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von Sveagol
GeschichteHumor / P12
Das Känguru Marc-Uwe Kling
30.06.2019
30.06.2019
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Als ich am nächsten Morgen in unser Wohnzimmer komme, sehe ich das Känguru am Tisch sitzen. Vor sich hat es meine Kreditkarte und eine leere Schachtel Schnapspralinen. Es trägt ein T-Shirt mit Lidl-Logo.
“Ich hab drei gute Nachrichten für dich!”, ruft es mir zu.
“Aha.”
“Erstens: Du brauchst nicht einkaufen zu gehen.”
Ich betrachte meine Kreditkarte, die Schnapspralinen und das Lidl-T-Schirt.
“Aha.”
“Zweitens: Heute ist der Tag meines Einhundertdreiundzwanzigsten Antiterroranschlags.”
“Aha.”
“Einhundertdreiundzwanzig!”
“Ja.”
“Eins zwei drei!”
“Hatte ich verstanden.”
“Eine Laune hat der Herr! Drittens...” Dramatische Pause. “Meine Erkältung ist weg!”
“Aha.”
“Du sagst immer nur Ja und Aha! Freust du dich denn gar nicht für mich?”, fragt es.
“Doch doch”, sage ich. “Ich wünschte nur, die Viren wären einfach alle gestorben, anstatt sich einen neuen Wirt zu suchen.”
“Dich?”, fragt das Känguru und schaut auf das Taschentuch in meiner Hand.
“Mich”, sage ich.

Eine Stunde später. Ich sitze im Bad und dusche meine Nasennebenhöhlen. Das Nasenduschgerät musste ich nicht einmal suchen, das Känguru hatte es gestern an genau dieser Stelle liegen gelassen.
Die Tür geht auf. Das Känguru steckt den Kopf herein. Ich schaue leidvoll.
“Bleibste heut zu Hause?”, fragt es.
“Ja.”
“Schade. Dann wirst du wohl nicht Zeuge meines einhundertdreiundzwanzigsten Antiterroranschlags. Aber ich kann dir ja heute Abend davon erzählen.”
“Mach das.”

Eine Stunde später. Ich kann heute doch nicht zu Hause bleiben. Die Taschentücher sind alle.
Also los zum Supermarkt an der Ecke. Es ist ein Lidl.
Ich nehme die Taschentücher aus dem Regal, gehe zur Kasse und stelle mich an. Die Schlange ist extrem lang. Gerade noch so kann ich erkennen, dass gerade eine Familie mit drei Kindern an der Reihe ist. Die Kinder schmeißen begeistert alles aufs Band. Als ihr eigener Einkaufswagen leer ist, bedienen sie sich in den Regalen an der Kasse und bei der älteren Dame hinter ihnen. Es entsteht ein Riesenhaufen mit Windeln, Nudeln, Überraschungseiern, Feuerzeugen und Konservendosen.

Zehn Minuten später. Meine Nase läuft. Die Mutter hat den Haufen mehr oder weniger entwirrt, einige Dinge zurück in die Regale gelegt und andere der Seniorin in die Hand gedrückt. Trotzdem ist eine beträchtliche Menge übrig geblieben. Die Kassiererin piept die Sachen ein.
„Bitte entschuldigen Sie dieses Chaos“, sagt die Mutter zur Kassiererin.
„Kein Problem“, antwortet eine mir sehr vertraute Stimme. „Das macht dann bitte Zwölf Cent.“
Jetzt erinnere ich mich an das Lidl-Shirt des Kängurus heute morgen. Nicht gut. Aber es ist leider nur diese eine Kasse geöffnet und ich brauche die Taschentücher unbedingt.

Fünf Minuten später. Meine Nase läuft stärker. Ich versuche sie mir unauffällig mit dem Handrücken abzutupfen. Die ältere Dame hat inzwischen ihre Einkäufe im Einkaufsnetz an ihrem Rollator verstaut. Nun ist sie dabei, die fünfundachtzig Euro und sieben Cent abzuzählen.

