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Nachrichten aus der arabischen Welt

DrabbleHumor, Parodie / P6
OC (Own Character)
30.06.2019
19.09.2020
7
7.881
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Dieses Kapitel
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08.04.2020 1.119
 
Es war wieder ein normaler Tag bei der arabischen Liga, und da sie heute anders als bei ihrem letzten Treffen Anfang des Jahres nicht befürchten mussten, zum Schlachtfeld eines iranisch-amerikanischen Krieges zu werden (siehe Kapitel 3), waren wieder nur die üblichen Verdächtigen da.
Man könnte meinen, der Kampf gegen das sich weltweit ausbreitende Virus SARS-CoV-2 ginge alle Länder etwas an, aber das hieß nicht, dass alle Länder etwas zu seiner gemeinsamen Bekämpfung beitrugen. Saudi-Arabien hatte die jährliche Pilgerreise abgesagt und stritt sich mit Russland über Öl. Syrien (ja, das Bürgerkriegsland) tat so, als wäre bei ihr alles in Ordnung, und hatte tatsächlich so gut wie keine gemeldeten Infektionen, aber sie hatte auch keinerlei Tests zur Verfügung. Die libanesischen Politiker kriegten mal wieder nichts auf die Reihe, aber anders als in beispielsweise Ägypten gab es in diesem Land Meinungsfreiheit, und zuletzt hatte dort eine arabische Übersetzung des Twitter-Hashtags „StayTheFuckHome“ getrendet.
Alles in allem hatte auch der Mittlere Osten gerade geschlossen. Auch in Bezug auf die sonst eher unorganisierte Kooperation zwischen seinen Ländern. Man konnte es den Nationen daher nicht vorwerfen, dass sie sich eher global nach neuen Verbündeten umsahen.

„Deutschland hilft mir mit dem Virus“, erklärte Jordanien stolz.
„Echt? Ich muss ihn unbedingt dazu bringen, dass er mich mal wieder besuchen kommt“, sagte Tunesien. Deutschland war im arabischen Raum generell recht beliebt. Immer wieder ging das mitteleuropäische Land Entwicklungspartnerschaften oder Handelsverträge mit den Staaten ein. In Tunesien war es besonders beliebt. Kein Wunder, schließlich hing ein Drittel der Wirtschaft des Landes an deutschen Touristen.
„Also was bilaterales?“, erkundigte sich Marokko.
„Ach nein“, sagte Jordanien. „Ich dachte eher an eine multilaterale Allianz. Ich meine, man kann ja auch unilateral unterwegs sein wie Iran es meistens ist, aber…na ja, zusammen ist es doch einfacher.“

Die diplomatische Sprache kann manchmal etwas verwirrend sein. Daher sei an dieser Stelle ein kurzer Exkurs in die Bedeutung der Fachtermini gegeben:
„Multilateral“: Ein Haufen verschiedener Nationen treffen sich zusammen, meist in einem institutionellen Rahmen, um gemeinsame Entscheidungen zu treffen. Beispiele sind die UN-Abstimmung zur Gründung eines palästinensischen Staates (Keine Entscheidung, da Amerika sein Veto einlegte), die UN-Abstimmung zum Bürgerkrieg in Syrien (Keine Entscheidung, da Russland sein Veto einlegte) und die UN-Abstimmung zu Venezuela (Keine Entscheidung, weil China…ach, ihr könnt es euch denken).“
„Bilateral“: Zwei Staaten einigen sich auf eine gemeinsame Politik. Meist als Resultat, weil in multilateralen Rahmen keine Entscheidung getroffen wurde. Beispiele sind die deutsch-französische Freundschaft, die es erlaubt, auch dann Dinge zu tun, wenn die EU als ganze mal wieder uneinig ist, die britisch-amerikanische Freundschaft, die es erlaubt, Dinge zu tun, wenn die NATO als ganze mal wieder uneinig ist, und auch der israelisch-ägyptische Friedensvertrag von 1977, in dem Ägypten mit Israel Frieden geschlossen hat, weil sich von der arabischen Liga kein anderer getraut hat, das Ende des Krieges offen zu verkünden.
„Unilateral“: Die USA, Russland oder irgendein anderer Staat probiert sich mal wieder an nationalen Alleingängen. Die Ergebnisse sind wechselhaft. Beispiele von ihren Regierungen als Erfolge verkaufter unilateraler Politik sind aus den USA der Irakkrieg, aus Russland die Krim-Annexion und der Bürgerkrieg in der Ukraine, aus Saudi-Arabien das einzigartige und sehr berühmte Frauenfahrverbot und außerdem quasi alles, was der Iran seit 1979 gemacht hat. Nein, eigentlich fallen mir echt keine erfolgreichen Beispiele unilateraler Politik ein. Zurück zu der Diskussion der arabischen Staaten.

