Der Sternenspiegel

KurzgeschichteFantasy, Übernatürlich / P16
27.06.2019
27.06.2019
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Ilais schwere Schritte hallten an den massiven Steinwänden wieder, die seinen Weg von beiden Seiten einpferchten und ihm das Gefühl gaben, winzig klein und unglaublich unbedeutend zu sein.
Er zog sich den übergroßen Schal weiter vor den Mund, weil der steife Wind, der den Felsen zum Schreien und Singen brachte, beißende Kälte mit sich führte. Er fröstelte. Die Hände in dicke Handschuhe gekleidet, versuchte er, mit Daumen und Zeigefinger die schwere Wolle des Schals vor seiner Nase zu halten, damit sie ihm nicht plötzlich abfror und zu Boden fiel. Er hatte gerne eine Nase.
Strider störte sich nicht sehr an der Kälte. Er tobte über den kiesigen Pfad hin und her und rannte voller Wonne auf und ab. Hin und wieder vernahm man ein leises Kläffen. Es hallte genauso an den Wänden wieder wie Ilais Schritte, aber der Wolfshund hatte sich mittlerweile daran gewöhnt und sah sich nicht jedes Mal misstrauisch um, wenn die Wände seinen Ruf mehrfach zurücktrugen.
Zwischen der kargen Landschaft in Grau waren die kräftigen und bunten Farben des Schals, den Ebony ihm als Bezahlung gestrickt hatte, das einzig auffällige weit und breit. Doch Ilai war es egal. Obwohl er normalerweise schlichte Kleidung bevorzugte, erwartete er hier keinen Angriff, und selbst wenn, hätte er sich bei diesem Frost nur schwerlich, vermutlich gar nicht, von der schweren Wolle trennen können.
Er fluchte unterdrückt, obwohl in dieser Einöde ohnehin niemand da war, um ihn zu hören. Wieso genau hatte er sich auf diesen Weg begeben, wenn alles in ihm nur danach schrie, auf der Stelle Kehrt zu machen und nach Hause zurückzustampfen? Er war freiberuflich, er hatte keinen Orden im Nacken, der ihn herum schicken konnte, wie es ihm beliebte. Er nahm einen Auftrag an oder eben nicht.
Und doch war er nun hier.
Erneut fluchte Ilai unterdrückt, blieb stehen und strich sich den Schweiß aus dem Nacken, der durch die dicke Kleidung und die Anstrengung auf seiner Haut perlte und ihn damit nur noch mehr frieren ließ. Körper hatten eine eigenartige Weise, zu funktionieren. Er murrte.
Seit Tagen war er unterwegs und allmählich fragte er sich, ob er jemals sein Ziel erreichen würde oder ob er zu nahe an einer Nahtstelle der Hölle angelangt war und den Verstand verloren hatte.
Sein Blick suchte Strider, der gerade eine Anhöhe zu Ilais Rechter empor rannte und sich neugierig, aber nicht allzu wachsam umblickte. Nein, keine Nahtstelle der Hölle. Im Frostgebirge sollte auch keine sein. Diese Orte konnte man von weitem sehr gut ausmachen, vor allem im Dunklen, wenn die, zugegeben wunderschönen, Farben der Hölle leuchteten wie Nordlichter.
Außerdem hätte Ilai es bemerkt, wenn er sich einem solchen Schnitt genähert hätte. Einmal hatte seine Mission ihn zu einer solchen Stelle geführt. Dort wo die Hölle aussah, als hätte sie einen Auffahrunfall mit der Menschenwelt erlitten, und Splitter beider Welten so eng miteinander verbunden waren, dass man lediglich an den Farben ausmachen konnte, was in welche Dimension gehörte.
Zumindest, wenn man noch klar genug im Kopf war, denn je weiter man sich einem solchen Riss näherte, umso schlimmer spielten die Sinne einem Streiche. Manche Bastarde wurden wahnsinnig, anderen schwindelte es nur, wiederum manche konnten keinen Schritt mehr geradeaus machen. Oder aufrecht stehen bleiben.
Was in gewisser Weise ungerecht war, denn die Dämonen störten sich kein Stück daran, dass sie in eine andere Welt eintraten.
Die Sonne war mittlerweile so weit gewandert, dass sie sich allmählich hinter einer der Felsschluchtwänden verstecken konnte, und die Schatten um ihn herum wuchsen und griffen mit ihren scharfkantigen Enden nach ihm, als würden sie ihn in ihr Reich ziehen wollen.
Glück für Ilai, dass er sich nicht im Dunkeln oder vor bloßen Schatten fürchtete. Dafür hatte er viel zu viel anderes gesehen.
Und doch kam er nicht umhin, einen Stein aufzuheben, damit zu spielen und ihn schlussendlich gegen einen Schatten zu werfen. Für die Dauer einer unendlichen Sekunde erwartete er halb, dass seine Überheblichkeit endlich seinen Meister gefunden hätte. Dass der Schatten doch nicht einfach nur ein Schatten wäre, sondern ihn mit spitzen Krallen angriff.
Aber der Schatten saugte nur den Stein ins Dunkel, wuchs weiter, weil die Sonne sank. Und war auch ansonsten nichts anderes als eine Stelle, an die das Licht nicht herankam.
Ilai stieß die Luft aus und grinste dann schief, ehe er den Pfad weiter ging. Der Kies knirschte beruhigend unter seinen schweren Stiefeln und er war dankbar, sich damals das beste Paar vom Schuster ausgesucht zu haben. Die Sohlen waren so dick, dass selbst die scharfkantigen Kiesel nicht drückten und die Stiefel waren dick gefüttert, dass seine Füße es wohlig warm hatten.


Zwei weitere Tage dauerte seine Reise, ehe Ilai es endlich an sein Ziel geschafft hatte. Die Kälte hatte stetig zugenommen und mittlerweile wunderte er sich darüber, ob er jemals wieder ganz auftauen oder demnächst als Eisgeist eine Stadt in der Nähe unsicher machen würde.
