Calliope

GeschichteAbenteuer, Romanze / P16
Finnick Odair Johanna Mason Katniss Everdeen OC (Own Character) Peeta Mellark
24.06.2019
13.12.2019
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2


Der Raum, in dem sie sich jetzt befand, war aus dem gleichen dunklen Holz gemacht und auf den ersten Blick beinahe identisch mit dem aus ihrem Traum. Sie warf einen Blick auf die Uhr, die kurz nach vier zeigte, und stand dann auf, um sich aus dem Schrank einen Morgenmantel zu nehmen.
     Normalerweise führte sie ihr Weg automatisch nach draußen zu einem Spaziergang oder direkt zu den Klippen, wenn sie nachts aufwachte und irgendwo Ruhe finden musste. Da das weder im Zug noch im Kapitol möglich war, musste sie Alternativen suchen. Ihre Zimmertür öffnete sich geräuschlos und schloss sich ebenso leise hinter ihr wieder, als Calliope auf den Gang trat. Ihr Zimmer lag gegenüber von Taras, während Cassiopeius und Finnick im nächsten Wagon untergebracht waren. Dazwischen lag das Esszimmer mit einem großen Tisch, einer Sitzecke und einem Fernseher weiter hinten, umgeben von Panoramafenstern. Calliope hatte erwartet, dass der Raum vollkommen dunkel sein würde und sie im Vorbeigehen einen Blick nach draußen in den Nachthimmel werfen konnte, wo die Sterne nur noch helle Streifen waren, die vorbei sausten. Stattdessen fand sie eine Gestalt an einem der Fenster vor, die eine der Lampen auf gedämmtes Licht gestellt hatte und nach draußen starrte.
     Ethan hatte sie nicht bemerkt. So wie er abwesend aus dem Fenster sah und keinen Muskel rührte, erinnerte er sie so stark an sie selbst, dass sie plötzlich wieder ihren Traum vor Augen hatte. Sie konnte ihm nur zu gut nachempfinden, wie er sich fühlte, und genau das war ihr Problem. Das hier war ihr sechstes Jahr als Mentorin und sie kämpfte nach wie vor damit, sich gefühlsmäßig von ihren Tributen zu distanzieren. Zumindest soweit, dass es sie nicht allzu sehr traf, wenn sie starben.
     Bisher war sie kläglich gescheitert, sie brachte es einfach nicht fertig, so abgestumpft und gefühlskalt zu werden wie ihr Vater. Sie hatte lediglich gelernt, sich ihre Gefühle nicht mehr so unmissverständlich ansehen zu lassen und den Schmerz in ihrem Inneren festzuhalten, damit er nicht nach außen drang. Finnick gelang das noch besser als ihr, aber sie wusste, dass auch er darunter litt.
     „Ich glaube, momentan müssten wir uns irgendwo in Distrikt 10 befinden“, sagte sie und Ethan drehte sich erschrocken um, als sie plötzlich hinter ihm stand.
     Dann aber entspannte er sich wieder und wandte den Kopf zurück zum Fenster. „Das habe ich mir auch schon gedacht. Der Zug ist schon an mehreren Weiden und Viehbetrieben vorbeigekommen“, meinte er.
     Calliope setzte sich neben ihn auf das Sofa und sah ebenfalls einen Moment lang aus dem Fenster, wo gerade einige Bäume vorbei rauschten und eine weite Weideandschaft ihren Platz einnahm. „Wie lange bist du schon hier, Ethan?“
     „Keine Ahnung… Eine Stunde vielleicht. Ich konnte einfach nicht mehr schlafen.“
     „Albträume?“, fragte sie.
     Ethan nickte und sah sie an. „Was kann ich tun, damit das aufhört?“
     Calliope überlegte kurz. „Reden hilft manchmal, die Sorgen loszulassen. Wenn ich Angst habe, dann denke ich an irgendeine schöne Erinnerung oder stelle mir etwas vor. Sollen wir es probieren?“
     Ethan nickte.
