Calliope

GeschichteAbenteuer, Romanze / P16
Finnick Odair Johanna Mason Katniss Everdeen OC (Own Character) Peeta Mellark
24.06.2019
19.07.2019
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Im Erdgeschoss des Erneuerungsstudios war wie immer viel los. Nach und nach trudelten immer mehr Tribute mit ihren Stylisten ein, auch einige Mentoren waren dabei. Calliope entdeckte einige bekannte Gesichter, aber bis auf ein kurzes Nicken oder ein paar kurze Begrüßungsworte blieb sie für sich. In den kommenden Wochen würde sie noch mehr als genug Zeit haben, sich mit ihren Kollegen zu unterhalten.
     Die Streitwagen waren bereits aufgereiht und geschäftige Menschen wuselten zwischen ihnen umher, um den großen Auftritt vorzubereiten. Einige Pferde waren unruhig und stampften mit den Hufen, bis jemand kam und ihnen etwas Zucker gab, manche Streitwagen wurden ein letztes Mal kontrolliert und ein älterer Mann eilte an Calliope vorbei, während er über Headset mit einem Kameramann diskutierte.
     Distrikt 1 war schon komplett anwesend. Die Stylisten hatten gute Arbeit geleistet und sie zwar in übertriebene, aber effektvolle Kostüme gesteckt, die für die Luxuswaren standen, die 1 herstellte. Grundsätzlich wurden die Tribute aus 1 zu den Favoriten für den Sieg gezählt, denn sie waren immer gut auf die Kämpfe vorbereitet und durch die höhere Stellung ihres Distrikts in der Regel stärker und besser ernährt als andere Tribute. In Kampfeslust und Brutalität übertraf sie eigentlich nur Distrikt 2, die noch stärker darauf getrimmt wurden.
     Calliope erreichte den Streitwagen, der für 4 gedacht war und klopfte abwesend einem der beiden dunkelbraunen Pferde den Hals, während sie die vier Karrieros beobachtete, die von ihren Stylisten umringt waren. Ihr Eindruck von der Ernte bestätigte sich, soweit sie sehen konnte. Ihre Mentoren würden wenig Schwierigkeiten haben, ein paar großzügige Sponsoren für sie zu finden.
     „Woran denkst du?“, fragte Finnick, der geräuschlos neben sie getreten war.
     „Dass da hinten eventuell ein paar Verbündete für Tara stehen“, erwiderte Calliope langsam und drehte dann den Kopf. „Ich glaube, mit denen könnte sie eine bessere Chance als allein haben.“
     Finnick nickte. „Wenn sie sich im Training gut anstellt, werden sie ihr das Angebot machen. Und wie ich sie einschätze, wird sie darauf eingehen wollen.“
     „Hm“, machte Calliope. Sie konnte nicht behaupten, dass sie die Karrieros besonders gut leiden konnte, aber ihre persönliche Meinung war hier fehl am Platz. Sie musste an das denken, was am besten für ihre Schützlinge war. Und Tara war eindeutig der Typ, der von einem Bündnis mit den Karrieros profitieren konnte. „Du bist heute ja ziemlich schlicht unterwegs“, stellte sie dann mit einem Blick an Finnick herunter fest.