Er hoffte es nicht. Eisgeister waren kaum mehr an Hässlichkeit zu überbieten, mit ihrer ledernen blauen Haut, den schockerstarrten Fratzen und dem hellen Haar.
Außerdem wäre er lieber ein Wesen, das kein Bauer mit einer Metallforke niederstrecken konnte. So viel Selbsterhaltungstrieb war ihm immer geblieben, ganz gleich, welche Schrecken er gesehen hatte.
Sein Augenmerk wanderte zu Strider, der nach wie vor vergnügt herum tollte. Solch lange Spaziergänge gab es immerhin selten und der Wolfshund liebte die Kälte mehr als den Sommer. Das dichte Fell, zurzeit in einem leicht schmutzigen Weißgrau, wehte zwar im Wind mit, hielt den kräftigen Körper darunter aber warm. Das Glück hatte Ilai nicht. Er hatte nur seine Kleidung, doch wo diese in das nächste Stück überging, machten sich die eisigen Böen über seine Haut her. Und es schien ihnen einerlei, ob Ilai eine Jacke trug oder nicht.
Er wollte pfeifen, doch trotz Schal blieben seine Lippen steif und unformbar. Er verdrehte die Augen. „Strider!“
Der Hund wandte augenblicklich den Kopf, kläffte und jagte auf ihn zu. Seine massige Gestalt drückte sich an Ilais taube Beine und reichte ihm bis über die Hüfte. Sehnsüchtig vergrub Ilai die Finger in dem Fell. Gerade in diesen Augenblicken hasste er es besonders, wenn er Handschuhe zu tragen hatte. Denn seine Hände fühlten sich ungeschickt, klobig und nutzlos an. Außerdem vermisste er die sanfte Berührung seines Freundes auf der Haut.
Das einzige, das ihm in dieser Gegend blieb, war der tröstliche Anblick der nächtlichen Sterne, die in den Bergen besonders klar wahrzunehmen waren. Aber leider auch hier nur in der Nacht und noch stand die Sonne über dem Himmel und raubte ihm das, was er genau jetzt zum Trost hätte gebrauchen können.
Erneut kläffte Strider, sah ihn an mit großen braunen Augen, die den Kummer in Ilais Herzen wahrnahmen. Der Hund wollte ihn trösten und schleckte über den rauen schwarzen Stoff, hinter dem sich die Finger verbargen. Er winselte leise.
„Ich weiß, mein alter Freund“, murmelte Ilai und sah sich um. „Ich weiß, dass du es magst, hier zu sein. Und es dir leid tut, dass ich deine Freude nicht teilen kann. Aber ich friere hier am Boden fest, wenn ich nicht gleich weiter gehe. Ich hasse es, mein Haus verlassen zu müssen. Ich mag es nicht, den Stoff nicht einmal ablegen zu können, um deinen Körper direkt zu spüren. Und es passt mir nicht, dass die ganze Strecke zurück genauso lang ist wie der Hinweg. Davon ab, dass wir den Rückweg bisher nicht einmal eingeschlagen haben.“
Ein Stückchen weiter nahm er den leisen Ruf eines der wenigen Tiere wahr, das dumm genug war, solch eine Gegend als seine Heimat auserkoren zu haben. Ein kleiner Vogel, der sich kurz darauf sogar blicken ließ. Er war hellbraun und grau, wie die gesamte Umgebung, und fiel nur durch sein Hüpfen auf, mit dem er sich ohne Flügel fortbewegen konnte. Hier und da pickte der kleine Kerl einige verwahrloste Gräser vom Grund und schlussendlich sprang er wieder fort.
Ilai schüttelte den Kopf und schleppte sich um die Ecke und als er es endlich selber sah, da wären ihm beinahe die Tränen gekommen. Vor ihm lag ein See. So riesig, dass er die weit entfernten Ufer selbst beim Sonnenlicht nur erahnen konnte.
Das Wasser war klar wie frisch abgekocht und offenbarte einen dunklen Grund. Winzige Wellen kräuselten die glitzernde Oberfläche und hier und da sah man kleine Eiskrusten am Rand. „Wunderschön“, hauchte er, denn das war der See eindeutig. Mitten in einer grauen Einöde, die, nun ja, eben nur grau und eine Einöde war, befand sich etwas wie eine Oase. Er hatte davon gehört. Ein Ort der Ruhe und des Lebens inmitten des Nirgendwo, so hatte man es ihm erklärt. Eine Oase.
Er senkte sich auf die Knie und blickte auf die Oberfläche, die nun genau unter seiner Nase dem Himmel entgegen glitzerte und das Licht der Sonne zurückwarf, als würde der See der gesamten Landschaft um sich herum Helligkeit spenden wollen.
Er war nicht so dumm, die Hand auszustrecken und das Wasser zu berühren. Allein bei der Vorstellung fröstelte es ihn so sehr, dass er sich am liebsten einige Schritte entfernt hätte. Und doch war der See faszinierend. Darum war er hergekommen.
Nicht wegen des Auftrags, den man ihm erboten hatte. Nur für ein paar Münzen wäre er niemals so weit hier heraus gestampft. Er hatte den See sehen wollen, der in dem Auftrag integriert gewesen war. Er hatte den Spiegel der Sterne selber sehen müssen. Mit eigenen Augen.
Und auch, wenn es in seinen eigenen Ohren dumm klang, nur allein für diesen kurzen Anblick hatte es sich bereits gelohnt, herzukommen.
Zittrig machte er einen tiefen Atemzug und erst einige Sekunden, nachdem die kalte Luft bereits in seinen Atemwegen brannte, bemerkte er, dass der Schal nicht mehr vor seiner unteren Gesichtshälfte lag.
Er zog ihn zurück, schloss kurz die Augen und lächelte. Alles in ihm fühlte sich an, als würde es summen. Auf gute Art.
