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But I'm A Creep

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P12 / MaleSlash
Christoph Saalfeld OC (Own Character)
28.06.2019
04.10.2020
31
31.809
10
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09.08.2020 1.692
 
„Ich habe es ihm gestern gesagt.“, eröffnete Christoph Alicia niedergeschlagen. Sie hatten sich in einem Pavillon im Park niedergelassen.
„Er hat mich rausgeworfen.“
„Was hast du denn bitte erwartet, Christoph?“
„Ich weiß.“, murmelte Christoph und senkte den Blick.
Ja, er wusste. Er wusste, dass er sich dieses Grab selbst geschaufelt hatte. Wie so häufig schon vorher hatte er einen Menschen, den er lieb gewonnen hatte, von sich gestoßen. Und die Schuld, die hatte er, ganz alleine er. Ebenfalls wie schon so häufig zuvor.
„Was soll ich denn jetzt machen?“, fragte Christoph niedergeschlagen.
Alicia setzte sich neben Christoph und hielt ihn an der Schulter fest.
„Du musst um ihn kämpfen – mit fairen Mitteln. Und Christoph, du musst alles geben.“
Christoph wusste, was sie damit meinte.
„Ich weiß nicht, ob ich das kann.“
„Du musst, Christoph. Sonst verlierst du ihn für immer. Wenn du dich wirklich in ihn verliebt hast – und das hast du – dann wirst du es ihm sagen müssen. Vielleicht ist es auch ganz gut so. Sonst steht dir das immer im Weg.“
„Aber er will mich nicht mehr sehen.“
„Gib ihm ein paar Tage Zeit, gesund zu werden. Und dann versuch es.“
„Meinst du wirklich?“
„Ja.“, Alicia war etwas ungeduldig geworden.
„Christoph, wir waren schon einmal soweit. Meinst du nicht, es wäre an der Zeit, dass du dir professionelle Hilfe holst?“
„Ich kann doch keinem Fremden erzählen, was…nein…“
„Aber vielleicht tut es dir ganz gut, und man kann dir helfen, die Dinge in das richtige Licht rücken. Vielleicht kommt dann einiges mehr in Ordnung.“
Christoph fuhr sich mit der Hand über die Stirn.
„Ich weiß nicht ob ich das kann…“

Christoph war die nächsten Tage absolut nicht konzentriert, seine Gedanken kreisten um Felipe und wie er es anstellen konnte, dass dieser ihm zuhörte. Gleichzeitig hatte er sich überwunden und sich Alicias Rat zu Herzen genommen. Im Internet hatte er eine Einrichtung gefunden, welche ihm helfen konnte. Sie war im Norden außerhalb von Hamburg. Er hatte dort angerufen, und kurzfristig einen Termin bekommen. Zwei Tage später sollte er bereits anreisen. So weit, so gut. Aber vorher wollte er definitiv noch einmal versuchen, mit Felipe zu reden, ihm zu erklären. Er war ihm die Wahrheit schuldig, das wusste er.
Er saß in der Pianobar und trank eine Tasse Kaffee, als Natascha, mit dem Handy am Ohr, an ihm vorbeirauschte.
„Ach, das ist wunderbar. Kannst du ihn nach Hause bringen und sag ihm liebe Grüße von mir, ich komme ihn so schnell es geht besuchen…Klar kann er uns anrufen, wenn er was braucht.“
Christoph trat zu Natascha an die Bar.
„Entschuldigen Sie, ich konnte nicht umhin als das zu hören. Herr de la Cruz wurde aus dem Krankenhaus entlassen?“
Natascha nickte und beäugte Christoph. Wieviel wusste Sie?
„Ja, Michael bringt in gerade in seine Wohnung. Wir wollten ihn wieder für ein paar Tage bei uns aufnehmen, aber der stolze Sudländer wollte und nicht zur Last fallen, und…“
„Danke, Frau Schweitzer.“
Christoph verließ die Pianobar.

Zehn Minuten später saß er hinter seinem Schreibtisch, ein leeres Blatt Papier vor sich, in der Hand einen Füllfederhalter.
„Lieber Felipe,“ schrieb er oben auf den Bogen.
Dann zerknüllte er das Blatt.

Das geht so nicht. Wie soll ich ihm das schreiben? Aber wie soll ich es sonst anstellen? Was soll ich machen?

