weile geschwiegen hatte, und befühlte noch einmal ausgiebig meine Stirn. „Hast du wirklich kein Fieber?“, fragte er mich dann ganz vorsichtig. „Fieberträume können manchmal ziemlich realistisch sein“.
„Robert“, sagte ich und fasste ihn erneut an beiden Händen. „Schau mich an. Schau mir in die Augen. Ich bin nicht krank. Ich bin kerngesund. Und ich fantasiere mir das alles nicht einfach zusammen. Dieser Traum, dieses ständige Auftauchen der Geschichte in meinem Leben – das ist kein Zufall. Es gibt eine Verbindung zwischen mir und diesem Ort. Und jetzt weiß ich auch endlich, welche das ist: Ich bin die Wiedergeburt dieses Dimitri Jordanov, der damals bei der Katastrophe sein Leben verloren hat. Deshalb spüre ich diese eigenartige Anziehung. Deshalb geht mir diese Geschichte so nahe. Ich bin ein Teil davon, Robbie. Das ist mein Schicksal“.
Wieder sah er mich eine ganze Weile schweigend an und dachte nach, ehe er schließlich seinen Blick senkte und dann etwas aussprach, womit ich niemals im Leben gerechnet hatte.
„Ich glaube dir“, sagte er und ließ mir damit für einen Moment lang den Mund aufklappen. „Was?“, fragte ich, um ganz sicherzugehen, dass ich mich nicht verhört hatte.
„Ich glaube dir, Elias“, wiederholte Robbie und machte mir damit für einen Moment lang ernsthafte Hoffnung, die er jedoch bereits mit seinem nächsten Satz sofort wieder zunichte machte. „Ich glaube dir, dass du das geträumt hast. Aber wie sagt man? Träume sind Schäume“.
Nein, dachte ich trotzig, in keiner Weise dazu bereit, mir noch einmal Einbildung andichten zu lassen. Dieser Traum nicht. Er hatte eine Bedeutung. Er zeigte mir meine Bestimmung. Das war nicht bloß irgendeine leere Fantasie gewesen. Es war der Weg zu mir, zu dem, was dieses Leben von mir erwartete.
„Das war aber nicht nur geträumt“, meinte ich ernst und setzte mich ruckartig im Bett auf. „Das war eine Botschaft, Robbie. Ein klares Zeichen, dass ich eine Verbindung zu diesem Ort habe. Weil ich die Wiedergeburt von Dimitri Jordanov bin“.
„Elias“, entgegnete er und versuchte, mich wieder zu beruhigen. „Es kann ja sein, dass...“. „Das kann nicht nur sein, das IST so!“, unterbrach ich ihn heftig. „Dieser Mann war mein früheres Ich. Woher sonst sollte ich bitte seinen Namen kennen? Ich habe ihn in meinem ganzen Leben noch nie zuvor gehört“.
„Das kann ja sein“, erwiderte er, während er sich ebenfalls hochsetzte. „Aber schau mal: Dafür gibt es ganz sicher eine logische Erklärung. Vielleicht hast du den Namen mal irgendwo gelesen und ihn dir unbewusst gemerkt“.
„Aber wenn ich doch sage, dass ich diesen Namen noch nie gehört habe!“, wehrte ich mich heftig und ballte meine Hand zur Faust. „Noch niemals, Robert. Verstehst du das? Und trotzdem kenne ich ihn und weiß sogar, wie er ausgesehen hat. Ich kann ihn dir ganz genau beschreiben. Und ich bin mir hundertprozentig sicher, dass es ihn damals wirklich gegeben hat“.
„Nun, vielleicht...“, musste er daraufhin einräumen und zuckte die Schultern. „Aber das heißt doch deshalb noch lange nicht...“. „Na schön!“, rief ich aus, weil es mir reichte, dass er selbst die offensichtlichsten Anzeichen nicht sehen wollte. „Dann werde ich dir eben BEWEISEN, dass es diesen Mann wirklich gab. Komm mit!“.
Noch ehe er sich dagegen zur Wehr setzen konnte, packte ich ihn am Handgelenk und zog ihn aus dem Bett, dazu entschlossen, ihm den Wahrheitsgehalt meines Traums deutlich vor Augen zu führen.
Ich lief hinüber ins Wohnzimmer und fuhr mein Laptop hoch, öffnete im Anschluss daran die Suchmaschine und erhob mich wieder. „Hier“, bat ich ihn eindringlich und deutete ihm an, sich zu mir zu setzen. „Such den Namen. Ich bin mir ganz sicher, dass du etwas darüber finden wirst“.