     „Okay, dann mach die Augen zu, entspann dich und stell dir vor, zu liegst zu Hause in deinem Zimmer im Bett. Schau dich um und sag mir, was du siehst.“
     „Die Zimmerdecke?“ Ethan lächelte ein wenig. „Rechts von mir ist ein roter Schrank mit Delphinen drauf. Der ist schon steinalt und hat überall Dellen oder Kratzer. Und da drüben steht mein Schreibtisch mit einem Berg Hausaufgaben.“
     „Hast du ein Fenster in deinem Zimmer?“, fragte Calliope.
     „Mhm. Von da kann ich die Schule und das Haus von meinem Freund Jonathan sehen.“
     „Wer ist der erste Mensch, den du nach dem Aufstehen siehst?“, machte Calliope weiter.
     „Meistens mein kleiner Bruder Andy. Er ist fünf und läuft mir überallhin nach, egal wie ich versuche ihn abzuhängen. Nur in der Schule bin ich vor ihm sicher. Und jedes Mal, wenn ich mich bei Mum beschwere, sagt sie, dass das doch süß ist“, erzählte Ethan. „In der Regel steht er vor allen anderen auf und rennt dann in mein Zimmer, um mich zu wecken.“
     Calliope stellte zufrieden fest, dass sich Ethans Körperhaltung entspannt hatte und seine Gesichtszüge viel weicher wirkten. Für ihre Sorgen und Ängste war die Methode, mit der Phoebe Harper ihre Kinder früher immer beruhigt hatte, nicht ausreichend, aber zumindest ihm schien sie etwas zu helfen.
     Noch eine ganze Weile lang ließ sie sich von Ethan sein Zuhause und einen imaginären, schönen Tag beschreiben, bis er schließlich am Abend angekommen war und wieder in sein Bett kletterte. Dann öffnete er die Augen und sah sie dankbar an. „Es hat wirklich funktioniert!“
     „Sag ich doch“, meinte Calliope. „Und das machst du jetzt einfach jedes Mal, wenn du Angst bekommst. Nimm dir fünf Minuten Zeit und danach bist du schon ruhiger.“
     „Hat dir der Gedanke an deine Familie bei deinen Spielen denn auch geholfen?“, wollte Ethan wissen und Calliope rutschte das Lächeln aus dem Gesicht.
     „Nein, meine Familie ist schrecklich“, sagte sie schnell und bemühte sich um einen möglichst unbeschwerten Tonfall. „Ich habe einen mürrischen Vater und eine Schwester, die so gut wie nie daheim ist.“
     Das war zwar so sehr beschönigt, dass es fast einer Lüge gleichkam, aber in der Regel band Calliope niemandem ihre Familiengeschichte auf die Nase, schon gar nicht einem kleinen Jungen, der größere Probleme hatte.
     „Ich denke meistens an meine Lieblingsplätze auf den Klippen oder am Strand und stelle mir das Meer vor.“ Gedankenverloren spielte sie mit der kleinen Perle an dem Lederband, das sie Tag und Nacht um den Hals trug.
     „Klingt ein bisschen einsam“, meinte Ethan bedauernd.
     Calliope setzte wieder ein Lächeln auf und zog die Beine aufs Sofa. „Dein kleiner Bruder ist zwar nervig, aber wenigstens liebenswert anstrengend. Althea ist meistens einfach nur anstrengend und da hab ich gerne etwas Zeit für mich.“
     „Althea Harper? Das ist doch die Assistentin vom Bürgermeister, oder?“, fragte Ethan.
     „Assistentin, Sekretärin, Postbotin und generell Mädchen für alles“, erwiderte Calliope. „Sie ist die, die immer zwei Schritte hinter Bürgermeister Jenkins ist und dabei aussieht, als wäre sie einen Marathon gelaufen.“
     Als ihr Blick auf die Uhr fiel, stellte sie fest, dass bereits eine ganze Stunde vergangen war. Sie hatte gar nicht gemerkt, dass die Zeit so schnell vergangen war. Fast wie aufs Stichwort begann Ethan leise zu gähnen.