Felipe war gerade auf dem Sofa eingedöst. Michael Niederbühl hatte ihn nach Hause gebracht und ihn mit allem versorgt, was er brauchte. Endlich hatte er eine einigermaßen komfortable Position gefunden, die seine Rippen nicht belastete. Die Schmerztabletten wirkten. Plötzlich riss ihn ein Klingeln aus dem Dämmerschlaf. Er dachte darüber nach, es einfach zu ignorieren. Natascha und Michael hatten einen Zweitschlüssel, und sonst wusste noch niemand, dass er wieder zu Hause war. Es klingelte erneut. Wer konnte das nur sein. Die Antwort kam, als das nächste Klingeln ausblieb und durch ein Klopfen ersetzt wurde.
„Felipe, bist du da?“
Felipe riss die Augen auf. Das war Christophs Stimme. Was wollte ausgerechnet der jetzt hier?
„Felipe, bitte, wenn du da bist, mach auf, ich muss mit dir reden!“
Einen Moment lang dachte Felipe nach. Dann erhob er sich ächzend. Es klopfte wieder. Er schlurfte zur Tür und öffnete sie.
„Gekommen um den Job zu beenden?“, fragte er matt, aber böse funkelnd.
Felipe sah Christoph an. Schlecht sah er aus, das Gesicht abgeschlafft, die Körpersprache eingefallen. Nichts von der Arroganz und der Kontrolle, die er sonst ausstrahlte, strahlte nun. Ein Häufchen Elend stand da. Ja, das traf es am ehesten.
„Felipe, bitte, ich will dir erklären…“
„Das ist es doch schon wieder. Du willst. ICH will es aber nicht hören, nicht mehr. Christoph, ich bin keine 16 mehr. Lass mich einfach in Ruhe.“
Felipe wollte die Tür schließen, aber Christoph stellte den Fuß dazwischen.
"Nimm den Fuß weg, cabrón!“, herrschte Felipe Christoph an.
Christoph wollte etwas sagen, aber er wusste, es brachte nichts. Der stolze Südländer hatte seine Mauer aufgebaut. Langsam zog Christoph den Fuß zurück, und Felipe schmiss die Tür vor seiner Nase zu. Felipe ließ sich wieder auf das Sofa sinken. In ihm brodelte es. Draußen stand Christoph vor der Tür. Das war absolut nicht gut gelaufen. Was sollte er jetzt noch machen? Er wusste keinen Rat mehr.

Christoph wurde am nächsten Tag davon geweckt, dass ihm jemand gegen den Schuh trat. Mit einem Stöhnen und einem Schmerz im Rücken wachte er auf und schlug verschlafen die Augen auf. Er sah nach oben. Felipe sah ihn von oben herab an, eine Tüte vom Dorfbäcker in der Hand, eine Hoodie Kapuze auf dem Kopf. Christoph Saalfeld hatte die Nacht vor Felipes Tür verbracht.
„Komm rein.“, meinte Felipe knapp, schloss die Tür auf, und trat hinein.
Einen Moment musste Christoph seine Gedanken sortieren, bevor er sich schmerzgequält erhob und in Felipes Wohnung trat.
„Kaffee?“, fragte Felipe, während er in die Küche humpelte.
„Ja, bitte.“
Ein paar Minuten lang war Felipe in der Küche beschäftigt. Dann kam er mit zwei Tassen dampfenden Kaffee in der Hand ins Wohzimmer zurück. Christoph stand immer noch verloren da.
„Also, du wolltest noch einmal mit mir reden.“, stellte Felipe fest.
Christoph nickte, sagte aber nichts.
„Vielleicht solltest du dann auch mal mit dem reden anfangen…“
„Darf ich…“
Christoph deutete auf das Sofa.
Felipe verdrehte die Augen.
„Klar, setz dich.“
Christoph ließ sich langsam auf das Sofa sinken. Felipe setzte sich in einen nahestenden Sessel und sah Christoph an.
Ein paar Momente herrschte Stille, dann:
„Ich wollte das alles nicht. Nichts von alledem.“, sagte Christoph tonlos und sah dabei auf seine Handflächen.
„Ich wollte die nahen Momente nicht. Diese Streitereien, all die Dinge, die ich dir angetan habe, ich wollte auch die Küsse nicht, und ich wollte auch den Sex mit dir nicht.“
Wieder Stille.
„Das dachte ich zumindest. In Wirklichkeit…ist alles anders.“
Christoph sah Felipe an, und der erschrak. Christophs Augen waren glasig, wie die eines gebrochenen Menschen.
„Und dann kamst du in mein Leben, und…ich habe gemerkt, dass ich mich selbst nicht kenne. Ich konnte nicht mehr aufhören, an dich zu denken, aber ich wollte gleichzeitig nicht an dich denken, und das hat mich fertig gemacht. Ich wusste nicht, was richtig war, und was falsch und wie ich zu denken…und zu fühlen habe. Du hast etwas mit mir gemacht, was ich noch nie erlebt habe, Felipe Pereira de la Cruz. Und das hat mir so viel Angst gemacht, dass ich um mich geschlagen habe.“
Stille. Christoph schniefte auf. Sollte Felipe etwas sagen? Er blieb still.
„Als ich den Angriff auf die angeordnet habe, hat es Klick gemacht. Ich wollte nicht, dass dir was passiert. Ich wollte auch nicht, dass du aus meinem Leben verschwindest…Es gibt eine Sache, die mir zugestoßen ist, vor vielen Jahren, und ich denke, du hast ein Recht, es zu erfahren. Ich habe das außer die nur meiner Exfrau Alicia gesagt.“

