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Nachrichten aus der arabischen Welt

DrabbleHumor, Parodie / P6
OC (Own Character)
30.06.2019
19.09.2020
7
7.881
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Dieses Kapitel
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08.12.2019 1.071
 
Die arabische Liga war ein mäßig erfolgreiches regionales Forum für die Lösung von Problemen im Mittleren Osten. Es half nicht gerade, dass diverse ihrer Mitglieder mal im Krieg gegeneinander gewesen waren oder damit drohten. Mit Verweis auf keine Zeit für wenig aussichtsreiche Diskussionen und unter dem Vorwand der Terrorbekämpfung (das ging in dieser Weltregion immer als Argument!) hatten sich die meisten Staaten verabschiedet zu neuen Heldentaten gegen Daesh (der angeblich schon besiegt war), Boko Haram (die gar nicht in der arabischen Welt unterwegs waren) oder Mossad-gesteuerte Haie, mit denen Israel Ägyptens Badegäste vertreiben wollte (hat sich je jemand gefragt, warum die Sicherheitspolitik in dieser Gegend meist so ineffizient war?).
Gerade waren darum auch nur diejenigen Länder anwesend, die nichts Besseres zu tun hatten, als sich über die Zumutungen des eben doch weitgehend normalen Alltags in ihren zumindest semidemokratischen Systemen zu beschweren.
„Meine Jugend verbringt zu viel Zeit vor Whatsapp“, beklagte sich der Libanon.
„Ach, ernsthaft?“, erkundigte sich Tunesien.
„Ja, wieso?“, fragte die Zedernrepublik. Die Frage klang, kommend von einem über sein Smartphone gebeugten Land mit dem Aussehen eines durchschnittlichen Teenagers, leicht speziell.
„So reden die Politiker immer. Meistens, um ihr Versagen in der Digitalisierung schön zu reden“, spottete Tunesien.
„Eigentlich wollten sie eine neue Whatsapp-Steuer einführen, weil wir so hoch verschuldet sind“, gab das kleine Land zu.
„Im Ernst? Wie viele Steuern will dein Staat eigentlich noch erfinden?“, fragte Jordanien.
„So schlimm?“, fragte der Libanon.
„Ihr habt offiziell seit Ewigkeiten kein einzelnes Haus mehr fertiggebaut, weil es auf die Fertigstellung eine Steuer gibt, die sich alle einfach sparen, indem sie das Haus als noch im Bau deklarieren. Deine Regierung würde mir Petra besteuern, wenn sie es könnte.“
„Also kriegt deine Regierung die Finanzen nicht auf die Reihe und macht dafür die Jugend verantwortlich? Großartig, so verantwortungsbewusste Politiker wünschen wir uns alle. Außerdem – wenn die Jugend weniger Whatsapp-Nachrichten schreiben würde, entgingen ihnen dann nicht die Einnahmen?“, erkundigte sich Tunesien.
„Stimmt, da muss ich mal fragen.“ Der Libanon verschwand.
„Tja“, sagte Marokko. „Ich weiß immer, was meine Jugend will. Die Vorteile einer Jugendquote im Parlament…“
„Na ich weiß nicht- ich hatte mit dem Libanon eine Unterhaltung über Quoten und äh…“
Wie auf Kommando kam die kleine Zedernrepublik zurück in den Raum, und sah sich um. „Wer war nochmal meine Regierung?“
„Das weiß ich auch nicht. Die Hisbollah ist es jedenfalls nicht, auch wenn sie sich gerne mal dafür halten. Ich habe gehört, sie sind mit den Demonstranten aneinandergeraten, worüber?“, erkundigte sich Marokko.
„Tja, äh, gute Frage. Scheinbar war es doch nicht Whatsapp?“, überlegte der Libanon.
Tunesien rollte die Augen. „Ach, echt? Warum denkst du das?“
„Ich habe die Steuer gekippt, aber sie protestieren immer noch.“ Ja, inzwischen wahrscheinlich gegen die Hisbollah.
„Vielleicht wollen sie einen Politikwechsel? Nur so ein Gedanke“, murmelte der Sudan.
Tunesien sprang wie von einem Skorpion gestochen auf. „Sudan? Was machst du denn hier?“ Es war eine ungeschriebene Regel, dass nur zumindest im Ansatz demokratische Staaten sich für dieses Forum interessierten. Die Diktatoren scherten sich ohnehin nicht um irgendwas, was ihnen das Ausland zu sagen hatte. „Weiß Bashir, dass du hier bist?“
„Nein, aber das ist egal. Der ist weg.“
„Du auch?“, fragte Tunesien. Ja, der arabischen Frühling war definitiv zurück. „Weg? Echt jetzt?“ Tunesien musste zugeben, dass sie schwer beeindruckt war. Ihr war es zwar selber vor Jahren gelungen, ihren Diktator zu vertreiben, aber der war bei aller Bereitschaft, die Opposition hinter Gitter zu bringen, nicht annähernd so brutal gewesen wie der sudanesische Diktator. Dieser Mann hatte sowohl islamistische als auch christliche Terrorgruppen unterstützt, sein eigenes Land in einen brutalen Bürgerkrieg gestürzt und es damit fast vollkommen von der Welt isoliert.
„Ja. Jetzt habe ich eine neue Regierung.“ Der Sudan lächelte. „Ich freue mich schon auf die Wahlen. Und auf Weihnachten.“
Weihnachten? Damit hatte er jetzt die Aufmerksamkeit aller im Raum. Die Situation der Christen war im Land bisher sehr schlecht gewesen, und seit der Abspaltung des christlichen Südsudan war das Verhältnis dieses Landes zum Christentum zeitweise so schlecht geworden, dass der Sudan nicht einmal mehr gewusst hatte, was Weihnachten war. „Feiert deine Regierung Weihnachten?“
„Raja tut es auf jeden Fall, und sie hat mich eingeladen. Das wird sicher ganz großartig. Wir werden einen Weihnachtsbaum schmücken und Plätzchen essen und außerdem will ich Geschenke.“
„Äh…blöd gefragt: Du bist ein Wüstenstaat. Wo willst du einen Baum herkriegen?“, fragte der Libanon.
„Ach ja, Libanon, stimmt ja. Du kennst dich mit sowas ja aus, oder?“
„Nein. Ja. Na ja. Ein bisschen.“
„Also – Weihnachtsbaum, kann ich mir eine von deinen Zedern ausleihen?“