„Elias, ich...“, versuchte er zu protestieren, doch ich blieb hart. „Mach es einfach!“, rief ich, während ich ein paar Schritte auf Abstand ging, um meinen Beweisakt durchführen zu können.
„Hiermit schwöre ich bei meinem Leben, dass ich den Namen Dimitri Jordanov noch niemals gehört habe“, sagte ich dann und hob dabei demonstrativ meine Hand. „Weder im Netz, noch sonst irgendwo bin ich bisher auf diesen Namen gestoßen. Und dennoch weiß ich alles über seine Geschichte und sein Leben. Also los. Such mal nach ihm. Schau, ob es ein Bild gibt. Und ich werde dir bis ins kleinste Detail beschreiben, wie er aussieht“.
Ohne irgendein Widerwort zu geben, tat Robbie schließlich, was ich ihm aufgetragen hatte und gab den Namen in die Suchmaschine ein. Und tatsächlich schien es etwas darüber zu geben, denn er machte für einen kurzen Moment ein verblüfftes Gesicht.
„Wirklich...“, murmelte er leise vor sich hin. „Dieser Mann hat wirklich gelebt“. „Ja“, bestätigte ich ihm. „Er war nach der Katastrophe an den Rettungsarbeiten beteiligt und ist in Folge der Strahlenkrankheit kurze Zeit später verstorben. Und zwar in einem Notfallkrankenhaus in der Nähe von Prypjat, nur wenige Zeit nach der Evakuierung“.
Woher diese Information plötzlich kam, wusste ich selber nicht, doch ganz offensichtlich entsprach sie der Wahrheit, denn Robbie sah kurz zu mir herüber und nickte. „Richtig“, sagte er verblüfft. „Das stimmt“.
„Jordanov hatte eine Frau und einen dreieinhalb Jahre alten Sohn“, fügte ich hinzu, erneut selbst erstaunt, woher ich das wusste. Und abermals konnte Robbie mir, nachdem er die Info überprüft hatte, nur zustimmen.
„Das ist richtig“, sagte er und schaute leicht perplex zu mir herüber, woraufhin ich mich entschloss, ihn endgültig zu überzeugen. „Geh mal auf Bilder“, wies ich ihn an. „Dann beschreibe ich dir, wie er aussah“.
Er tat, was ich verlangte und klickte die Bildersuche an, woraufhin ich mir schließlich die Situation im Labor ins Gedächtnis rief und ihm haarklein eine Beschreibung von Jordanov lieferte. Und wieder verschlug es ihm regelrecht die Sprache, woraus ich schloss, dass sich meine Informationen mit denen des Internets deckten.
„Genau“, meinte er dann schließlich. „Ganz genau so sieht er aus. Woher weißt du das?“. „Das habe ich dir doch gesagt“, erklärte ich ihm noch einmal. „Ich bin ihm in diesem Labor begegnet. Als er mir die ganze Geschichte erzählt hat“.
„Aber... das kann doch nicht...“, murmelte Robbie verwirrt, weswegen ich mich dazu entschied, auch noch meinen letzten Trumpf auszuspielen, um ihn zu überzeugen, dass ich nicht verrückt war.
„Wenn du mir immer noch nicht glaubst“, sagte ich. „Dann machen wir noch einen letzten Test. Ich hatte dir doch gesagt, dass es bald eine weitere Katastrophe geben wird. In einem anderen Kraftwerk, von dem ich zuvor noch niemals etwas gehört oder gelesen habe. Und ich wette, nein – ich bin sicher –, dass es dieses Kraftwerk tatsächlich gibt. Such mal danach“.
„Wie war noch gleich der Name?“, fragte Robbie, zunehmend widerstandsloser und überzeugter, dass ich ihm wirklich die Wahrheit erzählte. „Fukushima I“, gab ich ihm zur Antwort. „Auch bekannt unter Fukushima Daiichi. Das Kraftwerk befindet sich in Ökuma, Japan“.
Robbie tippte die von mir genannten Informationen ein – und anhand seines kurz darauffolgenden Gesichtsausdrucks konnte ich erkennen, dass jede einzelne der von mir gegebenen Informationen wieder völlig zutreffend war.