     „Horatio war der Meinung, dass wir uns die auffälligeren Sachen für später aufheben sollten“, erwiderte Finnick. Normalerweise legte sein Stylist großen Wert darauf, seinen Sexappeal zur Schau zu stellen, aber der heutige Anzug war das am wenigsten offenherzige Outfit, das sie je an Finnick gesehen hatte. Zwar immer noch körperbetont, aber bis auf ein paar offene Hemdknöpfe war überraschend wenig Haut zu sehen. „Während deine Solita nie halbe Sachen macht.“
     Calliope zuckte die freiliegenden Schultern. Ihre Stylistin hatte sie in ein bodenlanges, türkisfarbenes Kleid gesteckt, das in gerafften Wellen locker ihren Körper umspielte. Der Stoff floss in ihrem Nacken zusammen und ließ dabei den Rücken bis zur Hüfte frei. Das mochte Calliope nicht besonders, sie fühlte sich dadurch irgendwie angreifbarer und erwischte sich ständig dabei, wie sie einen wachsamen Blick über die Schulter warf. „Man kann ja nie wissen, wem man begegnet.“
     „Juhu!“ Als sie sich umdrehten, sahen sie Tara und Ethan gemeinsam mit ihren Stylisten auf sich zukommen. Gerufen hatte Narzissus, der für Ethan zuständig war, und als großer Verehrer von Caesar Flickerman wieder einmal kleine Neonleuchten auf seinem Anzug befestigt hatte. „Willkommen zurück“, sagte er strahlend, während er zuerst Finnick und dann Calliope umarmte und sie jeweils mit Küsschen links und Küsschen rechts begrüßte, ehe seine Kollegin Laetitia an der Reihe war.
     „Na, wie findet ihr sie?“, fragte Laetitia und präsentierte Tara und Ethan.
     Dieses Mal schienen sie sich für das Motto Könige der Wellen entschieden zu haben, denn beide waren in rauschende Gewänder gekleidet, die verschiedenen Schattierungen von Blau aufwiesen und mit weißer Spitze akzentuiert waren. Aber an einigen Stellen war der Stoff zu locker, wodurch der Gesamteindruck etwas geschädigt wurde und mehr in Richtung eines Kartoffelsacks deutete. Dazu trugen beide noch Kronen aus Perlen, Ethans war mit Seetang verziert, während Tara einen hellgrünen Schleier an ihrer befestigt hatte.
     Calliope trat näher heran und strich mit den Fingerspitzen vorsichtig über die Perlen. Aus der Nähe betrachtet war sie sich absolut sicher, dass sie nicht aus Distrikt 4 stammten, sondern künstlich hergestellt worden waren, denn sie waren zu perfekt, zu schimmernd und zu groß. Das hatte nur wenig gemeinsam mit den Schätzen, die sie früher aus dem Meer geholt hatte.
     „Wir sind eben an 12 vorbeigekommen“, meinte Tara. „Die beiden machen auf Partnerlook und haben einen neuen Grad an Langweiligkeit erreicht.“
     „Na na, kein Grund für Spott“, sagte Narzissus, während er ihr auf den Streitwagen half. „Sie haben mit Cinna einen absoluten Newcomer abbekommen und auch Portia hat ist noch nicht sehr lange dabei. Es ist schwer, aus einem Kohledistrikt etwas Interessantes herauszuholen.“
     Calliope schaute an der Wagenreihe entlang, bis sie die vier Gestalten am anderen Ende entdeckte. Soweit sie erkennen konnte, trugen die beiden Tribute schwarze Anzüge, die nicht mit den üblichen Grubenlichtern ausgestattet waren, mit denen die Stylisten sonst auf die Minenarbeiter anspielten. Besonders auffällig schienen sie wirklich nicht.
     „Und denkt daran, immerzu lächeln und winken. Ihr seht großartig aus, also zeigt euch auch so“, meinte Laetitia und trat vom Wagen zurück. „Sie werden euch lieben.“
     Der Streitwagen von 1 hatte sich bereits in Bewegung gesetzt und die Halle verlassen, 2 folgte ihm gerade zum Tor hinaus. Nachdem 3 ein paar Meter Vorsprung hatte, trabten auch die beiden Pferde mit Tara und Ethan los. Niemand lenkte sie, keiner gab Kommandos. Calliope fragte sich einmal mehr, wie man Tier dazu abrichten konnte, dass sie so genau ihre Aufgaben erfüllten. Aber sie zweifelte nicht daran, dass es hier die entsprechenden Methoden dafür gab.
