Calliope

GeschichteAbenteuer, Romanze / P16
Finnick Odair Johanna Mason Katniss Everdeen OC (Own Character) Peeta Mellark
24.06.2019
06.12.2019
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Nachdem das Vorbereitungsteam mit ihr fertig war und sie zurück in den chaotischen Raum führte, kam Solita ihnen entgegen. „Sehr gute Arbeit“, lächelte sie zufrieden, nachdem sie Calliope begutachtet hatte. „Und jetzt werden wir etwas ganz Wunderbares aus dir zaubern.“
    „Wie sind eure diesjährigen Tribute denn?“, fragte Ophira und half Calliope auf das runde Podest in der Mitte des Zimmers. „Gestern Abend haben sie nicht besonders viel Aufsehen erregt.“
    Fast schon erwartete Calliope, dass die Sprache wieder zurück auf Cinnas Werk kommen würde, doch anscheinend war das Team mit dem Thema nun doch durch, denn Stefán schnalzte mit der Zunge und gab seine Meinung über Taras und Ethans Präsentation zum Besten.
    „Taugen die beiden denn etwas?“, wollte nun auch Lucrezia wissen.
    Calliope, die nach den ganzen Jahren kein Problem mehr damit hatte, nur in Unterwäsche mitten im Zimmer zu stehen, zuckte mit den Schultern. „Beide haben Potential, aber wie gut sie es nutzen können, hängt von der Arena ab. Ich hoffe, es wird ein Gebiet, das Distrikt 4 entgegenkommt.“
    „Und wenn nicht, wirst du ihnen eben die besten Sponsoren besorgen“, befand Lucrezia. „Wir sorgen schon dafür, dass dir niemand etwas abschlagen kann.“
    Solita währenddessen stieg mit zu Calliope auf das Podest und ließ sich von Ophira ein schulterfreies, enganliegendes Kleid reichen. Calliope fragte sich immer wieder, wie sie sich bewegen konnte, ohne dass in ihrer Frisur auch nur ein Härchen verrutschte, aber Ophiras Haare und Dekorationen saßen wie festgeklebt. Mit Solitas Hilfe schlüpfte sie in das kurze Kleid, das aussah, als wäre es mit funkelnden Fischschuppen überzogen, die je nach Lichteinfall einen grünlichen, bläulichen oder gar blassrosa Stich hatten.
    Aber damit hatte sie es sich nicht, dem kurzen Kleid folgte ein weiteres, das sie darüber ziehen musste. Dieses hatte den gleichen Farbton wie Solitas Bluse und durchscheinend, vorne ging es nur knapp über das Schuppenkleid hinaus, während es hinten wellenförmig immer länger wurde und bis ganz zum Boden reichte. Auch dieses Kleid war schulterfrei, hatte aber Trompetenärmel aus dünnem Stoff, der aussah, als hätte sich ein Fischernetz über ihre Haut gespannt. Zu guter Letzt stieg sie in hohe Schuhe, die mit dem selben Netzmuster designt waren.
    Als Stefán und Solita ihr die Hände reichten und sie von dem Podest herunterholten, damit sie sich im Spiegel betrachten konnte, schaute Calliope ein völlig anderer Mensch entgegen. Es war jedes Mal aufs Neue unglaublich, wie die ausgefallenen Kleider und das Make-up sie verändern konnten.
    „Perfekt!“, strahlte Solita. „Und wir sind auch noch haargenau nach Cassiopeius‘ geliebtem Zeitplan fertig geworden.“
    „Umwerfend“, kommentierte Lucrezia und Stefán nahm erneut ihre Hand, um ihren Arm über den Kopf zu halten. „Sei so lieb und dreh dich, ja?“
    Calliope tat wie geheißen und drehte sich ein paar Runden auf der Stelle. Die hohen Schuhe mochte sie nicht besonders, aber damit nahm sie automatisch die richtige Haltung für ihr Kleid an. Jetzt wirkte sie viel größer und aufrechter als in ihren gewöhnlichen Sachen.
    Solita klatsche begeistert in die Hände. „So kannst du gehen und die Sponsoren beeindrucken.“ Überschwänglich umarmte sie Calliope und bugsierte sie dann wieder in den Vorraum. Lucrezia, Stefán und Ophira blieben, wo sie waren und begnügten sich mit winken und Abschiedsrufen. „So, und jetzt raus mit dir, sonst muss dein Hübscher ohne dich los. Ich wünsche dir einen traumhaften Abend!“
    „Danke. Bis zum nächsten Mal“, sagte Calliope und trat wieder nach draußen auf den Gang. Nach dem kunterbunten Durcheinander drinnen, wirkte der Flur jetzt wieder besonders kalt und kahl.
