Henrys Antwort

KurzgeschichteSchmerz/Trost / P12 Slash
Viktor Saalfeld
27.06.2019
27.06.2019
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Lieber Viktor,

wenn ich ganz ehrlich sein darf, dann weiß ich gerade gar nicht, was ich jetzt schreiben oder wo ich überhaupt anfangen soll.
Deinen Brief habe ich bekommen – und ihn auch direkt gelesen, obwohl ich immer noch nicht richtig glauben kann, was Du mir da geschrieben hast.
Dass Du so für mich empfindest und auf diese Art und Weise Interesse an mir hast, damit hätte ich offen gestanden niemals gerechnet.
Das bedeutet, natürlich habe ich gemerkt, dass Du Dich seit einiger Zeit etwas merkwürdig verhältst und oft ziemlich kurz angebunden warst – ohne das nun in irgendeiner Form negativ zu meinen –, aber dass so etwas dahinterstecken würde, hätte ich ehrlich gesagt nie erwartet.
Wie Du es treffend ausgedrückt hast, war ich sehr überrascht und teilweise auch überfordert, nachdem ich Deinen Brief gelesen hatte.
Dass Du mich so gern hast, auf diese Art und Weise, das ist, um ganz ehrlich zu sein, noch gar nicht so richtig bei mir angekommen. Und ich habe auch nie etwas geahnt oder bemerkt. Vielleicht bin ich dafür einfach nicht empathisch genug – aber mir ist wirklich nie aufgefallen, dass Du meinetwegen so nervös bist.
Doch jetzt, nachdem ich weiß, was dahintersteckt, ergibt das alles auf einmal einen Sinn. Dein ganzes Verhalten und die stetigen Ausweichmanöver, wenn unsere Gespräche in diese Richtung liefen. Das war alles meinetwegen. Und ich Trottel habe es nicht erkannt.
Ich hoffe, Viktor, das nimmst Du mir nicht übel. Und ich möchte Dir auch versichern, dass ich alles, was ich gleich schreibe, in keiner Form böse meine oder Dich gar damit verletzen will.

Zuallererst möchte ich Dir sagen, dass ich nicht sauer auf Dich bin, so wie Du vielleicht denkst. Und dass ich Dich auch nicht hasse, geschweige denn, nichts mehr mit Dir zu tun haben will.
Ich weiß überhaupt nicht, wie Du auf so eine Idee gekommen bist. Warum sollte ich nichts mehr mit Dir zu tun haben wollen? Warum sollte ich wütend auf Dich sein? Weil Du Gefühle für mich hast?
Das hast Du Dir schließlich nicht ausgesucht. Und es wäre einfach nur dumm und unfair von mir, würde ich Dir daraus einen Strick drehen wollen. So etwas passiert ganz einfach. Da gibt es keinerlei Anlass, wütend auf Dich zu sein.
Allerdings, und das muss ich offen zugeben, dass Du offenbar homosexuell bist, hat mich doch ein klein wenig überrascht. Das hätte ich nicht erwartet, ehrlich gesagt.
Aber nicht dass Du das jetzt irgendwie falsch verstehst: Ich habe absolut kein Problem damit. Das heißt, es macht mir nichts aus. Oh Mann, das klingt jetzt sicher auch total bescheuert – aber ich hoffe, Du weißt, was und wie ich es meine.
Ich will sagen: Es kam ganz einfach unerwartet für mich, besonders weil ich bislang den Eindruck hatte, dass Du ein Auge auf diese Ärztin Alicia Lindbergh geworfen hast.
In dem Punkt lag ich zwar offensichtlich falsch – aber immerhin mit dem Arzt-Teil lag ich nicht ganz verkehrt, oder?
Nun, jedenfalls ist es für mich absolut kein Problem, wenn Du an Männern Interesse hast. Das wollte ich damit ausdrücken, auch wenn es sicher total bescheuert klingt. Für mich ist das ganz normal. Und bevor ich jetzt noch mehr Nonsens von mir gebe: Vergiss dieses Geschwurbel hier am besten gleich wieder. Ich bin gerade einfach noch etwas durcheinander.
Und bitte glaub mir, Viktor: Ich will und werde Dir weder einen Vorwurf machen, geschweige denn, Dir aus dem Weg gehen oder Dich gar verachten. Ich habe absolut keinen Grund dazu – und würde es darüber hinaus auch gar nicht übers Herz bringen.
Gefühle sucht man sich nicht aus, das weiß ich aus eigener Erfahrung. Deshalb wäre es absolut ungerecht von mir, wenn ich Dich dafür verurteile. Das will ich nicht, das kann ich nicht – und das steht mir auch in keiner Art und Weise zu.
Vielmehr bewundere ich Dich, dass Du so ehrlich warst und bist – ich weiß wirklich nicht, ob ich das an Deiner Stelle gekonnt und mich getraut hätte. Es gehört sehr viel Mut dazu, sich zu überwinden. Und dafür verdienst Du meinen vollsten Respekt.

