Einsame Entscheidung

OneshotDrama, Angst / P12
Alex Verus Tobruk Will Traviss
25.06.2019
25.06.2019
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Übersetzung meiner englischen Kurzgeschichte "Decision", welche ihr bei Interesse hier finden könnt: https://archiveofourown.org/works/18793747

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Ich war zu müde um mich noch um solche Dinge wie Komfort zu scheren und zog mich in einen der Tunnel von Arachnes Höhle zurück, wo ich mich auf dem Boden zusammenkauerte, den Rücken gegen die Felswand gelehnt.

Zum ersten Mal in meinem Leben fühlte sich ihr Unterschlupf nicht wie der Zufluchtsort an, der er für mich immer gewesen war; vielmehr hatte ich in diesem Moment das beklemmende Gefühl, lebendig begraben zu sein. Wenn ich das tun würde, was Anne von mir erwartete, würde ich niemals wieder in der Lage sein, ohne dieses Gefühl von Paranoia durch die Straßen meiner geliebten Stadt zu wandern, das mich seit dem Tag begleitete, an dem ich Lee beim Spionieren auf meinem Dach erwischt hatte. Ich wusste bereits jetzt, dass ich den Rest meines Lebens damit verbringen würde, unaufhörlich in der Zukunft nach potentiellen Gefahren zu suchen, was immer ich tat und wohin ich auch ginge – so, wie ich es jahrelang getan hatte, nachdem ich Richard entkommen war.

Damals war ich vor lauter Angst und Einsamkeit fast wahnsinnig geworden. Wer weiß, ob ich jemals wieder in der Lage gewesen wäre, ein normales Leben zu führen, wäre da nicht Arachne und später Luna gewesen. Es war nur wenige Jahre her, dass ich langsam wieder begonnen hatte die Straße entlangzulaufen, ohne dabei ständig zu fürchten, ermordet zu werden – inzwischen war ich Eigentümer eines Ladens und verbrachte meine Freizeit mit Menschen, die ich guten Gewissens als meine besten Freunde bezeichnen konnte. Und um ehrlich zu sein war ich nicht bereit, all das wieder aufzugeben.

Was ich morgen zu tun gedachte ließe sich wohl am besten als vorausschauende Notwehr bezeichnen – es ähnelte ein wenig dem, was ich mit Tobruk gemacht hatte. Der Unterschied war nur, dass Will einen guten Grund dafür hatte, dass er mich tot sehen wollte. Ich hatte seine Schwester zwar nicht selbst getötet, aber nichtsdestotrotz war ich es gewesen, der die anderen Lehrlinge zu ihrem Versteck geführt hatte. Doch wie lange müsste ich noch dafür büßen? Verdiente nicht selbst ich es, irgendwann einmal glücklich zu sein, nach all den widerwärtigen Dingen, die ich durchgemacht hatte? Mit diesen Gedanken im Hinterkopf schlief ich letztendlich ein.

*

Mein Herz raste, als ich erwachte. Mein Rücken schmerzte, nachdem ich nun schon seit mehreren Wochen auf dem kalten Steinboden schlief und in Ermangelung einer Decke fror ich erbärmlich; allerdings war mir nur zu bewusst, dass das in den nächsten Stunden meine geringsten Probleme sein würden – Tobruk war auf dem Weg zu mir und ein Blick in die Zukunft zeigte mir, dass er grinste wie ein Wahnsinniger. Mir gefror das Blut in den Adern und ich kauerte mich in die hinterste Ecke meiner Zelle, so weit von der Tür entfernt wie nur möglich. Jedes Mal, wenn er mich aufsuchte, versuchte ich meine Angst vor ihm zu verbergen, aber heute hatte ich eine äußert deutliche Vision davon gehabt, wie er beim Eintreten ohne weitere Vorankündigung einen Feuerball in meine Richtung schleuderte. Ich duckte mich weg und hörte ihn lauthals lachen, während er den engen Raum durchquerte und sich so dicht über mich beugte, dass seine Nase beinahe mein Gesicht berührte. Er öffnete seine rechte Hand und beschwor eine lodernde Flamme herauf, die er so dicht an meinen Kopf heranführte, dass sie mein Ohrläppchen und eine Haarsträhne verbrannte, bevor es mir gelang, das Feuer zu löschen.