    Sie atmete tief durch und lockerte ihre Muskeln ein wenig. Das Umstyling war immer auf seine eigene Art anstrengend, auch wenn es mit anderen Dingen vergleichsweise angenehm war. Und auch wenn sie Solita und das Vorbereitungsteam für ihre gute Arbeit schätzte, konnten sie mit der Zeit ein wenig nervig werden.
    Obwohl Finnick sie wegen ihrer laut klackernden Schuhe bestimmt schon lange gehört hatte, sah er erst auf, als sie beinahe direkt vor ihm stand. Wie meistens war er schon vor ihr fertig geworden und wartete wie abgemacht am Aufzug auf sie. Lässig lehnte er neben der Tür und hatte die Hände in den Hosentaschen versenkt.
    „Gut siehst du aus“, meinte er mit einem leisen Lächeln, nachdem er sie von Kopf bis Fuß gemustert hatte. Das sagte er jedes Mal zu ihr. Auch nach sechs Jahren hatte sie nicht herausfinden können, ob er es ernst meinte, ob er ihre Aufmachung genauso lächerlich fand wie sie es tat, oder ob er sie damit aufmuntern wollte. Vielleicht meinte er auch jedes Mal etwas anderes mit den gleichen Worten.
    „Du siehst aus wie immer“, erwiderte Calliope, auch ihre Standardantwort darauf war seit Jahren dieselbe.
    In gewisser Weise traf das auch zu. Während Calliope sich nach einem Besuch bei Solita deutlich von ihrer Erscheinung davor unterschied, wirkte Finnick nach dem Styling fast unverändert. Zwar wurde er auch geschminkt und frisiert, aber es beeinflusste seinen Gesamteindruck lange nicht so sehr wie bei ihr.
    Diesmal trug er ein Hemd, das farblich mit ihrem Kleid harmonierte. Es war sehr tief ausgeschnitten und der Stoff ebenfalls durchscheinend. Nur trug er nichts darunter, sodass sein nackter Oberkörper gut zum Vorschein kam. Dazu eine schlichte, helle Hose, die nicht vom eigentlichen Blickfang ablenken sollte.
    Da war er wieder, der übliche Horatio-Stil, der gestern bei der Parade kaum bemerkbar gewesen war. Allerdings war nicht allein der Stylist daran Schuld, schließlich passte er sich in erster Linie den Wünschen der Kapitoler an. Für die allermeisten konnte Finnick gar nicht wenig genug tragen.
    „Ich bin mir ziemlich sicher, genau das hatten sie auch im Sinn“, sagte Finnick und bot ihr seinen Arm an, während er den Aufzug auf ihre Etage rief. „Stundenlange Arbeit, damit ich genauso aussehe wie zuvor.“
    „Verrückt, oder?“ Calliope hakte sich nur zu gerne bei ihm ein. Ihre Schuhe waren nicht unbedingt fürs Stehen gemacht und sie musste sie jedes Mal aufs Neue an die zentimeterhohen Absätze gewöhnen, weil sie den Rest des Jahres über nichts dergleichen trug.
    Gerade, als sich der Aufzug mit einem Zischen öffnete, näherten sich laute Schritte. Noch bevor sie sich der dazugehörigen Person zuwandte, ahnte Calliope bereits, um wen es sich handelte. Sie kannte nur eine, die selbst mit zierlichen Schuhen so stampfen konnte.
    „Na, sieh mal einer an. Sunnyboy und die Lady aus dem Meer. Auch auf dem Weg zur Party?“, meinte Johanna Mason mit einem spöttischen Grinsen, während sie Finnick und Calliope musterte. Wie so oft hatte ihre Stylistin sie in ein Kostüm gesteckt, mit dem sie sofort als Distrikt 7 identifiziert werden konnte. Ihr enganliegender Rock und das knappe Oberteil hatten die Struktur von Baumrinde und waren mit Gebüsch verziert.
    Finnick grinste. „Tag, Johanna. Können wir dich mitnehmen?“
    „Hab ja wohl keine andere Wahl“, gab Johanna zurück und stieg als Erste in den Aufzug.
