Walpurgisnacht

KurzgeschichteRomanze, Übernatürlich / P16 Slash
Otabek Altin Yuri Plisetsky
25.06.2019
25.06.2019
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Ich empfehle vor dem Lesen einen Blick auf den Wikipedia-Artikel über die Heilige Walpurga zu werfen, um das Leseerlebnis zu vervollständigen.
Auch Faust I und die Serie Outlander könnten neben dem Lied von Faun als Inspirationsquellen genannt werden.

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Mir war speiübel. Die Wellen schlugen unermüdlich gegen den Schiffrumpf, der sich ihrem Drängen ergab und nach oben auswich, wo der Wind ins Segel greifen konnte, der das Schiff vorwärtsriss und es hinter der Welle wieder hinabstürzen ließ. Seit Stunden, ja Tagen, ging es so und ich konnte mich nicht mehr erinnern, wann ich das letzte Mal geschlafen hatte. Jetzt jedenfalls stand ich mal wieder an der Reling, eine Hand an das Holz geklammert, während ich mit der anderen versuchte, meine Haare aus meinem Gesicht zu halten, damit sie nichts von dem abbekamen, was ich den Fischen zu fressen gab. Nicht dass ich wirklich viel gegessen hatte in den letzten Tagen, Fisch, gesalzenes Fleisch, trockenes Brot und modriges Wasser hingen mir zum Halse heraus und Viktor teilte nur allzu selten etwas von seinem Wein mit mir. Ich sei zu jung dafür und ohnehin wäre es meinem Versprechen ja nicht entsprechend. Meinem Versprechen. Irgendwo zwischen meinem Würgen und Keuchen schnaubte ich. Mein Versprechen war ein Versprechen meines Vaters, des Königs, gewesen, der bevor er in die Schlacht gezogen war, Gott versprochen hatte, dass er seinen Sohn in seine Dienste entsenden würde, sollte er siegreich heimkehren. Natürlich war er siegreich heimgekehrt, doch sein einziger Sohn war ihm zu wertvoll gewesen und so hatte er einen Ausweg in seinen eigenen Worten gefunden, indem er einen Knaben aus dem Waisenhaus adoptiert und als seinen Sohn aufgezogen hatte: Mich. Und so hatte ich einige Jahre im Luxus des Palastes leben dürfen, bevor er sein Versprechen einzulösen gedachte, mich in ein Kloster zu stecken. Viktor betonte immer wieder, wie glücklich ich mich doch schätzen durfte, auch wenn ich nie genau sagen konnte, ob er meine Zeit am Hof meinte oder es wirklich als Ehre ansah, dass ich in einem Kloster irgendwo in den Ausläufern Englands versauern sollte, während er als zukünftiger König regieren würde. Vielleicht tatsächlich letzteres; immerhin war es seine absurde Idee gewesen, dass er vor seiner Krönung unbedingt nach Jerusalem pilgern wollte.

Ich zog meine Finger aus meinem Haar, wo sich die hellen, blonden Strähnen verknotet hatten und versuchte nicht daran zu denken, dass ich sie bald rasieren müsste. Ich mochte mein Haar, es war weich und glänzte im Kerzenlicht und ich hatte wohl noch nie etwas Hässlicheres gesehen als eine Tonsur. Ich hatte beinahe wieder Lust mich zu übergeben, einfach aus Prinzip.

Doch langsam verebbte meine Übelkeit und ich sank an dem Holz der Schiffwand hinab. Ich hatte die Gelegenheit von Viktors Pilger-Idee nutzen wollen; ein letzter Hauch von Freiheit, eine Chance, die Welt zu sehen, bevor ich nur noch Pergament und Kerzen und graue Steine sehen würde, bis ich irgendwann sterben würde; aber jetzt bereute ich es längst. Wir würden reiten, sobald wir das Festland erreichten, aber ich wusste nicht, wie ich überhaupt solange überleben sollte. Wie konnten Menschen freiwillig auf Schiffen leben und arbeiten?! Sie sollten als Folterinstrument gelten! Ich sehnte mich zurück in mein warmes Zimmer, vor den Kamin und in weiche Decken. Ich sehnte mich nach meinen Büchern, nach den warmen, nicht versalzenen Speisen der Schlossküche und wusste doch, dass ich mich nie hätte so sehr daran gewöhnen dürfen, wenn ich doch wusste, dass ich all das im Kloster wieder verlieren würde. Nun, die Bücher vielleicht nicht, aber sonst alles, was mein Leben angenehm machte.

Es war kalt an Deck und ich schaffte es gerade noch mich in mein ‚Zimmer‘ zu kämpfen, bevor meine Augen zufielen und die Erschöpfung ihren Tribut einforderte.

Wie viel Zeit verstrichen war, bevor ich aufwachte, konnte ich nicht sagen, aber ich wollte es bereits auf die Kälte schieben, die durch alle Ritzen des Schiffes zu sickern schien, als plötzlich ein Ruck durch das Schiff ging und mich ein Stück vorwärts und von meiner Pritsche schleuderte. Dann noch ein weiterer Ruck und dann wurde mir auch klar, was mich eigentlich geweckt hatte: Lautes Rufen hallte über das Deck und heftige Schritte schlugen auf das Holz.

„Holt das verdammte Segel ein!“, brüllte jemand gegen den Lärm an, den ich jetzt als Wind erkannte, und ich schaffte es gerade so aufzustehen, ohne wieder umgerissen zu werden, als ich Donner grollen hörte. Die Koje – oder wie auch immer man diese Zimmer auf einem Schiff nannte – hatte kein Fenster, aber es war nicht schwer, eins und eins zusammenzuzählen: Wir waren in einen Sturm geraten.

Taumelnd kämpfte ich mich zur Tür vor, stürzte mehr als einmal beinahe wieder zu Boden, obwohl in dem Raum kaum genug Platz war, um sich einmal um sich selbst zu drehen, und riss die Tür auf.

Der Boden auf dem Flur war klitschnass und nur eine kleine Stufe unter der Türschwelle hatte dafür gesorgt, dass ich nicht schon vorher nasse Füße bekommen hatte. Wie ein kleiner Bach rauschte das Wasser an mir vorbei, tiefer ins Innere des Schiffes, das sich eindeutig in einer Schieflage befand. Mich an der Wand festhaltend – Ich wollte es nicht festklammern nennen – kämpfte ich mich trotz nasser Füße den Flur entlang auf die Luke zu, die an Deck führte. Sie stand offen und war auch der Grund für das Wasser zu meinen Füßen, denn vom Himmel schienen keine Tropfen zu fallen, sondern eher ein unaufhaltsamer Bach von Regen. Das Rufen der Besatzung wurde lauter, doch das galt auch für Wind und das Unwetter und ich verstand kaum mehr als zuvor, aber das Segel schien noch immer nicht eingeholt zu sein und auch ohne viel von Schifffahrt zu wissen, verstand ich, dass das nicht gut war, so wie das Schiff von den Windböen hin- und hergerissen wurde.