     Als auch der letzte Wagen mit den beiden Jugendlichen aus 12 die Halle verlassen hatte und auf die Allee der Tribute eingebogen war, folgte Calliope Laetitia, Narzissus und Finnick zu einem der großen Bildschirme, um sich die Eröffnungsfeier anzusehen. Wie zu erwarten war, erhielten die ersten beiden Streitwagen die meiste Aufmerksamkeit und Claudius Templesmith, der Kommentator, bekam sich vor Begeisterung über die „kreativen und absolut passenden Kostüme“ kaum mehr ein. Der Wagen mit Tara und Ethan löste nur mittelmäßige Begeisterung aus und die hinteren Distrikte wurden so gut wie gar nicht beachtet.
     Bis plötzlich am hinteren Ende der Kolonne etwas passierte.
     „Brennen die etwa?!“, keuchte Narzissus mit einer Mischung aus Entsetzen und Erstaunen.
     „Oh du meine Güte, ja!“, rief Laetitia und auch unter den übrigen Mentoren und Stylisten, die vor dem Bildschirm standen, löste diese plötzliche Wendung Getuschel und Rufe aus.
     Die Kamera zoomte direkt an den letzten Wagen heran. Die Gewänder der beiden Tribute standen lichterloh in Flammen, als würden sie direkt im Feuer stehen. Zu Beginn schienen die beiden davon etwas beunruhigt zu sein, aber nach kurzer Zeit begannen sie zu lächeln und der Menge zuzuwinken. Blumen flogen in ihre Richtung und das Mädchen fing eine davon auf, ehe sie einen Luftkuss in die Richtung des Werfers schickte.
     Calliope musste sich ein kleines Grinsen verkneifen. Das war tatsächlich mal eine kreative Idee. Denn anstatt auf das übliche Bergarbeitermotiv zu wählen, hatten sich die beiden neuen Stylisten offensichtlich für Kohle entschieden. Brennende Kohle. Eine Präsentation, die solches Aufsehen erregte, hatte es bei der Eröffnungsfeier schon seit einiger Zeit nicht mehr gewesen.
     Mit den Augen suchte Calliope in der Menschenmenge nach neuen Gesichtern unter den Stylisten. Ihr Blick blieb bei einem dunkelhäutigen Mann hängen, der sich mit seiner natürlichen Erscheinung von seinen Kollegen abhob. Das musste dann wohl Cinna sein, der eben ein meisterhaftes Debüt geschafft hatte. Die Wirkung seines Werks betrachtete er mit einem zufriedenen Lächeln.
     „Wie es aussieht, hat 12 einen echten Glücksgriff gemacht“, meinte Finnick leise zu Calliope. „Heute Abend wird niemand über etwas anderes als Haymitchs Tribute sprechen.“
     Calliope nickte und sah sich kurz um, doch der einzige lebende Sieger aus Distrikt 12 war wie so oft nicht hergekommen und hatte seine Schützlinge in den Händen der Stylisten gelassen. „Allerdings sind ein paar gute Stylisten noch nicht alles. Und wenn er diese erste gute Inszenierung nicht ungenutzt verstreichen lassen will, muss Haymitch sich ranhalten. Die letzten Jahre hat er sich ziemlich gehen lassen.“
     „Vielleicht reißt er sich diesmal ein bisschen zusammen“, sagte Finnick. „Komm, in ein paar Minuten erreichen sie das Trainingscenter.“
     Mit einem letzten Blick auf den Bildschirm, der noch immer Katniss Everdeen und Peeta Mellark zeigte, wandte Calliope sich ab und ging gemeinsam mit Finnick, Laetitia und Narzissus zum Ausgang des Erneuerungsstudios, wo sie ein Fahrer zum Trainingscenter brachte. Als sie dort ankamen, fuhr gerade der letzte Wagen ein und auffällig viele giftige Blicke wurden in Richtung von 12 geworfen.
     Auch Tara war nicht besonders glücklich über diese unerwartete Wendung. „Ist das überhaupt erlaubt? Tribute in Brand zu setzen, um die ganze Aufmerksamkeit zu bekommen?“, murrte sie, während sie auf den Aufzug warteten.
