Der Pilgerweg der Sieben

GeschichteAbenteuer, Romanze / P18
Eddard "Ned" Stark Jeyne Poole Petyr "Kleinfinger" Baelish Sandor "Der Hund" Clegane Sansa Stark Tyrion Lannister
30.06.2019
28.09.2020
142
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16.09.2020 4.751
 
Immer, wenn ich allein eine Kneipe oder ein Restaurant betreten musste, war mir ein wenig unwohl zumute. Oft wandten sich alle Köpfe in meine Richtung, was nichts mit mir zu tun haben musste, man drehte sich eben ganz automatisch zu einer Tür, die sich öffnete. Sandor hatte sogar meist so gesessen, dass er die Tür oder die Treppe, worüber die Menschen ein Lokal betraten, im Blick hatte. Es hatte mit Urinstinkten zu tun, hatte er mir erklärt, und mit Wachsamkeit. Ich fragte mich, wie die Leute in der Schüssel wohl schauen würden, wäre er an meiner Seite. Wir hätten ein ziemlich ungleiches Paar abgegeben. Ganz sicher hätte man uns hier angestarrt und das nicht zu knapp. Vergiss es, befahl ich mir und öffnete die Eingangstür.

Erleichtert stellte ich fest, dass Jeyne und ihr Polizist schon vor mir eingetroffen waren. Es war Punkt sieben Uhr und die beiden saßen turtelnd an einem Tisch für acht Personen, auf dem ein kleines Messingschild mit der Aufschrift „Reserviert“ stand. Ich trat näher und Beric nahm mich als erster wahr, obwohl er mit dem Rücken zu mir saß. Wachsamkeit. Polizisten und Leibwächtern wohnt sie inne, aber noch mehr Frauen, die Angst haben.

„Sansa! Komm und setz dich! Wie schön, dich wiederzusehen! Deine Haare sehen übrigens klasse aus.“ Er schickte sich an aufzustehen, um mir den Stuhl neben ihm unter dem Tisch hervorzuziehen, doch ich winkte ab.

„Danke, Beric. Bleib ruhig sitzen, ich setze mich dir gegenüber auf die Bank.“ Auf diese Weise konnte ich auch neben Jeyne sitzen, die sich am Kopfende des Tisches niedergelassen hatte. Meine Freundin umarmte mich zur Begrüßung und wir wechselten ein paar Worte.

„Hier muss man an der Theke bestellen wie fast überall in Flohloch“, ließ Beric uns wissen. „Sagt mir, was ihr wollt und ich gehe es holen.“ Jeyne bestellte Bier und ich, die Gardinenpredigt meines alten Herrn noch immer gut in den Ohren, mein obligatorisches Schnellwasser mit Zitronengeschmack. Ich meinte es durchaus ernst damit, so schnell keinen Alkohol mehr trinken zu wollen. Beric ging zum Tresen, wo bereits ein paar Leute standen, um zu bestellen.

„Bist du jetzt also wieder mit deinem Vater im Reinen?“, erkundigte sich Jeyne.

„Es scheint zumindest so“, erwiderte ich vorsichtig. „Aber gestern Nacht war gar nicht witzig. Ich dachte echt, er schickt mich heim.“

„Du lässt aber auch kein Fettnäpfchen aus. So kenn ich dich gar nicht, Süße.“ Jeyne musste grinsen.

„Das hat er auch gesagt“, erwiderte ich düster. „Aber er hörte sich dabei nicht an, als wäre er stolz auf mich.“

„Er ist halt ein Andale“, erklärte Jeyne gleichmütig. „Ich dagegen bin total stolz auf dich. Sowas hatte Joffrey schon lange verdient. Und jetzt erzähl mir alles noch mal haarklein! Wie war das Kiffen? Und bitte sei nicht sauer, ich hab Beric alles erzählt. Nicht das mit dem Hasch, wohlgemerkt. Obwohl ich den leisen Verdacht habe, dass er selber manchmal kifft.“

„Schon in Ordnung“, seufzte ich. „Die Gardisten sind auch nicht mehr das, was sie mal waren. Und wahrscheinlich weiß es eh bald ganz Königsmund. Ich rechne schon fast damit, dass mir hier drin gleich irgendjemand, den ich gar nicht kenne, um den Hals fällt oder auf die Schulter klopft. Bin ich paranoid?“

„Keine Ahnung, könnte vielleicht passieren“, lachte Jeyne. „Gerade hier in Flohloch ist die Königsfamilie im Allgemeinen und Joffrey im Besonderen nicht sehr beliebt. Bullen auch nicht, aber Beric geht trotzdem gern hier hin.“

Ich warf einen schnellen Blick hinüber zur Theke, wo Beric Dondarrion noch immer stand und darauf wartete bedient zu werden. Dann erzählte ich Jeyne noch einmal genauer von meinen Erlebnissen im Roten Bergfried und berichtete ihr auch von dem Gespräch mit dem Kronprinzen in dessen Götterhain und was ich dabei über Sandor gefahren hatte. „Hast du ihn jetzt eigentlich gefragt?“

„Wen gefragt? Beric? Wonach?“ Jeyne zog erstaunt die Augenbrauen hoch.  