Niemand bemerkte, als ich an Deck kam, erstaunlich leicht im Übrigen, denn zum Glück gab es eine hölzerne Leiter und keine an Stricken befestigte. Ich war augenblicklich nass bis auf die Haut, aber seltsamerweise war mir kein bisschen schwindelig oder übel, auch wenn ich mich am Holz des Schiffes festhalten musste, um nicht zu stürzen. Es war schwer, etwas zu erkennen, so finster war der Tag um uns geworden – oder war es noch gar nicht Morgen geworden? –, doch als ein Blitz deutlich zu nahe an uns niederfuhr, erkannte ich, dass tatsächlich Männer in der Takelage herumkletterten und sich doch kaum halten konnten.

Und als ich so nach oben starrte, kaum in der Lage die Augen offenzuhalten, tauchte plötzlich Viktor neben mir auf, zerquetschte meinen Arm beinahe und tatsächlich musste ich ihm zugutehalten, dass er überhaupt an Deck gekommen war. Das Haar klebte ihm jedenfalls im Gesicht und er konnte die Sorge nicht aus seinem Blick verbergen. „Yuri!“, rief er, aber er kam nicht dazu, noch etwas anderes zu sagen – Ich war mir auch nicht sicher, ob ich es verstanden hätte –, denn ein lautes Knacken durchbrach das Dröhnen des Regens in meinen Ohren und dann sah ich den Mast mitsamt Segel umstürzen. Von einem Windstoß erfasst durchbrach er die Reling und stürzte neben dem Schiff in die aufgeworfenen Fluten des Meeres.

Viktor schrie erschrocken und sehr hoch auf, doch mein Blick war von etwas anderem gefesselt als von der Erkenntnis, dass wir vermutlich alle hier sterben und elendig ertrinken würden: Dort, wo der Mast aufs Deck geschlagen war, lag ein Mann, einer von jenen, die eben noch versucht hatten, das Segel einzuholen, zerquetscht, aber scheinbar noch am Leben, so wie er zuckte. Ich sah es und für einen kurzen Moment schien nur Stille um mich zu sein, als ich sehen konnte, wie er dorthin fasste, wo seine Beine gewesen war, bevor er in sich zusammensackte und starb. Wahrscheinlich waren noch so viele mehr in den tobenden Fluten untergegangen, doch dieser eine brannte sich in meinen Kopf ein. Ich mochte ein Waisenkind sein, doch seit ich denken konnte, war ich vom Luxus des Palastes umgeben gewesen. Ich kannte den Tod nur aus Erzählungen, doch ich war mir sicher, dass ich dieses Bild eines Mannes, der um sein Leben gerungen hatte, niemals in meinem Leben vergessen würde. Nicht dass mein Leben noch besonders lang währen würde-

„Yuri! Yuri!“, schrie Viktor mir plötzlich ins Ohr und schüttelte mich dabei. Wahrscheinlich tat er es schon länger, aber ich hatte es nicht bemerkt, war zu gefesselt von dem furchtbaren Anblick von wahrem Leben vor mir gewesen, zu betäubt von der Kälte des Regens, um ihn zu bemerken. „Tu etwas!“

Jetzt starrte ich ihn doch an. Die Todesangst stand ihm ins Gesicht geschrieben. Die blauen Augen weit vor Angst. Hatte Viktor gerade von mir verlangt, dass ich etwas tun sollte? Was genau sollte ich denn bitte an einem Sturm ändern können?!

„Was?!“, brüllte ich zurück und schüttelte den Kopf. „Wie stellst du dir das bitte vor?!“ Ich war noch nie zuvor auf einem Schiff gewesen, geschweige denn, dass ich wusste, was man in einem Sturm tat und wir hatten nicht einmal mehr ein Segel! Dafür aber ein Loch in der Reling, durch das die Wellen ungehindert an Bord fuhren und das Blut der toten Matrosen mit sich nahm.

„Du bist doch ein Mönch! Sollst es zumindest bald werden! Du hast eine besondere Verbindung zu Gott! Bitte ihn, dass er uns verschonen soll und er wird es tun.“ Viktor hatte inzwischen beide meiner Schultern gegriffen, sich zu mir hinabgebeugt und meinte offensichtlich jedes Wort ernst. Für wen hielt er mich bitte? Ich war doch nicht Jesus und konnte einen Sturm mit einem bloßen Befehl meiner Stimme zum Verstummen bringen!

Um uns herum war der Rest der Besatzung, der nicht bereits in den Fluten untergegangen war, zusammengekommen. Sie sahen nicht im Geringsten weniger hoffnungsvoller aus als Viktor. „Ist das wahr?“, rief einer und sah aus als wäre der Wind bereits abgeflaut. „Bitte!“, rief ein anderer. „Bete für uns!“

Mein Herz sackte immer tiefer in mir hinab, als mir klar wurde, dass die Menschen wirklich daran glaubten, was sie da sagten. Jetzt war sicherlich nicht der Moment, in dem ich zugeben sollte, dass ich eben nicht daran glaubte, was die Bibel als Wunder versprachen, dass ich noch nie in meinem Leben mit einem guten Gefühl gebetet hatte und ich Gott wahrscheinlich noch gleichgültiger war als jeder andere Mensch auf diesem Planeten. Doch alle griffen nach meinen Kleidern, flehten und baten mich, etwas zu tun, damit sie nicht alle sterben würden. Und ich dachte an den sterbenden Matrosen unter dem Mast und schob Viktors Hände von meinen Schultern. Mit beinahe sicheren Schritten löste ich mich aus der Gruppe und sank langsam vor dem, was von dem Mast übriggeblieben war, auf dem Holz nieder, wie ich es in der Kirche gelernt hatte. Ich faltete die Hände und hob das Gesicht gen Himmel, um einen Gott, an den ich nicht glaubte, um die Leben von Menschen zu bitten, die ich nicht kannte. Ich wusste keine Worte, kannte gerade genug, um nicht völlig verloren zu gehen, wenn ich in einem Gottesdienst saß und war auch nicht unbedingt jemand, der fließend Latein sprach, überlegte gerade, ob ich einfach in Englisch bitten sollte und fing dann einfach an, wie ich es so oft gehört hatte: „Pater noster–“

Urplötzlich ging ein Ruck durch das Boot, riss mich zur Seite, und dann kippte das Schiff und bevor ich noch irgendwo hätte Halt finden können, rutschte ich weg, schlug mit dem Kopf gegen etwas Hartes und wurde von den Wellen verschlungen.

