Der Pilgerweg der Sieben

GeschichteAbenteuer, Romanze / P18
Jeyne Poole Loras Tyrell Margaery Tyrell Sandor "Der Hund" Clegane Sansa Stark
30.06.2019
09.12.2019
49
162006
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Anfangs hatten wir noch die Umrisse von Autos auf der nahen Landstraße ausmachen können, doch anscheinend hatte sich die Straße irgendwann vom Flussufer wegbewegt. Das oder der Nebel war inzwischen so dicht geworden, dass er nicht nur die Autos, sondern sogar all ihre Geräusche verschluckte. Nachdem wir die Fähre verlassen hatten, war es mir so vorgekommen, als würden die Frühnebel sich bald lichten und die Sonne durchkommen. Inzwischen jedoch fühlte es sich so an als würde ich durch Erbsensuppe waten.

Megga war dazu übergegangen, lauthals ein Lied zu singen, eine abgewandelte Form von „Des Dornischen Weib“. Sie sang nicht besonders gut, war dabei jedoch sehr lustig und ich fragte mich, ob sie an ihre Ex-Freundin dachte. Irgendwann hatte sie mich überholt und ging jetzt in der Mitte, wobei sie sich zwischendurch mit Sybelle unterhielt. Das kam mir sehr gelegen, denn ich brütete mal wieder vor mich hin.

Megga wollte also nur ein wenig Spaß. Was hielt mich dann davon ab, ebenfalls ein wenig Spaß mit ihr haben zu wollen? Wie lange hatte ich in Winterfell schon davon geträumt, einmal nicht den Zwängen meiner Familie unterworfen zu sein. Meine Eltern waren hunderte von Meilen weit fort, dazu kannte niemand hier meine wahre Identität. Wie schnell würde sich mir eine solche Gelegenheit wieder bieten? Auch als Studentin an der Baelorschen Universität wären meine Eltern nicht in meiner Nähe, doch man würde trotzdem ein wachsames Auge auf mich haben. Nicht nur der Sozialdienst der Uni, sondern auch meine Mitstudenten. Das käme ganz zwangsläufig so, sobald sie wüssten, dass die Tochter eines hohen Lords in ihrer Mitte studierte.

Doch hier, auf dem Weg der Sieben, war ich frei wie ein Vogel. Wieder musste ich an Sandor Clegane denken. Kleiner Vogel, so nannte er mich, eigentlich kein schlechter Spitzname, hätte er mir nicht den Grund dafür unter die Nase gerieben. Er hielt mich für naiv, nervtötend und oberflächlich. Bei unserer letzten Begegnung war mir wieder einmal klargeworden, wie sehr er mich im Grunde verachten musste. Vielleicht hatte er ja sogar recht. Meine jüngere Schwester Arya empfand mich auch als naiv, nervtötend und oberflächlich, das sagte sie mir Zuhause mehrmals täglich. Vielleicht sollte sie an meiner Stelle diesen Weg laufen, dachte ich wütend. Dann könnte sie mit Sandor Clegane ein Roadmovie drehen.

Warum war ich eigentlich mit meinen Gedanken schon wieder bei diesem unsäglichen Mann, fragte ich mich jetzt. Ich sollte über Megga nachdenken und darüber, wie ich nach gestern Abend mit ihr umgehen soll. Loras kann ich mir schenken, das habe selbst ich jetzt begriffen. Abhaken und vergessen, wie Mutter immer so schön sagt.

Wir platschten weiter durch inzwischen fast knöchelhohen Matsch. Ich musste an Margaery denken, die noch nicht einmal richtige Wanderstiefel trug und war zum ersten Mal froh über die klobigen Dinger, die ich trug. Meine Füße waren zwar total nass, aber zumindest hatte ich oben noch keinen Morast hineinbekommen, dafür musste ich eigentlich dankbar ein. Alla hatte meines Wissens ebenfalls nur knöchelhohe Wanderschuhe, doch ihr wünschte ich von Herzen braune Brühe in ihrem Schuhwerk. Kaum hatte ich den Gedanken zu Ende gedacht, machte ich einen etwas zu langen Schritt und rutschte mit dem vorderen Fuß weg, was zu einem schmerzhaften Spagat führte, bevor ich zur Seite kippte und in einem riesigen Schlammloch landete.

Mein erster Gedanke war: „Dann bleib ich halt hier liegen, dieser beschissene Weg kann mich mal.“ Ich wollte wirklich nicht mehr aufstehen. Meine ganze rechte Seite war nass, nicht bloß die Hose. Wahrscheinlich waren meine linke Schulter und mein Kopf alles, was bei diesem „Ausrutscher“ trocken geblieben war. Am liebsten wäre ich in Tränen ausgebrochen, doch irgendwie wollte ich nicht, dass Megga mich für einen Schwächling hielt.