    Finnick hatte sich über die Jahre hinweg mit der Siegerin der 67. Hungerspiele angefreundet, während Calliope mal besser, mal weniger gut mit ihr auskam. Sie lagen nicht gerade auf einer Wellenlänge und wie sie miteinander umgingen, unterlag einem stetigen Wandel. Oft hing es mit den Umständen und ihrer jeweiligen Laune zusammen, ob sie sich angifteten, sich aus dem Weg gingen, ein angenehmes Gespräch führten oder zusammen lachten.
    Finnick fand das jedes Mal sehr amüsant und meinte immer, er könnte mit anderen Wetten abschließen darüber, was passierte, wenn sie aufeinander trafen. Und dass er dabei genauso oft gewinnen wie verlieren würde, weil beide gemeinsam selbst für ihn unberechenbar waren.
    Jetzt gerade betrachtete Johanna Calliope mit unleserlicher Miene. „Sei nur froh, dass du mit den Schuhen nicht rennen musst, Schätzchen.“
    Calliope zog die Augenbrauen hoch. „Dafür könnte man problemlos jemanden damit umbringen. Also gib mir Bescheid, falls du sie dir später doch mal ausleihen möchtest.“
    Diese Bemerkung entlockte Johanna ein erneutes Grinsen, wenn auch ein grimmiges. „Keine schlechte Idee. Obwohl sie aerodynamisch nicht viel hermachen, sind sie auf kurze Distanz eventuell nützlich. Besser als nichts.“
    „Ist Eero diesmal wieder mit dir Mentor?“, erkundigte sich Finnick, um das Gesprächsthema in eine andere Richtung zu lenken.
    „Yep, aber der ist schon los. Nicht alle Mentoren kleben so zusammen wie ihr beiden, musst du wissen“, antwortete Johanna. „Eher im Gegenteil, Eero findet mich unausstehlich.“
    „Möglicherweise, weil du ständig drohst, ihm eine Axt in den Schädel zu rammen?“
    „Ein Idiot bekommt, was ein Idiot verdient“, sagte Johanna.
    In diesem Moment stoppte der Aufzug im Erdgeschoss und die Türen glitten auseinander. Johanna verabschiedete sich mit einem übertrieben koketten Winken und marschierte dann heraus.
    „Du ziehst die Nase kraus“, sagte Finnick, als sie Johanna mit etwas Abstand folgte.
    „Gar nicht, Sunnyboy“, gab Calliope zurück und setzte ihr übliches neutrales Gesicht auf.
    „Und wie du das tust. Johanna und du, ihr würdet vielleicht viel besser miteinander auskommen, wenn ihr nicht immer wie zwei Raubkatzen umeinander schleichen würdet. Ich glaube, sie hält mehr von dir, als du denkst.“
    „Tatsächlich?“, meinte Calliope mit einem ironischen Unterton. „Also, wenn sie mich gelegentlich anknurrt, bedeutet dass, dass sie mich mag. Wie steht sie dann aber zu dir, nachdem sie in deiner Gegenwart wesentlich zahmer ist? Und wenn ich mich recht erinnere, hat noch nie damit gedroht, dich umzubringen. Ist das dann ein Ausdruck von Verachtung oder ist das alles noch komplizierter?
    „Zumindest mangelt es euch beiden nicht an Zynismus“, konterte Finnick. „Ihr könnt euch nur nie einigen, wie ihr zueinander stehen wollt.“
    „Hm“, machte Calliope und beendete damit das Thema.
    Vor dem Trainingscenter wartete ein Auto mit einem Avox-Fahrer und einem Friedenswächter, das sie zum ersten Sponsorentreffen der 74. Hungerspiele bringen würde. Für die Anwesenheit des Friedenswächters gab es fadenscheinige Erklärungen, die niemanden täuschen konnten. Er sollte aufpassen, dass die Mentoren, für die er zuständig war, nicht aus der Reihe tanzten.
    Am Tag nach der Eröffnungsfeier gab es immer eine solche Feier, um Mentoren, Betreuer, Sponsoren und andere Interessierte zusammenzubringen. Jedes Jahr fand sie an einem anderen Ort statt, für gewöhnlich in den Villen der reichsten Kapitolbewohner. Wie Cassiopeius Finnick und Calliope informiert hatte, war dieses Mal Tiffanus Diamandis der Gastgeber, ein persönlicher Freund von Präsident Snow, der sein Geld mit dem Bau der Arenen für die Spiele verdiente.