     „Wie wäre es, wenn du jetzt wieder ins Bett gehst und noch ein bisschen schläfst?“, schlug sie vor. „Morgen kommen wir im Kapitol an und da solltest du einigermaßen ausgeruht sein.“
     „Du hast recht. Ich glaube, jetzt kann ich auch wieder schlafen.“ Ethan blinzelte ein paar Mal müde, ehe er vom Sofa aufstand. „Danke nochmal“
     „Gerne. Du kannst immer zu mir kommen, wenn du magst“, erwiderte sie mit einem müden Lächeln. „Schlaf gut, Ethan.“
     Sie sah ihm nach, wie er durch die Tür zum nächsten Wagon verschwand und atmete dann tief durch. Vor den großen Fenstern war der Himmel immer noch stockfinster und irgendwann mussten sie Distrikt 10 verlassen haben, denn nun konnte sie die entfernten Steinbrüche von 2 am Zug vorbeiziehen sehen. Nach ein paar Minuten, in denen sie nur nach draußen sah, stand sie auf, löschte das Licht und ging durch die gleiche Tür wie Ethan zuvor.
     Aus seinem Zimmer kam kein Mucks mehr, dafür hörte sie aber ein leises Säuseln, als Calliope an Cassiopeius‘ Tür vorbeiging. Es klang, als würde jemand mit nicht genügend Enthusiasmus in eine Pfeife pusten. Auch bei Finnick schien alles ruhig.
     Vorsichtig legte sie beide Hände auf die Türklinke und drückte diese so leise wie möglich herunter. Sobald sie weit genug auf war, dass sie einen Blick hineinwerfen konnte, lugte sie ins Zimmer. Finnick hatte sich unter der Decke ausgestreckt und seine Atemzüge gingen ruhig und gleichmäßig. Wie so oft lag er ein wenig schief und beanspruchte damit mehr Platz als eigentlich nötig.
     Mit einem sanften Lächeln schlich Calliope sich in den Raum und griff nach der Bettdecke, die etwas heruntergerutscht war und seinen nackten Oberkörper entblößte. Nachdem sie die Decke zurecht gezogen hatte, ging sie vor dem Bett etwas in die Knie und betrachtete sein Gesicht. Er wirkte entspannt, als hätte er heute Nacht Ruhe gefunden und würde nicht von Albträumen heimgesucht.
     Ein Gefühl von Wärme breitete sich in ihr aus und sie hauchte ihm einen sanften Kuss auf die Stirn. Sie würde alles dafür tun, dass er wenigstens nachts seinen Frieden hatte, aber leider stand das meistens nicht in ihrer Macht. Sie konnte lediglich für ihn da sein und Trost spenden, wie er es umgekehrt für sie tat. Aber zumindest dieses Mal hatte er es nicht nötig.
     „Bis später“, murmelte sie leise und schlich sich dann aus dem Zimmer. Mit einem letzten Blick auf ihren besten Freund zog sie die Tür vorsichtig ins Schloss.

Einige Stunden später war Calliope die erste, die am gedeckten Frühstückstisch saß. Sie hatte sich das Buch geholt, das sie von Zuhause mitgenommen hatte und es sich damit in der Sitzecke vor den Fenstern bequem gemacht. Geschlafen hatte sie den Rest der Nacht nicht mehr, aber das machte nichts. Sie hatte eine Stylistin und ein Vorbereitungsteam, die dafür sorgten, dass man ihr den Schlafmangel nicht ansah und gegen die Müdigkeit gab es Kaffee. Zumindest in dieser Hinsicht kam ihr das Kapitol entgegen.
     Das Buch war schon etwas zerlesen, mit gebrochenem Buchrücken und teilweise angerissenen Seiten. Früher hatte es Josh gehört, der seine wenigen Lieblingsgeschichten meist tagelang mit sich herumgeschleppt hatte, sodass man sie auf den ersten Blick von den intakten Schulbüchern unterscheiden konnte. Er war kein großer Leser gewesen, aber drei, vier Geschichten hatten es ihm trotzdem angetan.
     Beim Umzug hatte ihr Vater all seine Sachen säuberlich in Kisten geräumt und diese standen heute gestapelt in seinem Zimmer. Calliope wusste nicht, ob er seit dem jemals wieder einen Blick hineingeworfen hatte und sie dort nicht einfach nur als tägliche Erinnerung an seinen Verlust stehen ließ. Sie hatte es nicht ertragen, wie er alle Beweise für Joshs Existenz für sich beanspruchte und vor ihr versteckte, also hatte sie einer der wenigen Momente, als er außer Haus gegangen war, genutzt und sich den Inhalt der Kisten angesehen.
