Nachrichten aus der arabischen Welt

DrabbleHumor, Parodie / P6
OC (Own Character)
30.06.2019
08.04.2020
6
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03.08.2019 1.145
 
„Es tut mir leid“, sagte Marokko.
„Ja, mir auch.“
„Was wirst du jetzt tun?“
„Vollverschleierung in öffentlichen Gebäuden verbieten.“
„Glaubst du, das hilft?“
„Nein. Aber was soll ich sonst machen?“
„Ich weiß doch auch nicht. Aber so wirst du das Problem auch nicht lösen. Haben diese Leute ihre Gesichter überhaupt verdeckt? Die meisten Terroristen machen das gar nicht. Ich denke nicht, dass ich mal von einem Fall gehört hätte, in dem ein Verschleierungsverbot einen Anschlag hätte verhindern können.“
„Ich weiß. Was schlägst du also vor?“
„Den Verkauf solcher Kleidung zu verbieten? So mache ich es seit einer Weile.“
„Und damit hast du das Problem auch nicht gelöst.“
„Nein, nicht direkt. Aber die Verschleierung ist ja auch ein Problem, weil Leute, speziell Daesh, ihre Verbindungen zum Terrorismus haben und sowas den Frauen in der Gesellschaft aufzwingen wollen. Und so verhindere ich, dass ich die betroffenen Frauen dann auch noch wegen der Kleidung einsperre, die sie tragen. Wenn sie gezwungen werden, und das ist wohl meistens so, macht es ja keinen Sinn, sie dafür auch noch zu bestrafen.“
„Sag ich ja gar nichts dagegen. Ich weiß doch auch nicht.“
„Und wenn sie nicht gezwungen wären, wäre das ja kein Ausdruck von Totalitarismus, und dann wäre ein Verbot ja sinnlos.“
„Ja…“
„Ach, haltet doch einfach mal die Klappe! Findet ihr nicht, dass eure verdammten Verbote schon genug angerichtet haben?“ Iran hatte ihnen zugehört und kam erbost auf sie zugestürmt, dann begann das persische Land eine Predigt: „Natürlich musst du Westernisierungs-Fan mit deinem bescheuerten Laizismus Frankreich und Österreich kopieren und deren unterdrückerische Kleidungspolitik auch noch in unserer Weltgegend verbreiten und…“
Tunesien und Marokko sahen sich skeptisch an.
„Du klingst wie Saudi-Arabien.“ Marokko hatte eigentlich anführen wollen, dass er diese Kritik ein klein bisschen seltsam fand, solange sie von einem dieser beiden Regime kam, aber in einem Gespräch mit Iran kam man grundsätzlich über den Namen „Saudi-Arabien“ nicht hinaus. In ihrer Kleidungspolitik und auch manch anderem waren sie sich ähnlich, sie hatten die restriktivsten Vorschriften für Frauen in der Region, und nur sehr langsam lockerten diese sich in beiden Staaten. Was nicht nachzulassen schien, war ihr gegenseitiger Hass.  
„Wenn ich dieses Land in die Finger kriege, dann schwöre ich euch, ich werde ihn…“ Iran hätte wohl noch eine ganze Weile weiter auf den Westen, der nach Irans Sicht eine zu restriktive Kleidungspolitik hatte und auch sonst unterdrückerisch war, und Saudi-Arabien, der nach Irans Ansicht eine zu restriktive Kleidungspolitik hatte und auch sonst unterdrückerisch war, geschimpft, wenn die Türkei sie nicht hätte beruhigen können. Die Türkei hatte eine schier endlose Geduld mit seinen nicht immer ganz einfachen Nachbarn, und außerdem einen schier endlosen Baklavavorrat.
Später, als Tunesien und Marokko immer noch verschiedene Möglichkeiten für das neue Gesetz diskutierten und unter anderem die Regulierungen zwecks staatlicher Neutralität in Deutschland und die Diskussionen um ein Verschleierungsverbot in den Niederlanden durchgesprochen hatten, kam auch Albanien vorbei. Sie war mit dem Thema historisch sehr vertraut und konnte die Erfahrung Irans recht gut nachvollziehen, teilte aber den Zorn des Landes über dieses Thema nicht. „Es ist halt ein zweischneidiges Schwert, wie so vieles“, sagte sie. „Ich stehe zum Laizismus. So ein Schleier kann aber auch nützlich sein“, sagte sie. „Anonymität eben, im Guten wie im Schlechten.“ Sie sah die Türkei kommen. „Oh Hallo, ich habe schon gehört, was los war. Hat sich Iran wieder etwas beruhigt?“
„Iran ist immer noch…ähm…“, sagte die Türkei. „Wisst ihr, es ist halt schwierig. Und das wird es wohl auf absehbare Zeit auch bleiben.“
„Wobei es schon besser geworden ist“, erwiderte Albanien. „Es ist nicht mehr so schlimm wie in den Achtzigern. Aber ja, schwierig. “

Nachwort: Das Thema Kopftuch und Vollverschleierung ist ein Dauerthema in den deutschen Medien, aber selten wird angemerkt, dass es in vielen Ländern im Mittleren Osten ähnlich ist. Meist ist nur von den Ländern und Regierungen die Rede, in denen das Tragen eines Kopftuchs erzwungen wird.