Anmerkungen:

Eine gewisse künstlerische Freiheit ist wie immer dabei, aber der Hintergrund durchaus real.
Sogar über die Mossad-gesteuerten Haie hat sich Ägypten allen erstes mal beschwert.

Auch die libanesische WhatsApp-Steuer und die resultierenden Folgen ließen sich in letzter Zeit in den Nachrichten beobachten. Regierungsbildungen im Libanon sind oft schwierig und die Resultate instabil, deswegen weiß das kleine Land öfters nicht so genau, wer es eigentlich gerade regiert. Aber ja, es ist eine Demokratie - mit Quoten nach Religionszugehörigkeit, vielen merkwürdigen Steuern und Zedern als Nationalsymbol. Die Hisbollah ist eine terroristische Organisation, die sich gerne für den Libanon hält, ist sie aber nicht, und darauf haben die Demonstranten sie auch aufmerksam gemacht.

Petra ist eine Felsenstadt und nationales Wahrzeichen von Jordanien.
Auch die marokkanische Jugendquote ist nicht meiner Fantasie entsprungen.
Was es so alles in echt in der arabischen Welt gibt, könnte ich mir niemals so ausdenken.

Dazu gehört auch die jüngere sudanesische Geschichte. Das Land hatte lange Zeit einen der brutalsten Diktatoren der Welt, einen Mann, der es geschafft hat, sowohl christliche als auch islamistische Terroristen zu unterstützen. Die Menschenrechtslage war entsprechend schlecht, auch speziell für Frauen und religiöse Minderheiten wie Christen.
Dann haben Demonstranten den Diktator weggekriegt. Es war ein blutiger Weg, ein Teil des Militärs hat einen Putsch versucht. Inzwischen hat das Land aber eine Übergangsregierung aus elf Leuten, in der zur Hälfte Militärs und zur Hälfte Zivilisten sind. Das elfte Mitglied, auf das sich beide einigten, ist die sudanesische Rechtsanwältin und Christin  Raja Nicola Eissa Abdel-Masih. Wie genau sie Weihnachten feiert und wo sie einen Baum herkriegt, weiß ich nicht, aber jedenfalls sind es ermutigende Zeichen für die Religionsfreiheit im Land.

Ich wünsche euch allen und auch den arabischen Ländern frohe Weihnachten (und nicht verwirrt werden: Die diversen libanesischen christlichen Gruppen feiern alle zu verschiedenen Terminen, deswegen ist sich der Libanon mit dem Ablauf des Festes auch nicht ganz sicher).
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