Neue Chancen

von Duathiel
GeschichteAbenteuer, Fantasy / P12
Carlos Evie Harry Hook Jay Mal Uma
30.06.2019
26.03.2020
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Harry war noch nie einer Limousine gesessen.
Auf einem Schiff, ja. Aber das war auch schon das einzige Transportmittel, dass er jemals betreten hatte.
Den anderen schien es ganz genauso zu gehen. Das war an ihren großen Augen und ihren verwunderten Blicken abzulesen.
Gil neben ihm sah aus wie ein Kind vor dem Weihnachtsbaum. In seiner rechten Hand befand sich eine Handvoll Lakritzstangen, in der rechten ein Schokoriegel und aus seinem Mund hing eine Weingummischlange. Hinter einem der Vordersitze war ein ganzes Regal voll mit Süßigkeiten, die eine einzige Person alleine niemals essen konnte – Gil schien es aber zumindest versuchen zu wollen.
Max hatte ein Glas in der Hand und betrachtete es von allen Seiten, als hätte sie noch nie sauberes Geschirr gesehen. (So, wie die meisten von ihnen aufgewachsen waren, wäre dies auch gar nicht unwahrscheinlich.)
Und die kleine Göre Dizzy hampelte auf ihrem Sitz auf und ab wie ein Gummiball und hatte ein dummes, breites Grinsen aufgesetzt.
Und Harry fragte sich zum wiederholten Male auf was zum Schiffsbug er sich da nur eingelassen hatte.
Doch er hatte sich überzeugen lassen. Von Gil, der ihn beinahe angebettelt hatte, mit ihm zu kommen. Harry hatte seine Schriftrolle nicht einmal annehmen wollen. Kurz nach der Verkündung seines Namens war er ohne ein weiteres Wort abgerauscht, sein Kopf dröhnte vor zu vielen Gedanken.
Doch Gil war ihm nachgelaufen, mit seiner eigenen Schriftrolle und der des ersten Maats.
Und letzten Endes war ein Satz von ihm das ausschlaggebende Argument gewesen:
„Vielleicht treffen wir Uma ja in Auradon? Oder wir erfahren, wohin sie verschwunden ist?“

Harrys zweites Laster, neben seiner Sentimentalität, war wohl seine Sturheit.
Er würde Uma bis ans Ende der Welt und wieder zurückfolgen. Und wenn es eine Chance gab, sie zu finden oder zu erfahren, was mit ihr passiert war, dann war es die hier. Selbst, wenn er diesen ganzen Zirkus mitmachen musste.
Also packte er seine wenigen Habseligkeiten und saß kurz darauf auf den weichen Ledersitzen der Auradon Limousine, die ihn weg von der Insel der Verlorenen bringen würde.
Harry Hook konnte sich kaum noch an ein Leben abseits von der Insel erinnern. Und das, obwohl er alt genug gewesen wäre, als er ins Waisenhaus kam. Er hatte es schlichtweg verdrängt. Und selbst wenn er sich erinnern könnte… er war niemals in Nimmerland gewesen. Alles, was er gesehen hatte, waren die Kajüten und das Deck der Jolly Roger gewesen.
Ansonsten war die Insel sein Lebensmittelpunkt geworden. Er kannte jedes vergilbte Schild, jedes verrostete Tor, jede schäbige Kaimauer.
Ihm war klar geworden, dass er wahrscheinlich der einzige Bewohner der Insel war, der sich nicht wünschte, nach Auradon zu gehen und die Slums zu verlassen.

„Wow! Der Wahnsinn!“, quietschte ein helle Stimme in dem Moment und Dizzy klebte bereits mit der Nase an der Scheibe des Fensters auf ihrer Wagenseite. Durch das danebenliegende Fenster konnte Harry sehen, wieso sie so aufgeregt war.
Soeben passierten sie die Barriere der Insel und rasten, begleitet von einem Zauber, auf der magischen Brücke dahin. Harry versuchte, den Blick abzuwenden und Desinteresse zu zeigen, doch die schimmernden, goldenen Schleier vor dem Fenster und die Weite des Ozeans beeindruckten selbst ihn.