Sie und Sybelle eilten beide sogleich herbei, sie hatten, da ich mich ein wenig hatte zurückfallen lassen, nur das Platschen und mein lautes Fluchen vernommen, doch wegen des dichten Nebels kaum etwas gesehen. Jetzt kniete Megga sich ebenfalls in den Matsch, um mir aufzuhelfen und Sybelle streckte ihre Hand aus.

„Nein, Megga, nicht, du machst dich doch nur selber ganz nass“, wehrte ich das Mädchen ab, als es mich unter den Schultern packte und hochzuziehen versuchte, doch sie ließ im wahrsten Sinne des Wortes nicht locker.

„Boa, Alayne, dein Rucksack muss fünfzehn Kilo wiegen, mindestens!“, beschwerte sich Megga. „Hattest du nicht gestern erzählt, du hättest schon ein paar Kilo entsorgt?“ Sie zog mich aus dem Dreck und obwohl ich triefend nass und verschlammt war, ließ sie mich nicht los, im Gegenteil. Sie zog mich noch ein wenig enger an sich und plötzlich wurde ich mir meiner Nähe zu ihr sehr bewusst. Obwohl die Pfütze eiskalt gewesen war, durchflutete mich jetzt Hitze. Als ich meinen Blick hob und damit Sybelles begegnete, sah ich das leichte Lächeln auf ihren Lippen. Aha, Frau Psychologin wusste also Bescheid.

„Na toll, jetzt bist du auch total voller Matsch“, seufzte ich, doch Megga schien es ziemlich egal zu sein, dass ihr blauer Anorak nun an der Brust mit Schlamm verschmiert war. Ich löste mich ein wenig zu schnell von ihr und sah an mir hinunter. „Danke. Ach verdammt. Und so soll ich jetzt also noch über dreißig Kilometer weiterlaufen?“

Megga wischte mir mit dem Zeigefinger einen Matschspritzer von der Wange und es fühlte sich an als streichele sie meine Haut. Plötzlich wünschte ich fast, Sybelle wäre nicht hier. Das Tyrell-Mädchen sah mich die ganze Zeit an und auf einmal war meine Frustration so gut wie verflogen.

„Ich gehe langsam weiter, mir wird kalt“, sagte Sybelle und zwinkerte mir zu, was Megga nicht sehen konnte, da sie mit dem Rücken zu ihr stand. „Aber ich entferne mich nicht zu weit, bei diesem Nebel sollten wir vielleicht zusammenbleiben.“

„Alles in Ordnung bei dir?“ Megga sah mich besorgt an. In ihren schwarzen Haarsträhnen glitzerten Wassertropfen. „Tut mir leid, dass das passiert ist.“

„Es ist eben passiert“, seufzte ich. „Ich habe einen zu langen Schritt gemacht und bin prompt weggerutscht.“ Mit schmerzverzerrtem Gesicht rieb ich mir die Innenseiten meiner Oberschenkel. „Scheiße, der Spagat hat gar nicht gutgetan. Als Zehnjährige beim Ballett konnte ich das noch. Jetzt allerdings befürchte ich eine Zerrung. Au, tut das weh!“

„Soll ich mal pusten?“

Ich starrte Megga sprachlos an und dann begannen wir beide auf Kommando, laut zu lachen. Wir bogen uns vor Lachen und konnten beide gar nicht aufhören.

„Muss ich mir Sorgen machen?“, kam Sybelles vergnügte Stimme aus dem Nebel.

„Nein!“, schrie Megga zurück.

„Ja!“, brüllte ich gleichzeitig und wieder lachten wir. Dann nahm Megga meine Hand und zog mich hinter sich her.

Wir mussten uns schon bald wieder loslassen, der Pfad war zu eng, als dass zwei Personen nebeneinander hätten laufen können.

„Wundert es euch gar nicht, dass uns niemand überholt?“, fragte Sybelle nach einer Weile.

„Mich schon“, gab Megga zur Antwort. „Aber hier kann man einfach nicht schnell gehen, sonst passiert das, was Alayne eben passiert ist. Wahrscheinlich laufen nur fünfzig Meter hinter uns ein Dutzend Pilger, aber der Nebel verschluckt ja sogar alle Geräusche, auch die Stimmen.“

„Wir waren mit die ersten, die von der Fähre losgelaufen sind“, erinnerte ich sie. „Außer den anderen vieren, den zwei älteren und diesen jungen Typen mit den großen Rucksäcken müssten die meisten noch hinter uns sein.“

Mittlerweile hatten wir wieder angehalten, es war geradezu gespenstig still.

