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Cry of Chernobyl (Metro 2033 Universum / STALKER)

GeschichteAngst, Sci-Fi / P18 / Gen
OC (Own Character)
01.07.2019
03.07.2019
3
2.983
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01.07.2019 1.530
 
Die Zone war unser Zuhause, unsere Zuflucht.
Wir konnten zwar die Zone verlassen, jedenfalls die meisten von uns, sie hingegen würde uns niemals wieder verlassen.
Die Zone hat mich zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin. Ich werde auf ewig einen Teil von ihr in mir tragen und das nicht nur in Form von Radionukliden.
Mein bester Freund ist sogar wortwörtlich ein Teil der Zone geworden.
Sie hat ihn nicht mehr gehen lassen, hat ihn in sich aufgesogen und einfach verschwinden lassen wie in einem Schwarzen Loch.
Sie war ein Gefängnis, das erkenne ich jetzt, ein Gefängnis, das auf perfide Weise von unserem naiven, manipulierbaren Verstand Besitz ergriffen hatte und uns immer wieder in sie zurück lockte. Wie durch einen unerklärlichen, mentalen Sog trieb sie uns dabei immer weiter und tiefer in sie hinein...
Sie setzte sich mit all ihren Geheimnissen und potentiellen Gefahren in unserem jugendlichen Geist fest, genauso wie es die radioaktiven Teilchen in unseren Körpern taten.
Wären wir für einen zu langen Zeitraum einer zu hohen Strahlendosis ausgesetzt, würde das irgendwann unweigerlich dazu führen, dass unsere Zellen beginnen, von innen heraus zu verwesen, hat man uns gesagt.
Und die Strahlung; „das Atom", dieser omnipräsente, unsichtbare Feind, war bei weitem nicht die einzige Gefahr, die in der Zone lauerte und nur auf ihre Freilassung wartete.
Was war es dann, dass uns, allen tödlichen Gefahren und dem natürlichen Überlebensinstinkt zum Trotz, immer wieder in sie hinein gehen ließ?
Die Aussicht auf Abenteuer, die Faszination der Grenzüberschreitung und des Verbotenen, der Adrenalinkick, der einsetzt, sobald man sich in einer als bedrohlich empfundenen Situation wiederfindet – all das überwog für uns und stellte jegliche Warnungen in den Schatten.
Wir waren so verdammt leichtsinnig.
Mögliche Folgen verdrängten wir einfach, wollten wir nicht wahrhaben. Uns würde schon nichts passieren.
Dadurch, dass wir in friedlichen, wohlstandsverwahrlosten Zeiten aufwuchsen, hegten wir einen naiven Glauben an die eigene Unverwundbarkeit und Immortalität.
Chernobyl, das war für uns, die wir erst Jahre nach dem Reaktorunglück geboren waren, keine Katastrophe mehr. Die Bedeutung des Wortes „Katastrophe" sollte uns allerdings noch früh genug am eigenen Leib bewusst gemacht werden.
Natürlich wussten wir um die tragischen Schicksale der Menschen, die in Folge der nuklearen Explosionen in Block 4 des Kernkraftwerks damals 1986 ihr Leben, ihre Angehörigen oder ihr Zuhause verloren hatten. Dieses Wissen ließ uns keineswegs kalt, aber es schreckte uns auch nicht ab.
Wir wuchsen in einem kleinen ukrainischen Selyschtsche auf, bestehend aus einer einzigen Neubausiedlung nicht weit aber selbstverständlich in sicherem Abstand von der Sperrzone, die mit einem Radius von 30km um den havarierten Reaktorblock gezogen worden war und das gesamte kontaminierte Gebiet inklusive der Geisterstadt Pripyat umfasste.
Die Siedlung – der Begriff „Kleinstadt" wäre übertrieben gewesen, und um als Dorf zu gelten, wies sie meiner Meinung nach nicht die nötige Tradition und Kultur auf – war ursprünglich als vorübergehende Unterkunft für die Bauarbeiter und Architekten gedacht, die sich an der Konstruktion der Schutzhülle des mittlerweile stillgelegten Kraftwerks zu schaffen machten, sowie für die Handvoll Milizionäre, die die Zone bewachten. So lautete jedenfalls die offizielle Version.
