Calliope

GeschichteAbenteuer, Romanze / P16
Finnick Odair Johanna Mason Katniss Everdeen OC (Own Character) Peeta Mellark
24.06.2019
24.01.2020
36
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Auf dem Weg ans andere Ende der Terrasse setzte Calliope ihr strahlendstes Lächeln auf, hinter dem sie ihre Verachtung verbergen konnte. „Ah, hier steckst du, Finnick“, sagte sie, als sie neben ihm stehen blieb. Dann wandte sie sich der roten Tabeah zu, als würde sie sie erst jetzt bemerken. „Ich glaube, wir wurden einander noch nicht vorgestellt.“
    Einen winzigen Moment lang wirkte die Kapitolerin irritiert, vielleicht sogar etwas verärgert, dann fing sie sich wieder und lächelte Calliope nicht minder falsch an. „Tabeah Marsh, sehr erfreut.“ Sie bot ihr die Hand an und als Calliope sie ergriff, fühlte sie kühle Haut und knochige Finger.
    „Calliope Harper, die Freude ist ganz meinerseits“, erwiderte Calliope und zog ihre Hand zurück. „Finnick hat Ihnen sicher schon von unseren Tributen Tara und Ethan erzählt, oder?“
    „Ja, das hat er. Und ich warte gespannt darauf, mehr von ihnen zu sehen“, sagte Tabeah. „Ihr müsst mich entschuldigen, dort hinten wartet jemand auf mich.“ Und mit einem letzten Lächeln in Finnicks Richtung stöckelte sie davon.
    Calliope sah ihr nach. „Irgendwie habe ich das Gefühl, dass meine Anwesenheit sie verjagt hat“, meinte sie mit einem Schulterzucken. „Hat sie was gegen mich?“
    „Ach, Calliope“, seufzte Finnick.
    „Was denn? Sei froh, dass sie fort ist und beschwer dich nicht“, gab Calliope zurück. „Ich hab schließlich nichts getan, außer mich dazuzustellen. Das kann man wohl kaum als Einmischung bezeichnen.“ Dann griff sie nach seinem Arm und zog ihn in Richtung der Treppen. Sobald sie die Stufen hinter sich gelassen hatten, ließ sie ihn wieder los. „Und fünf Minuten frische Luft werden dir guttun.“
    Schweigend entfernten sie sich etwas von der Terrasse und gingen eine Runde um den Pool herum, wobei sie darauf achteten, den vereinzelten Gästen auszuweichen, die ebenfalls etwas Abstand zur Menge suchten. Nach einer Weile wurden Finnicks Schritte einen Ticken leichter und Calliope konnte sehen, wie ein wenig Anspannung aus seinem Körper wich.
    Sie biss sich auf die Lippe. „Ist diese Tabeah…?“, begann sie.
    „...meine nächste ‘Verpflichtung‘?“, ergänzte Finnick. Er schob die Hände in die Hosentaschen und schaute sie nicht an. „Sie hat es mir vorher gesagt.“
    „Verdammtes Miststück“, knurrte Calliope. Plötzlich hatte sie den brennenden Wunsch, dieser Person den Hals umzudrehen. Oder an ihr auszutesten, ob ihre Schuhe tatsächlich eine annehmbare Waffe abgaben. Wut kochte in ihr hoch, doch als sie Finnicks Blick begegnete, verwandelte sie sich in ein Gefühl von lähmender Machtlosigkeit.
    „Belassen wir es dabei“, sagte Finnick. Sein Tonfall war ruhig, aber auch bestimmt. „Wie ist es bei dir gelaufen?“
    „Mittelprächtig. Haymitch hat viel Zulauf, ohne einen Finger zu rühren. Aber ich denke, dass ich Louna überreden kann, wenn sich Tara und Ethan beim Einzeltraining und den Interviews gut präsentieren.“
    Finnick runzelte die Stirn. „Vielleicht wäre es besser, wenn du dich von ihr fernhältst. Seit sie ihr Kind verloren hat, ist sie… anders geworden. Zunehmend.“
    „Ja, sie ist weniger abgedreht. Und nicht so falsch und hinterrücks wie die ganzen andern“, gab Calliope etwas schärfer als beabsichtigt zurück. Irgendwie hatte sie das Bedürfnis, Louna in Schutz zu nehmen.
