Alleine, geschaffen aus Eis

GeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P16 Slash
Abigail Roberts Sadie Adler
02.07.2019
01.10.2019
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02.07.2019 3.180
 
Laut hallten seine Worte in ihrem Kopf wieder. Ein Abschied, ohne Zweifel. Die Anzeichen waren deutlicher, als die Krähen die am Horizont flatterten.

Das war es jetzt also. Darauf hatten sie also allesamt hingearbeitet. Ein jähes Ende.

Das schlimmste an allem? Keiner hätte auch nur Ansatzweise etwas dagegen unternehmen können.

Vielleicht war es schlussendlich doch nicht so übel. Ohne Wahl wurden sie in ihr besiegeltes Schicksal gedrängt. Nahmen die Rollen ein, für die sie bestimmt waren. Alles andere war eine Lüge.

Aber weshalb haben sie es schon soweit geschafft? Weshalb musste Arthur sterben?

Er hatte seine ganz eigene Geschichte durchlebt. Diese fand allzu schnell ein Ende. Geplagt von alten Geistern.

Jeder im Camp hatte es bemerkt. Seine Verfassung wurde schnell schlimmer. Eine Krankheit. Tuberkulose hatte er gesagt, sein Husten fies, Miltons gaffender Blick auf ihn gerichtet. Siegessicher.

Solange Sadie atmete wusste sie eines, sie würde sich den verdammten Pinkertons genauso wenig beugen, wie einem räudigen O'Driscoll.

Auch wenn sie alles verloren hatte, das ihr wichtig war. Und nun schon wieder alles zum scheitern verurteilt war. Noch war sie am Leben, noch war Abigail bei ihr, klammerte sich fest um ihren Gürtel, um den halt auf dem Pferd nicht zu verlieren.

Arthur hatte ihnen gesagt, wo Tilly auf sie warten würde, gemeinsam mit Jack in Sicherheit.

Es war nicht mehr weit. Ein kleiner Ritt. Zwischen den Bäumen, die sich schier endlos durch die Landschaft streckten, verkündete die Sonne den späten Nachmittag und wich langsam vom Himmel, wie ein Vorhang der sich schloss, um den Sternen ihren Auftritt in der Dunkelheit zu gewähren.

Ihr Weg führte die beiden Frauen direkt durch eine kleine Ortschaft, namens Butchers Creek.
Sadie hatte diese Gegend einmal auf Streifzug betreten und seitdem gemieden. Kein Ort, an dem sie sich freiwillig länger aufhalten würde. Voller merkwürdiger Gestalten. Wahrscheinlich ungefährlich und mehr eine Gefahr für sich selbst. Glauben an merkwürdige Dinge und beschäftigen sich mit dem kleinsten Aberglauben. Wenn man für sich blieb, gab es anscheinend nicht viel spannendes zu erleben und man flüchtete sich in einen Scheißhaufen voll Unfug. Zumindest sah Sadie das so. Oder sie waren einfach zu blöd, um selbst einen Köter mit einem Dämon zu verwechseln.

Doch solange hatte Sadie sich nicht mit dem kleinen Volk auseinandergesetzt, um solch ein Urteil zu fällen.

Alles was sie wusste war, dass Butchers Creek parallel zu Van Horn lag und ihr Ziel nach Copperhead Landing immer näher rückte.

Sie hatte sich bewusst dazu entschlossen, die Hauptstraßen zu vermeiden. Selbst jetzt versuchte sie, ihr Pferd gekonnt durch die Bäume zu manövrieren, um jeglichen Verfolger abzuschütteln. Die Pinkertons mochten sie vor einer Weile verloren haben, aber das war keine Versicherung. Sogar weit entfernt davon. Das Pack zäh, schwer darauf aus, allesamt den gar auszumachen.

Sadie war froh, dass sie Abigail bei sich hatte und in Sicherheit wusste. Sie hatte Abigail vor Augen, wie diese gefesselt vor ihr war. Wangen gerötet und einen eiskalten Blick auf Milton geheftet, bevor sich ihre Augen weiteten, als Sadie durch die Tür brach. Blind vor Wut, hatte Sadie ihren Revolver erhoben und auf Milton gerichtet. Dabei blieb ihr keine Sekunde länger, denn seine Männer hatten Sadie bereits gepackt und fesselten sie grinsend, wissend, dass ihre Belohnung sich gerade verdoppelt hatte.