„Es ist wunderschön, nicht wahr?“
Ilais Herz machte einen Satz, als würde es durch die Rippen durchbrechen und allein davon laufen wollen. Er hatte sich so sehr erschrocken, dass er beinahe das Gleichgewicht verloren hätte und ins Wasser gefallen wäre, als er den Kopf herum riss.
Strider knurrte. Sein aufgerichtetes Fell ließ ihn beinahe doppelt so groß und breit erscheinen wie sonst.
Niemand schaffte es, sich an Strider heranzuschleichen, und der Hund hätte ihn auf jeden Menschen aufmerksam gemacht. „Wer seid Ihr?“, keuchte er, bemüht, seinen Schock zu verbergen und seine Stimme wieder unter Kontrolle zu bringen. Erst auf den zweiten Blick machte er aus, dass es sich um einen alten Mann handelte, der nicht nur auf einen Stock gestützt da stand, sondern leichter bekleidet war als die Menschen in der Stadt während der Wintermonate.
Ilai hatte sich immer für kälteresistent gehalten. Aber vielleicht war sein Gegenüber auch kein Mensch?
Der Jäger erhob sich und war nun anderthalbmal so groß wie der alte Mann. Vermutlich nur, weil dieser weit vorgebeugt dastand.
Und ihn aus großen Augen anblickte, die von runzeligen Falten umgeben waren. Seine Iriden hatten die Farbe von glühendem Holz in einem niedergebrannten Feuer. „Ich bin Alfah“, verneigte der Mann sich erstaunlich tief. „Ich habe nach Euch schicken lassen, wenn ich richtig liege.“
„Dann wisst Ihr, wer ich bin?“
„Ilai. Der Junge, der Monster besiegt und sich mit Schutzrunen auskennt.“ Der Mann kramte in der Tasche umher und neigte sich dann zu Strider. „Und sein Schutzhund.“
Strider schnupperte, dann nahm er das dargebotene Leckerlie dankbar und vorsichtig aus der Hand des Mannes und zerkaute es. Sein puscheliger Schwanz wedelte begeistert hin und her und er schmatzte laut.
Ilai sorgte sich nicht. Wenn Strider etwas zu Essen annahm, dann war es nicht vergiftet. „Ihr seid kein Mensch“, stellte er dennoch fest und fragte sich, ob er nach seinem Dolch greifen sollte oder nicht. Noch schien ihn das Wesen einlullen zu wollen.
Der Alte rieb sich durch den kurzen, hellen Bart und seufzte traurig. „Nur zur Hälfte“, murmelte er dann und nickte in Richtung See. „Alle, die hier leben.“
Ilai wagte es, dem Blick zu folgen. Einen Moment lang war er sich nicht sicher, was er sehen sollte, aber dann nahm er einen roten Fleck auf all dem Grau wahr und seine Augen weiteten sich. Giebelspitzen. Mehrere Häuser ragten halb versteckt empor. „Ihr habt hier eine richtige Siedlung.“ Er hatte mit Nomaden oder höchstens kleinen Hütten gerechnet.
Als er den Kopf wieder drehte, hatte der alte Mann sich verändert. Sein Haar war nun schnee- und nicht mehr grauweiß. Seine Haut war dunkel wie der Nachthimmel und die Adern, vorher nicht sichtbar unter der runzeligen Haut im Gesicht, leuchteten nun in einem Eisblau auf. Ilai wich zurück. „Was seid Ihr?“
„Fürchte dich nicht.“
„Ich habe keine Angst.“ Er fühlte sich unwohl, aber noch schlugen weder Strider noch sein Bauchgefühl Alarm. Und er wusste, dass nicht alles Übernatürliche gleich böse war. Übernatürlich… Der Begriff aus alten Zeiten, in denen Menschen sich nur mit Erzählungen von Geistern und Dämonen Angst eingejagt hatten. Dabei waren diese Wesen genauso ein Teil der Natur wie ein Affe oder ein Mensch.
Trotzdem war sein Satz mehr aus Trotz denn Überzeugung geboren worden und Alfah schien das zu bemerken. Vermutlich, weil Ilai die Worte hastig herausgespuckt hatte.
Er lächelte auf diese milde Art, die nur alte Menschen zu haben schienen. „Umso besser“, murmelte er dann. „Wir sind zur Hälfte Mensch und zur Hälfte Seegeister.“
„Seegeister?“
„Der See hat uns ein neues Leben geschenkt. Unsere Vorfahren lebten einst hier, wo es grün und schön war. Dann vermischten sich die Welten und unser Volk drohte zu verhungern und zu erfrieren. Damals war der Bergpass verschüttet, es gab keinen Weg zu anderen Menschen. Wir bekamen ein Geschenk. Das Leben. Und dafür haben wir uns verpflichtet, auf den See zu achten.“
Ilai sparte sich den Kommentar, dass man für ein Geschenk nichts geben musste. Was der Mann sagte, klang weniger nach freiwilliger Opfergabe aus Dankbarkeit, als nach einer Verpflichtung, die man beidseitig eingegangen war. Ein Geschäft, kein Geschenk. „Und was soll ich dann hier?“ Hoffentlich verwandelte er sich jetzt nicht auch. Vielleicht sollte er wieder gehen?
„Ihr kennt Euch mit Schutzrunen aus.“
„Ja.“
„Das tun nicht viele.“
„Ja.“ Er war einerseits immer der Meinung gewesen, dass wesentlich mehr Menschen sich dieses Wissen aneignen sollten. Andererseits wäre er dann deutlich arbeitsloser als jetzt. „Es ist schwer zu erlernen, schwer durchzuführen und auch nicht überall“, murmelte er und stellte fest, dass er auf eigentümliche Weise verlegen klang. Als würde der alte Mann seine Gedanken hören können und er müsse sich rechtfertigen.