     Ihr Vater hatte nie bemerkt, dass einige der Sachen verschwunden waren und Calliope bewahrte sie seit dem sicher in dem Versteck in ihrem Zimmer auf, zusammen mit einigen Erinnerungsstücken an ihre Mutter.
     Erst als sie das Zischen der Türen hörte und sich Schritte näherten, schob sie ein Lesezeichen zwischen die Seiten und klappte das Buch zu. „Guten Morgen.“
     „Morgen.“ Finnick schenkte ihr sein spezielles Lächeln, das allein ihr vorbehalten war, und das niemand sonst zu Gesicht bekam. Seine Grübchen kamen dabei besonders gut zur Geltung und verliehen ihm einen jugendlichen Touch. „Gut geschlafen?“
     „Eher weniger, aber das macht nichts“, gab sie zu, als er sich ihr gegenüber setzte. Immerhin hatte sie Ethan etwas helfen können, das machte den Schlafmangel zumindest etwas wert. „Und du?“
     „Nicht schlecht.“ Er warf einen kurzen Blick auf den Titel ihres Buchs und grinste sie dann an. „Ich hab von dir geträumt.“
     „Wie süß von dir.“ Calliope überlegte, ob sie ihm erzählen sollte, dass sie auch von ihm geträumt hatte, ließ es dann aber. Wahrscheinlich gab das seinem Ego nur einen unnötigen Schub. „War‘s ein netter Traum?“
     „Kann ein Traum von dir etwas anderes sein?“
     „Charmeur“, lachte Calliope kopfschüttelnd.
     Ein Zischen ertönte und Cassiopeius stolzierte herein, mit Tara und Ethan im Schlepptau „Morgen, morgen“, grüßte er gut gelaunt und nahm auf dem Stuhl am Tischende zwischen Finnick und Calliope Platz. Ethan lächelte Calliope an und setzte sich zu ihr, während sich Tara mit mürrischem Blick neben Finnick fallen ließ.
     Wenn man die Umstände und den Kontext wegließ, hätte ein ahnungsloser Betrachter es vielleicht für ein Familien-Frühstück gehalten. Da war ein exzentrischer, aber enthusiastischer Vater, die beiden Ältesten, die sich um alles kümmerten, eine mies gelaunte Teenagerin und ein kleiner Bruder.
     Und selbst wenn man den Kontext wieder dazugab, musste Calliope feststellen, dass sich das hier trotz allem mehr nach Familie anfühlte als alles, was sie zu Hause seit Jahren erlebt hatte. Ihr Vater konnte kaum mit ihr in einem Raum sein, ohne seinem Unmut darüber Luft zu machen und Althea nahm sich nie die Zeit, mit Calliope zusammen an einem Tisch zu essen. Oft vergaß sie das Essen sowieso.
     Tara, die von Cassiopeius‘ schriller Stimme offenbar unsanft aus ihrem Schönheitsschlaf gerissen worden war, häufte sich ohne viele Worte ihr Frühstück auf den Teller, während Finnick geduldig jede von Ethans Fragen über das Kapitol und was ihnen nach ihre Ankunftt bevorstand beantwortete. Cassiopeius redete von links auf Calliope ein und erzählte ohne Luft zu holen von den neuesten Modetrends.
     „…ich habe schon ausführlich mit Solita darüber gesprochen. Du wirst begeistert sein, wenn du siehst, was sie für dich entworfen hat. Ein Traum von einer Kollektion! Würde mich nicht wundern, wenn bald jeder sowas trägt.“ Er lachte begeistert. „Aber das wirst du schon früh genug sehen, ich will dir die Überraschung nicht verderben.“
     „Schade...“, murmelte Calliope in ihre Tasse und atmete innerlich auf. Meist konnte sie sich unter Cassiopeius‘ Beschreibungen sowieso nichts vorstellen, weil er mit lauter Begriffen um sich warf, die sie nicht kannte. Die Kleider, die ihre Stylistin entwarf, waren ohne Ausnahme wundervoll, aber Calliope zog sie nur an und wollte sie nicht analysieren.