„Na, nach Sandor!“, murmelte ich gedämpft. „Ein bisschen klüger bin ich nach gestern Abend ja schon, doch ich habe irgendwie das Gefühl, dass da noch mehr ist.“

„Du solltest wirklich aufhören, diesen gestörten Kerl ergründen zu wollen“, seufzte Jeyne. „Was bringt dir das denn, wenn du sein Strafregister kennst? Kannst du dann besser mit ihm abschließen? Und sag mir jetzt bitte nicht, dass er wieder dein Held ist, weil er ein nen lahmen Gaul hat mitgehen lassen.“

Ich war beleidigt. „Tu ich doch gar nicht! Aber soll ich dich vielleicht daran erinnern, was für Typen du an Land gezogen hast vor Beric? Du hast echt gut reden, jetzt, da du dich mit ihm zusammengetan hast.“

„Mag sein“, lenkte Jeyne ein. „Ich kann mir gar nicht mehr richtig vorstellen, wie es war, bevor ich ihn traf. Es ist wie … eine Erleuchtung. Ja, eine Erleuchtung! Jetzt erst sehe ich, was für Fehler ich immer gemacht habe. Wie blind ich war. Und wie sehr das Zusammensein mit ihm mich jetzt schon verändert hat.“

„Und wenn ich auch eine Erleuchtung hatte?“, fragte ich störrisch.

„Oh, Sansa, lass doch endlich gut sein! Frauen, die sich mit gewalttätigen Männern einlassen, haben ein Selbstwertgefühl wie ein Sandsack. Haben sie dich nicht in der Grundschule so genannt? Sandsack Stark?“

Jeynes Vorhaltungen begannen mich langsam aber sicher zu nerven. „Hör du doch auf damit! Also, hast du ihn jetzt gefragt, ja oder nein?“

„Reg dich ab.“ Jeyne verzog das Gesicht. „Ich hab’s zumindest versucht. Beric ist zwar ein Bulle, doch er steht nicht auf postkoitale Verhöre. Will sagen, nein, er hat meine Anspielungen schon verstanden, aber er kann nicht einfach irgendeine Fallakte aufrufen, ohne dass es bemerkt werden könnte, und sollte das der Fall sein, werden Fragen gestellt. Wäre er bei der Kripo, würde das vielleicht weniger auffallen, aber da ist er ja nicht. Noch nicht. Ab nächste Woche will er sich aber verstärkt darum kümmern, dorthin zu gelangen. Wie es aussieht, kann man hier auch Kommissar werden, wenn man eine eingeschränkte Sehfähigkeit hat. Das wäre super.“

„Ja. Da würde ich mich für ihn freuen.“ Ich beschloss, das Thema Sandor ein für alle Mal fallen zu lassen. Für Jeyne war das Ganze erledigt, sie wollte eh immer nur über ihren Beric reden. Das schmerzte mich, aber ich wusste, wenn ich ihr das jetzt mitteilte, würden wir uns höchstwahrscheinlich streiten. Ich musste mich damit abfinden, dass meine allerbeste Freundin meine Gefühle für den Bluthund nicht guthieß und damit wohl auch recht hatte. Mit den Nachwehen dieser Geschichte würde ich mich ganz allein herumschlagen müssen. Seufzend sah ich mich näher in der engen, schummrigen Kneipe um. „Richtig urig hier. Schon von außen sieht das Haus ziemlich alt aus.“

„Es steht unter Denkmalschutz“, bestätigte Jeyne. „Als die Sieben Königslande noch eine Monarchie waren, haben sich hier deren Gegner zum Ränkeschmieden getroffen.“

„Sollten nicht langsam noch ein paar andere eintreffen?“ Ehrlich gesagt hatte ich keine große Lust, nur mit Beric und Jeyne hier herumzusitzen. Ich hatte noch immer einen Brummschädel, hätte am liebsten nur im Bett herumgelegen und mir dämliche Videos auf meinem Laptop angeschaut. Oder Sandor und seinen psychopathischen Bruder ausspioniert.