Selbst das angestrengte zerren am Seil, welches ihre Hand-und Fußgelenke zusammenhielt, brachte nichts weiter, außer wunde, gerötete Haut. Bei dem Gedanken spürte sie wie auf Kommando ein leichtes brennen, wo die Seile  sich fest um ihre Gelenke gespannt hatten.

Aber das war vorbei. Sie konnten sicher fliehen. Milton war tot. Abigail bei ihr und Arthur… Arthur war ein Held. Der beste Mann, den Sadie gekannt hatte. Er hat sich für sie alle geopfert. Jetzt war es an ihnen, diese Chance zu nutzen.

Inzwischen wechselte das Bild, die wilden Büsche und großen Bäume hatten sie hinter sich gelassen. Von ihrem Standpunkt ließ sich sogar das Wasser erkennen. Die letzten Sonnenstrahlen blitzten müden über den Wasserspiegel und wurden wieder und wieder von den lachenden Wellen des Flusses aufgesogen. In der Ferne zeigte sich offenes Land, kaum geschützt vor neugierigen Blicken. Wahllos streckten sich ein paar Büsche über das lausig begraste Land. Der Boden war matschig. Hier und da ragten abgebrochene Stämme aus der Erde, schon längst von der Hitze verschluckt. Ein leichter Nebel schleierte sich langsam über den See und würde sich im Laufe des Abends verdichten.

Wenn die Mittagssonne stand, wurde es unerträglich schwül, fast auf die 40 Grad. Sadie war froh, dass die Nacht hereinbrach und die Temperaturen sich senkten. In nicht einmal einer Stunde hätte es sich weiter auf 20 Grad abgekühlt.

Vögel sammelten sich am Rande des Ufers. Bunte Exemplare, die der trostlosen Landschaft Farbe verliehen. Die großen Alligatoren, welche sich ebenso am Ufer befanden, schienen sie nicht zu interessieren.
Copperhead Landing befand sich am Rande, innerhalb der Grenzen Lemoynes. Eine Gegend, wo es nur so von Alligatoren wimmelte. Direkt neben den Sümpfen. Kein wirklich einladender Ort für Reisende. Dort sollten sie für den Augenblick sicher sein.

Vor nicht allzu langer Zeit, war Lemoyne ihre Zuflucht. Zwischen bösen Alligatoren, scheußlichem Wetter und einer Unmenge von Insekten. Menschen wie Tiere. Shady Belle bot der Bande zum ersten Mal seit Colter, ein richtiges Dach über den Köpfen. Statt der eisigen Kälte hatten sie jedoch mit unerträglicher Hitze zu kämpfen. Die meisten Leute hatten wohl Schwierigkeiten sich zu entscheiden, was denn besser war. Sadie hatte ihre letzten Jahre oben in den Bergen gelebt. Die Antwort war klar.
Doch wenn sie sich dabei ertappte darüber nachzudenken, wurde ihr schwer bewusst, dass die Antwort vielleicht doch eine andere war, als sie glaubte.

Shady Belle war in Ordnung gewesen. Schlimm war Lakay. Tief in den Sümpfen verborgen. Stickige, stehende Luft. Unerträglich. Eine andere Wahl blieb ihnen zu dem Zeitpunkt nicht.
Die Männer der Bande waren losgezogen nach Saint Denis, um einen Banküberfall durchzuziehen.
An jenem Tag verloren sie Hosea und Lenny. Das Leben als Gesetzloser hatte seine Risiken. Das war jedermann bewusst.
Der Rest hatte es geschafft zu fliehen. Arthur, Dutch, Micah, Bill und Javier, allesamt waren sie wohlauf. Doch an diesem Tag kamen sie nicht zurück nach Shady Belle. Ihre Flucht hatte sie auf ein Boot verschlagen, welches die Herren nach Guarma verfrachtete.