Aber vor alten Menschen hatte er ohnehin stets einen großen Respekt gehabt und fühlte sich immer, als würden sie durch die Weisheit der Jahre, die sie in sich aufgesogen hatten, in seinen Gedanken herumbohren können. Das war wohl die Krux an der Sache, wenn man hauptsächlich bei Alten aufwuchs und sie all die Phasen, die er durchgemacht hatte, schon bei so vielen Kindern gesehen hatten. Sie schienen sie regelrecht vorhersehen zu können.
Alfah jedenfalls nickte nur zu Ilais Erklärung und nickte ein weiteres Mal zu den Häusern hin. „Du vertraust uns nicht und doch bist du noch hier. Wir hatten nicht vor, dich zu täuschen, aber wir brauchen deine Hilfe. Wir sind darauf angewiesen. Und nicht nur bist du einer der wenigen Runenschreiber und Dämonenjäger, du bist hervorragend, haben wir uns sagen lassen. Und du bist einer der wenigen, die genug Können besitzen, uns zu erkennen und uns dennoch nicht gleich umzubringen.“ Alfah blickte zu Strider. „Du hast den Instinkt deines Wolfshundes angenommen wie ein Stück Rüstung. Du bist schlau.“
„Sofern ich nicht irgendwann anfange, mich hinter den Ohren zu kratzen und Kaninchen zu jagen“, stieß er aus, halb um dem Thema auszuweichen, halb als Scherz, damit die Situation nicht mehr so schwer auf ihm wog.
Und doch hatte Alfah Recht. Er verließ sich auf Strider und seinen eigenen Instinkt. Die Augen konnten zu schnell belogen werden. Ein anderes Wesen bedeutete nicht sogleich Blutrünstigkeit. Genauso wenig wie ein Mensch sofort Logik und Frieden versprach. „Führt mich zu Eurem Haus.“


Ilai staunte nicht schlecht über die kleine Siedlung, die sich vor ihm aufgetan hatte.
Die Häuser waren aus einer Art Holz und sie waren in kräftigen Farben gestrichen worden. Manche rot, andere in Blau oder Grün oder Gelb. Er hatte selten so viele kräftige Farben auf einmal gesehen und dann niemals an einem Haus.
„Wie?“, murmelte er, selbst als Alfah ihn bereits einen ausgetretenen Pfad zwischen den Gebäuden entlang führte, der die Breite einer Handelsstraße hätte haben können.
Wie zur Bestätigung blickte Alfah auf die Straße, dann die Häuser und Gänge entlang. „Wir waren einst ein Volk von Händlern, heißt es. Als der See uns sein Geschenk gab, da hörten auch die Häuser auf, sich zu verändern. Das hier ist also wirklich einmal eine Handelsstraße gewesen. Kaum zu glauben, oder?“ Er klopfte mit dem Fuß auf den alten Weg, der schon so viel gesehen haben musste.
Ja, das war in der Tat unglaublich. Ilai liebte die Dinge, die es schon vor dem Weltenbruch gegeben hatte. Er liebte es, sie zu betrachten oder zu berühren oder wie jetzt, darauf zu stehen und sich mit einer Vergangenheit verbunden zu fühlen, die so viel besser als die Gegenwart klang. In der jede Möglichkeit offen gestanden zu haben schien. In der sie alle frei gewesen waren.
„Es hat sich in all der Zeit nichts an der Siedlung verändert?“
„Oh mein Junge“, brummte der Alte, „wir mussten uns dennoch anpassen. Die Häuser und Straßen, sie stehen noch. Aber sie mussten angepasst werden, damit wir hier leben können.“  Er deutete auf einen Glaskasten, der an ein Haus gebaut worden war. Ilai sah sich weiter um und stellte fest, dass jedes einzelne Haus so etwas besaß. Anbauten aus Glas und Stein und im Inneren schienen Pflanzen zu wachsen. Es war schwer, etwas auszumachen, denn die Scheiben waren beschlagen.
„Was ist das?“, wollte er wissen, wagte es jedoch nicht, die breite Straße zu verlassen.
„Unsere Vorfahren erbauten sie auf dem Wissen, das sie einmal besaßen. Sie nannten es Gewächshäuser.“
„Gewächshäuser?“ Der Begriff war ihm einst unter gekommen. „Und wozu dienen sie?“ Er versuchte, sich zu erinnern. Hatte er nicht davon gelesen? Hatte ihm Ejn nicht davon erzählt? Der alte Mann, bei dem er jeden Nachmittag zum Unterricht gesessen hatte?
Im selben Augenblick, in dem Alfah es erklärte, fiel es ihm wieder ein und als würden sie ein gemeinsames Schriftstück laut vorlesen, sprach er nicht dazwischen, sondern setzte zu den selben Worten an: „Dort wachsen Pflanzen auch im Winter, denn durch ein spezielles Feuer haben sie es warm.“
Alfah lächelte das sanfte Lächeln eines alten Mannes und nickte. „Ganz recht, Junge. Dort drinnen ist es sehr warm und wir können anbauen, was wir brauchen.“
„Und woher habt Ihr das Glas?“ Ilai bemerkte, wie die Siedler, die vorher nur einen Blick auf ihn geworfen hatten und ihrem Treiben ansonsten weiter nachgegangen waren, nun, da er hier stehen blieb und Fragen stellte, sich versammelten und ihn anstarrten. Er versuchte, es zu ignorieren und weiterhin so zu tun, als gebe es nur Strider, Alfah und ihn.
„Das weiß ich nicht, mein Junge.“ Der alte Mann seufzte schwer. „Und ehrlich gesagt interessiert es mich tatsächlich eher mäßig. Wichtiger ist, dass wir es haben.“
Ilai nickte. Man hatte ihm immer eine große Neugierde nachgesprochen und er hätte es gern gewusst. Doch er verstand auch den Einwand. Man konnte nicht alles wissen und oftmals war es einfach wichtiger, was man hatte, als den Ursprung zu ergründen.