„Dann wirst du mir heute also die Haut verbrennen?“, fragte ich herausfordernd, all meinen Mut zusammennehmend.

„Ich kann dir auch dieselbe Behandlung wie Catherine zuteil werden lassen wenn es das ist, was du möchtest?“

Ich wusste, dass er seine Drohung aus Desinteresse an männlichen Opfern nicht wahrmachen würde, aber ich sah ihm deutlich an, wie die Wut in ihm aufstieg, gepaart mit einer Vielzahl von Fantasien davon, wie er mich weiterhin quälen könnte. Er griff erneut auf seine Feuermagie zurück und ich duckte mich ein weiteres Mal weg. Ich fragte mich allerdings, warum er dieses Mal so lange gebraucht hatte, um eine Entscheidung hinsichtlich seines weiteren Vorgehens zu treffen. Ich nutzte meine eigenen Kräfte um herauszufinden, was er als nächstes vorhatte – und erstarrte. Jetzt war mir klar, warum Tobruk gezögert hatte, bevor er damit begann, mich mit seiner Magie zu traktieren – Richard hatte ihm eingeschärft, keine bleibenden Schäden zu verursachen, wenn er mir einen Besuch abstattete. Er brauchte mich lebend und gesund – nun ja, mehr oder weniger. Wenn er seinen kostbaren Weissager durch die Grausamkeit seines Lehrlings verlieren würde, dann würde auch den besagten Lehrling die entsprechende Strafe für sein Verhalten erwarten. Für mich war das allerdings keine große Erleichterung, denn im schlimmsten Fall bedeutete es, dass ich für den Rest meines Lebens hier eingesperrt und Tobruk ausgeliefert sein würde, bis Richard jemanden fand, der Fähigkeiten aufwies, die den meinen ähnelten und den er für seine Zwecke benutzen konnte. Ich hatte nur eine Chance, einem solchen Schicksal zu entgehen – ich musste Tobruk töten und vor Richard fliehen – was natürlich zunächst voraussetzte, dass ich aus dieser Zelle herauskam.

Tobruk setzte zu einem erneuten Angriff an und ich wusste, dass es dieses Mal wehtun würde.

*

Ich wachte mit einem unterdrückten Schrei auf und wusste nicht recht, wo ich mich befand und warum ich auf dem Boden lag anstatt im Bett in meinem Schlafzimmer in Camden. Es dauerte einige Zeit, bis ich realisierte, dass dies hier nicht meine alte Zelle in Richards Anwesen war, sondern ein Tunnel unter Hampstead Heath, meine Freundin Arachne nur ein paar Schritte von mir entfernt. Die Alpträume hatten also wieder begonnen mich heimzusuchen... Ich fragte mich, ob Anne bewusst war, welche Auswirkungen meine Vergangenheit noch immer auf mein gegenwärtiges Leben hatte. Und falls es ihr bewusst war – würde sie dann noch immer wollen, dass ich dieselben Ängste wie damals erneut durchlebte, nur weil Will sich so unversöhnlich angesichts des tragischen Todes seiner Schwester zeigte?

Ich versuchte mir die Reaktion ins Gedächtnis zu rufen, die sie gezeigt hatte, als ich ihr, Luna, Variam und Sonder von meinen Beweggründen, Tobruk zu töten, erzählt hatte – selbst an diesem Abend hatte sie moralische Einwände dagegen gehabt, dass ich mir den Mann vom Hals geschafft hatte, der mich zu seinem bloßen Vergnügen fast ein Jahr lang regelmäßig misshandelt hatte und der vermutlich immer weitergemacht hätte, hätte ich ihn nicht davon abgehalten, indem ich ihm das Leben nahm.

Nun auch Will zu töten würde mit einiger Sicherheit bedeuten, Anne zu verlieren – aber ich sah keine andere Möglichkeit, die prekäre Situation, in der wir uns befanden, zu einem Ende zu führen und auch Variam hatte keinen besseren Plan parat. Es war eine der schwersten Entscheidungen, die ich jemals hatte treffen müssen – und ich hoffe noch immer, dass ich mich richtig entschieden habe.
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