In der Zeit wurde es in Shady Belle brenzlig. Die Gang hatte ihre Spuren überall hinterlassen. Die Pinkertons suchten weiterhin nach ihnen. Der Einbruch in Saint Denis war nur ein Fehler von vielen. Aber in Shady Belle fehlte einiges an Feuerkraft. Es wäre zu gewagt gewesen, länger als nötig dort zu verweilen und auf die Rückkehr der Männer zu warten. Bevor noch mehr schieflaufen konnte, packten die verbliebenen ihr Hab und Gut und flohen weiter in den Sumpf. Sadie wusste gut mit ihrem Revolver umzugehen und kümmerte sich um genügend Sicherheit, zusammen mit Charles. Unversehrt konnten sie dort einige Tage leben. Bald darauf waren die verschollenen Herrschaften wieder aufgetaucht und die Pinkertons gleich mit. Eine wilde Schießerei, Sadie liebte den Nervenkitzel, das rattern der Trommel und die kreischenden Revolver.

Erneut verschlug es Sadie in die Sümpfe, wo sie es doch so sehr hasste und in bitterem Bewusstsein, was alles passiert und schief gegangen war. Die Sümpfe. Die meisten Leute mieden solche Gegenden und blieben nur auf den Hauptwegen, um keine Schlangenbisse zu riskieren. Das war der Vorteil, sowie Nachteil. In solchen Ortschaften rankten sich auch Unmengen an Geschichten. Das unheimliche Nachtvolk, war eines von vielen. Aber die Frauen befanden sich weit außen.

Sadie blickte auf. Eine kleine, eingefallen Hütte zierte das ebene Land, nur noch ein Skelett seiner selbst. Links davon streckte sich ein Steg über das Wasser, weitaus mehr intakt als die Hütte. Zuletzt war Sadie dort, als sie mit Arthur losgezogen war, um John vor den Galgen zu retten. Genau dort auf dem kleinen Steg, der sich über das Wasser baute, bestiegen von Geistern der Vergangenheit, saß Sadie bereit mit ihrem Gewehr, wartend darauf, dass Arthur zu ihnen stieß, während Abigail auf sie einredete. Aufeinmal schien es Jahre her zu sein, als Sadie dort war. Es war so viel passiert.

„Dahinten sind sie!“ Abigail klang erleichtert. Sadie wusste, wie schwer Abigail es hatte in Ungewissheit zu sein, nicht zu wissen, ob Jack wohlauf sei. Sie konnte sich vorstellen, wie diese den ganzen Ritt über in Gedanken über sein Wohlergehen gegangen war. Ob Tilly es mit Jack geschafft hatte oder die Pinkertons doch gewitzt genug waren, um die beiden abzufangen.
In den letzten Monaten haben sie allzu sehr erfahren, wie schnell etwas schief gehen konnte. Und Abigail hatte ihren Sohn schon einmal verloren. Sie kannte den Schmerz. Sie fürchtete den Schmerz. Sadie sah es der Frau an. Es waren damals ein paar harte Tage gewesen. So gut, wie Sadie nur konnte, war sie für Abigail da. Aber die gemeinsamen Morgenstunden, wo sie zusammen am Feuer standen und ihren Kaffee tranken, waren nicht mehr die selben. Ein Ausdruck der Traurigkeit beherrschte Abigails Gesicht und wich keinem anderen. Ihre Augen sprachen von vielen schlaflosen Nächten. Und wenn sie schlief, plagten sie Albträume. Abigail hat es nie erwähnt, doch Sadie konnte sie hören. Nach den Geschehnissen in Colter hatte Sadie einen leichten Schlaf. Mehrmals in der Nacht wachte sie auf, die kleinsten Geräusche ließen sie aufschrecken und zu ihrem Revolver schielen, dass er griffbereit im Holster lag. Seit der einen Nacht, war sie auf alles gefasst. Immer.

Die Schemen, die sich vor ihnen bildeten entgingen auch Sadie nicht, schwarze Umrisse, geküsst von der Abend Dämmerung. Eine offensichtlich größer, als die andere. Das konnten nur Jack und Tilly sein. Oder eine ausgerichtete Falle. Bevor Sadie sich weiter in diesem Gedanken verlieren konnte, gab sie dem Pferd die Sporen.