Und dann begann Christoph, seine Geschichte zu erzählen. Es war, als wäre er wieder da. Dieser Gestank von damals, diese Gefühle, dieser Übergriff… Felipe hatte Christoph einfach erzählen lassen, aber in ihm kämpfte er mit den Tränen. Das, was Christoph zugestoßen war, sollte niemandem zustoßen. Irgendwann brach Christoph ab. Tränen fielen von seinem Gesicht und verfärbten die Knie seiner Hosen dunkel.
Nachdem Christoph seine Stimme wiedergefunden hatte, sprach er weiter, es war nur ein Flüstern.
„Seitdem habe ich mich nie wieder von einem Mann anfassen lassen. Ich fand das…eklig. Meinen eigenen Sohn habe ich verstoßen, als er sich geoutet hat. Ich habe einfach nicht geglaubt, dass es sowas auch…für zwei Liebende gibt. Männer konnten sich nicht in Männer verlieben. Und dann du, damals, das Glas bei dem Feuerwerk, der Kuss, die Nacht…Ich habe mich in dich verliebt, aber…ich konnte es mir nicht eingestehen.“
Christoph sah Felipe mit verweinten Augen an. Felipe wischte sich über das Gesicht.
„Ich gehe jetzt wohl besser…“, meinte Christoph und wollte schon aufstehen.
„Ich fahre morgen für einige Zeit weg, um mir helfen zu lassen, aber ich dachte, du solltest erfahren, warum ich so gehandelt habe. Ich bettele nicht um Entschuldigung, weil es dafür keine gibt, das weiß ich.“
Felipe gebot ihn mit einer Handbewegung, sitzen zu bleiben.
„Ich würde dich gerne umarmen…“, flüsterte Felipe.
„Wäre das in Ordnung für dich?“
Christoph nickte vorsichtig. Felipe stand auf und ließ sich neben Christoph auf dem Sofa sinken. Dann legte er eine Hand um Christophs Schultern. Der sah ihn mit großen Augen an, etwas Angst spiegelte sich darin. Langsam zog Felipe Christoph zu sich her und drückte ihn an sich. Er spürte, wie Christophs Spannung sich langsam löste und er in seine Arme sank.
„Ich bin da, wenn du wieder zurückkommst. Und dann reden wir.“, flüsterte Felipe in Christophs Ohr.
Die beiden lösten sich aus der Umarmung.
„Okay?“, fragte Felipe.
„Das würde mich sehr freuen.“, flüsterte Christoph.

Fünf Minuten später kam Felipe mit den Brötchen aus der Küche, aber Christoph hatte sich auf dem Sofa eingerollt und war eingeschlafen. Mit einem Lächeln nahm Felipe die Decke und deckte Christoph zu. Er war offen für das, was die Zukunft für sie brachte. Jetzt mussten erst einmal die Wunden heilen, die blauen Flecke auf Haut und Seele, und dann konnte sie sich vielleicht noch einmal vollkommen neu begegnen.
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