„Die kommen schon noch, es ist erst kurz nach sieben“, gab Jeyne zurück. „Hab ein bisschen Geduld.“

Beric kam mit den Getränken zurück. Gerade hatte er sich wieder zu uns gesetzt, als eine mittelgroße, burschikos aussehende Frau in den Dreißigern zu uns an den Tisch trat. Sie hatte dunkles, kurzes Haar und trug Jeans. „Hallo“, sagte sie. „Wollt ihr zum Stammtisch? Wie ungewohnt, alles neue Gesichter. Ich bin Joanna.“

Wir stellten uns gegenseitig vor. Kurz überlegte ich, ob ich Alayne wiederbeleben sollte, doch dann verzichtete ich darauf. Sofern ich meinen Nachnamen nicht nannte, konnte ich Glück haben und nicht als Lord Starks Tochter erkannt werden. Auf den wenigen Bildern, die im Internet von mir kursierten, war ich rothaarig und es gab nur die paar von gestern Abend mit der neuen Haarfarbe. Wen interessierte es schon, wer zur Namenstagsfeier des Kronprinzen kam? Wohl eher die Generation, zu der auch diese Joanna nicht mehr gehörte.

Die dunkelhaarige Frau ging zur Theke und kam ebenfalls mit einem Bier zurück, im selben Moment, da sich die Eingangstür erneut öffnete und zwei weitere Frauen den Schankraum betraten.

„Ach, da seid ihr ja“, wurden sie von Joanna begrüßt. „Rickard und Ashter hatten ja schon beim letzten Mal gesagt, dass sie heute nicht können. Und Harold rief mich vorhin noch an, dass er ebenfalls verhindert sei. Dachte schon, wir wären ne reine Mädelsrunde heute Abend.“ Sie wandte sich uns zu. „Damit bist du, Beric, heute wohl der Hahn im Korb.“

„Kein Problem, damit kann ich leben“, lächelte der Polizist. „Und mit wem haben wir sonst noch die Ehre?“

„Oh, entschuldige. Wir duzen uns, oder?“ Joanna zeigte auf die große Frau mit dem Pferdeschwanz, die schon eine Menge Grau in ihrem hellblonden Haar hatte. Wahrscheinlich hatte sie die Fünfzig bereits überschritten. „Das hier ist Henryett, sie kommt gebürtig aus Karholt, wohnt aber schon seit fast dreißig Jahren hier. Ich stamme übrigens der Nähe von Grauenstein. Und das neben Henryett ist Claudya, sie …

„… kommt aus Hartheim“, beendete Claudya selbst den Satz. Beric blickte sie fragend an. „Ja, genau, von jenseits der Mauer. Ich hoffe, keiner von euch hat ein Problem damit? Ich jedenfalls nicht.“ Sie grinste, vor allem, als sie mich sah. „Tolle Haarfarbe!“. Claudyas Haare waren schreiend pink.

Oha, klare Worte, dachte ich. Jeyne grinste ebenfalls. „Kein Problem, Claudya. Wild sind wir auch.”

***

Anfangs war ich ehrlich gesagt etwas skeptisch gewesen. Joanna, Henryett und Claudya waren alle miteinander supernette, lustige Frauen, doch jede von ihnen war zwanzig Jahre älter als ich, mindestens. Joana war noch die Jüngste, wie mir schien, sie war altersmäßig schwerer einzuschätzen als die anderen beiden, irgendwo Mitte dreißig vielleicht. Mir war es immer schon schwergefallen, Leute jenseits der dreißig einigermaßen korrekt einzuschätzen. Claudya war zweiundvierzig, das verriet sie mir mit als erstes. Im Umkehrschluss dachte ich, die drei könnten mit uns jungen Hüpfern, also Jeyne und mir, rein gar nichts anfangen. Dem war aber nicht so. Nach einem anfänglichen Beschnuppern waren wir sechs sehr schnell in angeregte Gespräche vertieft.

„Ich sag euch gleich, ich bin nicht aus dem Norden“, gab Beric sich zu erkennen. „Ich bin mit Jeyne zusammen und als sie mich gefragt hat, ob ich mitkommen wolle, habe ich spontan ja gesagt.“

„Wir sind oft schon zu acht oder neunt“, verriet Joanna, „manchmal sogar mehr. Wobei ich uns drei und die anderen Jungs als den harten Kern betrachten würde. Komischerweise schwächelt das starke Geschlecht heute. Aber mir scheint, ihr seid ein ziemlich guter Ersatz. Senkt das Durchschnittalter.“ Die beiden anderen Frauen hatten sich ebenfalls mit Getränken eingedeckt und zu uns an den Tisch gesetzt.