    In ihrem ersten Jahr als Mentorin hatte sie Louna Mitchell auf einer Sponsorenfeier wie dieser kennengelernt, und damals war sie für Calliope nichts weiter als eine von vielen verschrobenen Kapitolerinnen gewesen. Aber immerhin hatte sie sich für Distrikt 4 interessiert und als sie Louna von ihrem Zuhause erzählte, stellte sie fest, dass das Interesse nicht geheuchelt war. Louna war die erste Sponsorin überhaupt gewesen, die Calliope gewinnen konnte und seit dem eine ihrer üblichen Anlaufstellen. Besonders, seit sie mit Louna einen Deal für Annie machen konnte und diese gewonnen hatte, ließ Louna sich immer mal wieder für 4 einspannen.
    Außerdem war sie, im Gegensatz zu vielen anderen, nicht im geringsten an Finnick interessiert. Sie hatte ihn nie betrachtet wie eine begehrenswerte Trophäe, die sie irgendwie in ihren Besitz bringen wollte. Und allein die Tatsache, dass sie ihm stets in die Augen sah, statt auf die von Horatio vorgesehenen Blickfänge, hatte ihr Calliopes Achtung eingebracht.
    Im vorletzten Jahr, kurz vor den Hungerspielen, war Lounas Tochter an einer unheilbaren Krankheit gestorben, obwohl man alles mögliche getan hatte, um sie zu retten. Danach war Louna nicht mehr dieselbe gewesen. Die schrillen Haare und ausgeflippten Klamotten waren geblieben, sodass sie sich äußerlich nicht von ihren Kolleginnen unterschied, doch ihre unerschütterliche Laune war verschwunden. Sie wurde ähnlich zynisch wie Johanna und ließ sarkastische Bemerkungen fallen, die sich vor allem gegen die anderen Kapitoler richteten.
    Grundsätzlich hatte Calliope den Eindruck, dass Louna an Bodenständigkeit gewonnen hatte. Sie war weniger unbedarft und anstrengend, und schien die Dinge immer öfter zu hinterfragen. Das ein oder andere Mal hatte sie Calliope gegenüber Kritik geäußert, die sie von einer Kapitolerin nie erwartet hätte.
    Der Begriff ‚Freundin‘ ging wohl zu weit, aber Calliope verstand sich gut mit ihr. Zwischen den ganzen seltsamen Menschen, die es kaum erwarten konnten, die Jugendlichen in der Arena kämpfen zu sehen, wirkte sie wie die einzige halbwegs vernünftige Person. Sie zumindest wusste, wie es sich anfühlte, ein Kind zu verlieren und dass der Tod nichts war, das der Unterhaltung dienen sollte.
    „Ich mache mir nur Sorgen“, erwiderte Finnick ernst. „So wie sie manchmal redet, denke ich oft, dass sie damit ihren Kopf riskiert.“
    „Ach was, die zerreißen sich doch alle die Mäuler, Louna macht das wenigstens auf amüsante Weise“, winkte sie ab, obwohl ihr dieser Gedanke auch schon gekommen war. Bereits ein paar Mal hatte Louna den Fuß auf dünnes Eis gesetzt. „Aber selbst wenn, heißt das ja nicht, dass wir sie nicht als Sponsorin engagieren können.“
    „Endlich! Ihr beiden könnt mir nicht ewig aus dem Weg gehen“, keuchte da eine Stimme hinter ihnen. Cassiopeius eilte mit zügigen Schritten auf sie zu. „Glaubt ja nicht, dass mir eure Trödelei vorher entgangenen ist“, schimpfte er. „Ich hoffe, ihr hab dafür wenigstens fleißig gearbeitet.“
    „Keine Sorge, wir haben Ethan und Tara gut verkauft“, beruhigte Finnick ihn. „Was haben sie vom Training erzählt?“
    „Es schien ganz gut gewesen zu sein, die beiden haben getrennt die Stationen gemacht, die ihr ihnen geraten habt. Tara hat außerdem gemeint, dass sie in der Pause mit den Tributen aus 1 und 2 gegessen hat und die sie ein paar Mal beobachtet haben.“
    „Klingt vielversprechend“, meinte Calliope. Wenn Tara es schaffte, die Karrieros von sich zu überzeugen, konnte ihr ein Bündnis sicher sein. Was sie anging, hatte Calliope das Gefühl, dass ein Sieg durchaus möglich wäre. Aber sie konnte auch nicht vergessen, was ihr erster Gedanke zu Ethan gewesen war. Selbst mit einem Sponsor würde er es nicht leicht haben. Und Lounas Zweifel waren leider nicht unbegründet…
    Eilig schob sie diesen Gedanken beiseite. Noch hatten die Spiele nicht begonnen. Alles war noch offen und sie konnte tun, was ihr möglich war, um ihren beiden Tribute die bestmöglichen Hilfestellungen zu geben.

Die kühle Nachtluft roch nach totem Laub und der unverkennbaren Note eines Lagerfeuers. Es war stockfinster, doch Calliopes Augen waren an die Dunkelheit gewohnt und so huschte sie beinahe lautlos durch den kleinen Wald. Irgendwo hier musste er sein, das wusste sie.
    Er wähnte sich in Sicherheit, schon beinahe am Ziel, und deshalb war er unvorsichtig geworden. Es war wenig überraschend, schon beim Training und den Interviews hatte Calliope festgestellt, dass Bextor, der männliche Tribut aus Distrikt 2, nicht besonders clever war. Groß, stark und tödlich, aber Köpfchen hatte er nicht.
    Sie wusste, dass er vor zwei Tagen sein Bündnis mit Scarlet aufgelöst hatte, als nur noch fünf Tribute in der Arena waren. Das war seltsamerweise zivilisiert über die Bühne gegangen, sie hatten nicht mal versucht, einander umzubringen. Stattdessen waren sie einfach in verschiedene Richtungen gegangen und hatten sich allein auf die Jagd gemacht.
    Vermutlich dachte er, mit Scarlets Tod wäre seine gefährlichste Gegnerin aus dem Rennen. Die beiden Kanonenschüsse, die am Nachmittag durch die Arena hallten, hatten alle wissen lassen, dass nun nur noch drei Tribute am Leben waren. Bextor, Alya aus Distrikt 9 und Calliope.
    Als es dunkel geworden war, hatten sie wie immer die Gesichter der Toten eingeblendet. Das hatte Calliopes kochenden Zorn nur weiter geschürt und jede Meldung ihres Gewissens im Keim erstickt. Sie hatte genug, sie wollte nur noch heraus aus diesem verdammten Gefängnis.
    Bextor lag falsch, wenn er dachte, dass er nun die Oberhand hatte und die beiden verbleibenden Mädchen zu Tode jagen konnte. Dass sie ihm verzweifelt zu entkommen versuchten. Calliope wollte nicht länger wie ein verängstigtes Tier davonlaufen. Jetzt drehte sie den Spieß um.
    Nach einigen Minuten fand sie die Stelle, an der er das Lagerfeuer gemacht hatte, kurz darauf ihn selbst. Er hatte seinen Lagerplatz verlassen und sich ein wenig abseits am Fluss für die Nacht eingerichtet. Seine Spuren waren nur nachlässig beseitigt und sie konnte ihn leicht aufstöbern, obwohl der Wald für sie fremdes Terrain war. Der Blätterhaufen, mit dem er sich zugedeckt hatte, ließ sein Gesicht frei und offen. Im hellen Mondlicht war es lächerlich gut zu sehen.
    Calliope schlich sich vorsichtig heran und ging neben dem Blätterhaufen in die Knie. Die Klinge von Scarlets Messer, die sie von Joshs Blut gereinigt hatte, blitzte hell auf.
    Sie betrachtete sein Gesicht, lauschte seinen gleichmäßigen Albträumen. Er schlief hier seelenruhig, ohne Reue und Angst. Sie hatte all die Tribute, die er getötet hatte, vor Augen und dachte, dass er einen schnellen und schmerzlosen Tod eigentlich nicht verdient hatte.
    Trotzdem hob sie das Messer und schnitt ihm mit einer einzigen Bewegung die Kehle durch. Es ging geradezu erschreckend einfach und er wachte nicht einmal auf. Ein leises Gurgeln ertönte, dann quoll dunkles Blut aus dem Schnitt. Sie atmete den widerlichen Metallgeruch ein, der ihr schon seit Beginn der Spiele in der Nase lag.
    Etwas davon tropfte auf ihre Hände und Schuhe. Sie hatte ihn kaltblütig umgebracht.


Calliope riss die Augen auf und stieß Luft aus, die sie angehalten hatte. Ihr unfokussierter Blick streifte die große Fensterfront, hinter der das Lichtermeer des Kapitols lag und sie kalt anblitzte. Diesmal hatte der Anblick nichts Schönes, denn er erinnerte sie nur daran, dass sie eben einem Albtraum entkommen war, um sich im nächsten wiederzufinden.
    Sie blinzelte ein paar Mal und setzte sich dann langsam auf. Die seidenweiche Decke rutschte ihr von den Schultern. Die Leuchtanzeige ihres Weckers zeigte 2 Uhr 11 an.
    Die Bilder ihres Traums, direkt aus ihren Erinnerungen gepflückt, spielten sich immer wieder vor ihren Augen ab. Bis heute konnte sie nicht vergessen, wie es sich anfühlte, jemandem die Hauptschlagader zu durchtrennen. Sie sah auf ihre Hände herab, die im schwachen Licht kühl und bleich wirkten, und vergewisserte sich, dass kein Blut an ihnen klebte.
    Sie atmete mehrmals tief durch und zählte ihre Atemzüge, bis sich ihr rasender Puls beruhigt hatte. Früher war sie schreiend aus ihren Albträumen aufgeschreckt oder hatte im Schlaf geweint, doch mit der Zeit hatte sie sich das abgewöhnt. Sie wollte ihrem Vater zu Hause nicht die Genugtuung geben, dass sie offensichtlich unter Schuldgefühlen litt, und im Kaptiol weigerte sie sich, ihre Schwäche zu zeigen.
    Als ihr Atem wieder gleichmäßig ging und sie sich ruhig genug fühlte, schlug sie die Decke zurück und stand auf. Automatisch trugen ihre Füße sie zu Finnicks Zimmertür. Vielleicht war er ebenfalls wach, vielleicht brauchte er jemanden, der ihn aus seinen Träumen riss. Und wenn er ruhig schlief, hatte dieses Wissen zumindest etwas beruhigendes für Calliope.
    Wäre sie daheim in 4, würde sie jetzt durch das dunkle Haus schleichen und sich dann an die Klippen setzen. Von Finnicks Haus hatte man die perfekte Aussicht auf ihren Lieblingsort und wenn er nicht schlafen konnte, sah er sie dort und schloss sich ihr an.
    Vorsichtig öffnete Calliope die Zimmertür und spähte hinein. Im nächsten Moment stieß sie sie ganz auf und sah sich besorgt um. Finnicks Bett war verlassen, geradezu unberührt. Nicht eine Falte war zu sehen, seit ein Avox heute Morgen das Bett gemacht hatte, hatte Finnick nicht einmal darin gelegen. Das Zimmer lag still und einsam vor ihr.
    Sofort musste sie an Tabeah Marsh denken und daran, dass Snow Finnick zwang, dieses Jahr ihren Wünschen Folge zu leisten. Er hatte kein Wort darüber verloren, dass sie ihn schon heute Nacht zu sich bestellt hatte, aber wo sollte er denn sonst sein? Außerdem war es nicht ungewöhnlich, dass er ihr das verschwieg, in der Regel erzählte er ihr bestenfalls im Nachhinein davon. Calliope versuchte, ihn nicht dazu zu drängen, aber sie hatte Angst, dass es eines Tages zu viel für ihn werden konnte, wenn er diese Dinge allein zu verarbeiten versuchte.
    Auch wenn sie sich sicher war, dass er nicht hier war, eilte sie auf Zehenspitzen einmal durch die restliche Wohnung. Dann holte sie sich ein Paar Schuhe und einen Morgenmantel aus ihrem Zimmer und fuhr mit Aufzug ins oberste Geschoss, das Penthouse, in dem Distrikt 12 untergebracht war. Von dort führte eine Treppe hinauf auf das Dach des Trainingscenters, das für die Tribute und Mentoren frei zugänglich war, auch wenn sich dort meistens niemand aufhielt. Es war der einzige Ort hier, an dem man einigermaßen frei durchatmen konnte.
    Calliope war nicht besonders gern hier oben, denn es hatte wenig Ähnlichkeit mit ihren Klippen, obwohl es sonst nichts gab, das annähernd an ihren Lieblingsort herankam. Aber Finnick war schon einige Male hier gewesen, wenn sie ihn nicht finden konnte, daher wollte sie zumindest kurz nachsehen, um ihre Befürchtung zu bestätigen.
    Als Calliope die Tür öffnete, wehte ihr gleich kalter Wind entgegen. Sofort begann sie zu frösteln und schlang die Arme um ihren Oberkörper, wobei sie den Morgenmantel enger um sich zog. Der Wind zerzauste ihre Haare und beschwerte ihr eine Gänsehaut, während sie einmal über das komplette Dach wanderte.
    Schließlich blieb sie nach einer erfolglosen Suche rastlos an der Brüstung stehen und klammerte sich Halt suchend an das Geländer. Jetzt konnte sie sich wirklich nicht länger einreden, dass er nur etwas Ablenkung nach einem unruhigen Schlaf suchte. Finnick war weg und das bedeutete, dass er gerade schlimmeres als ein paar Albträume durchmachte.
    Sie kniff die Augen zusammen, um die Tränen zurückzuhalten, denn das stand ihr nicht zu. Sie war nicht diejenige, die dazu gezwungen wurde, mit verachtenswerten Menschen zu schlafen. Sie war nicht diejenige, die erpresst und ausgenutzt wurde. Ihr Leben könnte noch weitaus schlimmer sein, aber stattdessen trug Finnick dieses Last allein.
    Wenn es ihm helfen würde, wäre sie jetzt, in diesem Moment, ohne zu zögern vom Dach gesprungen. Wenn es ihm alles irgendwie leichter gemacht hätte, hätte sie dieses Opfer nur zu gerne gebracht. Aber ihr Tod änderte bestimmt nichts an seinem Los. Eher im Gegenteil, wahrscheinlich würde sie es nur schlimmer machen. Viel tun konnte sie zwar nicht, aber sie war seine beste Freundin und es würde ihm nicht helfen, wenn sie ihn auch noch allein ließ.
    Außerdem war es nicht so, als könnte man vom Dach des Trainingscenters fallen oder springen. Es war von einem Kraftfeld umgeben, das alles wieder zurückwarf. Schließlich wollte niemand, dass ein verzweifelter Tribut hier den letzten Ausweg nahm, um der Arena doch noch zu entkommen.
    Resigniert kehrte sie schließlich wieder in die Etage von Distrikt 4 zurück. Sie war durchgefroren und fühlte sich schrecklich leer und betäubt, als sie im Wohnzimmer ankam. Ohne Licht zu machen, ging sie zu einem der Sofas, setzte sich und schlang die Arme um ihre angezogenen Beine. Jetzt gab es nur noch eins, das sie tun konnte. Warten.
    Sie wusste nicht, wie lange sie so im Dunkeln saß und die Perle an ihrer Kette zwischen den Fingern drehte. Als endlich ein Geräusch die Stille durchbrach, zuckte sie zusammen. Einen Moment später ging das Licht einer Stehlampe an. „Hey“, sagte Finnick leise. Er wirkte kaum überrascht, sie hier vorzufinden.
    „Hey“, gab Calliope zurück. Besorgt musterte sie ihn von Kopf bis Fuß und registrierte die Veränderungen. Er sah erschöpft aus, gehetzt, unglücklich. Seine ganze Körperhaltung war anders, von dem selbstbewussten, frechen jungen Mann fehlte jede Spur.
    Wortlos stand sie auf und blieb erst dicht vor ihm stehen. Aus der Nähe war sein Anblick noch schmerzhafter, denn jetzt konnte sie deutlich sehen, dass in seinen Augen der Ausdruck der selben Hilflosigkeit lag, die sie selbst so gut kannte. Das Grün wirkte matt, das Funkeln war verschwunden.
    Vorsichtig hob sie eine Hand und strich eine wirre Haarlocke aus seiner Stirn. Unter ihrer Berührung zuckte er erst ein wenig zusammen, dann entspannte er sich etwas. Calliope schob ihre Finger zwischen seine und zog dann sanft an seiner Hand. Sie ließ ihn nicht los, nicht mal nachdem sie ihre Zimmertür hinter ihnen geschlossen hatte. Ihr war klar, dass das Trainingscenter überwacht wurde, obwohl es keine Kameras oder Abhörgeräte in den Zimmern gab. Aber ihr war schlichtweg egal, wie es aussehen konnte und ob jemand davon wusste.
    Nachdem sie die Lichter etwas herunter gedämmt hatte, damit sie weniger blendeten, setzte sie sich mit Finnick auf die Matratze. Sie gab ihm etwas Raum und drängte sich nicht auf, sondern wartete schweigend darauf, dass er ihr entgegenkam.
    „Sie ist bereit, Tara zu sponsern, wenn sie den ersten Tag übersteht“, sagte Finnick nach einer Weile.
    Calliope fixierte ihren Blick auf Finnicks Hand in ihrer. Schräg auf dem Handrücken war ein frischer Kratzer, der am Abend zuvor noch nicht dort gewesen war „Das möchte ich ihr auch geraten haben“, knurrte sie leise. „Plagt sie jetzt schon das schlechte Gewissen oder dauert das noch eine Weile?“ Ihre Stimme zitterte beinahe vor unterdrückter Wut.
    Finnick zuckte die Schultern. „Wird sich zeigen.“
    Sie biss die Zähne zusammen. Viele von Finnicks ‚Geliebten‘ bekamen früher oder später das Gefühl, dass sie ihm eine Art Gegenleistung für seine zeitweilige Zuwendung geben müssten. Geld oder Schmuck wollte Finnick schon lange nicht mehr, also ließ er sich mit Geheimnissen bezahlen.
    Über die Jahre hinweg hatte er viele erschreckende Fakten und Geschichten über dutzende reiche und bekannte Kapitoler zusammengetragen, sogar das ein oder andere über Präsident Snow. In manche weihte er Calliope ein, andere behielt er für sich. Sie wusste, dass er hoffte, dass diese Geheimnisse irgendwann einen Nutzen hatten, irgendetwas, das das dafür erbrachte Leid zumindest etwas aufwog.
    Sie sah auf, als er mit zwei Fingern einige Strähnen zurück hinter ihr Ohr schob. Ihre Miene wurde ein wenig weicher. „Wirst du mir irgendwann erzählen, was es dich gekostet hat, mich davor zu beschützen?“, fragte sie.
    Finnick atmete tief aus. „Irgendwann vielleicht.“ Das war das erste Mal, dass er wirklich zugab, dass er der Grund war, weshalb Snow sie in Ruhe ließ.
    „War es das wert?“ Sie wusste nicht mal, ob sie die Antwort auf diese Frage wirklich hören wollte. Aber sie musste es einfach wissen.
    Er schaute sie fest an, so direkt wie seit seiner Rückkehr nicht mehr. „Das war es. Und ich würde es jederzeit wieder tun.“
    Calliope blinzelte ein paar Mal heftig, als sie spürte, wie ihre Augen feucht wurden. Erst half er ihr, die Hungerspiele und die Arena zu überstehen, dann verhinderte er, dass sie sich selbst das Leben nahm und das kam auch noch hinzu. Immerzu passte er auf sie auf und sie schaffte es nicht mal ansatzweise, ihm das zu danken.
    Aber jetzt wusste sie, welches Druckmittel Snow gegen sie verwendet hätte, wenn er versuchen wollte, aus ihr ebenso Gewinn zu ziehen. Finnick. Denn so, wie sie jetzt gerade empfand, wäre es ein leichtes, sie dazu zu bringen, ihren Körper zu verkaufen. Im Tausch gegen ein Stück Sicherheit für ihn, gegen eine Minderung seiner Last. Oder auch nur, um zu verhindern, dass es noch schlimmer für ihn wurde. Snow hätte nicht mehr als ein oder zwei Schalter umlegen müssen, nur die entsprechende Drohung aussprechen müssen, und sie wäre genauso seine schutzlose Marionette geworden.
    „Aber es ist nicht deine Schuld“, sagte Finnick. Er nahm ihre Hand fester. „Du kannst nichts dafür.“
    Calliope sah ihn zweifelnd an und schüttelte dann nur den Kopf. Egal, wie man es drehte und wendete, am Ende lief es doch wieder auf sie hinaus. Und das würde sie sich nie verzeihen können, was auch immer er sagte.
    „Calliope...“, begann Finnick.
    Bevor er noch ein weiteres Wort sprechen konnte, legte sie die Arme um seinen Oberkörper und zog ihn zu sich. Nach einem Moment des Zögerns gab er nach und ließ sich kraftlos gegen sie fallen. Die restliche Anspannung wich aus seinem Körper, und sein Kopf sank gegen ihre Schulter, wo er sein Gesicht in ihre Halsbeuge drückte. Während sie sich langsam mit dem Rücken gegen die Wand lehnte und ihn einfach nur festhielt, spürte sie, wie er ihre Nähe suchte. Zumindest das konnte sie ihm bieten und allein dafür lohnte es sich, dass sie nie von der Klippe gesprungen war.
    Sie fühlte seinen Puls nahe an ihrem, kräftig und gleichmäßig, während ihrer immer wieder für mehrere Schläge aus dem Takt geraten zu schien. Jetzt konnte sie die Tränen nicht mehr zurückhalten, die stumm ihre Wangen herunter rollten, aber sie achtete darauf, dass er sie nicht bemerkte.
    Mit der Zeit begann ihr Rücken zu schmerzen und protestierte gegen ihre unveränderte Haltung und das unnachgiebige Material der Wand, doch sie rührte sich keinen Zentimeter. Erst als Finnicks Atemzüge auf ihrer Haut tief und gleichmäßig wurden und sie vollkommen sicher war, dass er schlief, erlaubte sie sich etwas Bewegung.
    Vorsichtig ließ sie sich Stück für Stück weiter in die Bettmitte und auf die Matratze sinken, ohne ihn dabei loszulassen. Schließlich lag sie auf dem Rücken, während Finnick sich unbewusst der neuen Situation angepasst und sich an ihre Seite geschmiegt hatte. Sein Arm, den er um ihre Mitte geschlungen hatte, hob und senkte sich bei jedem ihrer Atemzüge ein wenig. Mit ihrer freien Hand tastete Calliope nach der Decke und zog sie bis über Finnicks Schultern.
    Bis in die frühen Morgenstunden blieben sie unbewegt so liegen, während Calliope an die Decke starrte, mit ihrer freien Hand die Perle um ihren Hals drehte und immer wieder über seine Worte nachdachte.
    Jetzt konnte sie nicht einmal mehr einen Funken Wut aufbringen, so sehr schmerzte jeder Gedanke. Erst als die ersten Sonnenstrahlen durch die Fenster schienen und Finnick sich langsam zu regen begann, kehrte sie wieder ins Hier und Jetzt zurück.
    „Hey“, murmelte Finnick verschlafen in ihr Ohr. Seine Stimme sandte einen kleinen Schauer über ihre Haut. Langsam rückte er ein wenig von ihr ab und stützte sich dann schwerfällig auf einen Unterarm.
    „Hey“, erwiderte Calliope. Er war noch nicht ganz wach und wirkte nicht ausgeruht, aber immerhin waren seine Augen nicht mehr so matt und glanzlos wie vor einigen Stunden. Sie brachte ein kleines Lächeln zustande.
    Finnick hob eine Hand und fuhr mit dem Daumen vorsichtig über ihre Wange, auf der die getrockneten Tränenspuren glitzerten. Dann lehnte er seine Stirn gegen Calliopes und sie schloss für einen Moment die Augen. Die Berührung fühlte sich gut an, sie genoss seine Nähe, seine ungebrochene Zuneigung. Für diesen Augenblick schien die Welt stillzustehen.
    „Mach es dir selbst nicht noch schwerer, als es so schon ist“, flüsterte er.