Daneben gab es aber immer wieder Regierungen, die das Tragen des Kopftuches verboten haben. Zum Teil löst deswegen das Thema bei Leuten aus den entsprechenden Ländern so starke Reaktionen aus: Im Iran beispielsweise, wo die Diktatur des Shahs das Kopftuch verboten hat, ist dieses Verbot bis heute zu einem gewissen Grad mit dieser Diktatur assoziiert. Anschließend kam ab 1979 eine Regierung an die Macht, die bis heute einen Kopftuchzwang durchsetzt. Irans Haltung zum Thema in dieser Geschichte soll das widerspiegeln.
Auch Albanien hatte mal eine sehr totalitäre Kleidungspolitik: Unter dem Diktator Enver Hoxha wurde jedermanns Kleidung strengstens reglementiert. Die Vorschriften beinhalteten neben einem Verbot von Kopftuch und Vollverschleierung auch beispielsweise eins von Bärten. Der Charakter hat in meiner Vorstellung diese Geschichte seit seiner Wandlung zur Demokratie ganz gut reflektieren können und ist sich aber Irans Dilemma bewusst, vielleicht besser als Iran selber.
Saudi-Arabien ist nach meinem Wissen das Land mit den stärksten Einschränkungen. Ich habe mal von einem Interview mit einer Saudischen Frau gelesen, die das befürwortete. Grund: Liberalisierung habe in der Türkei zu einem Kopftuchverbot geführt.

Das stimmt nicht so ganz. In vielen Staaten gibt es gewisse Vorschriften, aber in keinem mir bekannten Land sind sie so umfassend wie in Saudi-Arabien. Sämtliche Vorschriften aufzuzählen, die in mehrheitlich muslimischen Ländern teilweise nur für bestimmte Einrichtungen gelten und auch öfters geändert werden, würde eine gründlichere Recherche erfordern, als ich sie gemacht habe.  
Soweit ich weiß, spiegelt die obige Geschichte allerdings den Stand in den jeweiligen Ländern wieder.
In der Türkei war es bis 2014 Schulkindern verboten, ein Kopftuch zu tragen. Damals hob das Verfassungsgericht das Verbot auf. In Österreich und Frankreich existiert ein vergleichbares Verbot, in Österreich wurde es neu eingeführt. In Deutschland existiert für Schüler keins, Lehrer, Richter und andere Staatsangestellte können hingegen zu einer Wahrung der Neutralität verpflichtet werden, die auch ein Kopftuchverbot beinhaltet.

Auch die Vollverschleierung, die der IS (hier mit dem im arabischen Raum üblichen Akronym Daesh bezeichnet) den Frauen in dem von ihm kontrollierten Gebiet aufzwang, wird im Mittleren Osten immer wieder kontrovers diskutiert.
Unter anderem merken Befürworter eines Verbotes an, dass es die Gesichter der Leute in Überwachungskameras ect. verdeckt und daher theoretisch verwendet werden kann, um Waffen zu schmuggeln oder Anschläge zu verüben. In Tunesien soll sie jetzt als Reaktion auf einen Anschlag verboten werden. Kritiker bemängeln, dass es den meisten Terroristen aber vollkommen egal ist, ob ihre Gesichter erkannt werden. Die Verschleierung kann in der Tat verwendet werden, um Leute zu verstecken, Waffen zu schmuggeln oder ähnliches: Das wurde auf dem Balkan im zweiten Weltkrieg im Kampf gegen die deutschen Besatzer getan, darauf bezieht sich Albanien, als sie bemerkt, dass Anonymität eine gute und eine schlechte Seite hat.
Um mit dem spezifischen Aspekt der Unterdrückung durch die Kleiderpolitik angemessen umgehen zu können, hat Marokko, als man befürchtete, Frauen könnten zum Tragen des Schleiers gezwungen werden, vor ein paar Jahren einen etwas speziellen Weg gewählt: Statt das Tragen einer Vollverschleierung verboten sie den Verkauf.
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