Claudya landete auf dem Platz neben mir auf der Bank, Henryett setzte sich zu ihrer Rechten, so dass Beric Joanna den Stuhl links neben ihr anbot. Ich war schüchtern und traute mich nicht, Claudya, die so offensiv mit ihrer Herkunft umgegangen war, etwas Persönliches zu fragen. Aber da Haare zwischen Frauen immer ein dankbares Thema sind, fragte ich sie danach.

„Ja, ich war bei Daario’s, ich denke, das sieht man“, lautete ihre Antwort. „Wenn du’s genau wissen willst, drei Monde lang hab ich drauf gespart. Ich bin alleinerziehend mit einer Tochter, die mir die Haare vom Kopf frisst, also musste ich was dafür tun, dass der Rest wenigstens einigermaßen ansprechend aussieht.“

„Und, gefällt deiner Tochter die Farbe?“, fragte ich lächelnd.

„Oh, sie meinte, wenn ich so weitermache, kann sie bald mit mir zusammen in die Disco gehen. Ach, ich vergaß, das nennt sich ja jetzt Club. Na ja, ich hab’s als Kompliment aufgefasst.“ Ich musste sie gar nicht viel fragen, Claudya erzählte ganz offen, dass sie als Kind mit ihren Eltern auf einem Boot nach Ostwacht an der See geflohen und von dort aus in ein kleines Dorf weiter südlich an der Seehundsbucht, dessen Name mir aber nichts sagte. Ihre Eltern wohnten noch heute dort und sie besuchte sie, so oft es sich einrichten ließ. „Ich liebe den Norden“, sagte Claudya inbrünstig. „Würde meine Tochter ihn genauso lieben wie ich, wäre ich schon längst wieder dort. Doch sie ist hier in Königsmund geboren, und eine Jugendliche in einen winzigen Marktflecken am Arsch der Welt zu verpflanzen, kommt sogar mir grausam vor.“

Ich musste lachen. „Da sagst du was! Ich bin erst sechzehn und in Winterfell aufgewachsen, was ja sogar eine Großstadt ist. Und ich wollte trotzdem immer von dort weg. Meine Schwester nennt es Winterhöll. Wäre ich deine Tochter und du nähmest mich wieder mit in den Norden, würde ich mich wahrscheinlich in ein Eisloch stürzen.“

„Und trotzdem bist du hier …“, meinte Claudya vielsagend und leerte ihr erstes Glas Schwarzwasser bis auf den letzten Schluck. „Hier bei unserem Stammtisch, meine ich.“

„Jaaa … Ich trage den Norden halt in mir. Als du eben gerade ‚Marktflecken‘ sagtest, dachte ich: Ja! Dieses Wort benutzt sonst niemand mehr außer uns in Westeros, da bin ich mir sicher. Jeyne ist da anders, sie redet auch nicht so, wenn sie’s vermeiden kann, ihre Mutter stammt aus dem Süden und irgendwie merkt man ihr das auch an. Sie ist ein Chamäleon. Wenn sie mit meinem Vater redet, könnte man meinen, sie wäre ebenfalls eine Hochgeborene aus dem Norden. Aber sie wollte eigentlich auch immer nur hier unten sein, wo die Leute ganz normal reden.“

„Ich spreche ja auch nicht so übermäßig höflich“, meinte Claudya schulterzuckend. „In Hartheim haben wir einfach immer nur so geredet, wie uns der Schnabel gewachsen war, da war nicht viel mit ‚Ihr‘. Hauptsache ehrlich und man muss nicht noch dumm herumraten, was jetzt wer wie gemeint hat.“ Die Ältere drehte ihr leeres Glas in den Händen. „Sieh an, dein Vater ist also ein Hochgeborener?“

Ups. Mal wieder verplappert. „Vergiss das bitte einfach, ich habe nicht nachgedacht.“ Meine Wangen brannten.

Claudya lachte nur. „Manche Menschen haben Probleme mit Wildlingen, andere mit Hochgeborenen. Ich habe auch so meine Vorurteile, doch ich versuche, sie in Grenzen zu halten und die Leute erstmal kennenzulernen.“

Zieh dir das rein, Joffrey, dachte ich im Stillen. „Ja, meine Eltern haben mich ähnlich erzogen.“

„He, Jon, könntest du dir vorstellen, vielleicht mal Nachschub zu holen?“, rief Claudya über den Tisch. „Du sitzt näher an der Theke. Ich bin hier eingepfercht und außerdem könnten Henryett und Sansa auch mal wieder was zu trinken gebrauchen.“

„Henryett und Sansa haben ihre Gläser gerade mal halbleer getrunken, nur du sitzt mal wieder auf dem Trockenen.“ Joanna schüttelte den Kopf. „Man merkt, dass Ferien sind. Willst du heute wieder hier hocken, bis sie dich um fünf hier rauskehren?“

„Könnte passieren“, griente Claudya. „Trinkst du wirklich keinen Alkohol, Sansa? Ich hätte dich nicht unbedingt für jünger geschätzt als deine Freundin.“

„Ich habe vor circa einem Monat erst mit dem Trinken angefangen“, erwiderte ich wahrheitsgemäß.