     Finnick warf ihr einen kurzen Blick zu und sein Mundwinkel zuckte, dann sah er an ihr vorbei aus dem Fenster. „In einer Viertelstunde müssten wir den Bahnhof erreichen und dann werdet ihr ins Erneuerungsstudio zu euren Stylisten gebracht“, sagte er zu Tara und Ethan. „Die Vorbereitung ist nicht angenehm und wahrscheinlich wird euch nicht gefallen, was sie mit euch anstellen. Aber da müsst ihr durch, also tut einfach, was euch gesagt wird.“
     „Wollen wir mal hoffen, dass die Kostüme für die Eröffnungsfeier dieses Jahr besser sind“, sagte Tara mürrisch. „Die letztes Jahr waren schrecklich.“
     „Die meisten Kostüme bei der Wagenparade sind schrecklich, da fällst du bestimmt nicht am unangenehmsten auf“, erwiderte Calliope.
     Der Zug machte eine Kurve und kurz darauf wurde es dunkel. Die Deckenbeleuchtung ging an, aber von den Fenstern waren nichts als Schwärze und Stein zu erkennen. Als nach einigen Minuten der Tunnel endete und das Kapitol zum ersten Mal in Sicht kam, sprangen sowohl Ethan als auch Tara auf und gingen zur Glasfront. Calliope, die diesen Ort nun schon öfter gesehen hatte, als ihr lieb war, blieb sitzen und beobachtete stattdessen die beiden.
     Sie wirkten plötzlich viel jünger, Staunen hatte die Gedanken an das Kommende vorübergehend vertrieben. Selbst Tara, die meist mit einem undurchsichtigen Gesichtsausdruck zur Schau stellte, strahlte plötzlich eine gewisse Neugier aus, die Calliope das Herz ein wenig schwerer werden ließ.
     Wie sehr sie doch diesen verdammten Mentorenjob hasste. Aber ein Sieg in den Hungerspielen bedeutete nun mal leider nicht, dass man von da an sein Leben in Ruhe leben konnte. Stattdessen musste man Jahr für Jahr ins Kapitol zurückkehren, entweder als Mentor oder einfach so, um auf Feiern zu erscheinen und die Kapitoler bei Laune zu halten.
     Dass in den vergangenen Jahren nur Finnick und Calliope von 4 anreisten, hatte verschiedene Gründe. Insgesamt hatte ihr Distrikt in den letzten zwanzig Jahren sechs Sieger hervorgebracht, und bis auf Finnick waren alle ausschließlich weiblich. Außer Annie und Calliope gab es noch Muscida Selkirk und Librae Ogilvy, doch Muscida war nach einigen Jahren spurlos verschwunden und seitdem hatte sie niemand mehr gesehen. Die allgemeine Meinung war, dass sie eines Tages ins Meer gegangen war und dort Selbstmord begangen hatte, auch wenn das im Kapitol natürlich niemand sagte.
     Librae hatte es vor ungefähr zehn Jahren geschafft, sich bei einem hohen Tier unbeliebt zu machen, der daraufhin dafür gesorgt hatte, dass sie im Kapitol niemand mehr sehen wollte. Was genau sie getan hatte, wusste keiner so genau, aber nachdem es keine öffentliche Strafe gegeben hatte, musste es etwas sein, dass man nicht vor ganz Panem verkünden wollte. Seit dem fristete sie ihr Dasein dahin, verließ kaum das Haus und ließ sich von einem Neffen mit Alkohol und gelegentlich Schmerzmittel versorgen.
     Weshalb Annie Cresta seit ihrem Sieg keinen Fuß mehr ins Kapitol gesetzt hatte, lag auf der Hand.  Sie galt allgemein als verrückt, obwohl das nicht der zutreffende Begriff war, denn es klang nach Wahnsinn. Aber Annie war lediglich traumatisiert und instabil, und das zu Recht. Sie war eine Jugendfreundin von Josh gewesen, daher war es Calliope nicht besonders leicht gefallen, dass sie in ihrem zweiten Jahr als Mentorin versuchen musste, Annie das Leben zu retten. Es war zwar gelungen, aber die entscheidenden Hilfestellungen waren von Finnick gekommen. Er hatte seine Beziehungen genutzt und es geschafft, sie aus der Arena herauszuholen.