    An der gewaltigen Residenz am westlichen Stadtrand angekommen, wurde ihre Eskorte durch zwei Avoxe ausgetauscht, die sie einmal quer durch das protzige Haupthaus mit seinen Mamorböden und hohen Decken bis in den Garten führte. Der war in etwa so groß wie das komplette Dorf der Sieger von Distrikt 4, sodass bequem ein Rosengarten mit allerlei exotischen Pflanzen und einem Teich, ein ausladender Pool und eine große Terrasse hineinpassten, und trotzdem immer noch genügend Rasenfläche zur freien Verfügung gab.
    Seit sie ins Auto gestiegen waren, hatten Calliope und Finnick kaum mehr als zehn Worte miteinander gewechselt, und auch jetzt sagte er nichts, sondern bot ihr nur wortlos wieder seinen Arm an. Angesichts der steinernen Treppenstufe, die auf die erhöhte Terrasse führten, war das auch bitter nötig.
    Calliope senkte den Blick auf ihre Füße und konzentrierte sich bei jeder Stufe, nicht irgendwie umzuknicken und sich den Knöchel zu brechen. Auf der Terrasse hatte sich eine kunterbunte Menge Menschen versammelt, die alle angeregt miteinander sprachen, lauthals lachten oder sich am Buffet die Teller vollhäuften. Calliope hatte kaum Zeit, tief durchzuatmen und sich zu wappnen, als sie auch schon Tiffanus persönlich erspäht wurden.
    „Je später der Abend, desto schöner die Gäste“, dröhnte seine laute Stimme, während sich Tiffanus seinen Weg an einem Trio quasselnder Frauen vorbei bahnte. Er war sehr groß und für einen Kapitoler, die viel Wert auf eine schlanke Linie legten, ungewohnt gedrungen. Auf seiner dunklen Haut hob sich der taubenblaue Anzug, wohl eine Hommage an Caesar Flickerman, besonders gut ab.
    Calliope hatte war zwar noch nie einem begegnet, aber sein Anblick erinnerte sie immer stark an einen kräftigen Bären. „Wie schön, euch beide zu sehen.“ Da seine Stimmlage tief und voll war, klang der Kapitol-Akzent bei ihm bemerkenswert weniger affektiert als bei beispielsweise Cassiopeius, und Calliope war gewillt zu glauben, dass sie natürlich war.
    Tiffanus‘ Frau Sienna trippelte hinter ihm her wie ein vernachlässigter Luftballon. Im Gegensatz zu ihrem Ehemann war sie dünn wie eine Zaunlatte, blass und leicht zu überhören.
    Calliope knipste ein Lächeln an. „Wie immer ist es uns ein großes Vergnügen, hier sein zu dürfen.“
    „Dafür habt ihr euch ja reichlich Zeit gelassen“, lachte Tiffanus. „Ihr gehört zu den letzten. Cassiopeius dort hinten war schon in Sorge um euch.“
    Wie aufs Stichwort trat der Betreuer von Distrikt 4 in diesem Moment mit Effie Trinket, die für Distrikt 12 verantwortlich war, in Calliopes Blickfeld. Sobald er sie entdeckte, gestikulierte er wild und deutete mehrmals auf seine Uhr. Das bedeutete mit ziemlicher Sicherheit: Ihr seid doch zu spät gekommen, dafür könnt ihr euch später was anhören!
    „Gut Ding will Weile haben“, sagte Finnick und lächelte sein einnehmendes Gewinnerlächeln. „Für uns lohnt sich das Warten doch, oder?“
    „Allerdings, allerdings, mein Junge“, dröhnte Tiffanus und klopfte Finnick mit seinen Bärenpranken auf die Schulter. Dann machte er eine umfassende Geste über die Terrasse. „Genießt den Abend, meine Lieben, es ist eine wundervolle Truppe. Ich bin sicher, wenn ihr jetzt schon mal jemandem von euren Tributen vorschwärmt, wird euch keiner etwas abschlagen können.“ Er zwinkerte ihnen zu und walzte dann von dannen, seine Frau wie immer zwei Schritte hinter ihm.
    Calliope fiel auf, dass das Frauentrio schon seit ihrer Ankunft zu ihnen herüberlinste. Sie sahen geradewegs durch Calliope hindurch und hatten nur Augen für Finnick.