Das Glück war auf ihrer Seite. Keine weitere böse Überraschung, die auf sie lauerte. Es waren tatsächlich Tilly und Jack, die es unversehrt nach Copperheads Landing geschafft hatten. Die Erleichterung stand Abigail förmlich ins Gesicht geschrieben, ohne zu zögern, zog sie ihren Sohn in die Arme. Kurz darauf bedachte sie Tilly mit einem dankenden Blick, ihre Lippen formten sich stumm zu einem Danke.

Sadie fiel eine kleine Last von den Schultern. Alle waren wohlauf. Sie haben es bis dorthin geschafft. Trotzdem verspürte sie einen Druck. Wie viel Zeit ihnen gutgeschrieben waren, wusste sie nicht. Ihr Gespür sagte ihr, dass die Bastarde hinter ihnen her waren. Schließlich hatten sie vor ihrer Flucht mehr als ein Dutzend von dem Pinkertons zu Strecke gebracht. Sadie wollte verdammt sein, wenn die Agenten das auf sich sitzen lassen würde.

Milton hatte vor seinem Ableben die Waffe erhoben. Nach Warnungen. Warnungen, die von der Bande ignoriert wurden. Loyal standen sie hinter Dutch. Er hatte einen Plan. Keiner kam auf die Idee, sich abzuwenden und Dutch der Detektei zu übergeben. Eher wären sie alle gestorben. Eine rührende Geschichte über Beistand. Moral in der eigenen Familie, einer Bande aus Gesetzlosen, die sich zusammengetan hatte und füreinander, wie miteinander lebte. Für den Reichtum, den sie sich ergaunern würden. Für all das und noch mehr. Nun waren sie getrennt voneinander oder tot. Dutch war verrückt geworden.

Jeder Tag war hart, ein Kampf ums Überleben. Kaum hatten sie sich in Sicherheit geglaubt, wurde das nächste Camp auf Befehl von Dutch geräumt. Eine Seltenheit war es schon längst nicht mehr. Frei und unabhängig der Regeln zu leben, als Gesetzlose, hatte seinen Preis. Jeder musste sich selbst die Frage stellen, ob es das wert war. Auf der Flucht vor der Regierung. Vor ein paar Monaten war es nur ein Gefühl, ein dunkler Schatten der ihnen im Nacken saß. Doch nun war es viel mehr als das. Gejagte, ein auseinander gerissenes Rudel, verletzlich von jeder Seite. Früher standen sie füreinander ein, egal in welche Scheiße sie sich geritten hatten.

Das 19. Jahrhundert neigte sich dem Ende zu. Die Städte füllten sich allmählich mit Menschen, die es nach den Westen verschlug. Menschen mit Träumen. Die Zivilisation wuchs ununterbrochen. Damit auch die Regeln. Gehorsam sollte der neue Trend sein. Die Van Der Linde Gang aber blieb standhaft und wirkte dem entgegen. Drei Bundesstaaten verfolgte die Gang. Inzwischen wahrscheinlich mehr. Sadie wollte es gar nicht wissen. Sie werden vermutlich viel Zeit damit verbringen, Kopfgeldjägern aus dem Weg zu gehen oder ihnen die Köpfe einzuschießen. Sadie wollte verflucht sein, wenn sie sich von solchen Kerlen schnappen ließe. Doch gerade vor den Pinkertons, würden sie sich in Acht nehmen müssen.

Ein unangenehmes Gefühl vermittelte Sadie, dass sie sehr bald fliehen müssten. Ein wartender Abschied. Wieder. Die Männer kannten Sadies Gesicht und das von Abigail. Tilly war fast unsichtbar für die Detektei, sie wurde noch nicht aufgegriffen und hatte die Chance auf eine Flucht. Jack würde bei ihr in Sicherheit sein. Aber in der Obhut von zwei gejagten Frauen? Fraglich. Jetzt lag es an Sadie, Abigail darauf vorzubereiten. Ihren Sohn ein weiteres Mal zurückzulassen. Auch wenn sie jetzt ihre Ruhe hatten, wie lange würde es dauern, bis die Agenten die Spur aufgenommen hätten? Sadie hatte keine Probleme, sich in Risiken zu werfen. Seitdem sie bei der Bande war, war es eines ihrer Liebsten Tätigkeiten und selbst dann, waren die meisten Männer ihr unterlegen. Ihr Schießeisen war ihr bester Freund.

