Rote Gischt

von Funke
GeschichteHumor, Fantasy / P18
01.07.2019
04.10.2019
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Arkin eal Kjartánn, Sohn des großen Jarl Tjelvar von den Krügen und der schönen Veera eal Kjartánn saß in der Ecke seines Verlieses auf einem Häufchen schimmeligen Strohs und zählte die Ratten.
Von seiner nordischen Heimat war er zwei Weltmeere entfernt, das Stroh stach ihm in den Hintern und die Ratten erwiesen sich als zu schnell und zahlreich, als dass er sie hätte zählen können. - Alles in allem eine überaus unbefriedigende, wenn nicht gar tragische Situation.
Nun gut, dass er seine Heimat verlassen hatte, war gewissermaßen seine Schuld. Dass die königliche Marine ihn und seinen Kaptain von ihrem Schiff hinunter und in dieses Kellerloch getreten hatten, vielleicht auch nicht ganz unverständlich.

Aber die Ratten … die Ratten konnte man als eine etwas überflüssige Beigabe bezeichnen.
Arkin ließ sich seufzend auf den Rücken fallen und verschränkte die Arme hinter dem Kopf. Vielleicht ließen sich die Eisenketten zählen, die dort so malerisch von der Decke baumelten?

„Mein lieber Junge, ich geh drauf“, knurrte da jemand aus der anderen Ecke des Kellerlochs und seine Stimme klang nach einer rostigen Klinge, die über Leder kratzt.
Seiner Lage zum Trotz kräuselten Arkins Lippen sich zu einem schiefen Lächeln. Seit der Kaptain ihn damals, vor Jahren schon, bei Port Naélle erst tatkräftig bei einer Schlägerei unterstützt und dann in seine Crew aufgenommen hatte, nannte er Arkin seinen lieben Jungen.

Völlig ungeachtet der Tatsache, dass Arkin ihn um Haupteslänge überragte und den hageren Mann auf seinen Armen fortragen könnte.
Konnte, korrigierte er sich im Stillen. Das ein oder andere Mal hatte er ihn tatsächlich schon zum Schiff zurückgetragen, während der Kaptain grölte, seinen Branntwein über Arkins Hemd verschüttete und ihn die schönste Frau in ganz Jaduin nannte.

„Aye, Kaptain“, sagte er, noch immer lächelnd. „Wir gehen alle drauf.“
Das Todesurteil für sie beide, den alten Peer, ihre beiden Kanoniere und Gins schrecklichen Affen war bereits letzte Woche ausgesprochen worden.
Die Stadt Dreiau jedoch, in der man sie erwischt hatte, erwies sich nicht nur wegen ihres Hangs zum religiösen Fundamentalismus als abscheulich, sondern auch wegen ihrer unerträglich langsamen Bürokratie.
„Junge, du verstehst mich nicht“, schnarrte der Kaptain. „Ich geh drauf.“
„Aye, Kaptain. Ist scheiße gelaufen.“
Der Kaptain stieß ein Geräusch aus, halb schleimiges Röcheln, halb Gelächter. „Aaah. Mein lieber Junge, du bist ein Arschgesicht. Hör zu. Ich geh drauf. Jetzt. Ich kann's spüren.“

Arkin rollte sich im Stroh herum, kniff die Augen zusammen und versuchte im Dunkeln einen Blick auf seinen Kaptain zu erhaschen.
Seine schmale, schattenhafte Gestalt lag ausgestreckt auf der Pritsche, doch sein Kopf wackelte seltsam unstet hin und her und sein rechtes Bein baumelte so leblos auf den Boden herab als gehöre es zu einer knochenlosen Lumpenpuppe.

Wieder dieses feuchte Lachen. „Wirst ohne mich klarkommen müssen, Erster Maat. Bevor die Sonne wieder aufgeht, bin ich Futter für die Maden, ich kann's spüren. Ha! Ich geh drauf, bevor diese Schweinehunde mir nen Strick um den Hals legen können, ha!“
Das Lächeln erstarb auf Arkins Gesicht. Er richtete sich auf, wischte sich mit einer unwirschen Bewegung das struppige rote Haar aus dem Gesicht und trat vor die Pritsche.
„Was zur Hölle soll das heißen, Kaptain?“

Aus dieser Nähe konnte er sehen, dass die sonnengebräunte Haut seines Kaptains fahl war wie eine Geisterhand und dass auf seiner Stirn dicke Schweißperlen standen.
Unbehagen nistete in Arkins Magengrube. Mit zwei Fingern fühlte er den Puls am Hals seines Kaptains, der ihm selbst im grauen Dämmer unnatürlich geschwollen erschien. Und sein Herz – verdammt sein Herz stolperte und hüpfte schlimmer als ein panisches Kaninchen.