     Calliope sah seit dem manchmal bei Annie vorbei, aber die Besuche waren meist kurz und unregelmäßig. Sie wusste nie so recht, wie sie mit ihr umgehen sollte. Außerdem war Aiden stets anwesend und die Nähe zu Joshs bestem Freund konnte Calliope beim besten Willen nicht aushalten. Früher waren die beiden unzertrennlich gewesen und jedes Mal, wenn sie Aiden sah, rief das Erinnerungen wach, die sie aus der Bahn warfen. Also begnügte sie sich mit dem Gedanken, dass Annie bei ihm in guten Händen war. Er war schon damals in sie vernarrt gewesen und gab ihr nun Sicherheit und Halt.
     Und nachdem Mags, die die 11. Hungerspiele gewonnen hatte, und als einzige von den Siegern der ersten 50 Jahren noch lebte, mit ihren gut 80 Jahren nicht mehr so viel hergab wie eine junge, strahlende Siegerin, hatte man ihr in den letzten beiden Jahren gestattet, den Hungerspielen fernzubleiben. Vielleicht wollte man sich auch einfach den Aufwand sparen, den Mags teilweise mit sich brachte.
     Jedenfalls war es nicht nötig, eine alte Frau aufzufahren, wenn man den Kapitolbewohnern stattdessen Calliope Harper präsentieren konnte. Dass sich ihr Bruder für sie geopfert und sie daraufhin Scarlet getötet hatte, die als einer der Top-Favoriten gegolten hatte, machte sie in den Augen vieler Kapitoler zu einer Art tragischer Heldin. Sie hatte dadurch ungewollt noch mehr Berühmtheit gewonnen und noch heute kramte man gerne die Geschichte heraus, wie die unscheinbare 15-jährige von einem Moment zum anderen zu einer blutrünstigen Killerin geworden war.
     Schließlich wurde der Zug langsamer und fuhr in den Bahnhof ein. Zu beiden Seiten strömten Leute heran, die entweder extra warteten, um einen ersten Blick auf die Tribute werfen zu können, oder die eben bemerkten, wer gerade angekommen war. Niemand musste Tara und Ethan darauf hinweisen, dass sie lächeln sollten, denn das taten sie ganz von alleine. Der überwältigende Anblick des Kapitols tat noch immer seine Wirkung und mit ein bisschen Überlebensinstinkt taten die beiden genau das, was von guten Tributen erwartet wurde.
     Cassiopeius ging voran und führte sie den üblichen Weg hinaus aus dem Gebäude, wo bereits ein Auto mit einer Handvoll Friedenswächter auf sie wartete. Nach ein paar Minuten Fahr erreichten sie das Erneuerungsstudio, wo sich die Wege fürs Erste trennten. Cassiopeius begleitete Ethan und Tara zu ihren Räumen, während Calliope und Finnick den gewohnten Weg zu ihren Stylisten einschlugen. Bei der Eröffnungsfeier am Abend würden zwar die Tribute im Vordergrund stehen, aber das bedeutete nicht, dass sich die Mentoren sich nicht ebenfalls herrichten lassen mussten.
     „Ich bin mal gespannt, was sich Narzissus und Laetitia dieses Mal ausgedacht haben“, meinte Finnick. „Tara hat nicht ganz unrecht, letztes Jahr waren sie wirklich nicht besonders gut.“
     „In dem Fall ist wohl alles eine Verbesserung“, seufzte Calliope. Die beiden Stylisten für die Tribute von 4 waren zwar besser als andere, aber das machte sie noch lange nicht außergewöhnlich gut. Generell waren die Kostüme für die Eröffnungsfeier immer seltsam und unkreativ, da die Tribute ihre Distrikte verkörpern sollten. Und nach über 70 Jahren waren die Themen eben ausgewalzt. „Und letztendlich können sie nichts verbrechen, was sich bei den Sponsoren nicht mit ein bisschen Charme wieder ausmerzen lassen wird.“
     „Damit meinst du wohl meinen Charme. Du wirst genug damit zu tun haben, deine grimmigen Blicke unter Kontrolle zu bringen“, erwiderte Finnick.
