Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Nachrichten aus der arabischen Welt

DrabbleHumor, Parodie / P6
OC (Own Character)
30.06.2019
19.09.2020
7
7.881
2
Alle Kapitel
7 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
26.03.2020 906
 
Es heißt immer, Israel sei kein arabisches Land. Aber ein arabisches Land zu sein, das ist nichts, was man sich aussucht. Man ist es, oder man ist es nicht. Oder man ist es, soweit man es ist, und man ist es nicht, soweit man es nicht ist. Auch Israel ist ein eindeutiger Fall: Die Mehrzahl der Bewohner ist tatsächlich arabischer Herkunft, wie auch beispielsweise der Irak hat das Land aber zugleich eine große nichtarabische Minderheit. Und wie viele andere Länder war es gerade mit dem neuen Coronavirus beschäftigt.
„Hey!“ Es war immer dasselbe mit dem Nahostkonflikt. Immer, wenn ein arabisches Land bei Israel vorbeischaute oder umgekehrt, bekamen erst mal beide einen Schreck. Sie lebten in derselben Weltregion. Natürlich liefen sie sich andauernd über den Weg, ob sie wollten oder nicht. Es war kaum zu vermeiden. Noch weniger, wenn man auch noch die gleichen Orte – vor allem Jerusalem – als heilig erachtete.
„Also wirklich?“, fragte der Libanon. „Du hast die Grabeskirche geschlossen?“
„Ja. Bitte wirf mir nicht wieder vor, gegen andere Religionen zu diskriminieren. Ich habe schon genug anderes zu tun“, sagte Israel. Das sonst stolze High-tech-Land hatte gerade unerwartete Schwierigkeiten, die notwendigen Installationen zur Vorbereitung der Videokonferenz durchzuführen. Immerhin, die Rabbis hatten die Erlaubnis gegeben, Seder per Video abzuhalten. Die Mahlzeit war Teil des Pessach-Fests, und das hieß – genau – dass man sich dafür normalerweise in Person traf.
Das ging jetzt nicht mehr. Die Religionen waren in ihren Abläufen ebenso vom Virus betroffen wie die Schulen und die Arbeitsstellen. Sie waren eben nicht nur etwas zwischen einer Person und Gott, sondern vor allem auch zwischen den Menschen gelebt. Das bekamen die Staaten nun zu spüren. Die traditionellen jüdischen Gebete, die vorsahen, dass sich mindestens zehn Leute versammelten, waren gerade noch legal, nachdem Israel Treffen von mehr als 10 Menschen wegen Infektionsgefahr verboten hatte.
Ähnlich war es in den Nachbarländern, und zum ersten Mal in ihrer Geschichte hatte Israel das Gefühl, dass ihre gegenseitige Abneigung nicht der Grund war, warum der Libanon so schnell wieder verschwunden war.
Für Israel und Palästina, die beide selbst in „normalen“ Zeiten in alles anderen als normalen Situationen waren, stellte dieses Virus eine besonders drastische Gefahr dar.
Nicht nur lebten ihre Bürger untereinander wie die aller anderen Länder auch, sondern Israelis und Palästinenser lebten auch nebeneinander, eine selten in ihrem vollen Ausmaß anerkannte, aber sich bei solchen Krisen immer zuverlässig  ins Gedächtnis rufende Tatsache.
Die palästinensischen Arbeiter, die sonst jeden Abend zu ihren Familien zurückkehrten, blieben vorläufig in Israel. Der palästinensische Arzt aus Hebron hatte sich in einem israelischen Krankenhaus in Jerusalem angesteckt. Mehr noch: Städte wie Jerusalem und Betlehem lebten mit der ganzen Welt zusammen, jedes Jahr wurden sie von Millionen von Menschen aus der ganzen Welt besucht.
Und dann war da der Konflikt. Es war seit langen eine Angst vieler Muslime gewesen, dass Israel, für das der Ort als Tempelberg ebenfalls heilig war, planen könnte, Muslime von dort zu verbannen und die Moschee zu zerstören. Daher waren Aktivitäten des Staates dort immer wieder Anlass zu Konflikten gewesen.
Nun war Al-Aqsa geschlossen. Keine Betenden mehr, keine Proteste, keine Abrisspläne, keine Besucher. Die zuständige islamische Waqf-Behörde hatte in Kooperation mit dem israelischen Staat die Moschee und den Felsendom abgeriegelt. Und jetzt hatte auch die Grabeskirche geschlossen.
„Haben wir die nicht alle?“, fragte Palästina. Nicht nur in ihrem Gebiet hatten die Muezzine ihre Ankündigungen der täglichen Gebete geändert. Noch vor wenigen Wochen hatten sie gerufen: „Kommt zur Moschee, kommt zum Gebet.“ Inzwischen sprachen sie: „Bleibt zuhause und verrichtet euer Gebet dort.“
Die Straßen von Betlehem, sonst vor Ostern von Touristen wimmelnd, waren still und verlassen. Die Cafés hatten geschlossen und die Souvenirläden, die Kinos und die Universitäten. Die Führungen durch die alten Städte waren aus dem Straßenbild verschwunden, und die meisten Pendler auf dem Weg zur Arbeit. Die Fluglinien wie El Al, Qatar Airlines und Emirates flogen kaum noch. Sogar um die Kabaa in Mekka, einem Ort, an dem sonst eine solche Enge herrschte, dass man den Boden nicht sah, auf dem sich die Pilger bewegten, war nun die Stadt wie ausgestorben. Der Mittlere Osten schien einzuschlafen. Als würde sich die kriegszerrüttete Region endlich zur Ruhe begeben.
„Du wolltest, dass ich komme?“, fragte Palästina.
„Ja. Ich habe noch ein paar Masken besorgt und…“
„Du möchtest, dass ich erst mal hier bleibe.“
Sie gestanden es sich nicht gerne ein, aber sie kannten sich. „Ich arbeite schon an einem Impfstoff…aber bis dahin wäre es besser, wenn wir uns koordinieren können.“
Nein, schön war das alles nicht. Aber Israel und Palästina konnten sich auch beide nicht vorstellen, dass irgendwer sie in dieser Situation besser schützen würde als die Menschen als ihrem Gesundheitspersonal.
Und, dachte sich Israel, vielleicht würden sie nach der Krise ja etwas daraus beibehalten können.

__________________________________________________________________________________

Im Tonfall ist das vielleicht etwas ernster gewesen, als man es von dieser Geschichte erwartet, aber ich denke, dem Anlass angemessen. Israel und Palästina sind nun schon seit vielen Jahren in diesem Konflikt miteinander, von dem es allerdings Beobachter gibt, die sagen, er geht nur bis zur Tür eines Krankenhauses. Palästina ist auf medizinische Hilfe aus höher industrialisierten Ländern angewiesen, und bekommt auch Unterstützung aus Israel. Dieser High-Tech-Staat wiederum arbeitet bereits an einem Impfstoff, hat aber gleichzeitig ein Gesundheitssystem, das zu einem wesentlichen Teil auf arabisches Personal angewiesen ist. In der Krise haben sie angekündigt, eng kooperieren zu wollen. Wie viel davon hinterher in Erinnerung bleibt, ist leider noch nicht absehbar.
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast