Unkraut vergeht nicht

GeschichteDrama, Freundschaft / P16 Slash
Abigail Farmer (weiblich) Leah Sam Sebastian
27.06.2019
26.01.2020
6
11.077
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27.06.2019 2.190
 
Triggerwarnungen:Sex, Drogen, Depressionen, Rassissmus, Misgendering


Drei Mal musste ich die Tür zuschlagen, jedes Mal ein bisschen fester, bis sie endlich krachend ins Schloss fiel. Das Innere der Wohnung war dunkel, die Rollos waren heruntergelassen, so dass nur wenige Strahlen Tageslicht in den kargen Raum fielen. Der beißende Geruch, der in der Luft lag, zeugte von den Ereignissen, die letzte Nacht hier stattgefunden haben mussten. Ich musste die Nase rümpfen. In unserer Wohnung roch es, als hätte die Fischtheke in einem JoJa-Markt mit dem Billigpuff die Straße runter ein uneheliches Kind gezeugt.
"Verdammte Scheiße, Kal!", fluchte ich lauthals und ließ meine Handtasche auf die zerschundene Schuhkommode fallen, die ich vom Sperrmüll gerettet hatte, nahm sie aber sofort wieder hoch, als ich merkte, dass etwas darunter lag. Beim näheren Hinsehen erkannte ich, dass es sich um den BH meiner Mitbewohnerin handeln musste. Aber nicht nur auf dem Schuhschrank lagen Klamotten -  "Wenn du dich schon durch diese verschissene Wohnung ficken musst, dann reiß hinterher wenigstens die scheiß Fenster auf!"
Genervt ging ich zu den Fenstern, lichtete die Rollos und sorgte dafür, dass die kühle Morgenluft den ekligen Gestank aus unseren vier Wänden vertrieb.
Erst jetzt merkte ich, was für ein Chaos Kal wirklich hinterlassen hatte. Ihre Wäsche und die ihres Lovers lag quer im Wohnzimmer verteilt. Ihren Slip fand ich auf meinem Lieblingssessel, eine Unterhose lag auf dem Fernsehtisch, eine zweite ...
"Ach scheiße, Kal. Ist das dein verfickter Ernst?"
Kal und ich wohnten seit etwas über fünf Jahren zusammen. Wir kannten uns von der Universität, hatten mit Biologie dasselbe Hauptfach gewählt, hatten ähnliche Interessen und waren uns so recht schnell einig, dass es im Mietmoloch von Zuzu das Schlaueste wäre, eine Wohngemeinschaft zu gründen. Wir waren nie besonders enge Freunde, was vor allem daran lag, dass Kal nur Augen für ihre Freundin Leah hatte, doch seit sie sich vor knapp einem halben Jahr getrennt hatten, war Kal in ein tiefes Loch gefallen – was sie mit anonymem Sex stopfte.
Viel viel anonymem Sex.
"Was schreist du hier 'rum, meine Fresse? Die Wände sind dünn, die Nachbarn hören doch alles."
Ich drehte mich um und sah Kal vor mir stehen. Bis auf ein paar Strapse war sie komplett nackt – ein Anblick, der mich keineswegs schockierte, wenn sie auch nicht wirklich meinen Geschmack traf. Kal war dünn, nicht mager, aber sehr schmal gebaut, was sich auch an ihrem quasi nicht vorhandenen Vorbau bemerkbar machte. In weiten Klamotten konnte man sie durch ihr recht kantiges Gesicht auch schnell mit einem Jungen verwechseln – was mir an unserem ersten Studientag auch passiert war.
Ich zuckte mit den Schultern und schüttelte den Kopf. "Oh ja, mein Geschrei ist garantiert das Verstörendste, was sie in letzter Zeit aus diesem Drecksloch hier gehört haben. Schon klar."
Kal verdrehte die Augen und sah mich entnervt an. "Du bist 'ne verfickte Heuchlerin, Lesley, weißt du das?"
"Was willst du mir jetzt damit sagen?!"
"Sieh dich doch an. Du hattest auch eine wilde Nacht hinter dir, wie du aussiehst. Und da war vermutlich mehr, als nur ein Schwanz im Spiel, wenn ich mir deine Augen ansehe."
Lose Fetzen der Erinnerung sprangen mir durch den Kopf. Nach der Arbeit wollte ich noch etwas runterkommen, also war ich im Club. Eigentlich wollte ich nur ein oder zwei Bier trinken, aber irgendwann musste es eskaliert sein. Heute morgen wachte ich nackt neben einem Kerl auf. Ich kannte weder seinen Namen, noch konnte ich mich daran erinnern, dass er mit mir geredet hatte. Aber das Gefühl, das ich nach dem Aufwachen hatte – diese fürchterliche Leere, dieses Brennen, diese Übelkeit – waren viel schlimmer, als ein einfacher Kater. Ich hatte keinerlei Ahnung, was wir da genommen hatten, aber allein der Gedanke reichte, um mich der Verzweiflung nahe zu bringen.
"Fick dich, Kal, das geht dich gar nix an", sagte ich und drehte den Kopf zur Seite.
"Ha, wusste ich es doch! Was war es diesmal? Crack? Badesalz? Meth?"
"Ich sagte fick dich!"
Kal prustete. "Brauch ich nicht. Meine Lover sind noch da, die erledigen das."
Gerade konnte ich noch verhindern aufzuschreien, die Wut nahm mir jedoch die Kraft in den Beinen und ich ließ mich in den Sessel fallen.
"Fuck!", fluchte ich leise und schlug mit voller Wucht auf die Armpolster von Großvaters Sessel. "Fuck, fuck, fuck, fuck, fuck!" - Ein Schlag mit jedem Wort. Tränen liefen mir über die Wangen.
Ich war clean, verdammte scheiße! Drei Jahre lang hatte ich keine illegalen Substanzen mehr genommen, nicht einmal Cannabis geraucht und nun hatte ich mir irgend einen Scheiß reingezogen, von dem ich weder wusste, was es war, noch, was es mit mir gemacht hatte!
Kal legte mir eine Hand auf die Schulter und riss mich aus den Gedanken. "Hey Lesley, das war dumm von mir. Tut mir Leid." In ihren Augen erkannte ich eine gewisse Regung, wie Mitleid sah es aber nicht aus, viel mehr wirkte sie genervt.
Ich winkte ab. "Passt schon ..."
Kals Finger drückten sich etwas stärker in meine Schultern. "Du Les, sag mal ... könntest du diesen Monat die Hälfte meiner Miete mit übernehmen? Ich bin etwas knapp bei Kasse."
Kaum ausgesprochen, richtete sich Kal wieder auf und ging, ohne auf eine Antwort zu warten, in Richtung ihres Raumes zurück.
"Schon wieder? Willst du mich verarschen? Das ist der dritte Monat in Folge, dass ich deine Scheiße übernehme! Ist das dein verfickter scheiß Ernst?!" Dieses Mal konnte ich nicht an mich halten und schrie Kal so laut ich nur konnte hinterher, rechnete jedoch mit keiner Antwort mehr – wusste, dass ich mit keiner Antwort rechnen brauchte.
Das Klingeln des Telefons riss mich aus meinem Zorn und schürte stattdessen Unmut. Am Klingelton hörte ich, dass es die Arbeit sein musste. Ich seufzte schwer und holte das Handy aus meiner Tasche. Tatsächlich stand der Name meines Chefs auf dem Display.
"Bryn?", meldete ich mich und versuchte dabei ruhig und neutral zu klingen.
"Lesley, wo zum Teufel stecken Sie?", schrie mich eine aggressive Stimme an. "Sie hätten vor über einer Stunde an Ihrem Platz sein müssen!"
"Entschuldigung?", entgegnete ich eingeschüchtert und verwirrt.
"Mit einer Entschuldigung kommen Sie nicht durch, verdammt!"
"Aber ich hatte doch heute meinen freien Tag?", versuchte ich den Zorn meines Chefs zu lindern.