Das kam mir unheimlich vor. „Hast du die App, Megga? Ich hab sie nämlich nicht.“

„Nein, Margaery hat sie und Alla auch, aber ich nicht. Du, Sybelle?“

„Auch nicht. Ich wollte eher traditionell pilgern, ohne diesen modernen Schnickschnack.“

„Mir geht es genauso. Aber jetzt wäre ein bisschen Orientierung mit Navi nicht schlecht. Wir müssen schon weiter gelaufen sein als die acht Kilometer oder so, die im Buch stehen.“

„Kommt mir auch so vor“, meinte Megga. „Aber ich kann weder den Fluss noch die Straße erkennen.“

„Die Straße ist längst nach Osten abgeknickt“, belehrte ich sie. „Aber so langsam sollte dieser Wald kommen, der im Buch erwähnt wurde …“

„Schiete. Mich hat heute Morgen noch jemand gewarnt wegen des Nebels“, seufzte Sybelle. „Und dass der Weg unzureichend markiert wäre.“

„Könnten wir an einer Abzweigung vorbeigelaufen sein?“, fragte ich die beiden.

Megga und Sybelle blickten sich skeptisch an.

„Ich habe keine Abzweigung gesehen“, sagte Megga. „Ich hab gedacht, wir müssten einfach immer nur auf diesem Weg bleiben und der würde uns automatisch dahin führen, wo wir hin müssen.“

Ich nickte. Mir war es ähnlich gegangen.

„Mir gefällt das nicht“, murmelte Sybelle und sah auf ihre Armbanduhr. „Fast drei Stunden bin ich schon unterwegs und ich bin keine lahme Ente, wenn es nichts zu gucken gibt. Ich schaffe je nach Untergrund ungefähr zwölf Kilometer in der Zeit.“

„Das sind dann ungefähr siebeneinhalb Meilen“, rechnete ich. „Ja, ich denke, die schaffe ich auch. Heute wahrscheinlich etwas weniger, aber wir müssten den Wald trotzdem schon erreicht haben.“

„Also kann das Ganze ja nicht stimmen“, stellte Megga fest. „An irgendeinem Punkt müssen wir uns verlaufen haben. Ein Schild hätten wir trotz des Nebels gesehen, wenn es nicht gerade zwanzig Meter neben dem Weg stand. Hier gibt es keine Bäume und kaum Büsche, das können wir nicht übersehen haben.“

„Vielleicht gab es eins und es ist umgefallen. Hier im Moor wachsen die Pflanzen teilweise auch recht hoch, da sieht man nicht immer den Boden.“

Das Moor. Mir fröstelte. „Ist euch überhaupt aufgefallen, dass wir uns in einem Moor befinden? Am Anfang war alles eher wie eine Marsch. Aber jetzt …“

„Eher Matsch.“ Plötzlich stieß Megga einen kleinen Schrei aus und starrte auf ihre Füße. „Scheiße, ich sinke hier voll ein!“ Nervös machte sie einen Schritt zur Seite, doch da war es kaum besser. „So ein Mist! Wo bei allen Sieben Höllen sind wir bloß gelandet?“

Auch ich war eingesunken, hatte es aber gar nicht bemerkt, weil meine Füße sowieso schon nass und kalt waren. Erschrocken machte ich ebenfalls einen Ausfallschritt zu Seite und blickte mich um.

„Mir ist gar nicht aufgefallen, dass wir immer weiter in ein Moor hineingehen“, meinte Sybelle. „Ich habe wegen des Nebels eh nichts gesehen und nur auf meine Füße geachtet.“

„Wir sollten umkehren“, murmelte ich.

„Ja“, bestätigte Megga und Sybelle nickte bekräftigend. „Auf alle Fälle. Und wenn wir dabei niemandem begegnen, wissen wir ganz genau, dass wir falsch sind.“

Gesagt, getan. Wir machten also kehrt und wateten durch den von unseren Schritten noch aufgewühlteren nassen Untergrund zurück in die Richtung, aus der wir gekommen waren.