    Jetzt winkte eine von ihnen zu ihm herüber und gab ihm überdeutlich zu verstehen, dass sie mit ihm sprechen wollte. Finnick seufzte leise, doch sein Lächeln verrutschte nicht einen Moment. „So wie es aussieht, hab ich da drüben schon mal ein paar potentielle Kandidatinnen. Versuch du mal, unsere üblichen Verdächtigen etwas für Tara und Ethan zu begeistern."
    „Viel Glück“, raunte Calliope ihm zu und nahm ihre Hand von seinem Arm. Dann war er auch schon weg, bei den drei Frauen, die ihn mit großem Trara begrüßten. Eine konnte den Blick so gar nicht von der umwerfenden Kreation seines Stylisten wenden.
    Calliope gab sich einen Ruck und marschierte geradewegs ins Getümmel. In den ersten Jahren hatte sie es abgrundtief gehasst, wenn sie allein in der Menge stand, aber mit der Zeit war die Furcht abgestumpft und nun kannte sie mindestens zwei Drittel der Anwesenden. Weiter hinten entdeckte sie Johanna mit Cecilia aus Distrikt 8, hatte aber dank der Begegnung mit Johanna im Trainingscenter kein großes Bedürfnis, sich den beiden anzuschließen.
    Von den anwesenden Siegern kannte sie einen Großteil, manche besser und manche nicht so gut, aber zumindest konnte sie alle beim Namen nennen. Und nachdem die Betreuer auch nur selten wechselten, hatte sie auch mit jedem über die Jahre hinweg schon mehrmals gesprochen. In der Sponsorenecke gab es ebenfalls viele bekannte Gesichter, aber es kamen auch immer mal wieder einige Neue dazu. Die erkannte man meistens daran, dass sie noch mehr Enthusiasmus als die anderen an den Tag legten und auch gerne mal großzügiger mit ihrem Geld um sich warfen.
    Aus diesem Grund hatte Calliope sich angewöhnt, bei solchen Treffen zunächst nach Unbekannten zu suchen, um sie für ihre Tribute zu gewinnen, bevor es ein anderer tat. Diesmal entdeckte sie aber niemanden, der den Anschein eines unbedarften Sponsors machte, und so hielt sie sich an Finnicks Rat und versuchte es mit den üblichen Anlaufstellen.
    Dort hatte sie nicht besonders viel Glück, denn die meisten hatten sich momentan auf 1 und 2 eingeschossen, obwohl das noch nichts heißen musste. Die richtigen Sponsorendeals wurden erst nach Beginn der Spiele abgeschlossen, alles davor war mehr eine Gelegenheit, ein wenig auf den Busch zu klopfen und hier und da Sympathie für die Tribute zu schaffen.
    Was Calliope aber mitbekam, während sie von einem zum anderen wanderte und sich in Gespräche einklinkte, war die Tatsache, dass Distrikt 12 weiterhin hoch im Kurs stand. Eine Freiwillige aus dem Kohledistrikt, die dann mit ihrem Distriktpartner auch noch einen solchen Auftritt ablegte, ließ sich nicht so leicht vergessen. Viele spekulierten bereits, welche Wertung sie nach dem Einzeltraining erhalten würden und konnten die Interviews mit Caesar kaum abwarten, bei denen sie endlich die Gelegenheit haben würden, die Tribute richtig kennenzulernen.
    Nach einer Weile entfernte sie sich höflich aus einer Unterhaltung und ging zum Buffet. Von dem ganzen Gerede war ihre Kehle trocken geworden und dass die Luft voller Parfum war, sorgte nicht gerade für eine frische Brise.
    Bei den alkoholischen Getränken konnte Calliope auf Anhieb eine weitere bekannte Person ausmachen, die normalerweise unter Garantie dort zu finden war. Haymitch Abernathy. Man konnte sich stets darauf verlassen, dass er den Weg zum Schnaps so zielsicher fand wie Tiere zum Süßwasser. Wenn er mal halbwegs nüchtern war, konnte man mit ihm reden, im zu betrunkenen Zustand hielt sich Calliope lieber von ihm fern.
    In diesem Moment ertönte ein schreckliches Lachen. Im ersten Moment dachte sie, jemand wäre einer Ente auf den Fuß getreten, und diese würde sich nun lauthals darüber beschweren. Als sie perplex nach der Ente suchte, fand sie Finnick wieder. Nachdem er das Trio zurückgelassen hatte, war er stets außerhalb ihres Blickfelds geblieben und sie hatte keine Ahnung gehabt, wo er gerade steckte.