„Woher weißt du das?“, fragte er mich wieder, inzwischen immer mehr überzeugt davon, dass mein Traum tatsächlich eine tiefere Bedeutung hatte. „Das habe ich dir erklärt“, antwortete ich ihm. „Jordanov hat mir all diese Dinge erzählt. Und er sagte, dass es in naher Zukunft ein weiteres Unglück gibt, das abermals weitreichende Folgen haben wird. In ebendiesem Kraftwerk Fukushima I“.
„Aber.. das kann doch gar nicht...“, entgegnete er und schüttelte den Kopf. „Es ist aber so“, beteuerte ich. „Und ich kann dir sogar sagen, wann sich das zutragen wird: Im März des kommenden Jahres 2011. Vom 11. bis zum 16. März wird es eine Reihe von Unfällen geben, die eine weitere, nukleare Katastrophe in Gang setzen werden. Sie wird nicht ganz so verheerend sein wie damals in Tschernobyl – aber trotzdem wird sie gewaltige Auswirkungen haben“.
„Aber...“, wollte er erneut einwenden, doch ich ließ ihn nicht zu Wort kommen, schnappte mir stattdessen seine beiden Hände und sah ihm direkt in die Augen. „Mir ist klar, wie übergeschnappt das alles klingt“, sagte ich ernst. „Aber es ist kein Zufall, Rob. Ich soll diese Geschichte kennen. Ich bin damit verbunden, ein Teil davon. Und deshalb muss und werde ich noch weiter darüber nachlesen und recherchieren. Kannst du das verstehen?“.
Robbie dachte sehr lange nach, ließ sich alles, was ich ihm erzählt hatte, durch den Kopf gehen, ehe er mich schließlich wieder ansah und meine Hand streichelte.
„Es ist ausgeflippt“, gab er dann ganz offen zu. „Ziemlich ausgeflippt sogar, wenn du mich fragst. Und es fällt mir ehrlich gesagt auch schwer, diese Sache mit der Reinkarnation zu verstehen. Aber trotzdem habe ich dadurch nun eines begriffen: Diese Geschichte beschäftigt dich. Und vielleicht gibt es da wirklich etwas, das du noch herausfinden musst. Und auch, wenn ich nicht weiß, ob es tatsächlich gut für dich ist – ich werde dir helfen und dich dabei unterstützen. So schräg das alles klingen mag – und auch wenn ich wahrscheinlich selber völlig plemplem bin –, aber ich vertraue dir. Und was ich gestern gesagt habe, das gilt auch heute noch: Ich werde dir helfen, der Sache auf den Grund zu gehen. Ganz gleich, wie lange es auch dauern mag“.
„Auch wenn wir vielleicht etwas herausfinden, das alles verändern könnte?“, fragte ich ihn, woraufhin er nur kurz nickte. „Ja“, sagte er. „Ja, auch dann. Dir ist das wichtig, Eli. Und du bist mir wichtig. Deshalb werde ich versuchen, dir zu helfen, wo ich kann. Und wenn es da wirklich ein Geheimnis gibt, dann werden wir es lüften. Gemeinsam“.
Tief gerührt lächelte ich und konnte es auch nicht verhindern, dass mir ein kleines Freudentränchen über die Wange hinunterkullerte. „Danke, Rob“, sagte ich dann zu ihm und nahm ihn fest in die Arme. „Du bist großartig. Ich liebe dich über alles“.
„Ich dich auch, Elias“, antwortete er, meine innige Umarmung erwidernd. „Ich dich auch“.

Im Laufe der nächsten Wochen und Monate recherchierten wir zusammen so ausführlich wie noch nie über die Geschichte von Tschernobyl, erfuhren noch weitere Hintergründe, die uns bislang unbekannt gewesen waren, unter anderem auch über Dimitri Jordanov und seine Familie. Er und sein dreieinhalbjähriger Sohn waren der Strahlenkrankheit zum Opfer gefallen und nur wenige Zeit nach dem Unglück daran verstorben. Darüber hinaus, so erfuhr ich, war Jordanovs Frau gerade schwanger gewesen, als sich die Katastrophe ereignet hatte. Eine weitere Vision teilte mir mit, dass sie das Kind noch geboren hatte – und wie aus dem Nichts dämmerte mir, dass es sich dabei um eines der beiden entstellten Wesen gehandelt hatte, die mir in meinem Traum begegnet waren. Das andere war, so vermutete ich jedenfalls, Jordanovs Frau gewesen, die aufgrund der hohen Strahlenbelastung zwar nicht gestorben, aber ebenfalls auf grauenhafte Art und Weise mutiert war.