Binnen kürzester Zeit hatten sie bereits das Festland erreicht. Harry war nie klar gewesen, wie nah Auradon eigentlich war. Von der Insel aus hatte es immer so weit weg ausgesehen.
Nur wenige Minuten Fahrt durch einen dichten Wald später rollte der Wagen bereits durch ein großes, goldenes Eingangstor aufs Gelände der Schule, welche von einem großen Schild vorgestellt wurde: Auradon Prep School.
Gil hatte inzwischen die Hälfte der Snacks verputzt und selbst Max fummelte aufgeregt an ihrem Rock herum.
„Harry?“, flüsterte sie heiser und der Sohn von Hook sah kurz hoch zur Tochter von Ratcliffe, die ihm gegenüber saß. „Denkst du, dass Uma hier sein wird?“, fragte sie und Harry wurde bei dem angstvollen Ton in ihrer Stimme wütend. Es klang, als würde sie beinahe hoffen, dass dies nicht der Fall war.
Doch kurz bevor Harry seiner Wut Luft machen konnte, hielt der Wagen schon an und Dizzy stieß die Tür auf, um nach draußen zu springen. Auch die anderen Türen wurden geöffnet und lieferten Aussicht auf gewaltige, bepflanzte Blumenbeete und die Fassaden des Schlosses.
Augenscheinlich hatten sich einige der Schulgemeinschaft bereits versammelt, um die Neuankömmlinge zu begrüßen.
Harry war der Letzte, der die Limousine verließ und sah sich mit einer Mischung aus Neugierde und Misstrauen um. Auf der Insel der Verlorenen gab es kein grünes Gras. Und auch keine Blumen. Selbst das Wetter in Auradon war besser.
Ein tiefes Gefühl des Neids und er Wut überkam ihn angesichts der Ungerechtigkeit.
Jahrelang hatten sie im Dreck gehaust und ums Überleben gekämpft, während die Menschen in Auradon im Überfluss lebten.
Doch von seinen Gedanken wurde er ebensoschnell wieder abgebracht, als eine rundliche Frau in hellblauem Kleid vor sie trat und erstmal begann, sie mit trällernder Stimme Willkommen zu heißen. Intuitiv wusste Harry, dass es sich um die Gute Fee handeln musste. Es sah allerdings nicht so aus, als hätte sie ihren Zauberstab bei sich.
Schade.
„… grandiose Chance bekommen… bla bla … unsere wunderschöne Schule … bla bla… bestes Benehmen … bibedi babedi…“
Augenrollend und mit einem genervten Grinsen wandte Harry sich ab.
Um sie herum hatte sich eine kleine Traube aus neugierigen Schülern gebildet, die die Neuankömmlinge musterten, aber schnell vom Sicherheits- und Lehrpersonal verscheucht wurden. Ausnahmsweise war Harry darüber ganz glücklich.
Sich anstarren zu lassen wie ein Tier im Zoo zählte nicht den Dingen, auf die er sich hier freute.
Ganz unbewusst suchte er allerdings mit seinen Augen die umherstehenden Personen nach den bekannten, türkisblauen Rastazöpfen ab, die jedoch nirgendwo zu sehen waren. Es hätte ihn auch gewundert, Uma zwischen all den wohlerzogenen Schülerinnen umherspazieren zu sehen.
In dem Moment drehte sich die Gute Fee um und breitete die Arme aus. „Bitte folgt mir hinein in die Aula des Schlosses auf einen kurzen Rundgang!“, trällerte sie lauthals.
Die Einzige, die sofort fröhlich umhersprang, war Dizzy, während sowohl Max, als auch Gil und Harry misstrauisch stehenblieben. Unbewusst hatten sie sich zu einer kleinen Traube zusammengerottet, um sich vor der ungewohnten Auradon-Umgebung abschirmen zu können. Nicht zuletzt damit signalisierten sie, dass sie hier eigentlich nicht hergehörten.