     Calliope fing Ethans Blick auf und verkniff sich ein Lachen, als er die Augen verdrehte.
     In der vierten Etage hielt der Aufzug und entließ sie in die Wohnung, die sich in den ganzen Jahren, die Calliope nun regelmäßig herkam, kein Stück verändert hatte. Während Cassiopeius Tara und Ethan ihre Zimmer zuwies und sie darüber informierte, dass es in einer Stunde Abendessen gab, bevor die Zusammenfassung der Parade im Fernsehen gezeigt wurde, ging Calliope zu der großen Fensterfront im Wohnzimmer.
     Weil die Eröffnungsfeier immer zur Dämmerung stattfand, war es mittlerweile dunkel und überall im Kapitol waren die Lichter angeschaltet. Und obwohl sie es hasste, hier sein zu müssen, hatte dieser Anblick doch etwas für sich. Bei Nacht war die Stadt weniger bedrohlich, weniger massiv und protzig. Die ganzen Lichter und Farben strahlten in der Dunkelheit und erlaubten es den Bewohnern, auch bei Nacht unterwegs zu sein. Daheim in 4 wurden mit Einbruch der Nacht alle Tätigkeiten außer Haus niedergelegt und auf ihren Spaziergängen begegneten Calliope außer Finnick nie irgendjemandem.
     Kurz zuckte ihr Blick direkt nach unten, zu den gepflasterten Straßen, auf denen sich fröhliche Leute tummelten, ehe sie wieder in die Ferne sah. Trotzdem blieb das unangenehme Kribbeln an ihren Händen und in der Magengegend, das sich immer einstellte, wenn sie aus großer Höhe herabsah. Die einzige Ausnahme bildeten die Klippen, obwohl es dort kein Glas und kein Geländer gab, das sie von einem Sturz bewahrte. Aber es war etwas anderes, wenn sie das Meer unter sich hatte. Und vielleicht nahm gerade die Tatsache, dass sie diesen Ort oft mit einer bestimmten Absicht aufgesucht hatte, dort der Höhe ihre Bedrohlichkeit.
     Sie wandte sich ab und ging dann in ihr Zimmer. Mit wenigen Handgriffen löste sie den Verschluss ihres Kleids, das augenblicklich an ihr herunterrutschte und zu Boden glitt. Dann stieg sie aus den silbernen Sandalen, die Solita ihr verpasst hatte und ging geradewegs in das angrenzende Bad, um sich unter die Dusche zu stellen. Sie blieb länger als nötig unter dem warmen Wasserstrahl, bis auch das letzte Bisschen Make-up fort gewaschen war und sich ihre Haare mit Feuchtigkeit vollgesogen hatten.
     Nachdem sie sich getrocknet und aus dem Schrank eine einfache Hose und Bluse ausgewählt hatte, nahm sie sich die Zeit, das Kleid aufzuheben, sorgfältig zu falten und auf das Bettende zu legen. Wenn es zurück zu Solita ging, würde diese ihr sonst bei der nächsten Begegnung einen Vortrag über Falten und zerknitterten Stoff halten. Manchmal fragte Calliope sich, was eigentlich mit den Kostümen passierte, wenn die Spiele vorbei waren. Sie hatte in sechs Jahren nie ein Outfit zweimal getragen, aber sie konnte sich nicht vorstellen, dass es nach der ganzen Arbeit einfach weggeworfen wurde.
     Möglicherweise wurden sie versteigert oder irgendwo ausgestellt. Schließlich waren die Arenen der vergangenen Hungerspielen ja auch beliebte Ausflugsziele für die Kapitoler, bestimmt hatten sie irgendwo dort auch Räume, in denen man die Werke der Stylisten aus der Nähe begutachten konnte.
     Irgendwann klopfte Cassiopeius an ihrer Tür und teilte ihr mit, dass das Abendessen fertig war. Calliope seufzte und schloss sich den anderen an.