Gemeinsam mit ihrem ebenfalls entstellten Kind und dem Geist ihres Mannes war sie dazu verdammt, in dieser verseuchten Stadt zu bleiben, die man wohl zurecht als die Hölle auf Erden ansehen konnte.
Je mehr ich darüber las und recherchierte, desto mehr wurde mir bewusst, dass alle Mythen und Erzählungen, die sich um Tschernobyl rankten, keineswegs nur bloße Erfindungen waren. Dieser schicksalhafte, traurige Ort war tatsächlich verflucht. Und ich konnte und wollte mir besser gar nicht ausmalen, wie viele der armen, ruhelosen Seelen dort herumwandern mussten, wie viele dazu verdammt waren, an diesem Ort des Grauens zu verweilen und niemals Frieden finden zu können.
Und noch viel weniger wollte ich mir vorstellen, wie viele der ehemaligen Bewohner und nach der Katastrophe Neugeborenen auf grausige Art und Weise durch die radioaktive Strahlung zu entstellten, nicht wiedererkennbaren Wesen mutiert waren.
Nein, das alles waren nicht einfach nur Schauermärchen, die sich im Laufe der Zeit entwickelt hatten. Es war traurige, bedrückende Realität. Aus dem einst so schönen Ort war wie aus dem Nichts die Hölle geworden. Und ich hatte sie mit eigenen Augen gesehen. Und das nicht nur im Traum, wie ich anfangs geglaubt hatte.
Ich war tatsächlich dort gewesen. Und zwar mittels einer Astralprojektion. Ich hatte nicht einfach nur eine Fantasie gehabt. Ich war wahrhaftig in der Zeit zurückgereist und mein astraler Körper hatte all diese Dinge wirklich miterlebt.
So ausgeflippt es anfangs auch für mich gewesen war, aber mit der Zeit hatte ich immer mehr herausgefunden, dass ich Kräfte und Fähigkeiten besaß, die ich bislang lediglich für pure Einbildung und Spinnerei gehalten hatte.
Neben der Astralprojektion war ich auch in der Lage dazu, Visionen zu empfangen, sowohl aus der Vergangenheit, als auch aus der Zukunft. Darüber hinaus konnte ich radioaktive Strahlung wahrnehmen, wenn ich mich in der Astralebene befand und ihre Ursache und ihren Kern aufspüren.
Diese Fähigkeiten wirkten jedoch nur in Zusammenhang mit den Ereignissen und anderen Vorgängen dieser Art. So konnte ich mich etwa zu jedem x-beliebigen Kernkraftwerk projizieren – nicht jedoch beispielsweise in den Supermarkt nebenan.
Aber dafür waren meine Fähigkeiten auch nicht gedacht. Und dass ich sie hatte, hatte mich ganz besonders am Anfang ziemlich überfordert, vor allem, weil ich nie zuvor an so ein mystisches Zeug geglaubt, geschweige denn, in Erwägung gezogen hatte, dass es so etwas tatsächlich gab.
Doch seit ich über alles aufgeklärt worden war und erfahren hatte, dass ich die Reinkarnation von Dimitri Jordanov war, hielt ich beinahe so gut wie gar nichts mehr für unmöglich oder ausgeschlossen.
Und auch auf mein bisheriges Leben hatten die Ereignisse jener Nacht erheblichen Einfluss genommen, besonders, was meine Beziehung zu Robbie anging, die durch manche Situationen immer wieder auf die Probe gestellt wurde.
Denn obwohl er mir glaubte und es mir gelungen war, ihn zu überzeugen, dass ich mir das alles nicht nur einbildete, tat er sich manchmal sehr schwer damit, meine Fähigkeiten zu verstehen und nachzuvollziehen. Die Geschichte von Tschernobyl wurde zu einem festen Teil unseres Lebens und nahm dementsprechend Platz darin ein, was ihn in manchen Augenblicken immer wieder ziemlich belastete.
Denn auch wenn er es mir gegenüber nie offen aussprach, wusste und spürte ich trotzdem ganz genau, wie sehr er sich ein ganz normales Leben wünschte – ohne diese ganzen Vorkommnisse und Geschichten.
Zwar schafften wir es sehr gut, mit allem umzugehen und trotz meiner offenkundigen Bestimmung unser Leben nicht aus den Augen zu verlieren – aber dennoch wusste ich, wie sehr er sich in die Zeit zurücksehnte, in der es all das noch nicht gegeben hatte.