Weshalb die Regierung es tatsächlich für nötig hielt, direkt neben der Zone eine Art modernes, ausgenüchtertes und seelenloses Pripyat 2.0 hochzuziehen, wird die Welt wohl nie erfahren.
Die Bauweise und Wohnsituation entsprach jedenfalls überhaupt nicht der des damaligen, idyllisch anmutenden Pripyats. Sie war hingegen sehr an die sowjetischen Kommunalkas angelehnt, wie es sie hauptsächlich im russischen St. Petersburg teilweise heute noch gibt.
Kurzum, ich wuchs also in einem schäbigen, monotonen Arbeiter- und Soldaten Selyschtsche auf; ein richtiger rätekommunistischer Traum!
Nur war ich leider weder Arbeiter am Kraftwerk, noch Soldat und schon gar kein Kommunist. Ich war der Sohn eines niedrigen Parteifunktionärs, den man als Aufseher hier her geschickt hatte, vermutlich weil er sich irgendetwas zu Schulden hat kommen lassen, und da nahm er mich, seinen einzigen Sohn, eben mit.
Ich wuchs zum Teenager heran und freundete mich schon bald mit den anderen Kindern der hier stationierten Arbeiter an. Es mangelte uns anfangs zwar an nichts existentiellem, für die nicht ganz ungefährliche Arbeit rund um das Atomkraftwerk wurden unsere Familien schließlich von der Regierung relativ gut vergütet, jedoch waren wir alle von diesem Ort mehr als gelangweilt.
Es gab hier so gut wie keinerlei Freizeitangebote, der Staat musste schließlich Geld sparen und die Kosten, die durch die Eindämmung des immer noch hochgefährlichen Kernkraftwerks entstanden, waren hoch genug.
Das Einzige, was uns hier spannend erschien und uns eine Möglichkeit gab, unsere Neugier auf die Welt ein wenig zu stillen, war somit eben jenes Kraftwerk und die darum errichtete Zone. Als Kinder wurden wir selbstverständlich immer davor gewarnt. Man erzählte uns alle möglichen Schauermärchen, weshalb man nie auch nur einen Fuß in die Nähe der Zone setzen dürfte. Das Konzept von radioaktiver Strahlung verstanden wir damals noch nicht, deshalb sagte man uns einfach, die Zone sei ein verfluchter Ort, der von bösartigen Wesen aus einer anderen Welt bewohnt sei.
Ich habe diese Geschichten nie geglaubt, ob meine Freunde es getan hatten, weiß ich nicht. Mittlerweile bezweifle ich jedoch, dass die Zone wirklich nur das war, wofür man sie anfangs hielt und als was sie in den offiziellen Berichten bezeichnet wurde.
Einiges wäre mit Sicherheit völlig anders gekommen, wären wir nie hinein gegangen. Mein bester Freund wäre vielleicht noch am Leben.
Aber damals nahmen wir Chernobyl ja nicht als Katastrophe wahr.
Ist das nicht makaber? Da errichtet man wieder eine Siedlung als Heimat für die Arbeiter am Kraftwerk, aus demselben Grund aus dem man damals Pripyat gegründet hatte.
Die Geschichte wiederholt sich.
Und das Kraftwerk, genauer gesagt, Reaktorblock 4, fliegt zum wiederholten Male in die Luft.
Ja, ganz richtig, das Ding ging ein zweites Mal hoch.
Es ereignete sich im Herbst des Jahres 2008, und der offiziellen Version zufolge war die Ursache dafür die Schutzhülle, der sogenannte „Sarkophag", mit dem man kurz nach der ersten Explosion die verkohlten und hochkontaminierten Überreste des Reaktorblocks 4 verschlossen hatte, um eine noch fatalere Ausbreitung der Strahlung zu verhindern. Er war von den Sowjets konstruiert worden, um mindestens bis zum Jahre 2016 zu halten, machte es aber nur bis 2008.