Für einen Moment schien ich einfach im Wasser zu versinken, dann wurde mein Kopf wieder klar und ich strampelte, durchbrach die Wasseroberfläche, wo die Wellen noch immer tobten. Von dem Schiff war nichts mehr zu sehen, doch eine Holzplanke schlug gegen meinen Arm, bevor mich das Wasser wieder verschlingen konnte. Ich packte sie, klammerte mich daran fest, brachte alle Kraft auf, um mein Leben zu behalten und spürte doch, wie leicht mein Kopf sich anfühlte, ahnte, dass ich verletzt war. Ich schob mich auf das Brett, versuchte bei Bewusstsein zu bleiben, doch immer wieder schlugen die Wellen über meinem Kopf zusammen und ich konnte kaum schnell genug Luft holen, bevor mich das Wasser wieder niederdrückte.

Mir war angenehm warm. Ich spürte die Sonne auf meiner Haut, in sanften Wellen schwappte das Wasser gegen meinen Körper. Ich fühlte mich ganz leicht, auch wenn ich irgendwie trotz der Wärme auf meiner Haut ein wenig fror. Ich konnte Salz auf meinen Lippen schmecken, trocken, rissig. Meine Brust fühlte sich eng an und so tat ich im selben Moment die Augen auf, in dem ich mich aufsetzte und hustete. Ich hatte spürbar Wasser geschluckt. Es brannte in meinem Hals und ich hatte brennenden Durst.

Salzwasser. Meer. Das Schiff. Der Sturm.

Eilig sah ich mich um, auch wenn sich in meinem Kopf alles drehte. Ich war an einen Strand gespült worden. Um mich herum waren Kisten und Bretter verteilt, Überreste des Schiffes, das mein kläglicher Versuch eines Gebets nicht hatte retten können, doch von Menschen keine Spur, weder lebende noch tote. Ich war ganz allein und mir war klar, dass es naiv war, auf andere Überlebende zu hoffen. Selbst vor einem Prinzen wie Viktor machte ein solches Schicksal nicht halt und wahrscheinlich sollte ich Gott danken, dass er mein Leben verschont hatte…

Stattdessen erhob ich mich aus dem Sand, klopfte so gut es ging, die nassen Körner von meiner zerrissenen Hose und sah mich um. Ich musste Wasser finden. Das erschien mir in dieser Situation zumindest am Wichtigsten und ich bezweifelte, dass irgendwelche Vorräte überlebt hatten, also machte ich mir gar nicht die Mühe, das angespülte Schiffgut zu durchsuchen.

Meine Beine schmerzten, aber zu meiner eigenen Überraschung schien ich bis auf einige Kratzer unverletzt und so schaffte ich es, mich den grasbewachsenen Ufern zu nähern, zitternd, wann immer der kalte Wind durch meine nassen Kleider drang, aber zielsicher. Es war schwer über Sand zu laufen, denn immer wieder gab er unter meinen Füßen nach, doch im Vergleich zu meinem Weg durch das hohe Gras, waren diese ersten Meter beinahe leicht gewesen. Die Halme waren scharfkantig, schnitten bei jedem falschen Schritt in meine Haut ein, schmale, kaum sichtbare Schnitte, aber schmerzhafter als jeder Schlag oder Sturz. Immer wieder rutschte der Sand dabei unter meinen Füßen weg, ließ mich taumeln und stürzen und bald schon waren Hände und Füße, Arme und Beine von diesen Schnitten überseht, ja, selbst in meinem Gesicht hatte ich mich ein oder zwei Mal geschnitten.

Nach langen Minuten hatte ich endlich einen der Hügel erklommen und blickte mich um. Beinahe endlos weit schien ich über Gras zu blicken, doch von dem Meer hinter mir abgesehen entdeckte ich nicht die geringste Spur von Wasser. Weit und breit war kein Haus zu sehen, ja, nicht einmal ein Tier oder ein Baum konnte ich auf der endlosen Fläche, die sich vor mir ersteckte, entdecken. Mein Herz sackte mir ein ganzes Stück tiefer in der Brust, aber mein Überlebensdrang rang die Verzweiflung nieder. Wenn ich jetzt stehen blieb und aufgab, würde ich hier verdursten. Ich musste weiter und so rutschte ich mehr schlecht als recht auf der anderen Seite der Hügel abwärts und begann meinen Weg über die endlosen Grasflächen zu einem Ziel, das ich nicht kannte und das vielleicht nicht einmal existieren mochte.

Sekunden, Minuten, ja Stunden zogen sich dahin und ich konnte beobachten, wie die Sonne immer tiefer sank, während sie irgendwo zu meiner rechten langsam ihren Kreis vollendete. Kurz fragte ich mich, wo mich die Wellen wohl an Land gespült hatten, aber alles, was ich über das Festland wusste, hatte ich nur von Karten gelernt und ich hatte nicht einmal eine Idee, wo wir uns befunden hatten, als unser Schiff seinen Untergang auf einem Felsen gefunden hatte.

Ich war müde und mein Magen verlangte danach, dass ich jenes Essen, das ich auf dem Schiff nicht hatte bei mir behalten können, ausglich, doch am schlimmsten war der Durst, wenn ich mir über die vom Salz aufgerissenen, trocken Lippen leckte und es damit wieder und wieder nur noch schlimmer machte. Auch nach endlosen Stunden der Wanderung hatte ich noch keine Spur von Zivilisation gefunden, keine Felder oder Wege, nur endloses Gras, zum Teil so hochgewachsen, dass ich kaum darüber hinwegblicken konnte.

Es gab keine Berge, keine Klippen, nur endlose Weite. Lange noch schien das schwächer werdende Sonnenlicht auf mich hinab, doch nach und nach legte sich die Finsternis über mich, schwach erleuchtet von Mond und Sternen, und mit der Dunkelheit kam die Kälte. Zitternd, von meinen Kleidern war kaum mehr als das weiße Hemd übriggeblieben, das ich am Leibe trug, kämpfte ich mich weiter voran, auch wenn ich meine Hand kaum mehr erkennen konnte, hohes Gras hin oder her.