     „Gar nicht wahr“, brummte Calliope und versetzte ihm im Gehen einen sanften Schlag gegen den Oberarm.
     „Du ziehst dabei immer die Nase kraus, wenn du finster gucken möchtest und dich im letzten Moment zurückhältst“, fuhr Finnick ungerührt fort. „Und jedes Mal, wenn du lächelst, aber eigentlich die Stirn runzeln willst, entsteht eine kleine Falte. Genau hier.“ Er tippte auf eine Stelle zwischen ihren Augenbrauen.
     „Es würde vielen Leuten hier sicher das Herz brechen, wenn sie wüssten, dass du während den interessanten Gesprächen mit ihnen die Zeit findest, ausgerechnet meine Mimik so genau zu studieren“, gab Calliope zurück.
     Der Anflug eines Grinsens huschte über Finnicks Lippen.
     Ein paar Minuten später öffnete Calliope die Tür zu Raum 28, in dem jedes Jahr ihre erste Verwandlung in einen schöneren Menschen nach Maßstäben des Kapitols stattfand. Auch wenn sie es nicht mochte, aufgestylt zu werden und mit seltsamen Klamotten durch die Gegend zu laufen, wusste sie doch, dass sie es noch weitaus schlimmer haben könnte.
     Solita Hood war eine fantastische Stylistin, die Calliope innerhalb kurzer Zeit zu schätzen gelernt hatte. Bei ihren Hungerspielen war Solita schon seit einigen Jahren für die weiblichen Tribute von Distrikt 4 verantwortlich gewesen und hatte kurz nach Calliopes Sieg zu den Mentoren gewechselt. Daher kümmerte sie sich schon sechs Jahre lang um Calliopes Aussehen und war perfekt auf sie abgestimmt.
     Sie schaffte es stets, das Beste aus ihr herauszuholen und hatte schon damals aus dem nicht gerade beeindruckenden Mädchen gekonnt eine bezaubernde Person gezaubert. Mit wenigen Blicken steckte sie ab, welche Farben zu ihr passten, welche Schnitte ihrem Körper schmeichelten und welche nicht, was es zu betonen galt und wie man es am besten herausheben konnte. Das ein oder andere Mal hatte sie Calliope zwar mit gewagten Kleidungsstücken geschockt, doch wenn sie sich später im Spiegel gesehen hatte, musste sie zugeben, dass Solita keinen Fehlgriff gemacht hatte.
     Mit der Zeit hatte sie sich auch daran gewöhnt, dass sie im Kapitol mit einem viel ausgefalleneren, teils sehr figurbetonten Kleidungsstil leben musste und beklagte sich nicht mehr über zu tief ausgeschnittene Oberteile oder durchsichtigen Stoff. Zumindest passten Solitas Outfits immer perfekt und waren so bequem wie möglich.
     „Calliope, Liebes!“, tönte eine helle und klare Stimme als sie eintrat. „Du bist ein bisschen zu früh dran, hat dich Cassiopeius mit seinem Pünktlichkeitswahn wieder herumgescheucht?“
     „Hallo, Solita. Du siehst gut aus“, begrüßte Calliope die Frau, die eben aus einem Nebenraum trat.
     Während sich viele Kapitoler Schönheitsoperationen unterzogen, die sie teils auf abnormale Weise veränderten, hatte sich Solita ihre natürliche Erscheinung bewahrt. Künstliche Verbesserungen hatte sie auch nicht nötig, denn sie war auch so unglaublich schön und stellte das mit einfachen Mitteln heraus. Ihr hüftlanges, honigblondes Haar war immer in fantasievollen Frisuren verarbeitet und mit einer Haarspange in Form einer Sonnenblume verziert, die intensiv in der prächtigen Haarkrone leuchtete. Ihr Gesicht war makellos und wirkte beinahe wie gemalt, so perfekt und ebenmäßig war es. Sie musste etwa Mitte 30 sein, machte aber den Eindruck, als wäre sie im selben Alter wie Calliope.