    Jetzt stand er am anderen Ende der Terrasse, zusammen mit einer Frau, die sich am Besten durch das Wort Rot beschreiben ließ. Sie hatte rote Haare, ein tief ausgeschnittenes, rotes Kleid, rote Schuhe und selbst ihre Haut hatte einen leichten Rotstich. Wie bei einem Sonnenbrand. Und von ihr schien auch das Entengeräusch zu kommen.
    Zu gern wäre sie zu Finnick gegangen und hätte ihn einfach von der Frau weggezogen. Seit sie wusste, was er zusätzlich zu seinem Mentorenjob während der Hungerspiele durchmachen musste, kämpfte sie bei jeder Feier, jedem Sponsorentreffen gegen den Wunsch, ihn zu beschützen. Vor den gierigen Blicken und schamlosen Bemerkungen. Aber vor allem vor dem, was sie von ihm verlangen konnten.
    Sie wusste, dass er keine der vielen Beziehungen, für die er bekannt war, freiwillig einging. Sie wusste, dass er sich nicht aussuchte, welcher Frau er wie lange Gesellschaft leistete und mit wem er das Bett teilte. Dass er nicht die geringste Kontrolle hatte, sondern schlichtweg verkauft oder verschenkt wurde. Wie ein Sklave, der sich nicht wehren konnte.
    Er war nicht der Einzige, aber mit Abstand der Beliebteste. Von einigen wusste Calliope es mit Sicherheit, bei anderen vermutete sie es. Wer sich weigerte, musste mit dem Leben seiner Liebsten bezahlen und verlor alles, was ihm etwas bedeutete. Es war ein offenes Geheimnis unter den Siegern und den Kapitolern, die davon profitierten, der Rest von Panem wurde im Glauben gelassen, dass all diese Beziehungen einvernehmlich waren.
    In ihrem ersten Jahr als Mentorin hatte sie davon erfahren, denn es ließ sich schlichtweg nicht verheimlichen, wenn man die beste Freundin von Finnick Odair war. Im folgenden Jahr, als Annie Tribut gewesen war, hatte sie deshalb schreckliche Angst davor gehabt, dass Präsident Snow von ihr nun das Gleiche verlangen würde, wie von Finnick oder Cashmere oder Ivette Li aus Distrikt 5. Sie konnte sich zwar nicht vorstellen, womit er sie erpressen wollte, nachdem das Verhältnis zu ihrem Vater und ihrer Schwester zerrüttet war und Snow das durch seine Quellen mit Sicherheit wusste, aber sie zweifelte nicht daran, dass er etwas finden würde, das er ihr bei einer Weigerung nehmen konnte.
    Aber nichts war passiert. Bei ihrer Begegnung mit Snow hatte er nichts dergleichen gesagt. Keine Drohung, keine Warnung, keine Anweisungen. Er hatte nur gelächelt, als wüsste Calliope nicht mal ansatzweise, wie sehr er die Oberhand über sie hatte. Niemand war gekommen, um sie gegen ihren Willen zu irgendetwas zu zwingen. Zwar waren einige Kapitoler aufdringlich und machten ihr Angebote, aber wenn sie ablehnte, konnte sie sich unbescholten umdrehen und gehen. In der ganzen Zeit hatte sie niemand angerührt.
    Er hatte es ihr nie gestanden, auch wenn sie schon oft versucht hatte, es aus ihm herauszubekommen. Aber an der Art, wie Finnick ihr immer wieder aufs Neue einschärfte, dass sie sich nicht einmischen sollte und ja nichts tun durfte, was seinen „Verpflichtungen“ hinderlich war, ahnte Calliope, dass sie das ihm zu verdanken hatte. Immerzu versuchte er, sie fernzuhalten. Er musste irgendeine Art Deal mit Snow haben und ihm irgendetwas angeboten haben, wenn er Calliope im Gegenzug verschonte.
    Und auch ohne Gewissheit lastete dieser Gedanke schwer auf ihren Schultern. Ein Teil von seinem Leid war ihre Schuld und sie hätte alles dafür gegeben, diese Schuld zurückzuzahlen. Aber sie wusste auch, dass es nicht in ihrer Macht stand. Natürlich könnte sie sich Snow von sich aus anbieten, aber sie hatte keine Sicherheit dafür, dass es Finnick dadurch besser ging. Und auf einen Tausch würde sich Snow niemals einlassen, denn dafür war Finnick im Kapitol einfach zu beliebt.