Für einen Moment schien die Versuchung, mich einfach niederzulassen und der Müdigkeit die Oberhand zu gestattem, beinahe zu gewinnen, doch ich dachte an die Tiere, die sich hier tummeln mochten, an die Insekten, die mir die Beine zerbissen und zerstochen hatten, wo die Halme sie nicht bereits zerschnitten hatten, und wusste inzwischen auch, dass an meiner Schläfe getrocknetes Blut zurückgeblieben war von einer Verletzung, die sicherlich einen großen Anteil an meinem Schwindel hatte. Also ging ich weiter, stolperte hier und da über Steine, die im Gras und in der Dunkelheit verborgen lagen und war nicht einmal überrascht, als ich das Gleichgewicht verlor, stürzte und einen Abhang hinabrollte. Ich hatte gerade noch die Hände zum Schutz an meinen Kopf erheben können, um ihn vor den Steinen zu schützen, die die Böschung überzogen und verlor dennoch das Bewusstsein, als ich endlich zum Liegen kam.

Als ich wieder zu mir kam, hörte ich die Grillen um mich zirpen und Vögel singen und für einen Moment war ich einfach froh, dass es hier überhaupt Lebewesen gab, denn noch nie zuvor hatte ich mich so verlassen gefühlt wie in den letzten Stunden. Dennoch war es etwas anderes, das meine Aufmerksamkeit ruckartig auf sich zog. Mein Rücken war feucht und um meine Hand floss in sanften Wellen Wasser; frisches Wasser. Bevor ich mich versah, noch bevor der Hunger oder der Schwindel zurückkehren konnten, hatte ich mich umgedreht, kniete über dem Strom und schöpfte gierig mit den Händen das feuchte nass an meine Lippen empor. Es tat so unendlich gut, das Wasser meinen Hals hinabrinnen zu spüren, zu fühlen, wie es zwischen Fingern hindurchrann und über mein Kinn hinab. Immer wieder senkte ich die Hände zum eiskalten Wasser hinab, das der Frühling noch nicht hatte erwärmen können, und hob sie empor, trank und trank und trank und als ich endlich meinen Durst gestillt hatte, wusch ich mir die Hände, lies das Wasser über die Schnitte an Armen und Beinen rinnen, um den Schmutz hinfort zu spülen, wusch das getrocknete Blut von meiner Schläfe und aus meinen blonden Locken. Schnell bemerkte ich dabei, wie schlecht es um meine Hose stand, die an einem Hosenbein beinahe vollständig aufgerissen war. Sie war außerdem vollkommen steif unter dem Salz, das sie durchsaugt hatte, und strotzte vollkommen von Schmutz. Nach kurzem Zögern zog ich sie von meinen Beinen und griff auch die Ärmel meines Hemdes, sodass ich nur noch meine Unterhosen trug. Ich tauchte beides ins Wasser, wusch es aus, wieder und wieder, bis alles Salz sich im Wasser gelöst hatte und mit ihm abwärts floss, den Schmutz ebenso mit sich nehmend. Ich hob das Hemd aus dem Wasser hinaus, wrang es aus, nur um es noch einmal in das frische Wasser zu tauchen, noch einige Male, wie ich es bei den Frauen beobachtet hatte, wenn sie im Hof die Kleider wuschen. Dann drückte ich ein letztes Mal alles Wasser aus dem Stoff und zog es mir über den Kopf, auch wenn es feucht an meiner Haut klebte. Es war lang genug, um meine Scham zu bedecken und so wagte ich es, auch meine Unterwäsche auszuziehen, um sie in den Fluten zu waschen. Die Hosenbeine waren beinahe vollkommen abgerissen und so erlöste ich sie von ihrem Elend, riss sie in einer scharfen Bewegung vollständig ab und lies sie im Gras liegen. Jetzt wären die Beine kaum mehr unterhalb des Hemdes zu sehen. Aber ich hatte ja meine Hosen-

Als ich mich nach ihnen umdrehte, waren sie fort und ich konnte nur ahnen, dass die Strömung sie mit sich davongetragen hatte. Unschöne Worte verließen meine Lippen, die ich am Hofe des Königs niemals in den Mund genommen hatte, und stand eilig auf. Ich entschied mich schnell, zog mir die Unterhose wieder an, auch wenn das eiskalte Wasser mehr als unangenehm auf meiner Haut war. Ich folgte dem Flusslauf abwärts, wusste, dass wenn überhaupt frisches Wasser mich zu einer Siedlung bringen würde, und war hoffnungsvoll, dass ich auch meine Hosen wiederentdecken könnte, wenn ich ein wenig Glück hätte.

Also folgte ich der Strömung, erleichtert, dass die Sonne sich zeigte und meine ausgekühlte Haut wärmte, bevor der Wind sie erreichen konnte. Jetzt, da mein Durst gestillt war, machte sich der Hunger bemerkbar und so ließ ich den Blick schweifen, als ich auch nach einer langen Weile des Laufens meine Hose nicht entdecken konnte, und konnte mein Glück nicht fassen, als ich einen Busch mit Beeren entdeckte, der kaum oberhalb der Böschung gelegen war. Eilig krabbelte ich empor und hungrig griff ich zwischen die Äste hinein, die mir zur Strafe augenblicklich mit ihren Dornen für meine Gier bestraften. Dennoch zog ich meine Hand nicht zurück, bevor ich nicht eine Hand voll Beeren mit ihr zurückbrachte. Einige waren bereits zwischen meinen Fingern zerquetscht, aber ich ließ diesen Umstand mich nicht aufhalten, hob die ganze Hand auf einmal an meine Lippen und leckte sie hungrig in meinen Mund, kaute kaum, bevor ich sie schluckte. Sie waren süß, aber ein Hauch Bitternis folgte der Süße, beinahe irgendwie unangenehm. Mein Hunger ließ sich jedoch nicht von einer Hand voll Beeren stillen, also wandte ich mich wieder dem Busch zu. Beim zweiten Versuch war ich vorsichtiger, ließ mir die Hand nicht noch einmal zerkratzen und brachte doch noch eine ganze Menge mehr Beeren in meinen Mund, bevor ich mich zufrieden gab und wieder zum Wasser hinabstieg, um die klebrigen Finger abzuwaschen und den zuckrigen Geschmack hinab zu spülen, der sich in meinem Mund ausgebreitet hatte. Über mir hatte die Sonne sich bereits wieder gesenkt und ließ die Frage aufkommen, wie lange ich ursprünglich geschlafen hatte. Ich war noch nicht wieder müde und so erklomm ich die Böschung wieder, folgte dem Strom weiter, noch immer hoffnungsvoll darauf, vielleicht doch ein Dorf zu finden.