„Und schon auf Entzug?“ Henryett lachte wohlwollend.

„Nein, so ist das nicht“, verteidigte ich mich. „Und ganz sicher würde ich heute Abend auch ein Glas Wein trinken, wenn ich es nicht gestern leicht übertrieben hätte.“ Und meinem Vater nicht ein gewisses Versprechen, den Alkohol betreffend, gegeben hätte. Jeyne, die meine letzten Worte mitbekommen hatte, zwinkerte mir zu. Ich wusste, sie hätte den anderen nur zu gern erzählt, wie ich Joffrey Baratheon vollgekotzt hatte, doch solange mich niemand mit dem Namen Stark in Verbindung brachte, würde sie das nicht tun. Sie wusste, dass mir meine hochgeborene Herkunft eher peinlich war, wenn ich mit ganz „normalen“ Bürgerlichen an einem Tisch saß.

Joanna war trotzdem zur Theke gegangen, um Nachschub zu holen. „Bist du Lehrerin?“, fragte ich Claudya.

„Bei allen Göttern, nein“, lachte meine Tischnachbarin. „Ich arbeite bloß im Sekretariat einer Schule.“

Ich musste an Jeynes und meinen Auftritt im Unisekretariat denken. „Jaaa … das klingt doch gut. Du hast mit Kindern zu tun, musst aber nicht auf sie aufpassen.“

„Eher habe ich mit der Schulleitung zu tun. Und wenn man das Pech hat, dass sich die Vorgesetzten ebenfalls wie Kinder benehmen, kommt man sich irgendwie verarscht vor. Aber nein, der Job ist ganz in Ordnung. Ich arbeite gern dort.“

„Stört es Joanna nicht, wenn du sie Jon rufst?“, wollte ich von Claudya wissen. „Mein … äh … Kusin, er heißt auch Jon.“

„Glaub mir, sie hasst ihren Namen“, schaltete Henryett sich nun ein. „Zumindest, wenn man ihn so verhunzt, wie wir es immer tun.“ Sie hatte sich vorgebeugt und lächelte mir verschwörerisch zu.

Ich verstand nicht. „Was ist denn so schlimm an Joanna?“, fragte ich unschuldig.

„Ach, das ist wohl auf meinem Mist gewachsen“, amüsierte sich die Blonde. „Du musst wissen, ich liebe Schlager. Kennst du nicht das Lied ‚Joanna, du geile Sau‘?“

„Das hab ich gehört!“ Joanna stand stirnrunzelnd vor uns mit zwei neuen Gläsern Schwarzbier in Händen. Eines davon schob sie Claudya über den Tisch entgegen. „Du kannst es einfach nicht lassen, nicht wahr, Henryett? Solltest du den Wirt noch einmal fragen, ob er es nicht spielen will, muss ich dich leider umbringen.“ Die Angesprochene jedoch kicherte nur mädchenhaft und blinzelte mir zu.

„Oh, ich vergaß“, grinste nun auch ich. „Diese Assoziation ist in der Tat ein bisschen … äh … heikel.“

„Nett und nordisch ausgedrückt, ja.“ Joanna ließ sich wieder neben Beric nieder. „Ich steh halt überhaupt nicht auf Schlager. Auf NWR 1 spielen sie es leider mitunter ziemlich viel. Auch hier im Süden höre ich gern die Radiosender aus dem Norden. Aber wenn dieses Lied kommt, schalte ich immer sofort ab …“

„Ach, Jon, da muss frau einfach drüberstehen.“ Claudya machte eine wegwerfende Handbewegung. „Über viele Namen gibt es blöde Witze. Kann ich auch ein Lied von singen. ‚Ich freue mich unbändig‘, sagte der Taschendieb zu seiner Frau. ‚Und wenn’s ein Mädchen wird, nennen wir es Claudya.‘“

„Die Sorte Witz kenne ich auch“, ließ sich Beric nun vernehmen. „Treffen sich zwei Polizisten in Flohloch. Fragt der eine: ‚Wie geht’s?‘ Sagt der andere: ‚Man schlägt sich so durch.‘ Oder: ‚Was ist der Brunftschrei des erregten Bullen? Tatütata.‘“

Eine Weile erzählten wir uns alle möglichen dummen Witze. Ich hatte nicht erwartet, an diesem Abend und gerade in dieser Runde so viel zu lachen. Ich vergaß Joffrey, Cersei und meine Eltern. Den armen Hohen Septon mit seiner gebrochenen Nase. Ich vergaß sogar Sandor. Für eine Weile.