Harry wurde es allerdings bald zu bunt und er streckte seine Hakenhand nach vorne, um den ersten Schritt zu machen, als plötzlich einer der Sicherheitsleute direkt vor ihm stand und die Arme verschränkte.
„Harry Hook?“, fragte er mit humorloser Miene und Harry legte nachdenklich den Kopf schief, bevor er sich grinsend zu Gil umdrehte und seinen Haken auf Augenhöhe hob. „Was hat mich verraten?“, witzelte er schelmisch, als zwei weitere Sicherheitsleute auf ihn zukamen.
„Bitte folgen sie uns.“
Harrys schiefes Grinsen blieb, jedoch zeigten seine grauen Augen nun nicht mehr die Spur von Spaß.
„Gute Fee? Wir haben den Befehl, Harry Hook mitzunehmen.“, informierte einer der Sicherheitsleute die pummelige Frau, welche irritiert nickte.
„Das könnt ihr nicht machen? Was wird ihm vorgeworfen?“, zischte Max zu Harrys Überraschung und stellte sich an seine Seite. Trotz aller Lumpen war Maxime immer noch eine Gouverneurstochter und strahlte diese Autorität auch aus.
Die Sicherheitsleute beachteten das Mädchen mit den zerzausten Haaren jedoch nicht.
Gil stand wie an ihn geheftet hinter Harrys Schulter und verschränkte die Arme. „Wenn ihr Harry mitnehmt, müsst ihr mich auch mitnehmen.“, meinte er standhaft.
„Der königliche Befehl gilt nur für Harry Hook.“
„Das ist nicht fair! Ihr…“
Doch Harry stoppte Max‘ Redefluss und hob seinen rechten Arm, bevor er sich schwungvoll zu seinen Kameraden umdrehte und seinen Piratenhut vom Haupt nahm, um sich komödiantisch zu verbeugen. „Ihr bleibt hier. Wir sehen uns später.“, meinte er mit ruhiger Stimme und signalisierte Gil mit ernstem Blick, dass dies ein Befehl war.
Wenn diese Clowns ihn von seinen Kameraden trennen wollte, würde er diesem Befehl schon nachgekommen. Sie würden schon sehen, was sie davon hatten.
Als begleitete er die drei Sicherheitsleute auf dem Kiesweg, die ihn geradewegs zur Treppe und von dort aus ins Schlossinnere brachten.
„Darf ich auch erfahren, wo ich hingebracht werde? Oder konntet ihr euch diesen Teil des Befehls nicht merken?“, fragte er scherzhaft, erntete jedoch keine Reaktion.
Also zuckte er bloß mit den Schultern und folgte den Anzugträgern bis zu einer großen, hölzernen Tür am Ende eines langen Korridors. Misstrauisch musterte Harry sie, bevor einer der Sicherheitsleute sich ihm zuwandte.
„Waffen sind hier nicht erlaubt.“, meinte er und deutete auf den Säbel, der in der Scheide an Harrys Gürtel steckte. Harry senkte den Blick auf seine Waffe und schüttelte grinsend den Kopf.
„Ich soll meinen Säbel abgeben?“
„Und den Haken. Den Haken auch.“
Verbissen knirschte der Sohn von Hook mit den Zähnen. „Zuerst will ich wissen, ob ich ihn danach wiederbekomme.“
„Der Haken ist eine gefährliche Waffe. Keine Ausnahmen!“
Harry warf einen kurzen Blick auf den Metallhaken an seiner Hand, bevor er seine Hand aus dem Griff zog und seinen Säbel vom Ledergürtel löste. Ohne Waffen fühlte er sich gänzlich schutzlos und irgendwie nackt und die Idee, hierher, nach Auradon zu kommen, fühlte sich noch viel falscher an als noch zuvor.
Zum Glück hatte er noch seinen Dolch, den er im Schaft seines Stiefels versteckt hatte.