Am nächsten Morgen erwachte sie vom Klingeln ihres Weckers nach einer unruhigen Nacht. Mit einem leisen Stöhnen kämpfte sie sich aus dem Bett und wurde erst unter der Dusche richtig wach, als sie die Wassertemperatur versehentlich auf zu kalt stellte. Heute war der Tag, an dem die unangenehmen Seiten ihres Jobs wirklich begannen. Allein, wenn sie nur daran dachte, was auf sie zukommen würde, wollte sie am liebsten zurück ins Bett und sich unter der Decke vergraben. Aber es war ja nicht so, als würde man ihr die Wahl lassen.
     Während sie in ein paar bequeme Klamotten schlüpfte und ihre wirren Haare mit einem Kamm bearbeitete, versuchte sie sich an ihre Träume zu erinnern. Sie waren wirr gewesen und abgehackt, weil sie zwischendrin aus dem Schlaf geschreckt und gleich wieder eingeschlafen war. Erst in den frühen Morgenstunden hatte sie Ruhe finden können, daher war der Wecker heute keine Erlösung gewesen. Eine Zeit lang hatte sie es mit Schlaftabletten versucht, aber nachdem diese ihre Albträume nur in die Länge zogen und ihr damit auch nicht wirklich halfen, hatte sie es aufgegeben.
     Bisher hatte sie keine wirkungsvolle Methode gefunden, ruhigen Schlaf zu finden und wahrscheinlich würde sie das auch nie. Einer der vielen Wege, wie sie regelmäßig für ihre Verbrechen bestraft wurde, wie sie für ihren Sieg bestraft wurde.
     „Morgen, du früher Vogel“, wurde sie im Esszimmer von Finnick begrüßt. Alle anderen saßen bereits am Tisch und hatten schon ohne sie angefangen.
     „Morgen“, gab sie zurück und setzte sich auf ihren Platz zwischen Cassiopeius und Ethan. Sie fuhr sich durch die Haare, atmete tief durch und riss sich dann zusammen. Egal wie mies sie sich fühlte, für Tara und Ethan hatte sie Vorbildfunktion und außerdem sollten die beiden nicht glauben, ihre Mentorin wäre schwächlich.
     Ihr Teller war leer, aber sie stellte fest, dass jemand ihr bereits Kaffee in die Tasse gefüllt hatte. Mit Milch und garantiert auch dem üblichen Stück Zucker. Sie sah auf und begegnete Finnicks wissendem Blick. Meist wusste er schon, was sie brauchte, bevor sie sich selbst darüber klar war. Sie schenkte ihm ein dankbares Lächeln und legte ihre Hände um die warme Tasse.
     Was ihn anging, so war es ihr ein Rätsel, wie Finnick selbst nach schlaflosen Nächten jeden Morgen so umwerfend wie üblich aussehen konnte. Lediglich die dunklen Schatten unter seinen Augen verrieten ihr, dass auch er einige unruhige Stunden hinter sich hatte, aber das waren auch die einzigen Anzeichen von Müdigkeit, die sein Vorbereitungsteam später überdecken musste
     Sie nahm einen Schluck Kaffee und suchte sich dann etwas von dem reich gedeckten Tisch aus. Hunger hatte sie zwar kaum, aber sie hatte einen langen und anstrengenden Tag vor sich, der sich mit vollem Magen besser überstehen ließ.
     Nach ein paar Minuten der Stille seufzte sie. „Was ist denn, Cassiopeius?“, wollte sie wissen. Der Betreuer von Distrikt 4 hatte ihr schon die ganze Zeit missbilligende Blicke von der Seite zugeworfen.
     „Du siehst furchtbar aus“, platzte der sofort mit der Antwort heraus, wie als hätte er nur auf die Frage geantwortet. „Hast du überhaupt geschlafen? Ich fürchte, wir müssen dich etwas früher als geplant zu Solita schicken, damit sie ausreichend Zeit hat, um dich vorzeigbar zu machen.“
     „Ist gut“, antwortete Calliope. Es brachte nichts, mit Cassiopeius zu diskutieren und außerdem hatte er recht. Stattdessen lenkte sie das Gesprächsthema auf das Training für Tara und Ethan, das heute beginnen würde.