Irgendwann landeten wir unweigerlich bei den Eigenarten des Nordens. Dass die Leute in manchen Gegenden sich noch immer mit „Moin!“ begrüßten, egal zu welcher Tageszeit. Dass man wortkarg war, und Fremden gegenüber oft misstrauisch, aber niemals herablassend, wie man es von den Leuten in der Hauptstadt oft sagte. Die Menschen im Norden brauchten keinen Schnickschnack, keinen überflüssigen Tand. Und Blut war dicker als Wasser, immer schon. Ich selbst hörte so gut wie nie den Nordwesterosischen Rundfunk, aber meine Eltern taten das und jetzt, da ich drüber nachdachte, vermisste ich das plärrende Radio beim Frühstück. Morgen früh, so nahm ich mir vor, würde auch ich NWR hören.

„Was ist für euch das Beste am Norden?“, fragte Henryett irgendwann. Jeyne und ich sahen uns an. Sie hatte anscheinend genau wie ich nie sonderlich darüber nachgedacht.

„Ich mag es, dass wir ‚Mond‘ anstatt ‚Monat‘ sagen“, sagte ich nach einer Weile zögernd. „Ich habe immer extra versucht, es nicht zu sagen, wollte es mir abgewöhnen, doch im Grunde ist es eins der schönsten Wörter, die wir haben. Künftig werde ich es nur noch sagen. Ja, Mond und Marktflecken, diese Worte mag ich.“

Jeyne nickte zustimmend. „Es gibt aber auch so einige Worte, die die Südländer reichlich seltsam finden. Ich habe neulich zum Beispiel Beric sehr verwirrt. Wir beide waren im Supermarkt und wollten für das Abendessen einkaufen. Uns fehlten noch Tomaten. Als wir sie dann endlich gefunden hatten, fragte ich ihn, ob die aus dem Zuchthaus stammen würden. Er hat sich fast weggeschmissen vor Lachen.“

Beric lachte bei der Erinnerung laut auf. „Also echt jetzt! Du kannst einen Polizisten nicht fragen, ob Tomaten aus dem Zuchthaus stammen! Sie haben schließlich nichts verbrochen!“

„Aber wir reden da oben so!“ Jeyne schlug ihrem Freund mit der Faust auf den Bizeps. „Tomaten werden gezogen, also, man züchtet sie, und das tut man in einem Zuchthaus.“

Jon, Henryett und Claudya lachten laut und klatschten Beifall. „Na klar!“ „Sicher doch!“ „Wo auch sonst?“

„Also, hier bei uns im Süden heißt das ‚Gewächshaus‘“, grinste Beric. „Aber erzähl das mit dem Arzt, das ist mindestens ebenso lustig.“

Jeyne verschluckte sich fast an ihrem Bier. „Als ich mit meinem gebrochenen Knöchel in der Schwarzwasserklinik war, fragte man mich nach einer Überweisung. Ich wollte wissen, ob es egal sei, ob die vom Klinikum des Nordens oder von meinem Hausmaester käme. Die haben mich angeguckt wie ’n Auto. „Warum gehen Sie mit Ihrem gebrochenen Fuß zu einem Hausmeister?“, hat eine der Schwestern mich ernsthaft gefragt. Darauf meinte wiederum ich, wie sie darauf komme, dass ich damit als erstes zu meinem Vater gegangen wäre, der sei schließlich kein Arzt. Also kein Maester, sondern einfach ein gewöhnlicher Hausmeister. Haushofmeister sagte man früher dazu. Danach war die Verwirrung komplett. Bis die erstmal gerafft hatten, dass ich mit ‚Hausmaester‘ meinen Hausarzt Dr. Luwin meinte … Na ja, irgendwie war’s auch lustig.“

Claudya lag mittlerweile fast unterm Tisch vor Lachen. „Ja, aber … versetz dich mal in deren Lage. Die verstehen: ‚Ich muss mich von meinem Hausmeister untersuchen lassen …‘ Wahrscheinlich denken sie, wir wären im Norden alle pervers oder so!“