„Bei Blaubarts Eiern“, zischte er. „Kaptain, was ist los mit dir?“

Der Kaptain blickte zu ihm hoch und seine Augen blitzten. Gins Augen, ein wildes boshaftes Gemisch aus Grün und hellem Grau. Koboldaugen. Irrlichtaugen.
Er bleckte die Zähne zu einem Grinsen. „Mein lieber Junge, sowas passiert einem halt, wenn man nicht aufpasst. Darfst es keinem sagen. Nein, darfst es jedem sagen, weiß auch jeder, außer Ginover. Sag's bloß nicht meinem Töchterchen, ja?“
Wie um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, legte er einen zitternden Finger an seine Lippen. „Sag's ihr nicht, aber manchmal war ich noch bei anderen Weibern außer ihrer lieben Frau Mamán.“

Arkins Brauen schossen in die Höhe. „Du glaubst doch nicht ehrlich, das wüsste sie nicht?“
„Halt den Mund, man darf ja noch hoffen“, kicherte der Kaptain. “Also hör zu, das Schlimmste kommt immer von den Eiern und frisst sich dann hoch ins Hirn. Ekelhaft. Ich spür's schon, in meinem Kopf, bin irre wie ne alte Vodoo-Hexe. Aber ein bisschen Zeit hab ich noch, mein lieber Junge. Genug Zeit, um dir noch ein, zwei Takte zu sagen, bevor ich draufgehe ...“
„Hector, hör auf mit dem Blödsinn! Du wirst nicht draufgehen.“ Heiße Wut ballte sich in Arkins Kehle, und seine Stimme klang plötzlich herrisch und hallend laut in der tropfenden Finsternis.

Er wusste, dass es lächerlich war, seine Wut und das Geschrei, lächerlich, weil sie beide ohnehin dem Tode geweiht waren – was also machte es für einen Unterschied.
Doch bei dem Gedanken, dass sein Kaptain, dieser zähe Dreckskerl, der Tod und Teufel getrotzt und volltrunken noch die wildesten Stürme überlebt hatte... dass dieser Mann nun in einem rattenverseuchten Loch krepieren sollte, ließ ihn beinahe ersticken an seiner Wut.
Er wollte sich die Fäuste an den Wänden blutig schlagen, den Nachttopf durch das Verlies treten und schreien.

Der Kaptain jedoch packte sein Handgelenk mit unerwarteter Kraft.
„Reiß dich zusammen, Erster Maat. Wir wissen beide, dass es nicht schade ist um mich“ sagte er. „Aber um dich wär's schade, jaja. Um dich und unsere Jungs. Deswegen box ich dich raus, mein Hübscher, ich box dich raus und du holst die anderen raus. Ich kenn dich doch. Bist verdammt souverän, viel mehr als ich's je war. Bei den Göttern, wenn ich dich nicht gehabt hätt', wär ich sowieso schon vor Jahren verreckt.“
„Spar dir deine Kraft, Kaptain“, presste Arkin zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.
Wieder dieses Grinsen, Zähnefletschen und irrlichternde Augen.
„Nay“, widersprach er. „Den Gefallen tue ich dir nicht, dass du dir mein Geschwätz nicht mehr anhören musst am Ende. Hast's dir ja jetzt schon ne Ewigkeit angehört.“ Er lachte wieder, obwohl ihm jede Bewegung höllische Schmerzen zu bereiten schien. Schweiß rann ihm in Strömen über die Stirn.
„Kaptain.“ Zwischen Arkins Augen erschien eine steile Falte. Mit zwei Fingern pickte er eine Assel aus Hektors graugesträhntem Haar und warf sie nachlässig hinter sich. „Bist du verrückt?“

Er zwinkerte ihm zu, eigenartig anzüglich, als sei er eine vollbusige Schankmaid, die soeben mit dem Bier an seinen Tisch getreten war. „Wie ein Sack voller Flöhe. Aber jetzt hör zu, mein lieber Junge. Du musst mir etwas versprechen. Is wichtig.“
„Ach ja?“ Arkin beschlich ein ungutes Gefühl.
„Aye“, sagte der Kaptain und quetschte nachdrücklich seine Hand. „Es ist der letzte Wunsch eines Sterbenden, also hör gut zu. Ich will, dass du auf meine Ginover aufpasst. Ich will, dass du meine süße, kleine Tochter findest und sie mit deinem Leben beschützt. Versprich's mir.“

Oh Scheiße.