    Also wandte Calliope sich schweren Herzens ab und setzte ihren Weg zum Buffet fort. Später konnte sie ihm vielleicht eine kurze Verschnaufpause geben, aber länger als ein paar Minuten war es ihr nicht möglich, sich zwischen ihn und die geifernden Leute zu stellen.
    „Hallo, Haymitch“, sagte Calliope, als sie neben ihn trat. Normalerweise mochte sie Alkohol nicht besonders, aber jetzt griff sie doch nach einem Champagnerglas. Mit irgendwas musste sie den bitteren Geschmack in ihrem Mund herunterspülen und Wasser genügte dafür nicht.
    Langsam drehte Haymitch sich zu ihr und musterte sie mit überraschend wachem Blick. Normalweise huschten seine Augen unfokussiert herum und er stand selten besonders gerade, doch diesmal wirkte er ziemlich aufrecht. Sein Stylist hatte ihn in einen schlichten Anzug gesteckt, der ihm sogar gut stand, wenn er sich richtig präsentierte.
    „Calliope, der erste nette Anblick heute. Wo hast du den Schönling gelassen?“
    „Sponsoren“, gab sie knapp zurück und leerte ihr Glas in einem Zug. Der Champagner prickelte auf ihrer Zunge. „Ist härter dieses Jahr, nachdem man überall nur die Namen deiner Tribute hört. Die Kostüme waren wirklich eine brandheiße Idee.“
    Für das Wortspiel hatte Haymitch nur ein müdes Grinsen übrig. „Von mir aus kann Cinna mit den beiden alles anstellen, was er möchte, solange es diesen Effekt hat.“ Er beobachtete Calliopes leeres Glas mit Argusaugen. „Sind deine vielversprechend?“
    „Sie haben Potential, mehr kann ich dir leider nicht verraten. Insiderinformationen über die Konkurrenz bekommst du nicht so leicht aus mir heraus.“
    „Wäre ja auch zu schön, um wahr zu sein, nicht?“
    „Wir können ja nicht zulassen, dass dir dieses Jahr alles einfach so zufliegt“, meinte Calliope. Dann runzelte sie dir Stirn. „Wie kommt es eigentlich, dass die Party hier schon so lange geht und du immer noch nicht komplett dicht bist?“
    „So‘n blöder Deal mit Katniss und Peeta. Hab zugestimmt, halbwegs nüchtern zu bleiben, wenn sie dafür tun, was ich sage.“ Haymitch verzog das Gesicht.
    Calliope zog überrascht die Augenbrauen hoch. „Dann müssen die beiden wirklich was besonderes sein, wenn sie dich so sehr von sich überzeugen konnten.“
    „Mhm“, brummte Haymitch. Nach einigem Zögern nahm er sich schließlich doch ein Glas. Immerhin ließ sich ‚halbwegs nüchtern‘ nicht genau definieren.
    Hinter ihm erregten ein paar Neuankömmlinge, die lautstark von Tiffanus begrüßt wurden, Calliopes Aufmerksamkeit. „Ich geh dann mal besser wieder an die Arbeit“, sagte sie zu Haymitch. „Wir sehen uns.“
    Sie beschleunigte ihre Schritte und passte eine Frau mit regenbogenfarbenem Haar ab. „Hallo, Louna. Ich hab schon gar nicht mehr mit dir gerechnet.“
    „Tag, Calliope“, erwiderte Louna. „Eigentlich hatte ich keine Lust, aber Dragor meinte, dass wir uns das nicht entgehen lassen können.“ Sie deutete über ihre Schulter, wo ihr Ehemann noch immer bei Tiffanus stand. „Hübsches Kleid trägst du da. Deine Solita ist wirklich eine Koryphäe in ihrem Geschäft.“
    „Danke. Ich richte ihr aus, dass es dir gefallen hat, Lob hört sie immer gerne“, antwortete Calliope.
    „Hm. Bist du schon fleißig daran, den Leuten von deinen Tributen vorzuschwärmen?“, wollte Louna wissen. Sie hatte das außergewöhnliche Talent, ganz von selbst auf das Thema zu sprechen zu kommen, dass Calliope im Sinn hatte, selbst wenn es mal nicht wie gerade um das Offensichtliche ging.