„Zu ‚Zuchthaus‘ fällt mir auch noch was ein“, meldete sich Henryett zu Wort. „Bei uns in Karholt sagt man wieder was anderes, wir kennen ‚Zuchthaus‘ zwar auch, aber noch öfter sagen wir ‚Treibhaus‘. Vor ein paar Jahren machte ich Urlaub in Dorne und unterhielt mich mit einem Dornischen über meinen Beruf. Ich bin Landschaftsgärtnerin, müsst ihr wissen. Als er mich also fragte, wo ich arbeite, antwortete ich: ‚Meistens in einem großen Treibhaus.‘ Daraufhin wurde er ganz wuschig und lud mich zu sich nach Hause ein. Der Typ hielt mich für eine Prostituierte!“

Als wir uns wieder einigermaßen beruhigt hatten, meinte Beric, er habe mit Anfang zwanzig einmal ein dreimonatiges Praktikum beim Grenzschutz an der Mauer gemacht. Also dasselbe wie mein „BruKu“ Jon, dachte ich. „An einem Freitagabend sind ein paar von den Jungs nach Mulwarft gefahren, weil sie sich im dortigen Bordell vergnügen wollten. Ich war auch mit dabei“, sagte er mit einem entschuldigenden Seitenblick auf Jeyne. „Aber nur aus Jux. Jedenfalls waren wir alle schon ziemlich blau, bevor wir uns trauten, zu besagtem Puff zu gehen. Die Nacht war klirrend kalt, es war irgendwann im Herbst. Ich werd’s nie vergessen, wie wir da zu fünft vor dem Club standen und das kleine Fenster über der Tür sich öffnete. Und dann macht mein Kumpel Thoros, der Depp, den Mund auf und fragt nach einer Frostituierten.“  

„Haben sie euch danach überhaupt noch reingelassen?“, hüstelte Jon.

„Äh … nein“, grinste Beric. „Sie meinten was von scheiß Südländern und dass wir uns gefälligst verpissen sollten.“

Ich hatte bereits Bauchschmerzen vor Lachen, aber einen wollte ich auch noch zum Besten geben. „Neulich habe ich mich beim Wandern mit einem Mädel aus der Weite unterhalten und wir redeten über eine prom… promi…, ach, Mist, ich kann dieses Wort noch nicht einmal nüchtern richtig aussprechen. Eine Schlampe halt. Ich nannte sie ‚Fickschlitten‘ und meine Bekannte hat fast im Graben gelegen vor Lachen.“ Die Erinnerung an den schönen Wandertag mit Megga tat mir gut.

„Das ist doch ein ganz normales Wort bei uns“, wunderte sich Jon und die anderen stimmten zu. „Wusstet ihr übrigens, dass die in der Weite, wenn sie ausdrücken wollen, dass jemand abgehauen ist, sagen, er oder sie hat sich in den Norden abgesetzt?“

„Wahrscheinlich, weil wir bei uns im Norden immer sagen, jemand habe die Weite gesucht“, lachte Claudya. „Eine simple Retourkutsche.“

„Nach all den Jahren vermisse ich immer noch den Schnee“, sagte Henryett ein wenig wehmütig. „Und die Meilen und das einfache, aber gute Essen. Den Wein nicht, den man dort trinkt, der ist ja hier noch nicht mal gut. Manchmal denke ich, ich hätte nach Altsass oder Dorne ziehen sollen. Ich liebe Wein.“

„Das Beste am Norden sind seine Mädels“, sagte Claudya irgendwann, woraufhin wir alle johlend unsere Gläser erhoben, auch Beric, und miteinander anstießen.

So ging es immerfort. Irgendwann, als ich vom Klo kam, saß Claudya auf meinem Platz und unterhielt sich mit Jeyne und so landete ich neben der Ältesten in der Runde, Henryett. „Du hast eben vom Wandern gesprochen, Sansa“, erinnerte sie mich. „Ist das eins deiner Hobbys?“

„Hahahaha“, lachte ich, als ob das der beste Witz überhaupt gewesen wäre. „Mitnichten! Es war eigentlich Jeynes Idee, sie ist die Sportlichere von uns beiden. Wir wollten den Pilgerweg der Sieben gehen, das ist ein …“

„Ich kenne den PWS, er ist wunderbar“, sagte Henryett lächelnd. „Wie schön, dass sich auch junge Leute für ihn interessieren.“

„Der Weg ist einzigartig“, pflichtete ich ihr bei. „Ich bin dann ein Stück ohne Jeyne gelaufen. Es war einfach sagenhaft.“