Als er die Waffen einem der Typen in die Arme gedrückt hatte, breitete er fragend die Arme aus. „Was noch? Muss ich mich bis aufs Unterhemd ausziehen etwa auch noch?“
„Das wird nicht nötig sein.“, antwortete der Mann vor ihm und öffnete die Tür mit einem Schwung nach innen, um Harry zu signalisieren, einzutreten.
Misstrauisch durchschritt Harry die Schwelle und sah sich um. Vor sich sah er einen großen Eichenschreibtisch vor einem blank-geputzten Fenster und daneben zwei große Auradon-Fahnen.
Vor dem Schreibtisch standen zwei Sessel auf einem teuer aussehenden Teppich.
Er stand mitten in einem Büro.
Kurz darauf schloss sich die Tür hinter ihm mit einem lauten Knall und Harry fuhr herum, um eine Hand an den Türknauf zu legen. Nach kurzem Drehen und Ziehen wurde ihm klar, dass er hier eingeschlossen war.
Großartig. Ganz fantastisch.
Genervt schlenderte Harry zurück auf den weichen Teppich, der seine Schritte dämpfte und überlegte ernsthaft, den Schmutz seiner Stiefel im ganzen Büro zu verteilen.
Misstrauisch musterte er die unzähligen Bilder, Wimpel, Urkunden und Landkarten, die an den Wänden hingen. Mehrere Auszeichnungen waren zu erkennen. Und ein gigantisches Porträt der königlichen Familie, dem Biest, seiner Frau und Ben.
„Harry.“
Die Stimme hinter ihm brachte Harry dazu, seine Rückenmuskulatur unbewusst anzuspannen, und dennoch schaffte er es, sich in einer schwungvollen Bewegung umzudrehen und dem Besitzer der Stimme gegenüberstehen, der durch die Nebentür in den Raum getreten war.
Es war Ben.

~ Bens POV ~
Ben hätte bis vor einigen Tagen niemals gedacht, den Sohn von James Hook jemals in seinem Büro stehen zu sehen. Bis vor wenigen Tagen hatte er Harry noch nicht einmal gekannt.
Aber dann war Ben auf der Insel der Verlorenen gewesen und hatte die Menschen dort gesehen. Er hatte Uma, die Tochter der Meerhexe Ursula, und die Söhne von Gaston und Captain Hook kennengelernt und hatte ihre Verbitterung, ihren Neid und ihre Wut auf ihn und seine Eltern mitbekommen.
Und auch, wenn Uma ihn als Druckmittel missbraucht und Harry ihn entführt hatte, hatte Ben Mitleid für sie empfunden – und Wut auf sich selbst. Denn seit er die ersten vier Nachkommen von der Insel geholt und Mal kennengelernt hatte, hatte er sein Vorhaben vernachlässigt. Und das hatten ihn Uma und ihre Crew spüren lassen.
Doch zumindest hatte er jetzt die Gelegenheit, seine Fehler wieder gut zu machen.
Harry selbst schien ihn bereits an seiner Stimme erkannt zu haben, denn er drehte sich schwungvoll um, die Arme ausgebreitet, in einer Hand seinen Hut und sein schiefes Grinsen ließ es nicht zu, seine wahren Emotionen zu erkennen. „Ah, der Biest-Junge, was für eine Ehre…“
„Bitte setz dich.“, meinte Ben steif und trat an seinen Schreibtisch. Zu seiner Überraschung tat Harry wie ihm geheißen und ließ sich auf den Stuhl vor dem Schreibtisch fallen, nur um sich kurz darauf entspannt zurückzulehnen und seine Stiefel lässig auf der Kante des Schreibtisches abzulegen.
Seufzend ignorierte Ben die provokante Geste und ließ ihn gewähren.
„Ich wollte zuerst persönlich mit dir reden. Du sollst wissen, dass ich es war, der meine Eltern überredet hat, vier weitere Jugendliche nach Auradon zu holen. Darunter Gil und dich.“
„Oh, was für eine Ehre, dass du an uns niederes Volk denkst.“, spottete Harry mit geneigtem Kopf.
