Henrys Abschiedsbrief

KurzgeschichteSchmerz/Trost / P12 Slash
25.06.2019
25.06.2019
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Lieber Noah,

wenn Du diese Zeilen hier liest, dann bin ich gegangen, weil ich die ganze Situation einfach nicht mehr länger aushalten kann.
Es fällt mir sehr schwer, diesen Schritt zu gehen und damit nicht nur ein neues Kapitel in meinem Leben aufzuschlagen, sondern gleichzeitig auch ein altes, sehr langes abzuschließen. Aber nach allem, was passiert ist, halte ich es für das Beste, wenn ich gehe, bevor ich mir selbst noch länger etwas vormache – und Dir möglicherweise auch.
Es geht einfach nicht mehr. Auch wenn ich immer wieder versucht habe, damit umzugehen und es zu akzeptieren, auch wenn ich Deinen Worten und Versprechungen nur allzu gerne glauben würde – ich schaffe es einfach nicht mehr.
Denn damit würde ich mich letztendlich nur selbst belügen und weiter an einer Illusion festhalten, die von Anfang an nicht mehr gewesen ist als pures Wunschdenken.
Viel zu lange habe ich mir selbst etwas vorgemacht, habe mir eingeredet, dass Du mich liebst und es irgendwann eine Zukunft für uns beide geben wird. Ich habe geglaubt, dass Du irgendwann zu mir stehen wirst, dass Du dieses Spiel endlich beendest und Dich vollständig zu mir bekennst. Ich dachte, dass ich irgendwann mehr für Dich bin als nur ein Geheimnis, mehr als eine kleine Affäre für zwischendurch.
Aber als ich Dich und Sarah zusammen in der Stadt gesehen habe, gemeinsam mit Euren beiden Kindern – da habe ich zum ersten Mal bewusst realisiert, wie verrückt das alles ist und dass es so einfach nicht mehr weitergehen kann.
Ich habe viel zu lange gehofft, dass es gut wird, dass Du eines Tages zu ihr gehst und es ihr endlich sagst. Schon seit ich von ihr erfahren habe, seit ich weiß, dass Du eine (Noch-)Ehefrau und zwei Kinder hast, warte ich bereits darauf, dass sich irgendetwas ändert, dass Du Deine Versprechen endlich einlöst und Sarah die Wahrheit über uns sagst. Aber inzwischen ist mir klargeworden, dass das illusorisch ist, dass Du Dich meinetwegen niemals von ihr trennen, geschweige denn, Dich zu mir bekennen wirst.
Du gehörst zu ihr – und nicht zu mir. Ich war von Anfang an nur ein Spiel für Dich, eine Affäre für den netten Zeitvertreib zwischendurch. Leider wollte ich das viel zu lange nicht einsehen und war tatsächlich blind vor lauter Liebe zu Dir.
Selbst dann noch, als Du mir von Sarah erzählt hast, war ich so naiv und habe gedacht, dass sich die Situation zwischen uns beiden irgendwann ändern wird. Du hast wirklich so überzeugend gespielt, dass ich gar nicht anders konnte als Dir zu glauben und zu vertrauen.
Nein, Noah, das soll jetzt kein Vorwurf sein. Und ich entschuldige mich, wenn es für Dich so klingt. Ich bin nicht böse auf Dich, dass Du mich so lange hingehalten hast. Und ich nehme Dir Deine Lüge bezüglich Sarah auch nicht übel.
Du kannst mir glauben, dass mir dieser Schritt, den ich jetzt gehe, alles andere als leicht fällt. Denn auch wenn ich es mir selbst nicht erklären kann – ich liebe Dich nun einmal.
Und ich weiß, dass diese Liebe auch nicht einfach so aufhören wird, wenn ich jetzt gehe. Immerhin war das zwischen uns trotz allem etwas Besonderes – und ich würde lügen, wenn ich sagte, dass ich das einfach so mir nichts, dir nichts vergessen kann.
Aber dennoch wäre es sinnlos, noch länger an einem Traum festzuhalten, der sich doch niemals erfüllen wird. Es wäre falsch, das Spiel noch länger zu spielen und so zu tun als gäbe es Sarah und Deine Kinder nicht. Und vor allem wäre es falsch, noch länger darauf zu warten, dass Du Dich endlich für mich entscheidest.