     Es stellte sich heraus, dass Tara oft mit ihrem Vater zum Fischen hinausgefahren war und daher, ihrer eigenen Einschätzung nach, gut mit dem Speer umgehen konnte. Und bei Ethan waren Finnick und Calliope waren der Meinung, dass seine mangelnde Körperkraft und Größe durch Schnelligkeit und Geschicklichkeit ausgeglichen werden konnte. Während des gemeinsamen Trainings sollten sie ihre Talente ein wenig ausloten, aber nicht zu deutlich zeigen. Stattdessen sollten sie möglichst jede Station ausprobieren und sich dann auf zwei oder drei festlegen, die ihre Fähigkeiten für die Arena ausweitete.
     „Was ist deiner Meinung nach das wichtigste, was ich vor den Spielen noch lernen muss?“, wollte Ethan von ihr wissen.
     Calliope stellte ihre Kaffeetasse ab und musterte den Jungen neben ihr nachdenklich. „Wie gut kannst du auf Entfernung zielen?“, fragte sie.
     Ethan zuckte die Schultern. „Beim Sport in der Schule war ich immer so mittelmäßig.“
     „Dann würde ich an deiner Stelle genau das trainieren. Du wirst eine Waffe brauchen, aber eine, mit der du auf Distanz Schaden anrichten kannst. Wurfmesser wären vermutlich am besten, da gleicht der Schwung fehlende Kraft aus. Auf einen Nahkampf darfst du dich auf keinen Fall einlassen.“
     Etwas ganz ähnliches hatte Finnick ihr damals bei ihren eigenen Hungerspielen ebenfalls geraten. „Du bist kleiner als die meisten Tribute und bei weitem nicht so kräftig wie einige von ihnen. Sieh zu, dass du denen aus dem Weg gehst, lass sie sich gegenseitig erledigen. Diejenigen, zum Schluss noch übrig sind, werden dich jagen und darauf musst du vorbereitet sein. Du musst sie erwischen, bevor sie dir zu nahe kommen. Im direkten Kampf bist du unterlegen.“
     Allerdings hatten sowohl Finnick als auch Calliope selbst ihre Fähigkeiten in dieser Hinsicht unterschätzt. Zunächst hatte sie sich an diese Taktik gehalten, sich so gut wie möglich herausgehalten und Verfolger geschickt auf die Entfernung getötet. Den Jungen aus Distrikt 6, der in ihr ein leichtes Opfer gesehen hatte, hatte sie zu einem felsigen Hang gelockt und während er ihr nach oben folgte, trat sie Steine los, die ihn erschlugen. Einige Tage später fand sie das Mädchen aus 3, das von irgendeinem Tier angefallen worden war und nahm sich ihre übriggebliebenen Dolche, mit der sie den männlichen Tribut aus 11 erwischte, bevor er ihr mit seiner Sense zu nahe kommen konnte.
     Aber als Scarlet sie dann gefunden hatte und Josh, der im letzten Moment dazugekommen war, sein Leben für Calliope gab, hatte sie alle Warnungen von Finnick in den Wind geschlagen. Voller Schmerz und Wut hatte sie das Kurzschwert ihres sterbenden Bruders genommen und Scarlet angegriffen.
     In dem Moment hatte sie nicht an ihr eigenes Überleben gedacht, sie wollte nur noch die Mörderin ihres Bruders für ihre Taten bezahlen lassen. Und es hatte funktioniert. Scarlet war größer und stärker gewesen, aber Calliope stellte sich trotz ihres brennenden Hasses als geschickte Kämpferin heraus. Scarlet konnte nur wenige, nicht besonders schwerwiegende Treffer landen, weil sie so flink allen Schlägen und Messerstichen auswich, bis sie das dunkelhaarige Mädchen mit einem festen Tritt zum Stolpern und somit zu Fall bringen konnte. Scarlet hatte nach dem Aufprall nur Zeit für einen einzigen Atemzug, da hatte Calliope sie schon mit dem Schwert durchbohrt.