Ilai rieb sich die Haare aus dem Gesicht. Obwohl es in der Siedlung eigenartigerweise etwas wärmer schien, vielleicht weil der Wind hier nicht so zupacken konnte, fror er nach wie vor. Und er war sich nicht sicher, ob er erst nach einer Unterkunft bitten oder nach dem Auftrag fragen sollte. Sollte er ihn nicht annehmen wollen, dann würden sie ihn gewiss wieder fortschicken.
Aber er wollte sich auch nicht erst einmal einquartieren, ehe er Genaueres wusste. „Bevor ich den Auftrag annehme oder nicht“, setzte er deswegen an und ballte unbewusst die Hände an seinen Seiten zu Fäusten, „bitte ich darum, so oder so eine Nacht hier verweilen zu dürfen und Proviant zu bekommen.“ Es klang wie Schwäche, aber wenn es ihn am Leben erhielt und alles ein wenig leichter machte, dann hatte er keinerlei Problem damit.
„Sicher.“
„Also, worum handelt es sich genau? Euer Bote sprach von Runen, die…“
„Sie müssen erneuert werden. Der See schützt uns. So dumm es klingt, aber er muss gefroren bleiben. Und nun lösen sich die Siegel, die unsere Vorfahren einst in die Steine am Ufer geritzt haben. Wir verstehen nicht genug davon, das Wissen ging verloren.“
„Aber wieso?“ Die Ungereimtheiten stießen ihm sauer auf. Ein Volk, das anscheinend von den Runen abhing, verlor die Gabe, sie nachzuziehen, sollte das nötig sein?
Ilai biss sich auf die Unterlippe. Menschen waren ein fragwürdiges Volk und er rechnete meistens damit, belogen zu werden. Doch er machte keinen logischen Schluss aus, wieso sie ihn in diesem Fall anlügen sollten. Die Runen mussten noch existieren und sie wussten sicherlich, dass er sie würde lesen können. Einen Betrug konnte er durchschauen.
Und es war auch nicht logisch, ihn ganz hierher zu locken, nur um ihm den Gar auszumachen. Irgendeinem Jäger aus der Stadt.
War es ein Test?
Doch wenn ja, wollte er dann lieber bestehen oder nicht?
Der Alte schwieg dazu und blickte nur in die Ferne, als würde es die Situation besser machen und Ilai all seine Fragen unter den Teppich kehren.
Ilai verengte die Augen. „Hören Sie“, setzte er an und war froh, dass Strider sich sogleich näherte. Um Kraft aus der Anwesenheit seines alten Freundes zu schöpfen, legte er ihm eine Hand in den struppigen Nacken. „Ich will nicht respektlos erscheinen. Aber das Ganze kommt mir doch ein wenig zweifelhaft vor und darauf lasse ich mich nicht ein. Vor allem muss ich wissen, womit ich es zu tun habe. Also sprechen Sie bitte klar und lügen Sie mich nicht an oder lassen etwas weg.“
Stille.
Als das Schweigen ihm zu lange anhielt, kehrte er alle Wünsche nach einer Unterkunft beiseite und verfluchte sich dafür, dass er wegen des Sees hatte herkommen wollen. „Fein“, murrte er und es klang eher wie eine Drohung, „dann danke ich für das Gespräch und gehe wieder. Habt noch einen schönen Tag.“
Ilai schaffte gerade einmal eine halbe Drehung, als ein überraschend kräftiger Arm an ihm vorbei schoss und sich lange Finger sanft um seinen Oberarm schlossen. „Bitte“, krächzte Alfah und als Ilai ihn anblickte, hatte der alte Mann Tränen in den Flammenaugen. „Bitte geht nicht.“
„Wieso sollte ich hier bleiben?“ Tränen konnten ihn nicht erweichen. Zu oft schon waren sie gespielt gewesen. Aber er verzichtete auch darauf, sich aus dem Griff losreißen zu wollen. „Ihr erzählt mir nicht, was ich wissen will und muss.“
Als der Alte allerdings auf die Knie fiel und das Gesicht auf den Boden drückte, wurde Ilais Miene überrascht und dann weich. Er seufzte und kniete sich vor den Mann hin. Im Augenwinkel nahm er wahr, dass die Siedler um sie herum dem Beispiel von Alfah folgten. „Was lässt Euch so verzweifeln?“
„Ich werde es Euch erzählen“, murmelte der Mann gen Boden und als Ilai sich nicht regte, wagte er es, den Kopf zu heben. Die Flammenaugen standen in Tränen. Und die knorrige Hand umfasste Ilais. „Kommt Ihr mit in mein Haus?“
Der Jäger nickte, half Alfah auf die Beine und folgte ihm. Ihr Ziel war ein tannengrünes Haus in der Mitte der Siedlung, dessen Zaun und Fensterrahmen weiß leuchteten. Dieser Ort war atemberaubend schön.
Und nicht nur von Außen machten die Häuser einiges her. Ihr Inneres war gemütlich. Ein dicker, grauer Steinboden, Holzmöbel, ein prasselnder Kamin in der Ecke. Er wurde auf einen merkwürdig gepolsterten Sessel in quietschgelb gebeten, der aus irgendeinem Grund eckig in der Form war.
„Erzählt.“ Den Tee lehnte er schweren Herzens ab. Er wollte Antworten.
„Wir sind nur Halbmenschen, das erzählte ich Euch bereits. Wir lebten einst in dieser Gegend und handelten und nahmen Urlauber auf. Das sind Menschen, die damals Geld bezahlt haben, um zeitweise woanders zu leben.“ Ilai nickte. Davon hatte er gehört und auf andere Weise gab es sie auch jetzt noch. „Die Geschichten verblassten im Laufe der Zeit, aber unserer Siedlung ging es gut. Wir waren glücklich, so weit Menschen glücklich sein können. Denke ich. So habe ich es immer verstanden.
Die Geschichte, wie mein Vorfahr den Sturz der Erzengel sah, wird von Generation zu Generation weiter erzählt. Eines Abends kümmerte er sich, wir alle nennen ihn Großvater, um sein Haus, als es auf einmal ein lautes Donnern gab und die Scheiben bebten. Er erhob sich und verließ sein Haus und als er zum Himmel hinaufschaute, da sah er tiefste Nacht, wo vorher noch strahlender Tag gewesen war. Und er sah die Sterne, die er eigentlich nicht hätte sehen können, vom Himmel fallen. Alle auf einmal, wie ein heller Schauer Regen.“ Ilai schluckte. Wie der Tageshimmel zur tiefsten Nacht wurde und die Sterne fielen, wusste er. Das wusste jeder. Die leuchtenden Tropfen fielen und schlugen auf der Erde ein, wo sie sich tief hinein gruben. Menschen konnten in ihrer Nähe nur schwer leben, außer jene, die sich angepasst hatten. Und jene waren stärker und schneller und konnten die Dämonen besiegen. Die Kirche der Sterne war geboren. „Es brach Panik unter allen Menschen in der Siedlung aus und viele von ihnen sprangen zurück ins Haus und verriegelten die Türen, als würde es ihnen helfen. So sahen nur wenige, wie ein Stern in den See einschlug und ihn gefrieren ließ. Aber sie spürten es alle. Wie die Welt sich auflehnte und vor Schmerz zu ächzen schien.“
„Was passierte dann?“
Der Alte schüttelte traurig den Kopf. „Es heißt, dass die Siedler unseres Dorfes ihr Gedächtnis verloren hätten, denn es mussten Tage vergangen sein, da sie sich wieder auf die Straßen wagten. Man sagte, alles sei für sie verschwommen gewesen, und vielleicht war es die Auswirkung des Sterns. Sie harrten aus, bis die Vorräte zur Neige gingen und es immer kälter wurde. Sie wollten von hier fort, doch nicht all ihre Fahrzeuge waren bereit und so nahmen sie die wenigen, die funktionierten.
Nur, um zu bemerken, dass der einzige Pass zur Außenwelt verschüttet war und es kein Drumherum gab.“
„Also kehrten sie zurück in die Siedlung.“
„Um hier in Frieden zu sterben. Manche gingen an den See. Viele erfroren oder verhungerten in den nächsten Tagen. Andere hatten keinerlei Willen mehr, zu kämpfen, und ergaben sich einfach. Es hieß, sie seien alle friedlich eingeschlafen.“
Ilai nickte. Würde Alfah zugeben, dass es sicherlich zu Kannibalismus gekommen war, wie in vielen abgeschnittenen Gegenden damals? Es traf nicht immer zu, aber an so manchem Ort hatte er deswegen schon von Wendigowak gehört. Einmal gegen einen gekämpft. Als er noch jung und dumm gewesen war. Er war gerade noch so mit heiler Haut davon gekommen und hatte seine Runenschrift genutzt, um das Unvieh zu versiegeln. Schwarze Geister, die sich eine menschliche Hülle suchen, diese auszehren und den kläglichen Rest Verstand, den diese Person noch hat, in den Wahnsinn treiben. Ein Wendigo trat gern dort auf, wo Menschen aus Verzweiflung heraus andere Menschen aßen. Ob diese bereits vorher tot waren oder nicht, war dem Mistvieh einerlei.
„Der See rief sie irgendwann zu sich und als die ganze Siedlung zu ihm gelangte, da sahen sie es. Es waren nur die Ränder gefroren und mehr sollte nie passieren, aber es war wie ein Schutzkreis. Einzig eine Stelle am Rand war noch offen und der See lockte alle noch Lebenden in sich. Sie ließen sich preisen und verwandeln und die Kälte und der Hunger machten ihnen weniger aus. Sie erhaschten einen raschen Blick auf den Stern, der im See ruhte, jetzt weniger funkelte und doch wunderschön war.
Als der letzte von ihnen gesegnet war, erhoffte sich der See Schutz und die Menschen gaben sich bereitwillig hin. Die Einstiegsstelle, die einzige nach wie vor ohne Eis, wurde versiegelt und sie schützt bis heute unser Dorf und den See.“
„Und nun löst sich dieses Siegel.“
„Ja. Die Zeit lässt die Steine dennoch verwittern. Je mehr das Siegel bricht, umso mehr verlieren wir uns selbst. Je mehr wird von unseren Erinnerungen geraubt.“
„Es ist also gefährlich hier?“
„Ich denke nicht, dass Ihr Euch sorgen müsst.“ Er rückte sich auf seinem Stuhl gerade und räusperte sich. „Wir sind an den See gebunden, Ihr nicht.“
„Und dennoch habt ihr alle damals angefangen, eure Erinnerungen zu verlieren.“ Darauf konnte er gut und gerne verzichten, aber wenn er heute mit den Runen anfing, sollte es keine Schwierigkeiten geben.


Alfah hatte ihn schlussendlich davon überzeugen können, dass er erst einmal die Nacht über abwartete. Zu schwierig war es eigentlich nicht gewesen, denn die Sonne war in der Zwischenzeit bereits untergegangen und hatte das Licht mit sich genommen. Außerdem war Ilai jetzt, da er wieder auftaute, mehr als erschöpft.
Eine heiße Suppe und einen Tee hatte er sich gegönnt, ehe er mit Strider in ein kleines Zimmer geführt worden war.
Ein weiches Bett hatte auf ihn gewartet und er erinnerte sich kaum mehr daran, wie er sich in die Decken hatte fallen lassen. Nur bei einer Sache war er sich sicher: Es lag an seiner Erschöpfung und nicht am See, dass ab einem gewissen Moment alles schwammig geworden war.
So war es schon immer gewesen. Solange er noch auf den Beinen bleiben musste, hatte er unbegrenzte Energievorräte. Doch sobald er ins Bett konnte, stürzte er in einen tiefen, traumlosen Schlaf.