Und dann sah ich es: Ein Feuer, das am Horizont in der Dunkelheit aufflackerte. Mein Herz schlug spürbar höher und aller Schmerz, aller Hunger waren vergessen und meine Füße liefen schneller los, als ich mich bewusst dafür hätte entscheiden können. Es war nicht einmal der Wunsch nach Essen, der mich trieb, sondern – zu meiner eigenen Überraschung – der Wunsch, Menschen zu sehen. Ich wusste nicht, in welchem Land ich hier überhaupt war, ob hier Christen lebten oder Heiden, vielleicht sogar jene barbarischen Seevölker, die England regelmäßig überfielen. Ich wusste nicht, welche Sprache sie sprechen würden, ob sie mich verstehen könnten oder ob sie einfach über mich herfallen würden wie wilde Diebe. Ich wollte einfach nur Menschen treffen und wissen, dass ich nicht völlig allein in diesem Land war, das mich so verlassen begrüßt hatte, fortgerissen von allen Menschen, mit denen ich mich auf die Reise begeben hatte.

Eilig trugen meine Füße mich über unebenen Boden und nachdem ich einmal ins Taumeln geraten war, wurde mir klar, dass die regelmäßigen Unebenheiten nicht etwa ungeplante Natur als Ursprung hatten, sondern Feldarbeit und frisches Saatgut. Mein Herz schlug vor Freude höher, auch wenn es naiv war, alle meine Sorgen, so vollkommen zu vergessen. Ich erreichte ein Dickicht von Bäumen, doch sie standen weit genug auseinander, dass ich geschickt zwischen ihnen hindurchrutschen konnte, ja, wenn ich ehrlich war, beinahe rannte.

Und während ich mich so dem Feuer näherte, begann ich Musik zu hören, Trommeln, Flöten, Lauten und Geigen durchbrachen die Stille der Nacht und als ich die Funken vor dem schwarzen Nachthimmel emporsteigen sehen konnte, mischte sich freudiges Lachen mit in die Musik.

Ich stolperte beinahe über Wurzeln am Boden, blieb mit dem weißen Hemd in Ästen hängen, doch nichts konnte mich in meinem Voranschreiten aufhalten und dann endlich brach ich zwischen den Bäumen hervor, spürte schlagartig die Wärme auf der Haut und sog doch scharf die Luft ein bei dem, was ich vor mir erblickte: Junge Mädchen, kaum bekleidet in weißen, beinahe durchsichtigen, leichten Hemden, umtanzten im Licht der Flammen das Feuer, bogen und wölbten sich und erschienen beinahe gespenstig und fremd. Das Licht warf tiefe Schatten auf helle Haut, spiegelte sich im selben Augenblick in goldenem Haar und ließ dennoch die Augen im Dunkel ihrer Höhlen verschwinden. Ja, sie wirkten beinahe unmenschlich, wie sie sich dem Rhythmus einer Trommel beugten, die ich nicht sehen konnte, und doch so synchron in jeder ihrer Bewegungen waren, dass ich meinen Blick nicht lösen konnte. Ihre Bewegungen waren wie nichts, was ich je zuvor gesehen hatte. Sie erinnerten mich an die Frauen, die sich am Hofe vorlehnten, um dem Prinzen noch ein wenig mehr Einblick in ihren Ausschnitt zu geben, der doch zumeist eh kaum halten konnte, was das Mieder emporschob. Es hatte mich immer geekelt, wenn ich ihre Versuche um seine Liebe zu buhlen mitangesehen hatte, aber hier empfand ich nur Bewunderung, ja Faszination und machte sogar einen Schritt in ihre Richtung, ganz so als wolle ich mich im Takt der Musik verlieren und ihre Bewegungen nachahmen, doch stattdessen griff jemand von hinten mein Handgelenk und presste im selben Moment eine Hand auf meinen Mund, scheinbar um zu verhindern, dass ich ein lautes Geräusch von mir gab. Ich zuckte heftig zusammen, stemmte mich gegen den Griff und wollte mit der freien Hand bereits zuschlagen, doch sie wurde abgefangen und langsam löste sich auch die Hand von meinen Lippen.

„Stör sie nicht“, verlangte eine dunkle Stimme, die ich zu meiner Überraschung problemlos verstand und obwohl ich für mein aufbrausendes Temperament bekannt war, gehorchte ich. Es war Respekt vor den Tänzerinnen, auch wenn sie scheinbar kein Publikum hatten, für das sie etwas aufführen könnten.

Langsam, mit stolz erhobenem Kinn drehte ich mich zu dem Ursprung der Stimme um, bereit mich zu wehren, wenn nötig. Dunkle Augen blickten mich unter dunklem Haar hervor an. Seine Haut hätte neben meiner beinahe die Bezeichnung braun verdient und zwischen seinen Augenbrauen lag eine kleine skeptische Falte. Er war etwa genauso groß wie ich, vielleicht einige Zentimeter höher gewachsen, doch nicht davon war es, was meinen Blick an sich fesselte. Es waren die breiten Schultern, die von absolut gar nichts bedeckt waren, die ausgeprägten Muskeln, die kein Hemd verborgen hielt. Ja, es waren die scharfen Hüftknochen, auf denen unnatürlich tief eine dunkle Lederhose saß, die so eng geschnitten war, dass ich mir nicht vorstellen konnte, wie er sie an oder ausziehen sollte. Sie war vorne geschnürt und niemand hatte sich die Mühe gemacht, ein Stück Stoff hinter die Schnürung zu nähen und so konnte ich mehr als deutlich die schwarzen Härchen sehen, die in einer geraden Linie ihren Weg empor zu seinem Bauchnabel suchten, und für einen Moment war mein Mund so trocken, dass ich beinahe glaubte, ersticken zu müssen. Ich war mir in diesem Moment sicher, dass ich noch nie einen so schönen Menschen gesehen hatte wie diesen. Ich hatte nie Interesse an den höfischen Frauen gehabt, was mir zumindest die Sorge ums Zölibat erspart hatte, aber in diesem Moment zweifelte ich nicht daran, dass auch ich andere Menschen ästhetisch finden konnte. Und ich dachte in diesem Moment an alles, aber nicht daran, dass er ebenfalls ein Mann war. Und wenn ich ein wenig gläubiger gewesen wäre, hätte ich es wohl für eine Prüfung Gottes gehalten. So versuchte ich, mich nur zusammenzureißen und ihm in die Augen zu schauen, in denen jedoch längst ein wissendes Grinsen schimmerte. Er schien sich durchaus bewusst zu sein, wie er auf andere wirken konnte.

