Jenseits von Gut und Böse

GeschichteRomanze, Übernatürlich / P12 Slash
Chuya Nakahara Dazai Osamu
02.07.2019
02.07.2019
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Es war eiskalt und der Wind blies mir kleine Schneeflocken ins Gesicht. Sie trafen auf meine Haut wie
Nadeln, bevor sie schmolzen und wie Tränen über meine Wangen rannen. Seit Stunden war ich unterwegs, wohin, das wusste ich selbst nicht wirklich.
Vielleicht hatte ich es doch ein bisschen überstürzt, aber wenigstens hatte ich so einem nervigen Auftrag entgehen können. Ich hatte es schon an Kunikidas Blick erkannt, als er heute Morgen, überpünktlich wie immer, in die Detektei gekommen war. Tja, das war auch zufälligerweise der Moment gewesen, in dem ich mich an eine andere, sehr wichtige Verpflichtung erinnert hatte, also hatte ich mir meinen Mantel geschnappt und fluchtartig den Raum verlassen. Viel Spaß mit deinem neuen Auftrag, Atsushi.

Die Luft war so kalt, dass mittlerweile jeder Atemzug schmerzte und ich blieb stehen. Mein Weg hatte mich bis an den Hafen geführt. Mafiagebiet. Diese Gegend hatte, außer der Sonnenuntergänge, nichts zu bieten. Größtenteils fanden sich hier kleine Fischereibetriebe und heruntergekommene Lagerhäuser, jedoch weckte der Anblick Erinnerungen an eine düstere Zeit voller Blut und Kummer in mir. Kurz schloss ich die Augen, um den vertrauten Geruch von Meerwasser und Schmieröl wahrzunehmen, aber da lag noch etwas anderes in der Luft… Zigarettenrauch. Für einen Moment war mein Köper in Alarmbereitschaft, doch ich wusste, wie ein Angriff der Mafia ablaufen würde. Entweder würden sie mich direkt außer Gefecht setzen, oder ich bekam eine förmliche Einladung überreicht. Beides erschien mir lächerlich. Es musste sich also um einen einfachen Touristen handeln, der sich verlaufen hatte. Vielleicht war es sogar eine schöne junge Frau, die ihren Selbstmord plante? Ich konnte mir bei dem Gedanken ein Seufzen nicht verkneifen. Selbst wenn ich einmal einer solchen Frau begegnen würde, war hier und jetzt nicht der richtige Zeitpunkt dafür.
Trotzdem hielt ich neugierig nach der Quelle des Rauches Ausschau und wurde recht schnell fündig. Etwa 10 Meter von mir entfernt, auf der Mauer, die Land und Wasser trennte, saß ein mir allzu bekannter kleiner, roter Giftzwerg. Seine Arme waren verschränkt und er zitterte leicht, sein Blick war auf den Horizont fixiert. Er schien so in Gedanken versunken zu sein, dass er nicht einmal bemerkte, wie meine Beine sich in Bewegung setzten und mich zu ihm hintrugen.

Ich stand nun direkt hinter ihm und grinste teuflisch. Ob er wohl gern ein bisschen schwimmen würde? Obwohl die Versuchung groß war, entschied ich mich dagegen. Stattdessen lehnte ich mich neben ihm mit dem Rücken an die Mauer.
„Ich dachte, du hättest aufgehört zu Rauchen?“
Es herrschte einen Moment Stille. Ich hörte, wie er kurz den Atem anhielt und dann tief ausatmete.
„Ich dachte, du hättest aufgehört zu Atmen?“
Seine Stimme war rau und er klang müde. Als ich den Kopf drehte, sah ich, dass er immer noch starr auf das Meer hinausblickte, wie eine Statue, oder ein Wächter. Bevor ich antwortete musterte ich ihn noch eine Weile. Der Wind wehte ihm erbarmungslos seine Haare ins Gesicht, aber wie es schien, störte es ihn nicht. Immer wieder begannen seine Lippen zu zittern, jedoch zwang er sie jedes Mal zum Stillstand.
Es fiel mir auf wie verwundbar er schien, ganz anders als er sich immer präsentierte. Da war keine Arroganz, kein Spott, er sah einfach aus wie ein frierender Junge.