Aber Sadie würde Jack nicht in Gefahr bringen und Abigail, so sehr sie ihren Jack bei sich haben wollte, durfte es auch nicht. Es machte nicht nur Jack verletzlich, sondern auch Abigail und damit Sadie. Wenn John tatsächlich... Dann konnte Sadie nicht riskieren, dass irgendwer von ihnen in Gefahr geriet. Jack brauchte seine Mutter, aber vorher, mussten sie sicher gehen, dass ihr Bekanntheitsstatus sie nicht in Gefahr bringen würde und Sadie wusste, dass sie Abigail davon überzeugen musste.

Die Frauen hatten es sich inzwischen vor der eingefallenen Hütte zur Rast gesetzt. Das dunkle Holz moderte gewiss schon seit Monaten vor sich hin. Welche Geschichte sich hinter den eingefallenen Resten dieser Holzhütte wohl verbergen mochte? Gewiss kamen hier noch gelegentlich irgendwelche Leute vorbei, sei es Trunkenbolde, die nichts besseres zu tun hatten oder arme Schluchzer, die erneut von ihrer Frau vor die Haustür gesetzt wurden, weil sie die Nase nicht aus dem Schnaps bekamen.
Alte rostige Konserven lagen verstreut über dem Boden. Daneben alte Schnaps Flaschen und verbrannte Erde, die einst als eine schäbige Feuerstelle diente. Ein kleiner Stamm befand sich davor, eine Sitzmöglichkeit. Nur Tilly nutzte diese. Ihre Augen wanderten die meiste Zeit über den See, der sich vor ihnen aufbaute. Ihnen allen war klar, dass die Reise bald weiter gehen würde. Der See reflektierte gelassen den Mondschein.
Alles wirkte ruhig. Als gäbe es keine Gefahren, die man fürchten müsste. Nur die Schönheit der Nacht. Ein Klarer Himmel voller Sterne. Endlose Geschichten spiegelten auf sie herab.

Das leise knistern des Feuers wirkte wie ein Schlaflied auf Sadie. Ihre Augen brannten. Der Schlaf fehlte ihr. Ihre Augen wanderten müde über die Gesichter ihrer Kameraden, welche spielend von den Flammen beleuchtet wurden, die von dem alten Holz der Hütte belebt wurden. Nur Jack schlief schon. Friedlich lag er neben Abigail, die ihm beruhigend mit den Fingern durch das Haar streifte. Schon länger waren sie in ein Schweigen verfallen. Die Augen der Frauen verrieten Sadie, dass sie genauso müde sein mussten, wie sie selbst.

Tilly hatte ihnen erzählt, dass sie es reibungslos nach Copperhead Landing geschafft hatte. Dass Arthur ihr angewiesen hatte, dort zu warten. Arthur. Die Gesichter der beiden anderen Frauen mussten genug gewesen sein, denn Tillys Blick senkte sich und ihre Miene versteinerte sich. Sadie und Abigail brachten kein Wort zustande, standen einfach da, bevor Abigail behutsam eine Hand auf Tillys Schulter legte. Sadie konnte sehen, wie sich eine Träne von ihrer Wange löste und zu Boden fiel. Sie schluckte schwer bei dem Gedanken, wie es passiert sein könnte.

Kurz darauf hatten sie das Feuer gelegt. Ihre Gespräche waren nichts weiter als kurze Sätze. Jedes Wort lag schwer auf der Zunge. Abigail hatte Jack die ganze Zeit über nah bei sich, als hätte sie Angst, wenn sie ihn losließe, würde er erneut verschwinden. Als würde sie wissen, dass Sadie es nicht zulassen würde, Jack mit ihnen reisen zu lassen. Abigail und Jack so zu sehen, verpasste ihr ein schlechtes Gewissen. Auch, wenn sie es gut meinte. Man sollte eine Mutter nicht von ihrem Kind trennen. Doch es war sicherer. Was bliebe ihnen anderes übrig?