Geweckt hatten ihn zwei Dinge. Das Krähen eines Hahns, wie er es seit seiner Jugend nur noch selten gehört hatte. Und Strider, der anscheinend raus musste und deswegen traurig an der Tür kratzte und ihn mit großen braunen Augen anblickte. „Ich beeile mich ja“, stieß er hastig aus, als er die Decke von sich warf und in sein Hemd schlüpfte. Die Vorstellung, erneut in die Kälte hinauszumüssen, ließ ihn jetzt schon zaudern. Aber er wollte es auch endlich hinter sich bringen.
Also zog er sich dick an, kämmte sich das Haar mit den Fingern zurück und öffnete bereits dabei die Tür.
Strider war so schnell durch den kleinsten Schlitz, durch den er passte, geschlüpft, dass Ilai lächeln musste.
Unten wurden beide sogleich von Alfah und einem großen Frühstück begrüßt und als Strider sich neben den Tisch setzte und treudoof aufschaute, verdrehte Ilai nur die Augen. Von wegen, sein Hund musste raus. Er hatte nur die frischen Würstchen und das knusprige Brot gerochen.
Ganz verübeln konnte man es dem Hund allerdings nicht, denn so viel Fülle und Reichtum sah man selten. Vor allem beim Frühstück.
Sein Magen knurrte hungrig, als wäre ihm derselbe Gedanke gekommen, und alles in Ilai schrie förmlich danach, sich zu setzen und das ganze Essen nur mit Strider zu teilen. Als würde er das alles allein aufessen können, selbst mit der Hilfe seines Hundes.
Dennoch folgte er seinem Magen, setzte sich und beobachtete, wie Alfah sich ebenfalls niederließ. Der warmen Kleidung hatte er sich zum großen Teil entledigt und sie in der  Ecke verstaut, denn der Kamin erhitzte den Raum so bullig heiß, dass er ansonsten geschmort worden wäre.
Lediglich die Hose und das leichtere Hemd, das er unter dem schweren Oberteil und in der Nacht getragen hatte, behielt er an.
Ihr Frühstück war ruhig. Keiner sprach ein Wort, außer sie reichten sich etwas herüber. Strider freute sich sichtlich über all die Leckereien, die für ihn abfielen, und Alfah fragte hin und wieder leise nach, ob der Hund dies oder das essen dürfe, wofür Ilai ihm sehr dankbar war.
Er wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, als er sich mit einem vollen Bauch zufrieden nach hinten lehnte und aus dem Fenster blickte. „Ihr habt viel Wissen von früher?“, brachte er leise seine Hoffnung hervor. Es war ihm überall im Haus aufgefallen.
„Als wir dem See dienten, blieben viele Sachen, wie sie waren, während anderes verfiel. Dadurch hat sich viel Wissen bewahrt.“
Ilai nickte. „Ich werde jetzt zum See gehen. Die Runen aufzufrischen, wird einige Stunden dauern. Danach möchte ich darum bitten, eine Weile hier bleiben zu dürfen, um zu lernen.“ Aus der Vergangenheit.
Alfah sah ein wenig erstaunt aus. Dann nickte er. „Ich wüsste nicht, was wir Interessantes zu bieten hätten, aber gewiss. Mein Haus sei Euch offen.“
„Das wäre meine Bezahlung, wenn Ihr damit einverstanden seid.“ Alfah nickte und Ilai entspannte sich.
Er pfiff einmal und Strider erhob sich von seinem gemütlichen Platz vor dem Kamin, streckte sich wie eine Katze und trottete auf ihn zu. Als er gähnte, teilte sich sein mächtiges Maul, ehe seine Fänge mit einem leisen Geräusch wieder zusammenschlugen. Ilai vergötterte die Macht, die seinem Freund innewohnte. „Dann auf, Strider. Auf zu unserem Auftrag.“ Ein leises Kläffen war die Antwort.
Den Weg musste Ilai kaum suchen. Die Straßen, außer die Handelsstraße, schienen alle auf sein Ziel gerichtet zu sein und schlussendlich erkannte er auf einem halb verwitterten Schild auch das Symbol des Sees. Ein Wegweiser, der vermutlich noch aus alter Zeit stammte.
Er folgte ihm, einen sich schlängelnden Kiesweg entlang, der früher sicherlich durch schöne grüne Landschaften geführt hatte. Nun war alles karg und die Bäume in ewigen Winterschlaf gefallen.
Der kleine Bach, wohl ein Ausläufer des Sees, über den eine Brücke führte, gluckerte nicht fröhlich vor sich her, sondern war im Eis erstarrt.
Nur die Felsen wirkten wie immer. Grau, trist und bereit, es mit der Welt und ihrem Wetter aufzunehmen, wie auch immer dies aussehen mochte.
Gebe es keine Magie und keinen See, so wären die Menschen hier schon lange dem Untergang geweiht gewesen. Ilai verstand ihre missliche Lage immer besser. Ohne Magie gab es kein Feuer, keine Nahrung, kein Wasser. Und auch kein Leben.
Wer hätte geglaubt, dass er auf einen solchen Ort treffen würde…  Es wirkte beinahe wie ein Wunder und doch war es wahr.
Als er am See angelangt war und die schartigen, abgewetzten Steine musterte, fühlte Ilai sich zum ersten Mal, als hätte er etwas erreicht, weil seine Aufgabe einmal kein Blut beinhaltete. Keine Toten, die er sah. Oder rächen musste. Keine Opfer. Es war alles friedlich. Kalt aber friedlich.
Er seufzte zufrieden, den Blick auf die ruhige Landschaft gelegt. Sein Atem gefror vor ihm in der frostigen Luft, aber ausnahmsweise störte es ihn nicht. Beinahe hatte er das Gefühl, die Welt sei wie früher. Oder zumindest hatte er es sich immer vorgestellt. Auch, wenn es damals große Städte gegeben hatte, es musste deutlich friedlicher gewesen sein. Nicht wahr?