     Nachdem sie die Lichtung und die Leichen von Josh und Scarlet zurückgelassen hatte, bewaffnet mit dem Schwert und Scarlets Messern, war Calliope viel zu zornig und ruhelos gewesen, um sich weiterhin zu verstecken und zu warten. Zuvor hatte sie sich immer nur verteidigt, doch mit diesem Moment war sie auch zur Mörderin geworden.
     Nur, dass Ethan mit seinen zwölf Jahren niemals jemandem im Nahkampf besiegen konnte, nicht einmal wenn er voller Wut wie Calliope war. Wenn er erwischt wurde, wäre das sein Ende.
     „Überlebenstraining schadet auch nie. Die Arena an sich kann grausamer sein als jeder menschliche Gegner“, schloss sie dann.
     „Ein guter Ratschlag“, sagte Cassiopeius und tätschelte ihr den Arm. Dabei fiel sein Blick auf seine klobige Armbanduhr und er sprang auf. „Genug getratscht, wir sollten uns auf den Weg machen. Pünktlichkeit zahlt sich immer aus.“ Er klatschte in die Hände.
     „Mach keinen Stress“, sagte Finnick ruhig und legte seine Gabel beiseite. „Es ist noch viel zu früh. Zumindest für Ethan und Tara. Wenn ihr in einer halben Stunde losgeht, seid ihr immer noch überpünktlich.“
     „Wie du meinst“, sagte Cassiopeius beleidigt und setzte sich wieder. „Aber ihr beide könntet euch ruhig mal aufraffen.“
     „Da hast du recht.“ Cassiopeius‘ böser Blick prallte an Finnick einfach ab. „Sobald Calliope ihren Kaffee ausgetrunken hat.“
     Dank dieser Bemerkung richtete sich das anklagende Starren des Betreuers nun auf Calliope. Ein paar Minuten lang reizte sie Cassiopeius‘ Geduld noch aus, indem sie in aller Ruhe einen Apfel aß und ihre Tasse nur langsam leerte, während sie tat, als würde sie ihn gar nicht bemerken. Finnick lehnte sich zurück und gab sich alle Mühe, sein Grinsen zu verbergen, während Tara und Ethan Vermutungen über die Fähigkeiten der anderen Tribute äußerten.
     Schließlich hatte Calliope genug, nahm den letzten Schluck Kaffee und stellte die Tasse ab. „Gut, wir können.“
     „Wurde auch Zeit“, grummelte Cassiopeius in seinen nicht vorhandenen Bart. „Seht zu, dass ihr nicht zu spät zum Sponsorentreffen kommt.“
     „Schließlich zahlt sich Pünktlichkeit immer aus“, meinte Finnick mit einem kaum hörbaren Hauch von Sarkasmus in der Stimme. „Viel Erfolg beim Training, ihr beiden“, sagte er dann zu Tara und Ethan. „Behaltet die Konkurrenz gut im Auge, vielleicht könnt ihr auch jemanden für ein Bündnis finden.“
     Calliope lächelte Ethan, der ein wenig niedergeschlagen aussah, aufmunternd zu und folgte Finnick dann aus der Wohnung. „Ich hoffe, Solita hat nichts von ihrer Zauberkraft verloren. Wenn ich tatsächlich so schlimm aussehe, wie Cassiopeius sagt, bedeutet das zentimeterdickes Make-up“, seufzte sie.
