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Neuanfang in Florida

von Yolline
GeschichteAllgemein / P16 / Gen
30.06.2019
22.01.2021
19
14.918
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30.06.2019 961
 
Erstmal was über mich: Ich heiße Hailey Ryan, bin siebzehn Jahre alt und lebe in New York.
Ich wohne mit meiner Mutter in einem großen Haus, eher eine Villa, in der ich die größte Zeit alleine bin. Ich erinnere mich noch daran, in Seattle, Los Angeles und Richmond gelebt zu haben. Jetzt leben wir seit fast zwei Jahren in New York. Fangen wir mal von vorne an. Jedes Kind liebt seine Mutter, sieht sie irgendwie als Vorbild, oder? Besonders wenn sie so hübsch, erfolgreich und nahezu perfekt ist wie meine. Ihr gehört eine Firma und wenn man heute als Frau eine solche Karriere angeht bleibt meist wenig Zeit für die Familie. Das fiel immer auf mich zurück, denn es gab eigentlich nur uns zwei. Ich habe ihr als Kind immer Bilder gemalt, was bestimmt auch alle anderen Kinder taten. Ich wollte sie stolz machen, ich war ganz sicher eines der Kinder, die mit leuchtenden Augen zur ihrer Mutter aufsahen. Besonders wenn man zum größten Teil von Nannys umgeben war. Doch mit etwa Zehn Jahren schnallte ich, dass zu einer gut funktionierenden Beziehung zwei Menschen gehörten und vor allem ein gewisser Zeitaufwand. Jedenfalls schnallte ich es so in etwa. Wenn sie da war, war alles gut, beziehungsweise normal. Sie schien es wirklich zu probieren, aber was soll dabei rauskommen, wenn man sich eventuell vier Stunden pro Woche sieht? Nebenbei standen in dieser Zeit Formalitäten, wie ihre Arbeit, meine Noten oder Smalltalk im Vordergrund.  Aber jedes Kind liebt seine Mutter und so ist es auch bei mir. Nun gerade läuft mein Leben sagen wir mal nicht so „ideal“. Ich sitze gerade auf meinem Bett und packe. Ich packe und stelle mir vor, dass es für einen Urlaub ist. Ich ziehe um. Beziehungsweise aus. Zur besten Freundin meiner Mutter aus Florida. Wie legal es ist ein minderjähriges Kind nach Florida zu schicken, weiß ich nicht. Aber ich bin mir sicher, dass Mum sich gründlich mit ihrem Anwalt abgesichert hat. Ich seufze, denn ich habe so gar keinen Plan wo ich anfangen soll. Ich bin ein ziemlich direkter und eigentlich auch kein angebundener Mensch, aber ich habe hier Freunde. Nicht viele, aber ein paar gute. Über die letzten zwei Jahre haben wir uns recht gut angefreundet. Sagen wir mal so gut wie es eben in zwei Jahren geht. Diese werde ich hier vorerst zurücklassen müssen. Ich packe gerade meine Fotoalben zu meinen Klamotten, als die Tür aufschwingt. Meine Mutter hielt es nie für nötig anzuklopfen. Sie kommt langsam rein und setzt sich neben mich. Heute hat sie sich freigenommen, was bestimmt nicht einfach war. Ich werde morgen nach Florida gehen. Irgendwie erscheint es surreal. Mein Kopf ist total gestresst und gleichzeitig leer. Ich habe es noch nicht mal geschafft, mich bei meinen Freunden zu verabschieden. Ich wusste bis jetzt einfach noch nicht wie. Aber wahrscheinlich werde ich es einfach auf meine üblich direkte Art tun.
„Ich weiß du bist nicht begeistert davon-„, sagt sie.
Welcher Teenager ist schon begeistert davon aus seinem Umfeld gerissen zu werden?
„- aber es ist eine gute Gelegenheit mal rauszukommen und Trina ist wirklich sehr nett.“
Wo kann man bitte besser aus sich herauskommen als im Big Apple? Trina war schon ein paarmal hier gewesen und sie ist wirklich nett, aber ich kenne sie kaum. Um ehrlich zu sein verstehe ich nicht warum meine Mutter das tut. Ich war schon so viel alleine und jetzt bin ich siebzehn, wenn sie mehr arbeiten muss als sie es jetzt schon tut, dann werde ich es überleben. Aber die Entscheidung war gefallen. Meine Mutter streichelt meinen Rücken, während sie mir aufmunternde Dinge sagt. Ich packe meine restlichen Klamotten und meine Habseligkeiten in Kartons. Die Hälfte von dem was sie sagt geht an mir vorbei. Danach gehe ich zum Park, der ungefähr fünf Minuten von meinem Wohnort entfernt ist. Meine Freunde warten schon auf mich. Jacob, Lydia, Chase und Sierra. Wir verstehen uns gut, unternehmen auch neben der Schule öfter etwas zusammen, aber wirklich viel wissen wir nicht voneinander.  Jacob und Lydia unterhalten sich angeregt, während Chase und Sierra unschlüssig voreinander stehen. Sie waren schon ewig ineinander verknallt, bekamen leider nichts auf die Reihe. Er hat die Hände in den Hosentaschen und wippt vor und zurück, sie wickelt ihr Erdbeerblondes Haar um den Finger und guckt in die Luft. Ich verdrehe die Augen innerlich, während ich auf die Truppe zugehe. Wir begrüßen uns, aber ich will das hier möglichst schnell hinter mich bringen. Schnell und schmerzfrei. „Ich gehe nach Florida.“, bringe ich mit fester Stimme hervor. Guter Ansatz, weiter so, Hailey.
„Ist ja geil!“, sagt Jacob.
„Du hast so ein Glück..“, schwärmt Sierra, die mit rosaroter Brille durchs Leben läuft.
„Wie lange?“, fragt Lydia. Das ist die Frage die ich vermeiden wollte.
„Ich weiß nicht.“, sage ich und probiere meine selbstbewusste Fassade aufrechtzuerhalten. Ich muss ja nicht sofort rausposaunen, dass ich nach Florida ziehe. Das ist ja noch nicht mal bei mir selbst wirklich angekommen und ich bin nicht bereit es auszusprechen. Wenn man es ausspricht hat es etwas finales, wie einen Schluss. Den hat die Sache auch bestimmt, aber ich will es nicht einsehen.
„Oh.“, sagt Sierra.
„Wir hoffen, dass du dort Spaß hast.“, sagt Jacob dann. Das mag ich an ihnen, sie hinterfragen nichts. Jedenfalls meistens und so ist es für mich nicht so unangenehm.
„Schreib uns!“, sagt Lydia. Danach ist das Thema vorbei, wofür ich sehr dankbar bin. Wir gehen etwas durch den Park und reden über dies und das. Nach einer halben Stunde verabschiede ich mich, ich muss noch packen.
Es ist zwei Uhr nachts und ich liege im Bett und starre die Decke an. Ich denke über alles und nichts nach. Ich rolle mich auf die Seite und schaue auf meinen Wecker. Die letzten neun Stunden zuhause.
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