    „Das ist mein Job. Bisher hatte ich nur mäßigen Erfolg, deshalb hatte ich gedacht, du möchtest mir vielleicht etwas zuhören.“
    Louna wiegte den Kopf hin und her. „Ich mag dich, aber deshalb sponsere ich nicht sofort alle deine Tribute. Du musst mich schon überzeugen.“
    „Das ist alles, was ich hören wollte“, erwiderte Calliope mit dem ersten ehrlichen Lächeln seit sie hier war. „Gib mir eine Chance.“
    „Dragor will auf 1 setzen und ich fand 12 bisher ganz interessant. Wenn du mir etwas bieten kannst, rede ich ihm 1 aus und stattdessen nehmen wir 4 dazu.“
    „Dann steht 12 schon fest?“, erkundigte sich Calliope. An ihrer dahingesagten Bemerkung von eben war sogar noch mehr dran, als gedacht, denn Haymitch musste ja kaum etwas dafür tun, dass die Leute seine Schützlinge sponsern wollten.
    „Mal sehen, wie sie sich in den nächsten Tagen zeigen. Aber wir wollen ja nicht über 12 sprechen, oder bist du neuerdings Haymitchs Partnerin?“
    „Nee, der soll seine Arbeit ruhig selbst machen“, winkte Calliope ab. „Also, Tara ist 16, ziemlich kräftig und clever. Sie ist sportlich und kann gut mit dem Speer umgehen, das dürfte sie beim Einzeltraining den Spielmachern beweisen. Sie ist zäh und kann sich gut behaupten. Außerdem ziehen wir die Möglichkeit in Betracht, dass sie sich mit 1 und 2 verbündet.“
    „Und der Junge?“
    „Ethan? Er sieht etwas unscheinbar aus, hat aber einiges im Köpfchen und ist flink...“
    „Das heißt, dass er keine Chancen hat“, warf Louna ein.
    „Nicht unbedingt“, widersprach Calliope. „Deshalb darfst du ihn noch nicht abschreiben. Er hat Potential und braucht nur eine Möglichkeit, das zu nutzen. Es haben schon unscheinbarere Tribute gewonnen.“
    „Da hast du allerdings recht.  Auch wenn ich es für unwahrscheinlich halte, dass ein 12jähriger so lange durchhält...“ Louna neigte den Kopf, wobei ihre bunten Locken wippten. „Ich hab noch nicht genug gesehen, weder von deinen Tributen noch von den anderen. Und solange ich mir nicht sicher bin, gibt es für niemanden irgendwelche Zusagen.“
    „Und was ist mit deinem Mann?“, wollte Calliope wissen.
    Einen kurzen Moment lang flackerte Ärger in Lounas schokoladenbraunen Augen auf. „Der wird sich auch zurückhalten, das habe ich ihm nach seinem unüberlegten Deal mit Distrikt 7 letztes Jahr klargemacht.“
    Calliope nickte stumm. Sie hatte davon gehört, dass Lounas Mann vorschnell zugestimmt hatte, dem Mädchen aus 7 dringend benötigte Heilsalbe zu schicken, die ziemlich kostspielig gewesen war. Aber die Verletzungen waren zu schlimm gewesen und es hatte trotz allem die Nacht nicht überlebt.
    „Darauf komme ich zurück, wenn wir uns wiedersehen.“
    „Ist gut“, stimmte Louna zu und warf dann einen giftigen Blick zu der Roten Frau, die gerade wieder mit ihrem Quaken die übrigen Leute übertönte. „Wenn dein Freund dort noch viel länger mit der da spricht, könnte er bald einen Gehörschaden davontragen. Wobei sie mittlerweile wenigstens nicht mehr wie ein gequälter Esel klingt.“
    „Ich weiß nicht, ob Ente so viel besser ist“, gab Calliope zurück, bevor sie sich bremsen konnte, doch Louna grinste nur.
    „Ente, das ist es. Ich hab mich schon gefragt, woran mich ihr Lachen erinnert hat. Da hat sie so viel Geld ausgegeben und hört sich nun nach einer sterbenden Ente an. Aber ich hatte Tabeah ja gesagt, sie soll das nicht bei Lisadro richten lassen.“
    Calliope folgte Lounas Blick und biss sich auf die Lippe. Nein, noch länger konnte sie Finnick einfach nicht in den rot lackierten Krallen dieser Person lassen.
    „Na, geh schon“, sagte Louna und gab ihr einen Stups. „Taub nützt er niemandem etwas.“
    Ein kleines Lächeln zuckte über Calliopes Lächeln. „Da hast du recht. Bis später.“ Sie atmetet tief durch und bahnte sich dann einen Weg durch die Leute.
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