     „Er hat übertrieben, du siehst nur etwas müde aus. Und selbst dann bist du hübsch.“
     „Klar.“ Calliope ließ die Schultern kreisen und streckte sich im Gehen etwas. „Heb dir das lieber für später auf. Deine Bewunderer werden sich über jede derartige Behauptung freuen, selbst wenn sie so offensichtlich gelogen ist.“
     „Was für eine Unterstellung...“
     „Kein Mensch sieht gut aus, wenn er müde ist, von dir mal abgesehen. Aber wie du das fertig bringst, ist mir unerklärlich“, gab Calliope zurück und grinste ihn schwach an. „Guck mich doch nicht so an.“
     „Du kannst aber auch nie ein Kompliment annehmen“, erwiderte Finnick mit beleidigtem Tonfall.
     „Ich bin eben eine harte Nuss“, meinte Calliope schlicht und klopfte ihm mitfühlend auf die Schulter. „Aber wenn es dich glücklich macht: Ich nehme alles zurück und bedanke mich für deine absolut glaubwürdigen  Worte.“
     „Du bist unverbesserlich“, seufzte Finnick.
     Mit dem Aufzug fuhren sie nach unten zu der Etage, die direkt unter der Turnhalle für das Training der Tribute lag. Dort verrichteten die Stylisten der Mentoren ihre Arbeit, so lange alle im Trainingscenter untergebracht waren.
     „Dann bis später. Am üblichen Treffpunkt?“, fragte Calliope.
     „Wie immer. Aber dass du mir ja nicht zu spät kommst“, witzelte Finnick.
     Statt einer Antwort verdrehte Calliope nur die Augen, klopfte kurz an und verschwand dann mit einem Winken in seine Richtung hinter der Tür zu Solitas Räumen. Drinnen wurde sie vom gewohnten Duft empfangen, der meist in Solitas Arbeitsbereich zu finden war und ihr auch sonst überallhin folgte. Es roch nach dem Flieder, den sich Solita in großen Vasen in jedes Zimmer stellen ließ, und parfümiertem Stoff.
     Ophelia wartete bereits auf sie und begrüßte sie mit einem strahlenden Lächeln und ihrer rauchigen Stimme. Sie nahm Calliope am Arm und führte sie nach nebenan, wo Solita dem Zimmer bereits ihre persönliche Note verpasst hatte, in Form von herumliegenden Stoffen, Maßbändern und Zeichnungen, die herumlagen. In einer Ecke standen auch ein paar Puppen, die teils bekleidet, teils völlig blank waren. So ordentlich und organisiert die Stylistin auftrat, so chaotisch war ihr Arbeitsplatz. Aber seltsamerweise ging hier nie etwas verloren und auch das Vorbereitungsteam hatte keine Schwierigkeiten, die nötigen Utensilien zu finden.
     Nachdem die Behandlung von gestern für eine Weile hielt und Calliope kürzlich geduscht hatte, war diesmal weniger zu tun für Lucrezia, Stefán und Ophelia. Sie trugen hellrosa Nagellack auf, überdeckten die dunklen Schatten unter Calliopes Augen und schminkten sie, während Lucrezia ihre kinnlangen, braunen Haare sorgfältig bürstete und zu sanften Wellen verarbeitete. Zuletzt arbeitete sie sogar ein paar hellblaue Schnüre ein.
     Währenddessen erzählten sie Calliope von ihren Eindrücken und Gedanken über die Eröffnungsfeier. Wie Finnick richtig erkannt hatte, hatte der feurige Auftritt Haymitchs Schützlingen augenblicklich die meiste Aufmerksamkeit verschafft, denn von Cinnas Werk waren alle drei ausnahmslos begeistert. Eine ganze Weile lang diskutierten sie über die verschiedenen Einzelheiten der Kostüme, ob das Feuer wohl echt oder synthetisch war und wie man es genau so inszenieren konnte, wie sie es am Abend zuvor gesehen hatten.
     Und auch Calliope musste zugeben, dass der gewünschte Effekt auch an ihr nicht vorbeigegangen war. Sie war gespannt, ob Distrikt 12 dieses Jahr nicht vielleicht noch mehr zu bieten hatte als das, was sie bisher gesehen hatte.



Danke übrigens für die drei Empfehlungen  bisher. Über Reviews würde ich mich auch sehr freuen. ;)
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