Sadie würde dafür sorgen, dass Abigail zurückkäme, ihren Sohn noch einmal in die Arme schließen könnte bevor sie sich niemals wieder von ihm trennen müsste. Denn sie würden es schaffen, die Pinkertons hinterlisten und ein Leben im freien leben. Die Bande war Vergangenheit. Jetzt waren es Abigail, Jack und Tilly. Jeder von ihnen hatte sein glückliches Ende der Geschichte verdient. Sie würden sich bald wiedersehen.

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Sadie hatte gewartet, auf den richtigen Augenblick. Aber je länger sie wartete und ins Feuer starrte, desto mehr wurde ihr bewusst, dass es keinen richtigen Moment geben würde. Abigail sollte ihren Sohn bei Tilly lassen. Sie würde es verstehen. Für die Sicherheit. Sadie räusperte sich leise, bevor sie sprach.

„Wir müssen bald weiter.“, sagte sie und verfiel in eine kleine Pause. „Und ich denke es ist besser, wenn Jack bei Tilly bleibt.“ Sadies Augen suchten Abigails auf und hielten den Blick. Einen Augenblick lang dachte Sadie, die Frau würde sie anfahren, fragen, wie sie auf solche Ideen käme und so etwas erwarten konnte. Innerlich hatte Sadie sich sogar darauf vorbereitet.

„Ich weiß.“, sagte sie zu Sadies Überraschung. Traurige Augen und träge Worte. Abigail musste sich dem Risiko bewusst sein und hatte wahrscheinlich die letzte halbe Stunde an nichts anderes gedacht. Sadie war es leid, wie viel Gewissheit hinter diesen Worten steckte. Alles in ihr wollte aufspringen und dagegen angehen, Jack würde mit ihnen kommen und sie würden es schon irgendwie schaffen. Aber Sadie
wusste es besser. Also nickte sie Abigail stattdessen zu und wanderte mit ihren Augen erneut in die gnadenlosen Flammen, die ihr einst so viel genommen hatten, wie die O'Driscolls selbst.

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Betrübte Stimmung lag wie eine Kuppel über die Anwesenden. Jede Bewegung wirkte entgeistert und Fremd. Doch jede Einzelne wusste, was sie zu tun hatte. Der bevorstehende Abschied und die dazugehörige Trennung. Bedrückt stocherte Sadie in den Überbleibseln der Flammen, staubige Glut die in ihren Augen spiegelte. Ihr Blick senkte sich. Tief atmete sie ein, als wolle sie sich auf etwas großes vorbereiten. Was stimmen mochte. Dann stapfte Sadie mit ihren Stiefeln in die die glühenden Reste, bis diese schließlich erloschen waren.

Währenddessen hatte Tilly Abigail zu ihrem Pferd gelotst. Bevor Tilly etwas sagte, sah auch Sadie was sie zeigen wollte. Geld. Und davon eine Menge. Noch etwas, das sie Arthur zu verdanken hatten. Nach dem Raubzug, hatte er es Tilly mitgegeben. Ohne darüber nachzudenken. Denn sie würden es brauchen. Für einen Moment stoppte Sadie, bei dem was sie machte. Erneut hatte Arthur ihnen den Arsch gerettet. Der Mann wusste was er tat. Ein seufzen hatte sich auf Sadies Lippen gebildet, nur hörbar für sie. Die Erinnerungen überschwemmten sie erneut. Doch Sadie konnte es sich nicht erlauben, noch hatte sie keine Zeit zum Trauern. Sie schob es von sich, ihre Schritte lenkten auf Tilly und Abigail.

„Er war ein guter Mann.“ Sadie sprach ihren vorherigen Gedanken laut aus. Tillys Augen weiteten sich leicht, bevor sie schwer nickte. Ihre Hände umklammerten einen Sack voll Geld. Sadie schätzte um die fünfhundert Dollar.

„Ihr werdet es brauchen.“
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