Über sich selbst irritiert, schüttelte er leicht den Kopf, die Brauen fest zusammengeschoben. Menschen waren schon immer kriegerisch gewesen. Dennoch fragte er sich, wie das Leben damals stattgefunden hatte. Denn die Alten erzählten die Geschichten auch nur, wie sie sie selbst gehört hatten.
Ilai hob einen Stein auf und maß ihn. Form und Gewicht waren gut, also steckte er ihn in seinen Beutel und lächelte hinter seinem Schal. So hatte er sich als Kind sein Leben vorgestellt. Naturverbunden, ruhig. Harte Arbeit, die gut belohnt wurde.
Vielleicht war er zu sehr auf die Erzählungen der Alten hereingefallen, die die alte Welt oftmals mehr lobten, als diese vermutlich verdient hatte. Nostalgie und rosarote Brille, hatte es ein Reisender einst genannt. Die Menschen hassten es, die Verantwortung für morgen zu tragen, sie sehnten sich zurück nach dem, was einst gewesen war. Sie sehnten sich an einen Ort zurück, in dem alles Böse bereits passiert war und sie nicht mehr erreichen konnte.
Ilai klaubte den nächsten Stein auf und ließ sich von Strider zu weiteren führen. Es dauerte nicht lange und seine Tasche war schwer und gut gefüllt.
Klar, verglichen mit der Verschmelzung der Hölle, der Ausrottung fast allen Lebens und der heutigen ständigen Angst, konnten die Probleme von früher eigentlich nicht so groß gewesen sein. Er selbst sehnte sich ja auch nach der Vergangenheit und ausnahmsweise verstand er andere Menschen. Sehr gut sogar.
Er ächzte unter dem Gewicht, das seine Schulter zum Schmerzen brachte.
Seine Beute brachte ihn auf den teils glatten Stellen, die auf dem Kargland verborgen dalagen, ein ums andere Mal beinahe aus dem Gleichgewicht, aber letztendlich schaffte er es, auf den Beinen zu bleiben, bis er sich an seinem Ziel von selbst auf die Knie sinken ließ. Er zog die Tasche hervor, holte einen Stein nach dem anderen wieder ans Tageslicht, sortierte hier und da doch wieder einen aus und platzierte die anderen an die Stellen, wo die früheren Steine bis vor kurzem ihren Platz gehabt hatten. Die tiefen Abdrücke im Erdreich waren hilfreich, um sich zu beeilen, denn trödeln durfte er nicht.
Die Steine mussten genauso angeordnet sein wie vorher, daher kontrollierte Ilai sein Werk mehrfach und aus verschiedenen Blickwinkeln, ehe er fortfuhr.
Er schloss die Augen, summte wie zur tiefsten Meditation eine Melodie und suchte nach den richtigen Worten, tief in seiner Seele. Er rief sich die Runen, die bereits auf den alten Mahnsteinen prangten, ins Gedächtnis. Und dann ließ er es geschehen.
Die früheren Siedler hatten Werkzeuge benutzt, aber Ilai hatte das seelische Runenschreiben erlernt. Es war mächtiger, denn es kam direkt aus seiner Seele und seinem Blut. Es war bindender.
Aber es dauerte seine Zeit. Als Ilai den letzten Stein markiert hatte, bemerkte er, dass der Tag bereits vorbei war. Vor ihm lag der See und als der neue Runenkreis sich schloss, wurde die Oberfläche glatt, als würde das Wasser sich freuen und bedanken wollen. Ilai war sich bewusst, dass er einen leicht selbstzufriedenen Ausdruck auf dem Gesicht hatte. Verdient, wie er für sich entschied.
Die Minuten verstrichen, doch gerade, als er beschloss, wieder zurückzukehren und sich dafür erhob, verharrte er wie zu Stein erstarrt in seiner Bewegung.
Ilai stockte der Atem. Mitten aus den schwarzen Fluten drang ein Glimmen empor und es rief nach den Sternen, die von den neuen Erzengeln an den Himmel gesetzt worden waren. Es rief nach ihnen.
Und sie antworteten. Leuchteten heller auf und zeigten sich auf dem glatten See wie auf einem makellosen Spiegel. „Strider“, wisperte Ilai, voller Ehrfurcht und mit Tränen in den Augen. Sie brannten vor Kälte und doch konnte er es nur ignorieren. „Das…“
Der Hund setzte sich neben ihn. Legte eine Pfote halb um Ilais Bein, als würde er ihn festhalten wollen, drückte ihn allerdings nur.
„Der Sternenspiegel, wahrhaftig. Darum wird der See so genannt.“
Es war ein solch erhabener Moment, dass Ilai wie von selbst auf seinen Hintern fiel. Strider presste sich augenblicklich schützend an seine Brust und der Mann schlang die Arme um seinen besten Freund, ohne den Blick vom See zu wenden. Sterne. Das einzige, das ihm jemals Hoffnung auf eine Zukunft gegeben hatte, die rosiger als das Jetzt war. Und nun war es, als würde er sie anfassen können. Als würden sie ihm selbst seinen Lohn für diesen Dienst erweisen wollen.
Sein Herz machte einen Satz. Ilai war es unmöglich, an eine Hoffnung zu glauben. An die Engel. Einzig die Sterne waren immer da gewesen und hatten in ihm eine Seite hervorgerufen, die er ansonsten nicht an sich finden konnte, ganz gleich, wie sehr er danach suchte. Es war nie seine Entscheidung gewesen, anders als andere zu sein.
Doch anstatt etwas Erleuchtendes oder Weises zu machen, gab er ein Schluchzen von sich und weinte wie ein Kind, das Gesicht halb in das weiße Fell seines Freundes gedrückt und noch immer auf den Spiegel starrend.
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