Die Folgen davon waren für den Rest der Welt jedoch seltsam unerheblich und die Berichterstattungen beschränkten sich auf ein Minimum. Ein paar Tage lang erhöhte Strahlenwerte über Kiew und Teile Weißrusslands, jedoch für den menschlichen Organismus völlig unbedenklich, kein Vergleich zu der Situation von 1986 also. Die ukrainische Regierung war penibel darauf bedacht, ja keine heiklen Informationen an die Öffentlichkeit gelangen zu lassen, die womöglich Panik verursacht hätten. Der Pöbel wurde mal wieder in beruhigender Unwissenheit gelassen. Es gibt keinen Grund zur Panik, das Militär hat wie immer alles unter Kontrolle!
Für uns, die wir direkt neben der Zone lebten, sah das Ganze jedoch ein wenig anders aus. Zwar blieb auch die Siedlung von kritischen Strahlenwerten verschont, aber die Zone veränderte sich.
Niemand weiß, wie man es geschafft hatte, den zweiten nuklearen Fallout mit all seinen Folgen nur auf die Zone zu beschränken. Ihr Radius musste lediglich nochmal um 3 Kilometer erweitert werden und sie wurde stärker abgeriegelt als jemals zuvor. Dekontaminationsarbeiten sowie Routinearbeiten am und im Kraftwerk wurden von einen Tag auf den anderen eingestellt, oder aber sie wurden nur noch von ein paar eingeweihten Verschwörern im geheimen durchgeführt.
Ich weiß nicht, was ich glauben soll.
Die meisten Bewohner des Selyschtsche jedoch wurden arbeitslos. Diejenigen, die es sich leisten konnten, zogen weg, vorzugsweise in die Oblast Kiew oder nach Sewastopol.
Die Wohnpreise sanken erheblich, niemand wollte schließlich in einer Siedlung direkt neben einem zweimal explodierten Atomkraftwerk wohnen, um das sich nun eine Zone zog, von der niemand wusste, was genau sich darin ereignet hatte und was sich nun darin befand. Und da sie noch einmal erweitert wurde, reichte der elektrisch geladene Stacheldrahtzaun nun bis in den Hinterhof meiner Kommunalka.
Die sowieso schon trostlose Siedlung verkam noch mehr.
Ein paar arme Schlucker ohne Geld und Perspektive zogen noch her, angelockt von den spottbilligen Mietpreisen.
Ich hatte mir vorgenommen, nur noch ein bis zwei Jahre hier zu bleiben, dann wollten meine Freundin Nastya und ich zusammen in Kiew studieren. Wir würden uns eine gemeinsame Wohnung mit Blick auf eine der Kathedralen mit den Zwiebeltürmen suchen, die meine Freundin immer so wunderschön fand, jeden Tag mit der Metro in die Uni fahren und die Abende im Kino oder im Theater verbringen...
Doch dazu sollte es nicht kommen. Diese Vorstellung von meiner Zukunft gehört einem Leben aus der Vergangenheit an, ja sogar einer ganzen Epoche vergangener Zivilisation und Kultur.
Ich weiß nicht einmal, ob Kiew noch existiert, geschweige denn die Kathedralen mit den Zwiebeltürmen.
Chernobyl hätte eine Warnung an die Menschheit sein müssen, inklusive meiner selbst, welche Tragödien man mit Kernspaltung anrichten konnte, wenn die falschen Hände sich daran zu schaffen machten. Welch unwiderrufliche Zerstörungskraft sich in nuklearer Energie manifestieren konnte.
Ich bin mittlerweile überzeugt davon, dass die Zone uns warnen wollte. Wenn weder Hiroshima und Nagasaki, noch die erste Nuklearkatastrophe im Atomkraftwerk Chernobyl, die sich noch zu den ach so glorreichen Sowjetzeiten ereignete und die Zone als solche überhaupt erst entstehen ließ, genügte, um die Menschheit zu warnen, dann hätte es zumindest die Zweite tun müssen.
Jetzt ist es zu spät.
Wir sind nicht mehr die Herrscher der Welt.
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