"Ich habe Ihnen gestern Abend eine E-Mail geschrieben, dass Ihr freier Tag verschoben werden muss! Aber anscheinend hatte ich ja Recht mit meinen Zweifeln, als ich sie eingestellt hatte! Sie sind unzuverlässig und schlecht für's Geschäft! Lesley, Sie sind hiermit fristlos entlassen!" Er legte ohne auf ein weiteres Wort zu warten auf und ließ mich vollkommen perplex zurück.
Das konnte doch nicht wahr sein? Bereits drei Monate nach Studienbeginn hatte ich gemerkt, dass ich den Anforderungen der Zuzu-Universität nicht gewachsen war und entschied mich, das Studium abzubrechen. Seitdem – mittlerweile über viereinhalb Jahren – arbeitete ich im Einkauf bei JoJa, immer pünktlich, immer freundlich! Ich leistete jede Überstunde – und davon gab es reichlich – ohne zu murren und ohne auch nur einen Gedanken an Ausgleich oder Bezahlung zu denken und nutzte lediglich die paar wenigen freien Tage während des Fests des Wintersterns zur Erholung!
Ich war verschissen noch einmal die beste Mitarbeiterin in dieser ganzen verfickten Abteilung!
Mit vor Zorn zitternden Händen wählte ich den Rückruf. Es klingelte, zwei Mal, drei Mal, dann wurde mein Anruf weggeklickt.
Schweiß trat mir auf den Nacken, mein Blick starrte leer und verständnislos auf das Display, kurzzeitig hatte ich das Gefühl, mein Herz bliebe stehen. Noch einmal versuchte ich, meinen Chef anzurufen, doch er wies das Telefonat wieder ab.
War es das? War das sein letztes Wort?
Vor Wut schmiss ich mein Telefon durchs Wohnzimmer. Mit einem lauten Scheppern krachte es gegen das Bücherregal und sprang in seine Einzelteile auseinander. "Verdammte Scheiße!" Ich vergrub mein Gesicht in meinen Fingern, spürte, wie mir die Tränen unkontrolliert über die Hand liefen und dann hörte ich meine eigene Stimme in unendlicher Ferne schreien.

"Du könntest auf der Farm deines Großvaters eine Auszeit nehmen, Schatz." Die Stimme meiner Mutter am anderen Ende der Festnetzleitung klang fürsorglich und liebevoll, ich hörte jedoch auch Furcht und Trauer in ihr heraus. Es war schon wieder dunkel, als ich mich aus der Starre meiner Verzweiflung gelöst hatte. Kal war gegangen, ohne nach mir zu schauen, was typisch für sie war.
"Opa ist seit vier Jahren tot, Mum. Was soll ich auf einem verlassenen Bauernhof?"
"Vielleicht tut dir der Abstand zu Zuzu etwas gut. In den letzten zwei Jahren hast du kaum auch nur einen Fuß aus der Stadt gewagt. Wann warst du denn das letzte Mal hinter der Stadtgrenze? Selbst zum Fest des Wintersterns bist du ja nicht aus der Stadt rausgekommen. Willst du nicht mal wieder das Sternentau-Tal besuchen? Das ist nur zwei Fahrstunden mit dem Bus entfernt. Du warst als Kind so oft bei deinem Großvater zu Besuch! Ich bin mir sicher, wenn wir uns bei Bürgermeister Lewis in Pelikan melden, würde er alles für dein Kommen vorbereiten. Wir können dich Ende des Monats dann besuchen kommen und ..."
"Mum!", unterbrach ich ihren Redeschwall, der wohl sonst nie geendet wäre. "Das ist wirklich äußerst lieb von dir, aber ich glaube das Leben auf dem Bauernhof ist nichts für mich. Ich denke, ich werde ein wenig jobben. Kellnern, putzen, oder so. Irgendwann wird sich schon wieder ein Job für mich finden."
Eine kurze Pause am Ende der Leitung, dann hörte ich meine Mutter seufzen. "Ach Schatz, du mutest dir einfach zu viel zu. Ich und dein Vater machen uns Sorgen um dich. Nicht, dass du irgendwann noch zusammenbrichst, oder dir irgendwas antust. In der Stadt kommt man ja an alle möglichen Sachen ran, habe ich gehört."