„Chuuya. Was ist los?“

Ich wusste selbst nicht, warum ich das fragte. Wir waren Feinde, die gemeinsame Vergangenheit längst vergessen. Trotzdem hatte ich ein komisches Gefühl ihn so zu sehen.
Beim Klang seines Namens erwachte er kurz aus seiner Starre und blickte in meine Richtung. Sein Mund öffnete sich ein Stück, so als würde er seine Antworten abwägen. Dann schloss er sich wieder und als Chuuya sprach merkte man, wie viel Mühe er sich gab eine abwehrende Haltung einzunehmen.
„Nichts, was dich etwas angehen würde. Warum verschwindest du nicht einfach?“
Er hatte sich also, wenig überraschend, für die harte Tour entschieden. Einmal ein Sturkopf, immer einer, aber ich wusste mit ihm umzugehen.
„Aber, aber, mein Lieber. Wer wird den gleicht so unfreundlich auf eine ehrliche Frage reagieren?“, fragte ich und lächelt ihn scheinheilig von der Seite aus an. Bevor er wieder eine bissige Antwort geben konnte, drehte ich mich um und schwang mich gekonnt neben ihm auf die Mauer. Zuerst sah er mich irritiert an, aber dann wandte er sich wieder ab. Egal was es war, was ihm auf der Seele lag, es schien so groß zu sein, dass Chuuya sich nicht mal mehr über mich beschwerte. Sehr schade, Wut stand ihm ausgezeichnet.
Er atmete tief ein.
„Ich-“, er brach ab, um kurz bitter aufzulachen, „… das ist doch erbärmlich.“
Mit zitternden Händen drückte er seine Zigarette auf der Mauer aus, nur um sofort die nächste aus der Schachtel zu ziehen. Ich beobachtete ihn dabei, wie er sie mit seinen Lippen hielt, während er in seinen Taschen nach dem Feuerzeug kramte. Als er es gefunden hatte brauchte er einige Versuche, immer von einem Klicken begleitet, bis sich eine kleine Flamme entzündete. Er war schon im Begriff diese langsam zu seinem Mund zu führen, als eine plötzliche Windböe sie wieder ausblies.
Auf einmal schien es, als würde sein Körper von Energie durchzuckt und voller Frustration warf er das Feuerzeug samt Zigarette in hohem Bogen ins Meer.
„Ich hab‘ das alles nicht verdient!“, brüllte er, doch seine Worte gingen beinahe im aufziehenden Sturm unter.
„All die Jahre habe ich Befehle befolgt, mein Leben aufs Spiel gesetzt- ich habe sogar dich ertragen! Und wofür?“
Er drehte sich um und sprang energisch von der Mauer.
„Das kann er nicht mit mir machen!“
„Chuuya, komm runter. Worum geht’s?“, ich bemühte mich um einen einfühlsamen Ton, könnte jedoch einen Hauch von Zynismus nicht verbergen.
„Als ob du das nicht wüsstest. Du bist doch schuld an der ganzen Sache!“
„Ich weiß nicht, was-“
„Natürlich weißt du das“, unterbrach er mich gereizt, „oder erinnerst du dich nicht mehr an letzte Woche?“
Schemenhafte Bruchstücke von Erinnerungen zogen vor meinen Augen vorbei. Yosanos ausrangiertes Narkosemittel. Wortfetzen. Dann Schmerz. Danach wurden die Erinnerungen klarer. Ich war im Krankenhaus und Chuuya war bei mir gewesen, er hatte Corruption freien Lauf gelassen. Ich hatte ihn aufhalten können, aber Chuuya hatte einige Verletzungen davongetragen und im Krankenhaus bleiben müssen. Ob er wirklich geblieben war, wusste ich nicht. Ich hatte es vorgezogen nach Hause zu gehen.

„Man hat mich beobachtet. Als ob ich es nicht gewusst hätte! Aber ich war einfach so- egal. Es ist egal. Warum rede ich überhaupt noch mit dir?“
In diesem Moment drehte er sich um und blickte mir ins Gesicht. Das erste Mal seit wir uns hier begegnet waren. Sein Blick war verzweifelt. Hilfesuchend.
„Chuuya. Was ist passiert?“
Er wandte sich wieder ab und starrte ausdruckslos auf den Boden.
„Ich wurde gekündigt.“
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