„Wo die anderen wohl sein mögen?“, fragte sich Megga. „Das ist scheiße, wenn wir jetzt noch ein paar Kilometer draufpacken müssen. Das werden dann locker über vierzig heute. Und das in klitschnassen Schuhen.“

„Vierzig schaff ich nicht, Megga, echt nicht. Mir tut schon wieder mein Bein weh. Es will mich daran erinnern, dass ich langsamer machen soll.“

„Gut, dass du auf deine körperlichen Signale hörst“, kam es von Sybelle hinter mir. „Ihr glaubt ja nicht, wie viele Leute es gibt, die das hier als reine Sportveranstaltung sehen. Manche planen ihre Route durch, bevor sie überhaupt losgelaufen sind, dabei können sie doch gar nicht sagen, wie sich ihr Körper beim Pilgern fühlen wird. Andere stecken morgens ihr Tagesziel fest und sind auch nicht bereit, davon abzurücken, wenn sie unterwegs Probleme kriegen. Nein, bloß nicht früher anhalten, wir haben doch unsere Pension schon reserviert! So geht das die ganze Zeit.“

„So machen wir das aber eigentlich immer“, rief Megga von vorn. „Wir nehmen uns ein Ziel vor, das bestenfalls so fünfunddreißig Kilometer entfernt ist und ziehen das dann durch.“

„Ich sag ja auch nicht, dass das prinzipiell falsch ist“, keuchte Sybelle, die gerade wieder über eine Pfütze sprang. „Es mag für euch in Ordnung sein, ist aber nicht für jeden was. Ich zum Beispiel rieche gern an Blumen, beobachte Insekten, unterhalte mich mit Einheimischen. Gehen kann ich schnell, aber ich halte immer mal wieder an, wenn es was Interessantes am Wegesrand zu sehen gibt.“

Plötzlich beneidete ich Sybelle. So hätte ich es auch haben können. Doch weil es mir Loras, seine Schwester und Megga so angetan hatten, ging ich schon wieder über meine Grenzen. Ray hatte mich noch gewarnt und nicht nur er. Pyp, Sam und noch einige mehr hatten mich immer wieder daran erinnert, was das allerwichtigste auf dem PWS war: seinen eigenen Weg zu gehen.

„Eigentlich wollten wir morgen schon in Rosmaid sein“, überlegte Megga. „Aber das kann ich mir wohl abschminken. Wie hieß das Kaff, wo wir heute Abend bleiben wollten?“

„Rosenstock oder so“, sagte ich. „Also genau richtig für die Tyrells. Aber sei mir nicht böse, Megga, ich habe gerade einen Entschluss gefasst. Wenn wir den Weg wiedergefunden haben, gehe ich bis zur nächsten Herberge und bleibe dann dort. Ich will mich nicht wieder so kaputtmachen wie letzte Woche, als ich zwei Nächte bei den Schweigenden Schwestern bleiben musste.“ Und an Sybelle gewandt, meinte ich: „Du hast nur teilweise recht mit dem, was du über mich sagtest. Anscheinend habe ich meine Lektion noch immer nicht gelernt. Ich habe Megga und ihre Gruppe kennengelernt und wollte unbedingt mit ihnen laufen. Das bereue ich auch nicht. Aber ich kriege schon wieder das Gefühl, dass ich mich …“

„Dass du dich verlierst.“

„Ganz genau.“ Sybelle hatte den Nagel auf den Kopf getroffen.

Wir waren schon wieder eine gefühlte Ewigkeit unterwegs. Aber wenn man patschnass ist und friert, kommen einem auch fünf Minuten wie eine kleine Ewigkeit vor.

Vor mir hörte ich Megga mit jemandem reden. Erst glaubte ich, sie wäre auf einen anderen Pilger gestoßen, doch dann sah ich, dass sie ihr Mobiltelefon ans Ohr gedrückt hielt. Wahrscheinlich war einer der anderen am Telefon.

„Kein Witz jetzt?“, hörte ich sie sagen. „Nein, da war nichts … Nee, echt nicht … Wo denn? … Ja, sie ist hier bei mir … Ach komm, hör auf, du kennst mich … Was?“ Megga stöhnte. „Ja, das können wir probieren. Ein großer, schlanker Mast, sagst du? … Na gut. Wenn wir’s nicht finden, ruf ich noch mal an.“ Sie beendete das Gespräch.

„War das Margaery?“, wollte ich wissen.

„Nein, Alla. Wir haben uns anscheinend wirklich verlaufen. Irgendwann soll ein Pfad noch oben abgezweigt sein, also vom Fluss wegführend, mit einem Stein oder so als Orientierungshilfe, aber da sind wir wohl dran vorbeigelaufen. Sie rät uns, irgendwann einfach nach rechts zu gehen, wenn da kein Moor mehr ist, dann würden wir automatisch aus dem Nebel rauskommen, so war’s zumindest bei ihnen.“

„Ich kann kaum erkennen, ob da noch Moor ist“, hörte ich Sybelles Stimme. „Und ich möchte es eigentlich auch nicht ausprobieren.“

Mir war es fast egal. Ich war sowieso schon völlig durchnässt, mir war kalt und ich wollte nicht mehr Rätsel raten, sondern Ergebnisse sehen. „Ich versuche es“, sagte ich und marschierte geradewegs in den Nebel hinein.