Wenn sie wüsste, dachte ich mir. Ich hatte meinen Eltern nie etwas von meinen Eskapaden erzählt. Nicht von den Drogen, nicht von meinen Liebschaften. Ich liebte meine Eltern, ganz ohne Frage, aber ich war ihr einziges Kind und sie entsprechend überfürsorglich. Zu wissen, dass ich mich Jahre lang mit allen möglichen Giften zugedröhnt hatte, hätten sie niemals verstanden.
"Ich werde darüber nachdenken, Mum, ja? Aber heute bin ich einfach nur müde."
"Das verstehe ich, mein Schatz. Das muss ein harter Tag für dich gewesen sein. Mach dir einen Tee, schlaf' eine Nacht darüber und morgen wird die Welt garantiert wieder ganz anders aussehen, glaub mir. Und wenn alle Stränge reißen, kannst du auch gerne wieder erst einmal zu uns kommen. Dein Vater und ich würden uns freuen, dich zu sehen!"
Stumm schüttelte ich den Kopf. Nein, definitiv nicht. Die Blöße, zu ihnen zurückzugehen, würde ich mir nicht geben.
Zu meiner Erleichterung öffnete sich genau in diesem Moment die Wohnungstür. "Oh, ich muss schlussmachen, Mum. Kal kommt wieder nach Hause."
"In Ordnung, Schatz. Hab einen schön..." Ich legte auf, bevor sie zu Ende reden konnte. Wahrscheinlich hätte sie in fünf Minuten immer noch geredet.
"Ah, du bist wieder wach, Lesley!", begrüßte Kal mich. Hinter ihr stand ein Kerl, der beinahe doppelt so breit war, wie sie. Sportler ganz offensichtlich, vermutlich Footballspieler.
Ich nickte lediglich kurz, war ich doch ziemlich sauer auf meine Mitbewohnerin. Obwohl wir nur lose Freunde waren, nahm ich ihr es dennoch übel, dass sie gegangen war, ohne mich auch nur zu beachten. Hätte sie es überhaupt mitbekommen, wenn mir etwas zugestoßen wäre? Oder ich mir gar etwas getan hätte?
"Du sag mal", säuselte sie mit süßlicher Stimme und schaute zwischen ihrem Lover und mir hin und her, "er fand den Gedanken, dass ich eine schwarze Mitbewohnerin habe, ganz ansprechend. Er hatte noch nie etwas mit einer Farbigen, meint er."
Der Kerl nickte. "Aber ich steh auf Schokolade."
Mir schauderte, als ich diesen Satz hörte. Mit hochgezogener Augenbraue sah ich Kal und ihre Eroberung an. War das ihr verfickter ernst? Vorhin erst hatte ich einen Nervenzusammenbruch und meine eigene Mitbewohnerin, die blöde Trulla, die mir von all den Menschen in dieser beschissenen Stadt noch am nächsten stand, hatte sich einen Scheiß dafür interessiert und jetzt kam sie mit der grenzdebilen Idee, mir ihren Lover andrehen zu wollen? Was hatte sie vor? Wollte sie ihn nicht? Oder wollte sie einen Dreier?
Ich nahm kommentarlos das Festnetztelefon zur Hand und wählte die Nummer meiner Mutter. "Mum, ich bräuchte etwas Startkapital. Anfang kommender Woche ziehe ich auf Opas Farm." Dann legte ich wieder auf.
Ohne ein weiteres Wort stand ich auf und ging in mein Zimmer. Kal und ihr Lover schauten mir verwirrt hinterher. Ich drehte mich um und zog mein Top über den Kopf.
"Wisst ihr, mir ist gerade einfach alles scheiß egal."
Während Kal und ihr Kerl mein Zimmer betraten, war ich in meinen Gedanken schon mehrere Stunden entfernt. Viele Jahre in der Vergangenheit. Damals, als mein Opa noch lebte und ich die vermutlich schönste Zeit meines Lebens verbracht hatte.