Trotzdem muss ich leider noch eine Sache erwähnen und damit zum unangenehmen Teil dieses Briefes kommen, den ich sowohl Dir als auch mir gerne ersparen würde. Vor allem deshalb, weil ich Dich wirklich sehr schätze und Dir nur ungern wehtun möchte.
Viktor, es schmeichelt mir wirklich sehr, dass Du so für mich empfindest und ich bewundere Dich ehrlich für Deinen Mut. Aber leider kann ich Deine Gefühle nicht erwidern. Ich bin leider nicht homosexuell, tut mir Leid – und Dir etwas anderes zu erzählen oder gar vorzuspielen, wäre einfach nicht richtig.
Ich schätze Dich als Freund und habe Dich auch wirklich sehr gern – aber mehr ist da ganz einfach nicht.
Und sollte ich Dir zu irgendeinem Zeitpunkt Hoffnungen gemacht oder Dir ein falsches Signal gegeben haben, dann tut mir das wirklich aufrichtig Leid.
Wie gesagt, ich möchte Dich nicht verletzen – aber trotzdem klarstellen, dass aus uns beiden leider nichts werden kann. Auch wenn es mir ehrlich schmeichelt, ich kann Deine Gefühle nicht erwidern.
Ich hoffe, das kannst Du so akzeptieren, denn ich möchte Dich nur sehr ungern als Freund verlieren. Und es wäre sehr schade, wenn das fortan zwischen uns steht.
Du bist ein großartiger Mensch, Viktor – und ich wünsche Dir wirklich von ganzem Herzen, dass Du eines Tages einem Mann begegnest, der Dich aufrichtig liebt und Dich so annimmt, wie Du bist.
Und auch, wenn es nun sicherlich kein Trost für Dich ist, aber: Wenn ich schwul wäre, dann wärst Du ganz bestimmt der Letzte, zu dem ich Nein sagen würde. Das mag nun klingen wie ein leerer Spruch, aber bitte glaub mir: Ich meine es wirklich ernst.
Du bist ein toller Mensch, Viktor. Und zweifellos ein attraktiver Mann. Das gebe ich offen und ehrlich zu. Und ich wünsche Dir von ganzem Herzen, dass Du glücklich wirst und einen Partner findest, der Dich verdient und bedingungslos zu Dir hält.
Außerdem hoffe ich, dass wir trotzdem weiter befreundet bleiben können und diese Sache nicht zwischen uns steht. Von meiner Seite aus gibt es da absolut nichts, was dagegen spricht.
Wenn Du das allerdings nicht möchtest oder kannst, wenn es Dir unangenehm ist, weiter mit mir zusammenzuarbeiten, dann verstehe und respektiere ich das.

Du bist mir wirklich wichtig, Viktor. Und ich habe Dich auch sehr gern. Aber eben nur als guten Freund. Mein Herz gehört leider schon jemandem. Und ich glaube auch, dass Du sie mehr als nur gut kennst.
Bitte nimm Dir so viel Zeit wie Du brauchst, um darüber nachzudenken und sag mir dann Bescheid, ob Du trotzdem noch mit mir befreundet sein möchtest. Ich fände es sehr schön und würde mich darüber freuen.
Und bitte sei nicht allzu enttäuscht, dass aus uns leider nichts werden kann. Ich weiß, dass man das immer so leicht sagt, aber glaub mir: Du findest den Richtigen schon. Irgendwie, irgendwo und irgendwann.
Und ich weiß jetzt schon: Der Mann, der einmal an Deiner Seite gehen darf, kann sich sehr, sehr glücklich schätzen.

Alles Liebe,
Dein Henry
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