„Warte Alayne“, rief Megga, „das ist auf jeden Fall noch …“

„… Moor“, vervollständigte ich ihren Satz, doch da war ich bereits bis zu den Knien eingesunken.

Sybelle und Megga schrien beide gleichzeitig auf. Ich steckte fest und kam weder vor noch zurück. Da ich mein Gleichgewicht nicht mit den Füßen wiederherstellen konnte, schwankte ich bedenklich mit meinem schweren Rucksack hin und her.

„Ich komme, Alayne, bleib bloß da stehen!“, rief Megga mir zu.

„Was soll ich anderes machen?“, erwiderte ich mit Galgenhumor. Mir war zu diesem Zeitpunkt überhaupt nicht klar, in welcher Gefahr ich mich befand. Ich spürte jedoch, dass ich langsam, aber sicher immer weiter nach unten gezogen wurde, doch erst, als ich bis fast zum Po in der braunen Brühe steckte, bekam ich ein mulmiges Gefühl. „Helft mir, schnell, ich sinke immer tiefer!“

„Nimm den Rucksack ab!“, brüllte plötzlich eine weibliche Stimme links von uns. „Und dann leg dich auf den Rücken!“

Auf den Rücken? Ich konnte nicht sehen, wer da hinter mir noch aufgetaucht war, doch ich tat auf der Stelle wie mir geheißen. Nass war ich sowieso schon.

„Du, bleib weg da“, ertönte eine Jungenstimme. Damit meinte er anscheinend Megga. „Meine Schwester und ich ziehen sie gemeinsam raus.“

Instinktiv streckte ich meine Arme nach hinten und fühlte alsbald Hände, die nach mir griffen. Ein Paar nahm meinen linken Arm, das zweite fasste mich rechts. Meine Beine steckten noch immer fest, doch seltsamerweise sank mein Oberkörper nicht ein. Ich hörte Keuchen aus zwei verschiedenen Kehlen, zwei Menschen, die so lange an mir zerrten, bis der Sumpf meine Beine mit einem feuchten Schmatzen wieder freigab. Die beiden schleiften mich zurück auf den Weg, wo sie mich wieder auf die Beine stellten.

„Bist du irre?“, rief die eine der beiden Gestalten, die sich beim näheren Hinsehen als ein Mädchen ungefähr in meinem Alter entpuppte. „Du kannst doch nicht einfach mir nichts dir nichts in einen Sumpf latschen!“ Sie betrachtete mich konsterniert. „Hol ihren Rucksack auch, Jojen“, sagte sie dann an den Jungen gewandt. Er wirkte jünger, zählte etwa um die vierzehn Jahre.

„Danke für die Rettung jedenfalls“, murmelte ich verschämt.

Der Junge namens Jojen benutzte einen langen Stab, um an meinen Rucksack heranzukommen, der noch immer ein paar Meter weiter im brackigen Wasser lag. Er war sehr geschickt damit und hatte das große rote Ding im Handumdrehen an Land gezogen.

„Verzeihung“, murmelte ich. „Ich dachte, wir befänden uns mittlerweile wieder auf einigermaßen festem Untergrund. Wir sind so weit schon zurückgelaufen.“

„Fast wärt ihr auch in Sicherheit gewesen, aber auch nur fast“, entgegnete das Mädchen, das schulterlanges, dunkles, krauses Haar hatte. „Nur hundert Meter von hier entfernt kann man einfach einen leichten Abhang hochlaufen, da ist alles wieder nur mit Gras bewachsen. Doch im Nebel ist das kaum zu erkennen. Ihr könnt von Glück sagen, dass mein Bruder eure Spuren gefunden hat.“

„Spuren?“, echote Megga.

Erst jetzt fiel mir auf, dass die beiden keine Rucksäcke trugen. Und die langen Stäbe, die sowohl der Junge als auch das Mädchen in Händen hielten, waren keine Pilgerstäbe. Sie waren dünner, fast wie Speere. Der Junge hatte seltsame Augen, auf mich wirkten sie irgendwie starr und unergründlich.

Ich schluckte. „Ihr seid gar keine Pilger, nicht wahr? Wer seid ihr dann?“
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