     Ähnlich wie Caesar Flickerman, der Moderator der Hungerspiele, widmete sie jedem Jahr eine bestimmte Farbe, und in dieser wurden dann ihre Kleider sowie Calliopes Outfits gehalten. Mit Finnicks Stylisten, Horatio, sprach sie sich ab, sodass die beiden Mentoren farblich immer zueinander passten.
     Dieses Jahr trug sie für die Arbeit eine dunkle, enge Hose und darüber eine aufwändig gestaltete türkisfarbene Bluse mit mehreren Lagen Rüschen. Ihre Haare fielen ihr in langen Wellen über die Schultern und waren von schimmernden Bändern im gleichen Farbton wie die Bluse durchzogen.
     Damit ging sie dieses Mal in eine ähnliche Richtung wie Caesar, der momentan eine taubenblaue Frisur hatte. Letztes Jahr hatte er ein grauenhaftes Rot getragen, während Solita ein frühlingshaftes hellgrün gewählt hatte, das Finnicks Augen besonders gut betont hatte. Gegen Solitas strahlendes Türkis wirkte Caesars Haare fast blass und langweilig.
     Solita umarmte Calliope mit großen Gesten. „Du hast ein wenig abgenommen, meine Schöne“, stellte sie fest. „Du musst genug essen, sonst fällst du mir ja noch vom Fleisch. Dann muss ich deine Kleider enger machen und das kann ich gar nicht haben.“
     Calliope nickte ergeben. „Eine wundervolle Farbe hast du für dieses Jahr herausgesucht“, meinte sie dann.
     „Ich wusste, dass sie dir gefällt“, strahlte Solita. „Vor ein paar Wochen habe ich in einer Kunstausstellung ein Bild vom Meer gesehen, das diese Farbe hatte. Und sofort hatte ich tausend Ideen für die wundervollsten Kostüme. Du wirst umwerfend darin aussehen und auch dein hübscher Kollege wird sich damit gut machen.“ Sie seufzte. „Ich könnte das das ganze Jahr machen, es ist auch wirklich schade, dass ich dich immer nur während der Hungerspiele einkleiden kann.“
     Solita nahm Calliopes Arm und führte sie in das anliegende Zimmer, aus dem sie gekommen war. Dort wartete bereits ihr treues Team auf den Startschuss. Alle drei waren ein wenig schräg und genauso modebesessen wie ihre Chefin, doch über die Jahre hinweg hatte Calliope sie etwas kennengelernt und sich an sie gewöhnt. Lucrezias Haut war weiß wie Porzellan und sie hatte auf dem ganzen Körper Tattoos von roten und blauen Blumen, sodass sie aussah wie eine Vase, die zufällig die Form eines Menschen hatte. Stefán war das komplette Gegenteil dazu mit seiner dunkelblauen Haut und den leuchtend roten Haaren. Besonders sein Ziegenbart war irritierend, er gab seinem Gesicht etwas teuflisches, das im kompletten Gegensatz zu seiner Persönlichkeit stand. Und Ophira dekorierte ihre pechschwarze, aufgetürmte Frisur immer mit den seltsamsten Dingen. Dieses Jahr hatte sie Muschelschalen und glitzernde Sterne eingebettet, vor zwei Jahren hätte man einen ganzen Obstkorb mit ihren Accessoirs zusammenstellen können.
     Begeistert durcheinander redend nahmen sie Calliope in Empfang, wuselten um sie herum, um sie von allen Seiten betrachten und an ihr herum zu zupfen zu können, bis Lucrezia und Stefán sie schließlich in den hintersten Raum drängten. Dort musste sie sich ausziehen, duschen und wurde dann von den beiden bis auf die kleinste Pore gereinigt. Jedes unerwünschte Haar wurde entfernt, ihre Fingernägel gekürzt und poliert und ihre Haut bearbeitet, bis sie schmerzte.
     Aber genau wie Finnick es Tara und Ethan geraten hatte, wie er es ihr damals vor sechs Jahren gesagt hatte, ließ sie die drei einfach ihre Arbeit machen und ließ keine Beschwerde über ihre Lippen kommen.
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