„Du siehst aus als könntest du etwas Kräftiges zu Trinken gebrauchen“, summte er und ich spürte, wie eine Gänsehaut über meinen Nacken fuhr und wurde mir plötzlich bewusst, dass ich nicht wirklich mehr trug als die tanzenden Mädchen am Feuer. Ich versuchte mit reiner Willenskraft die Hitze in meinen Wangen niederzuringen, doch konnte ich kaum sagen, ob ich erfolgreich war. Er wandte mir den Rücken zu, führte mich weg vom Waldrand zu hölzernen Tischen hinüber, die ich zuvor nicht einmal bemerkt hatte. Darauf standen steinerne Krüge und Schalen mit Brot und Beeren, doch der Fremde griff direkt nach einem Becher und füllte ihn bis zum Rand. Warum ich ihm überhaupt so willig gefolgt war, konnte ich nicht sagen, aber ich weigerte mich, es darauf zu schieben, dass ich ihn unsagbar attraktiv fand. Also nahm ich die Tasse und führte sie ohne viel Zögern an meine Lippen. Die Flüssigkeit war beinahe golden und ganz sicher nichts, was ich jemals zuvor gesehen hatte, aber sie roch noch süßer als die Beeren, mit denen ich meinen Hunger gestillt hatte und so nahm ich einen großen Schluck, der meinen ganzen Mund augenblicklich in zuckrige Süße tauchte und ein sanftes, warmes Gefühl in meinem Bauch zurückließ. Es glich in keiner Weise dem bitteren Ale, das ich in der Heimat probiert hatte, auch nicht dem Wein, den ich von dort kannte, und doch wusste ich, dass es ganz sicher Alkohol war, den er mir gegeben hatte. Gegen jedes bessere Wissen nahm ich einen weiteren großen Schluck. Dann erst erinnerte ich mich an meine Manieren – Immerhin hatte man mich noch nicht angegriffen oder überfallen – und senkte den Becher wieder. „Vielen Dank“, sagte ich zögerlich, leise, um die Musik nicht zu stören, nach deren Ursprung zu suchen mich in Gegenwart des Mannes vor mir jegliche Relevanz verloren zu haben schien. Dann blickte ich zögerlich zu dem Brot, hoffnungsvoll, aber nicht sicher, ob ich die Freundlichkeit soweit ausnutzen durfte.

„Nimm“, bot er an, schob die Schale sogar in meine Richtung und ich nahm hungrig davon, vergas einige meiner Tischmanieren dabei und war doch so gierig nach der festen Backware, dass ich mich darum nicht sorgen konnte. Eilig spülte ich das trockene Brot mit etwas mehr von dem süßen Getränk abwärts und vergas beinahe den beobachtenden Blick auf mir, als ich wieder zu den tanzenden Mädchen blickte.

„Warum tanzen sie?“, flüsterte ich und spürte, wie der Fremde ganz nah an meine Schulter herangetreten war, ja, so nah, dass ich seine Wärme auf meiner Haut nahezu spüren konnte.

„Für Sif, Freyr, Freya, Demeter, Ceres, für Naturgeister oder -dämonen, für einen einzelnen Gott oder für viele. Sie wissen es selbst kaum.“ Ich spürte seine Stimme in meinem Nacken und konnte mich kaum auf seine Worte konzentrieren und wusste nach seiner Antwort wohl weniger als zuvor, doch ein Kloß in meinem Hals verbat mir eine weitere Frage. „Sie bitten um Fruchtbarkeit für die Felder.“ Dann spürte ich seine Finger an meinem Hals, beinahe zu warm. Sie schoben einige der blonden Strähnen beiseite, liebkosten in derselben Bewegung meine Haut mit rauen Fingerkuppen und ließen meinen Kopf ganz leicht werden. „Und für ihre eigene Fruchtbarkeit.“ Es klang wie ein Angebot, wie ein Versprechen oder eine Drohung, doch ich lehnte mich einfach in seine Berührung hinein, die bereits wieder verschwunden war.

„Woran glaubst du, Yuri?“ Es war kaum mehr als ein Hauch, der mit seiner Wärme verschwand, als er wohl von mir zurücktreten musste.

Dann waren die Mädchen plötzlich vor mir, aufgeregt, Blüten ins blonde Haar geflochten, und sahen mit aus großen Augen an. Sie sprachen mit mir. Ich verstand kein Wort. Ich wollte mich zu dem Mann umdrehen, der mich hierhergeführt hatte, doch eine von ihnen griff meine Hand, eine andere nahm meinen Becher aus meiner Hand. Sie zogen mich zum Feuer, ein Mädchen an jeder Hand, scheinbar damit ich ein Teil ihres Tanzes werden würde, von dem ich doch nicht einen einzigen Schritt kannte. Und dann plötzlich zuckte ich zusammen.

Woher hatte der Fremde meinen Namen gekannt?!

Ich blickte über meine Schulter zurück, doch der Mann musste zwischen den Bäumen verschwunden sein, denn dort am Tisch stand niemand mehr.

Sie gaben mir mehr von dem süßen Wein, redeten auf mich ein, selbst wenn ich kein Wort verstand und während mein Kopf immer leichter vom Alkohol wurde, wurden es auch meine Glieder, bis ich mich beinahe mühelos mit ihnen im Takt der Musik bewegte. Als sie sich die Hemden vom Körper zogen, ihre sanften Kurven entblößten, wehrte ich mich nicht einmal mehr gegen ihre Finger, die auch mir mein Hemd vom Körper zogen, meine Unterwäsche von meinen Hüften streiften. Keine von ihnen wirkte als würden sie die Unterschiede in unseren Körpern stören und ich hatte längst jegliche Scham verloren. Dennoch zuckte ich weg, als die erste von ihnen mit einem nassen Tuch über meine Schultern fuhr, für einen Moment klarer im Kopf, doch nur für einen Moment, denn jemand anderes presste den Becher wieder an meine Lippen. Ein anderes Getränk, beinahe noch süßer, in jedem Fall fruchtiger als das vorherige floss über meine Lippen, rot wie Blut, und mit einem Hauch von Kräutern, die sich stark von der Süße des Getränks abzuheben schien.

Immer mehr Hände fuhren mit Tüchern über meinen Körper, getaucht in Wasser, um Schmutz von meinem Körper zu waschen, andere rochen wie das süße Gold, das mir zuerst meine Sinne verworren hatte, wieder andere nach Wildkräutern, und zuletzt tränkten sie sogar meine Haare in einen blumigen Duft, der mir die Sinne verdrehte.

Ich konnte kaum mehr stehen, als sie mit ihren Behandlungen fertig waren und ich war froh, dass sie mich vorsichtig auf die Knie sinken ließen, bevor sie einen Kreis um mich formten und noch einmal ihren Tanz zur Schau stellten. Ihr Anblick verschwand vor meinen Augen. Ihre Blumenkronen wurden zu Farbflecken, die ein Künstler wahllos ineinander hatte fließen lassen, befremdlich und doch wunderschön.