Denn im Grunde genommen hast Du Dich sowieso schon längst entschieden. Für Deine Familie – und damit eindeutig gegen mich.
Auch wenn Du mir immer wieder sagst, wie sehr Du mich liebst und dass ich nur Geduld haben muss – eigentlich wissen wir doch beide ganz genau, dass das nichts weiter als leere Worte sind.
Natürlich möchte ich Dir damit nicht unterstellen, dass alles nur geheuchelt war. Ich glaube Dir, dass Du Gefühle für mich hast. Aber es werden niemals dieselben sein, die Du für Sarah empfindest. Und ich werde Dir auch nie so viel bedeuten wie sie. Sonst hättest Du Dich nämlich längst von ihr getrennt.
Wenn Deine Gefühle für mich wirklich so stark wären wie Du sagst, würdest Du Manns genug sein und es ihr endlich erzählen. Aber das tust Du nicht. Weil Du mich zwar liebst, aber nicht genug, um reinen Tisch zu machen.
Und genau das kann und möchte ich nicht mehr. Ich möchte einen Mann an meiner Seite, dem ich vertrauen kann, der ehrlich ist und keine Angst davor hat, zu mir zu stehen. Vor allem aber einen, für den ich mehr bin als nur die kleine, schwule Affäre.
Und sei mal ehrlich, Noah: Genau das bin ich doch im Endeffekt für Dich. Ich zweifle wie gesagt nicht daran, dass Du Gefühle für mich hast. Aber manchmal ist das eben einfach nicht genug.
Du liebst mich nicht so, wie ich Dich liebe – und das wirst Du auch niemals tun, ganz gleich, wie lange ich noch warte.
Deshalb ist es das Beste, wenn ich gehe und dem Ganzen ein Ende setze – für mich, sowie letztendlich auch für Dich.
Dieses Spiel kann so nicht mehr weitergehen, ganz gleich, wie schön es war, denn das täte uns beiden auf Dauer nicht gut. Und genau deshalb gehe ich auch weg von hier. Mit dem Wissen, dass es trotz allem etwas ganz Besonderes war.
Und natürlich werde ich das auch nicht einfach vergessen. Das könnte ich gar nicht, selbst wenn ich es wollen würde.
Ich habe Dich sehr geliebt, Noah. Und ich liebe Dich noch immer, irgendwie, auch wenn ich weiß, dass diese Liebe nie so zurückkommen wird wie ich sie Dir gebe.
Du warst, bist und bleibst trotzdem der erste Mann in meinem Leben, der mein Herz voll und ganz berührt hat. Und es steht auch völlig außer Frage, dass ich weder Dich, noch unsere gemeinsame Zeit jemals vergessen werde.
Auch wenn es von Anfang an nur ein Traum gewesen ist, so war es trotzdem der schönste, den ich jemals träumen durfte. Und auch wenn es manchmal nicht leicht war, bereue ich trotzdem keinen einzigen Moment.
Ich danke Dir, Noah. Für alles, was wir erleben durften. Und ich wünsche Dir trotz allem alles Glück dieser Erde und hoffe, dass Du unsere Zeit in genauso guter Erinnerung behalten wirst wie ich.
Für mich ist es nun aber an der Zeit, meinen eigenen Weg zu gehen und mich auf die Suche nach meinem Glück zu machen. Denn ich spüre ganz genau, dass es irgendwo da draußen auf mich wartet.

Sei mir bitte nicht böse. Und wenn Du an uns denkst, dann halte Dir bitte immer eine Sache deutlich vor Augen: Ich habe Dich wirklich geliebt. Vielleicht sogar ein bisschen zu sehr.
Und dennoch bin ich unendlich dankbar für all die schönen Momente, die wir geteilt haben. Ich werde sie niemals vergessen und für immer ganz tief in mir tragen.
Mach es gut, Noah. Und alles nur erdenklich Gute für Deinen Weg.
In Gedanken schicke ich Dir einen letzten Kuss. Bitte vergiss mich nicht. Ich werde Dich auch niemals vergessen.

Alles Liebe und danke für unsere schöne Zeit,
Dein Henry
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