Allerdings verstand er auch, dass ich meine Bestimmung nicht einfach so ignorieren konnte, obgleich es immer wieder Momente gab, in denen er sie in Frage stellte und versuchte, sie mir auszureden.
Aber genau das war es, was uns letztendlich noch stärker zusammenschweißte und was mir auch zeigte, wie tief unser Band eigentlich war. Dass wir es trotz der ganzen Geschichte schafften, eine normale Beziehung zu führen – und es auch Tage oder sogar Wochen gab, in denen sie überhaupt keine Rolle spielte und es uns so schien, als wäre sie gar nicht existent.
Ein kleiner Restzweifel, dass das alles wirklich wahr war, schlummerte trotzdem immer noch in ihm, das konnte ich spüren. Und dazu brauchte ich nicht einmal besondere Fähigkeiten. Meine Empathie reichte dafür vollkommen aus.
Er zweifelte jedoch nicht an mir oder der Tatsache, dass ich mit Tschernobyl in Verbindung stand – sondern vielmehr an dem, was Dimitri Jordanov mir für die Zukunft vorausgesagt hatte. Dass es noch einmal eine Katastrophe geben würde, wenngleich nicht mehr in dem verheerenden Ausmaß wie damals in Tschernobyl.
Doch diese Zweifel nahm ich hin und akzeptierte sie, denn was er ansonsten für mich tat und wie er mich bei allem unterstützte, war sowieso viel mehr als ich jemals hätte erwarten können.
Im Laufe der Zeit und mit zunehmender Recherche fanden wir immer mehr Dinge heraus und drangen tatsächlich bis zum Grund der Geschichte vor, sodass es mir möglich war, sie endlich vollständig von Anfang bis Ende nachzuvollziehen und in ihrem vollen Umfang und Ausmaß zu begreifen.
Nach einigen Monaten schließlich war diese Arbeit abgeschlossen und ich hatte meine Bestimmung voll anerkannt und akzeptiert, sodass es mir endlich möglich war, das Kapitel zu schließen und die Vergangenheit ruhen zu lassen.
Ab diesem Moment war es fast so, als würde ein Stein von mir abfallen, der die ganze Zeit über auf mir gelegen war – und ein neues Kapitel im Buch meines Lebens schlug sich auf. Ich konnte nicht sagen, warum oder woran es lag – aber ab diesem Zeitpunkt fühlte ich mich wie aus einem langen Schlaf geweckt.
Die Geheimnisse aus der Vergangenheit waren endgültig gelüftet. Und nun konnte sie endlich ganz in Frieden schlummern und ihre wohlverdiente Ruhe finden. Meine Arbeit war getan. Und die ruhelosen Seelen damit von ihrem Fluch erlöst.

Eine sehr lange Zeit später, etwa zwei oder drei Monate, nachdem Robbie und ich wieder in unseren Alltag zurückgekehrt waren und alles rund um dieses Thema schon fast in Vergessenheit geraten war, ereignete sich in Japan die Nuklearkatastrophe von Fukushima, die sowohl Dimitri Jordanov, als auch ich vorausgesagt hatten.
Wie in meinen Visionen gesehen, war ein Erdbeben Auslöser dieser zweiten, großen Nuklearkatastrophe der Weltgeschichte. Aber es war nicht an mir, etwas dagegen zu unternehmen. Diese Aufgabe und auch diese Macht hatte ich nicht.
Nach Bekanntwerden dieser Nachricht jedoch veränderte sich zwischen Robbie und mir eine Sache, die bislang immer noch nicht so ganz vom Tisch gewesen war: Er zweifelte meine Fähigkeiten in keiner Art und Weise mehr an. Denn alles, was ich ihm vorausgesagt hatte, sogar der Zeitpunkt und das Datum, war haargenau so eingetreten.
Gemeinsam verfolgten wir über längere Zeit hinweg die Geschehnisse in Japan, beteten für die Leute dort und hofften darüber hinaus, dass dieser zweite Vorfall die Menschheit endlich aus ihrem Schlaf wachrüttelte. Denn nur sie allein war in der Lage dazu, etwas zu verändern.
Eine Vision gab mir bald mehr Aufschluss darüber, wie die Geschichte in Fukushima sich entwickeln würde – und führte mir dabei vor allen Dingen eine Sache deutlich vor Augen: Die Schlacht war noch lange nicht geschlagen. Im Gegenteil – sie hatte gerade erst begonnen.
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