„Also haben du und Deutschland schon weitere Mitglieder für die Allianz gegen das Virus gefunden?“, erkundigte sich der Libanon.
„Ja,  es ist ein globales Bündnis“, jubelte Jordanien.
„Oh, toll“, sagte der Libanon. „Wer ist noch dabei? Die USA? China? Japan? Indien? Südafrika? Brasilien?“
„Ecuador, Äthiopien und Singapur.“ Jordanien strahlte über das ganze Gesicht. Die anderen Länder sahen sich leicht skeptisch an.
Der Libanon flüsterte Tunesien zu: „Wo liegt nochmal Ecuador?“
„Ich glaube, Südamerika, aber ganz sicher bin ich mir nicht“, antwortete Tunesien.
„Ist Singapur echt ein eigenes Land? Ich dachte, das sei eine Stadt in China?“, erkundigte sich Marokko. „Und war Äthiopien  nicht dieses arme Land in Zentralafrika?“
„Nein, Ostafrika. Ich habe ihn kurz getroffen, als ich auf der Weihnachtsfeier vom Sudan war, sie sind Nachbarn“, bemerkte der Libanon.
„Was gibt’s da zu tuscheln?“, fragte Jordanien. „Habt ihr auch Ideen, wie man gegen das Virus vorgehen kann? Dann zeigt mal her.“
„Au ja“, sagte Tunesien. „Ich habe da eine, die muss ich Deutschland unbedingt zeigen.“ Das kleine arabische Land holte eine Fernbedienung heraus und drückte einen Knopf.
Daraufhin fuhr hinter einem Vorrang ein kleiner Roboter hervor. Ein schwarzes, etwa hüfthohes Gefährt mit einer hochaufragenden Kamera und einer roten Blinkleuchte.
„Willst du mich veralbern…“, murmelte Marokko. Das Ding sah aus wie ein Spielzeugauto.
Jordanien und der Libanon sahen sich an und rollten die Augen. „Ist das dein Ernst?“
„Ja, ist das nicht toll? Der überwacht die Ausgangssperre.“ Tunesien sah die konsternierten Länder an. „Was? Dachtet ihr, Sicherheitsroboter müssten immer Tötungsmaschinen sein? Ein bisschen kreativer dürfen meine Uniabsolventinnen schon sein, oder?“
„Sind das eigentlich echt nur Frauen, die dieses Teil erfunden haben?“, erkundigte sich Marokko.
„Weiß ich gar nicht. Aber zuletzt waren es nicht so viele Männer.“

Hintergründe:
1. Internationale Politik, immer wieder ein lustiges Thema. Speziell, wenn es um die Resolutionen des UN-Sicherheitsrats geht. Es ist tatsächlich nicht selten, dass dieselbe Resolution mehrmals vorgelegt und mehrmals von derselben Vetomacht abgelehnt wird. Die Liste der immer wieder kehrenden UN-Themen führt übrigens definitiv Palästina an.

2. Jap, die Allianz Jordaniens, Singapurs, Deutschlands, Äthiopiens und Ecuadors gibt es wirklich. Ich weiß noch, wie ich geguckt habe, als ich die Teilnehmerliste das erste Mal gesehen habe. Ich schreibe aus gutem Grund über die arabische Welt, ich habe nämlich sowas von keine Ahnung, was Ecuador gerade macht. Scheinbar war Ziel der Allianz eher so, aus jeder Weltregion ein Land zusammenzukriegen. Oh, und Singapur (von mir früher gerne mit Shanghai verwechselt) ist ein Land. Ein Stadtstaat, zwischen Malaysia und Indonesien in Südostasien.

2. Auch die tunesischen Roboter sind nicht meine Erfindung. So sehen sie aus:
https://www.youtube.com/watch?v=WrPRX3lwHpE

Ich bin mir nicht sicher, ob deren Erfinder männlich oder weiblich waren. Tunesien ist allerdings weltweit zusammen mit dem Nachbarstaat Algerien auffällig, weil diese Länder extrem viele Frauen unter den Studenten haben – oder, je nach Perspektive, einfach sehr wenig Männer. Nach meinem Stand waren es in Tunesien vor ein paar Jahren 40% der Frauen im üblichen Alter, die studiert haben, aber nur 23% der Männer. Selbst für die arabische Welt, in der der Frauenanteil an den Universitäten im internationalen Vergleich im Durchschnitt sehr hoch ist, ist das auffällig. Oh, und ob wirklich ein Drittel des Landes wirtschaftlich am deutschen Tourismus hängt, weiß ich nicht, aber der Tourismus ist ein wichtiger Sektor und die Deutschen eine wichtige Besuchergruppe.
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