„Ja, nicht wahr? Aber auch im Norden gibt es einige wirklich schöne Fernwanderwege. Bevor ich aus Karholt weggezogen bin, habe ich einige davon erlaufen. Oft sind sie sehr einsam und nicht immer gut ausgeschildert, zumindest war es damals so. Es reichte nicht, dich einigermaßen auszukennen, du musst einen Kompass bei dir haben und natürlich auch Karten lesen können; du brauchtest ein gutes Zelt, da nicht überall Hütten oder auch nur Unterstände vorhanden waren. Gummistiefel mit Profil sind übrigens super zum Wandern in solchen Gegenden, man stößt ja immer wieder auf Moore und einfach nur unzugängliche, sumpfige Stellen …“

„Ich weiß, mein Vater hat uns Kinder früher des Öfteren mitgenommen, wenn er wandern wollte“, erinnerte ich mich. „Ehrlich gesagt, ich war ein paar Mal mit, aber dann hatte ich schnell keine Lust mehr. Ich fand die Landschaft eintönig, manchmal richtiggehend feindselig, fast immer regnete es, war neblig oder schneite gar. Nein, ich blieb lieber zu Hause und lernte, in Stöckelschuhen zu gehen, statt Wanderschuhe zu tragen, die ich immer schon hässlich und klobig gefunden hatte. Und jetzt …“ Ich betrachtete mein derbes Schuhwerk. „Schau, ich hab sie sogar für diesen Kneipenabend angezogen. Das hätte ich früher nie. Allerdings habe ich den Eindruck, dass sie schon ziemlich abgelatscht sind. Wahrscheinlich ist die Sohle gebrochen, mein rechter Strumpf fühlt sich nämlich irgendwie nass an.“

„Das kann passieren, wenn du sie nie sonderlich gepflegt hast“, informierte mich Henryett. „Vor rund fünfzehn Jahren bin ich mal von Steinsepte nach Lennishort gepilgert. Das war vor dem großen Pilgerboom, damals waren so gut wie ausschließlich gläubige Menschen auf diesem Weg. Mit den Sieben hatte ich mich davor nie so richtig anfreunden können, aber auf dem PWS kam ich ihnen zumindest näher. Das heißt nicht, dass ich heute oft in eine Septe gehe, nein, immer noch nicht. Nach wie vor bete ich zu den alten Göttern des Waldes, wenn ich überhaupt mal bete.“

„Mir persönlich ist es eigentlich mittlerweile fast gleich“, erklärte ich. „Mich interessieren alle Götter, deswegen wollte ich ja immer Religionsgeschichte studieren. Wie war es denn für dich, bis nach Lennishort zu pilgern? Ich bin in Schnellwasser angefangen und habe es bis nach Casterlystein geschafft. Schade, ich wollte so gern die Septe der Mutter in Altsass sehen.“

„Damals nannten wir sie die Sternensepte“, meinte Henryett, „ich glaube, das ist noch immer ihr offizieller Name. Ja, irgendwann möchte ich auch bis nach Altsass kommen. Mal sehen, wie lange der nächste Sommer dauert. Da ist mir die südliche Weite nämlich viel zu heiß. Vielleicht klappt es ja im Herbst, wenn die Temperaturen wieder moderater sind. Ich hatte keine größeren Probleme auf dem Weg. Die Goldberge habe ich ziemlich genossen.“

Bald waren Henryett und ich in ein angeregtes Gespräch über die Strecke, ihre Herbergen und andere Pilger verstrickt. Über die Umrechnung von Meilen in Kilometer, das Wetter und Dinge, die schief gehen konnten und von denen es immer genug zu geben schien.

Am Ende des Abends war ich froh, dass ich mir einen Ruck gegeben und meinen Hintern in die Schüssel bewegt hatte. Die drei Frauen waren jede für sich warmherzige, lustige Individuen, die alle auf unterschiedlichste Weise den Norden im Blut hatten. Wir versprachen, uns am letzten Sonntag des kommenden Mondes erneut hier einzufinden, gern auch wieder mit Beric als südländischem Anhängsel, wie Claudya grinsend erklärte.

„Falls du doch einmal wieder wandern gehen möchtest, ich mache das relativ regelmäßig“, bot Henryett mir an, kurz bevor wir uns alle voneinander verabschiedeten. „Und ich habe ein Auto. Meist gehe ich allein, doch es stört mich nicht, wenn jemand mit dabei ist.“ Sie gab mir sogar ihre Telefonnummer und ich fühlte mich seltsam geschmeichelt, dass eine Frau, die noch ein gutes Stück älter als meine Mutter war, anscheinend nichts gegen meine Gesellschaft einzuwenden hatte.

„Super nette Runde“, meinte Jeyne grinsend zu mir, nachdem sie sich endlich von Beric losgerissen hatte und wir uns Richtung Bushaltestelle in Bewegung setzten. „Und es sieht so aus, als könntest du auch mal wieder einen Abend durchhalten, ohne zu kotzen.“
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