Als es vorüber war, schloss ich nur für einen einzigen Moment die Augen, doch als ich sie wieder öffnete, waren alle anderen fort, selbst die Musik war verklungen und einzig das Feuer in meinem Rücken und der leere Tisch vor mir erinnerten an das, was gerade passiert war.

„Hallo?“, rief ich in die Dunkelheit, auch wenn meine Zunge sich schwer anfühlte, nachdem ich sie solange nicht benutzt hatte.

Mir antwortete nur Stille und für einen Moment fragte ich mich, ob ich mir all dies nur eingebildet hatte. Vielleicht waren die Beeren dort am Fluss giftig gewesen, vielleicht war mir die Hitze zu Kopf gestiegen, vielleicht war die Kopfverletzung schlimmer gewesen, als ich zuerst gedacht hatte.

Ich zwang mich auf die Füße zu kommen, auch wenn sich vor meinen Augen alles drehen wollte, als ich es endlich geschafft hatte. Ich zog mich am Holz des Tisches empor und dann drehte ich mich langsam wieder zum Feuer um, wollte mich nach meinen Kleidern umsehen, die ich wohl in meiner Verwirrung abgelegt haben musste und begegnete stattdessen einem Paar dunkler, hungriger Augen. Warmer Geruch schlug mir entgegen, wie Gewürze an einem kalten Tag, so klar, dass sie sogar die süßen Blumen überlagerten, die mich an meinem eignen Körper einlullten.

Es war der Fremde von zuvor und bevor ich mich versah, waren meine Augen zu seinen Lippen gesunken und ich überwand das kleine Stück zwischen uns, um zu testen, ob er nach dem schmeckte, nach dem er roch, und dem Drängen nachzugeben, das mich bereits beim ersten Anblick von ihm angefallen hatte. Seine Lippen waren hart, aber nicht im geringsten so rau wie ich seine Finger in Erinnerung hatte, sie waren heiß, brannten sich beinahe in mein Gedächtnis ein, doch nicht wie Flammen, sondern wie die Sonne an einem heißen Sommertag und sie schmeckten, wie sie rochen, wie fremde Gewürze aus weit entfernten Ländern, die manch ein Gast an den Hof des Königs gebracht hatte, um seine Gunst zu gewinnen.

Und mit dieser kurzen Geste der Neugier weckte ich ein schlafendes Biest, denn der Mann vor mir spannte nur kurz seine Muskeln an, bevor er sich mir entgegendrängte, seine Brust gegen meine von der Sonne unberührte Haut presste und mich zwischen Tisch und einem Körper einsperrte, der vielleicht einem Krieger hätte gehören sollen, aber nicht einem einfachen Menschen von den Feldern oder aus den Wäldern.

Der Kuss war berauschend, jedoch viel zu schnell vorüber und doch schnappte ich gierig nach Luft, als der Druck seiner Lippen von meinen wich. Ich wollte mehr davon, wollte meine Finger über seine Muskeln fahren lassen, in seine Haare, über das Leder seiner Hose oder vielleicht auch darunter, doch als ich meine Hand ausstreckte, griff ich ins Leere und blinzelte erschrocken. Unmöglich konnte ich mir das nur eingebildet haben! Doch er war noch dort, vielleicht einen Meter von mir entfernt, angespannt und eindeutig weniger glücklich mit dieser Situation als ich. Sein Kiefer war verspannt, seine Augenbrauen eng zusammengezogen und er schien angespannt zu atmen. Meine Hand verharrte in der Luft, doch ich wagte es nicht, den Abstand zu überwinden, der uns trennte, auch wenn alles in mir danach zu verlangen schien.

„Geh ein Stück mit mir“, verlangte er dann, ließ die Luft aus seiner Nase ausströmen und wandte sich ein weiteres Mal einfach ab, eigentlich viel zu selbstsicher, dass ich ihm zweifellos folgen würde. Ich tat es dennoch, unsicher, wie nah ich ihm kommen sollte und eigentlich viel zu betrunken, um tiefer zwischen den Bäumen zu verschwinden.

Zum Glück liefen wir nicht lange, dann stoppte der Fremde wieder, winkte mich zu sich und kniete sich nieder. Vor uns hatte der Bach sich zu einem kleinen Teich gestaut, so klar, dass ich die Steine am Boden selbst im schwachen Mondlicht erkennen konnte. Es war ein wunderschöner Anblick, magisch und faszinierend. Ich wollte seiner Aufforderung folgen, dann stolperte ich, stürzte über meine eignen Füße und riss den Fremden gleich mit mir das kleine Stück zum Wasser hinab, wo ich mit einem Platschen halb in seinem Arm, halb im kalten Wasser zu liegen kam. Er schien uns beide auch bis zum Becken im Wasser stehend noch abgefangen zu haben und ich ließ mir einen Moment Zeit, die Finger über seine Brust gleiten zu lassen. Dann blickte ich zu ihm empor, sah wie sich in seinen schwarzen Augen das ganze Universum zu spiegeln schien und verlor mich darin, während er mich vorsichtig vollständig ins Wasser hinabsinken ließ.

Das kühle Nass wusch die süßen Düfte fort und schien im selben Moment auch den Nebel aus meinen Gedanken mit sich zu nehmen, der mich durch diesen Abend geleitet hatte seit ich die erste Tasse Gold getrunken hatte. Als ich wiederauftauchte, fühlte ich mich noch immer leicht und warm, doch ich konnte wieder klar denken, die Wolken in meinen Gedanken hatten sich aufgelöst und doch floh ich nicht aus dem lockeren Griff, den seine Hände um meine Schultern legten.

„Du hast die Augen eines Kämpfers“, brach er die Stille, die folgte, plötzlich und unerwartet und so anders als alles, was je in meinem Leben zu mir gesagt worden war, wenn andere meine zarte Schönheit und die schmalen Schultern erwähnt hatten. Ich mochte es, ein Kämpfer zu sein; nicht ein Mönch, nicht ein Prinz, nicht ein Betteljunge in einem Waisenhaus. Es klang nach Kraft und Ausdauer und nach einem Sinn, den mein Leben nie gehabt hatte.

„Du siehst aus wie ein Krieger“, antwortete ich noch halb in Gedanken, nicht einmal überrascht, dass er der einzige zu sein schien, der meine Sprache verstand und sie ebenfalls sprechen konnte.