Arkin bedeckte mit einer Hand seine Augen.
Er dachte an zusammengekniffene, grüngraue Koboldaugen, wildes Haar und diese beunruhigend blitzenden Eckzähne, die ihr Lächeln zu dem eines Raubtiers machten. Scheiße.
Bevor er Ginover – Gin – mit den Attributen 'süß' und 'klein' belegte hätte, hätte er einen verdammten Haifisch so genannt, aber Hector war in dieser Hinsicht immer schon ein wenig fehlgeleitet gewesen.
„Versprich's mir, Erster Maat“, wiederholte sein Kaptain erbarmungslos.

Arkin nahm die Hand vom Gesicht und blickte mit einer Art von Verzweiflung auf den Sterbenden hinab. „Kaptain ...“
Hectors Finger krallten sich in seinen Unterarm. „Versprich's! Du m-musst ...“ Der Rest seiner Worte ging in einem rasselnden Husten runter. Er versuchte sich aufzurichten, obwohl sein hagerer Körper verkrampfte und geschüttelt wurde vor Schmerz.
„Ja, verdammt!“, fauchte Arkin. Heftig drückte er den Kaptain auf die Pritsche zurück. „Ich versprech's dir, bei meinem Leben schwör ich's dir, du unerträglicher alter Sack. Ich finde Gin, ich beschütze sie und ich bleibe bei ihr, selbst wenn ich ihr in den Abyssos folgen muss.“

Ein leises, glückliches Lächeln legte sich auf Hectors bleiche Lippen.
„Wunderbar“, flüsterte er. „Und jetzt versteck dich hinter der Zellentür, Erster Maat.“

~*~

„Ich ging einmal im Götterhain
und sah die paradiesischen Weiten dort
die Felder von kupfernem Gold, so rein
Ich benutzte sie als Abort.“


Hectors grölende Stimme hallte durch das Verlies und weit über die Gänge hinter der Zellentür. Er hatte sich mühsam an den Rand seiner Pritsche gesetzt, schwankte fröhlich hin und her und baumelte mit den Beinen. Selbst Arkin zuckte ein wenig zusammen im Angesicht seiner blasphemischen Gesänge.
Und es vergingen kaum zwei Sekunden, bis die Wächter vor ihre Zelle traten und Hector anbrüllten, sofort sein liederliches Schandmaul zu halten.

„Ich ging einmal im Götterhain
Wo balsamisch die heiligen Gärten rochen
Die Rosen waren so rot wie Wein
Ich hab mich drauf erbrochen.“


Trubel auf den Fluren, Schwertrasseln und noch mehr Gebrüll.

„Ich ging einmal im Götterhain
Hab süße, goldne Haut erblickt
Kann das die holde Herrin sein?
Die hab ich glatt gef...“


Krachend flog die schwere Tür auf und zwei wutschnaubende Wachmänner stürzten in das Verlies, um dem gottlosen Treiben ein Ende zu machen.
Mit einem strahlenden Lächeln breitete Hector die Arme aus und schrie: „Lauf, mein Lieber, lauf!“

Arkin löste sich aus dem Schatten neben der Zellentür, versetzte dem Mann vor ihm einen kräftigen Tritt in den Rücken, dass er vorwärtstaumelte. Direkt in die Arme seines Kaptains, der ihn mit seinen sehnigen Armen so fest umschlang wie eine Geliebte.
Dem zweiten Wächter schlug Arkin die Faust ins Gesicht, stieß ihn heftig beiseite und stürzte zur offenen Tür hinaus.
Vor ihm ein langer, dunkler Gang, der in die Freiheit führte. Hinter ihm Geschrei, Scheppern, Fluchen, Hectors gackerndes Gelächter.

Und seine Stimme, die ihm nachschrie: „Wir sehen uns im Abyssos, mein Junge!“
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