    „Das selbe gilt für dich.“ Sie schaute auf zu seinen Augen, die nur Zentimeter von ihren entfernt waren. „Halt mich nicht so sehr auf Abstand von dem und lass mich helfen, wo ich kann.“
    Kurz verzogen sich seine Lippen zu einem schwachen Lächeln, dann zog er sich zurück und brachte etwas Abstand zwischen sie, indem er sich aufsetzte und zum Wecker schaute.
    „Ein paar Stunden haben wir noch. Vielleicht ist es besser, wenn ich jetzt gehe“, sagte er. „Versuch noch ein bisschen zu schlafen, okay?“
    Calliope nickte ergeben. „Bis später“, sagte sie und rollte sich unter ihrer Decke zusammen, während sie Finnick nachsah, als er aus dem Zimmer ging und die Tür hinter sich schloss.
    Nachdem er weg war, machte sich ihre Müdigkeit doch noch bemerkbar und sie döste noch etwa zwei Stunden ein wenig im Halbschlaf, bis sie schließlich kurz vor Weckerklingeln aufstand und ausgiebig duschte. Danach fühlte sie sich ein wenig besser, wenn auch nicht viel.
    Für Tara und Ethan stand heute der zweite der drei Trainingstage an und währenddessen sollten Narzissus und Laetitia herkommen, um gemeinsam mit Cassiopeius, Finnick und Calliope die Kostüme für die Interviews zu besprechen. Die fanden zwar erst in ein paar Tagen statt, aber es war immer ratsam, wenn alle Parteien über die Arbeit der jeweils anderen informiert waren.
    Nach dem Training hatten die Mentoren dann noch einen Tag, um ihre Schützlinge auf den Abend vorzubereiten und mit der großen Show auf der Bühne vor dem Trainingscenter fand die Vorbereitungszeit der Hungerspiele dann ihr Ende.
    Beim Frühstück war Calliope die erste am Tisch, sogar noch vor Cassiopeius, der kurz darauf angerauscht kam und ihr von den Gesprächen, die er gestern noch bei der Sponsorenfeier geführt hatte, erzählte. Als nächstes folgten Tara und Ethan, die beide einen ausgeschlafenen Eindruck machten. Das Training war meist so anstrengend, dass nicht einmal die ängstlichsten Tribute unter Schlaflosigkeit litten.
    Als letzter kam Finnick. Er war ein wenig blasser als sonst, aber abgesehen von der Müdigkeit in seinen Augen war ihm nichts der vergangenen Nacht anzusehen. „Morgen zusammen.“
    Beim Essen erzählten Tara und Ethan wie ihr gestriger Trainingstag verlaufen war und welchen Eindruck die anderen Tribute auf sie gemacht hatten. Die Karrieros zeigten wie immer direkt, was sie drauf hatten, um alle anderen einzuschüchtern, während die meisten anderen versuchten, so viele nützliche Fähigkeiten wie möglich zu erlernen.
    Tara hatte, wie besprochen, ihr Talent beim Speerwurf angedeutet, aber nicht in vollem Maße gezeigt und die Tribute aus 1 und 2 stattdessen mit ihrem Umgang mit Netzen und dem Dreizack beeindruckt. Ethan hatte die Zeit genutzt und Fallenstellen gelernt, sowie einige überlebenswichtige Grundlagen und sich dann mit der Unterscheidung von essbaren und giftigen Pflanzen auseinandergesetzt.
    Beide wollten heute ähnlich weitermachen, was Calliope und Finnick recht war. Nach dem Frühstück verschwand Tara mit einem kurzen Gruß, um schon einmal allein nach unten in die Turnhalle zu fahren, wo das Training stattfand.
    „Sie passt genau zu den Karrieros“, murmelte Ethan halblaut. „Sie ist arrogant, eingebildet und hat schlechtes Benehmen.“
    Leider war sie mit diesen Eigenschaften besser für den Kampf auf Leben und Tod geeignet als der liebe, freundliche Ethan. Calliope seufzte und zuckte die Schultern. „Wenn sie nicht mit dir zusammenarbeiten will, geh ihr einfach aus dem Weg. Vielleicht findest du ja jemand anderen, mit dem du ein Team bilden kannst.“
    Ethan nickte, gab sich einen Ruck und machte sich dann ebenfalls auf den Weg zur Turnhalle.
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