Ben atmete tief durch. „Das ist es nicht. Ich wollte meine Fehler wiedergutmachen… und mein Versprechen euch gegenüber halten. Ich hab es Uma angeboten und dir indirekt auch… ihr sollt die Chance haben, in Auradon zu leben.“
Harrys helle Augen blitzten gefährlich und er schürzte nachdenklich die Lippen. „Hm… soweit ich weiß, hat Uma dieses Angebot damals abgelehnt, oder etwa nicht?“
Ben räusperte sich und ließ sich auf dem Stuhl nieder, die Ellenbogen auf den Tisch gestützt. Harry hatte Recht. Uma hatte auf sein Angebot verzichtet. Allerdings hatte sie zu diesem Zeitpunkt gedacht, bald den Zauberstab der Guten Fee in den Händen zu halten und Bens guten Willen nicht zu brauchen.
„Nun, das gilt für Uma, aber nicht für dich…“
„Umas Entscheidungen betreffen mich genauso. Sie ist mein Käpt’n.“, unterbrach Harry ihn unwirsch und senkte den Blick, seine Augen glühten wie die eines Pumas.
Ben atmete tief durch, unter Harrys Blick fühlte er sich plötzlich gar nicht mehr wie ein König. Er fühlte sich wieder wie der unerfahrene Junge aus Auradon, der auf die Insel gestolpert und sogleich von Piraten entführt worden.
„Du willst wissen, was mit Uma passiert ist, nicht wahr?“
„Darauf kannst du wetten.“
„Harry… Uma stahl Mals Zauberbuch und folgte uns nach Auradon. Dann hat sie es geschafft, mir einen Liebestrank unterzujubeln und wollte mich dann dazu bringen, die Barriere auf der Insel zu zerstören. Aber Mal hat es geschafft, den Zauber zu brechen. Daraufhin kam es zum Kampf, an dessen Ende Uma… spurlos verschwunden ist. Sie ist nicht mehr in Auradon. Und auf der Insel ist sie auch nicht.“
Fast schon erwartete Ben einen Wutausbruch von Harry. Einen Schwall von Flüchen, vielleicht einen Angriff. Mit was er nicht rechnete, war ein schiefes Grinsen und ein Kopfschütteln.
„Und das soll ich dir glauben, Beast Boy? Dass Uma verloren hat und entkommen ist und nicht auf die Insel zurückgekehrt ist?“
„Es ist die Wahrheit“, beteuerte Ben und schüttelte ungläubig den Kopf.
Harrys Haltung war ruhig und lauernd. Sie beunruhigte Ben, denn sie war nicht das, was er erwartet hatte. Er kannte Harry Hook nicht besonders gut, aber was er bisher von ihm wusste war, dass er unberechenbar und sprunghaft war. Und das, was er erwartet hatte, war ein Ausbruch, wie der eines Vulkans, nicht diese unter der Oberfläche brodelnde, unterdrückte Wut.
„Ich hege keinerlei Groll gegen Uma, sollst du wissen. Immerhin… hat Mal damals dasselbe versucht, als sie hier ankam…“
Interessiert hob Harry beide Augenbrauen, antwortete jedoch nicht.
„Nicht so wichtig… jedenfalls, hab ich noch keine Strafe gegen Uma ausgesprochen. Und das soll auch so bleiben. Ich hab ganz bewusst Gil und dich aus ihrer Crew ausgewählt, um nach Auradon zu kommen. Ihr habt eine Chance hier verdient. Und wenn ihr euch an unsere Regeln haltet und niemandem schadet,…“
„… und wir vor dir und dem Königspaar buckeln und artig ‚Bitte‘ und ‚Danke‘ sagen?“, stieß Harry abfällig hervor, der Mund zu einem spöttischen Grinsen verzogen, bevor er die Stiefel vom Tisch nahm und sich langsam vorbeugte.