Er lachte, dunkel, melodisch. Es klang nach mehr und ich beobachtete fasziniert das Mondlicht in einem Wassertropfen, der über seine Brust abwärts perlte. Ich fing ihn mit einem Finger ab, ganz bewusst in dem, was ich tat. Ich spürte seinen Blick auf mir und hob die Augen zu ihm auf, fragend, fasziniert von ihm und vielleicht ein wenig zu vertrauensvoll.

Dann erinnerte ich mich an unser erstes Gespräch, legte die Hand flach an seine Brust und hielt seinen Blick, bevor ich fragte: „Woher kanntest du meinen Namen?“

Er blinzelte, neigte den Kopf ein wenig. „Du hast ihn mir doch genannt, erinnerst du dich nicht?“ Und er klang so sicher, dass ich nicht einmal wagte zu zweifeln, auch wenn ich mich nicht daran erinnerte, auch nur im Ansatz mit ihm darüber gesprochen zu haben.

„Wie heißt du?“, drängte ich also weiter.

„Otabek“, rollte ein fremder Name von seinen Lippen, auch wenn mein Kopf ihn nicht als fremd einzustufen schien.

„Otabek“, wiederholte ich. Ein Name, der sich beinahe besser anfühlte als der weiche Geschmack des Weins. Er erschauderte beim Klang meiner Stimme und ich spürte, wie sich ein Grinsen auf mein Gesicht schlich. „Wissen wir dann genug über einander, um dort fortzusetzen, wo wir eben aufgehört haben?“ Meine Worte enthielten keine Anklage, keine Skepsis über sein Verhalten. Es war eine einzige ernstgemeinte Frage, ein Versprechen und ein Wunsch und ich wusste, dass die Dunkelheit des Nachthimmels in seinen Augen mir meine Bitte nicht verwehren würde.

Die ersten Vögel zwitscherten leise in den Bäumen über uns, als ich die Augen aufschlug, den Kopf auf einer muskulösen Brust gebettet, von der ich beinahe erwartet hätte, dass sie verschwunden sein würde, wenn ich erwachte, einfach weil es zu perfekt gewesen war, zu frei, zu verboten; zu sehr wie eine Nacht mit der Sünde selbst. Doch er war noch da, atmete ruhig unter mir ein und aus und bewegte sich erst, als auch ich mich langsam aufsetzte.

„Die Sonne wird bald aufgehen“, sagte er ruhig und ich war mir beinahe sicher, dass ich in seiner Stimme Spuren der letzten Nacht hören konnte, die meine vermutlich ebenso trug. Dennoch klang es mir zu sehr nach einem Abschied. Ich runzelte die Stirn, auch wenn es vermutlich unschöne Falten hinterlassen würde, wie ich sie Viktor immer angedroht hatte. „Du brauchst Kleidung.“ Der Gedankensprung kam überraschend, aber er adressierte etwas, was einiges an Relevanz hatte, denn ja, ich war noch immer nackt und hatte meine Kleider beim Feuer auf der Lichtung zurückgelassen, auf der ich gestern den tanzenden Mädchen begegnet war.

„Sie müssten noch beim Feuer liegen“, vermutete ich, stand langsam auf und bot dann auch ihm eine Hand an, die er sicherlich nicht brauchte. Er griff sie dennoch, nahm in derselben Bewegung seine lederne Hose mit empor, zog sie sich mit einer Leichtigkeit über, die ich bei dem schmalen Schnitt nicht vermutet hätte und lehnte sich dann unvermittelt zu mir vor, um einen Kuss von meinen Lippen zu stehlen. Ich schloss die Augen und genoss etwas, was ich nie erwartet hatte, jemals zu erleben, bevor mein Schicksal sich in einem Kloster an den Küsten Englands erfüllen würde.

Otabek legte eine Hand auf meinen Rücken, knapp oberhalb meines Hinterns, als wir uns auf den Weg durch die Bäume machten, und es schickte ein warmes Gefühl durch meinen Bauch, das ich nicht wieder gehen lassen wollte.

Wir fanden mein Hemd und auch die Reste meiner Unterwäsche am Feuer liegend oder zumindest bei dem, was davon übriggeblieben war. Graue Asche und einige letzte Reste von Holz, die noch müde vor sich hin brannten. Einen Moment beobachtete ich wie das Gelb und das Orange an weißlichen Holzresten leckten, dann löste ich mich von der Hand, deren Berührungen sich in der vergangenen Nacht auf meiner Haut eingebrannt hatten. Ich griff mir die Kleidung und zog sie mir über den Körper. Es fühlte sich beinahe fremd an, doch ich ignorierte das schwere Gefühl, das sich auf mich legte, und drehte mich zu Otabek um, der neben der Asche kniete und nachzudenken schien.

„Man sagt, dass ein junges Paar, das in der Nacht des ersten Maitages gemeinsam über die Flammen des Feuers springt, eine fruchtbare und ewig haltende Beziehung führen wird.“ Er stocherte mit einem Stock in den Flammen herum, während seine Worte das enge Gefühl in meiner Brust noch ein wenig mehr verstärkten und zugleich das Flattern in meinem Bauch von Neuem erweckte. „Es ist nicht wirklich mehr ein Feuer, aber noch brennt es?“, schlug er dann vor und ich nickte, ohne auch nur einen einzigen Moment zu zögern. Fest griff ich seine Hand, sah ihn noch einmal an, dann holten wir zwei Schritte Anlauf und sprangen über die glühenden Kohlen, die von den lodernden Flammen der letzten Nacht übrig geblieben waren, und landeten auf der anderen Seite wieder auf bloßen Füßen. Ich drehte mich zu ihm um, schob die Hände in seinem Nacken in das dunkle Haar und küsste noch einmal die Lippen, die in der Nacht unterm Sternenschein bewundernde Worte gemurmelt und Spuren von Zuneigung auf meiner Haut hinterlassen hatten, die das weiße Hemd jetzt wieder verbarg.

Einen langen Moment genossen wir noch die Stille des Waldes, dann streckte die Morgensonne ihre Finger über die Baumkronen und die Magie der Nacht schien gebrochen.

„Das Dorf liegt in dieser Richtung.“ Ich folgte Otabeks Geste zu den Bäumen und nickte leicht, auch wenn ich noch lange nicht wusste, was ich dort tun sollte. Vielleicht würde Otabek für mich übersetzen können.

„Woher kennst du eigentlich meine Spra–“ Ich hatte mich kurz von ihm abgewandt, doch als ich mich jetzt wieder in seine Richtung drehte, war er fort und ich war allein auf der Lichtung zurückgeblieben.

„Yuri!“, durchbrach eine ganz andere Stimme den Moment, als Viktor aufgelöst vor Freude aus Richtung des Dorfes auf die Lichtung lief und mich fest in die Arme schloss.
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