Fünf Minuten später. Die Dame ist immer noch mit Abzählen beschäftigt. Ich überlege gerade, ob ich das Paket Taschentücher in meiner Hand einfach öffnen soll. Da öffnet nebenan eine weitere Kasse. Die Rettung.
Natürlich sehe das nicht nur ich so. Alle rennen los. Als ich ankomme, stehen da genau die selben Leute, die vorher an der anderen Kassse waren. Nur die Reihenfolge hat sich geändert, ich stehe ganz hinten.
Da sagt der Kassierer: „Bitte nicht mehr anstellen, die andere Kasse ist jetzt so gut wie leer.“
Ich fluche, dann fällt mir ein, dass das eigentlich eine gute Nachricht ist. Also zurück zur Kasse des Kängurus. Tatsächlich sind nun nur noch zwei Personen in der Schlange vor mir. Einer trägt einen teuren Anzug und kauft eine Schachtel Pralinen. Lidl-Pralinen. Warum? Nun, weil er es offenbar eilig hat und kein anderer Laden in der Nähe ist.
„Fünfundsiebzig fünfundneunzig“, trällert das Känguru.
Der Mann streckt ihm hastig seine Kreditkarte entgegen. „Endlich“, seufzt er und verlässt eilig den Laden.
Der Jugendlich danach will gerade seinen Energy Drink für zwölf Euro bezahlen, da kommt jemand angeschlurft. Es ist die Seniorin von eben. Sie hält drei Feuerzeuge in den Händen.
„Verzeihen Sie junger Mann“, sagt sie zu dem Jugendlichen. Dann wendet sie sich an das Känguru.
„Da muss gerade ein Missgeschick geschehen sein. Ich hätte diese Feuerzeuge gar nicht kaufen wollen. Wäre es wohl möglich, dass Sie mir das Geld erstatten? Sie wissen ja, die Rente reicht kaum heutzutage.“
„Scheißsystem!“, ruft das Känguru und nickt. Es öffnet die Kasse und nimmt einen Fünfziger heraus. „Die Feuerzeuge können Sie trotzdem behalten“, sagt es. „Geht aufs Haus.“

Fünf Minuten später. Der Jugendliche hat bezahlt und meine Taschentücher sind eingepiept. Fünfundzwanzig Euro sollen sie kosten. Egal, ich will nur noch hier raus. Ich habe schon das Portemonnaie geöffnet, da kommt die Seniorin zurück.
„Entschuldigen Sie, junger Mann“, sagt sie zu mit. Dann wendet sie sich an das Känguru. „Aber hier muss ein Fehler passiert sein.“
Sie hält ein Glas Erbsen in die Höhe. Darauf prangt ein Angebots-Aufkleber.
„Zwei zwanzig sollen die kosten. Aber...“ und sie hebt dramatisch die andere Hand mit dem Kassenbon: „Fünf Mark haben Sie mir dafür berechnet.“
„Zehn Ostmark“, sagt das Känguru.
„Genau. Also seien Sie doch so gut und geben mir den Rest zurück.“
„Das geht leider nicht“, sagt das Känguru.
„Warum denn nicht?“
„Nun, sehen Sie, sie haben ja gerade schon die Feuerzeuge reklamiert.“
„Ja, und?“
„Wir haben in der letzten Woche unsere Geschäftsbedingungen geändert. Sicher haben sie die Aushänge an den Eingängen bemerkt.“
Verwirrte Pause. Ich blicke das Känguru flehend an. Keine Gnade.
„Demnach“, erläutert das Känguru lächelnd „ist es nun nicht mehr möglich zwei nachträgliche Änderungen bezüglich eines einzigen Einkaufs zu beantragen.“
„Ich will auch gar nichts beantragen“, sagt die Frau. Jetzt wird sie bissig. „Ich verlange mein Geld zurück!“
Die Augen des Känguru verengen sich zu Schlitzen. Ich vergrabe das Gesicht in den Händen.

Eine halbe Stunde später. Zu Hause. Es Klingelt. Ich mache auf, das Känguru hüpft herein.
„Bin gefeuert“, sagt es. Es schwingt Stolz in seiner Stimme. Noch nie ist es nach nur einer Stunde gefeuert worden. In den Händen hält es drei Packungen Schnapspralinen.
„Hab noch schnell eingekauft, war ja schon in dem Laden.“
„Willst die Rückkehr zu deiner geliebten Arbeitslosigkeit gebührend feiern, was?“
„Und den gelungenen Anti-Terror-Anschlag.“
„Ja, den auch“, sage ich. „Wirklich sehr gelungen. Preise nach dem Zufallsprinzip.“
„Nicht nur nach dem Zufallsprinzip“, erklärt das Känguru. „Manchmal auch nach Sympatie.“
„Aber sag mal“, fragt es „wo warste denn so plötzlich? Es ging ja gerade erst so richtig los mit der alten Frau und da warste auf einmal verschwunden!“
Ich sage nichts.
„Na is ja auch egal“, meint das Känguru. „Haste noch nen Bilderrahmen irgendwo?“
„In der Rumpelkammer des Schreckens könnten noch welche sein. Wieso?“
Es hebt einen zerknitterten Kassenbon in die Höhe. Darauf stehen ein Brot, drei Feuerzeuge, fünfhundert Gramm Mehl, eine Packung Margarine und eine Dose Erbsen. Summe: Fünfundachtzig Euro und sieben Cent. Darunter ganz klein: Dies ist ein Antiterroranschlag des asozialen Netzwerks. Umtausch ausgeschlossen.
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