„Benny-Boy, hör gut zu… ich mag es nämlich nicht, wenn ich mich wiederholen muss. Wir haben nicht gebeten, hierher kommen zu dürfen. Also sind wir dir gegenüber zu gar nichts verpflichtet. Und die Einzige, von der ich Befehle entgegennehme, ist mein Käpt’n, von dem du gerade behauptet hast, dass du sie zum Teufel geschickt hast.“
„Ich habe Uma nirgendwohin geschickt, Harry.“
„Stimmt, dafür hättest du zu wenig Schneid. Dann eben dieser lilahaarige Drache Mal.“ Harry legte nachdenklich einen Finger ans Kinn.
Ben spürte, wie er langsam wütend wurde… Wie sich ihm die Nackenhaare aufstellten und sich seine Hände am Schreibtisch zu Fäusten ballte. Doch er bemühte sich, ruhig zu bleiben und setzte ein diplomatisches Gesicht auf.
„Mal hat nur getan, was sie tun musste, weil Uma uns angegriffen hat. Und woher weißt du überhaupt, was auf der Yacht passiert ist?“
Harry hob spöttisch eine Augenbraue. „Selbst wir, die ‚Degenerierten‘ auf der Insel der Verlorenen, haben Kabelfernsehen, Benny Boy. Und ich hab gesehen, was passiert ist. Wir alle haben das. Und genau deshalb weißt du auch, weswegen wir nach unseren eigenen Regeln spielen und nicht vor dir und Auradon vor die Knie fallen werden.“
„Ich erwarte auch keinen Kniefall von euch!“
Ben hörte und spürte wie das Blut in ihm wallte und hatte sich ohne es zu Bemerken vom Schreibtisch erhoben und leicht in Harrys Richtung gelehnt hatte. Dieser war jedoch unbeeindruckt stehengeblieben, auf seinem Gesicht immer noch das spöttische Grinsen, das ihn auszeichnete. Es schien ihm zu gefallen, dass er ihn so provoziert hatte. Und Ben rief sich zur Ruhe und versuchte sich und sein Kreuz wieder zu entspannen.
„Ich… hoffe einfach nur, dass wir all diesen Hass zwischen uns irgendwann hinter uns lassen können.“, seufzte Ben und räusperte sich.
Harry musterte ihn bloß mit kajalumrandeten Augen und schwieg, bevor er die Schultern spöttisch kreisen ließ. „Mein Vater sagte immer, Hoffnung ist was für naive Dummköpfe.“, murmelte Harry mit einem gehässigen Lächeln auf den Lippen. „Aber was weiß der schon. Er verbrachte ja auch nur Jahrzehnte im Nimmerland und danach auf der Insel der Verlorenen, ohne das zu bekommen, was er wollte.“
Ben senkte enttäuscht den Blick, als Harry bereits vom Stuhl aufstand. „Wir sind hier dann fertig, oder nicht, Biestjunge? Mir wird allmählich langweilig.“
„Eins noch.“ Ben erhob sich ebenso und sah Harry unverwandt in die Augen. „Mein Vater dachte sich früher dasselbe. Er hatte die Hoffnung auch schon aufgegeben, seinen Fluch jemals loszuwerden. Er hasste sich selbst und stieß jeden, der ihm helfen wollte von sich. Und dann traf er meine Mutter. Du wirst sehen, dass man die Hoffnung nicht so schnell aufgeben sollte. Es kann für jeden ein Happy End geben, Harry.“
„Vergisst du da nicht was?“, entgegnete Harry, der sich bereits auf dem Weg zur Tür gemacht hatte. „Einen Typen, groß, arrogant, ziemlich dicker Hals. Hatte sich in deine Mutter verknallt. Er wollte sie aus den Fängen deines Vaters retten, der wortwörtlich ein Biest war. Dein Vater hat ihn auf die Insel der Verlorenen geschickt, um ihn dort verrotten zu lassen.“
Überrascht klappte Ben den Mund auf, als Harry bereits grinsend den Kopf schüttelte. „Am Ende gibt’s immer jemanden der für euer Happy End bezahlen muss, Benny Boy. Und komischerweise sind das immer wir. Oder frag doch Uma, wenn du sie siehst.“
Und mit diesen Worten wandte sich Hooks Sohn ab und verließ den Raum.
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